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Botschafter des LebensBotschafter des Lebens

Botschafter des Lebens

Was Bäume in Städten erzählen

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Botschafter des Lebens — Inhalt

Eine botanische Entdeckungsreise durch unsere Städte

Wer faszinierende Bäume und ihre Geschichten kennenlernen will, muss dafür nicht tief im Wald verschwinden. In der Stadt genügt oft ein Schritt vor die eigene Haustür. Hier begegnet man mächtigen Riesen, begehrten Exoten und uralten Zeitzeugen. Sie erzählen von Hoffnungen und Träumen, von Aufbruch und Enttäuschung, von unmöglicher Liebe und davon, wie es ist, als Baum in der Stadt zu leben. Manche sind gut versteckt, andere so unscheinbar, dass man an ihnen vorbeilaufen würde. Wieder andere sind so berühmt, dass sie eigene Namen tragen oder in Gedichten verewigt wurden.

Caroline Ring hat die interessantesten und bedeutendsten Stadtbäume besucht und erzählt ihre Geschichten. Sie laden dazu ein, die Stadt mit anderen Augen zu sehen.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 12.10.2020
256 Seiten, Pappebuch
EAN 978-3-8270-1419-1
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 12.10.2020
220 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-8020-2
„Dieses Buch ist eine sehr gelungene Würdigung der stillen grünen Helden vor unserer Haustür.“
P.M.

Leseprobe zu „Botschafter des Lebens“

Vorwort 
In der Krone

Buckow | Apfel (Malus domestica) | Alter unbekannt

Denke ich an einen Baum, ist es der uralte Apfelbaum, der einst in unserem Garten stand. Ein großes, wild gewachsenes Ding, das jemand einmal mit vielen Sorten veredelt hatte. Für mich war er vor allem ein Kletterbaum. Der Weg in seine Krone führte über eine zappelige Strickleiter, die sich nur mit Geschick bezwingen ließ. Jemand von den Erwachsenen hatte sie über den untersten Ast geschlungen. Ich erinnere mich an das glatte, wackelige Rundholz, auf dem man balancieren musste, um [...]

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Vorwort 
In der Krone

Buckow | Apfel (Malus domestica) | Alter unbekannt

Denke ich an einen Baum, ist es der uralte Apfelbaum, der einst in unserem Garten stand. Ein großes, wild gewachsenes Ding, das jemand einmal mit vielen Sorten veredelt hatte. Für mich war er vor allem ein Kletterbaum. Der Weg in seine Krone führte über eine zappelige Strickleiter, die sich nur mit Geschick bezwingen ließ. Jemand von den Erwachsenen hatte sie über den untersten Ast geschlungen. Ich erinnere mich an das glatte, wackelige Rundholz, auf dem man balancieren musste, um in den Baum zu steigen, und an die Wärme der schrundigen, vermoosten Rinde unter den Fingern und den nackten Füßen, wenn man es einmal geschafft hatte.

Ab hier führte der Weg immer weiter weg von den anderen im Garten. Wülste und Astgabeln leiteten den Aufstieg in die Krone so sicher wie eine Treppe. Ich suchte mir einen starken Ast, den man rittlings umschlingen konnte, und beobachtete zwischen Blättern und Zweigen die Welt unter mir. Hier oben war ich geschützt und versteckt. Niemand konnte mir an diesen Ort folgen, und den Weg zurück kannte nur ich allein. Bis dahin war ich ein Teil des Baums, gegen alles Geschehen um mich herum genauso beständig und ihm zugleich genauso ausgesetzt. Hier oben stand die Zeit für mich still.

Meine Erinnerungen an diesen Baum sind über zwanzig Jahre alt. Der Garten, in den ich mich zurückdenke, befand sich im brandenburgischen Buckow auf einem kleinen Grundstück, das meine Eltern gepachtet hatten. Ich war damals zehn und ging noch in die Grundschule. Jedes Wochenende, wenn es das Wetter zuließ, fuhren wir mit unserem roten VW Passat raus aus Berlin in die Märkische Schweiz, eine gute Stunde östlich der Stadt, zu der kleinen Parzelle: ein Refugium ohne Strom und fließend Wasser, dafür mit wilden Hecken, alten Obstbäumen, kniehohem Gras, wenn es mein Vater nicht gerade mit der Sense geschnitten hatte, und einer Lagerfeuerstelle. Das war der Ort, der für mich Natur bedeutete.

