Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die Geliebten

Die Geliebten

Roman

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Geliebten — Inhalt

Es ist ein ganz normaler Tag im Herbst, doch für manche ist es der Tag, an dem die Welt zerbricht. Zwei Männer treffen gleichzeitig eine verhängnisvolle Entscheidung: Nahuel beschließt, seine Familie in Chile zu verlassen, um mit Juliette, seiner französischen Geliebten, ein neues Leben zu beginnen. Joshua, ein amerikanischer Anwalt, trennt sich von seiner Geliebten Quinn, um seine Ehe zu retten. Für beide eine Entscheidung, die zur Katastrophe führt, denn in derselben Nacht geschieht in Chile und in den USA ein furchtbares Verbrechen. Alles, was eben noch wichtig war, verliert an Bedeutung. Aber erst als Juliette und Quinn sich viele Jahre später durch einen Zufall begegnen, wird klar, was wirklich geschah und wie dramatisch sich verletzte Gefühle auswirken können ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzer: Maria Hoffmann-Dartevelle
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98145-3

Leseprobe zu »Die Geliebten«

Für meinen Bruder Bernard und für Tatiana

 

Quinn

 

Wallingford, Pennsylvania, Donnerstag, 3. April 2008

 

Sie fragen mich, wie mein Leben aussah, als ich Joshua kennenlernte? Soll ich Ihnen was sagen? Auch wenn es noch so tragisch und rührselig klingt, mein Leben sah im Grunde nicht anders aus als heute, wissen Sie … Jeden Tag um sieben aus dem Bett, um einer langweiligen, schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen. Hinterher in eine Bar auf einen Drink, in der Hoffnung, dem Mann meines Lebens zu begegnen, dem Märchenprinzen, oder einfach nur jemandem zum [...]

weiterlesen

Für meinen Bruder Bernard und für Tatiana

 

Quinn

 

Wallingford, Pennsylvania, Donnerstag, 3. April 2008

 

