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Funke der Freiheit

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Historischer Roman

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Funke der Freiheit — Inhalt

Aufregung in den Straßen Mannheims! Der Dichter August von Kotzebue ist ermordet worden. Der Täter steht schnell fest – es ist der Student Carl Sand. Unklar bleibt jedoch sein Motiv: Hat er aus eigenem Antrieb gehandelt? Oder steckt dahinter eine Verschwörung? Nur Sand weiß die Wahrheit. Behutsam verhört man den Burschenschaftler, der nach einem Selbstmordversuch mit dem Tode ringt. Auch Friederike, die Tochter des obersten Gefängnisaufsehers, bangt um das Leben Sands, seit sie ihn kurz nach dem Attentat das erste Mal erblickte.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98019-7

Leseprobe zu »Funke der Freiheit«

Leseprobe

DANKSAGUNG

Mein besonderer Dank für ihre Hilfe und ihren fachlichen Rat gilt Herrn Prof. Dr. Dieter Jetter und Herrn Dr. Axel Karenberg vom Institut der Geschichte der Medizin, Universität zu Köln; Frau Dr. Anneliese Senger, Universität zu Köln; Herrn Dr. Thomas Degen, Köln; Herrn Prof. Dr. Peter Conrady, Universität Dortmund, und Frau Mariele Conrady, Greven; Frau Brigitte Müller-Beyreiß, Pulheim; Frau Elke Sinn, Köln; Frau Dr. Grit Arnscheidt und Frau Liselotte Homering vom Reiss-Museum der Stadt Mannheim sowie Frau Elisabeth Jäger vom [...]

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Leseprobe

DANKSAGUNG

Mein besonderer Dank für ihre Hilfe und ihren fachlichen Rat gilt Herrn Prof. Dr. Dieter Jetter und Herrn Dr. Axel Karenberg vom Institut der Geschichte der Medizin, Universität zu Köln; Frau Dr. Anneliese Senger, Universität zu Köln; Herrn Dr. Thomas Degen, Köln; Herrn Prof. Dr. Peter Conrady, Universität Dortmund, und Frau Mariele Conrady, Greven; Frau Brigitte Müller-Beyreiß, Pulheim; Frau Elke Sinn, Köln; Frau Dr. Grit Arnscheidt und Frau Liselotte Homering vom Reiss-Museum der Stadt Mannheim sowie Frau Elisabeth Jäger vom Stadtarchiv Wunsiedel.

PROLOG

 

 

Vom Westen her drängten Wolken über den Rhein. Nur selten fand die Sonne noch einen Spalt; ihr flüchtiges Licht streifte die Giebel und Türme der Stadt. Der Himmel war die Bühne, der Tag das Stück.

Wie von Gängen und Reihen, schnurgerade, zwischen Toren, Wällen und dem fürstlichen Schloß, wurde Mannheim durch namenlose Straßen straff geordnet und gekreuzt. Dicht an dicht lebten die Bürger in eckigen Maschen. Q6, R5, A2, für jedes Quadrat Buchstabe und Zahl. Die Stadt, das Parkett.

Am späten Nachmittag, wenige Minuten nach 5 Uhr, schloß sich der graue Vorhang. Kein Applaus. In Mannheim war es still. Es war der 23. März 1819, ein kühler Tag. Es roch nicht nach Frühling in der Stadt.

Längst hatte die Stubenmagd des Lustspieldichters August von Kotzebue alle Fenster im ersten Stock des vornehmen Stadthauses wieder fest verriegelt. Das Eckgebäude im Quadrat A2, nur einen Steinwurf schräg über die Kreuzung vom Theater entfernt, war frisch getüncht. Seine herrschaftliche Fassade blickte stumm und abweisend zu B2 hin, zu den schmalgesichtigen Häusern der anderen Straßenseite. Aus der Schusterwerkstatt, dem Eingang direkt gegenüber, drang eintöniges Hämmern. Hin und wieder eilten Menschen vorbei, ihr Tritt klackte auf dem Kopfsteinpflaster.

Ein Schrei. Dann schrille Schreie, langgezogen; im Eckhaus wuchs Lärm, Frauen schrien, wieder und wieder.

Langsam, beinah zögernd, wurde das Eichenportal geöffnet. Im Eingang schwankte ein junger Mann, suchte Halt und lehnte erschöpft die linke Schulter an den Türholm. Tonlos bewegte er die Lippen, als übte er Worte, dann klar und laut: »Wer kann mir etwas tun?« Entschlossenheit erwachte in den grauen Augen. Mit Mühe richtete er den Oberkörper hoch und stieß sich weiter. Schritt für Schritt torkelte er ins Freie. Wie ein Fechter streckte er den rechten Arm, seine Faust umklammerte einen Dolch. Die Spitze der langen Klinge war blutgefärbt.

Hinter ihm erschienen zwei Mägde in der Haustür. »Helft. So helft doch.« Fassungslos jammerten sie und wagten sich nicht hinaus. Mit einem Mal schrien sie: »Zu Hilfe!« Ihre Verzweiflung gellte in den späten Nachmittag und öffnete die Türen der Nachbarhäuser.

Fast hatte der junge Mann die Mitte der Straße erreicht.

»Zu Hilfe!«

Er stockte und hob den Kopf. Sein dunkles Haar fiel in Locken bis über den weiten Kragen. Er wandte sich um. Der schwarze Rock klaffte vor seiner Brust auseinander. Aus der Wunde über dem Herzen quoll Blut und tränkte die rot-goldne Weste.

»Zu Hilfe!«

Vorwurfsvoll starrte er die Frauen an. »Wer kann mir etwas tun?« Schweiß perlte auf der hohen Stirn, dem starken Nasenrücken und floß in Straßen über die breiten Wangen, schweißverklebt war der spärliche Lippenbart.

Von gegenüber, von nebenan, von weiter her, vom Lärm aufgeschreckt kamen Leute gelaufen. Doch der Anblick des Dolches hielt sie zurück. In sicherer Entfernung drängten die Neugierigen sich zu einem Halbkreis. Stumm beobachteten sie den Fremden.

»Zu Hilfe!« schluchzten die Mägde im Eingang. Der Hausdiener schob sie zur Seite. Geduckt näherte er sich dem jungen Mann. Sofort bedrohte ihn die Spitze der langen Klinge.

»Der Kerl hat unsern Herrn erstochen!« Laut forderte der Diener von den Umstehenden: »Helft mir!« Doch keiner half.

Mit der Linken tastete der Fremde nach der Innentasche seines Rocks, nestelte ein Papier heraus, flattrig entfalteten die zitternden Finger das Blatt. Ein großer Foliobogen, engbeschrieben. Die Augen wurden lebhaft. Er zeigte das Plakat dem Volk. »Gottlob, es ist vollbracht.« Triumph lag in seiner Stimme. »Ich kämpfe für mein deutsches Vaterland. Wer kann mir dafür etwas tun? Es lebe mein deutsches Vaterland!« Das Kinn gereckt, blickte er den Diener an. »Da, nimm das.«

Vorsichtig schnappte der Mann nach dem Schreiben und wich zurück. »Verrückt. Der ist verrückt!« stammelte er. »Ein Irrer«, warnte er die Leute, »laßt ihn nicht weg! Polizei!« und rannte über die Kreuzung davon. »Ich hol’ die Wache.«

Im ersten Stock wurden Fenster aufgestoßen. »Tot. Er ist tot.« Zerwühlte Frisuren, gleiches Entsetzen in den Gesichtern, drei Damen beugten sich heraus. »Mord!« Sie zeigten auf den Fremden. »Mörder!« »Faßt ihn!« »Haltet ihn!«

Der junge Mann warf den Kopf zurück. Unter der heftigen Bewegung wankte er. Frisches Blut pulste aus der Wunde. Er fand das Gleichgewicht wieder. »Ja, ich habe es getan«, rief er zu den Damen hinauf. Wie ein Feldzeichen hielt er die Waffe. »So müssen alle Verräter sterben!«

Er rang nach Atem. Nach einer Weile erfaßte sein Blick die Umstehenden, die Augen brannten sich in das gaffende Publikum. »Hoch lebe mein deutsches Vaterland!« Er wuchs zum Herold der eigenen Botschaft, dehnte jedes Wort: »Ein Hoch für alle im deutschen Volk, die den Zustand der reinen Menschlichkeit zu fördern streben.«

Er ließ dem Satz die gebührende Andacht. Dann trat er mit dem linken Fuß vor und sank in feierlicher Geste auf das rechte Knie nieder. »Ich danke dir, Gott, für diesen Sieg.«

Atemlos stand das Volk.

Er schloß die Augen. Sein Gesicht, umrahmt von schwarzen Locken, glänzte im Schweiß. Er betete stumm. Schließlich preßte er die Lippen, setzte sorgfältig die Spitze des Dolches unter der ersten Wunde an, faßte den Griff mit beiden Fäusten und zog die Klinge gerade in seine Brust, bis die Hände erschlafften. Der Körper sank und kippte langsam zur rechten Seite. Ausgestreckt, auf dem Rücken lag der Fremde vor seinem Publikum.

Der Schreck lähmte die Zuschauer. Nur in der ersten Reihe des Parketts hob eine junge Frau die Hände zum Kopf; ihre Finger krallten sich ins blonde, zum Kranz gesteckte Haar. »Bitte«, flehte sie. »So helft ihm doch.« Sie zerrte den Zopf herunter, angstvoll preßte sie das geflochtene Ende an die Brust. »Helft. Er stirbt.«

Ihr Bitten erreichte den Schustergesellen auf dem Platz neben ihr. Die Erstarrung fiel ab. Mit großen Schritten eilte er zu dem Verwundeten, packte den Griff der Waffe und riß ihm die Klinge aus der Brust. Blut quoll. Entsetzt ließ der Schustergeselle den Dolch fallen. Blut schoß aus der Wunde.

Der Bann war gebrochen. »Er hat sich selbst erstochen!« Frauen, Männer und Kinder schoben sich näher. »Woher kommt der Kerl?« »Sieht aus wie ein Student!« Rufe von überall her.

Eine harte Stimme übertönte den Lärm. »Ich bin Hebamme! Macht Platz.« Mit starken Armen schaffte sich die Frau eine Gasse und kniete sich zu dem Fremden. Sie faßte die Stirn, ihre Daumen schoben die Augendeckel kurz nach oben. »Er lebt.« Geübt riß sie die Wollweste um die Wunden auf und drückte die Hand auf die blutenden Einstiche. Sie blickte zum Eingang des vornehmen Stadthauses. »Bringt Essig!« befahl sie den Mägden.

»Er lebt«, flüsterte die junge Frau vor sich hin. Sie lächelte den Schustergesellen an. »Er lebt.« Der hochgewachsene Bursche sah ihre Augen. »Wenn er’s nur tut«, murmelte er und wischte verlegen die Hände an seiner Lederschürze.

Eine Schüssel voll Essig. Ein Tuch. Umsichtig wusch die Hebamme die Wunden. Bald quoll das Blut nicht mehr so heftig. Sie tränkte das Tuch erneut im Essig und rieb kräftig das bleiche, stille Gesicht. Mit einem Mal seufzte der Fremde, bewegte den Kopf hin und her, seufzte wieder.

Schritte, Stiefeltritte die Straße entlang. Voraus eilten zwei Ärzte; ohne das Winken der Hebamme zu beachten, betraten sie das Eckgebäude. Geführt von dem Diener, näherten sich Polizei und Wachsoldaten in Begleitung des Stadtphysikus.

»Aus dem Weg!« Eine Gruppe Uniformierter postierte sich am Eingang, die zweite stürzte ins Haus des Herrn von Kotzebue. Und gemessenen Schrittes, im langen, enggeschnittenen Gehrock, folgte der vom Rat der Stadt berufene Amtsarzt den Soldaten.

Schon wenige Augenblicke später verließ ein Offizier der Wache wieder das Gebäude. Breitbeinig baute er sich vor dem Verletzten auf. »Wer ist das?«

»Egal!« schimpfte die Hebamme. »Der Junge muß ins Spital. Sonst hält er nicht mehr lange durch.« Schon bellte der Befehl: »Bringt die Trage!« Unter Anweisung der Hebamme wurde der Fremde darauf gebettet und mit einem Tuch bedeckt. Neue Befehle. Eskortiert von zwei Wachen, trugen sie ihn davon; Kinder rannten hinterher.

Angespannt wandte sich der Offizier an die Leute. »Kennt einer diesen Kerl?« Nur Achselzucken. »Wer weiß etwas?« Der Diener zog hastig die zerknüllte Schrift aus der Tasche und glättete den Foliobogen. »Da, das hat er mir gegeben. Wahnsinnig ist er.«

Kurz prüfte der Offizier das Plakat, dann stutzte er, las laut die Überschrift: »Todesstoß an August von Kotzebue!« Mit dem Handrücken wischte er über den Text. »So was. Ein Bekenntnis.« Er schüttelte den Kopf und pfiff ungläubig durch die Zähne. »So was. Und geschrieben hat er’s schon vorher.«

Oben im ersten Stock waren die Schreie verebbt. Ersticktes Schluchzen und Wehklagen folgten dem hageren Stadtphysikus, als er mit versteinerter Miene das Totenhaus verließ.

Der Offizier zögerte nicht. Der Ermordete war ein berühmter Gast der Stadt Mannheim, er war der in ganz Europa gefeierte Lustspieldichter, und er war russischer Staatsrat, ein Freund des Zaren. Der Ermordete war der Freiherr August von Kotzebue.

Ein Meuchelmörder hatte ihn heute erstochen. Fragen, Aussagen für das Protokoll – mit aller Gründlichkeit begann der Offizier das Verhör. Seine Wachen sperrten die Straße nach beiden Seiten. Nachbarn und Neugierige mußten bleiben; kein Zeuge sollte sich unbemerkt entfernen können.

»Vielleicht hast du den Fremden gerettet«, sagte die junge Frau leise zum Schustergesellen. »Dafür dank’ ich dir.«

Sie standen im Publikum eng beieinander. Behutsam faßte der Bursche ihren Arm. »Du kennst ihn doch?«

Sie löste sich. »Vorhin hab’ ich ihn zum ersten Mal gesehen.«

»Sebastian heiße ich«, flüsterte er und zeigte zur Schusterwerkstatt hinüber; fester fuhr er fort: »Beim Meister wohn’ ich.«

»Ich wohn’ im Zuchthaus.« Sie lachten beide. Die junge Frau erklärte: »Ich bin die Friederike Kloster. Mein Vater ist Oberzuchtmeister. Deshalb wohnen wir im Zuchthaus.«

ERSTER AKT Die Festnahme

 

 

Den Wänden entlang und in der Mitte zu einer langen Reihe waren die hölzernen Kastenbetten geordnet. Über jedem Kranken spannte sich zwischen den hohen Pfosten ein eigener Tuchhimmel, an den Seiten fielen dichte Vorhänge und dämpften das Stöhnen, Wimmern, den schweren Atem. Geruch nach Kot und Urin, Fieberschweiß, nach schwärenden Wunden; die säuerlich schale Ausdünstung kranker Menschen lastete im Saal des Allgemeinen Hospitals.

Das erste Bett der mittleren Reihe war rundum geöffnet. Helle Öllampen flackerten an den Pfosten.

»Was ist mit ihm?« Drei Schritt entfernt stand der Stadt- physikus, hager, die Hände im Rücken, die Daumen über den Schößen des Gehrocks verhakt. Kühl blickte er auf das wachsbleiche Gesicht, die blauen Lippen, auf den über und über mit Blut besudelten jungen Mann.

Zunächst waren ihm die feuchtklebrigen Taschen entleert worden. Angewidert, mit spitzen Fingern hatten die Wachsoldaten den verschmierten, spärlichen Inhalt entgegengenommen und auf einem Hocker gestapelt.

Zwei Wundärzte untersuchten den Verletzten. »Wenig Atem.« »Kein Puls.« Nüchterne, unbeteiligte Auskünfte. »Die Hände kalt.« Sie streiften die Schnürstiefel ab. »Beine und Füße kalt.«

»Entkleiden. Legt die Brust frei«, bestimmte der Amtsarzt.

Mit Scheren zerschnitten sie den altdeutschen Rock und trennten die schwarzen Beinkleider auf. Wie bei der Schafschur schabten sie blutige Wollstücke der Weste und triefende Hemdlappen von dem reglosen Körper. Würgend kehrten die Wachen den Rücken.

Poltern, Lärm an der Tür. Ungehalten wandte der Stadtphysikus den Kopf. Gefolgt von zwei Urkundenbeamten stürmte der Untersuchungsrichter durch den Krankensaal.

»Noch nicht!« wies ihn der Doktor zurück.

»Er muß reden.« Der beleibte Jurist wischte mit dem Schnupftuch die verschwitzte Stirn. »Im Rat ist man aufgebracht. Der Stadtdirektor verlangt sofortige Aufklärung.« Er rang nach Luft. »Alle Schauspieler des Nationaltheaters sind fassungslos und können nicht spielen. ›Dienstpflicht‹ von Iffland fällt heute aus. Die Nachricht von dem Mord geht um wie ein Lauffeuer.« Fest zerknüllte er das Tuch und streckte die Faust zum Fenster. »Unten im Hof sammeln sich Neugierige. Von Minute zu Minute werden es mehr.« Er zeigte zur Saaltür. »Da draußen wartet bereits ein Redakteur der Mannheimer Tageblätter. Was soll ich ihm sagen?«

»Noch nichts, Herr Oberhofgerichtsrat.« Ein Anflug von Spott schwang in der Stimme des Stadtphysikus, er verschränkte die Arme vor der Brust.

Kurz hielt der Richter inne, dann blies er den Atem aus und nickte. »Gut, sehr gut. Besser gar nichts. Das ist es. Von uns gibt es keine weiteren Informationen. Ich verordne zunächst absolutes Stillschweigen.« Warnend hob er das Taschentuch. »Nur keine Fehler«, raunte er dem Doktor zu. »Diese Mordsache schlägt Wellen bis hoch hinauf. Der kleinste Fehler kann für uns zum Skandal werden. Ich betone: Für jeden von uns.« Furcht und Ärger stritten in dem breiten Gesicht; beinahe gekränkt starrte er auf den Verletzten. »Verfluchter Kerl. Ausgerechnet den Kotzebue mußte er umbringen.«

Inzwischen hatten die Ärzte den Oberkörper des Fremden sorgfältig abgewaschen und die Einstiche mit scharfem Branntwein behandelt. »Zwei querlaufende Schnittwunden, die in die linke Brusthöhle eingedrungen sind.«

»Erster Einstich zwischen der dritten und vierten Rippe.«

Abwechselnd ergänzten sie den Wundbericht.

»Zweiter Einstich zwischen der fünften und sechsten Rippe.«

»Beide Einstiche nicht unmittelbar tödlich.«

»Der schon getrocknete Blutschaum weist auf eine leichte Verletzung der Lunge hin.«

Geschickt drückten sie flauschige Bällchen aus geschabtem Leinen in die Wunden und wickelten den Brustverband.

»Wenn er lebt, muß er …«

»Nicht, bevor er versorgt ist!« Scharf schnitt der Stadtphysikus dem Untersuchungsrichter das Wort ab.

»Wenn Ihr mich behindert …!« drohte der Justizrat. Doch der Amtsarzt gab keine Antwort. Seufzend schritt der beleibte Mann vor dem Kastenbett hin und her, stopfte das große Schnupftuch in die Tasche, nahm es heraus, zerknüllte es und steckte es wieder zurück.

Gewärmter Wein wurde gebracht. Die Ärzte stützten den Oberkörper des Patienten, hielten den Kopf und flößten ihm behutsam von der Flüssigkeit ein. Er schluckte.

»Gut, sehr gut. Er lebt.«

Allein der Blick des Doktors genügte, den Untersuchungsrichter zurückzuhalten. Mühsam beherrscht wandte er sich an die Wachen. »Was trug er bei sich?« Stumm deuteten sie zum Hocker.

