Thomas Klupp neuer Roman
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»Wie ich fälschte, log und Gutes tat«

Der neue Roman von Thomas Klupp

Freitag, 24. August 2018 von Piper Verlag


Thomas Klupp nominiert

Wir freuen uns über die Nominierung von Thomas Klupps Roman »Wie ich fälschte, log und Gutes tat« für den Bayerischen Buchpreis 2018!

In den Kategorien Belletristik und Sachbuch werden jeweils drei Bücher nominiert. Die Jury, bestehend aus Dr. Svenja Flaßpöhler (Philosophie Magazin), Sandra Kegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Knut Cordsen (Bayerischer Rundfunk), diskutiert am 6. November ab 19 Uhr vor geladenem Publikum über die sechs Bücher und entscheidet live über die Preisträgerinnen und Preisträger.

Im Berlin Verlag liegen von Thomas Klupp bisher vor: »Paradiso« (2009) und »Wie ich fälschte, log und Gutes tat«.

Was tun, wenn einen der Teufelskreis aus Lügen gefangen hält und nur der nächste Schwindel rettet? Ganz klar: weitermachen! Den neuen Klupp zu lesen ist, wie ungebremst auf einen Abgrund zuzurasen - und sich darüber zu freuen.

»Wie ich fälschte, log und Gutes tat« ist eine Fälscherbibel als Gesellschaftsroman – hellsichtig, schamlos, voller schwarzem Humor. Der neue Roman von Thomas Klupp, dem Autor des gefeierten »Paradiso«, versetzt den Leser in die deutsche Provinz und wird alle Fans von Coming-of-Age-Romanen wie »Tschick« begeistern. 

Haben wir Ihr Interesse geweckt? In unserem Interview beantwortet Thomas Klupp Fragen zur Entstehung seines Romans. Hier weiterlesen!

Sie konnten von »Wie ich fäschte, log und Gutes tat« gar nicht genug bekommen? Hier finden Sie hier die exklusiven Deleted scenes!

Thomas Klupp live! Hier finden Sie die Videos und Termine für seine Lesungen!

Über den Roman

Es gibt Bücher, auf die wartet man gerne in der Überzeugung, dass sie von herausragender Qualität sind. Seit seinem Erfolgsdebüt »Paradiso« gilt Thomas Klupp als eine feste Größe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Jetzt ist sein neues Werk endlich da: »Wie ich fälschte, log und Gutes tat« erscheint am 4. September im Berlin Verlag, und nicht nur wir sind begeistert, diese Veröffentlichung wird quer durch die Republik hoffnungsfroh erwartet: Bei renommierten Literaturfestivals wie der LiteraTour Nord, der LitRuhr und dem Erlanger Poetenfest, in Literaturhäusern und vielen Buchhandlungen wird Thomas Klupp seinen neuen Roman vorstellen.

Er führt eine doppelbödige Geschichte der kleinen und großen Lügen unserer optimierungswütigen Leistungsgesellschaft vor, fasziniert folgt man Benedikt Jäger und seinen Freunden Vince und Prechtl in ihre Abgründe und in die Abgründe einer ganzen Stadt. »Wie ich fälschte, log und Gutes tat« ist ein weiser wie witziger Coming-of-Age-Roman im Hochgeschwindigkeitsrausch erzählt, ausgestattet mit Qualitäten, die schon an Wolfgang Herrndorfs Welterfolg »Tschick« begeisterten. Eine mitreißende, kurzweilige Lektüre, ein tief wirkender Lesespaß auf höchstem sprachlichem Niveau. Thomas Klupps neuen Roman zu lesen ist, wie ungebremst auf einen Abgrund zuzurasen – und sich darüber zu freuen.

Benedict Wells, ein Autorenkollege, der es wissen sollte, hat es auf den Punkt gebracht: »›Wie ich fälschte, log und Gutes tat‹ ist pointiert, witzig, manchmal böse, funkelnd. Diese Geschichte ist nicht weniger als die in Worte gegossene Jugend; man liest sie und ist wieder sechzehn, mit dem angenehmen Wissen, nicht mehr sechzehn sein zu müssen. Ein herrliches Buch.«

Dem kann ich mich nur anschließen und wünsche viel Spaß bei der Lektüre!

(Andreas Paschedag, Programmleiter deutsche Belletristik, Berlin Verlag)

Blick ins Buch
Wie ich fälschte, log und Gutes tatWie ich fälschte, log und Gutes tat

Roman

Weiden ist eine Vorzeigekleinstadt: Die Wirtschaft brummt, von den Lady-Lions gibt es Charity-Barbecues für Flüchtlinge, die Oberschule ruft eine Leistungsinitiative in den MINT-Fächern aus, die Tennisjugend gewinnt das Landesfinale, und mit dem neuen Schuljahr prangt von jeder Wand ein Antidrogenplakat der Champions mit dem Slogan: »Geh ans Limit! Ohne Speed!«. Benedikt Jäger und seine Kumpel Vince und Prechtl sind nicht nur mittendrauf zu sehen, sie stecken auch mittendrin in dieser schönen Welt, die alle Abgründe vertuscht: Die Nächte feiern sie exzessiv im »Butterhof«, wie sie ihre Schulleistungen am neuen Evaluierungssystem vorbei vor den erfolgsgierigen Eltern verbergen, steht in den Sternen. Und dass die Lady-Lions ausgerechnet Crystal-Mäx, den Unterweltkönig und berüchtigten »Butterhof«-Betreiber, mit einer Finanzspritze beim Bau von Flüchtlingswohnungen unterstützen, macht die Lage noch unübersichtlicher ... Anarchisch und pointensatt im Hochgeschwindigkeitsrausch erzählt, getragen von bitterbösem Humor – ganz großes Tennis!   »PARADISO war für mich einer der besten deutschen Romane der letzten zehn Jahre. In neun davon habe ich auf ein neues Buch von Thomas Klupp gehofft, und das Warten hat sich mehr als gelohnt. WIE ICH FÄLSCHTE, LOG UND GUTES TAT ist pointiert, witzig, manchmal böse, funkelnd. Diese Geschichte ist nicht weniger als die in Worte gegossene Jugend; man liest sie und ist wieder sechzehn, mit dem angenehmen Wissen, nicht mehr sechzehn sein zu müssen. Ein herrliches Buch.« Benedict Wells   »Endlich wieder Arztsohnprosa!« Florian Kessler
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Kapitel 1