Sie fragen mich, wie mein Leben aussah, als ich Joshua kennenlernte? Soll ich Ihnen was sagen? Auch wenn es noch so tragisch und rührselig klingt, mein Leben sah im Grunde nicht anders aus als heute, wissen Sie … Jeden Tag um sieben aus dem Bett, um einer langweiligen, schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen. Hinterher in eine Bar auf einen Drink, in der Hoffnung, dem Mann meines Lebens zu begegnen, dem Märchenprinzen, oder einfach nur jemandem zum Reden. Dann nach Hause, vor den Fernseher. Manchmal habe ich mir einen Film ausgeliehen oder mir eine Folge Law & Order angeguckt. So ungefähr sah mein Leben aus, als ich Joshua kennenlernte. Der einzige Unterschied zwischen Bridget Jones und mir war der, dass ich kein Eis mag und nie dick gewesen bin, ansonsten waren wir uns, ehrlich gesagt, ziemlich ähnlich.
An manchen Tagen, vor allem am Wochenende, lief ich bis zu drei, vier Stunden durchs Einkaufszentrum von Springfield, allein oder mit irgendeiner genauso übrig gebliebenen Freundin wie ich. Dann gingen wir zu einem Denny’s und aßen Pizza oder Brezel mit Senf. Ich bin ja nicht jemand, der sich zu Hause an den Herd stellt. Außerdem, wer kocht schon gern für sich allein ? Was soll ich drum herumreden, es war ein sinnloses Dahinleben. Ich war fünfundzwanzig, und obwohl ich festgestellt hatte, dass eine Frau auch ohne Sex ein vollkommen normales Leben führen kann, fehlte mir ein Begleiter, ein Partner, jemand, mit dem ich mein Leben teilen konnte.
So sah es aus bei mir, als ich Joshua kennenlernte.
Es geschah in derselben Bar, in der ich fast jeden Tag vor dem Nachhausegehen die Zeit totschlug. Er kam zu mir herüber und fragte mich, ob ich allein sei.
»Kommt drauf an, was du unter Alleinsein verstehst«, antwortete ich.
Sie sehen : Ohne groß nachzudenken, flirtete ich mit ihm. Wenn man nichts zu verlieren hat, macht man alles Mögliche, wissen Sie. Außerdem fand ich ihn sehr attraktiv, und das war er auch. Habe ich Ihnen schon mal gesagt, dass er Ähnlichkeit mit Jeremy Irons hatte? Stellen Sie sich Jeremy Irons zwanzig Jahre jünger vor, mit etwas vollerem, dunklerem und dichterem Haar, und Sie haben Joshua vor sich.
Joshua gab die Frage an mich zurück : »Was verstehst du denn unter Alleinsein ?«
»Ein Leben ohne Liebe«, sagte ich, ohne lange zu überlegen. »In diesem Sinne bin ich allein. Und du ?«
»Ich auch«, sagte er, »obwohl ich verheiratet bin.«
»Aha? Und was macht ein verheirateter Mann um sieben Uhr abends allein in einer Kneipe? Müsstest du um diese Zeit nicht nach Hause gehen, Honey, I’m home und so ?«
Damals erzählte er mir zum ersten Mal von Alexa, vom Tod der Kleinen und allem anderen. Sehr traurig, wissen Sie. Total traurig, ich war richtig mitgenommen; er wirkte irgendwie verängstigt, wie jemand, der sich nicht wohlfühlt in seiner Haut, unsicher, aber gleichzeitig sah er wahnsinnig gut aus, ein Traummann im wahrsten Sinne des Wortes, aber trotzdem sehr zurückhaltend, er trat nicht auf wie einer dieser großspurigen Typen, die mit federndem John-Wayne-Schritt auf einen zukommen, obwohl sie Volltrottel sind, die einen nur bequatschen und abschleppen wollen.
Wir redeten und redeten, bis die Bar schließen wollte und der Kellner schon zu uns herüberstarrte.
»Gehen wir?«, fragte Joshua. Er kannte ein Motel am Baltimore Pike, er meinte, dort könnten wir noch was trinken und weiterreden, ohne dass man uns mit Blicken rauswarf. Und da ich immer geradeheraus bin, habe ich ihn gefragt, ob es ihm um Sex ginge. »Nein«, hat er gesagt, »eigentlich nicht, ich will mich nur ein bisschen unterhalten. Es tut mir gut, mit dir zu reden.«
Daraufhin habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen. »Da ist es gemütlicher«, habe ich gesagt, »ich habe noch eine Flasche Wein im Schrank und ein paar Flaschen Bier.«
Also sind wir zu mir gefahren, und auch wenn das jetzt unglaublich klingt – wenigstens für mich –, es ging ihm tatsächlich nicht um Sex, sondern ums Reden. Mehr haben wir nicht gemacht. Sex kam erst später. Sex wurde dann irgendwann in unserer Beziehung total wichtig, ist doch klar, vergessen Sie nicht, dass ich fünfundzwanzig war, wenn man in dem Alter keine Lust auf Sex hat, wann dann? Aber da war auch Liebe zwischen uns, wir haben uns nicht nur so getroffen, »Hi, nice to meet you« gesagt und sind ins Bett gesprungen. Nein, wir haben uns sehr geliebt, ich zumindest habe es so empfunden.
Und ? Wie und ? Oh ja, ja, natürlich, Sex war wirklich wichtig, ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass wir in diesem kleinen Motel am Baltimore Pike immer wie die Besessenen gevögelt haben. Mit keinem anderen Mann war es so toll im Bett wie mit ihm. Joshua war ein erfahrener Mann, viel erfahrener als die Jungs, mit denen ich vorher gegangen war. Vor ihm hatte ich einen von denen, die, wenn sie einen flachlegen, schon nach ein paar Minuten fertig sind und gleich einschlafen. Außerdem hatte der immer zu viel Bier gekippt. Nein, mit Joshua war es anders, ganz anders, in Joshua habe ich mich unsterblich verliebt, und eine Zeit lang dachte ich, auch er hätte sich in mich verliebt. Aber irgendwann kam dann die kalte Dusche, ich fühlte mich betrogen, hintergangen, benutzt, reingelegt, vielleicht fällt Ihnen ja noch ein Wort ein für diese Sache : dass man eine Frau beschwindelt, indem man ihr das Gefühl gibt, etwas Bestimmtes würde passieren, dabei passiert genau das Gegenteil; und er hat es von Anfang an gewusst. Ich aber nicht. Joshua hat mich in dem Glauben gelassen, wir würden heiraten, ich gebe ja zu, ich habe ihn unter Druck gesetzt, ihn gedrängt, seine Geduld strapaziert, nicht ein Tag verging, an dem ich ihn nicht gefragt habe, wie es mit seiner Scheidung vorangehe. Ob er überhaupt die Scheidung eingereicht hatte? Sehr witzig! Todsicher hatte er mit Alexa nicht mal darüber gesprochen, aber das hat er mir natürlich nicht gesagt, ich weiß es einfach. Wenn er nur im Mindesten daran interessiert gewesen wäre, mit mir zusammenzubleiben, ich meine jetzt nicht, mich zu heiraten, einfach nur, mit mir zusammenzubleiben, hätte er sich dann in Luft aufgelöst, wäre er dann wie vom Erdboden verschluckt ? Ganz bestimmt nicht.
Es ist schon acht Uhr? Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Dann sehen wir uns also nächsten Donnerstag wieder ?

