Steffen Möller über Warschau
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Steffen Möller über Warschau

Dienstag, 10. März 2015 von Steffen Möller


Eine Städtereise nach Warschau

Für alle, die polnische Bekannte haben: Fragt sie besser niemals, was sie von Warschau halten. Die entsetzte Antwort wird nämlich hundertprozentig lauten: »Gar nichts – fahr lieber nach Krakau!«

Und wenn man dann schüchtern die Frage hinterherschiebt: »Warst du eigentlich schon mal in Warschau?« bekommt man garantiert zu hören: »Ja, klar war ich schon mal da – 1993, als ich meine Tante vom Flughafen abgeholt habe.« Unfassbar, wie schwer es die polnische Hauptstadt im eigenen Land hat! Niemand hat Ahnung, aber alle lästern kräftig über sie ab.

Traurige Konsequenz: Touristen gibt es hier kaum, sogar der Bundesaußenminister schwebt allenfalls mal zu einem »Blitzbesuch« ein. Warschau ist die am meisten unterschätzte Hauptstadt Europas! Doch spätestens 2012 zur Fußball-EM begann die Gegenoffensive. Seitdem hat Warschau eins der attraktivsten Fußballstadien der Welt, das nachts extrem cool beleuchtet wird. Hinzu kommen lässige Strandbars am Weichselufer, phantasievolle Biomärkte, eine kochende Klubszene und über 400 km Radwege, nicht zu vergessen das nagelneue Museum für die Geschichte der Juden Polens mit seiner atemberaubenden Architektur.

Für alle, die Polen entdecken wollen, kann ich nur raten: Vergesst den Polenmarkt hinter Frankfurt/Oder, investiert lieber sechs Stunden Autofahrt und guckt euch Europas Wirtschaftswunderstadt Nummer eins an! Ach so, fast hätte ich vergessen: Direkt im Zentrum Warschaus gibt es einen bewachten Parkplatz, gleich neben dem schönsten Wolkenkratzer unseres Kontinents, dem sogenannten Kulturpalast. Fahrt hoch auf die Aussichtsplattform des Palasts und guckt euch das riesige Warschauer Häusermeer an. Am Horizont sieht man Moskau glitzern!

Blick ins Buch
Viva WarszawaViva Warszawa – Polen für Fortgeschrittene

Polen für Fortgeschrittene

»Gäbe es Warschau nicht, wäre ich nicht so lange in Polen geblieben ...« Steffen Möller erzählt von Europas meistunterschätzter Hauptstadt, die ihren Besucher mit offenen Armen empfängt. In der man tagsüber in Liegestühlen am Weichselstrand DJs lauschen und abends die goldene Spitze des Kulturpalastes leuchten sehen kann. Er berichtet von einer Liebesgeschichte mit Hindernissen, von Fettnäpfchen und deutsch-polnischen Missverständnissen sowie von seiner ersten WG mit dem Philosophiestudenten Bolek. Ein Kniefall vor der Metropole der Polen!
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1 Eine Legende am Horizont

 

Keine Ahnung, aber voll dagegen

Ein deutscher Freund, den ich nach vielen Jahren endlich zu einem Besuch in Warschau überreden konnte, war so naiv, vorher einer polnischen Bekannten davon zu erzählen. Sie rief beschwörend aus: »Tu das nicht! Warschau ist hektisch, schmutzig und teuer, und zu sehen gibt es da rein gar nichts. Fahr lieber nach Krakau!«

Leider war ich nicht dabei. Ich hätte sie sofort und offensiv gefragt: »Wann warst du denn das letzte Mal in Warschau?« Die Antwort hätte hundertprozentig gelautet: »Äh … 1994 habe ich da meine Cousine vom Flughafen abgeholt.«

Ich kenne kein zweites Land, dessen Bewohner so wenig über ihre eigene Hauptstadt wissen, aber so munter über sie lästern. Begonnen hat die große Antipathie gleich nach dem Krieg: Polen wurde von moskauhörigen Kommunisten übernommen, Warschau war die Zentrale der Bonzen, sozusagen Klein-Moskau. Hinzu kam, dass alle Ressourcen des Landes in den Wiederaufbau der zerstörten Stadt gingen, während das restliche Land darbte.

Auch die Wende von 1989 änderte an diesem Image nur wenig. Polen wurde von einem brutalen Turbokapitalismus überrollt – und Warschau war mal wieder die Brutstätte des Bösen, sozusagen Klein-Gotham. Erst die unübersehbaren Verschönerungen im Zuge der Fußball-EM 2012 lassen das Negativimage Warschaus in Polen langsam bröckeln. Allerdings haben viele im Ausland lebende Polen davon noch nichts mitgekriegt. Für sie ist Warschau immer noch ein grauer Moloch knapp vor der weißrussischen Grenze. Kurz und schlecht: Polens 38 Millionen Einwohner zerfallen seit Jahrzehnten in zwei Millionen Warschauer und 36 Millionen Anti-Warschauer.