13. September

Heute war der beste erste Schultag ever. Weil ich nämlich nicht in der Schule war. Statt im Unterricht zu sitzen, bin ich Ballon gefahren. Hundert Prozent legal sogar. Ich hätte nie gedacht, mal was Gutes über Heckmann zu sagen, weil er als Coach ja ein Totalausfall ist, aber auf sein Wort ist Verlass. Vor dem Landesfinale im Sommer hat er zu uns gesagt: »Jungs, wenn ihr den Titel holt, dann hebt ihr zum Schulstart ab« – und heute war Schulstart, und wir hoben ab. Vince meint, dass Heckmann die Ballonfahrt aus eigener Tasche bezahlt, weil er wegen uns bald befördert wird, aber das glaube ich nicht. So eine Fahrt kostet locker 500 Euro, und so viel Geld wirft nicht mal der dümmste Lehrer zum Fenster raus. Das Geld stammt bestimmt aus dieser Champions- oder Performancekasse oder wie auch immer die Kasse heißt, die die Fürstenberg letztes Jahr eingeführt hat, um öffentliche Spitzenleistungen für die Schule zu belohnen. Und ein 4 : 2 gegen die Oberhachinger Internatsficker, die auf ihrer Tennisbase täglich zwölf Stunden trainieren … definitiv Spitzenleistung. Öffentliche Spitzenleistung im Quadrat.

 

Jedenfalls: die Ballonfahrt. Die war top. Umso mehr, weil sie um ein Haar ohne uns stattgefunden hätte. Erst konnten wir nämlich den Startplatz nicht finden. Der Ballon sollte auf einer Wiese bei Auerbach starten, aber kaum waren wir aus Weiden raus und fuhren auf die B 470, zog Nebel auf. Frühnebel oder Bodennebel – so viel und so dichter Nebel jedenfalls, dass Heckmann den Schulvan auf 40 km/h runterbremsen musste. In den Kurven sogar auf 20. Und selbst das war noch flott. Trotz der Nebelscheinwerfer, die so aggressiv ins Weiß reinblendeten, konnte man kaum die Mittelstreifen erkennen, und obwohl wir durch den Manteler Forst fuhren und ringsherum Millionen von Tannen wuchsen, habe ich die ganze Fahrt über keinen einzigen Baum gesehen.

 

Bartels, der vor mir auf der Mittelbank saß und ziemlich Höhenangst hat, maulte dauernd rum, dass in der Suppe da draußen eh kein Ballon starten würde und wir besser gleich umkehren und zur Schule zurückfahren sollten. Prechtl verpasste ihm daraufhin ein paar Kopfnüsse der Marke Schädelbasisbruch, und Vince starrte wie hypnotisiert aus dem Fenster und murmelte in einer Tour: »Leben im Nebel, Life is evil, aha.« Für die Uhrzeit, es war höchstens Viertel nach sieben, gar kein so schlechter Spruch.

 

Ohne Jiří, der wie üblich vorn auf dem Streberplatz neben Heckmann saß, hätten wir die Ballonwiese vermutlich nie entdeckt. Aber Jiří hat Adleraugen. Als wir zum dritten Mal am Auerbacher Ortsschild vorbeikommen, streckt er plötzlich den Arm aus und ruft: »Herr Heckmann, da drüben, ich sehe was.« Keiner von uns anderen konnte auch nur das Geringste erkennen, Heckmann reißt trotzdem das Steuer rum und fährt Jiřís ausgestrecktem Arm hinterher. Wir rumpeln durch den Straßengraben, dann querfeldein über eine Wiese, und während unten die Gräser am Bodenblech kratzen, wird es tatsächlich heller. Erst sind nur Schemen zu erkennen, doch dann taucht ein Ballonkorb aus dem Nebel auf.

 

Der Korb steht im feuchten Gras und wird von den Scheinwerfern eines Pick-ups angestrahlt, der am Rand eines Feldwegs parkt. Um den Korb herum patrouillieren zwei von Kopf bis Fuß in Camouflagemontur gekleidete Typen und zerren an Seilen, die sich nach oben im Dunst verlieren. Ein dritter Camouflagetyp steht im Korb und befingert ein kanonenrohrdickes Metallteil über seinem Kopf. Mit jedem Meter, den wir näher kommen, sieht das Ganze verbotener aus. Eher nach Schleuserbande oder Waffenschmuggel, aber ganz bestimmt nicht nach Schulausflug. Umso mehr, weil die Typen schwarze Gesichter haben. Also, die sind nicht angemalt, sondern naturschwarz sozusagen. Was an sich völlig in Ordnung ist. Ich bin null Prozent ausländerfeindlich, aber in dem lichtzerfressenen Dunst leuchten die Gesichter irgendwie extradunkel und wirken extrem bedrohlich auf mich.

 

Ich stoße Vince an und will ihm was sagen, aber plötzlich bricht draußen ein Fauchen los. Als würden tausend Katzen im Chor um die Wette fauchen, so ein Fauchen ist das, und dazu schießt eine Stichflamme aus dem Metallteil raus. Jedes Lagerfeuer ein Witz dagegen. Die Flamme schießt baumhoch in die Luft, wird auf halber Strecke von der Ballonhülle geschluckt, die im Nebel jetzt blutrot aufglimmt und wie ein riesiges, todbringendes Alienherz über uns wabert, und obwohl wir im Van sitzen, angeschnallt und alles, reißen wir instinktiv die Arme vors Gesicht.

 

»Alter Schwede«, flüstert Prechtl, als der Brenner wieder erlischt, »ist ja voll Irak da draußen«, und Vince sagt: »Und wir haben auch noch die Pussy-Anzüge vom Fehr an.« Womit er leider ins Schwarze trifft. Wir alle, sogar Heckmann, tragen wegen des Fototermins nachher die Trainingsanzüge von Sport Fehr. Und die sind rosa. Schweinsrosa, auf dem Rücken steht in goldener Schnörkelschrift Kepler-Gymnasium Weiden – Tennis-Landeschampions, und was die Armeetypen darüber denken werden, weiß ich genau: nämlich, dass wir ein Haufen verweichlichter Tennispinkel sind, denen man am besten jeden Knochen im Leib einzeln bricht, bevor man sie nach Guantanamo verschifft.