 

Prudencia

 

Santiago de Chile, Freitag, 15. Oktober 1999

 

Der Wecker klingelte um halb fünf wie jeden Morgen; diesmal aber erwachte Prudencia verängstigt. Sie hatte geträumt, ihr Häuschen sei vom Blitz getroffen worden und auseinandergebrochen, und als sie die Augen aufschlug, sah sie, dass es draußen in Strömen regnete und der Himmel vor lauter Blitz und Donner herabzustürzen schien. Mit ihrem dünnen, kurzen Daumen zeichnete sie erst ein kleines Kreuz auf Stirn, Kinn und Brust, dann bekreuzigte sie sich. Mit einem Knopfdruck schaltete sie den Wecker aus, stieg aus dem Bett und kniete vor der Kommode mit dem kleinen improvisierten Altar nieder. Fünf Minuten lang betete sie die Vaterunser-Serie ihres Gelöbnisses, dann legte sie sich wieder ins Bett. Aber einschlafen konnte sie jetzt nicht mehr.
Sie schlug die Bibel auf und blieb an Nahuels Foto hängen, das sie zwischen den Seiten aufbewahrte wie die Reliquie eines Heiligen. Die Aufnahme war kurz nach Elisas und Nahuels Hochzeit entstanden, auf dem Dorfplatz von Viña, wo die beiden und sie und Juan Enrique zusammen das Wochenende verbracht hatten. Das Foto zeigte Elisa, Nahuel und sie selbst; Nahuel stand in der Mitte, je einen Arm um die Frauen gelegt. Später hatte sie Elisa abgeschnitten, und nur sie und Nahuel waren übrig geblieben. Sie betrachtete ihn eindringlich wie jeden Tag, und wie immer quälte sie die Erinnerung an jenen Abend. Zehn Jahre waren vergangen seit diesem Wahnsinn, einem Wahnsinn, den sie bis ans Ende ihrer Tage bereuen würde. Abermals heftete sie den Blick auf seine kräftigen, unbehaarten Oberschenkel, Jesus Maria, sei mir gnädig, ein wahrhaftiger Irrsinn, eine Unbeherrschtheit, die ihr zu schaffen machte, als wäre alles erst gestern geschehen.
An jenem Tag hatte sie bei Elisa und Nahuel zu Abend gegessen. Nachts hatte Nahuel sie nach Hause gefahren, und als er vor dem Zaun gehalten hatte, hatte sie ihn auf den Mund geküsst. Einfach so. Irgendetwas war in sie gefahren, hatte sie zu einer jener Handlungen getrieben, für die es keine Erklärung gibt, schon gar nicht bei einer anständigen Frau wie ihr. Wie hatte das nur geschehen können ? Was zum Teufel war ihr in diesem Augenblick durch den Kopf gegangen ? Sie war verrückt gewesen. Schluss, aus. Vollkommen verrückt. Das war die einzig mögliche Erklärung. Verrückt nach ihm, oh Heilige Jungfrau, heilige Maria, Mutter Gottes …
Zu ihrer Überraschung – sie selbst war noch überraschter gewesen als er – hatte Nahuel ihren Kuss mit unerwarteter Inbrunst erwidert, und fünf Minuten nachdem sie sich gestreichelt und leidenschaftlich geküsst hatten, feucht und wild, so als hätten sie ihr Leben lang nur auf diesen einen Augenblick gewartet, waren sie aus dem Auto gestiegen, und schon auf dem Weg ins Haus hatte er seinen Hosengürtel geöffnet und sie sich die Bluse aufgeknöpft, und drinnen hatten sie es auf dem Wohnzimmerteppich getrieben, gütiger Gott im Himmel, barmherzige Königin und Mutter. Die bloße Erinnerung an das, was auf diesem Teppich geschehen war, trieb ihr erneut die Röte ins Gesicht. Während Nahuel in sie eingedrungen war, hatte sie sich an seinen Körper geklammert, und dann hatte sie ein Stromschlag durchfahren, und sie erzitterte wie Espenlaub. Wieder hatte Nahuel zugestoßen, und ein zweiter Stromschlag hatte jede Zelle ihres Körpers erbeben lassen, bevor sie in grenzenloser Lust zerfloss. Etwas Derartiges hatte sie noch nie empfunden. Ihr Geschlechtsleben mit Juan Enrique war nicht nur kurz, sondern auch alles andere als befriedigend gewesen. Sie