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Bleib, wo du bist

Bleib, wo du bist

Mareike Krügel
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Roman

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Bleib, wo du bist — Inhalt

Unversehens gerät Matthias Harms, Psychotherapeut, bei einer Tagung in Südtirol an seine Grenzen: Eine scheinbar harmlose Begegnung mit einer Frau aus seiner Heimatstadt weckt Erinnerungen an seine viel zu früh verstorbene Schwester und ihre gemeinsame Kindheit im strengen Elternhaus. Matthias ist im Innersten erschüttert und verliert sämtliche Gewissheiten. „Bleib wo du bist“ changiert geschickt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mit trockenem Witz und einem wunderbaren Sinn für Situationskomik zeichnet Mareike Krügel das berührend-dramatische Psychogramm eines vermeintlich souverän geerdeten Mannes.

„Sie hat einen sehr genauen Blick für Alltags-Skurrilitäten und das gibt dem Roman einen ganz besonderen Charme.“ Rainer Moritz, NDR Kultur

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 15.03.2021
240 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31251-6
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„Inmitten der Südtiroler Postkartenidylle gerät ein Hamburger Psychologe unvermutet in eine tiefe Sinnkrise“ Deutschlandfunk
Deutschlandfunk

Leseprobe zu „Bleib, wo du bist“

Erster Teil
Der Fisch im Wasser


1

Schon von Weitem fallen die Unmengen an Speck auf, in Streifen, Stücken und Scheiben auf den silbernen Vorlegeplatten des Büffets. Der ganze Saal ist in traniges Gelb getaucht, die tief hängenden Tiffanylampen brennen, obwohl es draußen noch gar nicht dunkel ist. Über der Tür das geschnitzte Holzschild mit der Aufschrift Große Laugenspitze, auf dem Fußboden ein burgunderfarbener Teppich, dunkelbraune Täfelung an den Wänden. Matthias Harms hat kurz das Gefühl, direkt in einen Albtraum hineinzuspazieren. Er wünschte, Günther [...]

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Erster Teil
Der Fisch im Wasser