 

Wir starren wie gelähmt zur Scheibe raus, und keiner rührt sich vom Fleck. Auch Heckmann, der sonst immer einen auf großer Antreiber macht, tut keinen Mucks. Erst als der Typ im Korb über die Brüstung klettert und mit seinen Kampfstiefeln auf uns zumarschiert, zieht er den Zündschlüssel ab.

»Ja, also«, sagt er, »dann mal auf in den Spaß.«

Er sagt das mit einer Stimme, als würde er seine eigene Hinrichtung verkünden, stößt aber trotzdem die Fahrertür auf. Wir tun es ihm nach, und in dem Moment, in dem ich raus auf die Wiese trete, das feuchte Gras an den Knöcheln spüre und die kühle Luft einatme, ändert sich meine Laune. Und zwar komplett. Ich bekomme schlagartig Lust, in den Korb zu klettern und wie Rauch in die Luft zu steigen, und daran kann nicht mal der Kampftyp was ändern, der sich jetzt vor uns aufbaut. Der will aber auch gar nix daran ändern, im Gegenteil. Statt uns anzupflaumen, dass wir zu spät sind, schlägt er die Hacken zusammen und salutiert vor uns.

»Master Sergeant Jack Conley«, ruft er mit strahlendem Perlweiß-Grinsen, »Second Stryker Cavalry Regiment, aba sagt’s Käpt’n Jack zu mia.«

 

Wir glotzen ihn an wie den Heiligen Geist persönlich, weil mit einem Schwarzen, der Käpt’n Jack heißt und Oberpfälzer Dialekt spricht wie höchstens noch meine Oma, hat keiner gerechnet. Selbst Vince, den so gut wie nichts aus der Fassung bringt, glotzt mit offenem Mund. Käpt’n Jack merkt das auch, oder vielleicht kassiert er öfter solche Blicke, jedenfalls erzählt er uns, dass er auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr stationiert war, als Kampfhubschrauberpilot, und seit seiner Pensionierung Ballonfahrten organisiert. Die beiden Typen, die auf der Ladefläche des Pick-ups jetzt Sachen verstauen, sind offenbar seine Söhne und heißen Jim und Troy. Käpt’n Jack sagt noch, dass sie mit dem Aufrüsten des Ballons leider nicht auf uns warten konnten, wir aber optimales Wetter haben. In den höheren Luftschichten, sagt er, weht eine Brise aus West, sodass wir mit ein bisschen Glück genau über Weiden fahren. Dann klatscht er in die Hände und ruft: »Pack mers, Boys, rein in den Korb.«

 

Heckmann öffnet die Heckklappe des Vans, wir schultern unsere Tennisbags und laufen zum Korb. Als Erstes klettern Vince und ich rein, und dann ist Prechtl an der Reihe. Er will gerade sein Bein über die Brüstung schwingen, da sehe ich es: Es tropft aus seiner Bag. Wobei tropfen die Untertreibung des Tages ist: Unten, wo die Bag zugezippt ist, genau zwischen den silbernen Reißverschluss-Schiebern, leckt ein richtiges Rinnsal raus. Fuck, denke ich, hoffentlich sieht Käpt’n Jack das nicht. Prechtl hat nämlich geladen. Ein halbes Dutzend Wasserbomben. Präserbomben, um genau zu sein. Mit Wasser und Tomatensaft zum Bersten gefüllte Präservative, die er, wenn wir erstmal tausend Meter über der Erde sind, über allen möglichen Dörfern und Straßen und Marktplätzen runterfeuern will. Mindestens eine von den Bomben muss bei dem Geholper über die Wiese geplatzt sein, und das ist natürlich suboptimal.

Noch suboptimaler ist aber, dass auch der Käpt’n das Rinnsal bemerkt.

»He, du«, sagt er, »wart mal, du tropfst.«

Prechtl schaltet auf taub und klettert weiter, aber so leicht lässt sich der Käpt’n nicht ignorieren. Er drückt Prechtl eine Hand auf den Oberschenkel, sodass er, ein Bein im Korb, das andere draußen, rittlings auf der Brüstung zu sitzen kommt. Wie ein aufgebocktes Galionsschwein hockt er da mit in der Luft baumelnden Beinen und quetscht sich auf den Baststreben die Eier ab, aber das ist jetzt sein geringstes Problem. Der Käpt’n will nämlich, dass er die Bag aufmacht. Aus einer seiner hundert Uniformtaschen zieht er sogar einen Lappen und hält ihn Prechtl hin, zum Trockenmachen, und Prechtl sagt: »Wird erledigt. Da drüben beim Van.«

Er springt wie eine Ziege vom Korbrand, und in dem Moment macht es Klick beim Käpt’n. Man kann regelrecht sehen, wie hinter seiner Stirn die Warnlichter angehen. Das Grinsen bröckelt aus seinem Gesicht, er zieht die Brauen zusammen und sagt: »Was is’n da ausglaufen?«

Prechtl: »Bestimmt bloß meine Capri-Sonne.«

Käpt’n Jack: »Schau nach.«

Prechtl: »Mach ich ja. Drüben beim Van.«

Käpt’n Jack: »Hier machst die Bag auf. Aber dalli.«

Vince und mir krampft schon halb der Kiefer vor Lachen, nur Heckmann steht wie immer voll auf dem Schlauch.

»Wenn Käpt’n Jack«, sagt er, »also wenn Herr Conley dir schon seinen Lappen gibt, Timo, dann öffne doch bitte die Bag.«

Und Prechtl, dem wirklich nix mehr einfällt, um die Lage zu retten, zippt im Zeitlupentempo den Reißverschluss auf. Bild für die Götter, ehrlich wahr. Am Boden der Bag schwimmt eine hellrote Suppe, am Racketrahmen kleben Gummifetzen, und in der Rundung unten, von den Scheinwerfern bestens ausgeleuchtet, glänzen vier heil gebliebene Präserbomben in ihrem schleimigen Nest. Der Käpt’n guckt Minimum zwanzig Sekunden in die Süffe rein. Er guckt, als würde da eine Horde Flugsaurier schlüpfen, dann drückt er sein Kreuz durch und schaut Prechtl hart ins Gesicht.

»Bürscherl«, sagt er, »ham sie dir ins Hirn gschissn.«

Prechtl darauf sofort: »Häh, wieso?«, und dass er die Teile nur dabeihabe, weil er später, also nach der Landung, noch zu einer Wasserbombenschlacht ins Stadtbad wolle. Den Bullshit hört sich der Käpt’n aber gar nicht an. Er lässt eine irre Standpauke los und erzählt was von Fallbeschleunigung und Aufprallkräften, er kennt sogar die physikalischen Formeln dafür, und zum Schluss packt er die Moralkeule aus.

»Was meinstn«, ruft er, »was passiert, wenn einer Omi so a Teil in Hut reinkracht? Oder wennst a Auto in voller Fahrt erwischst … Denk nach, Bursch, denk nach!«

 

Prechtl gibt sein Bestes, betroffen zu gucken, doch dazu fehlen ihm die passenden Muskeln. Betroffenheit: mimisch glasklar nicht sein Ding. Vor allem die Lippen spielen ihm einen Streich. Die ziehen sich so verkniffen nach innen und erzählen die wahre Geschichte: nämlich, dass ihm die Predigt vom Käpt’n schwer auf den Sack geht. Was ich, ehrlich gesagt, verstehen kann. Mal abgesehen davon, dass so ein Volltreffer ja völlig utopisch ist, will Prechtl weiß Gott keinem die Lichter auspusten. Der will einfach nur ein bisschen Spektakel veranstalten. Stichwort: Action & Fun. Und überhaupt: dass ausgerechnet der Käpt’n einen auf Gandhi macht, ist schon eine harte Nummer. Steht da in aller Herrgottsfrühe mit seiner Kampfuniform in der Gegend rum und hat sein Leben damit verbracht, im Hubschrauber durch die Welt zu fliegen und komplette Dörfer in Staub zu verwandeln. Und dafür hatte er garantiert mehr als Präserbomben am Start.

 

Klar ist aber auch, dass Prechtl sich nicht zu beschweren braucht. Als er Vince und mich gestern per Whatsapp vollspammte, dass wir mitmachen sollen, haben wir ihm gleich den Kopf gewaschen. Von wegen, dass ein Blick von Heckmann genügt. Ein Blick abwärts nämlich, weil so eine Bombe ja eine halbe Ewigkeit durch den Himmel stürzt und oben auch keine Ballonparade stattfindet, sodass man es dem Nachbarn in die Schuhe schieben kann. Beste Argumente gegen die ganze Aktion. Wollte er aber nicht hören. Und deshalb muss er jetzt fühlen.

»Weißt was«, sagt Käpt’n Jack, »drauf gschissn. Du bleibst da.«

»Was …«

»Bodenarrest! Dableiben tust!«

Dann beugt er sich über die Korbbrüstung und sagt zu Vince und mir: »Und ihr zwei, ihr zeigt’s mir jetz auch eure Bags.«

Ich zippe blitzschnell den Reißverschluss auf, und während mir ein Schwall Sockenschweiß in die Nase schießt, steigt mein Respekt vor dem Käpt’n ins Unermessliche. Der hat weder Jiří noch Bartels gefragt – tatsächlich hat er die auch später nicht kontrolliert –, sondern sich sofort Vince und mich ausgeguckt. Keine Ahnung, ob das sein Armeetraining ist oder was immer ihn auf die Spur gebracht hat, jedenfalls ist der Mann kein Fake. Während er unsere Bags durchwühlt, gucke ich über seinen rasierten Schädel hinweg zu seinen Söhnen rüber. Die verfolgen die Szene von der Ladefläche des Pick-ups aus, und obwohl beide bis zu den Ohrläppchen hoch grinsen, tun sie mir aufrichtig leid. Weil, wenn du so einen Bluthund zum Vater hast, dann gute Nacht. Dann fängt dein Leben mit frühestens achtzehn an. Und bis dahin ist Zuchthaus angesagt.

 

»Mister Conley.«

Vinces Stimme streift mein Ohr.

»Mister Conley, Entschuldigung. Aber wir sind ja wegen der Schulmeisterschaft da. Weil wir die als Team gewonnen haben. Und der Timo gehört zum Team. Wär komisch, ohne ihn zu fliegen. Wär wirklich komisch. Lassen Sie ihn doch bitte mit.«

Sagt Vince in aller Ruhe, während er seine Bag zuzippt, und er schaut dem Käpt’n dabei sogar in die Augen. Und der schaut zurück, lasert einen Blick in Vince hinein, dass mir allein vom Zugucken die Pupillen schmerzen. Aber Vince hält ihm stand. Er blinzelt nicht und schaut nicht zu Boden, und kein Lügendetektor der Welt könnte sagen, ob er den Spruch ernst meint oder den Käpt’n verarschen will. Ich glaube, Vince selbst weiß es nicht. Wie so oft sagt er einfach, was ihm gerade einfällt, und klar geht das auch nur mit seinem Gesicht. Würde Prechtl so was sagen oder Bartels mit seiner Nase, die kämen nicht über die erste Silbe hinaus. Aber sie sehen halt auch nicht aus wie Vince. Und Vince eben schon. Der sieht aus wie ein Prinz aus Tausendundeiner Nacht. Olivfarbene Haut und schwarze Locken und Wimpern wie Seide. Ein Gesicht, um die ganze Welt zu erobern. Und Käpt’n Jack obendrein.