hatte die Arme um Nahuel geschlungen und sich an ihn gepresst, in dem sehnlichen Wunsch, der Augenblick möge ewig währen. Doch dann hatte sie es mit der Angst bekommen. Sie hatte nicht gewagt, ihn anzuschauen, und war in Tränen ausgebrochen. Verzeih mir, verzeih mir, hatte Nahuel gesagt, der mit bis zu den Knöcheln heruntergelassener Hose vor ihr kniete, verzeih mir, Prudencia, ich schwöre dir, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Und sie : Nein, nein, bitte, es war meine Schuld. Zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben hatte sie etwas Derartiges getan. Sie litt entsetzlich, und noch immer schnürte die Erinnerung an jene unglückselige Nacht ihr die Kehle zu.
Ihr Erlebnis mit Nahuel blieb ein tiefes, schmerzliches Geheimnis, und seither konnte sie Elisas Blick kaum noch ertragen. Wie hatte sie ihrer besten Freundin so etwas antun können ? Wie hatte sie den Menschen hintergehen können, der ihr immer und stets geholfen hatte? Sie fühlte sich erbärmlich. Weder das Gelöbnis, das sie seit Jahren tagtäglich zwischen vier und fünf Uhr morgens erfüllte wie eine Heilige, noch ihre Beichten bei Pater Ian, noch die mit Nägeln gespickte Schnur, die sie sich drei Tage lang um die Taille gebunden hatte, nichts von alledem hatte ihre seelische Pein gelindert.
Nach jenem Abend hatte Nahuel sich immer wieder angeboten, ihr bei allem, was sie brauchte, zu helfen, doch sie hatte sich schlecht dabei gefühlt, fast wie eine Prostituierte. Wollte er sie bezahlen, damit sie nichts verriet ? War es das ? Wie konnte er nur glauben, sie würde irgendetwas verraten? Merkte er denn nicht, dass sie sich innerlich kasteite ? In ihrer Verzweiflung hatte sie ihm einen langen Brief geschrieben, in dem sie ihn um Verzeihung bat für jenen Augenblick der Schwäche, doch den Brief hatte sie nie abgeschickt.
Etwa um diese Zeit hatte sie mit ihrer Arbeit auf dem Weingut begonnen. Ihre finanziellen Mittel waren sehr begrenzt. Von Juan Enrique, der sie extrem schlecht behandelte, bekam sie nicht einen Peso, im Grunde lebte sie von der Mildtätigkeit ihrer Freunde und von dem wenigen, was ihr Vater ihr vererbt hatte. Als Elisa merkte, wie knapp sie war und wie schwer sie sich tat, eine vernünftige Arbeit zu finden, zum einen, weil sie nicht studiert hatte, zum anderen, weil sie es nicht richtig anging, schlug sie ihr vor, den Pächtern von San Juan Bibelunterricht zu erteilen. Obwohl Nahuel gar nichts davon hielt – er fand, man solle den Leuten die Religion nicht aufzwingen, außerdem war er Atheist, wogegen keine der beiden Frauen etwas auszurichten vermochte –, gelang es Elisa, ihn zu überreden. Die Bibel sei eine wunderbare Schrift, sagte sie, man brauchte weder katholisch zu sein noch irgendeiner anderen Religion anzugehören, um sich für diesen historischen Schatz zu interessieren, und sie selbst würde Prudencia ein kleines Gehalt für diese Arbeit bezahlen.
Gleich in der Woche darauf hatte Prudencia mit dem Unterricht begonnen, und heute war sie ihrer Freundin unendlich dankbar. Der Unterricht hatte ihrem Leben einen Sinn gegeben. Inzwischen erteilte sie nicht nur Bibelstunden, sondern bemühte sich ganz allgemein um die Vermittlung der christlichen Lehre und war gleichsam zur geistigen Führerin der Landfrauen geworden. Dieser Teil ihrer Arbeit gefiel ihr am besten. Nach und nach drang sie immer tiefer in das Leben dieser Frauen ein, erfuhr alles über ihre Beziehungen zu ihren Männern und Kindern. Wurden die Frauen von Zweifel geplagt, zerstreute Prudencia sie. Schämte sich eine, sich