Zugegeben, auch für mich war Krakau die erste Liebe. Krakau ist wunderschön – ja, ja, ja! Aber gleich danach sollte man einen Besuch in Warschau einplanen. Für Krakau genügen zwei Tage, für Warschau braucht man … also, bei mir sind’s jetzt schon zwanzig Jahre. Krakau ist eine verzauberte Märchenwelt, die im Krieg wie durch ein Wunder nicht zerstört wurde. Warschau steht für die blutige Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, aber vor allem für die Gegenwart, für das erstaunliche Wirtschaftswunder nach 1989 mit allen seinen Begleiterscheinungen. Dazu kommen die sehr spezifischen Hauptstadtbewohner, die – im Unterschied zu den Krakauern – an einem sympathischen Minderwertigkeitskomplex kranken. Das ist eine gerade für Touristen günstige Eigenschaft, die in Europa eine Seltenheit darstellen dürfte: Sind Hauptstädter nicht meistens ungeheuer überzeugt von ihrer Stadt? In Warschau wird man mit offenen Armen empfangen, in Krakau hingegen ist man überall der elftausendste Besucher. Fazit: Krakau ist die Stadt für Polenanfänger, Warschau die Stadt für Fortgeschrittene.

 

Ein Blitzbesuch

Vor Kurzem habe ich am Stuttgarter Hauptbahnhof ein Plakat der Deutschen Bahn gesehen, das Werbung für eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express nach Warschau machte: Tickets ab 29 Euro! Über so viel tapferes Marketing kurz vor der Schweizer Grenze musste ich fast weinen. Ein großer Dank an die Deutsche Bahn! Von allen deutschen Nachbarhauptstädten dürfte Warschau die unbekannteste sein, und zwar nicht nur im Land der Schwaben. In den Medien hört man von Warschau doch eigentlich nur dann, wenn der Bundesaußenminister seinem polnischen Amtskollegen mal wieder einen »Blitzbesuch« abstattet. Und dann denkt sich vermutlich so mancher: Der Minister wird schon wissen, warum er es bei einem Blitzbesuch belässt …

Dabei ist Warschau bloß einen Katzensprung von Berlin entfernt! Sechshundert Kilometer – gerade mal so weit wie nach Köln, nur eben in umgekehrter Richtung. Mit dem Flugzeug dauert die Reise eine Stunde, mit dem Zug knapp sechs. Seit die Autobahn fertiggestellt wurde, kann man auch im eigenen Wagen bequem hinfahren, ohne jede Grenzkontrolle. Wer vormittags am Brandenburger Tor startet, kann sich zum Mittagessen kurz die Posener Altstadt angucken. Zum Kaffeetrinken geht’s weiter nach Łódź, die Zeit reicht lässig für einen Abstecher in der eleganten Einkaufsgalerie »Manufaktura«. Abends sieht man dann die rote Positionslampe des Kulturpalastes über der masowischen Ebene blinken – wenn sie nicht gerade von der Himmelskralle des Libeskind-Wolkenkratzers verdeckt wird. Parken würde ich direkt neben dem Kulturpalast auf einem bewachten Parkplatz, früher übrigens dem Aufmarschgelände der Erster-Mai-Paraden. Und bitte keine Angst vor Autoklau. Die Zahl der Delikte in den letzten zehn Jahren ist um 75 Prozent zurückgegangen. (Und damit das leidige Thema gleich am Anfang abgehakt ist: Die Schuhkette Deichmann, die in Polen mit über 200 Geschäften vertreten ist, verzeichnet hier alljährlich die geringste Ladendiebstahlsquote aller ihrer europäischen Filialen.)

 

Schock auf der Plattform

Der Kulturpalast ist das bekannteste Gebäude Polens und ohne jede Diskussion Europas schönster Wolkenkratzer. Bei seiner Einweihung 1955 war der »Josef-Stalin-Palast der Kultur und der Wissenschaften«, wie er damals noch hieß, das zweithöchste Gebäude des Kontinents, gleich nach dem Eiffelturm. Seine Schönheit kommt vielleicht am besten nachts zur Geltung, wenn der Koloss von Warschau in surrealen Farben angestrahlt wird, die irgendwo zwischen Violett, Grün und Kobaltblau changieren. Eine Sightseeingtour beginnt obligatorisch auf seiner Aussichtsplattform.

Aber Achtung, es ist gar nicht so einfach, den Haupteingang zu finden. Mancher Tourist irrt zuerst um das gesamte riesige Palast-Areal herum, stolpert nacheinander in jedes der vier vorgelagerten Gebäude hinein, findet sich aber entweder in einem Theater, einem Technikmuseum, einer Kongresshalle oder in einem Schwimmbad wieder. Der Haupteingang befindet sich auf der dem Bahnhof abgewandten Seite und wird von zwei überlebensgroßen, sitzenden Skulpturen bewacht. Die eine stellt Nationaldichter Adam Mickiewicz dar, der die polnische Kultur symbolisieren soll, die andere den Astronomen Nikolaus Kopernikus, der in Polen als Pole gilt und für die Wissenschaften steht. Man schreitet einige Treppen hinauf und gelangt zur Kasse für die Aussichtsplattform. Das Ticket kostet zwölf Złoty, also umgerechnet etwa drei Euro. Mit einem Blitzaufzug geht es nach oben, 114 Meter in dreißig Sekunden. Die Aufzugführerin sitzt auf einem Barhocker und ist eine attraktive Frau, die extrem gelangweilt wirkt. Mit leerem Blick starrt sie auf die Knöpfe ihrer Aufzugarmaturen. Sobald man sie jedoch anspricht, zählt sie bereitwillig alle möglichen technischen Details auf, zum Beispiel, dass die Höhe des Kulturpalastes 243 Meter betrage. – Nanu, nicht 230, wie überall angegeben? – Nein, einschließlich Antennenspitze 243 Meter!