1

Schon von Weitem fallen die Unmengen an Speck auf, in Streifen, Stücken und Scheiben auf den silbernen Vorlegeplatten des Büffets. Der ganze Saal ist in traniges Gelb getaucht, die tief hängenden Tiffanylampen brennen, obwohl es draußen noch gar nicht dunkel ist. Über der Tür das geschnitzte Holzschild mit der Aufschrift Große Laugenspitze, auf dem Fußboden ein burgunderfarbener Teppich, dunkelbraune Täfelung an den Wänden. Matthias Harms hat kurz das Gefühl, direkt in einen Albtraum hineinzuspazieren. Er wünschte, Günther wäre mitgekommen, wie er es vorhatte, der würde jetzt sicher eine richtig bissige Bemerkung zu der ganzen Szenerie machen und ihn damit aufmuntern. Die Zugfahrt von Hamburg war nicht gerade optimal verlaufen. Ein verpasster Anschluss wegen eines Schwindelanfalls auf der Bahnhofstoilette verlängerte die Fahrt unnötig, später ein ausgedehntes Herumstehen auf freier Strecke aufgrund eines Personenschadens, die Telefonverbindung war ständig unterbrochen, und ein Gespräch mit seiner Mutter konnte er beim besten Willen nicht zu Ende führen. Daran waren die Berge schuld, die Tunnel, das schlechte Wetter unterwegs. Immerhin war er rechtzeitig zur Eröffnungsveranstaltung im Hotel eingetroffen, nur hatte er eben noch keine Zeit gehabt, ein Bad zu nehmen und sich die Nacht im Zug abzuspülen wie ursprünglich geplant. Das Gute ist, dass er durch die längere Fahrt auch mehr arbeiten konnte. Außerdem scheint in Meran die Sonne, es ist unerwartet warm. Und schließlich hat er sich auf das Wochenende in den Bergen ja durchaus gefreut.
Ein Kollege, den er bereits von anderen Tagungen kennt, kommt auf ihn zu, Hermann Manfred, oder auch Manfred Hermann, er kann sich das einfach nicht merken. Der begrüßt ihn, als wären sie schon immer dicke Freunde gewesen, zieht ihn am Ärmel hinter sich her in den Saal, und Matthias ist zu gut erzogen, um sich dagegen
zu wehren.
Hermann Manfred fi ndet einen Tisch in einer Ecke für sie beide, und Matthias schiebt sich folgsam auf eine Holzbank mit losen Kissen, die sofort verrutschen. Nach und nach füllt sich der Saal.
Zu ihnen setzen sich drei weitere Herren, einer auf die Bank, zwei auf die Stühle, Vorstellen, Händeschütteln. Matthias hört Hermann Manfreds Namen in der richtigen Reihenfolge und vergisst sie sofort wieder, keiner von ihnen am Tisch trägt die Namensschilder, die im Zimmer bereitlagen. Dann sitzen sie alle da und warten, dass es losgeht, mit weit auseinander gestellten Beinen, verschränkten Armen, Kinn auf der Brust, wie Platzhirsche, und Matthias freut sich heimlich, als er sieht, dass die Kellnerin, die kommt, um Getränkebestellungen aufzunehmen, tatsächlich eine lederne Hirschapplikation auf ihrem Rock hat und Hornknöpfe an der Bluse. Sie bestellen alle Bier. Der Programmpunkt dieses Abends heißt „Geselliges Beisammensein“.
Manfred Hermann dreht sich auf seinem Sitzkissen hin und her, späht an den anderen vorbei in den Saal und sagt: „Es sind ganz schön wenig Frauen hier.“
„Auf so einer Tagung hat man eben nichts zu suchen, wenn man mit seinen Patienten immer einer Meinung sein will“, sagt Matthias. Es soll ein Witz sein, aber die Platzhirsche nicken zustimmend. Daraufhin hält er lieber erst mal den Mund. Es ist zu warm, man kommt ins Schwitzen, der Lärm ist beträchtlich – offensichtlich ist ihr Tisch der einzige, an dem Schweigen herrscht. Das Bier kommt und sorgt für Beschäftigung. Auf den Gläsern sind Tannenbäume abgebildet.
Zur Erleichterung der geselligen Runde werden irgendwann die Ziehharmonikatüren zwischen Speisesaal und Lobby zugezogen, und jemand klopft an ein Glas. Ein Mann erhebt sich, er trägt eine Lodenjacke und hält eine kleine Eröffnungsrede. Matthias kennt ihn, sie haben miteinander telefoniert, Huber heißt er, und er leitet diese Tagung. Er grinst viel, während er spricht, fummelt sich im Gesicht herum und behält die ganze Zeit eine Hand in der Hosentasche. An der Sprachmelodie und den Konsonanten hört man deutlich, dass er aus der Gegend kommt. Er bittet darum, auch das Rahmenprogramm zu beachten, stellt besondere Gäste vor – für jeden Tag ist ein Mittagsredner eingeladen –, und alle Köpfe drehen sich, als er in Matthias’ Richtung deutet. Nachdem er ein paar Veränderungen im Ablauf aufgezählt hat, macht er einen Witz – Wie viele Psychologen braucht man, um eine Glühbirne einzudrehen? – und fordert zum Schluss alle auf, sich reichlich vom Speck zu bedienen, und für den Fall, dass er irgendjemandem noch nicht aufgefallen ist, wedelt er mit den Armen Richtung Büffet. Er nimmt sich sogar einen Moment, um dessen Herstellung zu erläutern: besonderes Räucherverfahren, Lufttrocknung, Edel schimmel, ganzer Schinken, heimisches Schwein. Es gibt Applaus, dann beginnt die Geselligkeit offi ziell. Im Hintergrund dudelt Musik.