ihrem Gatten nackt zu zeigen – sie nannte die Ehemänner gern Gatten, wie es in der Bibel hieß – , brachte sie ihr bei, wie man sich so auszog, dass man stets von der Bettdecke verhüllt und gut geschützt war. Und wurde ein Ehemann gewalttätig, wie etwa im Fall von Enedina Cifuentes, rief sie ihn am nächsten Tag zu sich und sprach mit ihm. Sie fühlte sich wie ein Licht im Leben der Pächterfrauen, das sie erleuchtete, das die Frauen vor unnötigen Versuchungen und vor dem Missbrauch durch ihre Ehemänner bewahrte. Und sie brachte ihnen Gottes Wort. Im Grunde waren diese Leute völlig unwissend, fast keiner von ihnen hatte jemals einen Religionsunterricht besucht, höchstens den kurzen Katechismus vor der Erstkommunion, das war alles. Sie wurden beherrscht vom Internet, von ihren Handys, die sie wie die Städter unablässig benutzten, von Pornovideos, und der kostenlose Zugang zu all dieser schmutzigen Information entfernte sie von Tag zu Tag stärker von Gott und der Religion. Sie war heilfroh darüber, wie die Dinge sich ergeben hatten. Sie fühlte sich zufrieden, und obwohl ihr Beitrag nur gering war, nutzte er doch etwas, ja, etwas würde bei ihnen hängen bleiben, ein kleines Lichtlein würde aufleuchten in ihren mit den Schweinereien des modernen Lebens vollgestopften Köpfen, dem Sex, der Pornografie und all diesem Schmutz, möge der Herr sich erbarmen, oh Mutter Gottes, Himmelskönigin, zu dir rufen wir elenden Kinder Evas, zu dir seufzen wir trauernd und weinend …
Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett lag das Heft, in dem sie den Klatsch aufschrieb, den ihr die Pächter erzählten, besser gesagt, deren Frauen, denn die Männer gingen dem Gespräch mit ihr aus dem Weg, so als hätten sie Angst vor ihr. Ganz allmählich hatte sie die Frauen für sich gewonnen. Besonders nach der Sache mit Filuca García, die die Bäckerei des Landguts geführt hatte. Herr im Himmel, diese Frau …! Die hatte vielleicht Unruhe gestiftet. Ein wahrhaft lästiger Mensch war sie gewesen, glücklicherweise hatte sie ihrem Treiben rechtzeitig Einhalt geboten. Wesentlich gebildeter als die anderen, hatte Filuca sich als Anführerin aufgespielt. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei, die klassische Agitatorin, jung und aggressiv, politisch stark engagiert. Gott sei Dank war sie sie losgeworden, bevor sie den anderen vollkommen den Kopf verdreht hatte. Einer ihrer Pläne bestand in der Gründung einer Gewerkschaft, und eine Gewerkschaft war nichts anderes als ein Unruheherd. Das wusste doch jeder. Doch die Leute hörten auf Filuca, eigentlich hatten sie Angst vor ihr, aber sie hörten auf sie. Wäre sie selbst nicht hartnäckig geblieben, hätte sie Elisa nicht gezwungen, Filucas Kündigung zu unterschreiben, wer weiß, wie sehr sie die Landarbeiterinnen mit ihrer marxistischen Ideologie und ihren feministischen Theorien noch aufgestachelt hätte. Nachdem sie Filuca vom Landgut vertrieben hatte, musste sie noch einmal bei null anfangen, eine mühselige, schwierige Arbeit, aber sie hatte es geschafft, das Vertrauen ihrer Zöglinge zurückzugewinnen, die Frauen nannten sie sogar wieder » Señorita Prude«, und ihr gefiel der darin mitschwingende Anflug von Vertrauen und Freundschaft. Die Idee, ihnen das Basteln von Papierblumen beizubringen, hatte ihr viele Türen geöffnet. Die Frauen waren redselig und taten gern so, als wüssten sie Dinge über die anderen, von denen alle Übrigen keine Ahnung hatten. Filomena, die Köchin des Hauses, war ihre beste Informationsquelle. Sie wusste in allen Einzelheiten über das