Kompaß, Karten, Kleinigkeiten. Der Justizrat zerteilte vorsichtig den blutgetränkten Stapel. Ein Stoffband fiel ihm auf. »Seide.« Farbstreifen stellte er fest: »Grün. In der Mitte entweder blau oder schwarz. Dann weiß.« Er zeigte es einem der Soldaten. »War das in seiner Rocktasche?«

»Um den Hals hatte er’s gebunden. Auf der Haut.«

Unschlüssig betrachtete der beleibte Mann seinen Fund. Mit einem Mal stutzte er und straffte den Stoff. Von Hand waren die farbigen Streifen mit einer Inschrift versehen worden. Sosehr er sich bemühte, im schwachen Licht vermochte er nur einzelne Buchstaben zu entziffern. Sorgsam legte er das Seidenband zur Seite. »Später.«

Zuunterst im Stapel lagen einige aus der Bibel herausgerissene Blätter, der Paß und ein dünnes Buch. Mit dem Finger rieb der Richter über den blutbeschmierten Titel. »Leier und Schwert.« Halb schloß er die schweren Augendeckel und skandierte leise: »›Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: / Das ist Lützows wilde verwegene Jagd.‹« Nur zäh liefen die verklebten Blätter vom Daumen. »Theodor Körner.« Er schüttelte den Kopf. »Dieser Dichterheld der Freiheitskriege. Wie viele junge Männer sind damals mit seinen Liedern auf den Lippen begeistert in den Tod gegangen.«

Nachdenklich schob er die volle Unterlippe vor. »Poesie. Mein Mörder liest also Gedichte«, brummte er und legte das Bändchen zurück.

Mit dem Paß winkte er seine Beamten näher. »Wir beginnen. Schreibt: Dienstagabend. 23. März 1819.« Geschäftig zog er die Uhr an der Kette aus der Westentasche, und mit einem hellen Ton sprang der Deckel auf. »Fünfzehn Minuten nach sechs.« Er ließ eine Liste anfertigen.

Vorsichtig hatten die Ärzte den jungen Mann zurückgelegt. Nach einer Weile zuckten seine Finger, die Zehen bewegten sich. Allmählich kehrte etwas Farbe in das blasse Gesicht zurück.

»Die Atmung wird kräftiger.«

Für den Gerichtsrat war es das Signal. Entschlossen trat er neben den Amtsarzt und wog den Paß in der Hand. »Unglaublich. Ein Student der Theologie. 23 Jahre alt. Studiert in Jena. Geboren im Fichtelgebirge. Aus Wunsiedel. Seine Name ist Carl Ludwig Sand. Ein Theologe! Unglaublich.«

Der Stadtphysikus hob die Brauen. »Von Jena? Von so weit kommt er her, nur um einen Lustspieldichter zu erstechen?«

»Er war russischer Staatsrat, vergessen Sie das nicht.«

Die Männer blickten sich an.

»Wenn Ihr jetzt gestattet?« Ohne abzuwarten, trat der beleibte Mann zum Bett. Mit einem Knie auf dem Rand der Strohmatratze beugte er sich über den Verwundeten. »Carl Ludwig Sand. Hören Sie mich?«

Keine Regung.

»Sand!« rief der Richter verhalten. »Carl Sand«, immer wieder, lauter, eindringlich.

Die Augäpfel unter den geschlossenen Lidern bewegten sich, leicht bebten die Nasenflügel.

»Carl!«

Ein Duft. Weiß steht der Apfelbaum in Blüte. Das Fenster zum Garten schwingt auf. Liebevoll breitet die Mutter ihre Arme aus. Die glatte Haut schimmert weiß.

»Carl?«

Im Gras hebt ein schmächtiger Junge den lockigen Kopf. Er ist nackt. Auf seinen Oberschenkeln hat er mit Löwenzahnköpfen einen gelben Berg bis hoch zum Nabel gehäuft. »Ich bin Carl.«

»Hörst du mich?«

Er öffnet nicht die Lippen. »Ich bin Carl.«

»Wo bist du, mein Junge?« Die Mutter ruft. Sorgsam zerteilt er den Blütenberg und wischt die Hälften rasch ins Gras. Er lacht. »Hier bin ich.«

»Sagen Sie Ihren Namen!« Der harte Befehl zerstört den offenen Garten. Voll Scham preßt er beide Hände zwischen die Schenkel.

»Carl«, stammelt er tonlos.

»Carl, mein Sohn.« Jetzt ist es wieder die geliebte Stimme.

»Ich komme, Mutter.«

Der Patient schlug mit den Armen und versuchte, sich aufzurichten. An den Schultern drückte ihn der Gerichtsrat ins Kissen zurück.

Carl öffnete die Lider. Das breite Gesicht war ihm fremd.

»Verstehen Sie mich?«

Langsam bewegte Carl die Lippen, formte ein Wort, doch die Stimme versagte.

»Hören Sie mich? Wenn ja, dann nicken Sie mit dem Kopf.«

Das Atmen schmerzte, erschöpft schloß Carl die Augen. Was war die Frage?

Dann ließ er los und sank tiefer.

Er fand seinen Helden vorn an der Spitze der Lützowschen Schar. »Leutnant Theodor Körner. Du unerschrockener Kämpfer«, beseelt nähert sich Carl dem Trupp im schwarzen Waffenrock, die Aufschläge rot, die Knöpfe gelb, wie Gold, »Körner, du Sänger für die Freiheit. Ich folge dir.«

Hochaufgerichtet sitzt der kühne Oberreiter im Sattel, das Haar vom Wind zerzaust, den Zügel mit der Linken kurz gepackt. Sein Schimmel schnaubt und tänzelt. Dort drüben, ins nahe Gehölz hat sich der Feind geflüchtet. Der Säbel fliegt aus der Scheide.

Ich höre dein helles Lied. Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen. / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.

»Ja, Körner, ich folge dir.«

»Sie müssen mir antworten!« Die laute Stimme riß Carl zurück. Heftig wurden seine Wangen geschlagen. »Hören Sie?«

Carl war wach. Klar blickte er in die vorgewölbten dunklen Augen über ihm.

»Sand. Verstehen Sie mich?«

Er versuchte zu nicken, vermochte es nicht, schwach hob er die rechte Hand.

»Können Sie sprechen?«

Mit Mühe gelang das Kopfschütteln.

»Gut. Gut.« Beruhigend tätschelte der Mann seinen Arm. Seine Stimme wurde sanft wie zu einem verschreckten Kind. »Ich bin der Untersuchungsrichter. Nur ein paar Fragen. Wollen Sie antworten?«

Carl schloß die Augen und öffnete sie wieder.

»Sehr gut. Ein Zeichen für Ja und eins für Nein. So geht es auch.« Umständlich erhob er sich und zog die Weste über dem Bauch zurecht. Kurz schnippte er den Gerichtsschreibern und wartete, bis jeder unter den Öllampen rechts und links des Kopfendes genügend Licht für die umgehängten Schreibbretter gefunden hatte. Sie strichen das Papier und leckten die Bleistifte.

»Ist Ihr Name Carl Ludwig Sand?«

»Student in Jena?«

»Ist die Fakultät evangelische Theologie?«

Teilnahmslos bestätigte Carl alle Angaben, die in seinem Paß standen. Wenn der Verletzte ermüdete, wartete der Richter geduldig, ließ aber nicht zu, daß er einschlief.

»Sind Sie allein nach Mannheim gekommen?«

Mannheim!

Unruhe brach auf, pulste in seiner Brust.

Eine Kutsche! Das Stadttor!

Schnell, schmerzhaft schlug das Herz die Bilder.

Die Gaststube im ›Weinberg‹! Das vornehme Eckhaus! Der Diener!

»Antworten Sie.«

Carl tastete mit den Fingern über seine zitternden Lippen. Erst nach einer Weile schloß und öffnete er die Augen.

»Gut, sehr gut.« Ein warnender Blick zu den Schreibern. Sie nickten. Wieder beugte sich der Untersuchungsrichter über den Verwundeten. »Haben Sie heute im Nachmittag den Lustspieldichter und Staatsrat August von Kotzebue ermordet?«

Das Zimmer! Der Dolch im Rockärmel!

Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen! Mit aller Kraft hob Carl den Kopf, seine Augen stierten den Feind an: Ja. Ja. Tausendmal Ja!, und er nickte heftig. Keuchend fiel er ins Kissen. Verkünde es allen! Er streckte die Finger und zeigte, daß er schreiben wollte.

»Er ist geständig«, ein Lächeln glitt über das Gesicht des Richters. Rasch forderte er von einem der Beamten das Schreibzeug. Mit dem Speichel feuchtete er den Bleistift, steckte ihn dem Verwundeten zwischen die Finger, hielt selbst das Brett, und sorgsam führte er die kraftlose Hand, bis die Stiftspitze das Papier berührte. »Sagen Sie alles.«

Verkünde die Wahrheit! Und Carl schrieb mit geschlossenen Lidern, seine Lippen buchstabierten die Worte. Wenn der Stift ihm entglitt, leckte der fürsorgliche Lehrer die Spitze erneut und setzte die Hand des Schülers wieder unter die Zeile. Endlich hatte Carl geendet, zum Zeichen öffnete er die Augen.

»Sehr gut.« Im Schein der Öllampe studierte der Untersuchungsrichter die gekritzelten Zeilen. »›Kotzebue ist der Verführer unserer Jugend. Der Schänder unserer Volksgeschichte und …‹«, er schob die Unterlippe vor, »›der russische Spion unseres Vaterlandes.‹« Verblüfft rieb er den Nacken und blickte auf den jungen Mann hinunter. »Sand. Glauben Sie das, wirklich?«

Endlich kommt’s an den Tag. Alle hat dieser Hundsfott zu blenden versucht. Carl gelang ein Kopfnicken.

Achselzuckend übergab der Gerichtsrat das Blatt seinen Schreibern. »Zu Protokoll«, bestimmte er und wandte sich an den Stadtphysikus. »Mein Mörder gesteht die Tat.« Und betonte leise: »Für mich wird’s kein Skandal.« Er zog das Schnupftuch und wischte die Stirn. »Vielleicht kann ich schon bald die Untersuchung abschließen. Allerdings müßten Sie ihn gut versorgen.«

»An uns wird es nicht scheitern.« Verärgert löste der Amtsarzt die Daumen hinter seinem Rücken und wies zum Kastenbett. »Wenn der Mörder diese Nacht und die nächsten Tage übersteht, wird er seine Hinrichtung erleben. Die Kunst der Medizin …«

Abwehrend hob der Richter den Finger. »Langsam, langsam. Erst das Verhör, dann der Prozeß und dann …«

Er unterbrach sich. Alle Anspannung war gewichen. Er stopfte das Tuch in die Rocktasche und kehrte zum Bett zurück. »Gehören Sie einem Orden oder einer geschlossenen Verbindung an?«

Kopfschütteln.

»Wo haben Sie die Bekanntschaft des Staatsrates Kotzebue gemacht?«

Wie soll ich denn antworten? Carl rollte die Augen. Das Herz pochte heftig in den Wunden. Gequält stöhnte er auf.

»Ruhig.« Die Stirn gefurcht, beugte sich der Richter über ihn. »Nur ruhig.«

»Für jetzt ist es genug«, unterbrach der Amtsarzt barsch die Befragung. »Wenn Sie den Patienten nicht schonen, werden Sie Ihre Arbeit niemals zu Ende bringen können.«

»Sie haben recht.« Ohne Widerspruch fügte sich der Untersuchungsrichter. Er gab seinen Männern den Befehl zum Aufbruch. »Wir setzen das Verhör morgen fort. Bleistift und genügend Papier bleiben hier.«

Die Soldaten erhielten strengste Order. »Laßt ihn schreiben, wenn er’s verlangt. Sorgt für ihn, helft ihm, doch ich verlange, daß er vollständig abgeschirmt wird. Außer euch und den Ärzten darf sich niemand dem Bett nähern. Niemand!«

Bevor der Oberhofgerichtsrat den Saal verließ, wandte er sich noch einmal an den Stadtphysikus. »Ich gestehe: In der ersten Aufregung war ich zu ungehalten. Wir sollten zusammenarbeiten, nicht gegeneinander.« Seine Stimme klang ernst, versöhnlich bot er die Hand. In dem hageren Gesicht löste sich der Ärger, ohne Spott lächelte der Doktor. »Auch ich achte Ihre große Fähigkeit.«

Zum Abschied schüttelten sie sich die Hände.

Gedämpftes Wimmern und Hüsteln schwang als stetige Grundmelodie der Nacht im Saal des Hospitals. Um das erste Kastenbett der mittleren Reihe waren die Vorhänge bis auf eine Längsseite geschlossen worden. Nur an den beiden vorderen Stützen des Tuchhimmels brannten noch Öllampen und leuchteten den engen Bettraum wie eine Bühne aus. Gleich vor der Matratzenrampe saßen sich die Wächter auf Hockern gegenüber, den Halskragen der Uniform geöffnet, Säbel und Gehänge über den Knien. Nachtwache. In regelmäßigen Abständen kehrte einer der Wundärzte bei seinem Rundgang zum Bett des Gefangenen zurück, prüfte den Verband und kühlte die Stirn des Verletzten.

Schnell und flach atmete Carl gegen die schmerzenden Wogen an. Wenn er sie heranrollen fühlte, flüchtete sein Blick zu den flackernden Lichtern. Die Flammenzeichen rauchen. Verzweifelt suchte er Betäubung.

Doch heftiger trieb der Schmerz die Angst. Nicht unterliegen, flehte er unter Tränen.

Die neue Welle spülte ihn vor das Haus des Verräters. Carl kniete. Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht. / Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte! So begrüßte er bebend die Klinge des Dolches. Drück dir den Speer ins treue Herz hinein. Weinen schüttelte ihn. Haltlos schlug er die Arme.

Sofort wurden seine Schultern festgehalten. Durch den Tränenschleier erkannte er die Gesichter der Wächter. Er nickte ihnen zu, und sie lösten den Griff. »Besser, ich hol’ den Arzt.« Damit verließ einer der Soldaten das Bett. Sein Kamerad grinste Carl an. »Gleich geht’s besser.«

Musik. Ich will Musik. Mühsam winkelte Carl den linken Arm und ahmte mit dem rechten langsam das Streichen des Geigenbogens nach. Als der Wächter begriff, lachte er trocken. »Fiedeln? Nein, Junge, das kann ich nicht.«

Der Wundarzt schob ihn zur Seite und trat ans Bett. »Sand, Sie müssen sich still halten«, mahnte er ärgerlich. »Keine heftigen Bewegungen. Sonst muß ich Sie anbinden.«

Fesseln für mich? Verwundert schüttelte Carl den Kopf. Ich habe mich für das Vaterland geopfert, meine Herren, wie es die großen Helden vor mir getan haben. Der Freiheit eine Gasse! So klingt unsere Losung. Durch Zeichen verlangte er nach dem Schreibzeug.

Kaum hatte der Wundarzt die Worte entziffert, seufzte er: »Ich muß in der Bibliothek nachsehen.« Kopfschüttelnd verließ er den Krankensaal. Wenig später kehrte er mit einem Buch zurück. »›Teutsche Geschichte‹ von Kohlrausch. Ist es das?« Carl hob die Hand und lächelte.

»Wer von euch kann lesen?« fragte der Arzt die Soldaten. Beide nickten verblüfft. Unter der Öllampe suchte er nach dem Kapitel und reichte den Wächtern das aufgeschlagene Buch. »Hier. Das möchte der Gefangene hören. Lest ihm vor, vielleicht vergißt er dabei seine Schmerzen. Ihr könnt euch ja abwechseln.«

Sie hockten sich auf die Schemel und warfen eine Münze. Der Soldat am Fußende mußte beginnen. »›Die Schlacht von Sempach, 1386‹«, langsam mühte er jedes Wort. »›Der Herzog Leopold von Oesterreich, an Heldenmut und Stolz …‹«

Carl schloß die Augen. Satz für Satz wurde sein Bett zum Schlachtfeld. Ohne Harnisch stritt er auf der Seite der Schweizer Eidgenossen gegen die Übermacht.

Wenn seine Vorleser ermüdeten, spornte Carl sie mit einer Handbewegung an.

»›Der Kampf wurde schwer und heiß; viele Schweizer waren schon gefallen …‹«

Endlich. Carl legte den Kopf im Kissen zur Seite und öffnete die Lider. Über den Bettrand blickte er wach und gespannt den Soldaten an, saugte jedes Wort in sich auf.

»›Diesen Augenblick banger Unschlüssigkeit entschied ein Mann, vom Lande Unterwalden, Arnold von Winkelried, Ritter. Er sprach zu seinen Kriegsgesellen: »Ich will euch eine Gasse machen«, sprang plötzlich aus den Reihen, rief mit lauter Stimme: »Sorget für mein Weib und meine Kinder. Treue, liebe Eidgenossen, gedenket meines Geschlechts!«, war an dem Feind, umschlang mit seinen Armen einige Spieße, begrub dieselben in seiner Brust, und wie er denn ein sehr großer und starker Mann war, drückte er im Fall sie mit seinem Leichnam hin.‹« Dem Vorleser stockte die Stimme, er schluckte. »Das ist wirklich Mut«, murmelte er.

»Weiter«, bat ihn sein Kamerad ergriffen.

Carl hatte beide Fäuste geballt. Ja, meine Herren, ich zeige euch die Liebe zum Vaterland.

Als die Schweizer über den Leichnam des Tapferen hinwegsprangen, die Bresche nutzten und geballt in die Flanken der Österreicher brachen, den Tod austeilten, da rollten den Wächtern helle Tränen über die Wangen.

Sie feiern mit mir meinen Sieg, triumphierte Carl. Wasch die Erde, dein deutsches Land, mit deinem Blute rein. Hört ihr’s? An mir selbst habe ich heute das Lied erfüllt.

Im Quadrat F1, im Rathaus an der südwestlichen Ecke des Speisemarktes, brannte im Sitzungssaal noch Licht.

Stadtdirektor Philipp Anton von Jagemann hörte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter den Obduktionsbefund des Ermordeten.

Noch einmal faßte der Chirurg Doktor Beyerle seine Ausführungen zusammen: »Kotzebue hat also drei Wunden erhalten. Einen Stich ins Gesicht, der so heftig war, daß der Dolch im knöchernen Teil des Oberkiefers fest steckenblieb und beim Herausreißen weitere Schnittwunden verursachte. Zwei Stöße in die Brust, davon führte nur einer den Tod herbei. Dieser Stoß wurde mit großer Gewalt geführt. Die Klinge durchdrang Rock, Weste, zwei Hemden und eine wollne Unterjacke, durchschnitt die Rippe, drang tief in die Brusthöhle ein und traf das Herz.«

Der Stadtdirektor stützte beide Hände schwer auf die Tischplatte. »So stirbt ein großer Mann. Was für eine Zeit. Welche Schande für unser Mannheim.«

»Noch am Abend wurde der Leichnam im Theater aufgebahrt«, ergänzte Doktor Beyerle.

Kurz ließ sich der Stadtdirektor vom Untersuchungsrichter über das erste Verhör berichten.

»Was ist mit diesem schriftlichen Bekenntnis, das der Mörder bei sich führte?« Er zeigte auf das engbeschriebene Plakat.

Erschöpft rieb der beleibte Mann die Augen. »Morgen werde ich es studieren.«

»Noch heute nacht, wenn es beliebt«, forderte Herr von Jagemann und duldete keinen Widerspruch.

Im Quadrat Q6, im Zuchthausblock den Häusern von P7 gegenüber, in der beengten Speicherwohnung des Oberzuchtmeisters hoch unter dem Dach der Kirche, war es still.

Vater und Mutter schliefen längst.

Nur mit dem Hemd bekleidet stand Friederike am Fenster der schmalen Schlafkammer und blickte zum unruhigen nächtlichen Himmel. Ihre Gedanken malten das blasse lockenumrandete Gesicht in die schweren Wolken, sie ließ das Bild weiterziehen und malte es neu. Die einen erzählen, daß er tot ist, die andern, daß er noch lebt. Beschützend legte sie die Hände über ihre Brüste. »Wüßt’ ich’s doch.«

Im Quadrat B2, in der Schusterwerkstatt dem vornehmen Eckhaus gegenüber, hatten oben im Dachgeschoß die Gesellen ihre Zimmer.

Sebastian lag mit weiten Augen auf seiner Matratze. Stück für Stück ließ er das weiche Leder des Knieriemens durch die Hände wandern. »Vielleicht kommt sie einfach vorbei?« »Vielleicht kommt sie morgen schon?« »Vielleicht …?« Sobald seine Finger die Erhebung der zusammengenähten Enden berührten, flüsterte er ihren Namen. »Schuhe werd’ ich für sie machen, schöne, mit Muster im Leder.« »Warten werd’ ich.« »Wenn sie nicht herkommt, dann wart’ ich eben beim Zuchthaus.« Seine Finger hielten an. »Friederike.«

Beim ersten Tageslicht des 24. März wurden die Fenster des Krankensaals aufgestoßen. Kühle Luft strömte herein und entlastete den schweren Geruch der Nacht. Unter Geschwätz und Lachen trugen die Wärterinnen das Bettgeschirr zur weitgeöffneten Flügeltür. Sie scherzten mit dem Knecht, während er die irdenen Töpfe und Pfannen in ein Holzfaß entleerte und hernach die Gefäße mit Schaber und Wasser reinigte. Der Alltag im Hospital hatte begonnen.

Draußen vor der Saaltür blickte der Stadtphysikus den Herren entgegen, die mit großen Schritten durch den langen Flur eilten. Übernächtigte Gesichter. Voran der Untersuchungsrichter, gefolgt vom Stadtdirektor in Begleitung des evangelischen Hofpredigers und des Doktor Beyerle, erst in gebührendem Abstand die beiden Gerichtsschreiber. Als der Stadtphysikus den Kollegen erkannte, hob er die Brauen.

Knapp begrüßte er die Männer, seine Hände im Rücken, die Daumen über den Schößen des Gehrocks verhakt.

Der Untersuchungsrichter konnte die Anspannung kaum verbergen. »Lebt der Gefangene?«

»Der Patient hat die Nacht überstanden.« Nach einer Pause fügte er mit Genugtuung hinzu: »Dank unserer Pflege hat er die Stimme wiedererlangt.«

»Er spricht?« Überrascht starrte der beleibte Richter zum Krankensaal. »Gut. Sehr gut.«

»Ich fürchte nur«, zweifelte der Stadtphysikus und blickte in die Runde, vermied aber, den Kollegen anzusehen, »zu viele Personen am Krankenbett werden den Patienten gefährden. Ein Wundfieber wäre …«

Mit einer Handbewegung schnitt ihm der Stadtdirektor das Wort ab. »Das ist auch nicht geplant.« Bis an höherer Stelle endgültig entschieden, leite er selbst den Fortgang der Untersuchung. Die Befragung werde allein und ausschließlich durch den umsichtigen Oberhofgerichtsrat fortgesetzt. Selbstverständlich müsse jede Überforderung des Gefangenen vermieden werden. »Dennoch bleibt der Ruf unserer Stadt das oberste Gebot. Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand das Ausmaß der Tat ermessen. Bis wir selbst Klarheit haben, gilt absolute Geheimhaltung. Nur wenige Eingeweihte. Am Krankenbett dieselben Ärzte, dieselben Wächter im Wechsel bei Tag und Nacht.« Herr von Jagemann nickte seinen Begleitern zu. »Sie gehören hiermit zum engsten Kreis, meine Herren. Denken Sie daran: Der Druck der öffentlichen Meinung belastet jede Arbeit und kann gefährlich werden, gefährlich wie eine Hydra.« An den Stadtphysikus gerichtet, fuhr er fort. »Wir drei möchten heute nur einen ersten Blick auf diesen Carl Ludwig Sand werfen. Unser ehrenwerter Hofprediger soll in Zukunft für das Seelenheil des Verbrechers sorgen, soweit es möglich ist. Und Doktor Beyerle, ihn kennen wir alle als angesehenen Mediziner unserer Stadt, er …«

»Zweifelt Ihr an meinen Fähigkeiten?« schnappte der hagere Mann, mühsam beherrscht.

»Nein, natürlich nicht. Aber Ihr Kollege hat sich auf mein Bitten und vor allem auf Drängen der hochgeschätzten Familie Bassermann bereit erklärt, hin und wieder nach dem jungen Mörder zu sehen. Sein erfahrener Rat kann nur von Nutzen sein.« Die Stimme wurde hart: »Sand muß leben, bis wir die Tat aufgeklärt haben.«

Der Stadtphysikus fügte sich, doch im Rücken über den Rockschößen öffnete und schloß er die Fäuste.

»Wir sind uns also einig.« Ohne Zögern wandte sich Philipp von Jagemann zur Flügeltür. Gelassen streckte ihm der Knecht eine Bettpfanne hin. Vor dem gedunsen aufquellenden Gestank wich der Stadtdirektor angeekelt zurück.

»Herr, wir sind noch nicht fertig«, brummte der Mann. »Erst muß es da drinnen sauber sein, Herr.«

In kurzen Schritten gingen die Männer an der langen Reihe der Flurfenster auf und ab. Nur die Gerichtsschreiber harrten gleichmütig vor der Saaltür aus.

»Zum Selbstbekenntnis, zu diesem Schreiben des Mörders.« Mit dem Zeigefinger zerrte und lockerte Herr von Jagemann den engen hohen Hemdkragen.

»Nach dem ersten Lesen bin ich unsicher geworden«, bekannte der Oberhofgerichtsrat. Als er den überraschten Blick seiner Begleiter sah, griff er in die Rocktasche, entfaltete umständlich ein frisches Schnupftuch und steckte es so in die andere Tasche zurück. »Aus den Zeilen spricht kein heimtückischer Meuchelmörder. Viele Abschnitte, allein gelesen, zeigen Moral und Sittlichkeit, vor allem aber eine tiefe, ja fast pathetische Liebe zum Vaterland. Doch zusammengenommen wirkt das Schreiben …« Der beleibte Mann brach ab und blies die Unterlippe. »Gut, erst das Verhör wird mich weiterbringen. Jetzt kann ich nur sagen, daß eher ein verirrter Geist und keine blindwütige Bestie … ja, ein verirrter Geist steht hinter diesen Zeilen.«

Der Stadtdirektor war abrupt stehengeblieben. »Jedes Verständnis kompliziert die Untersuchung. Es scheint mir falsch und gefährlich. Ich wünsche mir rasche Klarheit.«

Ohne den Vorwurf zu beachten, nickte der Untersuchungsrichter. »Punkt für Punkt werde ich ihn verhören.« Er ließ sich von einem der Schreiber den Foliobogen reichen, überflog die Zeilen, bis er den Abschnitt gefunden hatte. »Nur hier gibt er klare Auskunft. Nachdem Carl Ludwig Sand den Verfall der Tugend beklagt und seinen Haß auf die Feigheit und Trägheit der Gesinnung in unserm deutschen Volk aufgezeigt hat, schreibt er weiter: ›Ein Zeichen muß ich euch deshalb geben, muß mich erklären gegen diese Schlaffheit; weiß nichts Edleres zu tun, als den Erzknecht und das Schutzbild dieser faulen Zeit – Dich Verderber und Verräter meines Volkes – August von Kotzebue – niederzustoßen.‹«

»Diesen Haß begreife ich nicht.« Doktor Beyerle blickte den Hofprediger an. »Mag Kotzebues politische Haltung umstritten gewesen sein. Wir haben oft mit ihm zusammengesessen. Er war so voller Witz und Lebensfreude. Ich gebe zu, ein Mensch mit Eitelkeiten, ein Künstler eben.«

»Und doch ein so liebenswerter Vater, und welch ein Ehemann«, unterstrich der Pfarrer. »Dieser Sand hat vierzehn Kinder vaterlos gemacht! Eine furchtbare Tat.«

Die Wärterinnen verließen den Krankensaal, verschwitzt und erschöpft. Nach ihnen, das Kotfaß an Riemen geschultert, in beiden Händen Kübel mit bräunlicher Brühe, schlurfte der Knecht an den Herrschaften vorbei. »Sauber ist es jetzt.« Schwankend zog er den Gestank mit sich fort.

»Folgen Sie mir.« Der Stadtphysikus wies zur Flügeltür.

Auch jetzt waren die Bettvorhänge nur zu einer Seite geöffnet. Das dämmrige Tageslicht genügte nicht; die Öllampen brannten rechts und links an den Pfosten.

Mit einem Fingerschnippen befahl der Stadtdirektor den Wachen zurückzutreten.

Schweigend standen die Männer im Halbrund und betrachteten den jungen Mann. Er hatte die Augen geschlossen, das Gesicht bleich, die schwarzen Locken lagen ausgebreitet auf dem Kissen.

Früh im Morgennebel war Carl zum Schneeberg hinaufgestiegen. Als sich der Dunst hebt, erstrahlt die Sonne über dem Fichtelgebirge. Tief unten im weiten Tal glänzen die taunassen Dächer, der Kirchturm von Wunsiedel. »Mein Wonnsiedel!« Carl wirbelt den Stock hoch in die Luft. Eine fremde Wolke! Sie fällt rasch, dann schwärzt sie das Bild. Sosehr sich Carl bemüht, er kann es nicht zurückholen.

Enttäuscht öffnete er die Lider. Sofort erwachte der Schmerz in seiner Brust, wurde heftiger mit jedem Atemzug. Als er das breite Gesicht, die vorgewölbten Augen des Untersuchungsrichters erkannte, war er wieder im Saal des Hospitals.

»Verzeiht, daß ich Ihnen …«, nur gehauchte Worte, »… daß ich Mühe mache.« Für jedes Wort benötigte er neuen Atem.

Verblüfft schüttelte der Stadtdirektor den Kopf. »Mühe?« Er blickte den Oberhofgerichtsrat an, blickte in die Gesichter der beiden Ärzte und des Pfarrers und starrte auf den Verwundeten. »Sie haben einen sinnlosen Mord begangen.«

»Nicht sinnlos«, ermahnte Carl langsam, hustete und lächelte. Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen. / Es ist ein Kreuzzug. »›’s ist ein heiliger Krieg‹«, zitierte er leise und rang nach Luft. »Kotzebue war das Übel. Ich habe das Vaterland aus seiner Not befreit.«

Ehe der Stadtdirektor aufbrausen konnte, trat Doktor Beyerle vor und strich die Hand über die Stirn des Kranken, kurz prüfte er den Sitz des Verbandes. »Bringt noch ein Kissen.« Ohne den Kollegen anzublicken, ermahnte er: »Diese Brustverletzung verlangt eine erhöhte Lage des Oberkörpers.« Mit ruhiger Stimme versprach er Carl, von nun an täglich nach ihm zu sehen.

Auch der Hofprediger trat ans Bett. »Wir haben Seiten aus dem Evangelium des Johannes in Ihrem Gepäck gefunden. Ich werde demnächst ein Neues Testament bringen. Vielleicht können wir gemeinsam darin lesen.«

»Danke.« Carl berührte die Hand des Arztes. Wie freundlich die Herren sind.

Philipp von Jagemann nahm den Gerichtsrat und den Stadtphysikus beiseite. »Ich warne! Dieser Mörder will sich auf die Politik hinausreden. Uns dürfen keine Fehler im Verfahren unterlaufen.« Er streckte den Zeigefinger zum Bett. »Vor jedem Verhör muß die geistige Zurechnungsfähigkeit des Verbrechers festgestellt werden.«

Er gab das Zeichen zum Aufbruch. Nur die Wachen, der Oberhofgerichtsrat und seine Urkundenbeamten blieben zurück.

Erleichtert ließ sich der beleibte Richter auf einem der Hocker nieder, öffnete die unteren Knöpfe der Weste und winkte die Schreiber auf ihre Plätze unter den Öllampen. »Sand, ich freue mich, daß Sie sprechen können.« Er schmunzelte. »Ihre Schrift konnte ich gestern kaum entziffern.«

Nur ein Lächeln. Das Ausatmen fiel ihm schwer, Carl hustete.

»Ich werde meine Fragen so stellen, daß Sie möglichst wenig sprechen müssen.«

Gott hat mich geführt, er gab mir Kraft für die Tat. Verkünden muß ich sie und nicht nur mit »Ja« oder »Nein« belegen. »Ich will«, sein Atem rasselte, ging flach und schnell, »ich will diktieren. Jedes Wort.«

Nachdenklich rieb der Gerichtsrat die Unterlippe zwischen Zeigefinger und Daumen, kurz blickte er seine Beamten an und nickte langsam. »Gut. Sehr gut.«

Er befeuchtete die Unterlippe. »Beginnen wir mit meiner letzten Frage, die gestern unbeantwortet blieb. Wo haben Sie die Bekanntschaft des Staatsrates gemacht?«

»In seinem Haus. Gestern. Vorher niemals.«

»Niemals? Aber Junge, warum …«, sofort unterbrach sich der Richter und nahm die Stimme zurück. »Welche persönlichen Gründe haben Sie zum Mord getrieben?«

»Ich empfinde gar keine persönliche Abneigung gegen Kotzebue, gegen den Menschen.« Carl sammelte Kraft. »Er hat der Willkür und Machtgier unserer Fürsten das Wort geredet und das höchste Ideal mit Füßen getreten. Doch die deutschen Völker gehören zusammen!« Carl keuchte Speichel und Blut, hellroter Schaum rann ihm aus dem Mundwinkel. Er ballte die Fäuste. Durch, Brüder! Durch!

Heftig loderten die Wunden über seinem Herzen. Nicht, nicht schwach werden! »Kotzebue, das war der schändliche Erzfeind. Dieser Verräter hat das Streben der tapferen deutschen Jugend nach einem starken Vaterland verspottet. Ich wünsche nichts mehr als ein Reich und eine Kirche.« Die Lider wurden so schwer. Nicht, noch nicht genug! Carl kämpfte gegen die Schwäche, wild gab er Zeichen mit der Hand.

Der Untersuchungsrichter beugte das Gesicht dicht über die fahlen Lippen. Carl versuchte weiter zu formulieren, doch er vermochte die Gedanken nicht mehr festzuhalten. »Verstehen Sie. Meiner Tat liegt durchaus … keine andere Absicht zugrunde«, erst nach einer Weile gelang es ihm, den Satz zu beenden, »als ich in meiner Schrift … öffentlich gestehe.«

Der Gefangene schlief. Stunden hatte das Diktat gedauert. Noch Stunden harrte der beleibte Richter am Bett aus. Vergeblich.

Ehe am nächsten Morgen das Verhör fortgesetzt werden durfte, untersuchte der Stadtphysikus gemeinsam mit Doktor Beyerle den Gefangenen.

»Die Wundränder eitern stark. Leichtes Fieber hat eingesetzt«, erklärten sie dem Oberhofgerichtsrat, der voller Unruhe auf dem Flur wartete.

»Strengen Sie den Patienten nicht sosehr an«, bat Doktor Beyerle. »Wenn ich es nur könnte.« Der Richter straffte die Weste über dem Bauch. »Doch die Zeit drängt. Heute steht ein erster Bericht in den Mannheimer Tageblättern. Gerüchte über den Hergang, vage Aussagen über den Täter und seine Verwundung. Nun gut, bisher gibt es nur diese eine Reaktion unserer kleinen Zeitung.« Er blies die Unterlippe. »Doch die Kuriere sind längst unterwegs. Zu allen Höfen der Bundesstaaten! Bald weiß es Wien und dann Europa. Sand ist Student und kommt aus Jena, vergeßt das nicht. Aus dem kleinen Sachsen-Weimar! Gerade dort gärt, seit dem berüchtigten Wartburgfest, die Empörung, sogar offene Opposition, und wie man hört, gefährlicher als an den anderen Universitäten. Diese Allgemeine Burschenschaft!« Mit der flachen Hand wischte er den Schweiß von der Stirn. »Es war ein politischer Mord, das ahne ich. Und verübt ausgerechnet in unserm friedlichen Mannheim! Ganz sicher wird bald von höchster Stelle Auskunft und Rechenschaft verlangt. Und ich stehe immer noch am Anfang. Und wenn er nun stirbt?«

Doktor Beyerle legte dem beleibten Mann die Hand auf den Arm. »Der junge Mann will leben. Aus jedem seiner Worte spüre ich es heraus. Doch sein Körper benötigt Zeit, haben Sie Geduld.«

Die Daumen im Rücken verhakt, räusperte sich der Stadtphysikus. »Ich habe entschieden. Noch ist der Gefangene bei klarem Verstand. Dem Verhör steht nichts im Wege.«

Achselzuckend wandte sich Doktor Beyerle ab.

»Gab es eine Verschwörung gegen Kotzebues Leben?«

»Wer wußte von dem Mordplan?«

»Waren Sie nur das Werkzeug?«

Ich bin kein Handlanger! Mutter, du kannst stolz sein. Ich allen voraus, ich bin zuerst in den Kampf gegangen!

Brennend pulsten die Wunden. Mühsam öffnete Carl die rissigen Lippen. »Niemand hat von dem Plan gewußt. Ich habe das Geheimnis völlig für mich, allein in meiner Brust getragen.«

Am Morgen des 27. März zögerte der Stadtphysikus, bevor er dem Untersuchungsrichter den Zutritt in den Krankensaal erlaubte. Ernst führte er ihn zum ersten Bett in der mittleren Reihe. »Wir mußten den Mörder fesseln, damit er sich nicht selbst gefährdet.«

Beide Handgelenke steckten in Lederschlaufen, die Riemen waren an den Pfosten des Kopfendes befestigt. Mit rotfleckigem Gesicht, aus geweiteten Augen starrte der Gefangene den Gerichtsrat an und erkannte ihn nicht.

»Wundfieber. Über Nacht befiel ihn die schwere Hitze. Wir bemühen uns.« Der Stadtphysikus verhakte die Daumen im Rücken. »Sie müssen das Verhör unterbrechen.«

»Gut, selbstverständlich. Aber es wird nicht schaden …«, er unterbrach sich. »Lassen Sie mich eine Weile bei ihm bleiben.«

Leicht erstaunt gab der hagere Mann seine Zustimmung.

Der Untersuchungsrichter saß am Bettrand, sah voller Mitleid, wie der Kopf hin und her schlug, der Körper in den Hitzewellen geschüttelt wurde. Unbeobachtet wischte er mit seinem Schnupftuch dem jungen Mann Speichel und Blutschaum vom Kinn. Das Gesicht durchlitt Tag und Nacht, die Stirn gekraust, geglättet, ruhelos rollten die Augäpfel. Mit einem Mal stand der Blick, wurde ängstlich. Aus dem fiebertrockenen Mund leises Wimmern, dann flehend: »Mutter!«

Carl war aufgewacht. »Mutter! Wo bist du?« Die kleinen Händchen sind an den Stäben des Kinderbetts festgebunden. Es ist dunkel. »Mutter!« ruft er lauter.

Im Türspalt erscheint Licht. Rasch betritt Wilhelmine Sand das Krankenzimmer und stellt die Lampe neben das Bettchen. »Mein Liebling.«

»Es tut so weh.«

»Ich weiß, mein Junge.« Bevor sie die Fesseln löst, ermahnt sie. »Aber du mußt tapfer sein.«

»Wie ein deutscher Kerl!« Carl nickt. Der Siebenjährige weiß, daß er sich nicht kratzen darf.

Die Mutter hebt die dünne Zudecke ab. »Ja, mein stolzer Held bist du«, lächelt sie. Mit weißen Lappen und Binden sind die abgemagerten Beine, die Ärmchen, der schmächtige Leib ganz umwickelt, auch der Kopf ist vollständig eingehüllt, in der Maske gibt es nur Löcher für Augen, Mund und Nase. Behutsam löst Frau Sand die Leinentücher und befreit den Sohn von dem Verband. Während sie das Licht hebt, summt sie ein Lied. Carl erkennt die Melodie, seine Augen glänzen, und mit schwacher Stimme versucht er zu singen.

Im Schein der Lampe untersucht die Mutter ihr Kind. Seine Haut ist über und über von eitrigen Pocken befallen. An einigen Stellen haben die Blattern den kleinen Brustkorb bis zu den Rippenknochen zerfressen. Das große offene Geschwür auf dem kahlen Schädel hat die Hirnschale bloßgelegt.

»Sind Helden auch krank?«

»Manchmal«, Frau Sand fließen Tränen über die Wangen. »Manchmal, mein tapferer deutscher Kerl.«

»Trinken.« Carl will sich aufrichten. Kraftlos fällt sein Kopf zurück. »Durst.«

Der Atem hechelte. »Durst.« Weit hielt der Gefangene den Mund geöffnet. Immer wieder suchte die zitternde Zungenspitze auf den rissigen Lippen nach Feuchtigkeit.

Rasch erhob sich der Gerichtsrat und brachte Hilfe. Während die Wundärzte dem Patienten verdünntes Bier mit einem Löffel einflößten, den Verband wechselten und ihm die Stirn kühlten, fragte er den Stadtphysikus: »Gibt es Hoffnung?«

»Zunächst wird das Fieber weiter zunehmen. Wir werden einen Aderlaß vornehmen und hernach Blutegel in der Umgebung der Wunde ansetzen.« Der Amtsarzt verschränkte die Arme vor der Brust. »Ein Mediziner muß hoffen, sonst hat er seinen Beruf verfehlt.«

»Gut. Gut. Ich habe verstanden.« Ohne Gruß verließ der beleibte Mann den Saal des Allgemeinen Hospitals.

»Durst.« Carl Ludwig Sand krallte die Finger in den Mund.

»Bindet ihn wieder. Ehe er sich verletzt«, befahl der Stadtphysikus rasch. »Befeuchtet ihm die Lippen. Später gebt ihm wieder etwas von dem schwachen Bier.«

Carl schlief.

Über Wunsiedel graut der Tag. Mit einem Band hat sich der Elfjährige am Abend vorher eine kleine Glocke an den rechten Arm gebunden. Die ersten Strahlen der Morgensonne dringen durchs Fenster und berühren das blasse Gesicht. Noch schlafend räkelt sich der Junge. Das Klingeln der Glocke weckt ihn. Sofort ist Carl hellwach. Auf bloßen Füßen tappt er zum Fenster und blickt zur Kirchturmuhr. Erst wenige Minuten nach vier! »Ich habe es geschafft.« Mit beiden Händen fährt er sich durch die schwarzen Locken. Seine Fingerkuppen reiben über die verknorpelte Stelle auf seiner Kopfhaut. Allein diese runde Narbe und wenige, kaum sichtbare Flecken im Gesicht sind von der schweren Blatternkrankheit zurückgeblieben.

»Ich muß lernen.« Carl hockt sich auf die weiche Bettdecke und öffnet das Heft. »›Ein feste Burg ist unser Gott‹«, liest er laut, verdeckt die Zeilen und wiederholt, weiß nur die drei ersten Worte, liest wieder nach und wiederholt.

»›Ein gute Wehr und Waffen.‹« Kaum gelingt es ihm, sich den Text einzuprägen. Seit der überwundenen Krankheit bestimmt eine zähe Langsamkeit den Takt seines Verstandes. Mit den beiden fast erwachsenen Brüdern und der älteren Schwester will sich Carl nicht messen, doch mit der zwei Jahre jüngeren Julie möchte er wetteifern. Aber die kleinere Schwester überflügelt ihn, seit beide vor drei Jahren gemeinsam den ersten Unterricht erhielten; ihre Leichtigkeit und rasche Auffassungsgabe beneidet er. Gestern, vor dem Schlafengehen, konnte sie bereits drei der Liedstrophen aufsagen.

»›Er hilft uns frei aus aller Not, / die uns jetzt hat betroffen‹« Tapfer seufzt Carl. »Bis zum Kirchgang mit den Eltern hab’ ich es gelernt.« Er legt die Hand auf das Heft und wiederholt.

Auch für die Lateinschule muß der Sohn des pensionierten Amtsgerichtsrates Christoph Sand doppelt so viel arbeiten wie die Kameraden. Nur durch unermüdlichen Fleiß, Härte und Ausdauer gelingt es ihm, den Anschluß nicht zu verlieren.

»›Der alt böse Feind …‹«

Die Mutter öffnet die Tür. Erstaunt geht sie bis zum Bett. »Du bist schon wach?«

Voller Stolz reckt Carl das Kinn und verkündet, daß er sich vorgenommen hat, den Tag regelmäßig mit der Sonne zu beginnen, und zeigt der Mutter die Glocke. »Von heute an wecke ich mich selbst.«

»So früh? Warum?« Schmunzelnd setzt sich Frau Sand ans Bett.

»Weil ich meine Pflicht erfüllen muß.« Eng schmiegt Carl den Kopf an die Mutter, atmet den Geruch und spürt die weiche Fülle der Brust unter dem Stoff ihres Hauskleides. »Ich wecke mich selbst, weil ich dir nicht so viel Mühe machen möchte.«

»Du bist mein liebster Sohn.« Frau Sand drückt ihn sanft von sich und blickt ihm in die Augen. »Ich sage es dir immer wieder, Carl, du vermagst sehr viel, wenn du es nur willst. Wenn du nur wirklich auch durchführst, was du dir selbst versprichst, wirst du dich nie schämen müssen. Die Tat ist das Wichtigste.« Rasch drückt sie ihm einen Kuß auf die Stirn und verläßt das Zimmer.

»›Der alt böse Feind.‹« Carl blickt in die Morgensonne und wiederholt: »›Der alt böse Feind.‹«

»Sprechen Sie lauter, Carl.« Wachsam beobachtete der Untersuchungsrichter den Mund des Gefangenen. »Wer ist der Feind?«

Weit über sich hörte Carl eine Stimme. Sie fiel durch tobende Hitzeschleier auf ihn herab.

»Wer ist der Feind?«

Ausländer. Die Fremden kamen und besetzten unser deutsches Land. Diese schamlosen Besatzer nahmen sich alles in Wunsiedel. Dieser welsche Tyrann hat dem Vater sogar die Pension genommen. »Die Franzosen!« stammelte Carl aus dem Fiebertal.

Zum ersten Mal seit drei Tagen hatte der Gefangene wieder auf eine Frage geantwortet! »Das ist doch lange her.« Der Untersuchungsrichter wollte das Bewußtsein wachhalten. »Wer ist der Feind?«

Die Schleier verdichteten sich zu blutroten Wolken, schwarze Blitze zuckten, das Feindgeschrei nahm zu, gellte überall.

Carl stand halbverdeckt am schmalen Fensterloch des alten Kirchturms oben auf dem Katharinenberg.

»Feiglinge! Deutsche Memmen!« Unten im niedrigen Buschwerk rund um das verfallene Gemäuer johlen und spotten die Belagerer.

Der Dreizehnjährige preßt die Fäuste auf die Ohren. Immer noch hört er schmerzhaft das gellende Feindgeschrei. »Deutsche Memmen!«

Heute, am schulfreien Nachmittag, haben er und einige Klassenkameraden mutig den Kampf gegen eine Übermacht der Jungen, die nicht die Lateinschule besuchen, wieder aufgenommen. Die Klugen gegen die Dummen, die deutschen Aufrechten gegen die Franzosen. Nach wildem Knüppelgefecht hat sich die kleine Schar unter Steinwürfen im Katharinenturm verschanzt. Längst ist die eigene Wurfmunition ausgegangen.

Und heftiger prallen die Steinbrocken der Franzosen gegen das morsche Portal der Turmruine. »Wenn die Balken brechen, sind wir verloren.« Mutlos stehen die Belagerten beisammen. »Das beste ist’s, wenn wir uns ergeben.«

»Niemals! Ein deutscher Kerl ergibt sich nicht.« Zornrot greift Carl zum Gürtel und zückt das Beil. »Los, Christian. Du nimmst den Degen.« Er blickt den Freund an, geht entschlossen von einem zum anderen: »Wir haben zwei scharfe Waffen, Männer.« Hoch reckt er das Beil. »Und wenn Blut fließen soll, dann wird Blut fließen.«

Die Kampfgefährten senken den Blick. Selbst Christian Heinzmann schüttelt den Kopf und widerspricht dem Freund: »Das ist gegen die Regel, Carl.«

Die Lateinschüler halten Kriegsrat. Es gibt nur einen Ausweg. Einer muß Verstärkung holen, einer muß aus dem Schallloch im zweiten Stock des Turms springen, nach Wunsiedel hinunterrennen und die anderen Klassenkameraden alarmieren.

»Ich!« Carl läßt das Beil fallen. »Haltet durch, Männer.« Schon stürmt er die enge Wendeltreppe hinauf.

Der Feind hat sich vor der Kirchentür zusammengerottet. Laut poltern die Steinbrocken, Holz splittert. Carl zieht sich zum rückwärtigen Schalloch hoch, sitzt auf der Steinbrüstung. »Für die Freiheit«, flüstert er und stößt sich ab. Unten schlägt er ins Buschgehölz.

Keine Zeit für den Schmerz, sofort rafft er sich hoch. »Für das Vaterland!« Doch da wird er von zwei Wachposten gepackt. Aufheulend zerrt und stößt der Dreizehnjährige; seine Wut verleiht ihm Kraft. Endlich fallen die Gegner besiegt zu Boden. »Für die Freiheit des Vaterlands!« Mit diesem Jubel stürmt Carl zur Stadt hinunter.

Als er an der Spitze der schwerbewaffneten Verstärkung wieder auf dem Katharinenberg anlangt, ist die Kirchentür bereits geborsten. Beim Auftauchen der Retter verlassen die Eingeschlossenen langsam ihre Festung. Voran Christian Heinzmann, mit gezücktem Degen, neben ihm schwingt einer der Kameraden das blitzende Beil. Der Anblick der Waffen teilt die Franzosen in zwei stumme Haufen. Durch diese Gasse schreiten die kühnen Freunde in die Freiheit, unbehelligt erreichen sie die Klassenkameraden.

Triumph! Die Schlacht ist geschlagen. Die verhaßten Ausländer sind gedemütigt und in die Schranken gezwungen!

»Die Franzosen sind geschlagen!« Ein Lächeln glättete das Gesicht des Gefangenen. Die Fieberhitze hatte nachgelassen. Sein Kopf lag ruhig im Kissen.

»Ich weiß.« Beide Hände stützte der Untersuchungsrichter auf den Rand der Matratze und stemmte sich hoch. Er schob die volle Unterlippe vor, nickte; lange betrachtete er den fest schlafenden jungen Mann. »Gott sei Dank.«

Sebastian wartete. Sechsmal war es vergebens gewesen. Am späten Nachmittag des 30. März stand er wieder vor dem Zuchthaus. Das Leder seiner schwarzen Stiefel blinkte.

Eine Woche ist’s her. Schon eine Woche! Und wenn sie gar nicht im Zuchthaus wohnt? Gleich schämte er sich für den Verdacht und wischte die Unruhe weg. Niemals.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus beobachtete er zwischen Gefängniskirche und Werkstattgebäuden das hohe, mit Eisen verstärkte Tor. Sobald sich die schmale eingelassene Pforte öffnete, wischte Sebastian die Hände an den Hosenseiten und trat einen Schritt vor. Doch nur irgendwer verließ das Zuchthaus.

Und der langgewachsene, leicht nach vorn gebogene Bursche setzte den Fuß zurück, ließ die Arme sinken. Er wartete.

In der Dachwohnung des Oberzuchtmeisters über der Michaelskirche nahm Frau Kloster ihrer Tochter die Stickerei aus der Hand.

Friederike schreckte auf.

»Was träumst du nur seit Tagen?« Die Mutter runzelte die Stirn.

»Nichts. Gar nichts.« Fahrig stieß die junge Frau gegen das Körbchen auf ihren Knien, es fiel, ein Garnknäuel rollte davon und legte eine rote Fadenspur über den Boden bis vor den Vitrinenschrank. Friederike bückte sich hastig. Nicht fragen, Mutter! Bitte. Sie spürte das Blut in den Wangen.

»Ist es ein Mann?« Ohne eine Antwort abzuwarten, faltete Frau Kloster die Hände unter der Brust. »Ein feiner, studierter Herr muß es sein, aber von Stand, meinetwegen auch ein Beamter oder ein Kaufmann mit einem guten Geschäft, nein, besser kein Kaufmann, du bist hübsch, Kind: Er muß von Adel sein.« Sie hielt inne, löste die Hände und schlug sie klatschend zusammen. »Dein Vater! Er hat es nicht weit gebracht.« Ihre Augen verschmähten die Enge der säuberlich reinen Wohnstube. »Du armes Kind. Es wird ihm nie gelingen, daß sich ein Sohn der feinen Gesellschaft hierher verirrt.« Sie hob die Stimme: »Und komm mir nicht mit einem Schneider oder Laternenanzünder.«

Längst hatte Friederike den Faden aufgewickelt. Den Blick gesenkt, legte sie das rote Knäuel behutsam in den Korb zurück. »Bitte verzeih, Mutter. Ich hab’ es einfach vergessen.«

»Ist ja gut, Kind. Aber meine Bildung ist mir wichtig, sie ist das einzige, was ich hab’.« Frau Kloster zupfte die Schulternähte am Kleid ihrer Tochter. »Du mußt dich sputen. Nimm den Wollschal und lauf, es ist bald sechs. Sonst gibt es keine Programmzettel mehr.«

Die junge Frau verließ das Zuchthaus durch die schmale Pforte; ohne aufzublicken, hastete sie in Richtung Theater.

Kurz vor dem Strohmarkt hörte Friederike die Schritte. Sie blieben hinter ihr; unter der Baumallee entlang des Paradeplatzes knirschten sie im Kies, auf dem Pflaster am Kaufhaus wurden es harte Stiefeltritte, eilige; sie kamen näher.

»Kennst du mich denn nicht mehr?«

Der Klang der Stimme! Abrupt blieb Friederike stehen und wandte sich um. »Wie gut.« Sie lächelte atemlos.

»Du hast gesagt, du wohnst im Zuchthaus. Und da dacht’ ich …« Sebastian schluckte und wischte die Hände.

Friederike schloß die Augen. Ohne den Schustergesellen anzusehen, sah sie das so oft wiederholte Bild: Mutig beugt er sich über Carl und zieht den Dolch aus der Brust. Sebastian war der Retter. Sebastian ist mein Verbündeter, der einzige, dem ich vertrauen, mit dem ich über Carl sprechen darf. »Wie geht es ihm?«

»Wem?«

Enttäuscht öffnete Friederike die Lider und starrte in das ratlose Gesicht. Mit einem Mal fuhr sie zusammen. Die Mutter! »Komm schnell. Begleite mich. Ich muß zum Theater, ehe die Vorstellung beginnt.« Damit stürmte sie weiter.

Wortlos stakste der Schustergeselle in langen Schritten neben ihr her. Endlich stieß er hervor: »Gewartet hab’ ich. Jeden Tag.«

»Nicht jetzt.«

Sie schwiegen. Vor dem Eingang des Nationaltheaters berührte sie seinen Arm. »Bitte, Sebastian, warte auf mich. Bitte.« Ehe er antworten konnte, verschwand Friederike im Gedränge des Publikums; kurz darauf kehrte sie zurück, in der Hand hielt sie den Programmzettel der heutigen Vorstellung. »Danke.« Erleichtert strich sie eine Strähne aus dem Gesicht und befestigte sie wieder unter dem Haarkranz.

Voller Hingabe betrachtete Sebastian ihre Gestalt; als sie den Kopf hob, rieb er heftig die Handflächen an den Hosenseiten.

Friederike sah ihn bittend an. »Wenn du etwas gehört hast …«

»Du gehst da hinein?«

»Nein. Der Zettel ist für die Mutter.«

»Ich dacht’ schon.«

»Die Mutter geht auch nicht ins Theater.«

»Ach so.« Dann schüttelte der langgewachsene Bursche verständnislos den Kopf.

»Jeden Tag muß ich der Mutter einen Theaterzettel holen. Den liest sie abends und lernt den Namen vom Stück.«

Sebastian staunte, dann grinste er. Ärgerlich zeigte Friederike ihm das Programm. »Heute gibt es zwei Stücke. ›Das Landhaus an der Heerstraße‹ von diesem Kotzebue und danach das Singspiel ›Der kleine Matrose‹ von Lebrun.« Ihr Finger rutschte die lange Besetzungsliste hinunter. »Morgen früh kennt meine Mutter alle Schauspieler und Sänger und sogar, welche Rolle jeder gegeben hat.«

»Das ist gut. Und niemals geht sie selbst?«

»Bitte. Mach dich doch nicht lustig.« Sie wandte sich ab und verbarg den Theaterzettel unter ihrem Wollschal. »Wir sind einfache Leute, verstehst du?«

Wie jeden Tag tastete sich ihr Blick schräg über die Kreuzung, wie jeden Tag hielt sie den Atem an. Das Eckgebäude von A2 leuchtete weiß. Die Straße vor dem Eichenportal war leer, und doch lag er da, blutend. Das bleiche Gesicht. Die schwarzen Locken. Was ist nur mit ihm? »Weißt du es, Sebastian?«

»Was?«

Ohne ein Wort kehrte sie um und ging mit gesenkten Schultern davon. Sebastian folgte ihr, blieb stets einen halben Schritt zurück, seine Stiefelabsätze stießen das Pflaster. Kurz vor den grüngrau getünchten Gebäuden des Zuchthauses hielt es ihn nicht länger. Er stürzte an ihr vorbei und stellte sich vor sie hin, seine Lippen zitterten. »Was soll ich denn sagen, wenn ich nicht weiß, was du meinst?«

Friederike ballte die Faust. »Wir waren doch zusammen! Wir haben ihn doch beide gesehen.«

»Den Mörder?« Er schlug sich an die Stirn, lachte erleichtert und beugte sich zu ihr. »Von dem Studenten weiß ich nichts. Vielleicht ist er tot. Den Kotzebue haben sie letzten Donnerstag früh auf den Friedhof gebracht, auf den lutherischen, da drüben, hinterm Zuchthaus. Mehr weiß ich nicht.«

Friederike biß sich auf die Knöchel. »Carl lebt, das fühle ich«, flüsterte sie und belehrte den Schustergesellen: »Er ist kein Mörder. Niemals. Er kämpft für unser Vaterland, das hat er uns allen gesagt. Carl ist ein edler Mensch.« Damit wollte sie an Sebastian vorbei.

Rasch griff er nach ihrer Hand. »Bitte, Friederike.«

Sie löste sich nicht. »Ich brauche dich. Wenn du irgend etwas erfährst, sag es mir.«

Sebastian reckte sich hoch auf. »In unsre Werkstatt kommen sie alle. Die vom Stadtrat, die vom Gericht, auch die feinen Damen. Wir machen die schönsten Schuhe in Mannheim. Wenn du nur willst, werd’ ich dir …« Er brach ab und nickte ernst. »Ich werd’ aufpassen, Friederike, und dann wart’ ich vorm Tor auf dich.«

»Danke, Sebastian.« Sie blickte ihn an und eilte zum Zuchthaus hinüber.

»Auch wenn ich nichts erfahr’. Jeden Tag wart’ ich«, murmelte er.

An Bäumen und Büschen schwellende Knospen, erste Blüten färbten die Beete. Am 2. April dehnten sich die Mannheimer Schloßgärten in der Nachmittagssonne.

Ein Reiter preschte durch das Heidelberger Tor, die Uniform verstaubt; kaum zügelte er den schweißnassen Gaul, trieb ihn durch die Straßen. Auf der Kuriertasche blinkte das badische Wappen. Vor dem Kaufhaus, dem Sitz des Oberhofgerichts, sprang der Reiter ab.

Wenig später eilten Stadtwachen zum Rathaus, andere hinüber zum Allgemeinen Hospital.

»Meine Herren.« Im frühen Abend eröffnete der Kanzler des badischen Oberhofgerichts die geheime Sitzung. »Dem Anschein nach ist der schlimmste Fall nun doch eingetreten.« Freiherr von Hohnhorst hob die gebuschten zusammenstehenden Brauen; kurz erfaßte sein klarer Blick die drei Herren, gleichzeitig öffnete er die lederne Mappe und legte ein Dokument vor sich hin. »Wie Sie wissen, ich bin kein Freund von Vorreden und Umwegen«, eine runde dunkle Stimme, Hohnhorst wies auf das gesiegelte Blatt. »Seine königliche Hoheit, Großherzog Ludwig von Baden, hat mich durch das Ministerium der Justiz beauftragt, eine Spezialkommission im Mordfall August von Kotzebue zu berufen, und mir die Leitung übertragen. Meine Wahl ist auf Sie gefallen.«

Stadtdirektor Jagemann versteifte den Rücken. Der Untersuchungsrichter blies heftig die Unterlippe, während sein Kollege vom Oberhofgericht nur abwartend die Hände auf der Tischplatte zusammenlegte.

»Bei allem Respekt«, der beleibte Gerichtsrat tupfte sich die Stirn, »ich sehe keine Veranlassung. Gerade in den vergangenen Tagen, seit Carl,« er atmete tief, »seit der Inquisit Carl Ludwig Sand dieses schwere Wundfieber überwunden hat, macht das Verhör große Fortschritte. Glaubwürdig, offen und klar gibt er Auskunft.« Fest ballte er die Faust um das Schnupftuch.

Der Stadtdirektor verneinte energisch mit dem Zeigefinger und wollte protestieren. Leicht runzelte Hohnhorst die Stirn, kühl, halbverdeckt vom Gebüsch der Brauen warteten die hellen Augen. Herr von Jagemann protestierte nicht.

Ruhig wandte sich der Kanzler an seinen Untersuchungsrichter: »Lieber Freund. Ich habe alle Protokolle gelesen. Und keinem anderen als Ihnen würde ich die Aufgabe solch einer schwierigen Befragung anvertrauen. Um Ihre zukünftige Arbeit beneide ich Sie nicht.« Freiherr von Hohnhorst entnahm der Mappe zwei sorgfältig beschriebene Bögen. »Sofort nach Bekanntwerden der Tat in Jena ließ der akademische Senat das Zimmer des Mörders untersuchen. Diese Briefe wurden entdeckt und dem badischen Justizministerium per Eilstafette überstellt.« Er klemmte das Monokel unter die rechte Braue. »Der erste ist adressiert an die ›Deutsche Burschenschaft zu Jena‹. Hier kündigt der Inquisit offen an, daß er Volksrache an dem Verräter Kotzebue üben wolle. Ich zitiere weiter: ›Wenn ich für’s Vaterland auf dem Rabensteine sterben sollte, so …‹« Hohnhorst las stumm und fuhr fort: »Diese Stelle scheint mir bemerkenswert: ›… und begehre noch vor meinem Abgange, aus der Burschenschaft entlassen zu werden.‹ Doch wie wir inzwischen wissen, hat der Inquisit zu Protokoll diktiert, daß er keiner Verbindung angehört.«

Betroffen stützte der Untersuchungsrichter den Kopf in beide Hände.

»Das zweite Schreiben, meine Herren, scheint mir noch bedeutender.« Freiherr von Hohnhorst nickte grimmig. »Es ist gerichtet an ›seine Freunde deutschen Sinnes in Jena‹. Ich zitiere: ›Nun gehe ich hin, um diese Brandfackel ins ruhige Leben zu schleudern; möge der Erfolg für unser gemeinsames Streben segensreich werden.‹ Der Inquisit endet mit dem Satz: ›Kann ich durchkommen, so weiß ich schon, wo ich hinfliehen werde, um zur rechten Zeit dem Vaterlande wieder dienen zu können. Gott sei mit Euch! Euer deutscher Bruder Carl Ludwig Sand vom Fichtelberg.‹ Meine Herren!« Das Monokel fiel und kreiselte am Lederband vor der Weste. »Der Verdacht liegt also nahe, daß Sand einer Geheimorganisation angehört, die womöglich den Umsturz plant; daß er geschickt wurde, um hier den Mord zu verüben.«

Immer wieder stieß der Stadtdirektor den Zeigefinger auf die Tischplatte. »Ich habe es geahnt.« Zorn und Besorgnis wechselten. »Wie steht unser Mannheim jetzt da: Eine Mördergrube im friedvollen Land! Welche Schande. Seit vier Jahren genießen wir die langersehnte Ruhe, wir sind badische Bürger, voll Hoffnung bauen wir auf unsern neuen Regenten. Wir haben sein Vertrauen erworben.« Die Stimme wurde schwer. »Und gerade jetzt kommt ein Unberufener von Jena daher, da kommt ein ausländischer Student und schreit: Ihr beherbergt einen Feind des deutschen Vaterlands in eurer Stadt! Ihr Mannheimer erkennt ihn nicht. Ich aber. Und deshalb befreie ich Euch von ihm.« Philipp von Jagemann lachte bitter. »Und ohne Reue liegt dieser Sand im Hospital. Er wird uns noch auffordern, ihm zu danken, und verlangen, daß wir ihn als unsern Retter verehren.«

Der Kanzler des Oberhofgerichts ordnete die Papiere zurück in die Dokumentenmappe. »Wir sind in erster Linie Juristen, auch Sie, verehrter Stadtdirektor, und als solche bilden wir diese Spezialkommission. Wir haben dem Grundsatz unserer Regierung zu folgen: Streng, rechtlich, aber menschlich. Wie groß der Schaden für Mannheim auch sein mag, wir haben allein die Pflicht, nach der Wahrheit zu suchen. Morgen, am Samstag den 3. April, beginnen wir mit der Arbeit. Wir drei«, kurz nickte er dem stumm dasitzenden zweiten Kollegen und Philipp von Jagemann zu, »werden die Verhörprotokolle auswerten, zukünftig die Korrespondenz führen und den Fall nach außen vertreten. Sie, lieber Freund«, er lächelte zum beleibten Justizrat hinüber, »Ihre Pflicht wird es sein, das Verhör mit aller Klugheit fortzusetzen. Sie werden erlauben, daß ich gelegentlich daran teilnehme. Bestätigt sich der Verdacht einer Verschwörung, so wird der Fall eine Lawine lostreten.«

»Die Gefahr besteht«, meldete sich der zweite Justizrat des Oberhofgerichts zu Wort, »daß dieser Sand auch drüben an der Universität in Heidelberg Mitwisser hat. Wir sollten nicht zögern, sofort und gründlich Nachforschungen in der Studentenschaft durchzuführen.«

Hohnhorst hob die Brauen und wandte sich an den Untersuchungsrichter: »Studiert nicht auch Ihr Sohn in Heidelberg?«

»Seit drei Jahren. Selbstverständlich befürworte ich den Vorschlag des Kollegen.« Gerade richtete sich der Vater auf. »Mein Sohn ist über jeden Verdacht erhaben. Sein einziges Interesse gilt dem Jurastudium.«

»Daran hege ich keinen Zweifel, lieber Freund. Dennoch. Empfinden Sie es nicht als persönliche Kränkung …« Der Kanzler ordnete eine strenge Befragung der Heidelberger Studentenschaft an.

Längst war die Sitzung beendet. Der Untersuchungsrichter schritt unter den Bäumen des Paradeplatzes auf und ab. Ein milder Frühlingsabend. Dem beleibten Mann fiel es nicht auf. »Sand hat mich belogen.« Heftig zerrte er das enggewrungene Schnupftuch zwischen den Händen. »Er lügt. Nun gut.«

Gelächter, derber als gewohnt, schrille Stimmen, die Wärterinnen schwatzten ungeniert. Nach der Arbeit ließen sie die Fenster des Krankensaals weit geöffnet. Mit dem Frühlingsduft drang Vogelgezwitscher herein, ein Morgengeschenk nach dumpfer Nacht und Lärm.

Das Haar noch feucht und sorgfältig gescheitelt, die Hände vor der Weste gefaltet, wartete der Untersuchungsrichter bei den Wachsoldaten in der Nähe des Kastenbettes. Unentwegt massierten seine Schneidezähne die Unterlippe.

Auf Befehl des Stadtphysikus waren die Wundärzte zurückgetreten. Doktor Beyerle selbst löste den Brustverband des Gefangenen. Schweigend bat er den hageren Amtsarzt näher, und beide beschauten angespannt den entblößten Oberkörper. Carl lag halb sitzend, halb auf die verletzte Seite gedreht im Kissen. Sein Gesicht war aufgetrieben, die linke Wange hoch gerötet. »Beim Ausatmen erdrückt es mich. Als wäre ein schwerer Klumpen in meiner Brust gewachsen.« Er hüstelte vorsichtig. »Bewege ich mich zur anderen Seite, so rollt er mit und droht mich zu ersticken.«

Wortlos nickten die Ärzte sich zu.

Carl sah von einem zum anderen. Warum spricht niemand mit mir? Er suchte den Blick des Justizrates. Doch der stand unbeweglich da, so fremd; die vorgewölbten Augen betrachteten ihn kühl und teilnahmslos.

Im gebündelten Schein der Spiegelleuchte berührte Doktor Beyerle die neugewucherte dünne Haut über den schmalen Stichwunden. »Mit der Narbenbildung bin ich zufrieden.« Seine Hand glitt tiefer, betastete das heiße gespannte Fleisch und die Anschwellung, die unter den kurzen Rippen begann und sich in den Oberbauch wölbte. Auch der Stadtphysikus beugte sich hinab, spreizte die Finger und befühlte die aufgequollene Brusthälfte. »Der Puls ist in weitem Umfang spürbar.« Ernst zeigte Doktor Beyerle dem Kollegen die rotverdickte linke Hand, den geschwollenen linken Fuß. »Alle Anzeichen lassen auf das gleiche schließen.«

»Was ist mit mir?« Ein trockener Husten schüttelte Carl. Vor Schmerz krallte er die rechte Hand ins Laken, hustete.

Doktor Beyerle wartete, bis der Patient wieder ruhig lag. »In der Brusthöhle hat sich Blut gesammelt. Dieses Extravasat verursacht Entzündung und den schweren Druck. Bleiben Sie möglichst so liegen. Auf der leidenden Seite. Damit die gesunde Lungenhälfte nicht beengt wird.« Ein knappes aufmunterndes Lächeln. »Sicher finden wir einen Weg.« Mit einem Handzeichen bat er seinen Kollegen und den Untersuchungsrichter nach draußen.

Während die Herren rasch den Krankensaal verließen, flüsterte Carl: »Durch, Sand! Durch!«, sprach lauter: »Durch, Sand! Durch!« Wieder erschütterte trockener Husten den Brustkorb.

Auf dem Flur vor der Saaltür fragte der Justizrat, ehe Doktor Beyerle zu Wort kommen konnte: »Welche Chance hat der Inquisit noch?«

»Das Extravasat muß entfernt werden. Doch eine Öffnung des Brustkorbs ist äußerst gewagt und selten erfolgreich.«

Der Stadtphysikus verhakte die Daumen im Rücken. »Kein Chirurg in Mannheim wird wegen eines Verbrechers seinen Ruf aufs Spiel setzen. Ich gebe Sand noch vierzehn Tage. Dem Henker wird Arbeit erspart, und die Gerichtskasse wird …«

»Es darf nicht sein!« unterbrach der Richter scharf. »Seit gestern geht es um viel mehr. Auf Befehl des Justizministeriums haben Sie das Leben des Inquisiten unter allen Umständen zu erhalten. Freiherr von Hohnhorst hat Sie doch mit der neuen Sachlage vertraut gemacht, verehrte Doktoren. Es geht nicht mehr um die Tat eines einzelnen! Dieser Mord scheint ein Angriff auf die politische Ordnung gewesen zu sein, möglicherweise sogar im Auftrag eines weitverzweigten revolutionären Komplotts.« Die Fingerkuppen trommelten an die Aktenmappe. »Sand darf nicht sterben. Es darf nicht sein. Nur er kann uns Klarheit verschaffen.«

Kühl hob der Stadtphysikus die Brauen. »Noch ist er bei klarem Verstand. Pressen Sie alles aus ihm heraus. Ich habe keine Bedenken mehr. Nutzen Sie die verbleibende Zeit, denn der Tod wird auf die Politik keine Rücksicht nehmen.«

Doktor Beyerle blickte den Amtsarzt an, seine Nasenflügel bebten. »Herr Kollege! Allein schon durch unsern Eid sind wir dem Leben verpflichtet, auch dem Leben eines Mörders.«

»Wagt es nicht, Herr, meine Berufsehre anzugreifen. Seit mehr als zehn Jahren leite ich das Stadtphysikat, und ich weiß nur zu genau …« Der hagere Mann brach ab, seine Stimme wurde leise und knapp. »Also bitte: Wagen Sie den Eingriff. Ich bin einverstanden. Natürlich übernehmen Sie alle Verantwortung.«

Kopfschüttelnd wandte sich Doktor Beyerle zum Fenster.

»Gut, meine Herren, gut.« Mit dem Schnupftuch wischte der beleibte Gerichtsrat den Nacken. »Daß ich den Inquisiten durch das Verhör zu Tode foltere, ist auf keinen Fall zu vertreten, weder vor der Öffentlichkeit noch, und dies ist das Wichtigste, meine Herren, noch vor mir selbst.« Er stopfte das Tuch in die Tasche.

Langsam löste der Stadtphysikus die auf dem Rücken verhakten Daumen und verschränkte die Arme vor der grauen Weste. »So oder so: Dieses übergroße Extravasat wird Sand töten.«

Abrupt kehrte Doktor Beyerle zu den Männern zurück. »Ich weiß einen Chirurgen, der fähig ist, die Thoraxöffnung vorzunehmen.« Alle Besorgnis war von ihm gewichen. »Chelius, der junge Professor an der Heidelberger Universitätsklinik. Maximilian Joseph Chelius.«

»Neue gewagte Methoden ohne ausreichende Praxis. Ich bitte Sie, Herr Kollege, der Mann ist kaum älter als unser Meuchelmörder.«

»Chelius genießt den besten Ruf. Unter anderem hat er in Paris das Rüstzeug erhalten. Man mag Napoleon verdammen, aber unter seiner Regentschaft ist die französische Chirurgie zum Vorbild für Europa geworden. Im übrigen wurde Chelius hier in Mannheim geboren. Er wird seiner Vaterstadt diesen Dienst nicht verweigern, da bin ich ganz sicher.«

Die neue Hoffnung ermutigte den Untersuchungsrichter. »Gut. Sehr gut.« Er bat die Doktoren, den Vorschlag gemeinsam und in aller Dringlichkeit dem Leiter der Spezialkommission zu unterbreiten. Mit einer Handbewegung schickte er die gleichmütig wartenden Schreiber in den Krankensaal voraus. »Danke, meine Herren. Ich selbst will und muß meine Zeit hier nutzen. Selbst am geheiligten Sonntag.« Er wölbte die Unterlippe und folgte den Urkundenbeamten.

»Was wird mit mir?« empfing Carl den beleibten Mann und spürte sofort die Kälte, las sie aus den vorgewölbten Augen.

Der Untersuchungsrichter setzte sich nicht; mit dem Fuß schob er einen der Hocker zur Seite, auf den anderen warf er die Papiere, wie ein Fels erhob er sich vor dem geöffneten Bett. »Ich bin nicht befugt, Auskunft über Ihren Zustand zu geben.« Geschäftig nickte er seinen Beamten. »Wir beginnen.« Sie leckten die Bleistifte.

Was ist geschehen? Mit einem Mal fühlte sich Carl verlassen. Angst überkam ihn, sie nistete schnell, wühlte schlagend in der wunden Seite des Brustkorbes. Hilflos streckte er die rechte Hand dem Mann entgegen. »Aber ich glaubte, Sie wären ein Freund.«

Für einen Augenblick schwankte der Justizrat, doch das Mitleid verlor, er ließ den Arm wieder sinken. »Sie haben andere Freunde, Sand.«

»Ich begreife nicht.«

Rasch nahm der Untersuchungsrichter das oberste Blatt vom Hocker und las: »›Meinen Freunden deutschen Sinnes in Jena. Zu übergeben durch Freund Asmis.‹ Freunde!« Ohne Zögern hob er den zweiten Bogen auf. »›An die Burschenschaft zu Jena!‹« Seine Hand schlug gegen die Blätter, in hellem Zorn hielt er sie dem Studenten hin. »Kennen Sie diese Schrift?«

»Es ist meine.«

»Zu Protokoll: Der Inquisit gesteht, die beiden in Jena entdeckten und hier vorliegenden Briefe verfaßt zu haben!« Scharf wurde die Stimme: »Wer sind diese ›Freunde deutschen Sinnes‹?«

Carl atmete zu schnell, der Husten erstickte ihn fast; er rang nach Luft, keuchte.

»Sie gehören also doch einem Orden an, sind Mitglied einer geheimen Verbindung! Sie haben mich belogen, Sand.« Müde zog der Untersuchungsrichter den Hocker heran und ließ sich am Bettrand nieder. »Ich schäme mich für mein Vertrauen.«

Der Gefangene hielt die Lider geschlossen. Endlich quälte der Husten nicht mehr, und allmählich verebbte der heftige Schmerz. Carl versuchte die Gedanken zu ordnen. Die Schreiben steckten im versiegelten Umschlag. ›Briefe zu bestellen‹, schrieb ich darauf. Am Abend vor der Abreise nach Mannheim hab’ ich sie ins offene Pult gelegt, zusammen mit einer Vollmacht für Gottlieb Asmis, alle Post und Gelder für mich in Empfang zu nehmen.

»Wer sind diese Freunde? Reden Sie!«

Also hat man mein Zimmer durchsucht und das Paket gefunden.

Um Zeit zu gewinnen, keuchte Carl: »Gleich. Gleich.« Seine Stirnmuskeln zuckten. Ein Fehler? Hab’ ich alles bedacht?

Er rief sich die letzten Tage vor seiner Abreise zurück. Den Hausleuten zahlte ich schon am 1. März die Miete für das nächste Semester im voraus.

Meine Tagebücher und mein Abschied an die Eltern! Am letzten Tag übergab ich sie meinem Freund Asmis. Ganz sicher haben sie auch sein Zimmer durchsucht. O Herr, ich bete zu dir: Laß Asmis dieses Päckchen noch vorher nach Wunsiedel zur Mutter gebracht haben.

Den ›Todesstoß‹, das ›Todesurteil‹ und die Begleitschreiben an die Zeitungen! Das dritte Paket trug ich bei Dunkelheit selbst in Seine Wohnung. Carl verbot sich, den Namen dieses Mannes auch nur zu denken, Ihn vor allen wollte er schützen. Kein Dritter durfte von seinem letzten Besuch bei Ihm am Abend des 8. März jemals erfahren.

Was wurde entdeckt? Carl öffnete die Augen, versuchte vergeblich, einen Blick auf die Unterlagen zu werfen. Der Hocker war zu tief.

»Die Wahrheit, Sand! Wer hat Sie geschickt?«

»Niemand.«

»Wer sind die Freunde?«

Carl preßte die Lippen. Niemals darf ich einen anderen in Gefahr bringen, mein Schwur bindet mich.

»Warum lügen Sie?«

Ich bin kein ehrloser Hundsfott. Den Eid zu halten ist die erste Pflicht eines guten Deutschen. Ich lüge nicht. Allein meinem Gewissen und Gott fühle ich mich verantwortlich. Dem Gericht bin ich nur verpflichtet die Wahrheit zu sagen, wenn es mich betrifft. Also muß ich doch, was andere angeht, die Wahrheit vorenthalten dürfen? Nicht lügen, nur die Wahrheit vorenthalten. Offen blickte Carl dem Justizrat in die Augen. Nicht den Richter, ihn als Menschen will ich um Rat fragen. Und voller Vertrauen bat er: »Darf ich Sie allein sprechen? Ohne«, er deutete auf die Wachposten und Schreiber, »daß uns die Öffentlichkeit zuhört.«

Empört richtete der Untersuchungsrichter sich auf. »Carl Ludwig Sand, Sie sind des Meuchelmordes überführt und angeklagt, die Tat im Auftrag einer staatsfeindlichen Gruppe verübt zu haben. Ich vertrete die Öffentlichkeit.« Kopfschüttelnd öffnete er die unteren Knöpfe der Weste.

»Was haben Sie in Jena gefunden?« fragte Carl leise.

»Genug, um Lüge und Wahrheit zu erkennen.«

Also mehr als die beiden Schreiben! Carl wappnete sich. Nach jeder Frage überlegte er lange und gab sorgfältig Antwort.

»Bereits vor der Abreise habe ich die Burschenschaft schriftlich um meine Entlassung gebeten. So gehöre ich jetzt keiner Verbindung an. Ich habe nicht gelogen.« Mühsam formulierte Carl den nächsten Satz: »Im übrigen verstehe ich unter einer geschlossenen Verbindung oder einem geheimen Orden, daß in solchen Vereinen der einzelne nicht mehr allein das tun darf, was er für sich selbst als wahr erkennt, sondern zu gehorchen hat, auch gegen seine Überzeugung.« Er rang nach Luft. »Solch einer Gruppe gehörte ich niemals an. Ich habe nicht gelogen.«

»Gut. Und wer sind die ›Freunde deutschen Sinnes‹?«

»Jeder Deutsche, der wie ich das deutsche Vaterland liebt. Das ist die Wahrheit.«

»Wem haben Sie noch geschrieben?«

Erst nach langem Zögern bekannte Carl, daß er in das eine Paket sein Tagebuch und in ein zweites alle gesammelten Briefe der Familie gepackt habe. Das dritte Paket enthielt einmal den ›Todesstoß‹ und das ›Todesurteil‹, adressiert an die Zeitungen in Bremen, Speyer und Bamberg, mit der Bitte, sie nach der Tat zu veröffentlichen, und zum anderen den Abschiedsbrief an die Eltern. »Dieses dritte Paket übergab ich am Tag vor meiner Abreise den Hausleuten. Sie sollten es auf die Post geben.«

Der Untersuchungsrichter blätterte in den Papieren, dabei wölbte er die Unterlippe vor und zurück. »Sonderbar. Niemand durfte von Ihrem Plan wissen. Und doch verschickten Sie Ihr Bekenntnis schon vierzehn Tage vor der Tat? Und gleich an drei Zeitungen. Glauben Sie wirklich, die Redakteure hätten bis nach dem Mord geschwiegen?« Ruhig faltete er die Hände, legte sie auf den Matratzenrand und wartete.

Mit einem Mal fühlte Carl, wie ihm Schweiß von der Stirn rann. Armer Gottlieb. Du bist dem Gericht längst bekannt. Du wirst mich verstehen, aber Seinen Namen darf ich nicht angeben. Er, so überragend in allem, Er darf nicht angetastet werden. »Die Wahrheit ist, daß ich das dritte Paket am Abend heimlich unter den Sachen meines Zimmernachbarn Gottlieb Asmis versteckt habe. Später sollte er es finden.«

»Wir werden die Personen verhören und nach diesem Paket suchen lassen.«

Er wußte nichts! Scharf sog Carl den Atem ein. O Gottlieb, du treuer Freund, verzeih! Rasselnder Husten überfiel ihn, gequält kämpfte er um Luft, warf sich auf den Rücken, schrie vor Schmerz, schlug hilflos mit den Armen.

Sofort beugte sich der beleibte Mann über den Gefangenen, griff seine Schulter und half ihm, den Oberkörper zurück auf die verletzte Seite zu drehen. »Ruhig, Junge. Ruhig.« Betroffen strich er ihm das nasse Haar aus der Stirn.

»Es geht schon«, keuchte Carl, dankbar sah er das Mitleid in dem breiten Gesicht. »Fragen Sie weiter. Ich halte durch.«

»Nein. Für heute genug.«

Die Kälte war aus den Augen gewichen. Erleichtert legte Carl die Hand über die harte Anschwellung unter dem Brustkorb. »Kennen Sie Theodor Körner, den Dichter?«

Der beleibte Mann nickte, er rückte den Hocker dichter ans Kopfende. »Nicht mehr anstrengen, Sand. Sprechen Sie leise.«

»An ihn denke ich. Er war ein Held. ›Durch, Brüder, durch! – Dies werde / das Wort in Kampf und Schmerz.‹ Kennen Sie den Vers?«

»Körner. Immer wieder«, murmelte der Richter. »In welch einer Welt lebst du nur, Junge?«

»Sagen Sie doch, kennen Sie diesen Vers?«

Ohne jede Begeisterung ergänzte der Justizrat: »›Gemeines will zur Erde, / Edles will himmelwärts! / Soll uns der Sumpf vermodern?‹«

Lebhaft fuhr Carl fort: »›Was gilt da Weltenbrand? – / Drum laß den Blitz nur lodern; / Durch! – Dort ist’s Vaterland!‹ Verstehen Sie, er sagt, was ich denke. Mit seinen Worten leb’ ich.«

Nach langem Schweigen erhob sich der Untersuchungsrichter. Bedrückt reichte er dem Kranken zum Abschied die Hand. »Sie werden viel Kraft brauchen, Carl.«

Den Sonntag über hatte der Gerichtsrat den Inquisiten weiter nach seinen Freunden in Jena und nach den Grundsätzen der Burschenschaft befragt.

»Durch Aufhebung aller Orden und Landsmannschaften werden Spaltung und Reibung beseitigt. So kann Eintracht und Friedlichkeit unter den Akademikern hergestellt werden.« Carl hatte bereitwillig Auskunft gegeben, ohne Namen zu nennen.

Keine Fehler mehr. Ich stelle mich dem Kampf.

Noch ehe der Untersuchungsrichter am Montag morgen das Verhör beginnen konnte, bat der Gefangene, seine Angaben vom Vortag noch einmal hören zu dürfen. Carl war auf der Hut.

»Lesen Sie«, forderte der Justizrat einen der Schreiber auf.

Ernst, gespannt, bald schon mit leuchtenden Augen lauschte Carl seinen eigenen Worten; als der Beamte schwieg, nickte er heftig. »Das ist der Kampf der deutschen Studenten. Ihre Ziele sind auch meine Ziele. Alle Burschenschaften müssen sich noch enger zusammenschließen. Eine einzige allgemeine Burschenschaft!« Keuchen und Husten nach jedem Satz, dennoch wuchs Triumph in seiner Stimme. »So werden wir zum Vorbild eines großen, freien Deutschlands. Ein Volk – und deshalb: ein Reich! Wir sind nicht länger nur Bayern, Sachsen oder Preußen. Wir sind Deutsche, stolz, stark …«

»Genug, Sand. Genug!« unterbrach der beleibte Mann ärgerlich. »Dies haben Sie ausführlich und zur Genüge ins Protokoll diktiert. Träume! Von Staats wegen kann die sogenannte Allgemeine Burschenschaft niemals anerkannt werden. Selbst die Zustimmung einer einzelnen deutschen Regierung genügt nicht. Begreifen Sie doch, Carl, alle Länder müßten zunächst Burschenschaften zulassen, ehe sich solch eine Vereinigung offiziell über ganz Deutschland ausbreiten könnte.« Er zückte die Taschenuhr, mit einem hellen Ton sprang der Deckel auf. Bestürzt schob der Gerichtsrat die Unterlippe vor und blickte verstohlen zur Saaltür.

»Sand, Sie betonen immer wieder die Parole: Freiheit für das Vaterland. Gut, sehr gut.« Halb schloß er die Lider. »Nach welchem geheimen Plan soll sie verwirklicht werden? Ich möchte endlich eine klare Antwort. Was verstehen Sie unter dieser Freiheit?«

Er will, daß ich ihm den Weg zeige? Offen sah Carl in das breite Gesicht. »Unter echter irdischer Freiheit verstehe ich, was die edlen Dichter in ihren Liedern schreiben.«

»Aber, Junge …« Der Untersuchungsrichter trocknete sich die Handflächen. »Das sind Verse, Carl. Nur Verse.«

Mild lächelte ihn der Gefangene an. »Rein und klar. Voller Weisheit und Wahrheit. Sie geben Rat, Trost und rufen zum Kampf.« Carl hob den Finger. »Eine Zeile genügt manchmal, um den Blick wieder für das Ziel zu schärfen. Was brauch’ ich da einen geheimen Plan? Die Lieder der großen Dichter sagen mir, nach welcher Freiheit ich streben muß.«

Die Saaltür schwang auf. Stimmen. Der Kanzler des Oberhofgerichts, begleitet vom Stadtphysikus und Doktor Beyerle, führte einen schlanken vornehmen Herrn herein. Bevor die Gruppe das Krankenbett erreichte, beugte sich der beleibte Mann rasch über den Gefangenen. »Das darf nicht alles sein, Carl. Hinter jeder Freiheit steht ein politisches Konzept. Sie verschweigen mir, was Sie wirklich denken.«

»Bei Gott, ich verheimliche nichts.«

Resignierend stopfte der Untersuchungsrichter das Schnupftuch in die Tasche und schloß die Knöpfe der Weste.

Auf Befehl des Stadtphysikus waren alle Vorhänge des Kastenbetts sofort hochgeschlagen worden. Zwei Öllampen brannten an jedem Pfosten. Die heugefüllte, längst vom Schweiß verklumpte Zudecke war abgenommen worden.

Im hellen Licht lag Carl nackt vor Maximilian Joseph Chelius. Der Professor bemerkte bedauernd das beschmierte Laken. Die hohe Stirn gekraust, wandte er sich an den Kanzler. »Erst wenn es gelingt, die Patienten in sauberen Sälen unterzubringen, werden wir Brand, Hospitalfieber und andere Infektionen ernsthaft bekämpfen können.« Eine Stimme, die Respekt verlangte, und doch frei von Vorwurf, leise und sachlich. Ohne Antwort zu erwarten, beschäftigte er sich aufmerksam mit dem Krankenbericht. Wortlos reichte er das Blatt dem Stadtphysikus zurück. Die leicht auseinanderstehenden Augen begutachteten den Körper des Kranken. Endlich setzte sich Professor Chelius auf den Rand der Matratze, nickte Carl zu: »Sprechen Sie nicht«, und betastete die verdickten Muskeln der linken Seite. Er legte das Ohr an die aufgetriebene Brust und schlug mit dem Knöchel gegen die Rippen. Aus seiner Ledertasche entnahm er einen länglichen Trichter.

Beim Anblick des Instrumentes zuckten die Brauen des Stadtphysikus; steif verhakte er seine Daumen hinter dem Rücken.

Der junge Professor bat Doktor Beyerle näher: »Überzeugen Sie sich, Herr Kollege«, setzte die große Öffnung des Zylinders über die Anschwellung und forderte von dem Patienten: »Auch wenn es schmerzt. Bewegen Sie leicht den Oberkörper.«

Doktor Beyerle horchte in den Trichter. »Ausgezeichnet. Das Schwappen ist deutlich zu vernehmen, wie Wasser in einem gefüllten Faß.« Anerkennend gab er das Hörrohr zurück.

»Ihre Diagnose, meine Herren, war richtig. Ein blutiges Extravasat hat sich in einer Höhle des Thorax gesammelt. Die Ödeme linksseitig an Hand und Fuß lassen auf eine bereits fortgeschrittene Entzündung schließen.« Professor Chelius erhob sich. »Die Ansammlung verdorbenen Blutes ist bedrohlich groß und muß unbedingt entfernt werden.«

Der schlanke Mann wandte sich an den Kanzler des Oberhofgerichts. »Auch wenn er ein Verbrecher ist. Ich benötige das Einverständnis des Kranken.«

Freiherr von Hohnhorst zögerte nicht, er winkte den Untersuchungsrichter ans Kastenbett. »Das ist Ihre Aufgabe«, raunte er. »Fragen Sie den Inquisiten, lieber Freund.«

Widerstrebend preßte der beleibte Justizrat die Handballen gegeneinander. »Carl Ludwig Sand. Die Ärzte …« Er räusperte sich. »Ohne Hilfe werden Sie sterben. Nur eine Operation kann Ihr Leben vielleicht noch retten. Sie ist Ihre einzige Chance.« Er wischte über die Stirn und blickte in die zustimmenden Gesichter der Herren. Er zögerte, sah wieder auf den nackten jungen Mann. Er hörte den rasselnden Atem. Der Untersuchungsrichter hatte sich entschlossen: »Natürlich wird das Verhör nach geglückter Operation fortgesetzt. Sie haben den Mord gestanden. Wie der Prozeß enden wird, wage ich nicht vorauszusagen. Carl, Sie wollten sich selbst den Tod geben. Sie müssen entscheiden. Wenn Sie jetzt leben wollen, willigen Sie ein.«

Wer kann mir etwas tun? Kein gerechter Richter wird es wagen, mich zu verurteilen. Daß ich mich selbst verwundet habe, bereue ich längst. Meine Tat war eine Brandfackel. Und wenn ich durch das feige Gesetz machtgieriger Fürsten sterben soll, dann will ich mich opfern, erhobenen Hauptes und im Angesicht des ganzen Vaterlandes. Ja, ich will mein Feuer lodern sehen. Durch, Brüder! – Durch! Carl reckte das Kinn. »Ich bin mit der Operation einverstanden«, sagte er und lächelte.

»Zu den Vorbereitungen. Der Patient muß täglich gewaschen werden. Nicht allein die erkrankte Brust. Der ganze Körper.« Während Professor Chelius bereits wieder dem Ausgang zustrebte, gab er den Ärzten und dem Kanzler mit leiser Stimme die notwendigen Anweisungen.

»Ich komme bald wieder«, versprach der Untersuchungsrichter. Fest drückte er Carl die Hand und eilte der Gruppe nach. Von den Wundärzten wurde der Verband erneuert. Wortlos deckten sie ihn zu und fütterten ihn, achteten darauf, daß der Kranke sich nicht an dem wäßrigen Brei verschluckte.

»Verzeiht. Ich weiß, ich bin eine Last.« Carl versuchte die Ärzte in ein Gespräch zu ziehen. Doch sie schwiegen und ließen ihn allein. Auch die beiden Wachposten hielten, wie längst gewohnt, Abstand vom Kastenbett; unter Strafe war es ihnen verboten, mit dem Gefangenen zu sprechen.

Zum ersten Mal, seit er hier lag, gab es niemanden, der ihm zuhörte, der antwortete. Begierig wartete Carl auf die Rückkehr des Gerichtsrates.

Die Operation? Sie werden mich aufschneiden. Und ob ich auch wandle durchs finstere Tal. Carl seufzte. Nein, Mutter, dein Sohn fürchtet sich nicht.

Er lag zur Seite gedreht, halb erhöht in den Kissen, und betrachtete seine angeschwollene linke Hand. Mühsam versuchte er, die Finger zu krümmen. »Ich war nie eine feige Memme. Niemals.«

Carl ballte die Faust. »Wenn ich doch älter wär’!« Mit sehnsüchtigen Augen steht der Dreizehnjährige zwischen den Klassenkameraden am Rand des Marktplatzes von Wunsiedel. Drüben, vor dem Rathaus: Trompeter! Die Fahne flattert. Nach und nach sammeln sich die Freiwilligen, ordnen sich in Reih und Glied.

Im Frühjahr 1809 war der Krieg entbrannt. Österreich versuchte Napoleon Einhalt zu gebieten. Doch schon der Beginn, die Schlacht bei Regensburg, wurde zur schmachvollen Niederlage. Im Juli rief Graf Nostiz die jungen Männer des Sechsämterlandes in Wunsiedel zusammen. Heute soll die »Fränkische Legion« unter seiner Führung abmarschieren.

Trompetensignal. Der Trupp setzt sich in Bewegung. Jubelnd rennen die Lateinschüler vornweg. Carl und Christian stürmen als erste durchs Tor. Weit hinter der Stadt warten die Jungen am Straßenrand auf die Tapferen, im Gebüsch versteckt, atemlos.

An der Spitze trabt der Major hoch zu Pferd, so stolz, hinter ihm Trommler und Pfeifer, sie geben den Tritt an. Die Freiwilligen trotten vorbei.

Carl stößt dem Freund in die Seite. »Christian!« Entsetzt zeigt er zum hinteren Teil des Zuges. »Da!«

Junge Männer laufen rechts und links in die Wiesen, die geschlossenen Reihen lösen sich auf, die Freiwilligen fliehen, es werden mehr, bald folgt nur noch die Hälfte der Angeworbenen dem Pferd des Grafen.

Carl hält es nicht länger. Er springt auf die Straße, droht den Flüchtigen mit den Fäusten nach: »Wenn ihr Memmen nicht wollt! Dann werde ich mitziehen!« Entschlossen rennt der Dreizehnjährige los.

Christian fordert die Kameraden auf, sie jagen hinter Carl her, holen ihn ein, halten ihn, ziehen den Tobenden in den Straßengraben.

Endlich hat sich Carl beruhigt. Die Lateinschüler heben die hochroten Köpfe. Längst sind Graf von Nostiz und der Rest der »Fränkischen Legion« weitergezogen.

Mit hängenden Schultern reckt der Dreizehnjährige das Kinn. »Ich hätte gekämpft.«

»Feig war ich nie.« Carl bog mit der rechten Hand die geschwollenen Finger der linken zur Faust.

Immer noch war der Untersuchungsrichter nicht zurückgekehrt. Draußen dämmerte es. Im Krankensaal war der Tag bereits erloschen, nur die Öllampen spendeten matte Helligkeit.

Sieben Stunden wanderte Carl am 10. Mai 1811 ohne Rast, sieben Wegstunden von Hof nach Wunsiedel. Bei Anbruch der Dunkelheit erreicht der Fünfzehnjährige den Kirchplatz und biegt in die schmale Gasse ein. Licht schimmert durch das Fenster. Leise klopft Carl an der Tür.

Erst nach dem Essen stellen die Eltern den Sohn zur Rede. Wilhelmine Sand ist enttäuscht. »Auch wenn das Gymnasium in Hof aufgelöst wurde. Du solltest bei deinem Lehrer bleiben und lernen.«

Heftig schüttelt Carl den Kopf. »Ich konnte nicht.« Morgen ziehen die Franzosen durch Hof. Morgen wird auch der Unterdrücker unseres Vaterlandes in Hof eintreffen, um seine Truppen zu inspizieren. »Versteh doch, Mutter. Ich kann nicht mit dem Erzfeind zwischen den gleichen Mauern sein, ohne daß ich mein Leben an ihm wage.«

Zufrieden setzt Christoph Sand die Pfeife in Brand. »Gut, Junge. Du hast Herz. Ein freies Deutschland unter Preußens Führung, vergiß den Traum niemals.«

Unverwandt halten sich Sohn und Mutter mit den Augen fest.

»Du bist mein Carl«, sagt sie.

Stiefeltritte erschreckten Carl. Er löste den Blick von der Öllampe am Pfosten. Zwei Stadtsoldaten kamen direkt auf ihn zu, fremde Gesichter, achtlos setzten sie eine Trage vor dem Kastenbett ab und begrüßten mit Handschlag die beiden Wächter. Sie blieben, die Männer unterhielten sich flüsternd, hin und wieder unterdrückten sie ein Gelächter.

Angespannt versuchte Carl, eins der Worte aufzuschnappen. Die Entfernung war zu groß. Was geschieht? Heftiger spürte er den Puls in der kranken Brust.

Unter Flüchen schleppte der Hospitalknecht einen Wasserbottich zum Bett. Die Wundärzte wuschen den Gefangenen; mit Lappen wurden Gesicht, Brust und Achseln abgerieben, sie spreizten und hoben vorsichtig seine Beine, gründlich reinigten sie den Unterleib. »Was geschieht mit mir? Ich will es wissen.« Niemand antwortete.

Die Operation? Nicht jetzt. Warum sonst der frische Verband, warum das saubere Krankenhemd? Nein, bei Dunkelheit wird der Professor nicht operieren.

Sein Atem ging schneller. Carl hustete; qualvoll schwappte die Anschwellung, vor Schmerz schlug er die Knöchel gegen die Zähne.

Als er wieder aufsah, erkannte Carl den Kanzler und Stadtdirektor Jagemann am Fußende des Bettes, sah den Stadtphysikus und Doktor Beyerle. Nichts war aus ihren Augen zu lesen. Erst spät bemerkte er den Untersuchungsrichter, der direkt neben seinem Kopf stand. »Endlich.« Hilfesuchend streckte Carl die Hand nach ihm aus. Der beleibte Mann ergriff sie nicht.

»Meine Herren.« Carl bemühte sich um Leichtigkeit, seine Stimme gehorchte nicht. »Was ist geschehen?«

Nach lautem Räuspern wischte sich der Justizrat den Mund. »Sie werden verlegt, Carl. Für die Operation benötigt der Professor einen größeren Raum.«

»Nur das!« Carl lachte, beherrschte sich sofort, um den Husten nicht zu reizen. »Natürlich. Wohin? Bringen Sie mich in einen Tanzsaal«, er scherzte weiter, »ins Theater auf die Bühne, oder in eine Kirche. Ich bin einverstanden.«

Bittend sah der Gerichtsrat zum Leiter der Spezialkommission. Freiherr von Hohnhorst runzelte die Stirn, seine Brauen wuchsen zum Gestrüpp. »Ein Mörder gehört ins Zuchthaus, junger Mann. Sie sind ein Mörder.«

Das Lachen erstickte, Carl weitete die Augen. »Das dürfen Sie nicht.« Die Gesichter der Herren verschwammen. »Das dürfen Sie nicht tun.« Salzig schmeckten die Lippen. Carl keuchte und stammelte. »Nicht ins Zuchthaus.«

»Vorwärts, Männer!« Scharf zerschnitt der Stadtdirektor das Klagen.

Haltlos strömten die Tränen und näßten das gerötete Gesicht. Carl wurde auf die Bahre gehoben, aus dem Saal gebracht; er nahm es nicht wahr. Carl weinte, glaubte zu ersticken, wälzte sich auf die linke Seite; weinte. Im Schein der Fackeln schoben sie ihn auf die Lade eines Karrens. Sofort fiel die Plane. Dumpf holperten die Räder über das Pflaster. Carl weinte.

Der kurze Weg führte vom Quadrat R5 hinüber zu Q6. Alles war geplant und vorbereitet. Schnell wurde das hohe Zuchthaustor für den geheimen Transport geöffnet und gleich wieder geschlossen. Im Hof packten Wachposten und Stadtsoldaten die Krankenbahre. Zu viert trugen sie den wimmernden Gefangenen zum Gebäudetrakt, gleich neben der Zuchthauskirche. Ehrerbietig begrüßte der Direktor die Ärzte und Herren der Spezialkommission. »Folgen Sie mir.«

Im zweiten Stockwerk, gleich unter dem Dachgeschoß, erwartete ein gedrungener Mann den Gefangenentransport. Oberzuchtmeister Kloster öffnete die Tür zu einem spärlich beleuchteten Raum. »Da hin.« Mit dem Daumen wies er auf das Bett in der Mitte des Zimmers.

Carl ließ die Augen geschlossen. Unter den Lidern quollen die Tränen. Er ließ sich umbetten, fühlte das Kissen im Rücken, die fremde Matratze. Mit jedem Herzschlag wuchs der Schmerz in seiner Brust.

»Hier wird es Ihnen gutgehen, Carl.« Die Stimme des Untersuchungsrichters. Verspottet mich nur, Ihr Herren! Das Leben gilt nichts, wo die Freiheit fällt, klagte das Lied in ihm. Verzweifelt flüchtete er zu seinen Helden. Seht, was sie mir antun? Lauter dröhnte der Schmerz und übertönte alles.

»Keine Ohnmacht. Er schläft nur fest«, beruhigte Doktor Beyerle nach einer kurzen Untersuchung den Kanzler des Oberhofgerichts. »Der Transport hat den Patienten überanstrengt.«

Später als gewohnt stieg Oberzuchtmeister Valentin Kloster an diesem Abend die wenigen Stufen zum Dachgeschoß hinauf.

In der Wohnstube lag seine Frau halbsitzend über das kleine Kanapee ausgebreitet. Die Hand leicht angewinkelt, mit dem Fingerfächer bedeckte sie ihre Augen, murmelte: »Die Danaiden, große Oper in vier Aufzügen. Die Musik ist von Salieri. Danaus, König in Argos, den gibt Herr Singer. Hyper …«, las den schweren Namen noch einmal vom Theaterzettel, blickte durch ihren Mann hindurch, »Hyp-erm-nestra. Hypermnestra singt Fräulein Gollmann.«

Zustimmend nickte der Oberzuchtmeister; während er in die Küche ging, zog er die Uniformjacke aus und kehrte mit Bierkanne und Krug zurück.

Seine Tochter saß über die Stickerei gebeugt am Tisch. Als der Vater sich zu ihr setzte, ließ sie den roten Faden sinken. »Bald ist Frühling.«

Herr Kloster nickte lächelnd, er trank in großen Schlucken und wischte sich zufrieden den Schaum ab. »Du mußt an die frische Luft, Mädchen.«

»Sorg dich nicht.« Friederike liebte den Vater, seine einfache Güte; niemand würde es ihm ohne die Zuchtmeisterjacke, den harten Stock und die vielen Schlüssel ansehen, daß er das Wachpersonal zu befehligen hatte, daß er mit aller Strenge auch die Züchtigung an den Gefangenen vornehmen mußte. Ohne Uniform störte sie nichts am Bild des Vaters. »War es ein schwerer Tag für dich?«

»Nicht anders als sonst.«

»Warum kommst du so spät?«

Frau Kloster seufzte. »Ihr bringt mich ganz durcheinander. Redet leise! Die Namen dieser Oper sind wirklich nicht einfach.« In der spielfreien Zeit während der Osterpause wiederholte sie die schwierigsten Theaterzettel des vergangenen Jahres. Und tiefer seufzte sie. »Pelagus, Oberster der Wache, den gibt Herr Backhaus.«

Vater und Tochter rückten enger zusammen. »Wir haben noch spät einen Neuen gekriegt.«

»Was hat er verbrochen?«

»Einen Mörder. Aber der ist selbst schwer verwundet. Der muß liegen.« Kloster nahm einen Schluck, setzte den Krug leise auf die Tischplatte zurück, er stützte das Kinn auf. »Weglaufen kann der nicht mehr. Und doch mußt’ ich auf Anordnung extra zwei Sträflinge für den Neuen abordnen. Die Kerle schlafen ab jetzt vor seiner Tür. Tagsüber müssen sie ihn bedienen.«

Friederike hielt den Atem an; sie griff nach der Nadel, doch ihre Finger zitterten, es gelang ihr nicht, weiterzusticken. »Ist er alt?«

»Ein Student, sagt der Direktor.«

»Wie heißt er?«

Verwundert schob der Oberzuchtmeister den Krug zur Seite. »Warum fragst du, Mädchen?«

»Bitte, Vater. Sag mir den Namen.« Ihre Wangen glühten.

»Ich darf nicht. Alles ist streng geheim. Er hat das Zimmer gleich die Stiege runter. Außer mir, den beiden Kerlen und dem Direktor dürfen nur noch die Ärzte zu ihm. Ohne Erlaubnis vom Gericht darf sonst keiner den Raum betreten.«

Friederike wußte es, sie wollte nur Sicherheit. »Dann sag mir, wen er getötet hat.«

Unschlüssig kratzte der gedrungene Mann im grauen Haar, sah kurz zu seiner Frau hinüber, schließlich murmelte er: »Mädchen, du machst deinen alten Vater unglücklich. Wenn du’s ausplauderst, wär’s aus mit der Pension.« Friederike berührte sanft die schwielige Hand. Für einen Moment ließ er die Zärtlichkeit zu, dann rückte er die Hand zum Krug. »Da unten liegt jetzt der Mörder von diesem Staatsrat. Er muß bald operiert werden, deshalb hat er das schöne Zimmer gekriegt.«

Friederike stach die Nadel ins Garnknäuel, nahm Körbchen und Stickrahmen; beim Aufstehen stieß sie gegen den Tisch. Erschreckt ließ Frau Kloster den Theaterzettel sinken. »So komme ich nicht weiter.«

»Ich war ungeschickt.«

»Du bist müde, Kind.« Wieder vertiefte sich die Mutter in ihren Lernstoff.

»Gute Nacht, Vater. Und danke.« Schnell wandte sie sich ab.

Der Oberzuchtmeister hielt sie zurück. »Warum so neugierig, Friederike?«

Sie fühlte das Herz hinaufschlagen, ihre Stimme gehorchte kaum. »Ich hab’ doch gesehen, wie er sich mit dem Dolch verletzt hat. Nur Neugierde.«

Sie eilte davon, an der Tür stockte sie und blickte zur Mutter.

»Chyrsipp, ein Wahrsager, den singt Herr Vincenz.« Ohne zu unterbrechen, winkte Frau Kloster der Tochter ein Gutenacht.

Endlich. In der kleinen Schlafstube warf das Mädchen ihr Stickzeug aufs Bett. Er lebt. Gott, ich danke dir. Er und ich unter einem Dach. Friederike nahm das Kissen und preßte den Mund hinein.

Carl wachte auf. Fremde Stille. Reglos lag er in der schweißwarmen Mulde aus Kissen und Matratze. Der Anblick der beiden Fenster verwirrte ihn. Draußen schimmerte der Morgen. Amseln sangen herein. Nichts hatte ihn aus dem Schlaf geschreckt. Kein Gelächter, keine derben Stimmen der Wärterinnen.

Nicht mehr im Hospital. Langsam erinnerte sich Carl. Seit zwei Nächten bin ich jetzt hier. Vorsichtig, um den Schmerz nicht zu wecken, hob er den Kopf.

Das Zimmer war geräumig, das Bett ohne Pfosten und Himmel, ohne Vorhänge. Ein gutes Bett, mit erhöhter Stirnwand für die Kissen. Gestern hatten die beiden Wärter es so gerückt, daß Carl über das Fußende zum Ofen und über die rechte Schulter hinweg zur Tür sehen konnte, sonst aber, auf der kranken Seite liegend, durch die Fenster ins Licht blickte. Kein Gestank mehr um mich herum. Ich werde umsorgt. Gott hat es gut gefügt.

Sogar eine eigene Dienerschaft hat man mir gegeben! Dieser Gedanke erheiterte Carl, zufrieden, unvorsichtig tief sog er den Atem ein. Elend! Qual! Rasselnder Husten brach aus seiner Brust, der schwere Klumpen unter den Rippen schwappte hoch, überfiel ihn, hilflos würgte er. Wie an jedem der vergangenen Morgen hatte er erst nach einer Weile neu gelernt, den Schmerz zu ertragen. Geschwächt lächelte er. »Das ist die Strafe. Sand vom Fichtelberg, mäßige deinen Hochmut.« Dennoch, wie ein Mörder werde ich nicht behandelt. Mein Zimmer ist kein Kerker. Der blaue Himmel hat keine Gitterstäbe, frei ziehen die Wolken an mir vorbei.

Er betastete seine rotverdickte linke Hand, kaum spürte er den Druck. Taub wird sie, von Tag zu Tag mehr.

»Die innere Entzündung greift schneller um sich«, erklärte Dr. Beyerle nach der Untersuchung. »Sie wuchert in den linken Arm und scheint den Nerv zu lähmen.« Mehr wußte er nicht zu sagen.

Gegen Mittag wurden die Gerichtsschreiber ins Zimmer gelassen. Oberzuchtmeister Kloster wartete bei der geöffneten Tür. Während die Beamten an der kahlen Wand neben dem Ofen Platz nahmen, Brett und Papier auf den Knien zurechtlegten, trug einer der Wärter, so rasch es seine schwere Fußkette erlaubte, noch einen zweiten Holzsessel herein. Vor dem Tisch zwischen den Fenstern stellte er ihn ab.

»Wie befohlen«, hörte Carl. Verwundert blickte er über die Schulter. Mit einem Kopfnicken gab der gedrungene Aufseher dem Untersuchungsrichter und einem fremden Herrn den Weg frei. Leise schloß er die Tür.

»Heute bringe ich einen Gast«, begrüßte der Justizrat den Kranken; das Leichte in seiner Stimme klang spröde.

Einen Augenblick zögerte Carl, dann erkannte er den evangelischen Hofprediger Katz wieder, der ruhig und ernst vor seinem Bett stand. »Wie versprochen, habe ich Ihnen ein Neues Testament mitgebracht.« Leise Worte, zu mild, zu mitfühlend.

Das Herz schlug. »Warum heute?« Angstvoll sah Carl von der Bibel hinauf ins Gesicht des Pfarrers. Der Hofprediger schwieg. »Warum?« Sein Blick floh zum Untersuchungsrichter.

»Morgen, Carl. Morgen kommt der Professor.«

Hart pulste das Blut in der schmerzenden Brust. »Aber es ist nur eine Operation«, flüsterte Carl. »Nicht der Tod.« Er keuchte flach und schnell, preßte die rechte Faust gegen die Stirn. Endlich hatte er den Atem zur Ruhe gezwungen. »Ich danke Ihnen für die Fürsorge, meine Herren. Gott ist an meiner Seite. Ich benötige keinen Beistand.«

Wortlos wandte sich Pfarrer Katz an den Gerichtsrat. Dessen Lider senkten sich halb über die vorgewölbten Augen. Ein stilles Zeichen.

In großer Ruhe öffnete der Hofprediger die Schrift. »Auch ich lese gern im Buch des Apostel Johannes. Welche Stelle ist Ihnen die wichtigste?«

Wie zwei Augen. Carl sah an den Männern vorbei zu den Fenstern. Gottes helle Augen wachen über mich. »Wenn Christus von der Angst spricht.«

Pfarrer Katz blätterte lange.

Unverwandt hielt Carl das Licht fest. »Kapitel 16. Es steht im Vers 33.«

Die Bibel über dem linken Unterarm aufgeschlagen, bat der Hofprediger: »Jeder von uns benötigt Trost. Hören Sie das Wort, Carl Sand. Vielleicht gibt es Ihnen Kraft für den schweren Tag.«

Seine weiche Stimme drohte den Schutz zu durchbrechen. Carl lehnte sich auf, hastig befeuchtete er die fiebrigen Lippen. Sei stark! Erweise dich deiner Tat würdig. Was mir auch widerfährt, niemand soll mich schwach sehen. Mein Geist unterliegt dem Körper nicht, nein, er siegt. »Sie sind sehr freundlich.« Laut und krächzend. Carl war gewappnet.

»Durch dieses Wort schenkt Christus den Jüngern Zuversicht.« Betont schlicht, ohne seelsorgerlichen Aufwand las der Hofprediger: »›Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habet. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.‹«

Fest ballte Carl die gesunde Faust und grub die Zähne in die Knöchel. Langsam bewegte er den Oberkörper aus der Seitenlage; der Schmerz brüllte in ihm, überschrie die warme Rührung. Weiter drehen! Fast berührte die rechte Schulter das Kissen. Der Klumpen in seiner Brust stockte den Atem, lähmte. Weiter! Carl übte die Grenze, ließ nicht nach.

Entsetzt stürzte der Untersuchungsrichter vor und wälzte den Oberkörper behutsam zurück. »Willst du dich umbringen, Junge?«

Carl röchelte, kämpfte um Luft, schaumiger Blutspeichel rann ihm aus dem Mund. Endlich lag er still. Sieg! »Sie sehen. Ich ertrage jeden Schmerz. Ich habe keine Angst vor morgen.« Er mühte sich, laut und fest zu sprechen. »Bitte, verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer. Kein Gespräch.« Den Untersuchungsrichter bat er: »Ein Verhör. Nur Fragen. Ich werde meine Antwort diktieren wie bisher.«

»Gut.« Der beleibte Mann rückte dicht ans Bett. »Wenn es leichter ist. Sehr gut.« Kurz schnippte er seinen Beamten. Sie drehten die Bleistiftspitzen in der Zunge und waren bereit.

»Wann faßten Sie den Entschluß, Theologe zu werden?«

»Noch auf dem Gymnasium. Mein Lehrer hat mich bestärkt.«

»Sein Name?«

»Saalfrank.« Erst jetzt stockte Carl. Hatte er zu schnell diesen Namen bekannt? Nein. Saalfrank droht keine Gefahr. Zwischen dem Rektor und Ihm, dessen Namen Carl hütete, gab es keine Verbindung. Von dem geliebten Schullehrer darf ich berichten.

»Die französischen Besatzer hatten das Lyzeum in Hof 1812 geschlossen. Im folgenden Frühjahr wurde Saalfrank als Professor ans Gymnasium nach Regensburg berufen. Ich durfte mit ihm ziehen und lebte in seinem Haus.«

Der Schüler saß in der Studierstube seines Lehrers. »Es ist unser gemeinsamer Beschluß, lieber Carl.« Ernst dreht Saalfrank den Schaft der Schreibfeder zwischen den Fingern. »Du bist für die höhere Wissenschaft bestimmt, für die solide Gelehrsamkeit. Ein zukünftiger Lehrer der Menschen sitzt vor mir.«

In stillem Stolz faltet Carl die Hände.

»Wenn du genügend an dir arbeitest, wirst du später erwachsene Jünglinge unterrichten wie ich. Besser noch. Vertiefe dich in das Studium der Theologie. Ich bin ganz sicher, deine Predigerstelle wird nicht in einem kleinen Dorf sein, sondern …« Rasch verläßt er seinen Platz, zieht den Achtzehnjährigen zum Fenster und zeigt ihm das winterliche Regensburg. »In solch einer großen Stadt wirst du, im Geist der Reformation, Gottes Wort verkünden.«

Mit dem Blick folgt Carl dem weiten Bogenstrich der Schreibfeder, und seine Augen strahlen.

Kreisend fuhr Carl mit dem Finger über den unförmig verdickten Handballen der linken Hand. »Seit diesem Tag halte ich an dem Vorsatz fest, mich selbst dem Herrn zu weihen.«

Nachdenklich trocknete sich der Untersuchungsrichter den Nacken. Pfarrer Katz beugte sich vor.

Ohne die nächste Frage abzuwarten, verkündete Carl: »Wenn der Mensch das Göttliche in sich sucht. Wenn der Mensch das Schlechte haßt und bekämpft.« Laut keuchte er die Sätze. »Wenn der Mensch also das Gute mit allen Kräften übt. Dann stellt der Mensch Gottes Ebenbild auf Erden dar!«

Geschwächt schloß Carl die Augen, sammelte neue Kraft.

»Du sollst nicht töten!« fuhr der Hofprediger auf. Sofort bat ihn der beleibte Mann durch ein Handzeichen zu schweigen.

»Was ist mit den Vorschriften des göttlichen Wortes, Sand?« Leise, eindringlich setzte er das Verhör fort.

Carl drückte den gestreckten Zeigefinger tief in die wunde linke Handfläche, ließ ihn so. Für einen Gedankenblick eilte er zurück.

Jena. Auf Umwegen gelangte Carl zum geheimen Treffen. Im dichtgedrängten Halbkreis sitzen er und die Freunde vor Ihm, dem mitreißenden, alle Wissenschaftler der Universität überragenden Professor. Begeistert folgen die Auserwählten Seinen unbestechlich klaren Thesen: Deutschland, eine unteilbare Republik! Eine einzige christlich-deutsche Kirche! Bis das Ziel erreicht ist, führt jeder einzelne seinen eigenen Krieg gegen die verrottete Monarchie und ihre Vasallen. Was der einzelne für wahr erkennt, muß er verwirklichen bis hin zum Mord, unbedingt und ohne Rücksicht. »Sei bereit, den Opfertod zu erleiden. Ein Christus kannst du werden!« Und leise singen die Studenten mit Ihm, dem Vater ihres neu geschärften Denkens, das Bundeslied, das Er ihnen schenkte. Carl ist stolz, zu Seinen Unbedingten zu gehören.

Gestärkt minderte Carl den Druck des Zeigefingers. »Es ist also folgerichtig.« Sein Flüstern drang nicht mehr bis zu den Gerichtsschreibern. Leise näherte sich einer der Beamten. Der Kranke atmete flach. »Ist der gute Mensch, kraft seiner eigenen Anstrengung, Gottes Ebenbild. So sind die göttlichen Gesetze nicht positiv gebietend. Sie bedeuten für ihn lediglich eine beratende Vorschrift. Wenn ich die Wahrheit erkannt habe. Wenn ich vor Gott sagen kann: ›Das ist wahr‹, so ist es die Wahrheit. Also muß ich danach handeln.«

Der Gerichtsrat lehnte sich zurück, den angewinkelten Arm auf der Holzlehne, stützte er das Kinn. »Und Kotzebue? Gibt es eine Rechtfertigung vor Gott für diesen Mord?«

»Wer versucht, das Göttliche in mir zu unterdrücken. Der hat Mord und Totschlag dreifach verdient.«

»Junge, bereust du die Tat denn nicht?« Heftig blies der beleibte Mann die Unterlippe, unterdrückte seine Erregung. »Carl Ludwig Sand. Ihnen wird zur Last gelegt, die göttlichen und menschlichen Gesetze verletzt zu haben.«

Lange antwortete Carl nicht. Schließlich griff er ins Haar, rieb eine Strähne zwischen den Fingern. »Täglich bitte ich Gott um Erleuchtung. Wenn ich durch göttliche Eingebung erkenne, daß meine Tat Unrecht gewesen ist. So werde ich sie bereuen.« Weit öffnete er die Augen, fast bedauernd ergänzte er. »Bisher ist dies noch nicht geschehen.«

Der Gerichtsrat schob den Sessel zurück. »Für heute genug.« Schwerfällig ging er zu einem der Fenster. Auch der Hofprediger erhob sich. Wortlos blickten die beiden Männer hinaus.

Sie verdunkeln mein Licht. Lauter schlug das Herz. Die Angst kehrte zurück. »Was ist vor meinen Fenstern?«

»Der Zuchthausgarten«, antwortete der Untersuchungsrichter; »Osterglocken blühen«, der Hofprediger.

»Das ist schön. Ich liebe Blumen.«

Der beleibte Mann entließ die Schreiber, geleitete Pfarrer Katz bis zur Tür und kehrte noch einmal um. »Carl, bedenken Sie, nach Abschluß des Verhörs werden Richter über Sie urteilen. Sie haben in die Operation eingewilligt. Werden Sie auch morgen zu Ihrem Wort stehen?«

Fest nickte der Schwerkranke. »Noch nie habe ich mein Wort gebrochen.«

Kaum war der Untersuchungsrichter gegangen, als Carl beschämt die Augen verdeckte.

Am 23. Dezember 1813 hatte der Polizeidirektor von Regensburg alle Gymnasiasten auf das Rathaus befohlen. Carl steht mit den Kameraden in der ersten Reihe.

»Junge Männer. Tapfere Bayern! Deutschland erhebt sich gegen den französischen Erzfeind. Auch Bayern steht fest zu den Verbündeten. Im Oktober brachte die große Völkerschlacht bei Leipzig die entscheidende Wendung. Kopflos fliehen die Franzosen vor unseren Heeren. Auf zur Hasenjagd, Ihr jungen Männer! Wir haben nicht umsonst exerziert. Jeder von Euch weiß eine gute Klinge zu führen. Jetzt beweist es! Erst wenn Paris eingenommen ist, haben wir das Ziel erreicht. Meldet Euch. Kämpft mit, Seite an Seite, für die endgültige Befreiung des Vaterlandes. Wer ist der erste?«

»Ich!« Carl tritt vor. »Wenn das Vaterland winkt, so befiehlt es mir die Ehre und die Pflicht!«

Am Abend schüttelt Professor Saalfrank den jungen Mann heftig an den Schultern. »Du willst Lehrer der Menschen werden, Carl. Deine Mutter und ich glauben, daß du so dem Vaterland nützlicher sein kannst. Sollen meine Mühe und die Opfer deiner Eltern auf einem Blutfeld enden?«

In seinem Zimmer verbirgt der Achtzehnjährige das Gesicht in den Händen. Später steht er mit hängenden Schultern vor seinem Tagebuch, sagt es sich immer wieder: »Der Freund und die Mutter hielten mich ab.« Er reckt das Kinn: »Sonst hätte ich gekämpft.«

»Wird schon, Sand. Die Ärzte verstehn’s.«

Erschreckt nahm Carl die Hand von den Augen. Der Oberzuchtmeister! Seit wann steht er am Bett? Wie lange sieht er mir zu? Nein, ich schäme mich nicht. »Ich denke an morgen«, entschuldigte sich Carl und hüstelte schwach.

»Wird schon, Sand.« Gleichmütig ging Valentin Kloster zum Ofen, legte Holz nach und verriegelte das Feuer für die Nacht. »Morgen früh heizen wir richtig. Gut warm soll es sein für die Operation, steht auf der Anordnung vom Gericht.« Aus dem Hosensack nahm er eine Stielglocke, rückte den Lehnsessel dicht ans Bett und stellte sie ab. »Wenn was ist. Läuten. Die beiden Kerle schlafen draußen vor der Tür.« Offen betrachtete er seinen Gefangenen, und Zweifel wuchs in dem verknitterten Gesicht. »Hab’ schon viele Mörder gesehen, aber …« Kloster ließ es dabei. »Gute Nacht, Sand«, und er schraubte die Flamme der Lampe niedriger.

Die Kehle wurde ihm eng; Carl sagte nur mit den Lippen: »Ich bin kein Mörder.«

Er war allein. In beiden nachtdunklen Fenstern spiegelte sich das kleine Licht. »Es ist so schwach.« Hilflosigkeit bedrohte ihn. Mühsam faltete Carl die Finger der rechten Hand in seine verquollene Linke. Körner, du lagst verwundet im dichten Gehölz, auch du glaubtest zu sterben. Die Wunde brennt; – die bleichen Lippen beben. / Ich fühl’s an meines Herzens matterm Schlage, / Hier steh ich an der Marken meiner Tage – / Gott, wie du willst! Dir hab’ ich mich ergeben.

Im Ofen zerplatzte und krachte das Holz. Legte Oberzuchtmeister Kloster ein Scheit nach, kam das Lodern bedrohlich nah. Klappte die Eisentür, war das Hecheln der Flammen weiter entfernt.

Ein Höllenkrater. Der Wind treibt mich an den Rand, treibt mich wieder fort. Carl öffnete und schloß die rechte Hand. »Welcher Tag ist heute?« fragte er zum dritten Mal.

»Donnerstag. Der 8., im April«, antwortete Valentin Kloster geduldig und zum dritten Mal.

»Wann?«

»Gegen Mittag.«

Auf Knien rutschten die beiden Wärter rückwärts von den Fenstern zur Tür, im gleichen Rhythmus klatschten sie die nassen Lappen auf die Holzdielen. Ihre Fußketten klirrten.

»Wie spät ist es?«

»Bald ist Mittag.«

Unter Aufsicht der beiden Ärzte wurde der Tisch ans Fußende des Bettes gerückt, ein Leinentuch aufgelegt. Doktor Beyerle und der Stadtphysikus öffneten die Lederkoffer. Geübt entnahmen sie Bestecke und Instrumente. Auf der weißen Decke ordneten sie Lanzetten, Scheren, Skalpelle, Gefäßabbinder, Zangen, legten sorgfältig die verschieden geschärften Bistouris mit den spitzigen oder vorn abgestumpften, geraden oder gekrümmten schmalen Klingen nebeneinander. Sie überprüften Arznei und Verbandszeug. Die heiße Luft stand im Raum, vom Holzbrand bläulich, stickig.

Endlich. Im frühen Nachmittag wurde die Tür aufgerissen. Der Oberzuchtmeister führte Professor Chelius ins Krankenzimmer.

»Meine Herren, verzeihen Sie. Nach den allmorgendlichen Vorlesungen wurde ich in der Klinik noch über Gebühr aufgehalten.« Chelius rümpfte die Nase, mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum, weit öffnete er beide Fenster, bis sich der beißende Rauch verzogen hatte. »Zu intensiver Ofenqualm wird den Patienten töten«, erklärte er dem Aufseher, leise, ohne Vorwurf. »Guter Mann, kein Holz mehr nachlegen. Bringen Sie mir ein Glutbecken. Das gibt uns saubere, trockene Wärme.«

Der schlanke Professor legte den Gehrock ab, faltete ihn sorgsam über die Lehne des Holzsessels, wechselte einige Worte mit den Ärzten, war mit der Anordnung der Instrumente einverstanden. Endlich wandte er sich lächelnd dem Patienten zu. »Haben Sie geschlafen in der vergangenen Nacht?«

Kopfschütteln. Carl streifte nur den Blick des Chirurgen und senkte die Augen.

»Es wird schnell gehen, das verspreche ich.« Chelius rückte den Sessel näher, setzte sich so, daß Carl beim Aufschauen sein Gesicht sehen mußte. »Nachher müssen wir Sie fest anbinden.«

»Keine Fesseln.« Keuchen. »Nie mehr Fesseln.«

»Das erfordert Mut, Sand. Fühlen Sie sich so stark, daß Sie den Eingriff ohne heftige Bewegung aushalten?«

Kopfnicken.

»Als Militärarzt habe ich viele Verwundete operiert. Selbst starke, an Schmerz gewohnte Männer ließen sich fesseln. Sand, bedenken Sie: Zum ersten Schmerz wird der Schreck hinzukommen. Und zu keiner Zeit dürfen Sie sich wegdrehen, den Arm oder gar den Oberkörper bewegen. Kein Aufbäumen, gar nichts. Trauen Sie sich diese Disziplin zu?«

Hastig flüsterte Carl: »Ich fürchte mich nicht.«

Lange betrachtete Chelius den Kranken. »Sie sind jung und trotz der Verletzung noch kräftig genug, um diese Operation zu überstehen. Sie wird Ihnen Erleichterung bringen.« Eine steile Falte wuchs zwischen den nach oben feingeschwungenen Brauen. »Sand, ich führe das Messer, um Ihr Leben zu erhalten. Sie aber, Sie bestimmen den Tod. Ein einziger tiefer Atemzug, wenn die Brust geöffnet ist, und Sie werden sterben. Eine einzige heftige Bewegung, und Sie werden sterben.«

Der Professor zeigte ihm den Krankenbericht. »Täglich wurde von meinen Kollegen über Ihren Zustand genau Buch geführt. Bis Sie wieder völlig genesen sind, werden noch etliche Bögen vonnöten sein. Aber dieser Bericht kann, wenn Sie mitarbeiten, gut beendet werden.«

Oberzuchtmeister Kloster kehrte mit einem hochbeinigen, eisernen Dreifuß ins Zimmer zurück, ihm folgten die Wärter. An Haken trugen sie das glühende Kohlebecken. Chelius wies auf einen Platz in der Nähe des Bettes, bedankte sich und entließ den Aufseher und seine Männer.

»Sand, führen Sie Tagebuch?«

Ein Verhör! Erschreckt hüstelte Carl. Warum jetzt noch?

Chelius wartete still. Und seine Ruhe löste das Mißtrauen. Mit einem Mal fühlte sich Carl zu dem vornehmen, ruhigen Mann hingezogen.

»Ja. Nicht jeden Tag.« Er atmete sicherer. »Bis ich mich auf meinen Weg machte, ja.«

Der junge Professor nickte ernst. »Auch ich schreibe, gebe mir Rechenschaft über jede meiner Operationen. Heute abend will ich den Erfolg dieses Tages notieren können. Vertrauen Sie mir.« Leicht drückte Maximilian Joseph Chelius die Fingerkuppen beider Hände aneinander. »Sind Sie bereit?«

Carl bemühte sich zu lächeln. »Mit Gottes Hilfe.«

Entschlossen erhob sich der Professor und trat zu den Ärzten an den Tisch. Er schob die Ärmel seines Hemdes bis über die Ellbogen zurück. »Wir beginnen. Sie haben sich mit allem vertraut gemacht?« Beide nickten.

»Ich danke Ihnen. Jeden Schritt der Operation werde ich deutlich ansagen. Sie, Doktor Beyerle, reichen mir die Instrumente. Sie, Herr Kollege vom Stadtphysikat, sind verantwortlich für Schalen, Arznei und Verband.«

Er kehrte zum Bett zurück. Noch einmal blickte er den Patienten an. Beide Augenpaare ruhten fest ineinander. Carl wich nicht mehr aus.

»Bereiten Sie jetzt den Oberkörper vor, meine Herren.« Während die Ärzte das Hemd auszogen, den Verband abnahmen, erklärte Chelius dem Patienten knapp: »Wir werden Sie dicht zum Bettrand drehen, so daß die kranke Seite oben liegt. Sie werden glauben, daß Sie ersticken. Wappnen Sie sich, atmen Sie flach und wenig.«

Die Ärzte wälzten Carl in den Schmerz. Sein linker Arm wurde über dem Brustkorb nach vorn gezogen, angewinkelt hing er halb aus dem Bett.

Die Finger des Professors fühlten nach den Rippen, zählten sie von oben ab. Unterhalb der linken Achsel, in der Mitte zwischen Brustbein und Wirbelsäule, markierte Chelius mit Tinte einen Kreis.

»Das kurze Messer.«

Doktor Beyerle legte es in die ausgestreckte Hand.

»Zwischen der fünften und sechsten bis zur siebten und achten Rippe werde ich jetzt einen Einschnitt durch die Haut vornehmen.«

Glut versengte den Schutz. Carl stöhnte, würgte den Atem, bewegte sich nicht.

Ruhig verlangte der Chirurg das Skalpell. »Mit nach innen abnehmenden Schnitten werde ich jetzt die Muskeln durchtrennen.« Sachlich war die Stimme. »So werde ich kegelförmig bis auf das Brustfell eindringen.«

Laß es geschehen. Laß es geschehen. Verzweifelt flohen seine Gedanken, irrten, suchten nach irgendeinem Halt. Tagebuch. Mein Regensburger Tagebuch! Ja, diesen Kelch, nimm ihn, jetzt. Reinige dich von den Flecken. Sie verschmutzten deine Tugend. Sie verdarben dein Gemüt. Trägheit! Unkeusche Lust! Buchstaben wuchsen zu Worten, wurden grell, wucherten weiter.

Der erste Schnitt fuhr in seine Brust. Carl riß den Mund auf, erstickte den Schrei, quälend blieb der Schmerz und verlangsamte alle Zeit.

Wie Tafeln standen die Seiten des Tagebuchs, nur noch befleckt vom Üblen, vom Lasterhaften, sonst waren alle Zeilen gelöscht. Nichts sonst, nur diese Sätze waren zu erkennen. »Es ist meine Schrift«, gestand Carl. Und beschämt, mit stockender Stimme verlas er selbst die Anklage.

»4. November 1813. Ich übernahm die Instruktion des kleinen Mädchens, Julia, bei Herrn Kaufmann Mirus. Nun aber begann der Kampf für meine Reinheit, und ich würde nach so vielen Berührungen und Angriffen unterlegen sein, wenn Du mich nicht, o gütiger Gott, gestärkt …«

Ein neuer Schnitt. Scharf, schreiend.

»6. Dezember. Heute konnte ich nicht mit mir zufrieden sein, denn ich stand, wider meines Vorsatzes, erst um 7 Uhr morgens auf.«

Schneller klagte Carl sich an.

»7. Dezember. Ein Tag der Unzufriedenheit mit mir selbst! Ich stand spät auf.

11. Dezember. Des Prahlens wegen sagte ich eine Unwahrheit.

18. Dezember. Heute besiegte mich der törichte Gedanke, daß ich nicht für die Schule zu arbeiten hätte, und ich stand spät auf …«

Ein Schnitt. Tiefer in die Brust. Gemartert schrie Carl, sein Kopf zuckte hoch, schlug zurück, fuhr auf. Nicht nachgeben! Mit Gewalt preßte Carl den Kopf zurück ins Kissen.

Weiche nicht aus, lies weiter!

»25. Dezember. Weihnachtsfeiertag. Heute besuchte ich die Kirche. Der Kampf und die aufgelöste Heiterkeit und Unruhe des Gemütes dauerten fort. Ich hatte einige Anfälle von Geilheit, die ich glücklich dämpfte …«

Ein Schnitt. Carl röchelte, kämpfte verzweifelt gegen die Angst. Steige weiter. Es ist Deine Treppe, die Stufen sind Deine Klingen.

»27. Dezember. Ich arbeitete fleißig und ließ mir am Abend Blutegel auf den Fuß aufsetzen. Ein Flecken im Gemüt!

3. Januar 1814. Der übrige Tag ging zwar glücklich, aber mit dem bewandten Flecken im Gefühl, der leider oft und sehr stark wütete, vorüber.

21. Januar. Heute kann ich nicht mit mir zufrieden sein. Ich stand erst um 7 Uhr auf; war deshalb matt, stumpf, dumpfig, launig, langsam und faul …«

Tiefer drang der nächste Schnitt. Ertrage es! Dein Körper wird aufgefurcht. Das Schlechte, das Faulige muß herausgeschnitten werden. Gestehe!

»22. Januar. Am Mittag bei Kaufmann Mirus war es, wo mich zum 5. Male jene verderbliche Seuche ergriff. O gütiger Vater! Allmählich, im geheimen sinken wir und sinken immer tiefer. Ach, heute habe ich es mir wieder zum Gesetz gemacht, immer unter und vor den Leuten mich aufzuhalten, bei solchen schrecklichen Gefahren schnell die Einsamkeit zu fliehen und in die freie Natur zu eilen und dadurch Herr über meine Leidenschaften zu werden. Es verfolgten mich am Nachmittage mit Recht die Furien. Ich befürchte, daß das Übel immer ärger und ich immer schwächer werde. Ich mußte mich als Schänder von der Tugend kennenlernen.«

»Noch ein letzter Schnitt.« Von fern, durch das Toben der Schmerzen hörte Carl die Stimme. Nein, ich will nicht unterliegen!

»23. Januar. Morgens. O lasse mich, gütiger Gott, heute männlich und unwankbar für die Tugend kämpfen und nicht sinken.

Abends. Gottlob ein Tag, der Kampf forderte, aber glücklich bestanden wurde. Und wie sehr viel Freude wurde mir dadurch nicht zuteil?«

Mein Körper ist eine Wunde. Carl röchelte.

Professor Chelius reichte Doktor Beyerle das Skalpell zurück. »Am Grund des Kegels liegt die Pleura jetzt gut einen Zoll weit bloß.« Den Stadtphysikus bat er, dem Patienten den Schweiß von Stirn und Augen zu wischen. »Sand, ich führe jetzt den Finger in die Wunde und betaste das Brustfell. Halten Sie den Atem an.«

Carl gehorchte.

»Gut.« Chelius blickte zu den Ärzten auf. »Die Schwappung ist deutlich zu fühlen.« Er streckte die Hand. »Das spitze Bistouri.« Sofort reichte ihm Doktor Beyerle das schmale Operationsmesser. »Sand, kein tiefer Atemzug, keine Schreie mehr!« warnte er. »Ich steche jetzt die Pleura an.«

Ein Christus sollst du werden. O Herr, du am Kreuz! ›… sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer …‹ Carl atmete flach, hechelte.

»Knopfbistouri.« Ein Befehl. »Ich erweitere die Öffnung.«

Carl schlug die Zähne aufeinander. ›… und alsbald ging Blut und Wasser heraus …‹ Wimmerndes Flehen: Durch, Brüder! Durch! / Mut! Mut! – Was ich so treu im Herzen trage, / das muß ja doch dort ewig mit mir leben.

Scharfer Geruch erfüllte das Krankenzimmer.

»Schale.« Schnell bewegte sich der Stadtphysikus zwischen Tisch und Bett.

»Meine Herren, neigen Sie jetzt den Oberkörper über die verletzte Seite, damit sich die Flüssigkeit entleert.«

Sie stützten Carl hoch, drehten ihn, bis die Öffnung der Brust leicht nach unten zeigte. Der faulige Gestank nahm zu.

Alles Übel sickert aus mir heraus. In seiner Brust löste sich der Klumpen, wurde weniger. Das Zimmer sank vor seinen Augen.

»Bleiben Sie wach, Sand!« rief ihn der Professor zurück. »Flach atmen«, erinnerte er den Patienten scharf, »Nicht husten.«

»Die Pumpe? Damit der Ausfluß gefördert wird?« Der Stadtphysikus drängte.

»Davon ist abzuraten, Herr Kollege.« Mit sanfter Nachsicht erläuterte Chelius. »Die neuen Erkenntnisse in der Chirurgie besagen, daß Abpumpen sowie Einspritzungen, um das Cavum Pleurae zu spülen, nur schaden. Die Ansammlung der Flüssigkeit muß langsam abfließen und darf sich nicht ganz entleeren, damit die Lunge in ihrer Ausdehnung nicht gefährdet wird.«

Professor Chelius roch an der Schale. »Das verdorbene Blut war bedenklich lange in der Brusthöhle.« Er hob die beschmierte Hand. »Es ist genug. Legen Sie den Patienten wieder auf die gesunde Seite.«

Während Carl zurückgedreht wurde, dozierte der junge Professor leicht und gewinnend weiter: »Bedenken Sie: Das übergroße Extravasat hat die Lunge mehr als 14 Tage lang zusammengedrückt. Gut eineinhalb Liter sind jetzt bereits abgeflossen. Diesen Hohlraum kann die Lunge nicht mehr ganz ausfüllen. Eindringende Luft wird die Wandung des Cavum Pleurae in den nächsten Tagen entzünden und kann leicht zum Tod führen. Doch übersteht der Patient diese bedrohliche Periode, so bildet sich reichlich Eiter auf dem Brustfell. Damit beständig weitere Flüssigkeit abfließen kann, müssen wir Sorge tragen, daß sich die Öffnung der Höhle nicht schließt.« Lächelnd reichte er dem Amtsarzt das fast gefüllte Gefäß. »Für den Verband zunächst ein halbausgefranstes, öliges Läppchen, Herr Kollege.«

Mit gepreßten Lippen gehorchte der Stadtphysikus.

»Ich lege es zwischen die Wundränder des Brustfells, ohne daß es in die Höhle hineinhängt.« Stechender Schmerz riß Carl wieder aus der Benommenheit.

»Heftpflaster. Ich befestige die Enden des Lappens außerhalb der Wunde.« Geschickt arbeiteten die schmalen, sehnigen Hände.

»Das gefensterte Pflaster.«

»Charpie.« Er wattierte es um die Wunde und bedeckte sie mit einer Kompresse.

Doktor Beyerle hielt den kraftlosen Oberkörper, sorgfältig wickelte der Professor den Verband und brachte ihn quer über der rechten Schulter zu einem festen Sitz.

»Von nun an muß der Patient leicht zur kranken Seite geneigt auf dem Rücken liegen. So können Reste des fauligen Blutes und später auch der frische Eiter hinaussickern.« Chelius erhob sich, wusch seine Hände in der Wasserschüssel; während er sie trocknete, kehrte er zum Krankenbett zurück. »Sie haben Ihr Wort gehalten, Sand.«

Carl zischte den Atem durch die zusammengepreßten Zähne. Kaum gelang es ihm, den Mund zu öffnen. »Danke.« Mit letzter Kraft hob er die schweren Lider, fand die Augen des Chirurgen. »Verzeiht … Wenn meine Schreie … Daß ich Sie gestört … Verzeiht.«

»Sie sind ein starker Mann. Das werde ich heute abend in meinem Operationsbericht vermerken.«

Ich bin ein starker Mann. Durstig trank Carl diesen Satz und senkte den Blick.

»Beobachten Sie ihn«, ordnete Chelius an und streifte die Ärmel seines Hemdes zu den Handgelenken. »Auch wenn er schläft, muß Hilfe in der Nähe sein. Nach zwölf Stunden darf der Verband zum ersten Mal gewechselt werden. Morgen sehe ich noch einmal nach dem Patienten.«

Tilman Röhrig

Über Tilman Röhrig

Biografie

Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Der ausgebildete Schauspieler ist seit über vier Jahrzehnten als freier Schriftsteller tätig. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk...

Pressestimmen

Norddeutscher Rundfunk

Ein gelungenes historisch-politisches Lehrstück und dabei auch noch spannend wie ein Krimi.

Berliner Morgenpost

Spannender Geschichtsroman.

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