Matthias hat keinen rechten Appetit, aber die anderen sind bereits aufgestanden, um sich am Büffet anzustellen, und so allein am Tisch kommt er sich verloren vor. Mit einem Teller in der Hand geht er langsam an den Servierplatten vorbei, er hat keine Ahnung, was er sich nehmen soll. Speck ist eigentlich nichts für ihn, aber er nimmt sich pflichtschuldig ein paar grob heruntergesäbelte Scheiben; der Salat mit Gemüsestückchen und reichlich Mayonnaise besteht zu fünfzig Prozent aus Perlzwiebeln. Die Butterstücke, in Form von Kleeblättern ausgestanzt, kommen aus dem Tiefkühler und schwitzen Wasser aus. Die panierten Schnitzel sind natürlich längst kalt, die Salatkomponenten zum Selber-Zusammenstellen sind großenteils eingelegt und riechen säuerlich (grüne Bohnen, Krautsalat, rote Bete).
Am Ende hat er im Wesentlichen Brot auf seinem Teller, eine Scheibe von dem Mischbrot, das so groß ist wie ein Autoreifen, einen trockenen Fladen mit hubbeliger Oberfläche, von dem er hofft, er werde wie Knäckebrot schmecken, und eine Hälfte von einem flachen, runden Brot, das diverse Gewürze enthält. Er meint, es aus einem Urlaub seiner Kindheit zu kennen, den er mit seiner Familie hier verbracht hat. Er weiß noch, dass sein Vater damals bei einer Wanderung für alle drei Kinder mit seinem Filzhut Wasser schöpfte, als sie an einer Quelle Rast machten. Die Wanderung war mörderisch gewesen. Sonst erinnert er sich an fast nichts mehr. Das Ganze ist gut vierzig Jahre her.
Zum Essen sitzen wieder alle auf ihren Plätzen in der Ecke, die Kellnerin bringt eine neue Runde Bier, einer der Herren am Tisch deutet auf Matthias’ Teller und sagt: „Das nenne ich eine ausgewogene Ernährung.“
Matthias schmunzelt freundlich und überlegt währenddessen, wie der Mann heißt. Er hat den Namen vorhin nicht verstanden, weil er so genuschelt wurde.
„Sie sind das also“, sagt ein anderer, der sich wenigstens verständlich als Geierhofer vorgestellt hat, ein Kollege aus Österreich mit einem bemerkenswert glatt rasierten Gesicht, das Hemd bis obenhin zugeknöpft, aber ohne Krawatte. „Der mit den Zwängen. Ich habe neulich diesen Aufsatz von Ihnen gelesen.“
„Wie schön“, sagt Matthias. Er hat Brot im Mund.
„Ist das dann auch morgen Ihr Thema? Beim Vortrag?“
„Welcher Aufsatz war es denn?“
Geierhofer sieht für einen Moment irritiert aus, dann zieht er den rechten Mundwinkel hoch – seine linke Gesichtshälfte bleibt den gesamten Abend über weitgehend unbewegt – und sagt: „Ganz ehrlich, ich kann mich nicht erinnern. Es kam eine Frau drin vor und eine Menge Abkürzungen.“
„Den hab ich auch gelesen“, sagt der Nuschelnde.
„Wo ist denn dann der Vortrag morgen?“, fragt Hermann Manfred.
Matthias überlegt. „Im großen Konferenzraum. Der heißt wie ein Pferd, glaube ich.“
„Hafling“, sagt der Nuschelnde.
„Das ist ein Pferd?“, sagt Geierhofer. „Für mich klingt das eher nach einem Hobbit.“
Danach geht das Gespräch leichter. Sie einigen sich alle bald auf das Du, wobei Geierhofer ihnen den Vornamen verschweigt, er ist ihm offensichtlich peinlich. Matthias’ Vorsatz, nicht zu viel zu trinken, ist nach dem dritten Bier unwichtig geworden. Er braucht die Flüssigkeit, er hat viel zu wenig Butter und Aufschnitt für seinen Brotberg, und keines der Brote, die er sich geholt hat, ist auch nur annähernd als saftig zu bezeichnen.
Der Fünfte, der mit ihnen am Tisch sitzt, ist ruhig und zurückhaltend, jünger als sie alle, ein drahtiger, hoch gewachsener Mann mit blondem Schnurrbart (vermutlich schwul). Er heißt Thomas, hat ihnen aber angeboten, ihn Tommy zu nennen, er ist Schweizer, hat trotzdem kaum Akzent und wohnt in Köln, was Matthias nicht überrascht. Er tut alles erkennbar maßvoll: isst nicht zu viel und nicht zu schnell, hält sich länger als die anderen an seinem Bier auf. Er befi ndet sich in der Therapeuten-Ausbildung, kurz vor dem Abschluss. In einer Gesprächspause wendet er sich an Matthias: „Du bist also vollkommen spezialisiert auf Zwänge, wenn ich das richtig verstehe.“
„Das verstehst du richtig.“
„O Gott, wie anstrengend.“ Thomas kichert etwas albern. „Ich hatte vor einiger Zeit einen Fall, da hab ich erst gar nicht gemerkt, dass das ein Zwängler ist, das war ziemlich schrecklich. Der hat die ganze Zeit mit mir diskutiert, und ich fürchte, er war einfach zu intelligent für mich.“
„Das kenne ich“, sagt Hermann Manfred.
Matthias lacht laut auf.
„Trotzdem – irgendwie hat es mich auch fasziniert“, sagt Thomas.
„Zwangspatienten sind eine Pest“, sagt Geierhofer.
„Jawohl“, sagt Hermann Manfred.
„Ich finde sie faszinierend“, sagt Thomas.
„Das wissen wir schon“, sagt Geierhofer.
Matthias senkt den Kopf, damit die anderen sein Grinsen nicht sehen. Dieser Geierhofer mit seinem halben Gesichtsausdruck gefällt ihm immer besser. Irgendwie verliert er den Faden, während die anderen sich über einen konkreten Fall unterhalten, den Fall des Schweizers. Das passiert Matthias normalerweise nicht. Aber ihm gegenüber sitzt Hermann Manfred und isst mit großem Appetit von dem Mayonnaise Salat mit den Perlzwiebeln, schaufelt mechanisch die Scheußlichkeit in sich hinein und kaut mit mahlenden, von außen gut sichtbaren Bewegungen. Matthias kann seinen Blick nicht abwenden.
Auf einmal hört er Geierhofer laut sagen: „Wir werden die nächsten drei Tage hier nur über Zwänge reden. Wenn wir nicht jetzt auf der Stelle ein anderes Thema finden, gehe ich auf mein Zimmer und dusche mich mit Desinfektionsmittel.“
Die Kellnerin kommt mit einer neuen Runde. Matthias ist jetzt auch wieder bei der Sache. Wie es aussieht, hat er Glück mit seinen Tischgenossen, er hat das Gefühl, dass er an diesem Abend wahrscheinlich nicht mehr aufstehen und sich angenehmere Gesellschaft wird suchen müssen. Vorausgesetzt, niemand redet über Politik und Hermann Manfred holt sich keine zweite Portion Salat.
Der nuschelnde Mensch, der ziemlich dünnes Haar hat, abgesehen von einem etwas dichteren Büschel über der Stirn, und sich regelmäßig erst die Mundwinkel und dann die schwitzende Kopfhaut mit seiner Stoffserviette abtupft, kommt aus Bayern und erweist sich als ziemlich guter Witzeerzähler mit schier unerschöpflichem Repertoire. Leider geht manches davon in seinem Genuschel unter, aber Matthias amüsiert sich trotzdem, weil er schon die Art dieses Mannes, bereits vor den Pointen selber loszuplatzen, komisch findet.
Irgendwann, während die anderen gerade für einen Nachtisch anstehen, bleibt Matthias’ Blick am Hintern der Kellnerin hängen, die sich soeben nach etwas bückt, und dabei fällt ihm Boxli ein, an den hat er seit Jahren nicht mehr gedacht. Als sich neben ihm der schnurrbärtige Thomas wieder auf die Bank fallen lässt und unentschlossen eine einsame Scheibe Früchtebrot auf einem Tellerchen anstarrt, bekommt Matthias plötzlich Lust, von ihm zu erzählen. „Ich hatte mal einen Hund, der war auch Schweizer. Ein Boxer“, sagt er.
„Ach so?“, fragt Thomas. „Und wieso war der Schweizer?“
„Er ist uns zugelaufen, als wir im Urlaub waren. Wir mussten ihn über die Grenze schmuggeln.“
„Wir hatten früher auch immer einen Hund, einen nach dem anderen, alles Mischlinge“, sagt Thomas. „Mein Lieblingshund hieß Bello. Ich hab das damals für einen originellen Namen gehalten.“
„Unserer hieß eigentlich Max, nach Max Schmeling. Aber weil er Schweizer war, hat meine Frau ihn immer Boxli genannt.“
„Und jetzt ist er tot?“
„Ja, schon lange. Wir haben uns danach keinen neuen mehr angeschafft. Wir mussten ihn einschläfern lassen.“
„Warum?“
Matthias entdeckt ein paar Krümel am Grund seines Bierglases, er schwenkt es hin und her, um zu gucken, ob sie sich womöglich auflösen. „Ich weiß es nicht mehr. Er war krank, nehme ich an.“
Thomas sagt: „Von unseren ist einmal einer totgefahren worden.“