Leben der anderen Bescheid. Über sie hatte Prudencia erfahren, dass Lucrecia, die Freundin des Gärtners, abgetrieben hatte. Der Klatsch über die beiden war ihr schon zu Ohren gekommen : Lucrecia schlafe mit dem Gärtner, die beiden trieben es überall, sogar auf einer Pferdekoppel habe man sie gesehen, beide von der Taille abwärts entblößt, heilige Maria, Mutter Gottes, und das am helllichten Tag! Diese Information hatte ihr schwer zu schaffen gemacht. Noch heute spürte sie, wie sehr die ganze Geschichte sie verstört hatte, sie meinte, den Gärtner und seine Freundin, ein schamloses Ding von gerade mal siebzehn Jahren, nackt vor sich zu sehen. Und natürlich, wie zu erwarten, war die Kleine schwanger geworden und hatte keinen besseren Einfall gehabt, als ihr Baby zu töten, Vater unser, der Du bist im Himmel … Hatte sie ihnen denn nicht immer wieder gesagt: »Geschlechtsverkehr gehört einzig und allein in die Ehe, und selbst in der Ehe ist sexueller Exzess etwas Ungesundes, der Beischlaf darf nicht unabhängig von der Notwendigkeit der Fortpflanzung ausgeübt werden, und für die Fortpflanzung genügen ein paar Mal im Monat, vor allem bei Leuten wie euch, die nicht in der Lage sind, für so viele Sprösslinge aufzukommen. Und zur Abtreibung will ich euch eines klar und deutlich sagen. Schreibt euch hinter die Ohren, was ihr jetzt hört : Abtreibung ist Mord, und jede Frau, die abtreibt, ist eine Mörderin, habt ihr mich verstanden ? «
Die Schülerinnen nickten und stellten keine Fragen, sie hörten ihr nur zu und behielten ihre Gedanken für sich, und hinterher redeten sie untereinander darüber. Das brachte Prudencia auf die Palme. Warum kamen sie zum Unterricht, wenn sie nicht fähig waren, mit ihr über das, was sie dachten, zu diskutieren? Erleuchte mich, oh Herr. Wie konnte sie nur ein für alle Mal ihr Vertrauen gewinnen ? Bis jetzt war es so, dass sie ihr zuhörten, verlegen nickten, zu allem, worum sie sie bat, Ja und Amen sagten, aber im Grunde wusste sie genau, dass die Frauen, sobald sie aus der Tür war, über sie herzogen, ganz bestimmt, und allen möglichen Unsinn von sich gaben.
Sie hatte ein gut funktionierendes Informantennetz aufgebaut, über das sie erfuhr, wer sich betrank, wer sonntags die Messe besuchte, wer zur Kommunion ging, was so geredet wurde – sie bat ihre Zöglinge inständig, Schimpfwörter zu meiden, darauf zu achten, wie sie sich ausdrückten –, welche Musik sie hörten und was sie an den Feiertagen machten. Erfuhr sie von einem schweren Vergehen, meldete sie es Elisa, wie vor einigen Wochen, als Filomena ihr erzählt hatte, Nataly Moena, die Witwe des Traktorfahrers, habe sich schamlos in die Ehe von Luciano eingemischt, der immerhin der Hausdiener war und Filomenas Cousin. María, Lucianos Frau, war verzweifelt. Luciano und die Witwe zeigten sich vor aller Augen zusammen.
»Die arme María weiß nicht mehr ein noch aus, sie ist mit den Nerven völlig am Ende, Señorita Prudencia, sie weint den ganzen Tag, und da mag Luciano tausendmal mein geliebter Vetter sein, ich finde, er hat sie beschmutzt. Wenn ich nicht erlebt hätte, wie schlecht es María geht, hätte ich Ihnen gar nichts von der ganzen Sache erzählt, aber allmählich kriege ich Angst, dass sie womöglich etwas Unbedachtes tut. «
Man hatte die beiden dabei erwischt, wie sie sich küssten, und Luciano hatte mehr als einmal die Nacht im Haus der Witwe verbracht. Für Prudencia war die Sache sehr einfach : Ein verheirateter Mann durfte nichts mit einer anderen Frau haben. Punkt. Und Luciano war ein verheirateter Mann. Das gestattete auch Elisa nicht, in diesen Dingen war sie ganz besonders empfindlich.