Damals wohnten wir in Prenzlauer Berg. Es war Anfang der 1990er-Jahre, und der Stadtteil war weit von dem Chic und der Gediegenheit entfernt, die man heute mit seinem Namen verbindet. Straßen, Häuser, Autos und Menschen waren grau und staubig, ganz anders als das wilde Grün, die dichten Wälder und die alten Bäume, die einen außerhalb der Stadt erwarteten.

Der nächste Zeuge von Natur in unserer Straße war ein magerer Stadtbaum vor dem Küchenfenster. Sein Stamm maß keine zwanzig Zentimeter im Durchmesser, und das Beet, unter dem seine Wurzeln ungehindert Wasser erhalten konnten, war kaum größer als eine aufgeschlagene Zeitung. Es war ein unscheinbares Gewächs wie Tausende andere, dem ich keine weitere Beachtung schenkte. Richtig nahm ich ihn nur einmal wahr, als wir wie andere Anwohner in einem heißen und trockenen Sommer Wasser nach unten schleppten, um ihn vor dem Austrocknen zu bewahren. Echte Natur gab es für mich in der Stadt nicht. Obwohl ich an dem Baum vor dem Küchenfenster über Jahre hinweg fast täglich vorbeiging, erinnere ich mich kaum an ihn.

Plant Blindness nennen Forschende das Phänomen, wenn man Pflanzen in der eigenen Umgebung übersieht. Oft registriert man sie höchstens als Teil des Hintergrunds, vor dem sich Leben abspielt. In der Wahrnehmung von Menschen kommt anderen Menschen die wichtigste Rolle zu. Es fällt für gewöhnlich leicht, sich an die Person zu erinnern, die man zuletzt gesehen oder mit der man gesprochen hat. Auch an die Begegnung mit einem Tier kann man sich meist noch gut erinnern. Vielleicht war es der eigene Hund oder ein Vogel, der besonders laut und eifrig vor dem Fenster gesungen hat. Doch was ist mit der letzten Pflanze, an der man vorbeigelaufen ist? Welche Eigenschaften hatte sie, abgesehen davon, dass sie höchstwahrscheinlich grün war?

Pflanzen sind offensichtlich ganz anders als Tiere. Das führt dazu, dass sie oft übersehen oder als unwichtig erachtet werden. Studien zeigen, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene Bildern von Pflanzen viel weniger Aufmerksamkeit widmen als denen von Tieren. Die Fähigkeit, die häufigsten Pflanzen am eigenen Wohnort zu benennen, hat in den vergangenen Jahrhunderten stetig abgenommen. „Buche suche, Eiche weiche“, heißt es noch immer, aber dass man Buchen an ihrer glatten Rinde und Eichen an ihrer faltigen erkennt, dass Buchen meist in Wäldern stehen, die vor Gewittern Schutz bieten, und Eichen einsam auf Feldern, gerät oft in Vergessenheit. Wenn Biologiestudierende die Wahl haben, entscheiden sie sich häufiger für zoologische als für botanische Fächer. Ich selbst bin keine Ausnahme: Pflanzenphysiologie war für mich mehr Pflicht als Kür, und obwohl ich auch Kurse wie „Vertiefende organismische Botanik“ belegte, spezialisierte ich mich später auf die Evolution von Insekten, Spinnen und Krebsen.

Das wären nur Anekdoten, wenn sie nicht doch Konsequenzen hätten. Wenn man biologische Vielfalt nicht unterscheiden kann, wird sie zu einem gleichförmigen Hintergrundrauschen. Dann gerät in Vergessenheit, warum sie notwendig und besonders ist. Schutzprogramme für Pflanzen erhalten beispielsweise weniger Gelder als solche für Tiere. Dabei bilden Pflanzen die Grundlage für alles tierische Leben. Sie produzieren nicht nur Werkstoffe wie Holz, sondern auch Nahrung für Menschen und Tiere und vor allem lebenswichtigen Sauerstoff.