Oben angekommen strahlt sie schon über beide Ohren – nach gerade mal dreißig Sekunden! Ja, so schnell kann ein Stimmungsumschwung in Polen gehen, und diese Erfahrung wird man immer wieder machen. Niemals von trüben Gesichtern täuschen lassen, immer unverdrossen den ersten Schritt tun! Die Maske vor dem Gesicht ist postkommunistisches Erbe, viele Leute binden sie sich immer noch um, wenn sie ihre Wohnung verlassen, aber das heißt ja nicht, dass sie es gerne tun. Im Gegenteil: Sie sind jedem dankbar, der ihnen die Maske abzunehmen gestattet – am besten mit Humor. (Vielleicht ist dies ja der Grund dafür, dass man bekannte TV-Schauspieler hier so liebt. In ihrer Gegenwart darf man sich endlich von seiner sympathischen, privaten Seite zeigen.)

Die Aussicht hier oben reicht über die gesamte Stadt und bei gutem Wetter sogar weit hinaus in die masowische Ebene. Doch leider: Von hier oben aus hat sich meines Wissens noch niemand in Warschau verliebt. Das Betonmeer da unten ist nun mal beim besten Willen keine romantische Postkartenidylle, sondern das Ergebnis einer deutschen Radikalzerstörung, aus der anschließend eine Spielwiese des sozialistischen Realismus wurde. In »Viva Polonia« habe ich Warschau zusammen mit Tirana und Bukarest als eine der hässlichsten Städte Europas bezeichnet. Heute muss ich zugeben: Ich bin niemals in Tirana und Bukarest gewesen und möchte deshalb meine ungezählten albanischen und rumänischen Lesern, die mich seit Jahren mit wütenden Mails überschütten, herzlich um Verzeihung bitten. Vermutlich sind Tirana und Bukarest sogar sehr sehenswerte Städte. Sehenswert ist Warschau auch, allerdings bleibt es trotzdem eine hässliche Stadt. Heute würde ich es so formulieren: Von allen hässlichen Städten, die ich kenne, ist Warschau bei Weitem die interessanteste. Vielleicht ist das Leben in hässlichen Städten letzlich ja viel interessanter als in schönen? Das ist der Trost, den ich für meine Gäste hier oben parat habe. Bei mir hat sich das auf jeden Fall bestätigt. Hätte es Warschau nicht gegeben, wäre ich sicherlich nicht zwanzig Jahre in Polen geblieben.

Außerdem kann ich versprechen, dass die Stadt nicht so unattraktiv ist, wie sie von hier oben wirkt. Es gibt sehr schöne Ecken, aber man braucht entweder viel Zeit oder jemanden, der sie einem zeigt. Ansonsten reist man nach zwei Stunden enttäuscht wieder ab. Nicht vom ersten Eindruck irreführen lassen!

Doch sogar von hier oben gibt es noch schöne Ausblicke. Sehr imposant ist zum Beispiel das neue Nationalstadion, das seit der Fußball-EM 2012 auf der anderen Weichselseite steht. Entschuldigung für den nächsten Superlativ – aber es ist für mich das schönste Fußballstadion der Welt. Besonders abends, wenn die weißen und roten Paneele beleuchtet sind und in Wellen hin und her wabern, kann ich nur noch mit meinem polnischen Lieblingslob sagen: Bomba!

 

Mit dem Gasfuß durch die Grenzregion

Die Wandlung Warschaus vom hässlichen Entlein zum halbwegs stolzen Schwan ist so schnell vor sich gegangen, dass sie sich noch nicht mal in Polen herumgesprochen hat, geschweige denn im restlichen Europa. Nach wie vor sehe und höre ich auf Marszałkowska-Straße und Jerozolimskie-Allee keine deutschen, englischen oder französischen Touristengruppen. Der Eurocity von Berlin nach Warschau ist zwar manchmal gut ausgelastet, doch die Reisenden würde ich überwiegend als wagemutige Individualisten, routinierte Geschäftsreisende oder Polen auf Heimaturlaub charakterisieren. Gelegentlich sind Schulklassen oder Rentnergruppen darunter, aber meist wollen sie in Warschau nur umsteigen, um dann weiter nach Krakau oder Masuren zu fahren. Der eingangs erwähnte Freund, der sich von mir nach manchen Jahren und mit mancherlei Tricks tatsächlich nach Warschau locken ließ, wurde in einem Altstadtcafé von der Kellnerin gefragt: »Are you here for business or holidays?« – »For holidays.« – »You are the first one!«

Sicherlich hat die touristische Misere vor allem mit dem Image dieser Stadt zu tun, also mit Assoziationen, die allesamt negativ sind: Warschauer Ghetto, Warschauer Aufstand, Warschauer Pakt. Willy Brandts Kniefall aus dem Jahr 1970 ist vielleicht noch die positivste Assoziation, die man im Kopf hat. (Um ein Haar hätte ich diesem Buch denn auch den Titel gegeben: »Warschau. Ein Kniefall«. Die Sache scheiterte daran, dass ein österreichischer Freund sein Veto einlegte. »Kniefall? Nie gehört. Willy Brandt? Kennt in Österreich niemand!« Ich bekam die Panik. Auf meine österreichischen Leser durfte und wollte ich nicht verzichten. Immerhin habe ich viele Jahre lang beim Warschauer Österreich-Institut in Lohn und Brot gestanden!)

Aber es gibt noch mehr Hindernisse für einen blühenden Tourismus. Warschau muss das immer noch verbesserungsfähige Image Polens ausbaden. Grob gesagt: Man fährt nicht nach Warschau, weil man Angst vor Polen hat. Krakau und Masuren? Das sind positive Ausnahmen … In Frankreich ist es umgekehrt: Paris überstrahlt das ganze Land. Man wird von der Hauptstadt angezogen und guckt sich bei der Gelegenheit auch ein bisschen das Umland an. Frankreich zehrt von Paris – Warschau leidet unter Polen.

Drittens gibt es ein simples geografisches Hindernis: Für einen Schnuppertrip liegt Warschau ein bisschen zu weit von der deutschen Grenze entfernt. Viele Berliner haben sich ja durchaus schon mal gefragt: »Was machen eigentlich unsere östlichen Nachbarn?« Und sind dann losgefahren und haben einen Riesenfehler begangen: Sie beschränkten ihre Entdeckungsfahrten schüchtern auf die westpolnische Grenzregion und erzählten hinterher in Berlin ironisch: »Polen ist grau, aber die Zigarettenstangen sind billig.«

Und da haben sie ja nicht ganz unrecht. Von Stettin bis Görlitz zieht sich auf polnischer Seite ein zehn Kilometer breiter Korridor aus Billigtankstellen, Ramschbasaren und Fernfahrerbordellen entlang. Die Grenzregion, die eigentlich sehr schöne Ecken hat, ist in Deutschland nur als Kulisse für »Polizeiruf 110« bekannt. Mein Ratschlag für Fortgeschrittene, die ihren ersten Polentrip bereits frustriert absolviert haben, lautet daher: bitte noch einen zweiten Versuch riskieren, aber diesmal hinter Frankfurt aufs Gaspedal gehen und erst zwei, drei Stunden später wieder auf die Bremse steigen. So fährt man in Polen übrigens generell Auto.

 

2 Mein Pakt mit Warschau

 

Einfahrt in die Unterwelt

Im April 1993 kam ich zum ersten Mal nach Warschau. Ich hatte mich für eine studentische Konferenz zum 50. Jahrestag des Ghettoaufstands angemeldet. Teilnehmen sollten dreißig Deutsche, dreißig Polen und dreißig Juden aus der ganzen Welt. Die Konferenz kam mir wie gerufen, um Warschau kennenzulernen. Kost und Logis waren gratis, nur die Reisekosten musste ich selbst aufbringen. Meine Nervosität vor der Abfahrt war nicht mehr so groß wie noch einen Monat zuvor, bei meiner ersten Fahrt nach Polen. Sie hatte mich nach Krakau zu einem zweiwöchigen Sprachkurs geführt. Alles war gut gegangen. Zum einen war ich nicht bestohlen worden, zum anderen hatte ich mitbekommen, dass bereits zwei polnische Wörter genügten, um die Einheimischen in Ekstase zu versetzen. Ich konnte »dzień dobry« und »przepraszam« sagen, »guten Tag« und »Entschuldigung«. Das genügte – für Polen und auch für Deutsche. Nach meiner Rückkehr lud ich in Berlin einige Freunde in meine kohlengeheizte Wohnung am Prenzlauer Berg ein und sagte cool: »Dzień dobry przeprzaszam, przepraszam dzień dobry.« Man zog ehrfürchtig die Augenbrauen hoch – kein Wort verstanden! Von nun an galt ich als »Sprachtalent«.

Die Reise zu meiner internationalen Konferenz begann in Lichtenberg, dem östlichsten Berliner Bahnhof. So wie schon einen Monat zuvor bei der Reise nach Krakau bestieg ich auch jetzt wieder große grüne Waggons der polnischen Staatsbahnen PKP, die zu einer Zeit gebaut worden waren, als meine Eltern sich noch nicht kannten. Brav setzte ich mich in das Abteil, das meine Platzkarte mir vorschrieb. (Heute gucke ich gar nicht mehr auf das Ticket, sondern stürme direkt in den Speisewagen durch.) Im Abteil gab es altmodische Polstersitze mit breiten Armlehnen. Solche Eisenbahnsessel hatte ich zuletzt in meiner Kindheit gesehen. Schade, dass es sie in Deutschland nicht mehr gab! Warum eigentlich nicht? Zum ersten Mal bekam ich Zweifel am bundesdeutschen Dauerfortschritt – ein Zweifel, der dann in Polen noch unzählige Male wiederkehren sollte. Mit mir im Abteil saß ein etwa sechzigjähriger Pole, der hervorragend Deutsch sprach, weil er seit vielen Jahren in Gelsenkirchen-Buer lebte. Er schwärmte mir vom elegantesten Stadtteil Warschaus vor, Saska Kępa. Das heiße zu Deutsch »Sächsisches Werder«. Es handle sich um einen Stadtteil auf der rechten Seite der Weichsel. Natürlich wohnte er selbst ebenfalls dort. Während er mir die Schönheiten seines Stadtviertels schilderte, wunderte ich mich über seinen missionarischen Eifer. Er schien vorauszusetzen, dass ich eine miserable Meinung von seinem Land hatte. Aber das war doch gar nicht so! Fuhr ich nicht gerade deswegen hin, weil Polen so unbekannt war, weil ich ein exotisches Land entdecken und gegen den Strom schwimmen wollte? Leider bemerke ich heute oft denselben missionarischen Eifer an mir. Wenn mich jemand nach Polen fragt, setze ich zu einer zwanzigminütigen Lobeshymne an, statt ganz ruhig darauf zu hoffen, dass mein Gegenüber kein Mainstream-Tourist ist – ein typisches Symptom für den polnischen Minderwertigkeitskomplex, der mich bereits mit Haut und Haaren gepackt hat.

Kurz vor der Ankunft wünschte mir der Mann alles Gute. Das konnte ich brauchen. Denn nun passierte etwas, das mich stark verunsicherte. Der Zug tauchte unmittelbar vor dem Warschauer Centralna-Bahnhof in einen Tunnel ein – und tauchte gar nicht mehr auf. Wir stoppten auf einem unterirdischen Bahnsteig! Das hatte ich in Deutschland noch nie erlebt. Grelles Neonlicht spiegelte sich auf den Marmorplatten, es war ein so unheimlicher Eindruck, als ob man in einem verbotenen Versuchslabor angekommen wäre.

 

Lebensgefahr

Ich stapfte mit meinem Rucksack die kaputte Rolltreppe nach oben. In der hohen, abendlich leeren Schalterhalle flatterten mir einige aggressive Tauben um den Kopf. Überall muffelte es noch schwer nach kommunistischer Tristesse. Als ich aus dem Bahnhof trat, folgte die nächste unangenehme Überraschung: Einige alte Straßenlampen spendeten ein fahles orangenes Licht, doch außerdem gab es noch Hunderte von Autoscheinwerfer, die am Bahnhof vorbeifluteten. Direkt vor mir verlief eine sechsspurige Straße, dahinter schwang sich ein Betonviadukt über die Fahrbahn. Na wunderbar – ein Autobahnkreuz mitten im Warschauer Zentrum! Für Fußgänger gab es hier weder einen Ampelübergang noch eine Brücke. Ich befand mich auf einer meerumtosten Insel. Wie sollte ich denn bitteschön auf die andere Straßenseite gelangen? An diesem Problem hat sich übrigens bis heute nichts geändert: Der Zentralbahnhof ist auf drei Seiten von großen Straßen umgeben, auf der vierten befindet sich eine Bushaltestelle. Ich war ratlos. Schließlich schnallte ich mir meinen Rucksack ganz eng um die Schulter und sprang todesmutig auf die sechsspurige Straße, mitten in die Autoscheinwerfer hinein. Panisch schnaufend erreichte ich auf der anderen Seite einen Wolkenkratzer, das Hotel Marriott. Außer mir war niemand über die Straße gerannt. Wie gelangten denn die anderen Passagiere vom Bahnhof weg? Dann sah ich sie: Ganz gemütlich kamen sie die Treppe einer Unterführung hinauf. Nicht nur der Bahnhof, sondern auch die angrenzenden Straßenkreuzungen – alles untertunnelt! Mein Fehler hatte darin bestanden, dass ich gleich nach der Ankunft in die oberirdische Bahnhofshalle hinaufgestiegen war. Der Kenner betritt sie gar nicht, sondern bleibt in der Unterwelt und huscht vom Bahnsteig direkt in einen der Fußgängerschächte, die in die Stadt hineinführen.

 

Die Horrorkonferenz

Vom Bahnhof aus marschierte ich durch die ausgestorbene, von orangenen Straßenlaternen trübe erleuchtete Innenstadt bis zum Konferenzhotel am Weichselufer. Es war eigentlich kein Hotel, sondern das »Haus des Lehrers«, ein besseres Studentenwohnheim. Ich meldete mich in der Lounge an. Dort saß hinter einem einfachen Tisch eine sehr attraktive, rothaarige Studentin. Sie hatte einen Pagenknopf mit schnurgeradem Ponyschnitt und trug eine silbern glitzernde Bluse. Nach einem Blick auf die Gästeliste teilte sie mir mit, dass ich mit einem Mitglied der jüdischen Gruppe zusammen wohnen würde, einem Kanadier. Es sei das Ziel der Konferenz, die Gruppen miteinander zu vermischen. Ich brachte meinen Rucksack aufs Zimmer. Es war klein, mit zwei Betten. Mein Mitbewohner war schon vor mir angekommen, hatte seinen Rucksack abgestellt, war aber noch einmal ausgegangen. Er kam erst spät nachts zurück. Im Halbschlaf bekam ich mit, dass er seine Sachen zusammenpackte und das Zimmer wieder verließ. Ich dachte mir nichts Böses dabei. Erst am nächsten Tag erfuhr ich von der betretenen Studentin, dass der Kanadier auf keinen Fall mit einem Deutschen zusammen wohnen wollte.

Ich war kein bisschen verärgert, sondern spürte eine Art leichter Erregung, sozusagen den Atem der Weltgeschichte. Das war nun also das erste Mal, dass ich persönlich für Auschwitz zu büßen hatte. Heimlich wurde mir von anderen Mitgliedern der jüdischen Gruppe Trost zugesprochen. Zwei kroatische Juden machten mit mir einen Altstadtspaziergang. Sie deuteten an, dass keineswegs die gesamte jüdische Gruppe feindlich gegenüber den Deutschen eingestellt sei. Die dreißig Leute seien eine weltweit zusammengewürfelte Truppe, und die Aggressionen gingen immer nur von den amerikanischen und kanadischen Juden aus. Am allerfriedlichsten seien die Delegationsmitglieder aus Israel.

Wir konferierten eine Woche lang und besuchten natürlich auch die Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des jüdischen Ghettoaufstandes, bei denen der polnische Staatspräsident Lech Wałęsa und der israelische Premierminister Jitzchak Rabin sprachen. Am nächsten Tag geriet ich am Denkmal des Umschlagplatzes plötzlich in die Journalistenmeute hinein, befand mich ganz nah an Jitzchak Rabin und kann den durchdringenden Blick aus seinen sehr blauen Augen bis heute nicht vergessen.

Am vorletzten Tag berief die jüdische Gruppe eine außerordentliche Versammlung aller neunzig Konferenzmitglieder ein und schlug vor, dass wir zum Abschluss spontan alle nach Auschwitz fahren sollten. Eine heftige Diskussion entbrannte, denn diese Planänderung bedeutete, dass jeder Teilnehmer zusätzliches Geld aus eigener Tasche aufbringen musste. Wenn alle mitkämen, würde es billiger. Doch die meisten Polen hatten dazu keine Lust, sie kannten Auschwitz bereits. Die Deutschen hielten sich heraus oder versuchten, irgendwelche Vermittlungsvorschläge zu machen. Die Sache eskalierte auf erschreckende Weise, es kamen Dinge hoch, die schon während der vergangenen Tage in der Luft gelegen hatten. Plötzlich ging es um die Frage, wer im Zweiten Weltkrieg mehr gelitten habe: Polen oder Juden. Eine polnische Studentin lief weinend aus dem Saal: Sie werde nicht mitfahren, obwohl ihr Großvater ebenfalls in Auschwitz ermordet worden sei. Aber sie wolle die jüdische Okkupation von Auschwitz nicht länger dulden. Die Juden sollten nicht glauben, die einzigen Opfer gewesen zu sein!

Die Fahrt nach Auschwitz begann am nächsten Morgen um fünf Uhr. Außer der jüdischen Gruppe kamen nur wenige Polen und wenige Deutsche mit. Ich selbst fuhr mit, denn meine Sympathien waren zu diesem Zeitpunkt eindeutig auf der jüdischen Seite. Das Verhalten der Polen erschien mir skandalös.

Die Erfahrungen bei der Konferenz hielten mich trotzdem nicht davon ab, wenige Monate später endgültig nach Warschau überzusiedeln. Bei genauerem Hinsehen hatte die Konferenz für mich persönlich sogar ein überraschend positives Ergebnis gebracht: Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man als Deutscher in Warschau leben, ohne irgendwelche Vorwürfe befürchten zu müssen. Im Gegenteil: Polen und Juden klopften uns Deutschen sogar freundlich auf die Schulter und bescheinigten uns, mit der Vergangenheit gründlich abgerechnet zu haben. Erstmals ging mir bei dieser Gelegenheit auf, dass Willy Brandt und viele aus seiner Generation einen verdammt guten Job gemacht hatten.

Im Jahr 2000 wurde übrigens unweit des Ghettodenkmals, vor dem Brandt spontan niederkniete, ein zweites, ziemlich großes Denkmal errichtet: Eine Bronzetafel erinnert an den Kniefall Brandts am 7. Dezember 1970, das wichtigste Ereignis der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945. Dieses Denkmal ist weltweit einmalig, nämlich ein Denkmal für ein Ereignis an einem Denkmal, also quasi ein Metadenkmal. Meines Wissens gibt es in Warschau kein zweites Denkmal für einen Deutschen.

 

3 Von Krakau nach Warschau

 

Ein Spätentwickler

Es waren einmal Wars und Sawa, einfache Fischersleute, die in den Sumpfgebieten entlang der Weichsel lebten. Eines Abends fanden sie im Uferschilf einen verängstigten jungen Fürsten namens Ziemowit, der sich beim Jagen verirrt hatte. Die Eheleute brachten den Fürsten in ihre Hütte, servierten ihm ein kleines Abendbrot, schütteten ihm ein Nachtlager auf und zeigten ihm am anderen Morgen den Weg aus dem Sumpf. Zum Dank schenkte er ihnen das Landstück, auf dem ihre Hütte stand. Schöne Zeiten, als man sich für ein kostenloses Nachtlager noch anständig bedankte.

Wem die alte Legende ein bisschen zu sehr nach Wohlfühlmarketing klingt, der stößt bei der Etymologie des Namens »Warszawa« – der übrigens »Warschawa« ausgesprochen wird – auf mindestens zwei Theorien. Die eine sagt: Das Gelände entlang der Weichsel gehörte einem Mann namens »Warsz«, wobei dies die Kurzform des altpolnischen Namens »Warcisław« oder »Wrocisław« war. Warszawa wäre dann also das »Gebiet des Warsz«.

Die andere Theorie leitet »Warszawa« nicht aus dem Polnischen, sondern aus der untergegangenen Sprache der Pruzzen ab. »Warza« hieß bei ihnen ein Fischwehr, und »saw« war ein Fischerboot mit einem durchlöcherten Kasten zum Aufbewahren der Fische.

Diese zweite Version zeigt deutlich an, was Warschau ursprünglich war: ein kleines Fischerdorf an der Weichsel. Und das blieb auch noch so, nachdem das Königreich Polen mit seinen Städten Gnesen, Krakau und Lublin schon lange ins Licht der Weltgeschichte eingetaucht war. Warschau war im polnischen Kosmos ein Spätentwickler. Seine erste urkundliche Erwähnung stammt erst aus dem Jahr 1281.

Was führte in den folgenden Jahrhunderten zum Aufstieg des kleinen Weichseldorfes zur Hauptstadt des flächenmäßig größten frühneuzeitlichen Staates Europas? Es waren zunächst zwei geografische Vorteile: Erstens gab es an dieser Stelle eine besonders hohe Weichselböschung. Mit »Böschung« ist die etwa zwanzig bis dreißig Meter hohe Uferklippe gemeint, die seit der letzten Eiszeit einen natürlichen Damm gegen das Weichselhochwasser bildet. Zweitens gab es eine flache Furt durch den Strom, die besonders gerne von den Handelskarawanen in Richtung Russland genutzt wurde. Was lag näher, als auf dem höchsten Punkt der Klippe eine Burg zu erbauen, in der die durchreisenden Händler ihren Zoll entrichten mussten? »Furt« heißt auf Polnisch »bród«, und so heißt bis heute einer der sieben alten Stadtteile Warschaus »Bródno«. Bereits im 16. Jahrhundert entstand hier die erste Brücke über die Weichsel.

Die alte Burg oben auf der Weichselböschung ist nicht mehr erhalten. Sie stand an der Stelle, wo sich heute das Ujazdowski-Schloss (und nicht weit davon die Deutsche Botschaft) befindet. Ältestes erhaltenes, genauer gesagt: nach 1945 wiederaufgebautes Gebäude der Stadt ist heute die kleine gotische Kirche »Mariä Heimsuchung«, 1409 erbaut.

 

Elche auf Wanderschaft

Wer auf die Rückseite der alten Kirche tritt, hat einen wunderschönen Blick auf das Weichseltal. Dabei bemerkt man erstaunt, dass das gegenüberliegende Flussufer nicht bebaut ist und keinerlei Promenade hat, sondern immer noch, so wie vor tausend Jahren, unreguliert und von Bäumen und Gebüsch gesäumt ist. Wer sich hier auf dem Steilufer abends mit einem Feldstecher positioniert, kann in den Abendstunden auf dem anderen Flussufer gelegentlich verdächtige Bewegungen wahrnehmen. Das ist dann allerdings keiner der vielen Warschauer Jogger, sondern vermutlich ein wandernder Elch. Kein Witz! Auf ihrer herbstlichen Wanderung von Nord- nach Südpolen orientieren sich die Elche gerne am Flusslauf der Weichsel, und schon so mancher späte Jogger wurde plötzlich von einem Elch überholt.

Das Schicksalsfeuer

Und nun folgt ein Eilmarsch durch die polnische Geschichte. Es geht um die Frage, wie es dazu kam, dass Krakau seinen Hauptstadtstatus an Warschau verlor. Im Jahr 1569 bildete sich in Lublin eine politische Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen, durch die das neue Gebilde zum flächenmäßig größten Staat Europas aufstieg. Dabei wurde festgelegt, dass die Reichstage in Zukunft in Warschau stattfinden sollten, weil das für die Abgeordneten aus Litauen schneller zu erreichen war als Krakau.

Knapp dreißig Jahre später, im Winter 1596, gab es im unlängst erbauten Königsschloss auf dem Krakauer Wawel einen Brand, der nicht gelöscht werden konnte, weil das gelagerte Löschwasser eingefroren war. Das Schloss nahm empfindlichen Schaden. Um den jahrelangen Wiederaufbauarbeiten zu entgehen, zog der damalige König Sigismund III. samt Hofstaat nach Warschau um. Von diesem Moment an gilt Warschau als polnische Hauptstadt – obwohl Krakau bis ins 18. Jahrhundert hinein die offizielle Hauptstadt blieb. Hier fanden weiterhin die Krönungsreichstage für den neu gewählten König statt. De facto residierte der König aber in Warschau, und zwar im 1619 fertiggestellten Schloss. Mehr als hundert Jahre lang war es von nun an das Los der Könige, ständig zwischen Berlin und Bonn pendeln zu müssen – pardon: zwischen Krakau und Warschau. Als im 18. Jahrhundert zwei sächsische Kurfürsten nacheinander zu polnischen Königen gewählt wurden, kam noch Dresden als dritte Residenz hinzu.

 

Ein echter Warschauer

An dieser Stelle möchte ich meinen Freund Rysiek vorstellen. Er hat drei Kinder und arbeitet als Übersetzer und Drehbuchautor. Wenn man ihn fragt, woher er kommt, antwortet er stolz: »Jestem Warszawiakiem z dziada pradziada – Ich bin ein Warschauer von Großvater und Urgroßvater her.« Was diese Formel bedeutet, erklärt Rysiek so: Ein echter Warschauer ist jeder, dessen Vorfahren bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 in Warschau gewohnt haben. Die Stadt hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 1,3 Millionen Einwohner. In den folgenden fünf Besatzungsjahren verminderte sich die Bevölkerungszahl durch Bombenangriffe, Flucht, Deportationen und Hinrichtungen um etwa 300.000 Menschen. Während des zweimonatigen Aufstands 1944 starben noch einmal mindestens 200.000 Menschen. Nach der Einnahme Warschaus durch die Sowjets 1945 kehrten in kurzer Zeit 600.000 Menschen in die Ruinen zurück. Das ist auch in etwa die Basiszahl der überlebenden »echten« Warschauer. Die Einwohnerschaft vergrößerte sich dann allerdings sehr rasch, weil Zehntausende Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Westen strömten. Hinzu kam die Landbevölkerung, die vom Wiederaufbau Warschaus angezogen wurde – alles »unechte« Warschauer. Siebzig Jahre später gibt es etwa zwei Millionen Einwohner. Offiziell sind es nur 1,7 Millionen, aber wegen des etwas unflexiblen polnischen Meldesystems haben sich viele Menschen nicht in der Hauptstadt registrieren lassen. Rysiek schätzt aber, dass sich von den heutigen zwei Millionen nicht mehr als vier Prozent als »echte Warschauer« bezeichnen dürfen, also weniger als 100.000 Menschen. Dabei schwingt in seiner Stimme eine Art aristokratischer Stolz mit. Denn in dieser Frage geht es um mehr als um Meldeformulare, es geht um zivilisatorische Standards. Der echte Warschauer ist der kultivierte Bürger, der anständig mit Messer und Gabel essen kann. Alle übrigen müssen ehrlicherweise eingestehen, dass ihre Vorfahren noch bis vor Kurzem die Schweine gehütet haben!

Rysiek ist kein Einzelfall. Der Krieg rückt in immer weitere Ferne, doch die Unterscheidung von echten und unechten Warschauern hört man interessanterweise immer öfter. Die Frage nach der Herkunft kam in den Neunzigern auf. Die im Kommunismus noch künstlich homogen gemachte Bevölkerung teilte sich blitzschnell in neue Schichten, und besonders ehrenvoll war es jetzt, zur neu entstehenden Mittelschicht zu gehören, der Nachfolgerin des guten alten Bürgertums. In Polen ist es heutzutage wieder geil und aufregend, ein richtiger Bürger zu sein. Der Wind hat sich also gedreht. Fast fünfzig Jahre lang waren Arbeiter und Bauern das Maß aller Dinge – heute sind sie die Buhmänner der Nation, weil sie angeblich primitiv und ungebildet sind (und teilweise immer noch gewisse Steuerprivilegien beanspruchen dürfen).

Angesehene Leitartikler führen sogar fast alle heutigen Probleme Polens auf die Ausrottung des Bürgertums durch Nazis und Sowjets sowie auf die einseitige Förderung von Arbeitern und Bauern nach 1945 zurück. Ein fatales bäuerliches Erbstück sei zum Beispiel das übergroße Misstrauen, das die Polen plage; bäuerlich sei auch der mangelnde Sinn für Ästhetik, der sich in den Städten zeige, die durch ungebildete Bürgermeister und deren Sekretärinnen verschandelt würden. Bäuerliche Tradition sei weiterhin der verantwortungslose Umgang der Leute mit ihrem Geld, das hemmungslose Aufnehmen von Krediten oder die vulgäre Alltagssprache oder die brutale Behandlung von Hunden und Katzen. Ja, sogar die schlechten Ergebnisse polnischer Olympiateilnehmer in Mannschaftssportarten werden gelegentlich darauf zurückgeführt, dass der Bauer zum Kollektiv ungeeignet sei.

Kein Wunder, dass es immer mehr Warschauer gibt, die schon nach wenigen Sätzen ihre Herkunft »von Großvater und Urgroßvater her« herausstellen. Danach folgt dann meist eine hochauthentische Geschichte von der Großmutter, die im Aufstand 1944 Sanitäterin der Heimatarmee gewesen und mehrfach verwundet worden sei. Wie durch ein Wunder habe sie überlebt und auch das alte Porzellangeschirr der Familie durch den Krieg hindurch gerettet, die Enkel essen heute noch davon.

Rysiek warnt eindringlich vor Hochstaplern, die solche Geschichten erzählen und sich in Wahrheit nur einen bürgerlichen Stammbaum basteln wollen. Um sich von ihnen zu distanzieren, ist er bereit, jedem Zweifler das alte Familienalbum mit den Schwarz-Weiß-Fotos seiner Großeltern aus dem Warschau der Dreißigerjahre zu zeigen. Als ich mir dieses Album anschauen wollte, ergab sich aber ein kleines Problem: Das Album liegt bei den Eltern in Warschau. Rysiek wohnt nämlich schon seit fünf Jahren in Berlin. Und seine Frau ist Bolivianerin.

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