Auf Filomenas Bitte hin kam María eines Tages in das kleine Büro, das Elisa im Landhaus für Prudencia eingerichtet hatte, und berichtete ihr unter Tränen, sie habe sogar schon an Selbstmord gedacht.
»Was bleibt mir anderes übrig, Señorita Prude? Sagen Sie mir, was Sie an meiner Stelle tun würden. Ich bin verzweifelt, wissen Sie ? Luciano vergnügt sich mit diesem Flittchen, und nicht dass Sie meinen, das sei ein Geheimnis. Alle Welt weiß Bescheid. Man hat sie zusammen gesehen. Bei der Taufe des Kindes von Ruperto Gacitúa haben sie es gewagt, vor allen Leuten eng umschlungen zu tanzen. Hier hat sie ihm die Hand hingelegt, Señorita Prude, genau hierhin. Und ich musste zugucken ! Können Sie sich vorstellen, wie ich mich geschämt habe ? Ich sitze da in der Ecke am Tisch, und die beiden befummeln sich vor meiner Nase. Und ich muss die ganze Schande und Erniedrigung schlucken. Und was für ein Beispiel für die Jugend! Ach, Señorita Prude … ich wollte gar nicht herkommen und … «
»Du brauchst mir gar nichts zu erklären, María. Es war ganz richtig, dass du hergekommen bist, um mit mir zu sprechen. Eine Schande ist das! Wir sind hier an einem anständigen Ort, was hat dein Mann sich bloß dabei gedacht!« Sie wurde zornig und bat María, nur beruhigt nach Hause zu gehen, alles würde wieder in Ordnung kommen, sie solle die Angelegenheit einfach ihr überlassen, sie selbst werde mit Luciano reden und ihm deutlich die Meinung sagen.
Noch am selben Tag erzählte sie Elisa von der Geschichte, und die gab ihr freie Hand, zu tun, was sie für richtig hielt. Dann machte Prudencia sich auf den Weg, um nicht, wie sie es María angekündigt hatte, mit Luciano Pinto zu reden, sondern mit Nataly Moena. Sie traf Nataly im Hof ihres Hauses an, wo diese gerade Wäsche wusch, beide Hände im Waschtrog. Mit energischen Bewegungen schrubbte sie eine dunkle Hose und pfiff dabei leise zu einem Lied von Julio Iglesias, das aus einem kleinen Kofferradio schallte. Als sie Prudencia näher kommen sah, wischte sie sich eine Hand an der Schürze ab und stellte das Radio aus.
» Ich muss ein ernstes Wort mit dir reden «, sagte Prudencia.
» Lassen Sie mich eben die Wäsche auswringen, dann gehen wir ins Haus. Kann ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, Señorita Prude ? «
» Nein, danke, ich möchte nichts. «
Es war ein Gespräch, das Prudencia später Elisa gegenüber als »hart und sehr deutlich« beschreiben sollte. »Hart genug, um Nataly klarzumachen, wie sehr uns ihr Verhalten stört«, sagte sie, und sehr deutlich, damit sie nicht im Geringsten daran zweifelte, dass sie innerhalb einer Woche das Landgut zu verlassen habe und mit ihren Siebensachen woanders hinziehen müsse. Bei solchen Geschichten gehe es darum, eine lehrreiche Lösung zu finden.
» Es ist nicht das erste Mal, dass du dich mit einem verheirateten Mann einlässt «, hatte Prudencia zu Nataly gesagt, » und von Beziehungen dieser Art hören wir grundsätzlich nicht gern, verstehst du? Über ein solch unsittliches Verhalten sind wir nicht gewillt, hinwegzusehen. « Prudencia spürte, welch eine Macht sie über ihre Gesprächspartnerin hatte, in diesem Augenblick war sie die Chefin, sie war die Gutsbesitzerin, diejenige, die Entscheidungen traf und Bedingungen stellte. » Wir möchten dich bitten, das Haus noch diese Woche zu räumen, es ist besser, einen radikalen Schnitt zu machen, das verstehst du doch sicher, oder ? Außerdem überlegen wir, ob wir das Haus nicht einer Familie aus Valparaíso zuteilen, die zum Arbeiten nach San Juan kommt. Bisher wussten wir nicht, wo wir sie unterbringen sollten, aber jetzt, da du gehst … «