Bäume haben in der Wahrnehmung von Menschen immerhin einige Vorteile. Oft üben sie eine besondere Faszination aus, weil sie größer und älter werden können als alle anderen Lebewesen. Weil sie so imposant und mythenumrankt sind, werden sie gern herangezogen, wenn die Natur Stellvertreter braucht. »Ich glaube, wenn der Mensch an Natur denkt […], wenn man ihn schnell zwingt zu sagen: Denke an Natur, lass dir einen Begriff einfallen – er wird bestimmt zu 90 Prozent immer ›Baum‹ sagen […]«, äußerte der Künstler Joseph Beuys einmal in einem Interview. Bäume werden seit jeher besungen, fotografiert, gelobt – doch selten, wenn sie in direkter Nachbarschaft stehen. Giganten und Methusalems sind Eichen und Linden, die seit mehreren Hundert Jahren in Dorfzentren, einsam auf Feldern oder versteckt in Wäldern überdauern. Bäume in der Stadt sind dagegen oft nur „Straßenbegleitgrün“. Sie sollen Farbtupfer zwischen Beton und Asphalt sein, Schatten spenden und die Luft verbessern.

Dabei sind die Geschichten der Stadtbäume oft viel lebendiger als die ihrer Artgenossen auf dem Land oder im Wald. Stadtbäume erfüllen zwar selten Superlative. Sie sind alt, aber nicht die ältesten. Sie sind hoch, aber nicht die höchsten, geschweige denn die dicksten und selten die schönsten. Doch sie sind es, denen Menschen am häufigsten begegnen. Jeden Tag läuft man an ihnen vorbei, genießen Menschen ihren Schatten oder ärgern sich über die Vögel, die in ihren Zweigen nisten. In der Gegenwart des Straßenbaums in Prenzlauer Berg verbrachte ich viel längere Zeit meiner Kindheit als in der des Apfelbaums im Garten, an den ich mich lieber erinnere.

Unter den Kronen der Stadtbäume findet seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten Alltag statt. Sie sind Zeitzeugen von Königen, Kriegen, von Aufbruch und Neuanfängen. Viele von ihnen wurden gezielt gepflanzt: weil sie nützlich waren, selten oder modern. Manche von ihnen sind für ihre Besonderheiten bis heute bekannt. Andere gerieten in Vergessenheit und wurden zum Teil des grünen Hintergrundrauschens in der Stadt. Um die Geschichten der Bäume zu entdecken und sie zu erzählen, habe ich mit Förstern, Historikern, Stadtgrün-Angestellten und Enthusiasten gesprochen. Und ich besuchte die Bäume selbst, um zu verstehen, was sie ausmacht und wie sie und die Menschen mit ihnen leben.

Ihre Auswahl ist alles andere als vollständig. Sie orientiert sich nicht an Parametern wie Höhe oder Alter, die das Wesen eines Menschen genauso nichtssagend beschreiben, sondern an Anekdoten und Berichten. Manche von ihnen sind in der Umgebung ihres Standorts bekannt, doch oft verliert sich das Wissen um sie in anderen Teilen des Landes. Die Bäume, um die es in diesem Buch geht, sind in der Gegenwart abgebildet. Doch ihre Geschichten beginnen viel früher, manchmal vor mehreren Hundert Jahren. So war es zum Beispiel nur einem irrwitzigen Plan des Alten Fritz zu verdanken, dass einmal über eine Million Maulbeerbäume im damaligen Preußen gepflanzt wurden. Manche Zeugen aus dieser Zeit existieren heute noch, während Generationen von Menschen neben ihnen gelebt haben. Kastanien, die heute aufgrund neuer Schädlinge pflegeintensiv geworden sind, begründeten in München wegen ihrer einmaligen Eigenschaften vor über zweihundert Jahren die Biergartenkultur. Und auch Wilhelm I., König von Württemberg, ahnte nicht, dass seine Faszination für die neu entdeckten exotischen Mammutbäume 150 Jahre später das Stadtbild von Stuttgart völlig verändern würde.

Die Geschichten der Bäume zeigen, dass unsere Gestaltung von Natur in der Gegenwart immer Konsequenzen für die Zukunft hat. Wir werden nicht erleben, wie die Welt in zweihundert Jahren aussieht, und wir können nicht verändern, was unsere Umwelt zu dem gemacht hat, was sie ist. Aber die Bäume zeigen uns, dass wir in einer Welt leben, die jemand anderes einmal für sich und seine eigenen Bedürfnisse angepasst hat. Wenn wir sie sehen, blicken wir in die Vergangenheit und in die Zukunft zugleich.

 

Die Saat des Königs

Stuttgart | Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum) | 156 Jahre

Knöchelhohes Gras bedeckt den Boden. Schuppige Zweige winden sich durch die Halme: Abgeworfene Nadeln von den Baumriesen, die mich umringen. Wie rostrote Elefantenbeine dringen ihre Stämme aus der Erde. Sie sind so dick, dass meine Armspanne nicht ausreicht, um sie zu umfassen. Hier und da liegen knollige Zapfen verteilt. Ich nehme einen von ihnen in die Faust. Diese Bäume sind riesig, doch ihre Zapfen sind nicht mal so groß wie ein Hühnerei. In seinen Spalten entdecke ich winzige Samen: ovale Schiffchen mit Segeln zu beiden Seiten, kaum einen halben Zentimeter lang. Erst jetzt erkenne ich, dass sie überall verstreut liegen. Ich blicke auf. Spechte haben die Rinde vieler Bäume punktiert. Weit über mir schrauben sich lange, gebogene Äste die Stämme hinauf. An ihren Enden hängen Büschel von Nadeln in dunkelgrünen Quasten. Oben bilden die Kronen ein spitz zulaufendes Dach. Ich stehe in einer Kathedrale aus Bäumen.

Für einen Moment fühle ich mich nach Kalifornien versetzt. Sechs Jahre ist es her, dass ich den Sequoia-Nationalpark besucht habe. Eigentlich war ich auf der Suche nach bestimmten Insekten, die Fahrt in den Nationalpark war ein Abstecher. Dort, vier Autostunden südöstlich von San Francisco, findet sich eine weltweit einmalige Landschaft. Es ist die Heimat der Riesenmammutbäume, die zu den größten und ältesten Lebewesen der Erde gehören. Viele von ihnen sind mehr als tausend Jahre alt. Zwischen ihnen zu wandern machte mich stumm und ehrfürchtig. Unter den Kronen der Mammutbäume fühle ich mich heute wieder klein und verletzbar und zugleich beschützt und erhaben. Doch diesmal bin ich nicht in Kalifornien. Ich bin in Stuttgart.

Ich stehe im Mammutbaum-Hain der Wilhelma, dem botanisch-zoologischen Garten im Nordosten der Stadt. Es ist eine kleine Fläche, keine 100 Meter lang, kaum 50 Meter breit. Eng beieinander stehen hier Riesenmammutbäume, viele von ihnen über 30 Meter hoch. Das Wäldchen ist mit einem kniehohen Zaun abgesperrt. Normalerweise ist es nicht erlaubt, zwischen den Bäumen hindurchzugehen. Doch ich bin mit Micha Sonnenfroh hier, dem Fachbereichsleiter der Parkpflege, der mir die Bäume zeigt und von ihnen erzählt.

In keiner anderen Stadt in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa, kann man so viele Mammutbäume sehen wie in Stuttgart. Es sind die letzten der „Wilhelma-Saat“: Einst kamen die Riesen als Samen gemeinsam nach Baden-Württemberg. Mit ihren gut 150 Jahren sind die Bäume heute bei Weitem nicht so alt wie die in Kalifornien. In Europa gehören sie jedoch zu den ältesten und größten ihrer Art. Überall in der Stadt sind die Mammutbäume zu finden. Hier, in der Wilhelma, zog man sie alle einst heran. Die meisten der Bäume wurden über ganz Württemberg verteilt. Achtzig blieben in der Wilhelma. In dem Hain, in dem ich stehe, überdauern 35 von ihnen bis heute.

