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Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank

Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank

Mein Leben mit Mumble

Taschenbuch
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Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank — Inhalt

Eule Mumble war noch ein flauschiges Küken, als Martin Windrow sie bei sich aufnahm. 15 Jahre lang sollten die beiden unzertrennlich bleiben. Anrührend und charmant erzählt der Brite, wie die kleine Eule seinen Alltag auf den Kopf stellt.

Doch sein Buch ist mehr als die herzerwärmende Freundschaft zwischen einem Exzentriker und einer Eule. Windrow liefert zugleich eine kleine Kulturgeschichte der »fliegenden Katzen« – von Plinius' »schrecklichen Ungeheuern der Nacht« bis zu den hilfreichen Eulen von Hogwarts.

Erschienen am 01.08.2016
Übersetzer: Sabine Hübner
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30788-8

Leseprobe zu »Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank«

Einleitung

April 1981

Eine Rasur wird zur Herausforderung mit einer Eule auf der rechten Schulter. Widme ich mich der rechten Halsseite und führe das Rasiermesser nach oben, stößt Mumble mit dem Schnabel nach dem Griff, blitzschnell wie eine Schlange. Bearbeite ich die linke Halsseite, nutzt Mumble – mit unge- trübter Neugier, trotz enttäuschender Erfahrungen – die Chance, von der rechten Seite fürsorglich Seifenschaum- klümpchen wegzupicken. Der Geschmack scheint ihr nicht zu behagen; nachdem sie ein paarmal nachdenklich ge- schmatzt hat, niest sie ein [...]

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Einleitung

April 1981

Eine Rasur wird zur Herausforderung mit einer Eule auf der rechten Schulter. Widme ich mich der rechten Halsseite und führe das Rasiermesser nach oben, stößt Mumble mit dem Schnabel nach dem Griff, blitzschnell wie eine Schlange. Bearbeite ich die linke Halsseite, nutzt Mumble – mit unge- trübter Neugier, trotz enttäuschender Erfahrungen – die Chance, von der rechten Seite fürsorglich Seifenschaum- klümpchen wegzupicken. Der Geschmack scheint ihr nicht zu behagen; nachdem sie ein paarmal nachdenklich ge- schmatzt hat, niest sie ein bisschen (Tsnit!), und der Schaum bleibt größtenteils an ihren Schnabelborsten hängen. Den- noch hüpft sie manchmal auf den Waschbeckenrand und betrachtet höchst interessiert den auf dem Wasser schwim- menden Rasierschaum. Es fühlt sich herrlich an, ihr Gefie- der an meinem nackten Bauch zu spüren, warm und samt- weich.Ich wollte sie dazu bringen, über meinen Nacken zur lin- ken Schulter zu wandern, wenn ich links mit Rasieren fertig bin, aber Mumble bevorzugt nun mal die rechte Schulter und ist – genau wie ich – so früh am Tag allen Neuerungen abhold. Wir laufen morgens beide auf Autopilot, und diese

eingeschränkte Fähigkeit, sich in den ersten Stunden des Tages zu orientieren, verbindet uns.

Der Rasierspiegel reflektiert zwei Augenpaare – eins da- von blau und gerötet, das andere glasig schwarz – neben- einander in einem schmuddeligen Chaos aus nassem Haar, Rasierseife und Federn. In beiden Augenpaaren meine ich die vertraute morgendliche Kombination zu erkennen – Apathie und einen gewissen Argwohn, was der Tag wohl be- reithalten mag: für mich unheilvolle braune Sichtfenster- kuverts; für Mumble vielleicht eine lästige zerfranste Feder unter den linken Handschwingen. Weshalb sollte ich ihre Probleme vergrößern, indem ich ihr radikale Neuerungen aufzwinge, etwa die, mir beim Rasieren von der linken Schulter aus zu assistieren? Wir kriegen das hin; wir kriegen das so gut hin, dass ich oft gar nicht mehr merke, auf welch bizarre Weise ich mich in den drei Jahren unseres Zusam- menlebens angepasst habe.

 

Oktober 2013

Mumble gehörte damals so sehr zu meinem Leben, dass mir das Kuriose unserer Beziehung eigentlich nur noch zu Bewusstsein kam, wenn ich erstaunte Reaktionen erntete. Manch neue Bekanntschaft trat angesichts eines Lektors, der im siebten Stock eines Hochhauses in South London mit einem Waldkauz zusammenlebte, nachdenklich den Rückzug an. Wer Exzentriker hingegen faszinierend fand, fühlte sich angesprochen – teils so sehr, dass ich zu Weih- nachten und am Geburtstag jahrelang eine wahre Flut von Eulenkarten erhielt. (Anfangs fand ich das ja rührend, auf lange Sicht war es aber doch etwas ermüdend.) Andere er- kundigten sich allerdings durchaus – meiner Meinung nach

zuweilen ziemlich schonungslos – nach der Praktikabilität meiner häuslichen Situation. Ich versuchte zwar geduldig zu antworten, fand es aber schwer, die direkte Frage »Ja, aber … warum?« kurz und bündig zu beantworten; meine beste Antwort lautete schlicht: »Warum nicht?«

Es ist mir peinlich, wenn ich daran zurückdenke, dass ich in einer solchen Situation einmal wie ein nerviger Klugschei- ßer reagiert habe: »Schauen Sie – ich lebe seit zwei Jahren mit ihr zusammen. Sie kostet mich etwa 20 £ im Jahr, alles inklusive. Sie ist außerordentlich hübsch und amüsant. Sie ist anschmiegsam, ohne zu klammern, und sie duftet so gut. Es ist ihr egal, um welche Uhrzeit ich nach Hause komme, sie plappert nicht beim Frühstück, und es passiert eher sel- ten, dass wir uns darüber streiten, wer welchen Teil der Sonntagszeitung kriegt.« Nachdem mir klargeworden war, welche Rückschlüsse derlei Phrasen auf meine Einstellung zu menschlichen Paarbeziehungen zulassen könnten, strich ich sie schnell aus meinem Gesprächsrepertoire.

Lernten die Leute Mumble dann kennen, bedurfte es meist keiner weiteren Erklärungen mehr. Was für Vorurteile sie auch immer gehegt haben mochten – kaum standen sie zum ersten Mal diesem Käuzchen gegenüber, hellten sich ihre Züge auf und wurden weich. In Mumbles erstem Jahr, als auch Fremde sie noch ohne trennendes Glas oder Draht- geflecht betrachten konnten, ertönte dann meist ein ver- wunderter Ausruf (»Oh! … wie wunderschön sie ist!«), und gleichzeitig streckten die Besucher instinktiv – es sei denn, ich hatte daran gedacht, sie zu warnen – die Hand aus, um Mumble zu streicheln.

Weniger erfreulich allerdings war die Erfahrung, dass die betreffende Person, selbst wenn man sich nach Jahren wie-

dersah, meist spontan sagte: »Aber ja, natürlich – der Eulen- mann!« Seitdem tröste ich mich mit dem Gedanken, dass es weit negativere Gründe gibt, Menschen (egal wie vage) in Erinnerung zu bleiben.

* * *

Die Mahnung in der Anmerkung des Autors, niemals im- pulsiv „ein verlassenes Eulenküken zu retten“, mag in einem Buch, das vom beglückenden Zusammenleben mit einer Eule handelt, heuchlerisch erscheinen; aber meine Rechtfer- tigung ist, dass Mumble nie in der Natur gelebt hat. Sie ist in Gefangenschaft geschlüpft, von Hand aufgezogen wor- den und hat nie Artgenossen kennengelernt. Ich konnte ihr besseres Futter bieten und ein wesentlich längeres, weniger gefährliches Leben, als es ihr im Wald beschieden gewesen wäre. Anfangs hatte ich gelegentlich Gewissensbisse, weil ich ihr das „Leben unter freiem Himmel“ versagte, aber schon bald erkannte ich, dass solche Empfindungen im Fall eines Käuzchens viel mit menschlicher Sentimentalität und nicht das Geringste mit der Natur zu tun haben – ein Wald- kauz ist keine Feldlerche und kein Wanderfalke, er ist eine geflügelte Katze, die ein gemütliches Zuhause liebt. Die wenigen Male, wo Mumble Gelegenheit gehabt hätte, die freie Natur zu genießen, zeigte sie nicht das geringste Inte- resse (auch die Person, die Mumbles frühzeitigen Tod verur- sacht hat, mag von jenem sentimentalen Irrglauben besessen gewesen sein).

Unter anderem lag es an meiner inneren Verfassung nach jenem Ereignis, dass ich, trotz wiederholten Drängens mei- ner Familie, erst nach vielen Jahren dazu fähig war, all die Notizen und Fotografien auszugraben, die ich während un-

serer fünfzehn gemeinsamen Jahre gemacht hatte – und mich an den Versuch wagen konnte, sie in dieses Buch zu ver- wandeln. Seit ich die Mitte der 1990er Jahre weggelegten Notizbücher nun wiederlese, durchlebe ich von Neuem Emotionen, die ich lange Zeit verdrängt hatte – und ich bin froh, dass ich wieder Zugang zu diesen Empfindungen habe.

Vielleicht noch ein Hinweis zu dem Text, der aus diesem Prozess hervorging. Ich behaupte nicht, dass alle „Tagebuch“- Einträge in diesem Buch wortwörtlich Notizen entstam- men, die zu jener Zeit entstanden sind, obwohl ich damals viele davon recht detailliert ausgearbeitet habe. Natürlich wurden einige überarbeitet oder weggelassen; alle jedoch zi- tieren gewissenhaft die kurz nach den Ereignissen entstande- nen Aufzeichnungen oder die Gedanken, die sie enthalten.

* * *

Warum ich mich mit Mitte dreißig entschloss, mir zum ers- ten Mal ein Haustier anzuschaffen – dazu noch eine Eule, obwohl ich bis dahin nicht das geringste Interesse an Orni- thologie verspürt hatte –, bleibt eine berechtigte Frage. Und war schon das „Warum“ verwirrend, schien auch das „Wie“ nicht gerade unkompliziert.

In Wirklichkeit war Mumble gar nicht meine erste Eule; und obwohl sie für mich zum Inbegriff und zur Ikone des

„Eulenhaften“ wurde, wäre es unaufrichtig, meine erste ge- scheiterte Beziehung aus den Annalen zu tilgen. Wie die meisten solchen Irrtümer lehrte mich auch jenes Scheitern eine ganze Menge.

 

1

Mann begegnet Eule – Mann verliert Eule – Mann begegnet der Eule seines Lebens

 

ALLES BEGANN, wie so viele Dinge in den letzten fünfzig Jahren, mit meinem älteren Bruder Dick.

Mitte der 1970er Jahre hatte er sich seinen langgehegten Traum erfüllt, aufs Land nach Kent zu ziehen und ein mög- lichst altes Anwesen zu erwerben, das ihm genügend Platz bot, am Wochenende seinen diversen Hobbys nachzugehen. (Dazu zählten im Lauf der Zeit: Rallyefahren, die Reparatur von Militärfahrzeugen, Luftbildarchäologie, Schrotschießen und Falkenjagd, nicht zu vergessen Bluesgitarre und allerlei andere Freizeitbeschäftigungen, die diesem Mann mit sei- nen Riesenpranken präzise Fingerfertigkeit abverlangten.) Da seine Ehefrau Avril nicht nur Geduld besitzt, sondern auch ausgezeichnete praktische Fähigkeiten (vom Anferti- gen feiner Handarbeiten und silbernen Schmucks über Gar- tenarbeit und Tierhaltung bis hin zum Betonmischen, Re- novieren und Dekorieren), verwandelte sich die Water Farm schon bald in einen sehr attraktiven Aufenthaltsort, ob- wohl die vorherigen Bewohner Schafe gewesen waren. Zu- dem konnte man Dick gegenüber kaum einen Gebrauchs- artikel oder eine Dienstleistung erwähnen, ohne dass sein freundliches, etwas zerbeultes Gesicht diesen nachdenkli- chen Ausdruck angenommen hätte: »Ah, interessant – ich kenne da zufällig jemanden, der … (… einen Panzermotor verkauft, Schaffelle trocknet, als Stuntman beim Film arbei- tet, genau weiß, zu welchen Zeiten die Kaninchengehege

seiner Lordschaft am Wochenende unbewacht sind, sich mit Sprengstoff auskennt, Wildschweine züchtet, Holländisch spricht, Objekte in Kunstharz gießt, einem ohne lästigen Papierkram x-beliebige Dinge besorgen kann, etc. etc.).

Damals wohnte ich in einem Hochhaus in Croydon, South London, und pendelte täglich zwischen meinem Wohnort und Covent Garden hin und her, wo ich in einem Verlag als Lektor mit militärhistorischen Werken befasst war. Unsere Großfamilie verbrachte Weihnachten meist auf der Water Farm, und da sich sowohl mein Privatleben als auch mein Berufsalltag zwischen schmutzigem Beton und Dieselabgasen abspielte, nahm ich Dicks und Avrils grenzenlose Gastfreund- schaft oft auch im Sommer in Anspruch und verbrachte die Wochenenden in Kent. Die beiden unterhielten eine ganze Menagerie, im Lauf der Jahre immer wieder andere Tiere: zahllose Katzen (einschließlich einer, die mir bei der Kanin- chenjagd beschämend deutlich den Rang ablief ), Tauben, Hühner, Enten, Gänse, Truthähne, ein paar Schafe, eine Ziege, einen Esel, eine Dexter-Aberdeen-Angus-Kuh, Shreds, die wunderbare Waldiltis-Frettchen-Kreuzung meines Neffen Stephen, und eine Zeitlang sogar einen Waschbären (voll aus- gewachsen sind Waschbären wesentlich größer und kräftiger, als man gemeinhin glaubt). Ich „hatte“ es eigentlich gar nicht so mit Tieren, aber sicherlich trug dieser kleine Zoo zur Attraktivität der Water Farm bei, neben all den anderen Ver- lockungen – Friede, Weiträumigkeit, reine Luft und Avrils überragende Kochkünste.

Noch vor dem Umzug auf die Water Farm hatte Dick sich für Bücher über die Falkenjagd interessiert. Selbstverständ- lich fand er auch in diesem Bereich bald Freunde und erwarb seinen ersten Vogel – einen wunderbar glänzenden Falken

namens Temudjin, nach dem jungen Dschingis Khan. Nach- dem Dick die Farm gekauft hatte, baute er Käfige und Volie- ren, die den Vögeln genügend Bewegungsspielraum boten, und da sich sein Wissen, sein Können und sein Bekannten- kreis immer mehr vergrößerten, waren diese Unterkünfte ständig belegt. Zu den Insassen zählten Turmfalken, Bus- sarde, Habichte und sogar ein etwas lädierter Steppenadler, der an „Pododermatitis“ litt (nein, sagt mir auch nichts).

Ich beobachtete, wie Dick mit den Raubvögeln umging und sie ausbildete, und wurde von seiner Faszination un- weigerlich angesteckt. Als ich eines Tages auch einmal einen Falken auf die behandschuhte Faust nehmen durfte, um ge- meinsam mit Dick durch die Felder zu streifen, wehte mich sofort der Zauber des Mittelalters an. Ein unbeschreibliches Gefühl. Natürlich war auch Eitelkeit im Spiel: Der Mann muss erst noch geboren werden, der nicht die Pose eines Plantagenet einnimmt und lässig das Brustgefieder seines Falken streichelt, wenn hinter einer Wegbiegung eine Schar gebührend beeindruckter Spaziergänger erscheint … Aber es schmeichelte nicht nur dem Ego; für mich war das eine bisher ungekannte Art von Beziehung, die mich mit ganz neuen Empfindungen erfüllte. Sie schienen sehr tief zu sit- zen und weit zurückzureichen. Es war ein langsamer Pro- zess, den ich mir eine ganze Weile gar nicht eingestand, doch allmählich spürte ich ganz bewusst, dass ich mit die- sem Neuen auf Dauer in Verbindung bleiben wollte.

Der Gedanke, in einem Hochhausapartment in South London einen Falken zu halten, war natürlich abwegig, dennoch verfolgte mich dieser Traum. Schließlich wies mir meine Schwägerin unwissentlich den Weg. Avril hatte sich schon seit einiger Zeit einen eigenen Vogel gewünscht, aber

einen, der sich problemlos in ihren Alltag als unermüdlich tätige Mutter zweier Söhne fügte. Gewissenhaft hängte Dick sich ans Telefon und rief ein paar Herren mit lustigen Spitz- namen an, und eines Tages ließ sich „Wol“ in Avrils Küche nieder, wo er die meiste Zeit auf einem schattigen Ausguck hoch oben auf dem großen Küchenbuffet hockte. Avrils Küche war für zufällige Besucher ohnehin ein willkomme- ner Hafen und gewann durch die Gegenwart des Käuzchens noch größere Anziehungskraft. (Wol saß so still, dass die meisten Leute dachten, er sei ausgestopft, bis ein gelegent- liches Blinzeln die Wahrheit verriet; gelegentlich kam es dann vor, dass ein Besucher Kaffee verschüttete oder sich an einem Bissen Kuchen verschluckte.)

Wol bezauberte mich vom ersten Moment an, und als ich miterlebte, wie problemlos und unaufgeregt sich eine Eule – wenn man sie jung genug bei sich aufnimmt – an mensch- liche Gesellschaft gewöhnen kann, setzte ich dem nagenden Wunsch, selbst einen Vogel zu besitzen, immer weniger Wi- derstand entgegen.

* * *

Im Sommer 1976 baten ein Freund und ich um gastliche Aufnahme in der Water Farm, während wir auf einem nahe- gelegenen Flugplatz einen kurzen Fallschirmspringkurs ab- solvierten.

Damals verfügten Anfänger noch nicht über die moderne Fallschirmausrüstung mit ihren relativ leichten Packs, ma- tratzenförmigen Fallschirmkappen und präziser Steuerung, die einem fast immer eine aufrechte Landeposition erlaubt. Roger und ich bekamen gezeigt, wie man Landerollen macht; ohne die ging es nicht bei den alten Irvin-Fallschirmen,

deren X-Type-Gurtwerk zentnerschwer an uns hing (und uns mit der Grazie eines Kartoffelsacks zu Boden brachte).

Mein erster Sprung war ebenso schrecklich wie beglü- ckend. Zuerst kam der bodenlose, blanke Horror, als der Motor der kleinen Cessna abgeschaltet wurde und ich hin- auskletterte und zwischen Tragflächenstrebe und Fahrwerk balancierte, wobei ich Mühe hatte, im brausenden Wind den Absetzer zu verstehen, der noch einmal alle wichtigen Punkte durchging. Dann – als sich der Schirm ruckartig geöffnet hatte, das enganliegende Gurtwerk mich hielt wie Gottes Hand und von unten die Landschaft Kents zu mir emporlächelte – überflutete mich ein absolutes Hochgefühl, das sich noch verstärkte, als ich mich nach erfolgreicher Landung wieder vom Boden aufrappelte.

Zur denkwürdigsten Erfahrung jedoch geriet der dritte Sprung. Aufgrund meiner äußerst mangelhaften motori- schen Fähigkeiten, die schon in meiner Schulzeit den Sport- lehrern auffielen, verschätzte ich mich, während der Boden in den letzten Sekunden auf mich zuraste, bei der Landerolle total. Mit dem Hintern voran schlug ich auf und zog mir eine der klassischen (und wahnsinnig schmerzhaften) Fall- schirmsportverletzungen zu – eine Kompressionsfraktur der Lendenwirbel. Der arme Roger, der den langen Strohhalm gezogen hatte und sich immer noch Hunderte Fuß über dem Sprungplatz befand, musste sich auf seine eigene Lan- dung vorbereiten, während er mitbekam, wie ich mich laut stöhnend am Boden krümmte. Meine eindrücklichste Er- innerung der nächsten halben Stunde ist die an einen jun- gen Offiziersanwärter, der im Kreis der anderen um mich herumstand. Während sonst alle besorgt auf mich herunter- starrten, steckte er sich eine Zigarette in den Mund, klopfte

zerstreut auf seine Taschen, murmelte seinen Kameraden etwas zu – die den Kopf schüttelten, ohne ihre ernsten Bli- cke von mir zu wenden –, beugte sich dann zu mir herunter und bat mich um Feuer. Da ich in Gedanken gerade mit meinem Rückgrat beschäftigt war, konnte ich ihm leider nicht damit dienen.

Im Juni 1976 stöhnte Südengland unter einer Hitzewelle, wie es sie nur alle zwanzig Jahre einmal gibt, und ich lag schweißüberströmt und völlig bewegungsunfähig in einem Klinikbett; dieses Bett stand unmittelbar unter einem gro- ßen Oberlicht, das in die niedrige Decke eines einstöckigen Seitentrakts eingelassen war. In der sengenden Sonne ange- pflockt wie ein Apachen-Opfer, voller Ekel vor dem unge- nießbaren Klinikfraß, habe ich es zwei Personen zu verdan- ken, dass ich durchgehalten habe – erstens einer netten erfahrenen Nachtschwester, die ein entspanntes Verhältnis zu Pethidin-Injektionen bewies, und zweitens Dick, der mich jeden Abend auf dem Heimweg von der Arbeit getreu- lich besuchte und mir köstliche Sandwiches mitbrachte. Nach einer Woche in verschwitzten Laken, eingezwängt in Metallschienen, schaffte ich es schließlich, schwerfällig zu Dicks Wagen hinauszuwanken, wie Boris Karloff in Fran- kenstein, und wurde zur Water Farm zurückgebracht, um dort wieder auf die Beine zu kommen.

* * *

Während ich in den nächsten Wochen meine Beweglichkeit wiedererlangte, musste ich tagsüber oft stundenlang mit einem Buch auf einer Decke im Schatten liegen, oder ich wankte unbeholfen durch die Gegend. Nun hatte ich mehr Zeit denn je, Dicks Vögel zu beobachten, und entwickelte

immer größeres Interesse. Nicht einmal ich schaffte es, tage- lang pausenlos zu lesen, und so boten mir die Vögel will- kommene Abwechslung. Jetzt, wo ich Muße hatte, sie ein- fach still zu betrachten und mehrmals täglich zu besuchen, nahm ich nicht mehr nur Momentaufnahmen wahr, son- dern entwickelte ein Gefühl für ihren Lebensrhythmus. In- dem ich ihnen bei der Gefiederpflege zusah, lernte ich ihren Körperbau genauer kennen und entdeckte ihre individu- ellen Besonderheiten. Ich bombardierte meinen Bruder mit Fragen über ihre Unterkünfte, ihre Ernährung, ihren Tages- ablauf, ihre medizinischen und emotionalen Bedürfnisse und andere Dinge, die sicher manchmal reichlich albern waren. Diese Gespräche setzten wir lange nach der Rückkehr in meine Wohnung in unregelmäßigen Abständen am Telefon fort. Häufig äußerte ich Zweifel an meinem Vorhaben, mich selber um einen Vogel kümmern zu wollen, und hätte Dick mir recht gegeben, wäre vermutlich nie etwas daraus gewor- den; aber er gehört nicht zu den Leuten, die Träume, und seien sie noch so verrückt, von vornherein für unrealistisch halten. Es dauerte nicht lange, und mir gingen die Gegen- argumente aus, und dann kann der Abend, als ich tief Luft holte und Dick bat, doch bitte »diesen Bekannten anzu- rufen«. Vielleicht aus dem vagen Gefühl heraus, dass das Halten einer Eule womöglich zum Desaster führen könnte, welches sich bei einer kleinen Eule dann zumindest auf ein kleines Desaster beschränken würde, bat ich ihn, mir einen

„Wichtel“ zu besorgen (wobei sich diese mundartliche Be- zeichnung für den Steinkauz nicht auf seine Größe, sondern die Ähnlichkeit mit Kobolden bezieht).

Und so zog im Herbst 1977 ein Flaumbündel – eine 15 cm große, 120 g schwere gefiederte Furie – zu mir in den siebten

Stock des riesigen Betonblocks neben der A 23 in West Croydon. Wegen seines ausgesprochen raubvogelartigen Pro- fils, den überhängenden Brauen und den gelb glühenden Augen konnte der Vogel nur „Wellington“ heißen, nach dem Sieger von Waterloo. Leider besaß er, wie sich zeigen sollte, auch die eiserne Willenskraft des Iron Duke.

* * *

Der drosselgroße Steinkauz – Athene noctua – ist die kleinste der britischen Eulen, die als letzte Eulenspezies nach Groß- britannien kam. Steinkäuze wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Landbesitzern aus Konti- nentaleuropa eingeführt, wegen ihres Rufs, eine wahre Heim- suchung für Mäuse und Insekten zu sein; in mehreren euro- päischen Ländern wird ihre Ansiedlung aktiv von Bauern gefördert, und sie stehen unter Naturschutz. Es gibt eine reizvolle Geschichte, der zufolge der erste Engländer, der sie sich zunutze gemacht haben soll, Admiral Nelson war. Nachdem man ihn ins Mittelmeer beordert hatte, soll er hundert Steinkäuze aus Nordafrika erworben und jedem sei- ner Schiffe einen zugeteilt haben; angeblich setzte man sie bei den Mahlzeiten auf die Offizierstische, damit sie die Rüs- selkäfer aus dem verdorbenen Schiffszwieback pickten. (Ich habe zwar keine Ahnung, ob diese Geschichte stimmt, würde ihr aber sehr gerne Glauben schenken. Ich höre förmlich, wie Nelsons Seebären ihre Eulen anfeuern und Wetten darauf abschließen, wie viele Käfer jede von ihnen vertilgen wird.) Die gegenwärtige Steinkauzpopulation Großbritanniens wird – mit dem üblichen lässigen Mangel an Präzision – auf 5000 bis 12 000 Brutpaare geschätzt (in Deutschland geht man von einem noch kleineren Bestand aus). Da sich die

Steinkauzbestände im Lauf der letzten Jahrzehnte verringert haben, wird dieser Vogel auf der gelben (in Deutschland roten) Liste der Naturschützer als Spezies geführt, die mode- raten Anlass zur Besorgnis gibt. Sie sind diejenigen unserer Eulen, deren Aktivität sich am wenigsten auf die Nacht be- schränkt, und obwohl sie nach Einbruch der Dunkelheit jagen, sind sie auch tagsüber aktiv. Steinkäuze haben ein dunkelbraunes und weißes Gefieder, das gestreift und ge- sprenkelt ist, sie weisen eine stromlinienförmigere Silhou- ette auf als die größeren Spezies, und ihr Kopf wirkt durch die niedrige Stirn abgeflacht. Sie haben die breiten gerun- deten Schwingen der Waldvögel und einen sehr kurzen Schwanz. In Europa leben sie am liebsten in Wäldern und Feldgehölzen, und wenn man durchs englische Flachland fährt, erspäht man zuweilen eine kleine, auf einem Zaun- pfosten hockende Gestalt, die den Blick prüfend über Felder und Hecken gleiten lässt. Wenn die Äcker gepflügt werden, kann man Steinkäuze sogar dabei beobachten, wie sie dem Pflug folgen, um Würmer zu fangen.

Der erste meiner vielen Fehler war gewesen, dass ich über- haupt nach dieser Eulenart gefragt hatte, und noch schlim- mer war der Umstand, dass die betreffende Eule schon sechs Monate alt war und diese Zeit mit anderen Vögeln in einer großen Voliere verbracht hatte. Die wichtigste Grundregel für die Zähmung eines wilden Tiers lautet, dass es von sei- nen Artgenossen isoliert und so früh wie möglich seinem Betreuer anvertraut werden sollte – sobald man es gefahrlos von seiner Mutter trennen kann. Mit umsichtiger Güte er- reicht man so vielleicht, dass das Tier potenzielle soziale Ge- fühle auf den Betreuer projiziert. Es ist ja allgemein bekannt, dass ein absolut soziales Tier wie etwa der Hund leicht da-

rauf abgerichtet werden kann, sein Herrchen oder Frauchen als Alpha-Tier des Rudels zu betrachten. Ein solitärer Raub- vogel – wie die Eule – empfindet keine solche instinktive Beziehung. Das Ei muss aus dem Nest genommen und in einem Inkubator ausgebrütet werden, damit das Küken schon beim Schlüpfen einen Menschen sieht und von ihm gefüttert wird.

Es heißt manchmal, der Vogel werde dann auf diese Per- son „geprägt“, sodass sich eine tiefe Bindung entwickle und man den Vogel nie mehr auswildern könne. Aber dies schießt weit übers Ziel hinaus. Ein Vogeljunges, das wäh- rend seiner ersten Wochen von einem Menschen aufgezogen wurde, kann diese Vertrautheit ohne weiteres auf einen an- deren Menschen übertragen. Von Menschen aufgezogene Findlinge wurden schon oft erfolgreich ausgewildert, indem man die Bindung ganz allmählich löste. Alternativ kann man einen Vogel vorsichtig an das Zusammenleben mit anderen Vögeln in einer Voliere gewöhnen. Verbringt der Vogel die prägenden ersten Lebenswochen nach dem Schlüp- fen jedoch in der Gesellschaft anderer Vögel, ohne mensch- lichen Kontakt, nimmt man gemeinhin an, dass alle späte- ren Zähmungsversuche mehr oder weniger vergeblich sein werden (ein Wissen, über das ich im Herbst 1977 noch nicht verfügte). So stand es um Wellington; und deshalb waren meine Versuche, ihn „auf mich zu prägen“ – ihn an meine Berührung zu gewöhnen –, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

* * *

Da Wellington ein ängstliches, wildes Tier war, nicht daran gewöhnt, berührt zu werden, musste er wie ein Falke „gefes-

selt“ werden, bevor ich ihn mit nach Hause nehmen konnte, anders wäre er nicht zu bändigen gewesen.

Fesseln sind schmale, dünne Lederbänder, die ein Falkner um die Füße des Vogels schlingt, damit er ihn daran fest- halten kann, wenn er auf seiner Faust sitzt. Die Enden der Bänder sind mit einem kleinen Metallwirbel, der Drahle, verbunden (bei der Falkenjagd werden auch noch zwei win- zige Messingglöckchen daran befestigt). Wenn der Falkner nun eine Schnur durch die Drahle zieht – etwa 1 m lang, zum Vogel hin mit einem Stoppknoten versehen –, kann er diese mit einer zweiten Drahle auf der Sitzstange verbinden oder an einem „Falkenblock“ im Freien. So hat der Vogel zwar viel Bewegungsspielraum, kann sich aber nicht in der Schnur verfangen (so zumindest lautet die Theorie; in der Praxis scheint es für manche Vögel kinderleicht zu sein, diese angeblich narrensichere Konstruktion zu überlisten). Es leuchtet ein, dass vier Hände nötig sind, um einem ungezähmten Vogel Fesseln anzulegen – im Fall Wellingtons waren dies die Hände eines Experten und eines ängstlichen Neulings. Es galt, den Vogel aus dem Käfig zu nehmen und an jeder Bewegung zu hindern, in Rückenlage, mit den Bei- nen in der Luft, wobei man die Flügel sanft, aber energisch seitlich festhalten musste – falls es ihm gelang, einen seiner Flügel zu befreien und wild zu flattern, hatten wir ein Pro- blem. Manche Leute benutzen gern ein weiches Tuch, um Vögel festzuhalten, andere wiederum trauen sich zu, den korrekten Griff mit bloßen Händen auszuführen. Unerfah- ren wie ich war, fand ich diese Aufgabe beängstigend: Die ersten Male hatte ich einfach kein instinktives Gespür dafür, wie und wo ich den Vogel anfassen musste. Natürlich fürch- tete ich, zu fest zuzupacken – jeder Druck auf den Brustkorb

eines Vogels kann diesen ersticken –, und bemerkte ver- blüfft, welche Kräfte so ein kleiner zappelnder Vogel ent- wickeln kann.

Macht man es richtig, liegt der Vogel einfach da, in siche- rer, bequemer Rückenlage, bietet allerdings ein Bild verletz- ter Würde. Ich persönlich schämte mich jedes Mal und hätte mich am liebsten entschuldigt, doch dieses vage Gefühl moralischer Unterlegenheit kann sich sehr schnell verflüch- tigen, sobald man in Kontakt mit den Füßen des Vogels kommt. Selbst die kleinsten Raubvögel haben mächtige Krallen, und jede Berührung fügt einem Verletzungen zu. Dick brachte mir unter anderem den Trick bei, dass man einem erbosten Vogel einen Bleistift zum Halten geben kann: Kaum berührt der Stift seine Füße, schließen sich die mörderischen Krallen darum und halten verbissen daran fest, während man ihm die Fesseln anlegt. (Da die Leder- bänder sich durch Exkremente, Futterreste oder dadurch, dass der Vogel darauf herumkaut, abnutzen und zerfleddern, ergibt sich regelmäßig die lästige Pflicht, dem Vogel ein sau- beres Geschüh anzulegen. Auch wenn man noch so sehr glaubt, der Vogel sei inzwischen zahm und träge geworden, ist man nie gegen schmerzhafte Überraschungen gefeit, falls die Aufmerksamkeit auch nur einen Moment lang nach- lässt.)

* * *

Als ich an jenem Sonntagabend nach London zurückfuhr, saß Wellington in einem ziemlich großen Käfig, den Dick mir mitgegeben hatte, auf dem Beifahrersitz. Ihn aus der Tiefgarage in den Wohnblock zu tragen und dann im Lift mit ihm zu meiner Wohnung hinaufzufahren, bedeutete

einige Minuten ziemlichen Stress – denn zu den Vernunft- gründen, die gegen das ganze Projekt sprachen, hatte der Umstand gezählt, dass Haustiere hier eigentlich verboten waren. Der Hausmeister, der aus Yorkshire stammte, führte ein strenges Regiment, und seit es in der Vergangenheit – ich hatte die Wohnung eine Zeitlang mit einem ehemaligen Arbeitskollegen, einem Journalisten, geteilt – zu ein oder zwei kleineren Vorfällen gekommen war, hatte er die Woh- nung Nr. 40 auf dem Kieker. (Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass Roy und ich kaum jemals Partys veranstalte- ten – aber wenn, dann war es uns wichtig, unseren Gästen auch wirklich etwas zu bieten.)

Zum Glück passierte der Lift an jenem Abend die Etage des Hausmeisters, ohne dass der Halteknopf aufleuchtete. Nachdem ich sicher in der Wohnung angekommen war, stellte ich den Käfig auf einem Tisch im Wohnzimmer ab. Dort sollte Wellington fürs Erste bleiben, bis ich ihm eine geräumigere Unterkunft gezimmert hatte. Aus Hygiene- gründen gab ich etwas Stroh und Zeitungen in den Käfig und stellte einen Holzklotz hinein, auf dem Wellington sit- zen konnte. Der Käfig bestand aus einer breiten Holzkiste, deren Vorderfront mit Maschendraht bespannt war, sodass der Vogel ein ausreichend großes Blickfeld hatte und sich dennoch vom Dach und den umgebenden Wänden ge- schützt fühlen konnte. Das schien vernünftig; denn in der Natur nistet Athene noctua in Baumlöchern, verwunschenen Winkeln von Bauerngehöften oder sogar unterirdisch in verlassenen Kaninchenhöhlen.

Wenn ich nun abends von der Arbeit nach Hause kam, leuchteten mir aus den Schatten hinter dem Maschendraht Wellingtons gelbe Augen entgegen, funkelnd vor Trotz. Erst

einmal aß ich selbst zu Abend, dann holte ich sein Futter aus dem Kühlschrank und stellte es für die ersten Versuche be- reit, ihn „auf mich zu prägen“. In der Natur hätte Welling- tons Ernährung vorwiegend aus Insekten bestanden, obwohl ihm nicht nur Schnaken, Ohrwürmer, Käfer und Falter ge- schmeckt hätten, sondern auch Würmer und Schnecken, ja sogar kleine Nagetiere. Da man ihn jedoch in Gefangen- schaft aufgezogen hatte, war er an die übliche Verpflegung gewöhnt: tote Eintagsküken – handliche nahrhafte Happen, deren Körperhöhlen noch Eigelb enthalten: So beklagens- wert das ist, fallen in Hühnerbrutanstalten doch ständig große Mengen dieser unerwünschten männlichen Küken an, und wenn man sie säckeweise einfriert und an Falkner verkauft, lassen sich wenigstens noch ein paar Pfund damit verdienen. Dick hatte mir ein paar Dutzend davon mitge- geben, um Wellington durchzufüttern, bis ich im Branchen- buch selbst einen Lieferanten entdeckt haben würde.

* * *

Der Zähmung wilder Tiere liegt selten ein anderes Geheim- nis als Vernunft und Güte zugrunde. Man muss sie freund- lich behandeln und sich viel mit ihnen abgeben, bis sie ihre Menschenfurcht verlieren. Dafür braucht es Ruhe und end- los viel Geduld, denn wer Emotionen wie Angst oder Wut auf das Tier projiziert, wirft den Prozess womöglich um Tage zurück. Dies gilt natürlich ganz besonders für ein solitäres Tier: Während ein junger Hund das mentale Rüstzeug hat, um zu verstehen, was Züchtigung bedeutet, und mit einer Unterwerfungsgeste reagiert, wird ein Raubvogel jede ab- rupte Bewegung als Aggression interpretieren.

Möchte man Raubvögel dazu bringen, dass sie einen tole-

rieren, muss man sich ihren Hunger zunutze machen; Hun- ger ist anfangs die einzige Möglichkeit, irgendeine Form von Transaktion zwischen Mensch und Vogel entstehen zu lassen. Wobei „Hunger“ heißt, dass man ihn Appetit entwickeln lässt – nicht etwa, dass man ihn aushungert. Abgesehen da- von, dass dies grausam wäre, wäre es auch offensichtlich kontraproduktiv: Man versucht ja, den Vogel in eine ruhige Stimmung zu versetzen, und welche hungernde Kreatur ist ruhig? Raubvögel verbrauchen jede Menge „Brennstoff“ und müssen deshalb regelmäßig gefüttert werden, und wenn man lernt, Menge und Zeitpunkt ihrer täglichen Mahlzeit zu regulieren, erlangt man ziemlich rasch eine Art Routine. (Ich sollte vielleicht betonen, dass es hier um die Zähmung des Raubvogels als Haustier geht, nicht um den wesentlich komplexeren Prozess der Abrichtung zur Jagd in freier Na- tur. Zur echten Falknerei gehört es, den Vogel mit Bedacht zu füttern und regelmäßig zu wiegen und die Futterrationen exakt so zu bemessen, dass der Vogel gesund, aber stets

„hungrig“ ist, damit er zwar bei Kräften bleibt, aber immer noch gerne jagt.)

* * *

Meine Hoffnungen, was Wellingtons Zähmung betraf, be- schränkten sich auf elementare Dinge: Er sollte lernen, aus freiem Willen zu mir zu kommen, anfangs indem ich ihn mit Futter belohnte, später dann vielleicht einfach auf einen Ruf oder Pfiff hin. Er sollte die Vorsicht des wilden Tiers ablegen und mir erlauben, mit ihm zu spielen und mich an ihm zu erfreuen. Dies schien ein durchaus reelles Ziel zu sein. Schließlich hatte es bei Dick jedes Mal ausgesehen, als sei die Zähmung ein Kinderspiel; einmal hatte er einen

Turmfalken in weniger als einer Woche dazu erzogen, zum Füttern auf seine Faust zu fliegen, also wusste ich ungefähr, wie man das anpackt.

Ich bedeckte den Boden neben meinem Sessel mit einer Zeitung und meinen Arm mit einem alten Handtuch – um mich vor „Missgeschicken“ zu schützen –, dann streifte ich mir einen alten Autofahrerhandschuh über die linke Hand (für kleine Vögel wie Wellington benötigt man eigentlich keinen Schutzhandschuh, aber der Vogel kann sich besser festhalten, wenn er auf der Faust sitzt). Eine aus Schnür- senkeln zusammengebundene Leine zwischen den Zähnen, öffnete ich dann einige Zentimeter weit die Käfigtür, tastete hoffnungsvoll im Käfig herum und versuchte, Wellingtons herabhängende Fesseln mit der Drahle zu erwischen, wäh- rend er in die hinterste Käfigecke flüchtete und sich zischend aufbäumte. Kriegte ich ihn dann endlich zu fassen, zog ich ihn sanft aus dem Käfig heraus, bis er seinen Widerstand aufgab und auf meine linke Faust sprang. Mit der anderen Hand schob ich die Schnürsenkelleine durch die Drahle und wand mir das herabhängende Ende um den Finger, wo- bei ich die Drahle fest zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, bis ich bequem in meinem Sessel saß und ein wenig Schnur nachlassen konnte, damit Wellington mehr Bewe- gungsspielraum hatte.

Der Zweck dieser Übung war, ihn so lange an meine Ge- sellschaft zu gewöhnen, bis er Futter von meinen Fingern nehmen und auf dem Handschuh verzehren würde. Ich hatte vor, ihn dann frei fliegen zu lassen – zumindest in jenen Teilen der Wohnung, in denen er nicht viel Schaden anrichten und sich nicht verletzen konnte – und ihn ge- legentlich mit Futter auf meine Hand zurückzulocken. Im-

mer wenn ich ihm einen Leckerbissen zeigte, wurde das von einem ganz bestimmten Pfiff begleitet – der sonst nie er- tönte –, und meine Hoffnung war, dass er mit der Zeit allein auf diesen Pfiff reagieren würde, Belohnung hin oder her. Dann würde sich allmählich die Art von Beziehung ent- wickeln, der ich voller Zuversicht entgegenblickte.

Das Problem war, dass Wellington offenbar nicht auf- gepasst hatte, als ich ihm all das erklärte. Abend für Abend, Woche für Woche hockte er (kurz) auf meiner Faust, etwa so vertrauensvoll und entspannt wie ein Schrotthändler beim Besuch eines Wirtschaftsprüfers der britischen Steuerbe- hörde. Für einen so kleinen Vogel wie Wellington musste ich die Küken zerschneiden – eine äußerst unangenehme Arbeit. Aber ich unterdrückte mein Schaudern, nahm einen der schleimigen Batzen von der Untertasse, hielt ihn Wel- lington hin und versuchte mit verführerischem Charme zu pfeifen und zu gurren. Wellington tänzelte, wich aus und presste fest den Schnabel zu, wie ein Kleinkind, das den Löffel mit Rahmspinat auf sich zukommen sieht. Ich ließ den „Leckerbissen“ vor seinen wütenden Augen baumeln; ich strich ihm damit über den Schnabel; nach etwa einer Stunde konnte ich kaum noch den Impuls unterdrücken, den störrischen Schnabel aufzustemmen und ihm den Hap- pen mit dem stumpfen Ende eines Bleistifts in den Schlund zu schieben. Alles vergebens; anders als sein geselliger Na- mensvetter speiste Wellington entweder allein in seinem Käfig oder gar nicht.

* * *

Der geborgte Kistenkäfig war eindeutig nur eine temporäre Notlösung. Damit Wellington nicht die ganze Zeit einge-

sperrt sein musste, wenn ich ihn nicht an seiner Leine hielt, baute ich ihm als Erstes einen „Cadge“. Dies war einfach ein tragbarer Holzblock, der in einer Kiste stand, groß genug, um Ausscheidungen aufzufangen und Wellington kurze Spaziergänge an der Leine zu ermöglichen. Rasch hatte ich alles beisammen – eine Saatkiste, einen kleinen Holzklotz, an dem ich für die Leine eine Ringschraube befestigte, und den Sunday Telegraph der letzten Woche – und baute es auf dem Kistenkäfig auf. Von hier aus konnte Wellington die weiteren Vorbereitungen verfolgen.

Der Grundriss meiner Wohnung bestimmte meine Pläne für Wellingtons endgültiges Quartier. Vom fensterlosen L-förmigen Flur führten links und rechts die beiden ersten Räume ab – das Bad und das Zimmer, das ich als Büro nutzte – Letzteres mit einem Fenster auf einen kleinen Bal- kon. An diesen Türen vorbei führte der Flur direkt auf mein Schlafzimmer zu, links befand sich die Küche und rechts der große Wohnraum. Dieser Wohnraum war der Hauptgrund gewesen, warum Roy und ich uns damals für diese Woh- nung entschieden hatten; er war geräumig, hell und luftig, und die Südseite nahezu vollständig verglast. Von hier aus hatte man einen Panoramablick auf hohe Gebäude vor einem unendlichen Himmel – eine Art Mini-Manhattan, am hell- lichten Tag ebenso eindrucksvoll wie nach Einbruch der Nacht, wenn alles von Lichtern funkelte. In den Raum schien den ganzen Tag über die Sonne; am anderen Ende ging ein weiteres großes Fenster nach Westen, über eine niedrige Dachlandschaft hinüber zur grünen Erhebung des alten Croydon Airport, einige Meilen entfernt. Rechts von die- sem Fenster führte seitlich eine Glastür auf den Bürobalkon hinaus. Dabei handelte es sich eigentlich nur um einen bes-

seren Betonsims, der vom darüberliegenden Nachbarbalkon schattig überdacht wurde, aber doch immerhin an sonnigen Nachmittagen Platz für zwei Liegestühle und einen Kasten Bier bot.

Mir schwebte die Konstruktion eines Käfigs vor, der ge- nau auf diesen Balkon zugeschnitten war, ein Käfig von den Maßen eines geräumigen Kleiderschranks, groß genug, dass Wellington ein paar Flügelschläge weit hin und her fliegen konnte. Hier konnte er an der frischen Luft vor sich hin dösen, während ich tagsüber in der Arbeit war, und hatte abends einen interessanten Ausblick; gleichzeitig war er durch den darüberliegenden Balkon vor Wetterunbilden ge- schützt. Zwar würde die Distanz zur Nachbarwohnung nur knapp einen Meter betragen, doch war meine Nachbarin Lynne glücklicherweise eine gute Freundin, die dem Haus- meister ebenso wenig Sympathie entgegenbrachte wie ich. Ich versicherte ihr, Eulen der Spezies Athene noctua seien nicht für lauten nächtlichen Gesang bekannt. Und obwohl diese Behauptung reinem Wunschdenken entsprang, bestä- tigte sie sich. Wellington befand sich so weit von seinem natürlichen ländlichen Habitat entfernt – und in so luftiger Höhe –, dass er eigentlich keinen Grund hatte, mit lauten Rufen seine Reviergrenzen zu verteidigen; es wären ohnehin keine Artgenossen in der Nähe gewesen, die es gehört hätten.

* * *

Erst einmal bedeckte ich mehrere Bögen Millimeterpapier mit Kritzeleien, bevor mich mein Entwurf zufriedenstellte. Da der Balkon klein und nur von dieser einen Tür aus zu- gänglich war, durfte die geplante Konstruktion, wenn ich mich seitlich noch daran vorbeidrängen wollte, höchstens

60 cm breit sein; Länge und Höhe jedoch konnten jeweils 1,80 m betragen. Das hintere Ende des Käfigs wollte ich komplett mit Sperrholz verschalen, ein Bereich von der Größe einer Telefonzelle; dieser würde eine Hütte enthalten, in die Wellington sich zurückziehen konnte, wenn er keine Lust auf Gesellschaft verspürte (bei ihm offenbar eher der Normalzustand), außerdem eine Sitzstange direkt außerhalb seiner „Türschwelle“ und ein Wandbrett, auf dem er fressen konnte. Der Rest des Käfigs würde aus einem mit Drahtge- flecht bespannten Holzrahmen bestehen; mehrere aus Ästen gefertigte Sitzstangen sollten in unterschiedlicher Höhe schräg über Eck verlaufen.

Obwohl ich alles andere als ein talentierter Heimwerker bin, betrachtete ich meine Konstruktion der Käfigtür als wahren Geniestreich, beinahe patentwürdig. Die Windrow Typ 1 Doppel-Schwingtür für Eulenkäfige bestand aus mit Drahtgeflecht bespannten Holzrahmen, die den inneren Käfigmaßen entsprachen, und wurde am vorderen Ende der langen „Fassade“ angebracht. Es handelte sich um eine Dop- peltür, deren zwei Türen, mit einem Scharnier verbunden, hintereinander angebracht waren, sodass eine Tür sich nach innen, die andere nach außen öffnete. Nun musste ich nur noch dafür sorgen, dass Wellington im hinteren Teil des Käfigs saß, dann konnte ich die erste Innentür schließen, indem ich an einem Draht zog. Daraufhin konnte ich die äußere Tür öffnen, den Käfig betreten und die Tür wieder hinter mir schließen, mich also in eine „Eulen-Schleuse“ be- geben. In dieser Schleuse war gerade so viel Platz, dass ich die Innentür aufziehen und hinter mir zumachen konnte, sodass Wellington und ich uns nun im selben Raum befan- den und ihn während des gesamten Vorgangs immer eine

Tür am Davonfliegen gehindert hatte. Jetzt würde ich ihn in einen Korb locken, den Käfig auf demselben Weg verlassen und Wellington in die Wohnung tragen.

Mit stolzgeschwellter Brust begab ich mich eines Sams- tagmorgens in den nächsten Baumarkt. Hier bekam ich alles Nötige, hatte aber ein paar Kleinigkeiten nicht be- dacht – vor allem das Problem, acht Holzlatten mit einem Querschnitt von 2,5 × 5 cm und einer Länge von 1,80 m, drei riesige Sperrholzplatten in Marinequalität (für Welling- ton nur das Beste) und etliche Rollen Drahtgeflecht auf einem wackligen Einkaufswagen durch den engen Kassen- bereich zu manövrieren. Der zweite Akt dieser grausamen Komödie fand draußen auf dem Parkplatz statt, wo ich vor dem Problem stand, den ganzen Krempel in meinem Wa- gen unterzubringen, beziehungsweise oben auf dem Dach sicher zu vertäuen. (»Mami, guck mal, der komische Mann mit dem roten Gesicht und den blutigen Händen, der die ganze Zeit flucht! Warum reißt ihm denn dauernd die Schnur?«)

Nachdem ich mich gegen Mittag zu Hause dank kühlen Biers und der Abwesenheit menschlicher Zuschauer wieder beruhigt hatte, breitete ich meine Schätze auf dem Wohn- zimmerboden aus und machte mich an die Arbeit. Mein Plan war, sämtliche Einzelteile erst einmal in der Wohnung zusammenzubauen, dann alles auf den Balkon hinauszu- manövrieren und dort zu montieren. Eigentlich ein ver- nünftiger Plan, obgleich mir die nächsten sechsunddreißig Stunden gnadenlos die Grenzen meiner Fähigkeiten als autodidaktischer Schreiner aufzeigten. Jede Messung erwies sich als den entscheidenden Zentimeter zu kurz oder zu lang. Jedes abgezwackte Drahtende stach mir unweigerlich

in die Handfläche. Jede Klammer, die ich mit dem Hammer in das astlochreiche Holz treiben wollte, verbog sich und war nicht mehr zu gebrauchen. Die Scharnierschrauben lie- ßen das Holz splittern, und gegen ein Uhr in der Nacht auf Sonntag entdeckte ich, dass mir drei der nötigen Befesti- gungswinkel fehlten.

Am Sonntagabend war ich, schweißüberströmt und mit Sägemehl bedeckt, halb tot vor Erschöpfung, und das Wohn- zimmer glich einer Baustelle – aber, hurra, der Käfig stand! Unter mehreren Schichten Wetterschutzlack leuchtete ein sanfter Goldton, der Doppeltür-Mechanismus funktionierte reibungslos und wie geschmiert, und der Käfigboden war mit schneeweichen Zeitungen ausgelegt – ein wahrer Eulen- palast! Nun wurde Wellington ordnungsgemäß hineinge- setzt, ein Bild hochmütigen Undanks. Doch kaum hatte ich mir ein weiteres Bier eingeschenkt und mich hingesetzt, läu- tete es an der Tür: Attila, der Hausmeister.

Seit meiner Einzugsparty vor vielen Jahren waren wir uns möglichst aus dem Weg gegangen. Da ich nur zu genau wusste, dass Wellingtons Existenz eklatant gegen eine Klau- sel des Mietvertrags verstieß, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, um mich wortgewaltig zu verteidigen. Nach dem, was ich am Wochenende durchgemacht hatte, war ich wild entschlossen, allen Unterdrückern die Stirn zu bieten, not- falls bis zum Obersten Gerichtshof und darüber hinaus, aber dann ging es – zu meinem ungläubigen Staunen – mit keinem Wort um verbotene Tierhaltung. Offenbar hing das Problem mit einer anderen Zusatzvereinbarung oder Ne- benklausel des Mietvertrags zusammen, die ich übersehen hatte und die Mietern untersagte, irgendetwas auf den Bal- kon zu stellen, das vom einheitlichen Farbton der Wohn-

blockfassade abwich. Da mein Balkon auf ein Gaswerk ging, das zwischen tristen Straßen voll kleiner Reihenhäuser lag, die im Lauf des Jahres ohnehin abgerissen werden sollten, gab es an der Ästhetik dieser Gegend eigentlich nichts mehr zu verderben. Nichtsdestoweniger verlangte der Hausmeis- ter glattweg, ich solle meinen „Schrank“ umgehend ent- fernen. Vor lauter Erleichterung, dass er nicht weiter nach- geforscht hatte, erklärte ich mich dazu bereit.

Früh am nächsten Morgen begab ich mich auf einen Er- kundungsgang und nahm von der Straße her die Fassade in Augenschein. Nachdem ich aus verschiedenen Entfernun- gen um mehrere Ecken gespäht hatte, entdeckte ich, dass der obere Teil des Käfigs tatsächlich zu sehen war, aber nur aus mindestens 150 m Abstand. Er war von der Balkonbrüs- tung und vom höhlenartigen Schatten des darüber liegen- den Balkons fast vollständig verdeckt, und das Einzige, was ins Auge fiel, war die matt leuchtende Lackierung von Wel- lingtons Unterschlupf am Ende des Käfigs. Untröstlich über die drei Schichten sorgfältig aufgebrachten Marinelacks, machte ich mich auf den Weg, um 250 ml mattschwarze Farbe zu kaufen. Gegen Mittag hatte ich mich bei einer zweiten Geländebegehung davon überzeugt, dass Welling- tons Behausung nun von der Straße aus nicht mehr zu sehen war. Da der Mietvertrag Balkonbepflanzung erlaubte, in- vestierte ich noch in einen schnell wachsenden Kletterknö- terich und einen Eimer Blumenerde. Innerhalb weniger Wochen war Wellington hinter einer zweiten Tarnschicht verschwunden, und der Apparatschik des Vermieters ließ nichts mehr von sich hören.

* * *

Einige Wochen später stand ich vor dem drängenden Pro- blem, einen Futtervorrat für meine Eule anlegen zu müssen. Ich hatte die Nummer eines nicht allzu weit entfernten Brutbetriebs entdeckt und mir telefonisch bestätigen lassen, dass ich dort Küken kaufen konnte. Allerdings musste ich sie am frühen Vormittag abholen, bevor der Schweinefutter- Mann kam und alles mitnahm. Da ich im Job zu sehr unter Termindruck stand, um mir einen Morgen freizunehmen, ging es nur am Samstag. Doch schon am Dienstag wur- den die Küken knapp, und ich musste zu Notmaßnahmen greifen.

Gewiss konnte ich Wellington mit einer anderen Fleisch- sorte vertrösten, solange sie nur blutig und zerstückelt war und Fell oder Federn hatte, denn diese Ballaststoffe brauchte er für sein Verdauungssystem. Zum Beispiel rohes Kanin- chen – das war doch naturnah genug? In meiner Kindheit hatte ich im Herbst reihenweise erlegte Kaninchen vor Metz- gereien hängen sehen, mit Blechnäpfen unter den Schnau- zen, die das herabtropfende Blut auffingen. Die meisten Fein- kostlieferanten für das Restaurantgewerbe gab es in Soho, nur etwa zehn Gehminuten von meinem Büro in Covent Garden entfernt. Also machte ich in der Mittagspause einen Spaziergang dorthin und suchte nach einem Metzger alter Schule, der Wild au naturel verkaufte. Die Suche war ver- geblich; offenbar rümpft der moderne Städter die Nase, wenn er zu drastisch daran erinnert wird, wo Fleisch tatsäch- lich herkommt.

Am folgenden Tag machte ich mir allmählich Sorgen und beschloss, meinen Suchradius auszudehnen. Es ist ein tra- ditioneller Mythos, dass man im Kaufhaus Harrods in Knightsbridge alles bekommt, was das Herz begehrt, und

die Lebensmittelabteilung dort ist berühmt. Also plante ich eine lange Mittagspause ein und fuhr mit der U-Bahn Rich- tung Westen. Ich betrat den saalartigen Gastronomie-Tem- pel, in dem gedämpfte Stille herrschte, fand den Weg zur Fleischtheke … und tatsächlich hingen dort Kaninchen, or- dentlich vor der Marmorwand aufgereiht. Sie wirkten gera- dezu kultiviert, passend zur Umgebung.

Ich war so auf mein Ziel fixiert gewesen und so erleich- tert, endlich angelangt zu sein, dass ich gar nicht überlegt hatte, was ich sagen würde, bis sich mir ein Angestellter näherte: ein silberhaariger Gentleman, tadellos gekleidet, in makellos sauberer Schürze, der die ruhige Würde eines Bischofs ausstrahlte.

»Und wie kann ich Ihnen heute behilflich sein, Sir?«

»Ich möchte bitte ein Kaninchen.«

»Selbstverständlich, Sir. Wünschen Sir ein Zuchtkanin- chen oder ein Wildkaninchen?«

»Hmmm… Was ist denn der Unterschied?«

(In seinem Blick ein fast unmerklicher Hauch von Mit- leid:) »Es heißt allgemein, Sir, dass Zuchtkaninchen größer und zarter sind, wogegen Wildkaninchen über mehr Aroma verfügen.«

»Äh … dann bitte ein Zuchtkaninchen.«

»Sehr gerne, Sir.« Der Bischof drehte sich um und nahm hinter der Theke einen der felligen Kadaver vom Haken.

»Sie wünschen es zweifellos gehäutet, Sir?«

»Oh … äh – nein, nein danke – lassen Sie das Fell dran, geht das?«

»Natürlich, Sir.« Er begann das Kaninchen einzuwickeln. Aber dann fiel mir ein, dass ich bei gelegentlichen Jagdaus- flügen auf der Waterfarm beobachtet hatte, was es heißt, ein

Kaninchen zu zerlegen – und mir wurde klar, dass sich in meiner schlicht ausgestatteten Junggesellenküche kein ge- eignetes Messer für diese Aufgabe finden würde. Jetzt wurde es peinlich …

»Hm – was ich noch sagen wollte – äh, könnten Sie es mir vielleicht zerhacken? Mit Fell, meine ich? In ziemlich kleine Stückchen?«

Der Bischof stand reglos da und sah mich unverwandt an, wobei sein glänzend rasiertes Gesicht vollkommen ausdrucks- los blieb. Dann begann er langsam und deutlich zu spre- chen: »Sir wünschen also, dass ich dieses Kaninchen – am Knochen – ungehäutet – in kleine Stückchen zerteile …?«

»Ja – ja, das wäre nett … Äh, es ist nicht für mich.« Ich wollte ihm erklären, für wen es war, aber dann verließ mich der Mut.

Mit dem Rücken zu mir tat er, wie ihm geheißen. Ob- wohl er viele Jahre lang anspruchsvolle Kunden bedient hatte, war das wohl selbst für ihn eine Premiere. Während er sein Hackbeil schwang, werkelte neben ihm an der mar- mornen Arbeitsfläche einer seiner Mitprälaten. Sie steckten die Köpfe zusammen, und kurz darauf wandte sich der andere Metzger um und streifte mich mit einem raschen, unergründlichen Blick. Die Minuten, bis ich endlich einen Geldschein auf die Theke werfen und flüchten konnte, zo- gen sich endlos in die Länge. Es dauerte ein paar Monate, bis ich mich wieder dort hintraute.

* * *

Ich fand nie heraus, ob Wellington dieses unter Qualen er- standene Kaninchen überhaupt angerührt hat. Bei unseren nächsten frustrierenden Abendsitzungen verschmähte er die

Hasenbrocken jedenfalls, weshalb ich einige davon in sei- nem Balkonkäfig deponierte, wenn ich ihn nachts hinaus- trug. Vielleicht hat er sich ja herabgelassen, ein paar Brocken zu probieren, als er allein war, vielleicht hat er sie aber auch verächtlich zischend in eine Ecke seiner Hütte gekickt.

Am folgenden Samstag kaufte ich mehrere Monatsratio- nen Küken und musste dafür mein kleines Gefrierfach räu- men. (Und, ja – einmal machte ein Gast, der Eiswürfel für seinen Gin Tonic suchte, eine verblüffende Entdeckung …) Der Herbst verging, und es wurde Winter, und da ich Wellington immer noch zu zähmen versuchte, setzte sich unser mentaler Wettstreit fast jeden Abend fort. Ich hatte auf ein ganz bestimmtes Signal gewartet, das klassische Zei- chen dafür, dass ein Vogel beschlossen hat, sich über die Gegenwart seines Menschen zu freuen: Hält man ihm die Faust hin, lässt er sich aufgeplustert darauf nieder, steht auf einem Bein und macht ein Nickerchen. Avrils Käuzchen, Wol, hat fast sein ganzes Leben in dieser Pose verbracht. Selbst Dicks Falken, die wahre Messerkämpfer waren, schie- nen nur verschlafen zu lächeln, wenn er ihre Brustfedern streichelte. Wellington jedoch versteifte sich bei der leisesten Berührung und demonstrierte etwas, was unter Falknern

„abspringen“ genannt wird.

Wenn ein scheuer Vogel über irgendetwas erregt ist, springt er ruckartig von der Faust in die Luft, soweit Fesseln und Leine es zulassen, und lässt sich dann fallen, bis er kopf- unter von der Hand herabhängt und auf diese Weise trotzig signalisiert, dass er keinerlei Absicht hat, konstruktiv am Geschehen mitzuwirken. Wellington litt weder Schmerzen noch hatte er ein Gebrechen; mit einem einzigen Flügel- schlag hätte er sich wieder aufrichten können – was er

schnell bewies, wenn er einmal zufällig von seiner Stange plumpste. Aber bei unseren Sitzungen? Nein; da hing er von meiner Hand, drehte sich langsam mit halb geöffneten Schwingen und weigerte sich hartnäckig, Vernunft anzu- nehmen. Wer dieses Verhalten nicht gewohnt ist, erschrickt natürlich – man hat Angst, der Vogel könnte sich verletzen. Hat man ihm dann aber zwanzigmal pro Stunde aufgehol- fen und ihn wieder auf die Faust gesetzt, nur um jedes Mal mit einem weiteren Kamikaze-Sturzflug belohnt zu werden, wird man allmählich gereizt.

Wer jetzt kapituliert und das verflixte Tier wieder in sei- nen Käfig setzt, verliert zehn Punkte. Wellington besiegte mich bei diesem Spiel jedes Mal souverän. Er wollte kein Futter aus meiner Hand fressen; er wollte sich nicht von mir streicheln lassen; er wollte nicht mal länger als ein paar Sekunden auf meiner Faust sitzen. Wellington, als Tier, das die Evolution zum einsamen Dasein des unermüdlich wach- samen Jägers bestimmt hatte, verfügte über endlose Ge- duldsreserven. Ich – dazu bestimmt, auf der Jagd nach dem Abendessen mit meinen Artgenossen durch die Savanne zu jagen – verfügte darüber nicht.

* * *

Als ich in jenem Winter 1977/78 eine einwöchige Geschäfts- reise antreten musste, erklärte Dick sich netterweise bereit, Wellington während meiner Abwesenheit in einer freien Vo- liere zu beherbergen. Als ich nach meiner Rückkehr einen Termin vereinbaren wollte, um Wellington abzuholen, klang Dicks Stimme am Telefon kleinlaut. Er gestand mir, dass Wellington in einer Ecke des Drahtgeflechts einen Riss entdeckt und in die Nacht entflohen sei.

Meine Reaktion auf diese Nachricht war ausgesprochen ambivalent. Einerseits tat es mir leid, dass Dick meinet- wegen ein schlechtes Gewissen hatte; andererseits war ich aufrichtig erleichtert, von diesem zum Scheitern verurteilten Projekt entbunden zu sein, ohne dass ich die Entscheidung hatte selbst treffen müssen. Zu behaupten, dass ich Welling- ton liebgewonnen hatte, wäre absurd gewesen. Er war ein Gefangener gewesen und ich sein Wärter; so hatte unsere Beziehung auch nach vier Monaten noch ausgesehen, ohne jede Hoffnung, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als diese Erfahrung abzuhaken und so weiterzuleben wie bisher.

Aber es sollte anders kommen. Im Lauf der Wochen fand ich meine Abende zu Hause, die sich auf nichts mehr fo- kussierten, irgendwie unerfreulich. Der leere Käfig auf mei- nem Bürobalkon – den ich jedes Mal, wenn ich mich an die Schreibmaschine setzte, vor Augen hatte – war ein ständiger Vorwurf. Mein ursprünglicher Wunsch, einer Eule ein Zu- hause zu bieten, hatte zwar einen Dämpfer erlitten, war aber nicht erloschen, und ich dachte immer wieder über die Kluft nach, die zwischen dem lag, was ich angestrebt, und dem, was ich erreicht hatte. Während der Weihnachts- tage, die ich im Kreis der Familie auf der Water Farm ver- brachte, wurde ich durch die freundliche, flauschige Ge- genwart Wols, der die Festivitäten von seinem schattigen Hochsitz auf dem Küchenbuffet aus ruhig präsidierte, stän- dig daran erinnert. Und im neuen Jahr gestand ich mir ein, dass ich mir immer noch eine Eule wünschte. Aber was für eine Eule?

* * *

Nach Wellington wollte ich keine Athene noctua mehr, aber es würde ja kein Problem sein, eine Schleiereule zu bekom- men – Tyto alba (heutzutage gibt es davon wesentlich mehr Exemplare in Gefangenschaft als in Freiheit, teilweise Vögel, die verletzt gefunden und aufgezogen wurden). Die Schleier- eule ist der Star der Natur-Dokus im Fernsehen. Man könnte fast meinen, die Filmemacher stünden vor den Nist- kästen Schlange. Der lateinische Name bedeutet Weiße Eule; in Großbritannien nennt man die Schleiereule manch- mal auch „Kreischeule“, weil ihr gruseliges Kreischen manch- mal Landbewohnern, die spätabends noch ihren Hund aus- führen, das Blut in den Adern gefrieren lässt. (In Amerika jedoch ist „Kreischeule“ der Name einer anderen Spezies.) Die gängige Bezeichnung Barn Owl („Scheuneneule“) ist darauf zurückzuführen, dass sie in landwirtschaftlichen Ge- bäuden nistet und auf Bauernhöfen und Feldern jagt, zum eigenen Nutzen ebenso wie zum Nutzen der Menschen.

Das streng herzförmige Gesicht der Schleiereule verleiht ihr einen hochmütigen Ausdruck selbstbewusster Würde, und ihr herrliches golden-gelbbraunes, mit dunklen Flecken gesprenkeltes Gefieder ist sehr auffällig (manchmal ist man ganz verblüfft, weil sie sich so geisterhaft lautlos genähert hat), da sie in ihrem Territorium nicht nur nachts auf Jagd geht, sondern auch am helllichten Tag. Ihr fotogenes Aus- sehen in Verbindung mit den prekären Populationszahlen prädestiniert sie zum Aushängeschild der Naturschützer; und für Naturfotografen und Filmemacher ist ihr flexibler Zeitplan ebenso praktisch wie ihre Neigung, in der Nähe von Menschen zu leben. Doch ich muss gestehen, dass ich mich für die Schleiereule, so schön und anmutig sie zwei- fellos ist, nie so recht erwärmen konnte; außerdem hatte ich

in Büchern gelesen, dass sie zwar in Volieren gedeiht, sich aber nur sehr begrenzt als Haustier eignet.

Der Waldkauz – Strix aluco – geht Leuten mit Film- kameras und Doktortiteln geflissentlich aus dem Weg und lebt viel zurückgezogener als Tyto alba. Er bevorzugt die Ansitzjagd und jagt weniger im Suchflug, erträgt mensch- liche Nähe lange nicht so gut wie die Schleiereule und sitzt die meiste Zeit reglos und gut getarnt auf Bäumen im Wald. Es wäre nur logisch, wenn Menschen diese Eule unnahbar und weniger sympathisch fänden, aber menschliche Emo- tionen funktionieren anders. Wer beim Anblick eines Käuz- chen nicht sofort den Drang verspürt, es zu knuddeln, muss schon ein Herz aus Stein haben. Es ist bekannt, dass Men- schen sich instinktiv am stärksten zu Tieren hingezogen füh- len (vor allem zu jungen Tieren), die einen weichen Pelz oder ein weiches Gefieder haben und deren Gesicht unse- rer Vorstellung von einem Gesicht entspricht. Bei diesem

„Ooohh…!“-Faktor handelt es sich natürlich nur um senti- mentalen Anthropomorphismus, aber seine Macht ist nicht zu leugnen, wir kommen nicht dagegen an.

Wir identifizieren uns mit Eulen, weil sie über eine aufrechte Haltung und ein erkennbares Gesicht verfügen. Waldkäuze haben außerdem einen runderen Kopf als Schlei- ereulen und einen runderen Gesichtsschleier mit weicheren Konturen, der weniger aristokratisch wirkt. Ihre dunklen Augen sind verhältnismäßig groß und, anders als die Augen der Schleiereule, nicht durch einen weichen vertikalen Grat überstehender Federn weit voneinander getrennt. Stattdes- sen scheint der spitze „Haaransatz“ aus kurzen, farblich kon- trastierenden Federn, die von der „Stirn“ herunterwachsen, den oberen Rand des Gesichtsschleiers in zwei „Augen-

brauen“ zu unterteilen. Den kurzen hakenförmigen Schna- bel nehmen wir automatisch als „Nase“ wahr.

Die feinen Bewegungen der winzigen dichten Gesichts- federn des Waldkauzes verleihen diesem Gesicht für unser Empfinden mehr Ausdruck als die strenge, herzförmige Maske der Schleiereule. Natürlich entsprechen diese Ände- rungen im Ausdruck keineswegs dem Mienenspiel eines Menschen, aber es sieht zumindest so aus – vergleichbar damit, dass ein keuchender Hund zuweilen zu lächeln scheint. In Ruhehaltung hingekauert und aufgeplustert wie ein Landbrot, sehen Waldkäuze schläfrig-zufrieden und be- haglich aus, und ihr braunes und cremeweißes Gefieder wirkt weicher als das der schnittigeren Schleiereule. Und schließlich steht der Waldkauz in dem Ruf, sich sehr gut als Haustier zu eignen.

Nur ganz kurz spielte ich mit dem Gedanken an eine ma- jestätische (und, was mir wichtiger schien, meist schweig- same) Tyto alba, aber letztlich fiel mir die Wahl leicht; ich wollte auch ein Käuzchen.

* * *

In Großbritannien stehen sämtliche Raubvögel sowie ihre Gelege und Nestlinge strikt unter Naturschutz. Ich sprach mit Dick über meine Pläne, und er telefonierte mit den zu- ständigen Leuten, damit alles gemäß der gesetzlichen For- malitäten abgewickelt wurde. Nach einer Weile erhielten wir Bescheid, und es wurde ein Preis genannt, zu dem ich mir ein Ei reservieren lassen konnte: im kommenden Früh- jahr das erste Ei, das ein Waldkauzweibchen im Gehege eines lizenzierten Raubvogelzüchters legen würde. Ich wagte den Sprung und gab die Bestellung auf.

Offenbar war es wichtig, welches Ei man wählte. In Ge- fangenschaft – wo die Natur unter optimalen Bedingungen nachgeahmt wird, also mit reichlichem Nahrungsangebot – legen die Waldkauzweibchen bis zu fünf Eier. Genau wie in der Natur werden diese Eier zeitversetzt in Intervallen von mindestens zwei, manchmal auch mehr Tagen gelegt. Das Eulenküken, das etwa vier Wochen später aus dem ersten Ei schlüpft, hat von Anfang an einen Vorsprung gegenüber seinen Geschwistern. Mindestens zwei Tage lang, und oft sogar länger, genießt es die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern und muss das Futter mit niemandem teilen. Wenn die Geschwister schlüpfen, ist es bereits größer und stärker als sie, schreit lauter und beharrlicher nach Futter und hat so eine bessere Chance zu gedeihen.

In der Natur ist diese Bevorzugung durch die Vogeleltern besonders in jenen Zeiten ausgeprägt, in denen es an Beute mangelt; so besteht die größte Chance, dass wenigstens ein robustes Küken in guter Verfassung überlebt, um die enorme Aufgabe zu bewältigen, auf sich allein gestellt durch seinen ersten Herbst und Winter zu kommen. Waldkauzküken mögen entzückend aussehen (im Gegensatz zu den geierhaf- ten Babys der Schleiereule), doch in Zuchtanlagen herrscht unter jungen Raubvögeln ein ebenso gnadenloser Konkur- renzkampf wie im Wald, und es geschieht häufig, dass eines oder sogar mehrere der zeitversetzt geschlüpften Küken im Nest umkommen. Und da die Natur nun einmal ist, wie sie ist – und der Appetit der Geschwister unersättlich –, enden diese kleinen Pechvögel in den Mägen der anderen Küken. Es herrscht zudem der Glaube vor, das erste Ei sei weib- lich, da Waldkauzweibchen größer werden als Männchen. Diese Frage ist problematisch, da sich das Geschlecht einer

jungen Eule nur mit intrusiven Untersuchungen und sehr viel Erfahrung bestimmen lässt, nicht einmal durch eine Röntgenaufnahme. Wie alle Vögel verfügen auch Eulen über keine äußeren Genitalien. Eine ausgewachsene weib- liche Eule mag 25 % mehr wiegen als ein männliches Tier, doch bei Jungeulen besteht keinerlei Unterschied in Größe oder Färbung. (Obwohl ich gleich von der Annahme aus- ging, bei meiner Eule handle es sich um ein Waldkauzweib- chen, überzeugte mich erst später, als sie schon ein paar Jahre alt war, ein ganz bestimmtes Verhalten davon, dass es sich tatsächlich um eine „Sie“ handelte.)

* * *

Anfang April 1978 kam die Mitteilung, dass „mein“ Ei ge- legt und aus dem Nest genommen worden sei und nun in einem Inkubator ausgebrütet werde. Etwa vier Wochen spä- ter erfuhr ich, das Küken sei nun erfolgreich geschlüpft und werde vom kleinen Sohn des Züchters aufgezogen. In diesen ersten Wochen müssen die Küken mehrere Male täglich von Hand gefüttert werden, mit irgendwelchen möglichst kleb- rigen Happen, die man aufs Ende eines Streichholzes spießt. Des weiteren erfuhr ich, dass der kleine Junge seinen Dad gefragt hätte, wie er das Käuzchen nennen solle; und als die Antwort lautete, am besten nach etwas, das er total gern möge, habe das Kind kurz nachgedacht und dann verkün- det, es solle „Nutellabrot“ heißen.

Endlich, an einem herrlich sonnigen Samstag Ende Mai, fuhr ich zur Water Farm, um das zweite Kapitel meiner Be- ziehung zu Eulen aufzuschlagen. Es war eine sehr nachdenk- liche Fahrt. Aus irgendeinem freudlosen Winkel meiner Seele fragte andauernd eine leise, skeptische Stimme, ob mir

denn wirklich klar sei, worauf ich mich da erneut einließ – Schmutz, Unannehmlichkeiten, Komplikationen für mein Sozialleben und letztlich eine neue Enttäuschung. Ob es nicht besser wäre, pragmatisch zu sein und einfach zuzuge- ben, dass ich mit Tieren nun mal nicht umgehen könne? Normalerweise vermag mich die Abfahrt vom Bluebell Hill, wenn plötzlich halb Kent unter einem ausgebreitet liegt, auch am tristesten Tag aufzuheitern, doch an jenem sonni- gen Samstag hatte ich keinen Blick dafür.

Die Ankunft auf der Water Farm gestaltete sich wie im- mer sehr entspannt, unter anderem deshalb, weil man dort erst einmal gar nicht beachtet wird. Ein Empfangskomitee gibt es nie; man begegnet den einzelnen Familienmitglie- dern nach und nach auf dem Grundstück – Kaffee trinkend unterm Weidenbaum am Ententeich oder mit einer bäuer- lichen Tätigkeit auf der Schafskoppel beschäftigt. Hinter dem alten Traktorschuppen hört man Schleif- und Bohr- lärm, weil Dick dort an irgendeinem rostigen, von der US-Armee 1945 ausgemusterten Teil eine komplizierte Ope- ration durchführt, und wenn der Lärm dann irgendwann verstummt, weiß man, dass Dick eine Pause einlegt. Ich fand diese Zeitspanne nach der Ankunft schon immer erholsam, weil sie mir Gelegenheit gab, das Dröhnen der Autobahn aus dem Kopf zu kriegen und mich wieder auf menschliche Gespräche einzustimmen. So war es auch an jenem Samstag, und nicht das kleinste Zeichen wies darauf hin, welch fol- genreiche Begegnung mir unmittelbar bevorstand.

Ich: »Wo ist es?« Dick: »In der Küche.«

Die Tür, die direkt in die große Bauernküche führte, stand wie immer offen, und ich trat in den kühlen Schatten.

Wol döste droben auf dem Buffet vor sich hin und achtete gar nicht auf mich. Ich sah mich suchend um – sicher stand hier irgendwo ein Lebensmittelkarton herum, aus dem, wenn ich mich näherte, erschrecktes Krallentrippeln ertö- nen würde. Aber nichts dergleichen – kein Getrippel, kein Karton.

Auf einer Stuhllehne, am offenen Fenster in der Sonne, saß ein gut zwanzig Zentimeter großes Wesen, das an einen tollpatschigen Spielzeugpinguin mit operierter Nase erin- nerte. Es sah aus, als stecke es in einem einteiligen Strick- overall aus hellgrauem, braun besticktem Flaum mit ange- nähter Sturmhaube. Aus dem Gesichtsloch der Sturmhaube blickten zwei große, glänzend schwarze Augen vertrauens- voll zu mir empor. »Piep«, machte das Flaumbündel leise. Entzückt beugte ich mich vor. Das Bündel zwinkerte mit den pelzigen grauen Augenlidern und sprang dann zielstre- big auf meine rechte Schulter. Es fühlte sich an meiner Wange an wie eine große, warme Pusteblume und duftete wie ein zartes junges Kätzchen. »Piep«, wiederholte es ganz sanft.

* * *

Sonntagabend fuhren wir zusammen nach London zurück. Dick hatte mir diesmal nicht beim Anlegen der Fesseln hel- fen müssen; ich hatte mir geschworen, diesen Vogel niemals anzuketten. Entweder würde er freiwillig zu mir kommen oder gar nicht. Die Eule trat die Reise in einem Karton an, entwischte aber bald und kletterte auf meine Schulter. See- lenruhig meisterte sie diese umwälzend neue Erfahrung. Schon auf halbem Weg nach London hatte sie gelernt, wie man sich in die Kurven legt, um die Balance zu halten, und

manchmal hielt sie sich zart mit dem Schnabel an meinem Ohr fest. Liebe auf den ersten Blick – wenn sie einen spät trifft, dann mit voller Wucht. Mich traf sie mit 34 Jahren, und ich sollte die nächsten fünfzehn Jahre von ihr erfüllt bleiben.

Martin Windrow

Über Martin Windrow

Biografie

Martin Windrow, geboren 1944, ist ein britischer Historiker, Autor und langjähriger Herausgeber bei Osprey Publishing. Er ist Mitglied der Royal Historical Society. Windrow lebt in East Sussex.

Pressestimmen

Ars Medici (CH)

»Die Geschichte einer ungewöhnlichen Beziehung - die uns en passant alles über die Biologie und die Mythologie der Eulen lehrt.«

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