Nataly brach in Tränen aus.
»Was sagen Sie da, Señorita Prude? Ich soll mein Haus verlassen ? «
»Na, na! Erst einmal wollen wir doch festhalten, dass es nicht dein Haus ist, sondern zum Landgut gehört, das weißt du ganz genau. «
Nataly wusste es zwar, aber wohin um alles in der Welt sollte sie gehen, das hier war ihr Zuhause, das Zuhause, in dem sie beinahe ihr halbes Leben verbracht hatte. Hier war Nico, ihr einziger Sohn, aufgewachsen. Und hier hatten sie die Totenwache für Alberto gehalten. Jahrelang war Alberto Don Nahuels bester Traktorfahrer gewesen. Achtete man denn sein Gedenken gar nicht ? Ihre Freunde und Bekannten, die Taufpatin ihres Sohnes, alle wohnten hier in der Nähe. Und jetzt wollte man sie einfach so fortschicken? Wo sollte sie denn hin in ihrem Alter ? Sie war ja kein junges Mädchen mehr und lebte allein. Wer würde ihr Arbeit geben? Außerdem besaß sie keinerlei Ersparnisse, nichts.
» Ich weiß, es ist nicht einfach. Aber an all diese Dinge hättest du denken sollen, bevor du dich in Luciano Pintos Ehe gedrängt hast. Komm mir jetzt nicht mit Reue, jetzt, da der Schaden angerichtet ist. Hast du mal gesehen, wie es seiner armen Frau geht? Wer gibt ihr jetzt ihre Würde zurück? Oh ja! Antworte mir, Nataly, wer? Nein, nein, nein, komm mir jetzt nicht auf die weinerliche Tour. Mich kannst du mit Tränen nicht erweichen. Und dieses Gespräch würden wir vielleicht gar nicht führen, wenn du mal zu meinem Unterricht gekommen wärst … Ach ja, und bevor ich’s vergesse, um eines wollte ich dich noch bitten: Alles, was in diesem Haus gesprochen wurde, sollte diese vier Wände nicht verlassen. Es bleibt unter uns. Du packst deinen Krempel, und hier ist nie etwas vorgefallen. Wenn du willst, kannst du den Herd mitnehmen. «
Nataly schluchzte laut auf und musste husten.
» Nun nimm’s doch nicht so schwer, Kindchen, so schlimm ist es nun auch wieder nicht, reiß dich zusammen. Dein Sohn ist erwachsen und kann dich besuchen, egal, wo du hinziehst. Ich habe gehört, er studiert in Santiago, nicht wahr?« Prudencia klang milder.
» Richtig, Señorita Prude, aber … «
» Wie heißt dein Sohn ? «
» Nicolás, Señorita, wir nennen ihn Nico. «
» Und wie alt ist er ? «
» Schon zwanzig, Señorita. «
»Siehst du? Wäre er noch ein Kind, wäre die Sache schwieriger. Warum ziehst du nicht nach Santiago? Dann bist du in seiner Nähe. Sieh mal, Nataly, nichts bindet dich an dieses Stück Land, und deine Beziehung zu diesem Mann kannst du vergessen, denn damit ist jetzt Schluss, jetzt sofort. Ist doch gar keine schlechte Idee, nach Santiago zu ziehen, wenn Nico dort studiert. «
»Du leistest uns einen unschätzbaren Dienst, Prudencia«, sagte Elisa, als diese ihr von ihrem Gespräch mit Nataly berichtete. »Diese Leute brauchen jemanden, der sie verantwortungsvolles Verhalten lehrt, jemanden, der ihnen Gottes Wort bringt, denn Pater Ian, na ja, du weißt ja, Pater Ian hat mehr für seine Gin Tonics übrig als für Gottes Wort. «

Elizabeth Subercaseaux

Über Elizabeth Subercaseaux

Biografie

Elizabeth Subercaseaux, 1945 in Chile geboren, ist die Ururenkelin von Robert Schumann. Als Journalistin arbeitete sie in Chile 17 Jahre im Untergrund, heute ist sie dort eine gefeierte Bestsellerautorin. Mit ihren von der Presse hochgelobten Romanen "Eine Woche im Oktober" und "Eine fast perfekte...

Pressestimmen

Joy

»Mitreißendes Drama.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden