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Die letzte SureDie letzte Sure

Die letzte Sure

Roman

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Die letzte Sure — Inhalt

Als Nouf, die jüngste Tochter einer angesehenen Familie aus Dschidda, spurlos verschwindet, bittet ihr Bruder Othman seinen besten Freund, den Wüstenführer Nayir, um Hilfe. Das Mädchen wurde offensichtlich in einem Wadi umgebracht. Nayir, der lange unter Beduinen gelebt hat, versucht dem rätselhaften Verbrechen auf die Spur zu kommen. Dabei stößt er auf eine Mauer des Schweigens und an die Grenzen der Gesetze und Traditionen der arabischen Gesellschaft. Mehr noch: In der Begegnung mit der fortschrittlichen Pathologin Katya, die ihm bei den Ermittlungen hilft, wird er sich der Enge seines Glaubens und seiner bisher verdrängten Sehnsüchte bewusst.

Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Matthias Müller
400 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30484-9
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzer: Matthias Müller
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96459-3

Leseprobe zu »Die letzte Sure«

1

Bevor die Sonne an jenem Abend unterging, füllte Nayir seine Wasserflasche, nahm den Gebetsteppich unter den Arm und stieg die gen Süden gelegene Düne unweit des Lagers hinauf. Aus einem der Zelte hinter ihm erscholl lautes Gelächter, und er vermutete, dass seine Männer Karten spielten, wahrscheinlich Tarnip, und den Siddiqi herumgehen ließen. Jahrelanges Reisen durch die Wüste hatte ihn gelehrt, dass man niemanden davon abhalten konnte zu tun, was er wollte. Hier draußen gab es kein Gesetz, und wenn den Männern nach Alkohol zumute war, dann tranken [...]

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1

Bevor die Sonne an jenem Abend unterging, füllte Nayir seine Wasserflasche, nahm den Gebetsteppich unter den Arm und stieg die gen Süden gelegene Düne unweit des Lagers hinauf. Aus einem der Zelte hinter ihm erscholl lautes Gelächter, und er vermutete, dass seine Männer Karten spielten, wahrscheinlich Tarnip, und den Siddiqi herumgehen ließen. Jahrelanges Reisen durch die Wüste hatte ihn gelehrt, dass man niemanden davon abhalten konnte zu tun, was er wollte. Hier draußen gab es kein Gesetz, und wenn den Männern nach Alkohol zumute war, dann tranken sie eben welchen. Nayir fand die Vorstellung widerwärtig, dass sie am Freitagmorgen, dem heiligen Tag, mit einem vom Schnaps ver­unreinigten Körper aufwachen würden. Aber er sagte nichts. Nach einer Woche ergebnislosen Suchens war ihm nicht danach, andere zurechtzuweisen.

Er erklomm die Düne in gemächlichem Tempo und pausierte erst, als er den Kamm erreicht hatte. Von hier aus hatte er einen weiten Blick über das Wüstental, verkarstet und flach, umgeben von niedrigen Dünen, die sich im goldenen Licht der untergehenden Sonne als Wellenlinie abzeichneten. Doch sein Auge wurde zu etwas hingezogen, das das friedliche Bild störte: ein halbes Dutzend Geier, die sich über den Kadaver eines Schakals hermach-
ten. Sie waren der Grund gewesen, warum sie hier Halt gemacht hatten – wieder eine falsche Fährte. Vor zwei Tagen hatten sie es aufgegeben, die Wüste abzusuchen, stattdessen waren sie dazu übergegangen, den Geiern zu folgen. Doch jede Ansammlung von ­Geiern führte sie nur zu einem verendeten Schakal oder einer toten Gazelle. Natürlich waren sie erleichtert, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie sie finden würden.

Er holte seinen Kompass hervor, suchte die Richtung nach Mekka und legte seinen Gebetsteppich aus. Er schraubte seine Wasserflasche auf und schnüffelte zur Sicherheit daran, eine automatische Geste. Das Wasser roch nach Blech. Er nahm einen Schluck und kniete dann schnell auf dem Sand nieder, um seine Waschungen zu verrichten, darauf bedacht, keinen Tropfen zu verschütten. Er rieb sich Arme, Hals und Hände ab, und als er fertig war, schraubte er die Wasserflasche wieder fest zu und genoss die kurze Erfrischung des Wassers auf seiner Haut.

Er erhob sich und begann zu beten, doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu Nouf. Aus Gründen des Anstandes versuchte er, sich nicht ihr Gesicht oder ihren Körper vorzustellen, doch je mehr er an sie dachte, desto lebendiger wurde sie. Vor ­seinem geistigen Auge schritt sie durch die Wüste, den Körper gegen den Wind gestemmt, während das schwarze Gewand gegen ihre sonnenverbrannten Knöchel peitschte. Allah verzeih mir, dass ich mir ihre Knöchel vorstelle, dachte er. Und dann: Wenigstens glaube ich, dass sie noch lebt.

Wenn er nicht betete, stellte er sich andere Dinge vor. Er sah sie knieend vor sich, wie sie sich Sand in den Mund schaufelte, im ­Irrglauben, es sei Wasser. Er sah sie ausgestreckt auf dem Rücken liegen, und das metallene Handy sengte ihr ein Brandmal in die Hand. Er sah die Schakale ihren Körper in Stücke reißen. Doch während des Gebets bemühte er sich, diese Ängste beiseitezuschieben und sich vorzustellen, dass sie noch um ihr Leben kämpfte. Heute Abend rang sein Geist verzweifelter als je zuvor darum, diesem scheinbar aussichtslosen Fall doch noch einen Funken Hoffnung einzuhauchen.

Nach dem Gebet fühlte er sich erschöpfter als zuvor. Er rollte den Teppich zusammen, setzte sich am äußersten Rand des Hügels in den Sand und blickte hinaus auf die Dünen. Der Wind nahm zu und streichelte den Wüstenboden, hob ein paar Sandkörner auf, um seine Eleganz besser zur Schau zu stellen, während die Erde ihre Haut mit einem Kräuseln abstreifte und die Flucht zu ergreifen schien. Die Gestalt der Dünen veränderte sich unablässig mit dem Wind. Mal erhoben sie sich zu Gipfeln, mal legten sie sich in schlierende Muster, wie Schlangenspuren. Die Beduinen hatten ihm beigebracht, die Formen zu deuten, um daraus praktische Folgen abzuleiten wie etwa die Wahrscheinlichkeit eines Sandsturms oder die Windrichtung am nächsten Tag. Einige Beduinen glaubten, dass die Formen auch prophetische Bedeutungen bargen. Im Moment bildete das Gelände, das ihm direkt gegenüberlag, eine Reihe von Sicheln, anmutige Halbmonde, die sich dem Horizont entgegenfächerten. Sicheln bedeuteten, dass Veränderung in der Luft lag.

Nayirs Gedanken wanderten zu dem Bild in seiner Tasche. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand hinter ihm den Hügel heraufkam, holte er das Foto hervor und gestattete sich das seltene Vergnügen, das Gesicht einer Frau zu betrachten.

Nouf ash-Shrawi stand in der Mitte des Bildes, ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht, und schnitt sich ein Stück Torte ab. Es war auf der Geburtstagsparty ihrer jüngeren Schwester. Sie hatte eine lange Nase, schwarze Augen und ein umwerfendes Lächeln. Es war schwer vorstellbar, dass sie kaum vier Wochen nach der Aufnahme fortgelaufen war – und dann auch noch in die Wüste – und alles hinter sich gelassen hatte: einen Verlobten, ein luxuriöses Leben, eine glückliche Familie. Auch die kleine fünfjährige Schwester hatte sie verlassen, die da auf dem Foto neben ihr stand und bewundernd zu ihr hochblickte. Warum?, fragte er sich. Nouf war erst sechzehn. Sie hatte noch das ganze Leben vor sich.

Und wo war sie hingegangen?

Als Othman anrief und ihm vom Verschwinden seiner Schwes­ter berichtete, war Nayir wie vor den Kopf gestoßen. Noch nie hatte er Othman so schwach erlebt. »Ich würde mein Blut hergeben«, hatte er gestammelt, »wenn das helfen würde, sie zu finden.« In dem langen Schweigen, das folgte, spürte Nayir, dass ­Othman weinte. Er hatte das Schlucken in der Stimme gehört. Othman hatte ihn noch nie um etwas gebeten. Nayir versprach, er wolle alles tun, um zu helfen.

Schon seit vielen Jahren hatte er die Männer der Familie Shrawi in die Wüste geführt. Dutzende Familien wie die Shrawis. Und sie waren alle gleich: reich und aufgeblasen, krampfhaft bemüht zu beweisen, dass sie ihr beduinisches Geburtsrecht nicht verloren hatten, auch wenn für die meisten von ihnen die dunklen Ölquellen des Landes immer eine größere Anziehungskraft haben würden als jede oberirdische Landschaft. Aber Othman war anders. Er war einer der wenigen, die die Wüste ebenso leidenschaftlich liebten wie Nayir, und er war klug genug, seine Abenteuer auch zu genießen. Er bestieg ein Kamel erst dann, wenn ihm jemand erklärt hatte, wie man wieder herunterkam. Er holte sich nie einen Sonnenbrand. Er verlor nie die Orientierung. Er und Nayir waren sich durch ihre gemeinsame Liebe für die Wüste nähergekommen, und es war eine unkomplizierte Freundschaft entstanden, die sich im Lauf der Jahre vertieft hatte.

Am Telefon war Othman derart verzweifelt, dass die Geschichte nur in verwirrenden Bruchstücken aus ihm herauskam. Seine Schwester sei verschwunden. Fortgelaufen. Vielleicht sei sie entführt worden. Weil die Familie wohlhabend war, sei es denkbar, dass jemand ein Lösegeld verlangte – aber Entführungen waren selten, und es war auch noch keine Lösegeldforderung eingegangen. Es war zwar erst ein Tag vergangen, aber das war lang genug. Nayir musste nachbohren, um zu erfahren, was eigentlich passiert war. Niemand wusste genau, seit wann sie weg war. Erst am Nachmittag hatten sie bemerkt, dass sie verschwunden war. Sie war zuletzt am Morgen gesehen worden, als sie ihrer Mutter sagte, sie wolle zum Einkaufszentrum, um ein Paar Schuhe umzutauschen. Doch im Laufe des Nachmittags entdeckte die Familie, dass noch mehr verschwunden war: ein Pick-up und der neue schwarze Umhang, den sie für ihre Hochzeitsreise gekauft hatte. Als dann im Stall auch noch ein Kamel fehlte, waren sie überzeugt, dass sie in die Wüste wollte.

Ihr Verschwinden überraschte alle. »Sie war doch glücklich«, sagte Othman. »Sie stand kurz vor der Hochzeit.«

»Vielleicht ist sie nervös geworden?«, fragte Nayir behutsam.

»Nein, sie wollte diese Ehe.«

Falls zu der Geschichte noch mehr zu sagen war, behielt Othman es für sich.

Den nächsten Tag verbrachte Nayir damit, Vorbereitungen zu treffen. Er lehnte die fürstliche Bezahlung ab, die ihm die Familie anbot, und nahm nur so viel an, wie er benötigte. Er mietete zweiundfünfzig Kamele, kontaktierte jeden wüstenerfahrenen Mann, den er kannte, und rief sogar beim Innenministerium an, Ab­teilung Spezialdienste, um anzufragen, ob sie sich mit ihrem ­Mi­litärsatelliten an der Suche beteiligen würden, aber ihre Beobachtungsgeräte waren anderen Aufgaben vorbehalten. Gleichwohl ­gelang es ihm, ein Such- und Rettungsteam zusammenzustellen, das aus dreiundvierzig Männern bestand und einer Einheit von Teilzeit­beduinen, die es nicht für nötig hielten, auch nur einen Blick auf Noufs Foto zu werfen, da es ihrer Ansicht nach nur eine Sorte Frau gab, für die es eine gewisse Verbesserung gegenüber ihrem Alltagsleben darstellte, sich in der größten Sandwüste der Welt zu verirren. Die Männer entwickelten die Theorie, Nouf sei mit einem amerikanischen Geliebten davongelaufen, um ihre ­arrangierte Ehe nicht eingehen zu müssen. Es war schwer zu sa­gen, wieso alle das glaubten. Es hatte einige Fälle gegeben, wo sich ein reiches saudisches Mädchen in einen Amerikaner verliebt hatte, und sie waren so schockierend gewesen, dass sie sich in der kollektiven Erinnerung festgesetzt hatten. Aber es geschah nicht so oft, wie man gemeinhin annahm, und soweit Nayir wusste, war noch nie ein saudisches Mädchen in die Wüste geflohen. Trotzdem, die meisten Männer seines Trupps glaubten, dass Noufs Verschwinden etwas mit einem heimlichen Geliebten zu tun hatte.

Die Shrawis baten Nayir, seine Suche auf eine bestimmte ­Region der Wüste zu konzentrieren, auf den Umkreis von As-­Sulayyil. Sie postierten weitere Suchtrupps im Norden und Nordwesten und einen im Südwesten. Er brauchte mehr Freiheit, seine Suchaktionen nach eigenem Gutdünken ausweiten zu können, aber so wie die Dinge standen, wurde er von Fremden behindert, die sich kaum die Mühe machten, mit ihm zu kommunizieren. Also ignorierte er die Anweisungen. Er tat es nicht gerne, doch wenn Nouf noch da draußen war, dann verringerten sich ihre Überlebenschancen mit jeder Stunde Tageslicht. Das war jetzt nicht der richtige Moment, um auf Vorschriften zu achten, so als wäre die Suchaktion ein Hochzeitsessen, bei dem sich die Gäste an die vorgegebene Sitzordnung zu halten hatten.

Außerdem war sein Suchtrupp der größte, und obwohl er nicht oft Such- und Rettungsaktionen unternahm, kannte er sich aus. Er war praktisch in der Wüste aufgewachsen. Sein Onkel Samir hatte ihn großgezogen, und Samir pflegte die Freundschaft mit Fremden: Gelehrten, Wissenschaftlern, Männern, die das Rote Meer erforschten, die Vögel und Meerestiere, oder die Lebensgewohnheiten der Beduinen. Die Sommer hatte Nayir damit verbracht, an ­archäologischen Ausgrabungsstätten Erde wegzuklopfen, für reiche Europäer auf der Suche nach Abrahams Grabmal oder nach den Überresten des Goldes, das die Juden aus Ägypten mitgenommen hatten. Im Winter klammerte er sich am hinteren Höcker der Kamele fest, die mit Blechtöpfen und Wasserflaschen beladen klappernd durch den Sand stapften. Aus ihm wurde ein Bogenschütze, ein Falkner, eine Art Überlebenskünstler, der von entlegenen Orten seinen Weg zurück nach Hause fand und dafür nur ein Kopftuch, Wasser und den Himmel benötigte. Er war seiner Abstammung nach kein Beduine, aber er fühlte sich wie einer.

Schon Dutzende Male hatte er nach verschollenen Reisenden gesucht, und kein einziges Mal hatte er versagt. Doch wenn Nouf davongelaufen war, dann musste er annehmen, dass sie nicht ­gefunden werden wollte. Zehn Tage lang hatten sie die Dünen in Geländewagen, auf Kamelen, mit Flugzeugen und Hubschraubern abgesucht, und mehrmals hatten sie sich gegenseitig wiederge­funden, was zu kurzer Erleichterung führte, schwierig wie es
war, in all dem Sand überhaupt etwas Lebendiges zu entdecken. Aber Nouf fanden sie nicht, und schließlich ließen die Berichte, die Nayirs Männer ihm vorlegten, eine andere Theorie aufkommen, nach der sie einen Nachtbus nach Muskat genommen hatte oder in eine Maschine nach Amman gestiegen war.

Er verfluchte die Situation. Es war gut möglich, dass sie sich gar nicht mehr in der Wüste befand. Vielleicht hatte sie eine Nacht in der Wildnis verbracht und war zu der Einsicht gekommen, dass es zu unbequem und zu schmutzig war, und war woanders hingegangen. Trotzdem befürchtete Nayir das Schlimmste. Ein Mann konnte in der Wüste nur zwei Tage überleben. Mit einem jungen Mädchen aus reichem Hause, einem Mädchen, das wahrscheinlich noch nie auf die Annehmlichkeiten eines klimatisierten Zimmers hatte verzichten müssen, würde die Wüste kurzen Prozess machen.

Der Sonnenuntergang tauchte die Landschaft in ein warmes gelbrotes Licht, und ein kräftiger Scirocco trübte die Luft. Er entfachte in Nayir ein schmerzliches Sehnen, das über seine Sorge um Nouf hinausging. In letzter Zeit plagten ihn Gedanken, was in seinem Leben eigentlich fehlte. Er wollte eine Frau haben, eine Ehefrau – aber die musste er erst noch finden. Er hatte das verwirrende Gefühl, dass er nicht nur Nouf verloren hatte, sondern mit ihr auch die Möglichkeit, überhaupt je eine Frau zu finden. Er schloss die Augen und fragte Allah, wie schon so oft zuvor: Wie lautet Dein Plan für mich? Ich vertraue Deinem Plan, aber ich habe wenig Geduld. Bitte enthülle mir Deine Absichten.

Hinter ihm wurde sein Name gerufen. Er stopfte das Foto in die Tasche zurück, stand auf und sah einen seiner Männer unten am Hügel auf ein Paar Scheinwerfer in der Ferne deuten. Nayir packte Gebetsteppich und Wasserflasche ein und stapfte die Düne hinunter. Wer auch immer da kam, eine bange Vorahnung sagte ihm, dass er eine schlechte Nachricht brachte. Er trabte am Fuß des Hügels entlang und wartete, während der Geländewagen ins Lager fuhr und neben dem größten Zelt hielt.

Der junge Mann am Steuer war Nayir nicht bekannt. Mit seinen scharfen Gesichtszügen und seiner dunklen Haut sah er wie ein Beduine aus. Er trug eine lederne Pilotenjacke über seinem staubigen weißen Gewand, und als er aus dem Wagen ausstieg, musterte er Nayir besorgt.

Nayir hieß den Gast willkommen und streckte ihm die Hand hin. Er wusste, dass seine Körpergröße und seine verwegene Erscheinung jeden beklommen machten, aber er versuchte trotzdem, dem jungen Mann die Befangenheit zu nehmen. Dieser stellte sich nervös als Ibrahim Suleyman vor, Sohn eines Dieners der Shrawis. Die anderen Männer kamen herbei, begierig, die Neuigkeiten zu hören, aber Ibrahim stand schweigend da, und Nayir begriff, dass er ihn unter vier Augen sprechen wollte.

Er führte den Jungen zu einem der größeren Zelte und hoffte inständig, dass die Männer vielleicht doch nicht getrunken hatten. Man kann sich nicht schlimmer blamieren, als wenn man einen Mann in ein Zelt führt, in dem es nach Schnaps riecht. Doch die Zelttüren waren offen, und der Wind wehte hinein, brachte allerdings auch eine großzügige Ladung Sand mit.

Drinnen entzündete Nayir eine Lampe, bot seinem Gast ein Sitzkissen an und machte sich daran, Tee zu kochen. Er fiel nicht gleich mit seinen Fragen über ihn her, aber er beeilte sich mit der Teezubereitung, weil er begierig war, die Neuigkeit zu hören. Als er den Tee eingegossen hatte, nahm er neben seinem Gast Platz und wartete darauf, dass er zuerst trank.

Erst bei der zweiten Tasse Tee brachen sie das Schweigen. Ibrahim, im Schneidersitz, beugte sich vor und balancierte seine Tasse auf dem Knie. »Sie haben sie gefunden«, sagte er mit gesenktem Blick.

»Wirklich?« Die Spannung verließ ihn so schlagartig, dass es wehtat. »Wo?«

»Etwa zwanzig Kilometer südlich vom Lager der Shrawis. In der Nähe eines Wadis.«

»Da haben sie doch schon seit einer Woche gesucht. Sind sie ­sicher, dass sie es ist?«

»Ja.«

»Wer hat sie gefunden?«

»Das wissen wir nicht genau. Jemand, der nicht für die Familie arbeitet. Reisende.«

»Woher weißt du das?«

»Jemand kam zu unserem Lager und überbrachte die Nachricht. Er hatte es von einem Dritten gehört.« Ibrahim nahm einen Schluck von seinem Tee. »Er hat gesagt, die Reisenden hätten sie nach Dschidda zurückgebracht. Sie war schon tot.«

»Tot?«

»Ja.« Ibrahim setzte sich zurück. »Sie haben sie der Rechtsmedizin in Dschidda übergeben. Sie hatten keine Ahnung, wer sie war.«

Es war vorbei. Er dachte an seine Männer draußen, und ob sie erleichtert oder enttäuscht wären. Wahrscheinlich erleichtert. Er überlegte, was er ihnen über das Mädchen erzählen sollte. Es war seltsam, der eigene Suchtrupp der Familie war bei dem Wadi stationiert. Die Gruppe von Cousins und Dienern musste beinahe über sie gestolpert sein, und doch hatten sie sie übersehen. Sie hatten auch diejenigen übersehen, die in der Gegend unterwegs waren. Die Reisenden mussten den Leichnam in Dschidda abgeliefert haben, bevor die Shrawis überhaupt Notiz von ihnen genommen hatten.

»Wie hat die Familie davon erfahren?«, fragte Nayir.

»Jemand von der Rechtsmedizin kannte die Familie und rief dort an, um die Nachricht zu überbringen.«

Nayir nickte, immer noch wie gelähmt. Die Möglichkeit, dass die Reisenden den Leichnam im Suchgebiet der Shrawis gefunden hatten, machte ihm zu schaffen, aber das musste er erst noch überprüfen. Die Information war ja nicht unbedingt vertrauenswürdig.

Die Teekanne war leer. Nayir stand auf und ging zum Ofen. Er goss frisches Wasser in die Kanne und riss das Streichholz für den Ofen so ungeschickt an, dass er sich die Daumenspitze verbrannte. Der stechende Schmerz entzündete einen Funken in ihm, eine aufbrechende, heftige Wut. Der Drang, sie zu finden, quälte ihn immer noch. Vergib mir meinen Stolz. Ich sollte jetzt an die Familie denken. Aber das schaffte er nicht.

Nayir ging zurück und setzte sich wieder. »Weißt du, wie sie gestorben ist?«

»Nein.« Ibrahims trauriger Blick verriet, dass er sich damit abgefunden hatte. »Wahrscheinlich an einem Hitzschlag.«

»Eine schreckliche Art zu sterben«, sagte Nayir. »Irgendwie denke ich, wir hätten etwas tun können, um das zu verhindern.«

»Das bezweifle ich.«

»Wieso?«, fragte Nayir. »Was glaubst du, was passiert ist?«

Der Beduine sah ihm direkt in die Augen. »Dasselbe, was jedem Mädchen passieren kann, denke ich.«

»Und das wäre?«, fragte Nayir. Liebe? Sex? Und was verstehst du schon davon? Er sah an Ibrahims Gesicht, dass er die Frage nicht hätte stellen sollen; der Junge errötete. Nayir wollte mehr erfah-
ren, die Antworten aus ihm herauszwingen, aber er wusste auch: Wenn Noufs Tod tatsächlich mit Liebe oder Sex zu tun hatte, dann wäre jede wahrheitsgetreue Antwort noch unschicklicher. Nayir wartete geduldig auf weitere Erläuterungen, doch Ibrahim schlürfte lediglich seinen Tee und schwieg beharrlich.

 

2

Nichts hätte weniger einem Vorhof zum Paradies ähneln können, einem Sammelpunkt für Körper auf ihrem Weg zu Allah, als die muffige und schmuddelige Gasse hinter dem Ministerium. Doch genau dort befand sich der Hintereingang zur Rechtsmedizin. Nayir stand vor dem Eingang und versuchte sich zu beruhigen, indem er einen scharfen Miswak kaute, dessen Fasern er anschließend auf die Straße spuckte. Er sagte sich, dass er dort hineingehen musste, daran führte kein Weg vorbei. Die Sonne brannte, und das Schwitzen tat weh, als dünstete seine Haut Nägel aus. Wenn er noch länger wartete, würde er ohnmächtig werden. Mit diesem Besuch tat er nicht bloß Othman einen Gefallen – was er sich schon den ganzen Weg über eingeredet hatte –, dies war, das erkannte er jetzt, das Eindringen in eine Privatsphäre.

Noufs Leichnam war da drinnen, und es war seine Aufgabe, sie heimzubringen. Ursprünglich hatte er sich den Leichnam an­sehen wollen – natürlich nur das Gesicht –, um ihn zu identifizieren, aber er hatte es nicht übers Herz gebracht, die Familie um Erlaubnis zu fragen. Sie wären entsetzt über die Vorstellung, dass er ihr Gesicht sehen würde, und selbst wenn es eine Frage der Pflicht war, gehörte er nicht zu ihrer Familie, und er war ein Mann. Also war er wie vor den Kopf gestoßen, als sie ihn baten, Nouf heimzubringen.

Er warf die Reste seines Miswak in die Gosse, fasste sich ein Herz und betrat das Gebäude. Er ging die Treppe hinunter, beide Hände fest gegen die Wand gedrückt. Aus der gleißenden Hel­ligkeit der Straße war er schlagartig in eine tiefe Finsternis ge­treten.

Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er den Sicherheitsbeamten lesend an seinem Tisch sitzen. Der Anblick der schlichten braunen Uniform beunruhigte ihn. Das ­Betasten und Aufschlitzen eines toten menschlichen Körpers war per Gesetz verboten, doch während Autopsien vom Staat stillschweigend geduldet wurden, gab es immer irgendwelche selbsternannten Sittenwächter, die nach unmuslimischem Verhalten Ausschau hielten. Sicherheitshalber war das Gebäude nicht weiter gekennzeichnet, und er hatte noch nie gehört, dass jemand einen Leichenbeschauer angegriffen hätte.

Als der Beamte Nayir bemerkte, verengten sich seine Augen zu Schlitzen. Nayir ging auf den Tisch zu und warf einen Blick über den Mann hinweg in einen langen, von grellem Neonlicht erleuchteten Gang. »Ich bin gekommen, um einen Leichnam abzuholen.« Er angelte in seiner Tasche nach der Vollmacht und reichte sie dem Beamten.

Dieser prüfte das Dokument sorgfältig, faltete es zusammen und gab es zurück. »Sie ist da hinten.«

»Wo hinten?«

Der Beamte hob die Augenbrauen und deutete hinter sich auf den Gang. Nayir nickte und versuchte sich zu entspannen. Er wischte sich den Schweiß vom Hals und ging auf eine Schwingtür am Ende des Ganges zu. Als er sie öffnete, traf ihn der Geruch wie eine Ohrfeige: Ammoniak und Tod und Blut und noch etwas anderes, das genauso widerlich war. Er schluckte schwer und meinte Schwefel schmecken zu können, mit dem die Beduinen manchmal die entschwindenden Seelen reinigten. Nein, dachte er, das bilde ich mir nur ein. Der Raum war steril und grell erleuchtet. In der Mitte stand ein Rechtsmediziner über eine Leiche gebeugt. Er war ein ­älterer, hagerer Mann mit kurzem grauem Haar, das eine Schattierung heller war als sein Laborkittel. Er blickte auf. »Salaam aleikum.«

»W’aleikum as-salaam.« Nayir fühlte sich benommen, und er bemühte sich, die Leiche nicht anzusehen, sondern den Blick auf die Schränke zu richten, die mit Fachbüchern, Behältern mit Mullverbänden und leeren Gläsern voll gestellt waren.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der Arzt.

»Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie das Mädchen,
das –«

»Sind Sie ein Familienangehöriger?«

»Nein, bin ich nicht.« Unsinnigerweise kam sich Nayir wie ein Perverser vor, und er verspürte den Drang zu erklären, dass er nicht freiwillig gekommen war, sondern um eine Pflicht zu erfüllen. Die Luft war heiß und stickig. Er roch die Leiche, und er spürte Übelkeit aufsteigen. An den Rändern seines Blickfeldes flackerte es dunkel. Er holte tief Luft, und als er sich umwandte, sah er eine blutverschmierte Schürze an der Wand.

»Dann ist Ihre Anwesenheit hier nicht gestattet«, sagte der Arzt.

»Ich habe die Erlaubnis, den Leichnam zu sehen. Ich muss ihn sehen – ich meine, ich muss ihn abholen.« Er fuhr sich übers Gesicht. »Ich bin hier, um den Leichnam abzuholen.«

Der Arzt ließ sein Skalpell in eine Metallschale fallen und warf Nayir einen gereizten Blick zu. »Wir sind noch nicht fertig damit. Sie müssen wohl oder übel warten.«

Nayir war erleichtert. »Bevor ich sie mitnehme, möchte ich mich vergewissern, dass sie es auch wirklich ist.«

»Sie ist es.« Der Arzt, der Nayirs Zögern sah, kam um den Tisch herum. »Zeigen Sie mir mal Ihre Papiere. Nouf ash-Shrawi, richtig?« Er nahm die Papiere und las sie sorgfältig durch. »Ja, das ist sie.« Er deutete auf den Tisch hinter sich.

Nayir zögerte, voller Unbehagen über seine nächste Bemerkung. »Ich möchte ihr Gesicht sehen.«

Der Arzt starrte ihn an, und Nayir begriff, dass er zu weit gegangen war, dass der Arzt ihn jetzt für einen Perversling hielt, selbst wenn er die richtigen Papiere hatte.

»Nur der Ordnung halber«, sagte Nayir.

»Sie wurde bereits identifiziert.«

Nayir las das Namensschild des Mannes: Dr. Abdullah Mamun. Er wollte ihm gerade etwas erwidern, als hinter ihnen die Tür aufging und eine Frau den Raum betrat. Nayir drehte sich um. Na­türlich gab es Rechtsmedizinerinnen, die die weiblichen Leichen ­untersuchten, doch eine in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, war ein Schock. Sie trug einen weißen Laborkittel und über dem Haar einen Hijab, ein schwarzes Kopftuch. Doch weil ihr Gesicht entblößt war, sah er errötend weg. Unsicher, wo er hinschauen sollte, fiel sein Blick auf den Plastikausweis, der ihr um den Hals hing: Katya Hijazi, Labortechnikerin. Es überraschte ihn, ihren Vornamen auf dem Schild zu sehen – er sollte so privat sein wie ihr Haar oder die Form ihres Körpers –, und das gab ihr etwas Herausfordern-
des.

Da der Arzt meinen könnte, er würde ihre Brüste anstarren, senkte Nayir den Blick zum Boden und erspähte zwei wohlgeformte Füße, die in leuchtend blauen Sandalen steckten. Wieder ­errötete er und drehte sich von ihr weg, bemüht, sich nicht völlig abzuwenden, sondern nur so viel, um zu erkennen zu geben, dass er sie nicht ansah.

Die Frau ließ die Schultern sinken, womit sie andeuten wollte, dass sie Nayirs Unbehagen bemerkte und darüber enttäuscht war. Sie griff in ihre Tasche, holte einen Neqab heraus, legte ihn sich vors Gesicht und befestigte den Klettverschluss am Hinterkopf. Nayir, der sie aus den Augenwinkeln beobachtete, war erleichtert durch diese Aktion, wenngleich ihm die Anwesenheit der Frau in dem Raum immer noch unangenehm war. Nachdem der Neqab angelegt war, wagte er einen schnellen Blick, doch durch einen Schlitz in dem Neqab waren ihre Augen sichtbar, und sie sah ihm direkt ins Gesicht. Er schaute schnell weg, verunsichert durch ihre Dreistigkeit.

»Salaam aleikum, Dr. Mamun«, sagte sie und ging auf den Arzt zu. Ihre Stimme klang herausfordernd. »Ich hoffe, Sie haben Herrn Sharqi das Leben nicht allzu schwer gemacht?«

Nayir hoffte, dass seine Verwirrung unbemerkt blieb. Woher wusste sie seinen Namen? Und welche Frau ging so selbstbewusst mit dem Namen eines Mannes um? Wahrscheinlich hatte der Sicherheitsbeamte ihr Bescheid gesagt. Aber warum?

Der Arzt, pikiert von ihrem dreisten Ton, murmelte irgend­etwas Unverständliches. Wahrscheinlich war sie neu hier, noch ungeübt im Umgang mit besonders traditionell eingestellten alten Männern.

»Er ist nämlich hier, um den Leichnam abzuholen«, sagte sie.

Mamun warf Nayir einen misstrauischen Blick zu. »Das hat er behauptet.«

Fräulein Hijazi wandte sich Nayir zu. Sie stand direkt neben ihm, unschicklich nah, fand er. »Wie wollen Sie sie denn transportieren?«, fragte sie.

Er zögerte, nicht gewillt, sie direkt anzusprechen. Er sah hinunter und schaute kurz auf ihre Hand. Sie trug einen Ehering oder einen Verlobungsring, das konnte er nicht erkennen. Die Tatsache, dass sie einen Mann hatte, machte ihre Anwesenheit etwas erträglicher – aber nur etwas.

Nayir sprach den Arzt an. »Ich habe draußen meinen Jeep stehen, aber ich möchte die Leiche identifizieren, bevor ich sie mitnehme.«

»Na gut«, erwiderte Fräulein Hijazi. Nayir fand es ziemlich unverschämt von ihr, zu antworten, ohne gefragt zu werden, aber ihre souveräne Art überraschte ihn. Frauen, selbst die forschen, betrachteten ihn als eine Art Tier, wegen seiner großen, kräftigen Gestalt und seiner tiefen, rauen Stimme. Doch diese verhielt sich ihm gegenüber zwar vorsichtig, wirkte aber in keiner Weise eingeschüchtert. »Wir haben sie schon identifiziert, wissen Sie.«

Nayir bekam ein mulmiges Gefühl im Magen. Offenbar war sie entschlossen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, doch hielt er die Augen auf Mamun gerichtet, in der Hoffnung, der Alte würde mit ihm reden, aber der stand bloß da und blickte misstrauisch drein. »Ich möchte den Leichnam mit eigenen Augen sehen«, sagte Nayir und dachte: Eigentlich will ich hier nur noch weg.

»Sie liegt da auf dem Tisch. Sie können Sie sich ansehen.«

Fräulein Hijazi führte ihn zu dem Metalltisch, auf dem sich Noufs Leichnam befand, und zog das Laken vom Gesicht weg. Ihn ergriff ein heftiges Schwindelgefühl, aber er vergaß nicht zu atmen. Zunächst entdeckte er keinerlei Ähnlichkeit mit Nouf, doch je länger er die Umrisse ihres Gesichts betrachtete, desto bekannter erschien es ihm – der kleine, fein geschnittene Mund, die hohen Wangenknochen der Shrawis.

»Ich glaube, das ist sie.« Ein stechender Geruch stieg von ihr auf und er musste husten. Die Ärmste. Ihr Gesicht war von der Sonne halb verkohlt, und die andere Hälfte war ein gespenstisches Grau. Sie musste tagelang auf der Seite gelegen haben, so extrem waren die Verbrennungen. Doch auf der grauen Seite waren Schlammspritzer. »Danke«, sagte er und trat zurück.

Fräulein Hijazi untersuchte geduldig Noufs Kopf. Nayir bemerkte etwas Klebriges in ihrem Haar knapp über dem linken Ohr. Er drehte sich zu Mamun und fragte: »Ist das Blut?«

Mamun zuckte bloß die Achseln, während Fräulein Hijazi die Wunde untersuchte. »Ja«, sagte sie schließlich. »Blut und eine Prellung. Es sieht so aus, als hätte ihr jemand einen harten Schlag versetzt. Und da ist noch was...« Mit einer Pinzette zupfte sie einen winzigen Splitter aus der Wunde und hielt ihn hoch. »Sieht aus wie Holz.«

Nayir fühlte sich merkwürdig aufgewühlt. Er hielt den Blick auf den Arzt gerichtet. »War diese Verletzung die Todesursache?«

»Nein«, sagte Mamun. »Sie ist ertrunken.«

Es trat eine Schweigepause ein, doch Mamun, in dessen Augen die Begeisterung des Fachmannes aufblitzte, zeigte auf ein Röntgenbild von Noufs Brust, das an der Wand hing. Nayir betrachtete das Bild, wurde aber nicht recht klug daraus. »Ertrunken, sagen Sie?«

»In der Tat. Ein klassischer Fall. Schaum im Mund. Lunge und Magen waren mit Wasser gefüllt.«

Diese einfache Diagnose »Ertrinken« eröffnete eine Vielzahl von Möglichkeiten. Das eine ließ sich jetzt schon sagen: Wenn eine Frau in der größten Sandwüste der Welt ertrinkt, dann sollte es eine einleuchtende Erklärung dafür geben.

»Wenn sie ertrunken ist, wie erklären Sie sich dann ihre Kopfverletzung?«, fragte Nayir.

»Wahrscheinlich hat sie sich gestoßen«, entgegnete der Arzt leicht verärgert.

»Beim Ertrinken?«

»Ja, beim Ertrinken.«

Während dieses Wortwechsels fuhr Fräulein Hijazi fort, Noufs Schädel zu untersuchen. Nayir sah, dass ihre Hände leicht zitterten. Er wagte einen Blick zu ihren Augen und bemerkte ein Stutzen. »Wenn diese Verletzung während des Ertrinkens entstanden ist, dann muss ihr Körper noch andere Verletzungen aufweisen«, sagte sie schließlich.

Nayir bewunderte ihre Kühnheit und fragte sich, wie der Arzt sich das gefallen lassen konnte. Auf ihrem Ausweis stand, dass sie Labortechnikerin war, keine Medizinerin. Wo war da genau der Unterschied?

»Es hat doch vor einer Woche geregnet, nicht wahr?«, fragte Mamun.

»Vor beinahe zwei Wochen«, erwiderte Nayir. »An dem Tag, als sie verschwand, hat es geregnet. Wie lange ist sie schon tot?«

»Schwer zu sagen.«

Nayir spürte, dass die Frau ihn ansah, aber er hielt seine Aufmerksamkeit auf Mamun gerichtet. »Lässt sich feststellen, ob der Schlag gegen ihren Schädel erfolgt ist, als sie noch lebte?«

»Ja«, sagte die Frau.

Nayir wartete auf weitere Erläuterungen, aber es kamen keine. Wieder Schweigen, und Fräulein Hijazi zog sanft das Laken von Noufs Armen herunter. Als sie ihre Aufmerksamkeit auf einige Blutergüsse und Kratzer an Noufs Handgelenken und Händen richtete, gestattete sich Nayir, sie dabei zu beobachten. Sie nahm mit einem Wattestäbchen einen Abstrich von einer der Verletzungen. »Sieht wie Sand aus«, sagte sie. »Und Blut. Das könnten Abwehrverletzungen sein.«

»Nein, nein, nein«, gackerte Mamun, schob sie beiseite und zeigte auf Noufs Handgelenk. »Diese Spuren stammen von den Zügeln eines Kamels. Erkennen Sie denn nicht das Muster?«

Nayir betrachtete die Wunden näher. Sie waren nicht gleichförmig, und er entdeckte auch Schnitte an ihren Fingerspitzen. »Für mich sind das Abwehrverletzungen.«

Mamun wurde ernst. »Ich habe doch gerade gesagt, die stammen von Lederriemen.«

Fräulein Hijazi steckte ein Wattestäbchen in ein Glasröhrchen, das sie vorsichtig auf die Ablage legte, dann drehte sie sich wieder zur Leiche um, hielt kurz inne und lüpfte zögernd den Rand des grauen Lakens, das Noufs Beine bedeckte. Sie hielt es hoch und betrachtete eingehend den Leichnam. Nayir beobachtete, wie ihre Augen so genau und sanft darüberwanderten, wie ihre Hände es getan hatten, und er stellte überrascht fest, dass sie von diesem Tod berührt schien. In ihren Augen lag eine Trauer, die auf einen persönlichen Verlust hindeutete, und er fragte sich, ob sie die Familie vielleicht kannte und sie diejenige gewesen war, die sie benachrichtigt hatte.

Schließlich ließ sie das Laken wieder sinken. Ihre Stimme klang fragend, zögernd, ganz anders als ihre Worte. »Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass sie ein Kamel berührt hat. Keine Haare am Körper, keine Abschürfungen an den Oberschenkeln.« Mamun grunzte, sagte aber nichts. Sie fuhr fort: »Ich habe zwar nicht viel Erfahrung im Bestimmen des Todeszeitpunktes, aber ich würde sagen, sie ist mindestens seit einer Woche tot.«

»Natürlich!«, gab Mamun unwirsch zurück. »In Anbetracht dessen, wie oft es in der Wüste regnet, würde ich sagen, dass sie ­gestorben ist, als es zum letzten Mal geregnet hat. Das hat sich ­folgendermaßen abgespielt: Als sie gerade die Wüste in einem Wadi, in das schon Wasser gelaufen war, durchquerte, begann es – platsch! – zu regnen. Sie versuchte zu schwimmen, aber eine Springflut riss sie fort. Sie stieß sich den Kopf, verletzte sich an den Handgelenken und, Yanni, ertrank schließlich.«

Nayir musterte den Arzt. »Aber sie hatte doch ein Kamel dabei.«

»Na und?«, rief er. »Kamele können nicht schwimmen!«

Was ganz und gar nicht stimmte. Gorillas sind die einzigen Tiere, die nicht in der Lage sind zu schwimmen. Obwohl Kamele mit Wasser nicht gerade häufig in Berührung kommen, finden sie sich in diesem Element bestens zurecht. Nayir hatte es mit eigenen Augen gesehen, im Reha-Zentrum für Dromedare in Dubai, wo die Therapeuten ihre Patienten in Schwimmbäder lockten, um gebrochene Knochen zu heilen und Arthritis zu lindern. Wenn sie erst einmal im Wasser waren, spielten sie herum wie kleine Kinder und wurden sogar böse, wenn sie wieder herausmussten. Wieso, so schienen sie zu fragen, hat Allah unseren Körper dafür gemacht, außerhalb des Wassers zu leben?

»Kamele können schwimmen«, sagte er. »Und das Kamel hätte ihr das Leben gerettet.« Nayir kramte in seiner Tasche nach einem weiteren Miswak und steckte ihn sich in den Mund, dankbar
für den würzigen Geschmack, der den Geruch des Todes etwas zurückdrängte. Kauend umkreiste er den Tisch. Noufs rechte Hand ragte unter dem Laken hervor. Das Handgelenk war mit bräun­lichem Schlamm bespritzt. Es sah aus, als wäre er durch
die Hitze in die Haut eingebacken worden. »Was ist das?«, fragte er.

»Das sieht wie Schlamm aus«, erwiderte Fräulein Hijazi. Sie kratzte Proben von Haut und Schmutz in ein Glas.

Mamun riss ihr das Glas aus der Hand. » Sie ist ertrunken, liebe Freunde. Herr Sharqi, sind Sie jetzt endlich überzeugt, dass es so ist?«

Nayir hörte auf zu kauen. »Ja, schon. Aber das mit dem Kamel ist merkwürdig.«

Mamun zuckte die Achseln. »Vielleicht wurden sie getrennt, sagen wir, bevor sie das Wadi betreten hat?«

»Niemand verliert ein Kamel in der Wüste. Das ist Selbstmord.«

»Von Selbstmord habe ich nichts gesagt!«, krächzte der Alte.

»Ich auch nicht«, meinte Nayir.

Der Arzt kniff die Augen zusammen. »Dann erwähnen Sie das Wort gar nicht erst. Das ist doch lächerlich! Oder glauben Sie vielleicht, sie wurde ermordet?«

Nayir zog die Brauen hoch.

»Wie? Ich meine... wie?«

Mamun verschluckte sich an seinem Speichel und hustete. »Dafür müsste jemand auf diese spezielle Situation gewartet ha­ben, in der die Frau sich in einem Wadi befand, allein, mitten in der Wüste, ohne Kamel, und es hätte regnen müssen und gleichzeitig auch noch eine Springflut stattfinden müssen. Und dann hätte dieser Mörder, Allah! ein sehr geduldiger Mann, es irgendwie hinkriegen müssen, sie in der Springflut zu ertränken, ohne selber dabei zu ertrinken. Wer würde so was tun? Warum sie nicht einfach erstechen und fertig?«

Niemand antwortete. Nayir schaute verstohlen zu Fräulein ­Hijazi, konnte aber nichts in ihren Augen lesen. Der Alte hatte recht – Mord durch Ertränken schien ziemlich weit hergeholt. Hatte Nouf eine Wasserquelle gefunden und war bei dem verzweifelten Versuch, etwas zu trinken, gestorben? Vielleicht hatte sie ein überflutetes Wadi betreten. Es hatte heftig geregnet, und er erinnerte sich, dafür dankbar gewesen zu sein, weil er meinte, das könnte vielleicht ihre Rettung sein.

»Gibt es sonst noch was?«, fragte der Alte unwirsch und funkelte Nayir an.

»Ich habe mich nur gefragt, ob alles andere in Ordnung war«, sagte er. »Mit der Leiche. Ich meine... war sie unversehrt?«

Mamun kniff wieder die Augen zusammen. Nayir begriff, dass die Frage den Alten unter enormen Druck setzte. Es verlieh ihm ein merkwürdiges Gefühl der Macht, selbst wenn es nur das Ergebnis der Autorität war, die die Familie ihm übertragen hatte.

»Ich weiß schon, wonach Sie da fragen«, sagte der Arzt, »aber so weit sind wir noch nicht gekommen. Fräulein Hijazi ist zwar keine richtige Rechtsmedizinerin« – er sprach den Namen in abschät­zigem Tonfall aus –, »aber sie ist hier, um einen Ultraschall zu machen.« Mit einer abrupten Bewegung riss er das Laken weg, sodass Noufs gesamter Körper enthüllt wurde. Nayir erbleichte und senkte die Augen, doch er hatte alles gesehen – die Hüfte, die Beine, die Scham. Verzweifelt suchte er nach einer Stelle, wo er hingucken konnte, schließlich fand er eine Tube mit Gel, eine Spritze und ein Metallinstrument, das gefährlich nach Phallus aussah.

»Danke«, sagte er abrupt. »Ich glaube, ich warte lieber draußen.« Er wollte schon zur Tür gehen, als er plötzlich stehen blieb. Der Raum drehte sich um ihn. Er sog tief die Luft in seine Lunge ein, beugte sich mit pochender Stirn nach vorn, umfasste seine Knie. Sein Herz fühlte sich wie ein Stein in einer Dose an. Er sah den Spalt zwischen den Beinen des Mädchens vor seinem geistigen Auge, doch dieser Augenblick löste sich auf seltsame Weise in den nächsten auf, in dem er auf dem Boden lag, mit dröhnendem Schädel.

»Herr Sharqi!« Mamun kniete neben ihm und hielt ihm ein Fläschchen Kampfer unter die Nase. »Herr Sharqi, Allah beschütze Sie, Sie sind ein rechtschaffener Mann.«

»Wasser«, krächzte Nayir.

»Ich hole Ihnen welches!« Mamun erhob sich kopfschüttelnd und eilte aus dem Raum.

Nayir rappelte sich auf, hielt inne, um sich zu vergewissern, dass er nicht wieder ohnmächtig wurde.

Fräulein Hijazi wirkte beunruhigt. »Es tut mir leid, Herr Sharqi.«

Er war zu verlegen, um ihr zu antworten, aber wenigstens hatte sie die Anständigkeit, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie holte ein Fingerabdruckset aus dem Schrank, zog einen Stuhl an den Tisch, setzte sich und machte sich daran, Noufs Fingerabdrücke abzunehmen.

Während des langen Schweigens, das jetzt herrschte, betrachtete er Nouf, oder das, was einmal Nouf gewesen war. Der Leichnam war jetzt wieder von dem Laken verhüllt, aber ihm war immer noch übel, und er musste wegsehen.

»Warum müssen Sie eine Ultraschalluntersuchung machen?«, fragte er, darauf bedacht, Fräulein Hijazi nicht anzuschauen.

»Möchten Sie sich lieber setzen?«, fragte sie.

Er war zu sehr überrascht von ihrer Dreistigkeit, um zu antworten.

»Sie sind hierhergekommen, um den Leichnam abzuholen«, sagte sie. »Also nehmen Sie ihn mit und vergessen Sie den Rest. Der Fall ist abgeschlossen. Die Familie hat beschlossen, dass der Tod ein Unfall war. Wie Mamun gesagt hat, bin ich keine richtige Rechtsmedizinerin. Die Kollegin, die eigentlich zuständig ist, hat Mutterschaftsurlaub. Ich bin nur hier, weil sie keine Vertretung finden konnten, und sie brauchen eine Frau, die die Untersuchung beaufsichtigt. Aber weil das hier ein wichtiger Fall ist, haben sie Mamun aus Riad eingeflogen, und er hat beschlossen, dass es sich um Tod durch Ertrinken handelt. Und so sei es. Kein Grund, ­irgendwelche Fragen zu stellen. Es ist vorbei.«

Ihr sarkastischer Ton überraschte ihn. »Meinen Sie, hier wird etwas vertuscht?«, fragte er. Sie zuckte die Achseln. Wenn das der Fall war, dann musste die Familie dahinterstecken. Sie waren die Einzigen, die genug Macht dazu hatten. Ihm fielen ein paar Gründe ein, warum die Shrawis ein Interesse haben könnten, die Wahrheit zu verbergen, doch der wichtigste Grund lag direkt vor ihm.

Er zögerte, bevor er die Frage stellte. »Sie war keine Jungfrau mehr?«

Fräulein Hijazi schloss ihre Arbeit ab und räumte die Sachen ein. Nayir wartete, hoffte, sie würde ihm einen Fingerzeig geben, aber als sie sich wieder zu ihm umwandte, sah er schnell weg. Könnte er sie doch dazu bewegen, ihm zu vertrauen, aber sie tat recht daran, es nicht zu tun. Er war ein Fremder und dazu noch ein Mann. Widerwillig sah er ein, dass sie mit ihrem Schweigen Anstand zeigte, so rebellisch es ihm auch vorkam.

Er blickte auf seine Uhr. Viertel nach drei. Ihm blieb weniger als eine Stunde, um den Leichnam zum Anwesen der Shrawis zu bringen, und die Familie bräuchte noch eine weitere Stunde, um ihn für die Beerdigung vorzubereiten. Nouf musste vor Sonnenuntergang unter der Erde sein.

Mamun kam mit einem Glas Wasser hereingeeilt. Es schmeckte nach Seife, aber Nayir beklagte sich nicht. Der Alte klopfte ihm auf die Schulter und runzelte teilnahmsvoll die Stirn.

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Die Beste aller Frauen, sagte der Prophet, ist diejenige, die angenehm zu betrachten ist, die eure Anweisungen ausführt, wenn ihr sie darum bittet. Der Ausspruch ging ihm durch den Kopf, als er den Jeep aus der Parkbucht manövrierte und sich nach links in den Verkehr einfädelte. Der Prophet hatte zwar recht, aber es gab doch eine Art, rechtschaffen zu sein, ohne sich gleich zu unterwerfen. Fräulein Hijazis Schweigen am Schluss lastete auf ihm. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.

Seine Gedanken gingen zu ihrem Verhalten von vorhin zurück, das er immer noch unverschämt fand, doch fragte er sich jetzt, ob es nicht auch dem Zweck gedient hatte, Nouf zu schützen. Fräulein Hijazi hatte sich mit Mamun darüber gestritten, wie Nouf gestorben war, über ihr Kamel, über den Grund ihrer Kopfverletzung. Nayir war sich nicht sicher, ob sie Nouf mit ihrer Kühnheit wirklich einen Dienst erweisen wollte oder nur von beruflichem Ehrgeiz getrieben war oder ob das einfach ihre Art war. Sein Instinkt sagte ihm, dass Ersteres der Fall war und dass sie Nouf aus Gründen schützte, die er nicht ganz verstand.

In einem jedenfalls hatte sie recht. Abwehrverletzungen. Schädeltrauma. Ertrinken. Kein Kamel. Das kam ihm merkwürdig vor. Das mit dem Kamel war besonders beunruhigend, denn das eine wusste er: Niemand verliert sein Kamel in der Wüste.

Zoë Ferraris

Über Zoë Ferraris

Biografie

Zoë Ferraris hat ein Jahr lang in einer strenggläubigen muslimischen Gemeinde in Dschidda, Saudi-Arabien, gelebt, bevor sie ihr Romandebüt »Die letzte Sure« schrieb. Für »Die letzte Sure« wurde sie mit dem »Mystery Fiction Award« der Santa Barbara Writers Conference ausgezeichnet. Zoe Ferraris hat...

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