 

Der stellt irgendwann seinen Laserblick ab und schüttelt den Kopf. »Saubande«, murmelt er in den Nebel, »ihr Saubande vor dem Herrn.« Dann greift er sich Prechtls Bag und pflückt die Bomben raus. Eine nach der andern wirft er sie vor sich ins Gras und trampelt drauf rum. Unter seinen Tritten platzen die Präser wie nix, links und rechts spritzen Fontänen, und eine saut Heckmann die Hose voll. XXL-Tomatensaftdusche, das komplette linke Bein, aber Heckmann gibt keinen Laut. Immerhin. Weil, als Coach wäre das definitiv sein Part gewesen. Für Prechtl einzustehen. Obwohl Prechtl ja nur Ersatzspieler ist. Was der Käpt’n zum Glück nicht weiß. Was ihn vielleicht aber auch einen Dreck interessiert. Jedenfalls treibt er die anderen jetzt an, in den Korb zu steigen, und als Prechtl als Letzter über die Brüstung klettert, sagt er: »Wenn ich dich oben auch nur spucken seh. Ich schwör dir, Kamerad, du fliegst hinterher.«

 

Und egal, was man sonst über Prechtl sagen kann: Er hat nicht gespuckt. Hat nicht mal ans Spucken gedacht. Keiner von uns hat das. Nicht nur wegen des Käpt’ns und weil er wie der Leibhaftige zwischen uns stand. Sondern wegen der Fahrt an sich. Als nämlich der Brenner erneut in die Hülle fauchte und der Korb mit uns in die Höhe glitt: Schönheit pur. Zum Niederknien. Eine Schönheit, dass selbst Bartels vergaß, sein Handy zu zücken und wie verzweifelt Fotos zu knipsen. Die feuchte Wiese, der Van, der Pick-up, die Söhne des Käpt’ns auf der Ladefläche, die ganze trübgraue Nebelwelt: Alles löste sich in einem Leuchten auf. Verschwand darin. Über uns öffnete sich eine Kuppel aus gleißendem Blau, unter uns glomm ein Wattemeer. Am Horizont schwamm eine blassgelbe Sonne im Dunst und beschien das Ganze. Beschien die aus dem Weiß emportauchenden Hügelketten, die bewaldeten Höhenzüge, den Vulkankegel des Rauhen Kulm. Und dann, als plötzlich der Brenner aussetzte: Stille. Vollkommene Stille. Als hätte jemand die Zeit abgestellt. Als stiege nicht der Ballon ins Blau, sondern als stünden wir auf der Stelle, und irgendwelche Special-FX-Ingenieure manipulierten an den Kulissen herum. Unter uns, das war nicht die Oberpfalz. Das war Mittelerde. Lichtgerendert. Pixel für Pixel auf Hochglanz getuned. Keine Ahnung wieso, aber während ich Schulter an Schulter mit Vince über das Nebelmeer blickte, die Lungen voll Sauerstoff, die Augen vom Licht ringsum zu Schlitzen verengt, bekam ich einen Ständer. Einen Naturständer. Hart wie Kristall und bis in die letzte Kammer mit Helium statt mit Blut gefüllt. Irres Feeling dort in den Lüften. Besser als alle Drogen der Welt.

 

Und das Feeling hielt an. Fast die gesamte Ballonfahrt lang. Bis die Sonne so hoch in den Himmel stieg, dass sie zu einem weißglühenden Punkt zusammenschrumpfte, ihre Strahlen den Dunst zersetzten und die Landschaft darunter zum Vorschein kam. Ein buntes Gesprenkel aus Feldern und Dörfern und Seen und Wäldern. Und noch mehr Wäldern. Zu allen Seiten dehnten sich dunkle Nadelwälder aus, nur hier und da von Straßen zerschnitten, von denen uns Miniaturautos entgegenblitzten. Sollte ich in Deutsch je wieder einen Aufsatz zum Thema Heimat abliefern müssen, ich schwöre, er handelt vom Wald. Themenverfehlung ausgeschlossen. Bestnote garantiert. Und dann, als wir schon langsam wieder an Höhe verloren, rief der Käpt’n: »Achtung, Burschen, Weiden voraus!«

 

Ich drängte an Bartels vorbei zum vorderen Korbrand und sah auf ein Mosaik aus flachen, rechteckigen Hallen und schwarzgeteerten Flächen hinunter, musste irgendein neues Gewerbegebiet sein, aber bald schon gerieten Häuser, Straßen und Gärten ins Bild und schoben sich zu einer Stadt zusammen. Einer Stadt, so spektakulär wie ein Taubenschiss. Schon klar, dass Weiden nicht gerade Tokio ist, aber von oben sah das Ganze wirklich mickrig aus. Und auch ziemlich fremd. Zumindest im ersten Moment. Bis wir über die Altstadt mit ihren spitzen Dächern fuhren, ich die Fußgängerzone und das Alte Rathaus erkannte und Vince mir seine Hand auf die Schulter legte.

»Da«, sagte er, »das Kepler da vorne. Die Enterprise.«

Ich sah sofort, was er meinte. Jenseits der Altstadt, auf der anderen Seite des Flutkanals, lag unsere Schule. Ein massiver, grauer Waschbetonquader, in der Mitte quadratisch ausgestanzt, an dessen Stirnseite sich links und rechts die Turnhallen anschlossen. Die beiden Hallen bildeten die Warp-Antriebe, und das Flachdach der Schule mit seinen im Sonnenlicht funkelnden Solarmodulen, die uns, O-Ton Fürstenberg, zur »ersten Energieeffizienzschule Ostbayerns« machten, war das Deck des Raumschiffs.

 

Ich sah hinunter und wünschte mir Prechtls Bomben herbei. Tatsächlich wünschte ich mir ein MG herbei. Nichts, was ich im Pausenhof je laut verkünden würde, aber ein paar kräftige Salven in den Betonklotz da unten, in seine Mauern und Fenster und Türen, hätten mir Erleichterung verschafft. Hätten – Jiří mal ausgenommen – jedem von uns Erleichterung verschafft. Einfach, weil es die Schule war. Weil sie uns ab sofort wieder in die Klauen bekam. Der bloße Gedanke, mich morgen Früh wieder durch ihre Flure zu schleppen, wie erlegt in den stickigen Räumen zu sitzen, saugte mir den letzten Tropfen Blut aus dem Schwanz.

Und dann … dann wurde mir richtig klamm.

Wir sanken nämlich über Weiden-Ost hinweg. Der Ballonschatten glitt über die rote Asche der Postkeller-Courts, auf denen ich gestern noch Bälle geschlagen hatte, verfehlte haarscharf den Butterhof, wo Prechtls Halbbruder seine kriminellen Feste abhielt, und kreuzte Sekunden später den Hopfenweg. Und im Hopfenweg, ganz oben, dort wo die Wiesen beginnen, dort wohne ich. Ich konnte unser Haus erkennen, den Garten, das hellblaue Rechteck des Swimmingpools. Meine ganze Welt, all die Orte, an denen ich meine Zeit verbrachte, schrumpften auf die Größe einer Ansichtskarte zusammen. Und die Ansicht darauf sah beschissen aus. Also nicht die Ansicht selbst. Die war okay. Sondern das, was darunter lag. Oder dahinter. Oder wo auch immer. Diese aus der Tiefe emporwuchernde Fälschung, dieses Trugbild, das mein Leben war.

 

»Alter, bitte, wie geil!«

Prechtls Stimme plärrte in meine Gedanken.

»Da unten schwimmt deine Mutter.«

»Und deine säuft Schnaps«, sagte ich.

»Im Ernst«, rief er, »schau hin.«

Er drückte meinen Kopf über den Korbrand, sodass ich steil nach unten sah, und das Erstaunliche war: Er hatte recht. Jedenfalls zum Teil. Jemand glitt in unseren Pool hinein, stieß sich vom Beckenrand ab und zog Bahnen im Blau. Definitiv nicht meine Mutter, weil die mit ihren Lions-Freundinnen gerade auf einem Achtsamkeitskurs im Allgäu ist. Konnte also nur Abdul sein. Abdul mit seinen achteinhalb Fingern, der, falls er keine Märchen erzählte, bis vor Kurzem noch in einem schwankenden Schlauchboot im Mittelmeer gesessen hatte. Ringsherum Wellen hoch wie Wanderdünen, über Bord gespülte Mütter und Kinder, und jetzt wohnte er bei uns im Anbau über der Garage, 40 qm samt Küchenzeile, und kraulte durch unseren beheizten Pool. Hätte er sich in seinem Boot bestimmt nie träumen lassen. Diese Reise ins totale Glück. Ich starrte auf Abduls Körper hinunter, und der Anblick entspannte mich. Nachhaltig. Vor allem auch erinnerte er mich, wie rasch die Dinge sich ändern konnten. Zumal Glück in meinem Fall überhaupt keine Rolle spielte. Gerade jetzt, zu Beginn des Schuljahrs, nicht. Jetzt fing ja alles wieder von vorne an, war alles wieder auf null gestellt.

 

Jäger, sagte ich mir in dieser tausendfach eingedrillten Match-Perspektive, mit der ich die Big Points holte und reihenweise Tiebreaks gewann, Jäger, du Sieger, du hast alles selbst in der Hand.

»Sorry«, sagte ich laut zu Prechtl, »sorry für den billigen Diss.«

»Sherry«, erwiderte Prechtl, »zurzeit kippt sie Sherry, vom Schnaps ist sie weg.«

Ich stieß ihm aufmunternd in die Rippen und sog Luft in die Lungen, Luft, die schwach nach Jauche stank. Unten zerspurte ein Traktor die Felder, Tröglersricht zog vorüber, Höfe und Scheunen und Biogas-Kuppeln, und während der Käpt’n Kommandos in sein Funkgerät bellte, nahm ich mir ein Versprechen ab. Und zwar würde ich dieses Jahr büffeln. Drei Stunden täglich, kein Problem. Mich Lerngruppen anschließen. Und falls das nicht genügte, um Nachhilfe betteln. Bei Frank Gruber oder der dicken Margarete sogar. Ich würde, koste es, was es wolle, dieses Trugbild in Stücke sprengen und zu genau der Person werden, die ich im Glauben meiner Eltern längst war.

»Benedikt, alles klar?«

Vince sah mich an.

»Siehst aus, als hättest du Gülle gefressen.«

Ich winkte ab.

»Alles top«, sagte ich und zeigte nach unten, und gemeinsam verfolgten wir die Staubspur des Pick-ups, der da im Affenzahn über den Feldweg heizte, geradewegs auf die Wiese zu, der unser Korb entgegensank.

»Alle Mann festhalten«, rief der Käpt’n, »Touchdown in t minus zwanzig«, und während ich meine Finger um die Korbbrüstung krallte, schloss ich die Augen und streckte mein Gesicht der Sonne entgegen. Wärme auf der Haut, ein goldenes Flimmern hinter den Lidern, und dann setzten wir weich, wirklich butterweich, auf der Erde auf.

 

PS

Und zum Schluss noch Bartels, der Held. Kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, hing er überm Korbrand und reiherte los wie ein Vulkan. Schwall auf Schwall klatschte ins Gras, Rührei und Speck und Vollkornbrotbröckchen und etwas, das nach halbverdautem Hackfleisch aussah. Endloses Röcheln und Würgen. Und dann kam giftgrün die Galle. Und noch mehr Galle. Olympische Mengen, mit denen er da die Pflanzen düngte, aber nicht ein Tröpfchen ging in den Korb. Wahnsinnsdisziplin, das so lange drinzubehalten. Trug ihm auch den Respekt vom Käpt’n ein. Der klopfte ihm auf den Rücken und sagte was von Anstand und Timing und dass er der wahre Bezwinger der Lüfte sei. Und auch von uns lachte keiner laut. Obwohl es ziemlich lustig war. Umso mehr, weil plötzlich die Fotografin vom Neuen Tag auf der Wiese stand. Zwei Fotografinnen sogar. Die Zeitungsknipse in ihrem Lederröckchen und dazu die Tante von der Need-no-Speed-Initiative. Oder Need-no-Crystal-Initiative. Weiß ich jetzt nicht mehr genau, wie die heißt. Motto jedenfalls: Geh ans Limit! Ohne Speed! Und weil wir ans Limit gegangen waren im Sommer, wurden wir fotografiert. Deal von der Fürstenberg. Wir, das siegreiche Kepler-Tennisteam, die neuenNeed-no-Speed-Botschafter der nördlichen Oberpfalz. Leuchtende Vorbilder für die drogengefährdete Jugend ringsum. Bloß sahen wir nicht so aus. Vor allem Bartels nicht. Der sah aus, als hätte er drei Nächte auf Crystal durchgefeiert. Der legte sich erstmal ins Gras und hielt sich den Bauch. Dazu Prechtl mit seinen Augenringen. Von Jiřís Draculablässe jetzt gar kein Wort. Die drei hätten problemlos Statistenrollen in Breaking Bad gekriegt. Als Cousins von Skinny Pete oder so.

 

Die Frauen packten trotzdem ihre Kameras aus und kommandierten wie wild drauflos.

»Ihr zwei«, Ansage von der Speedtante an Vince und mich, »vordere Reihe. Die anderen dahinter. Und alle mal grimmig schauen.«

»Und jetzt«, die sexy Lederknipse, »gaaanz breit lächeln. Damit sich eure Eltern morgen früh freuen. Drei, zwei, Cheeese.«

Danach mussten wir die Rackets rausholen und brüllend zum Volley ausholen. Zur Vorhand. Zum Schmetterball. Uns um die Schultern fassen. Uns in einem V aufstellen, Schläger vors Gesicht, »ja, weiter, ran an die Nasenspitze«, und durch die Bespannung hindurch in die Linse grinsen. Dann grimmig, »viel grimmiger, aber, hallo, nicht schielen«, durch die Saiten starren. Mit den Schlägern mal bitte Luftgitarre spielen. »Ne, haha, sieht wie Zirkus aus. Bildets wieder ein V.«

Und in unserem Rücken plagten sich der Käpt’n und seine Söhne mit dem Ballonabbau ab. Südstaaten, Baumwollplantage, circa 1800, so fühlte sich das Shooting zunehmend an. Nahm aber trotzdem ein gutes Ende. Und das war hundert Prozent Heckmanns Verdienst. Als den Frauen nämlich die Puste ausging, rief er: »Was meint ihr, Jungs, ein Bild mit dem Käpt’n?«

Wir sofort: »Aber klar!«

Der Käpt’n zögerte auch keine Sekunde. Der sprang sofort vom Pick-up runter, stellte sich zwischen uns, und als die Kameras klickten, knipste er sein Grinsen an. Und Prechtl, der Clown, fasste ihn um die Schulter und brüllte: »HEYO Käpt’n Jack«, und wir alle im Chor: »HEYO Käpt’n Jack! Bring me back to the railroad track!« Und der Käpt’n, lässig wie nie zuvor, schob sich seine Pilotenbrille vor die Augen und grölte aus vollem Hals mit.



 

Interview mit Thomas Klupp

Herr Klupp, Alex Böhm, der Protagonist Ihres Debüts, »Paradiso«, ist Student und wird immer wieder auf seine Schulzeit zurückgeworfen. Benedikt Jäger, der Held Ihres neuen Romans, besucht die 10. Klasse. Was interessiert Sie beim Schreiben an der Schul- und Jugendzeit?

Vermutung A: Ich habe eine regressive Charakterstruktur, will einfach nicht erwachsen werden und lebe das in der Fiktion aus. Was ich im Alltag nicht kann, weil ich u.a. Kinder, Brotjob und allerlei Verpflichtungen habe.

Vermutung B: Jüngere Charaktere erlauben mir, anarchischer zu erzählen. Die unvermeidliche Unterkomplexität ihrer Weltwahrnehmung generiert schrägere Sätze und eine schiefere Haltung der Welt gegenüber, und das Schiefe und Schräge schätze ich sehr.

 

»Wie ich fälschte, log und Gutes tat« spielt in unserer Gegenwart. Wie haben Sie sich der Sprache und dem Lebensgefühl von heutigen Jugendlichen genähert?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung wie das Lebensgefühl heutiger Jugendlicher ist. Und ihre Sprache: haben die überhaupt noch eine? LOL Im Ernst: Ich habe vielmehr nach einer halbwegs unverbrauchten Mündlichkeit für meinen Ich-Erzähler gesucht als nach einem spezifisch »jugendlichen« Ton. Also: Wie fühlt und denkt Benedikt Jäger – und nicht: Wie fühlt und denkt die heutige Jugend.

Hätte der Roman auch zu Ihrer Schulzeit spielen können oder ist die Gesellschaft bzw. das Umfeld, in dem Benedikt Jäger und seine Freunde aufwachsen, heute anders?

Die umfassende Kontroll- und Optimierungskultur, die heute Standard ist und die (nicht-medialen) Erfahrungsräume von Jugendlichen einengt, ist meinem Empfinden nach schon eine Entwicklung der letzten 15, 20 Jahre. Einen Faker wie Benedikt, der die Mechanismen dieser Kultur genau kennt, auf eben diese Kultur loszulassen, war ein wichtiges Motiv beim Schreiben. Die Handlung des Romans war daher immer im Hier und Jetzt angesiedelt.

Wobei, das sei hinzugefügt, der Charakter für mich auch einen leicht punkigen No-Future-Touch hat. Der Anarcho-Hedonismus der frühen Neunziger Jahre, so jedenfalls habe ich die Zeit erlebt, schwingt in Benedikts Wahrnehmung mit. (Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, nachdem ich rund 3000 Stunden mit meinem Protagonisten verbracht habe.)     

 

Ihre Helden mogeln sich vielfach durchs Leben, sie täuschen, lügen und fälschen, verhalten sich in vielen Situationen opportunistisch, man kann sie deshalb auch als Anti-Helden bezeichnen. Was fasziniert Sie an solchen Figuren?

Es ist vielmehr so, dass ich moralisch unzweideutige und widerspruchsfreie Figuren langweilig finde. Womit ich allerdings komplett in der Norm liege. Eigentlich fällt mir kein lesenswertes Buch oder keine gute Serie in der jüngeren Vergangenheit ein, die nicht einen mehr oder minder harmlosen Walther White ins Rennen schickt. Wäre eigentlich toll, mal wieder einen ungebrochenen, durch und durch guten Helden zu zeigen. Ich wüsste nur nicht wie und mit welchen literarischen Mitteln.  

 

In ihren beiden Romanen kommt die Komik nicht zu kurz: Eine Situationskomik mit hohem Pointentakt aber auch ein tiefgründiger, recht schwarzer Humor ziehen sich durch ihr Schreiben. Ist das das Mittel der Stunde, um dieser Welt angemessen zu begegnen? Was fasziniert Sie an der Kunst des Komischen beim Schreiben?

Ich habe, bei aller Liebe zu manchen Menschen, leider ein ähnliches Weltbild wie Wolfgang Herrndorf es in »Sand« entwirft: tendenziell gewinnen die Bösen, übergeordneten Sinn gibt es nicht, und am Schluss verschwindet alles im Schutt. Einerseits. Andererseits finde ich das Leben phantastisch, finde es unglaublich toll, ein paar Jahrzehnte mittun und das ganze Spektakel beobachten zu können. Schwarzer Humor, glaube ich, ist die unvermeidliche Haltung, die daraus hervorgeht.  

 

Über den Autor

Thomas Klupp wurde 1977 in Erlangen geboren, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und lehrt als Dozent am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Sein von der Kritik gefeiertes Romandebüt »Paradiso« wurde mit dem Nicolas-Born-Förderpreis und dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Er war Stipendiat beim 10. Klagenfurter Literaturkurs und erhielt 2011 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb. Thomas Klupp lebt und arbeitet in Hildesheim und Berlin.

Deleted scenes

Manchmal, leider gar nicht so selten, muss man sich zugunsten des Ganzen von gern geschriebenen Passagen trennen. Meine Top 5 der Deleted Scenes:

Kiffen I

 

Als ich Ostern in Mathe und Physik immer noch auf Fünf stand, wurde ich aktiv. Ich hörte zu kiffen auf. Ich kiffte nämlich zu viel. Seit Neujahr kiffte ich eindeutig zu viel. Fünf, sechs Gramm in normalen Wochen und zehn Gramm in Wochen, in denen meine Eltern verreisten. Und meine Eltern verreisten oft. Städtetrip hier, Opernfahrt dort, von den endlosen Kongress- und Fortbildungsreisen gar nicht erst anzufangen. Mindestens zwei Mal im Monat stiegen sie Freitagmittag in den BMW, fuhren zum Münchner Flughafen, um nach Stockholm, Verona oder sonst wohin zu fliegen, und Sonntagnacht kamen sie wieder heim. Ich fieberte diesen Wochenenden schon montags entgegen. Drei Tage, ohne lügen zu müssen. Drei Tage ohne die Angst, aufzufliegen. Drei Tag kiffen nonstop. Grandios natürlich, keine Frage. Vielleicht aber auch ein Tacken zu viel. Mit der Zeit bestimmt ein Tacken zu viel. Da brauchte ich keine Drogenberatung, um das zu begreifen. Das begriff ich schon selbst.

 

Das Kiffen zog mir nämlich die Energie aus dem Körper. Aus den Muskeln, um genau zu sein. Geistig war ich voll auf der Höhe, offen und inspiriert und alles, aber muskelmäßig war ich ein Wrack. Sonntagabends konnte man mich vom Boden kratzen. Das ist jetzt wörtlich gemeint. Ich verbrachte die Wochenenden nämlich in unserem Wintergarten. Hin und wieder schaffte ich es noch, mich auf eine Party zu schleppen, aber auch das war schon Stress. Da blieb ich lieber im Wintergarten. Unser Wintergarten, das ist das Kifferparadies schlechthin. So eine schiffsbugartig in den Garten ragende Glaskonstruktion von ungefähr 100 Quadratmetern ist das. Terracottafliesen und Fußbodenheizung und Panoramablick bis fast zu den Alpen. Und ein paar tropische Pflanzen stehen in Kübeln auch herum. Wenn man ganz vorne auf einer der Liegen liegt, an der Spitze des Glasbugs, und über den abfallenden Garten und die Wiesen dahinter schaut, fühlt man sich wie ein Seefahrer. Als würde man über grasgrüne Gewässer segeln, unbekannten Kontinenten entgegen. Wie Columbus vielleicht. Und nachts funkeln die Sterne über dem Glasdach, und man fühlt sich wie ein Astronaut.

 

Feine Sache, dieser Wintergarten. Nur, wie gesagt, das Kiffen darin wurde zum Problem. Im ersten Moment, unmittelbar nachdem ich einen Kopf durchgezogen hatte, gab es zwar einen gewaltigen Energieschub. Alles glitzerte bunt und metallisch, und ich hätte sämtliche Bäume im Garten ausreißen können. Aber kurz darauf wurde ich matt. Unendlich matt. Spätestens der fünfte Kopf drückte mich in die Horizontale. Von der Liege auf das Terracotta hinunter, auf die Isomatte, die ich dort vorsorglich schon ausgebreitet hatte. Da lag ich dann wie ein Käfer auf dem Rücken und konnte mich kaum mehr bewegen. Vor allem der linke Arm bewegte sich nicht mehr. Dort, wo der linke Arm aus der Schulter kommt, war alles taub. Als hätte mir jemand Betäubungsgift in die Achseln gespritzt. Curare oder so. Und dazu das Gähnen. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Dauergähnen, ich wäre Rekordsieger. Ehrlich, so wie ich gähnt keiner. Besonders an diesen Kiffwochenenden, aber nach einer Weile auch einfach so. Ohne dass ich Einfluss darauf habe, drückt sich mein Kiefer plötzlich sperrangelweit auf, so weit, dass ich locker beide Fäuste in den Mund schieben kann, und dann braucht es Herkuleskräfte, um ihn wieder zuzuklappen. Meistens klappte ich ihn aber gar nicht wieder zu. Ich blieb einfach mit offenem Mund auf der Isomatte liegen und starrte wie ein toter Karpfen durch das Glasdach in den Himmel, wo immer neue silbrige Muster im Blau und Weiß pulsierten. Wolkenkino vom Feinsten, nur eben körperlich der totale Bankrott.

Kiffen II

Hörprobe

»Es gibt Bücher, auf die wartet man gerne in der Überzeugung, dass sie von herausragender Qualität sind.«

Lesungen mit Thomas Klupp
Lesung
Mittwoch, 05. Dezember 2018 in Hildesheim
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Literaturhaus St. Jakobi Hildesheim,
Jakobistr. 21
31134 Hildesheim
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