Wilhelm I., König von Württemberg, veranlasste 1864 das Pflanzen der Mammutbäume. Wenige Jahre zuvor waren europäische Entdecker in den dichten Wäldern im Nordosten Kaliforniens erstmals auf diese Bäume gestoßen. Es waren nie zuvor gesehene Baumriesen, deren Kronen im Himmel verschwanden und deren Stämme so dick waren, dass man sie nur in einer Kette von Menschen umfassen konnte. Staunend und überwältigt von den Giganten reagierten die Entdecker der Bäume äußerst menschlich: Sie holzten sie ab. 1853 fällten fünf Männer den Discovery Tree, einen besonders starken Baum. 29 Meter maß er im Umfang. Auf 1244 Jahre kam man beim Zählen seiner Jahresringe. 25 Tage brauchten die Männer, um ihn zu fällen. Noch heute kann man den zurückgebliebenen Baumstumpf besichtigen. Eine kleine Treppe ist in sein Holz eingelassen, damit man das Plateau erklimmen kann.

Im Europa des 19. Jahrhunderts klangen die Berichte von den Bäumen aus den USA mehr sagenhaft als glaubwürdig. So große Bäume gab es hier schließlich bei Weitem nicht. Doch einen Baum von fast 100 Metern Höhe und an die zehn Meter Durchmesser als Beweis mit dem Schiff über das Meer zu bringen, war unmöglich. Mit einem Trick gelang es trotzdem, in Europa Eindruck zu schinden. 1854 suchte man zwischen den kalifornischen Riesen einen ähnlich großen Baum wie den gefällten Discovery Tree aus und machte sich daran, seine Rinde auf 35 Metern Höhe abzunehmen. Die Rindenhülle wurde zerlegt, 1857 nach London verschifft und dort anlässlich der Weltausstellung wieder zusammengesetzt. Die Nachbildung der Mother of the Forest, der Mutter des Waldes, erregte viel Aufsehen, doch genauso viel Kritik. Denn man hatte ein mehr als tausend Jahre altes Leben für ein paar Wochen Show geopfert. Seiner Rinde beraubt, konnte sich der Baum nicht mehr mit Nährstoffen versorgen. Nur vier Jahre später verlor er seine komplette Krone und starb ab.

In der Zeit der Weltausstellung muss auch König Wilhelm I. von den neu entdeckten Bäumen erfahren haben. Über einen Saatguthändler ließ er Samen der Bäume bestellen. Für seine Beweggründe gibt es zwei Lesarten. Die erste ist romantisch: Mitte des 19. Jahrhunderts war es unter gut betuchten Menschen in Europa Mode, neu entdeckte exotische Baumarten in den eigenen Gärten und Anlagen zu pflanzen. Wilhelm I. war dieser Lesart nach wie viele seiner Zeitgenossen von den Berichten über die Mammutbäume so beeindruckt, dass auch er ausschicken ließ, um die gigantischen Exoten auf seinen Ländereien nachzuziehen.

Die zweite Lesart ist dagegen weniger romantisch als vielmehr pragmatisch. Denn die Regentschaft von Wilhelm I. war vor allem in ihrer Anfangszeit durch wirtschaftliche Krisen und Versorgungsnöte geprägt. Missernten sorgten für Hungerwinter, die der König durch Erlässe und Verordnungen abzumildern versuchte. Er reformierte die Landwirtschaft und interessierte sich für neue Züchtungen von Nutztieren, um die Erträge der Bauern zu verbessern. Hinzu kam ein Phänomen, über dessen Ausmaß Historiker streiten. Denn mit der Erfindung und dem Einsatz der Dampfmaschine zu Wilhelms Zeit stieg der Bedarf an Brennholz in ganz Europa – und damit auch in Württemberg.

Manche Historiker nehmen an, dass es sogar zu einer Holznot kam, weil Wälder schneller abgeholzt wurden, als sie nachwachsen konnten. Berichte über Bäume, die so groß und so massiv waren wie keine anderen, müssen in dieser Zeit verheißungsvoll geklungen haben. Vielleicht war es daher weniger Pflanzenliebe, die den König beim Erwerb der Mammutbäume antrieb, als vielmehr seine Erfahrung mit Versorgungskrisen und die Aussicht, schnell viel Brennstoff zu gewinnen.

Für 90 Dollar orderte er 1863 über einen Zuckerfabrikanten Samen in Kalifornien. Dabei passierte womöglich ein folgenschwerer Irrtum. Denn Wilhelm I. bestellte eigentlich nur „ein Lot“ Samen, was ungefähr 15 Gramm entsprach. Durch einen Übersetzungsfehler wurde jedoch aus „ein Lot“ im Englischen a lot, also „eine Menge“. Und die bekam er auch. Statt wenigen Gramm erhielt der König ein knappes Pfund Samen – fast zehntausend Stück.

Unbeeindruckt von der großen Zahl nutzten Wilhelms Gärtner das gesamte Saatgut für die Anzucht. In einem Geschäftsbericht von 1865 heißt es, dass man fünftausend junge Mammutbäume habe heranziehen können. Man setzte sie in den königlichen Schloss- und Gartenanlagen, verteilte sie in der Stadt und verkaufte die überschüssigen Bäume „zum billigen Preis“, „weil so viele Empfänger der Pflanzen, die sie unentgeltlich empfangen, geringer Aufmerksamkeit widmen als den erkauften“. Für die Pflege der jungen Mammutbäume gab es genaue Protokolle: Im Winter mussten sie vor Frost geschützt werden, im Sommer vor zu starker Sonnenstrahlung. Nicht alle Keimlinge überlebten die ersten Jahre. Viele weitere Bäumchen gingen in den folgenden Jahrzehnten verloren. Heute existieren noch 325 Bäume der Wilhelma-Saat, knapp 120 von ihnen stehen in Stuttgart. König Wilhelm I. erlebte all das schon lange nicht mehr. Nur wenige Monate, nachdem das Saatgut eingetroffen war, starb er. Die Bäume, zu deren Kronen man heute in der Wilhelma und an vielen anderen Orten in der Stadt aufschaut, hat er nur als winzige Keimlinge erlebt.

Wir treten noch einmal über den kleinen Absperrzaun des Wäldchens. Bäume, die man trotz Verbot anfassen kann, sind an ihren äußersten Schichten abgerubbelt von Händen der Parkbesucher und von den Bäuchen, die sich an der Rinde gerieben haben bei dem Versuch, einen Baum zu umarmen. An den Stellen leuchtet das Holz orangerot. Ich lege einen Finger auf die Borke. Sie lässt sich ein wenig eindrücken, wie ein fester Schwamm. Ich nehme den Finger weg. Sofort gewinnt sie ihre vorherige Form zurück.

Obwohl das Holz der Bäume so massiv und stark ist – einmal geschlagen, lässt es sich in großer Menge forstwirtschaftlich kaum nutzen, sagt Sonnenfroh. Er deutet in eine Ecke des Hains. Dort stehen drei Bänke in Form vergrößerter Mammutbaum-Samen, die einmal aus dem Holz der Bäume geschnitzt waren. Doch schon innerhalb kurzer Zeit mussten sie ersetzt werden, weil sie sich so abgenutzt hatten. Auch als Brennholz taugen die Bäume wenig, und ihre Rinde kokelt selbst bei großen Feuern nur an. In ihrer Heimat sind Mammutbäume regelmäßig natürlichen Waldbränden ausgesetzt. Sie machen das Unterholz für die Keimlinge der Riesen frei. In den natürlichen Mammutbaum-Wäldern Kaliforniens findet sich kaum ein altes Exemplar ohne Brandnarben.

Nicht nur gegenüber Feuer sind die lebenden Bäume unheimlich robust. Auch Sturm kann ihnen kaum etwas anhaben. Obwohl Mammutbäume relativ flache Wurzeln haben, kennt Sonnenfroh keinen Bericht von einem Baum, der allein durch starken Wind umgeworfen wurde. Nur Gewitter können ihnen gefährlich werden: Alte Mammutbäume, die einzeln stehen, überragen oftmals ihre Umgebung. Sie sind deshalb prädestiniert für Blitzeinschläge. An drei Bäumen der Wilhelma-Saat, die in Baden-Württemberg isoliert in kleineren Orten stehen, hat man deshalb eigene Blitzableiter angebracht. Hier in der Wilhelma schützen sich die eng gepflanzten Bäume jedoch gegenseitig. Nur Trockenheit wird für sie zum Problem, die entsteht, wenn über lange Zeit Regen ausbleibt. Im Sommer 2019 veranlasste Sonnenfroh deshalb, den Hain abzusperren, den Boden mit Einstichen zu belüften und den Bewässerungsbedarf gezielt zu kontrollieren. Trotzdem kommt es vor, dass einzelne Bäume absterben. Sie sind meist winzigen Pilzen zum Opfer gefallen, die zum Beispiel durch beschädigte Wurzeln in das Holz der Riesen eingedrungen sind und es seitdem von innen zersetzen.

Wie verlassen den Hain und laufen einen asphaltierten Weg entlang. Rechts und links von uns färben sich die Blätter langsam gelb. Es ist Oktober, in ein paar Wochen werden die Laubbäume ihre Blätter verloren haben. Dunkelgrün prangen zwischen ihnen die Nadeln von Küstenmammutbäumen. Sie sind hier viel kleiner als die benachbarten Riesenmammutbäume, weil sie erst später gepflanzt wurden. Doch einmal ausgewachsen, können sie die Riesenmammutbäume sogar überragen. 112 Meter misst der höchste Baum der Welt, ein Küstenmammutbaum. Bis zu 130 Meter hoch könnten sie werden, schätzen Forscher. Höher kann kein Baum wachsen, so die Vermutung, weil es dann physikalisch und biologisch unmöglich wäre, noch Nährstoffe in die Nadeln zu transportieren.

Immer wieder tauchen Eichhörnchen vor uns auf, die wild in den Grünanlagen leben. Rehe und Schweine leben in den Gehegen neben dem Mammutbaum-Hain. Nur wenige Besucher sind um diese Zeit hier. Tatsächlich kommen die meisten Leute nicht wegen der Pflanzen, sondern wegen der Tiere in die Wilhelma, sagt Sonnenfroh. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich den Eichhörnchen viel mehr Beachtung schenke als den Bäumen um uns herum.

Nach ein paar Schritten erreichen wir eine Aussichtsplattform. In einem Kessel erstreckt sich vor uns das Neckartal. Für die Mammutbäume der Wilhelma-Saat beginne nun eine spannende Zeit, sagt Sonnenfroh. Er deutet auf einen dunkelgrünen Hügel, der sich halbrund zwischen den Hausdächern erhebt. Ich finde einen weiteren und entdecke schließlich immer mehr, die aus der Stadt herauswachsen wie Pilze. Es sind die Spitzen der Mammutbäume aus der Wilhelma-Saat. Heute, nach über 150 Jahren, haben sie eine Höhe erreicht, in der sie nach und nach die Häuser um sich herum überragen. Sie werden zu unübersehbaren Landmarken, die das Stadtbild von Stuttgart stetig verändern. Sonnenfroh zeigt auf einen Punkt am gegenüberliegenden Rand des Kessels. Dort, in der Grabkapelle auf dem Württemberg, hat man König Wilhelm I. neben seiner zweiten Frau Katharina beigesetzt. Ein wenig abseits erkennt man eine dreieckige Silhouette, die das Haus überragt. Es ist ein weiterer riesiger Mammutbaum aus der Wilhelma-Saat, der hier zum Andenken an den König gepflanzt wurde.

Caroline Ring

Über Caroline Ring

Biografie

Caroline Ring, Jahrgang 1985, studierte Biologie mit Schwerpunkt Evolutionsbiologie in Hamburg und Berlin. Nach Stationen im Berliner Naturkundemuseum, der Financial Times Deutschland und im Wissensressort der Welt arbeitet sie heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin....

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P.M.

„Dieses Buch ist eine sehr gelungene Würdigung der stillen grünen Helden vor unserer Haustür.“

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