„Jedenfalls musste es sein“, sagt Matthias und trinkt sein Glas in einem Zug leer, inklusive Krümel.
„Das war nicht mal eine viel befahrene Straße. Und dann auch noch Fahrerflucht. Ich habe einen dumpfen Aufprall gehört, da war ich gerade in der Küche, ich weiß das noch genau, und als ich rausging, um zu gucken, was da los war …“
„Hunde haben ja früher oder später immer irgendwas“, sagt Matthias.
Dann kehrt der Österreicher Geierhofer an den Tisch zurück, ebenfalls mit Früchtebrot, kurz darauf Hermann Manfred, der stolz seinen Teller mit einem zerlaufenen Häufchen Nachtisch vorzeigt und verkündet, er habe das letzte Tiramisù ergattert. Der nuschelnde Bayer bleibt verschollen, die Kellnerin kommt, um die leeren Gläser einzusammeln, sie bestellen eine weitere Runde, und Matthias verschiebt den Gedanken an Boxlis wackeliges Hinterteil in den Bereich seines Gehirns, der für die Archivierung sentimentaler Erinnerungen zuständig ist. Er schaut sich  um, betrachtet die Tiffanylampen und beschließt, noch vor dem Schlafengehen sein verpasstes Bad nachzuholen. Er trinkt das frische Bier zügig.
Hermann Manfred klopft ihm mit dem Dessertlöffel auf den Handrücken. „Was ist denn eigentlich mit deinem Freund, Günther Soundso? Der hatte sich auch hier angemeldet, stimmt’s? Und ihr kommt doch meistens zusammen.“
Matthias zieht seine Hand weg und wischt sie unauffällig am Tischtuch ab. „Er kann nicht, seine kleine Freundin hat ihn dabehalten, die ist schwanger und muss abends immer kotzen.“
„Abends?“, fragt Geierhofer.
„Also ich kotz lieber allein“, sagt Hermann Manfred.
In diesem Moment kommt der nuschelnde Bayer vorbeigerauscht, sein Gesicht ist voller roter Flecken, sein Blick hat etwas Irres. Er beugt sich zu Matthias herunter und flüstert ihm nicht gerade leise ins Ohr: „Siehst du die Frau dahinten? Ich glaube, die schleppt mich gerade ab. Die kenne ich von ›Borderline und neue Medien‹. Die nimmt immer gleich ein Doppelzimmer, wenn du weißt, was ich meine.“
„Die kenn ich auch“, sagt Geierhofer. „Und ich weiß, was du meinst.“ Aber der Bayer ist bereits weg.
Matthias lacht. Er fängt an, sich richtig wohlzufühlen, und ist froh, dass er die Einladung zu dieser Tagung angenommen hat. Zum mindestens dritten Mal an diesem Abend hört er aus irgendeinem unsichtbaren Lautsprecher den „Anton aus Tirol“. Unwillkürlich summt er mit, hört aber gleich wieder auf, denn neben ihm beginnt Thomas zu singen, Geierhofer fällt ein, die beiden grölen immer lauter, schließlich stehen sie von ihren Plätzen auf, legen sich gegenseitig einen Arm um die Schulter und lehnen die Köpfe aneinander. „Unsre gigaschlanken Wadln san a Wahnsinn für die Madln …“, singen sie. Hinterher verbeugen sie sich, Geierhofer setzt sich, aber Thomas bleibt stehen und versucht sich am nächsten Lied. Offensichtlich kennt er es nicht, denn er improvisiert Text und Melodie. Am Ende entschließt er sich, seine Darbietung mit einem inbrünstigen, lang gehaltenen Opernarienton zu beenden, dabei breitet er seine Arme aus und wölbt die Brust, Matthias und die beiden anderen können sich kaum noch halten vor Lachen, Geierhofer kippelt gefährlich mit dem Stuhl und Hermann Manfred haut mit der flachen Hand vor Vergnügen auf die Tischplatte.
Später bestellen sie Grappa. Die Kellnerin schwitzt und riecht nach Weichspüler, Matthias betrachtet den aufgenähten Hirsch an ihrem Rock und überlegt, ob Anke so etwas mögen würde. Ihm fällt ein, dass er vergessen hat, sie nach seiner Ankunft anzurufen, aber das macht nichts. Es ist nicht wichtig. Sie verstehen sich auch so. Und obwohl sie gestern etwas merkwürdig war und kaum geredet hat, so wird er sich davon jetzt ganz sicher nicht die Laune verderben lassen, es ist morgen noch früh genug, um miteinander zu sprechen und Sachen zu klären, und außerdem ist er jetzt gar nicht mehr in der Verfassung, er hat die Biere nicht gezählt.

Mareike Krügel

Über Mareike Krügel

Biografie

Mareike Krügel, 1977 in Kiel geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Förderpreis der Stadt Hamburg und den Friedrich-Hebbel-Preis. Sie ist Mitglied des PEN Deutschland. Nach „Die Witwe, der Lehrer, das Meer“ (2003), »Die Tochter...

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