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Die Farbe von GlückDie Farbe von Glück

Die Farbe von Glück

Ein Roman über das Ankommen

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Die Farbe von Glück — Inhalt

„Die großen Themen unseres Lebens: das Streben nach Glück, das Suchen und Finden der Liebe, die Rolle des Zufalls, der Sinn unseres Daseins – alle sind in diesem weisen, großartigen Roman verdichtet zu einem sprachlich überwältigenden Werk.“ Markus Lanz

 Eine falsche Entscheidung, die das Leben dreier Familien für immer verändert: Ein Richter zwingt die Krankenschwester Charlotte, sein sterbenskrankes Neugeborenes gegen ein gesundes zu tauschen. Folgt sie seiner Drohung nicht, entzieht er ihr den Pflegesohn. Die Welt aller Beteiligten gerät aus den Fugen, doch hinter allem wirkt der geheimnisvolle Plan des Lebens …

Können wir im falschen Leben das richtige finden? Wie öffnet man sich einem neuen? Wie lässt man los? Mit großer sprachlicher Kraft und Anmut zeigt die Autorin, dass jeder seine Lebenskarte bereits in sich trägt und alles auf wundersame Weise miteinander verknüpft ist.
In diesem Roman findet jeder seine Farbe von Glück.


„In manchen Büchern liest man eine Wahrheit, die passt gerade so sehr ins eigene Leben, dass sie unmittelbar ins Herz trifft und einem den Atem nimmt – dieses Buch ist voll von diesen Dingen.“ Alexandra Reinwarth

„Ein weiser, anmutiger Roman. Clara Maria Bagus beherrscht die Kunst des heilenden Erzählens.“ Nele Neuhaus

„So zärtlich hat noch niemand vom Glück erzählt, das aus Unglück wächst. Eine federleicht und doch psychologisch raffinierte Reise ins magische Reich der Seele. Traurig und tröstlich zugleich. Ein großes Geschenk.“ Wolfgang Herles

„Ein wunderbarer Roman über die Liebe und ihre vielen überraschenden Erscheinungsformen. Großartig komponiert, voller Weisheit, Emotionalität und Zuversicht. Selten war ich am Ende eines Buches so dankbar, Zeit mit ihm verbracht zu haben.“ Jean-Remy von Matt

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.11.2020
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05995-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.11.2020
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99794-2

Leseprobe zu „Die Farbe von Glück“

1

Menschen unterscheiden sich in ihren Träumen. In ihren Hoffnungen sind sie alle gleich. Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem Tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.

Es war viel zu früh, um zu sterben. Und schlimmer noch als der Tod war das Schicksal, an das Antoine seine Mutter verlor.

„Warte hier“, hatte Marlene zu ihrem Sohn gesagt. „Warte hier, bis ich zurück bin.“

Er war ihr bis zum Gartentor gefolgt, weinte, krallte sich an ihrem Oberschenkel fest, flehte sie an, [...]

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1

Menschen unterscheiden sich in ihren Träumen. In ihren Hoffnungen sind sie alle gleich. Antoines Geschichte beginnt zweimal. Einmal mit dem Tag seiner Geburt. Und ein zweites Mal, sechs Jahre später, am Tag, an dem seine Mutter Marlene verschwand.

Es war viel zu früh, um zu sterben. Und schlimmer noch als der Tod war das Schicksal, an das Antoine seine Mutter verlor.

„Warte hier“, hatte Marlene zu ihrem Sohn gesagt. „Warte hier, bis ich zurück bin.“

Er war ihr bis zum Gartentor gefolgt, weinte, krallte sich an ihrem Oberschenkel fest, flehte sie an, ihn mitzunehmen. Aber Marlene ging einfach weiter. Versuchte ihn von ihrem Bein abzuschütteln wie eine lästige Fliege. Setzte einen Fuß vor den anderen. Ohne zu ihm hinabzublicken.

„Lass das.“

„Wann kommst du wieder?“

„Rechtzeitig.“

„Wann ist rechtzeitig?“

Marlene wandte sich ihm ein letztes Mal zu, hockte sich vor ihn auf den sandigen Kiesweg, zerzauste ihm das Haar, nahm sein Gesicht für einen Moment in ihre Hände und sagte: „Warte einfach.“

Zweifel blitzten in Antoines Augen auf. Marlene fuhr mit der Handfläche über den feuchten Lehmboden und schrieb ihm mit der an ihren Fingern haftenden Erde etwas auf die Stirn. Dies alles geschah mit einer gewissen Endgültigkeit, die er damals nicht verstand.

Schließlich stand sie auf, drehte sich um, schob den Holzriegel nach hinten, öffnete die Tür und trat, ohne sich nochmals umzudrehen, durch das gemauerte Tor hinaus auf die Straße. Sie ließ ihren Sohn allein zurück – ohne die Zukunft, die sie ihm versprochen hatte. Zog in eine ferne Welt, die Antoine viele Jahre verschlossen bleiben sollte.

Er folgte mit seinem Blick jedem ihrer Schritte über den Pfad, der sich an Weizenfeldern entlang und zwischen Trauerweiden hindurchschlängelte, bis sie sich in dem sie immer stärker umgebenden Geäst auflöste, Teil von ihm wurde. „Mama“, schrie er ihr nach, als der blaue Zipfel ihres Kleides endgültig verschwunden war. Ein Schrei, der alles durchschnitt, als ob sie ihm das Herz entrissen hätte. Ein Schrei, der jedem, der ihn hörte, in der Seele wehtat.

 

Die Zeit verlangsamte sich, bis sie ganz stillstand. Allein stand er da in einem bloßen löchrigen weißen Pyjamahemd. Auf dem Kiesweg. Auf Steinchen, die sich in seine Fußsohlen bohrten. Und wartete. Stunden. Den ganzen Tag. Im Regen, der in feinen dünnen Fäden vom Himmel fiel.

Er sehnte sich nach irgendetwas Vertrautem, an das er sich klammern könnte. Selbst der Garten, das Haus, alles um ihn herum erschien ihm plötzlich fremd. Ohne sie.

Und noch bevor der Vorhang der Dunkelheit auf ihn herabsank, buchstabierte ihm sein Verstand in aller Klarheit, was er bereits geahnt hatte: Sie würde nicht zurückkommen. Sie würden sich auf diese Weise nicht wiedersehen.

Umgeben von Pfützen mit kaffeebraunem Wasser, schrumpfte er auf der matschigen Erde zu einem triefenden Schmutzbündel zusammen.

 

Schon am Morgen hatte sich Antoine gewundert, dass Marlene, im Haus hin und her schreitend, ihre Sachen zusammensuchte und in eine Tasche stopfte. Schon am Morgen hatte er ein unbehagliches Gefühl, als er sah, wie sie vor dem Spiegel stand, eine Schere in der Hand, und sich die Haare abschnitt. Wie sie ihr prächtiges schwarzes Haar in Zeitungspapier einschlug und es ins Kaminfeuer warf. Wie sie sich ein blaues Kleid aus Wolle überzog, das ihrem gewöhnlichen Stil überhaupt nicht entsprach. Schon am Morgen war ihm unwohl, ohne zu wissen, dass er nach diesem Tag viele Jahre brauchen würde, um die Teile seines blauen Himmels wieder zusammenzusetzen.

 

Antoine stellte sich eine Frage nach der anderen. Versuchte, eine Tür ins Ungenannte aufzustoßen. Doch auf manche Fragen gibt es keine Antworten. Bloß Erinnerungssplitter, die unbeschriftet bleiben. Bilder, die fortdauern. So auch das Bild seiner Mutter. Wie sie in ihrer schmalen Statur zum Gartentor schritt, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wie sie in die letzte Woge des frühmorgendlichen Laternenlichts trat und für immer daraus verschwand.

 

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie trocknet sie nur aus. Warum verlässt eine Mutter ihr Kind? Ohne Nachricht, ohne Erklärung. Warum geschehen Dinge, die uns dazu veranlassen, uns ein ganzes Leben lang die Frage nach dem „Warum“ zu stellen? Ein Warum, dass uns aushöhlt wie ein Wurm eine Frucht.

 

Was sich über Antoine zu diesem Zeitpunkt sagen ließ, war, dass ihm alles Schreckliche, was einem Kind passieren konnte, bereits passiert war. Viel zu früh hatte er lernen müssen, dass Menschen selten die sind, für die wir sie halten. Und auch selten da sind, wo wir sie brauchen.

Und doch durfte er gleichsam erfahren, dass es immer irgendjemanden gibt, der aus einem Winkel der Welt zusieht. Und der plötzlich da ist. Bei uns. Für uns. In seinem Fall war es Charlotte.

 

Charlotte stand plötzlich da. Vor Antoine. Im Garten. Er sah sie nicht. Aber er spürte sie. Der kleine Junge hockte in der durchfeuchteten Erde. Sein gelocktes Haar war vom Regen glatt geworden und klebte an seiner Kopfhaut. Das eisige, nasse Pyjamahemd pappte an seinem Körper und ließ die Haut hindurchschimmern. Er zitterte. Dünne, lilafarbene Äderchen durchzogen die Lider seiner geschlossenen Augen. Es war eine feuchte, kalte Nacht mit eisigem Wind. Noch viele Jahre später sollte sich Charlotte daran erinnern. Wolken wie schwarze Blutflecken, ganz so, als ob der Himmel spiegelte, was auf der Erde passierte.

Der Junge schlug die Lider auf. Augen schimmernd wie Grünspan starrten in die weichen Züge einer jungen Frau. Sie mochte Anfang zwanzig gewesen sein. Charlotte kniete sich vor Antoine hin, streckte ihre Arme nach ihm aus. Und als sie seine Schultern berührte und ihn mit ihren sanften, gütigen Augen ansah, schnitt der Mond am Himmel eine Sichel aus der Schwärze der Nacht. Das war das erste Wunder dieser Geschichte.

 

Charlotte strich ihm übers Haar, über den Rücken. Als ihr Blick auf seine Stirn fiel, stiegen ihr augenblicklich Tränen in die Augen, die sie wegzublinzeln versuchte. Der kleine Junge hatte schon viel zu viel Schmerz in seinem kleinen Herzen. Wie sollte er noch verkraften, was da in großen schwarzen Lettern auf seiner Stirn stand?

Ihm entging nichts. In Charlottes Ausdruck suchte er nach Hinweisen auf das, was ihm seine Mutter ins Gesicht geschrieben hatte. Suchte in ihren Augen nach der Antwort darauf, warum seine Mutter fortgegangen war.

Die Tränen einer fremden Frau waren Antwort genug. Nicht für das Warum. Aber für die Endgültigkeit. Charlotte rieb sich die Augen mit den Handrücken und lächelte ihn an. Und in der schwärzesten Nacht seines bisherigen Lebens sah er plötzlich einen hellen Stern.

„Komm mit mir“, sagte sie schließlich.

Antoine zitterte.

„Wer bist du?“, fragte er. Seine Stimme nur ein kraftloses Flüstern.

„Eine Freundin“, sagte sie. „Oder wenigstens möchte ich das gern sein.“ Ihre Stimme klang weich und freundlich. „Was meinst du, Antoine, einen heißen Kakao?“

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Ich weiß vieles über dich, mein Kleiner.“

„Was? Was weißt du? Wo meine Mama ist? Wann sie wiederkommt?“

„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Das weiß ich nicht.“ Sie strich ihm über die Arme, stand auf, nahm seine kalten in ihre warmen, weichen Hände und sagte: „Komm, lass uns gehen.“

„Ich kann nicht mit dir kommen. Ich muss auf meine Mama warten. Sonst ist sie traurig, wenn sie zurückkommt und ich nicht hier bin.“

Charlotte nickte. „Ich verspreche dir, wenn deine Mama zurückkommt, werden wir da sein.“

 

Von diesem Moment an wurde Charlotte zu seiner einzigen Insel an Wärme im Meer aus Kälte, das ihn umgab. Sie wusste, wie man auf einen kleinen Jungen zugehen musste, der von seiner Mutter verlassen worden war.

Sie kannte viele Lebensgeschichten. Geschichten, die sich niemand hätte vorstellen können. Geschichten, auf die niemand gefasst war. Und die es dennoch gab. Immer wieder. Und überall.

Ihre Augen hatten die Schicksale anderer gesehen. Ihre Seele die eigenen. Etliche Landschaften des Lebens trug sie in sich. Ohne zu verzweifeln, ohne zu verbittern.

 

Während er auf seine Mutter gewartet hatte, hatte Antoine nicht bemerkt, wie sich die Kälte mit der eindunkelnden Nacht auf die Erde gelegt hatte, wie sie in seine Lungen gedrungen war. Starr war sein Blick in die weite Ferne gerichtet gewesen, in der das blaue Kleid von Marlene verschwunden war. Bevor er niedergeschlagen die Augen schloss. Dort, an diesem Punkt, so glaubte er noch Wochen später, würde der flatternde Stoff aus blauer Wolle als Erstes wieder zu sehen sein. Antoine würde sie zuerst erblicken. Und noch jemanden: seinen Vater. Hand in Hand würden sie auf ihn zukommen: seine Eltern. Er würde aufspringen, aus dem Haus eilen, ihnen winken und zurufen. Sie würden auf ihn zulaufen, zunächst langsam, dann immer schneller. Den Hang hinunter, die Straße entlang, durch das Gartentor. Marlene würde sich vor ihm auf die Kieselsteine werfen, ihn fest in ihre Arme schließen und nie wieder loslassen. Sie würde das tun, was eine Mutter tut. Ihn halten, lieben und beschützen.

 

Lange sollte sich Antoine an dieses Fragment eines Winters erinnern, in dem jegliche Ordnung zerstört worden war, die es für einen Sechsjährigen eigentlich noch hätte geben müssen. An jene ersten Tage und Nächte in Charlottes Haus. An Mauern, von denen der Putz abblätterte. An Wände, an denen abgehängte Fotos einer anderen Zeit Schatten hinterlassen hatten. An Decken, deren Farbanstriche Blasen warfen. An das leise, monotone Tropfen, das von einem undichten Dach herrührte. Daran, wie das Licht der Kerze Charlottes Zimmer füllte, wie es das Dunkle von ihren Gesichtern wusch und der Welt wieder ein bisschen Farbe gab.

 

Charlotte bewohnte ein kleines, heruntergekommenes Haus. Auch von der Außenfassade schälte sich die weiße Farbe. Hier und da waren Ziegel gebrochen oder fehlten ganz. Es stand nur wenige Straßen entfernt von Antoines Elternhaus. Auch roch es darin genauso. Es war der Geruch von Armut. Zu Hause hatte er das nie so empfunden. Das Elend war ihm dort nie aufgefallen. Zu Hause hatte er eine Mutter. Sie war sein Reichtum gewesen. Auch wenn er sie nicht wirklich gekannt hatte. Auch wenn er in den sechs Jahren, die sie miteinander verbracht hatten, nicht einen Zipfel ihres Lebens zu fassen bekommen hatte. Aber immerhin hatte er eine Mutter gehabt. Jetzt hatte er nichts mehr. Glaubte er zumindest.

 

Beschämt über sein schmutziges Aussehen, betrachtete er sich im Spiegel. Regenwasser tropfte ihm aus den Haaren, rann über seine gezeichnete Stirn, ohne die verkrustete Erde wegzuwaschen. Er starrte auf das Wort, das sein Gesicht befleckte, und zeichnete es mit den Fingern nach.

„Was steht da?“, fragte er.

„Warum kommst du nicht erst mal herein und nimmst ein heißes Bad“, sagte Charlotte. Ihr Blick hatte genügt.

Schweigend führte sie ihn in den Waschraum. Erst dort fielen ihr noch nicht verheilte, jüngste Verbrennungen an seinen Handflächen auf. Über seine Handrücken spann sich ein Netz aus Narben. Charlotte hockte sich neben die Badewanne, tauchte den Schwamm ins warme Wasser und strich ihm damit sanft über die Stirn. Spülte das letzte Wort seiner Mutter davon, in der Hoffnung, neben dem Sichtbaren auch das Unsichtbare für immer wegzuwischen.

 

Als Charlotte Antoine nach dem Bad in eine Decke packte, zum Sofa führte und ihm einen heißen Kakao reichte, taute sein Gesicht auf. Schweigend saßen sie nebeneinander. Nach einer Weile sah er sie an, öffnete die Lippen, als wolle er etwas sagen, brach jedoch in Tränen aus. Charlotte schloss ihn in die Arme, strich ihm über den Rücken.

Bebend, sich mit beiden Händen an der Tasse festhaltend, blickte er die Fremde über den Tassenrand hinweg durch den aufsteigenden Dampf an.

Bevor er fragen konnte, wer sie war, legte sie sich den Zeigefinger an die Lippen. Dann stand sie auf, nahm einige Holzscheite aus einem Korb und entzündete im Kamin ein Feuer. Ein leises Knistern füllte bald den Raum. Die züngelnden Flammen warfen Licht und Schatten zugleich. Antoine beobachtete, wie Splitter weißer Glut vom Holz in die schwarze Asche fielen. Draußen vor den Fenstern hockten Dunkelheit und Kälte. Die Nacht hatte sich über alles gelegt. Bis auf den Himmel selbst. Dort schimmerte der zarte Glanz der Sterne.

 

In dieser Nacht gewann Charlotte einen neuen Sinn für Größenverhältnisse. Gleichsam wurde Antoine zu Charlottes liebstem und Charlotte zu Antoines einzigem Menschen.


2 

Das Leinen des Bettes roch nach frischer Luft. Zartgelbes Morgenlicht fiel durch die Ritze des Bastrollos, das es in hauchdünne Scheiben schnitt. Antoine blinzelte. Hülle um Hülle streifte sein Verstand den Schlaf ab. Schließlich öffnete er die schlafverschnürten Augen. Er sah sich um, und das eisige Bewusstsein überfiel ihn: Es war kein Traum. Seine Mutter war fort. Und er allein zurückgeblieben im Haus einer Fremden.

Hell war es im Raum. Zu hell für sein Befinden. Er schloss die Augen wieder und suchte nach der Dunkelheit, in der er sich verstecken, mit der er verschmelzen konnte.

 

Zum Glück begann es zu regnen. Tagelang regnete es. Die Feuchtigkeit kroch ins Haus. Antoine hockte am Ofen und stierte in die Flammen. Charlotte sah ihn aus dem Augenwinkel heraus an. Immer wieder kam ihr das Bild seiner Verbrennungen und Narben in den Sinn. Sie fühlte sich versucht, ihn danach zu fragen. Vielleicht weil sie hoffte, sie hätten nichts mit seiner Mutter zu tun. Doch sie schwieg.

 

Sosehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht, den Jungen aus seiner Abwesenheit zu locken. Er aß kaum. Magerte ab. Seine Wangenknochen traten immer schärfer hervor. Wochenlang hockte er stumm auf seinem Bett oder am Ofen, die Beine an den Brustkorb gezogen, die Stirn auf den Knien, und starrte in die Leere. Wie eine mit Stille gefüllte Seifenblase, die jederzeit zerplatzen konnte.

Wenn Charlotte anfangs etwas sagte, was sich auf jenen Tag bezog, an dem sie ihn gefunden hatte, fiel ein Schatten auf Antoines Gesicht, und eine tiefe Traurigkeit legte sich über alles. Er zog sich aus dem Gespräch zurück und kam ihr abhanden. Und weil der Schmerz, der sich in diesen Momenten zwischen und in ihnen ausbreitete, unerträglich war, blendete auch Charlotte die Erinnerung an diesen schrecklich kalten Wintertag irgendwann aus und stellte keine Fragen mehr.

 

Nur sehr langsam fand er sich in der neuen, fremden Atmosphäre zurecht. Eine Freundin riet Charlotte, einen Nervenarzt aufzusuchen. Charlotte runzelte daraufhin nur die Stirn und sagte: „Antoine ist doch nicht defekt. Seine Schale ist zerbrochen. Seine Seele verwundet. Da ist es doch ganz natürlich, dass er Zeit braucht.“

„Warum tust du dir das an, Charlotte?“

„Ich kenne ihn seit seiner Geburt.“

„Das ist nicht die Antwort auf meine Frage.“

„Ich habe ihn gewissermaßen mit zur Welt gebracht. Du erinnerst dich doch an jene Nacht. Die so schwarz war, dass nicht einmal der Mond gegen die Dunkelheit ankam.“

„Wer erinnert sich nicht daran? Du hast ihn damals gerettet. Ihn und seine Mutter. Du musst das nicht ein zweites Mal tun.“

„Jetzt rette nicht ich ihn. Er rettet mich“, sagte Charlotte und schwieg. Dann fuhr sie fort: „Mit Kindern rückt die Welt näher. Man kann sich ihr nicht mehr so einfach entziehen. Durch Antoine kehre auch ich wieder ein wenig in die Welt zurück, die mir selbst so fremd geworden ist.“

„Du bist erst zweiundzwanzig. Hast dich in deinem Leben schon durch genügend schwere Zeiten geschleppt. Warum jetzt wieder eine Last? Wenige verstehen, warum du das machst. Der Junge ist …“

„Wer in seinem Herzen keinen Platz für Antoine hat, für den habe ich in meinem Herzen keinen Platz“, unterbrach Charlotte die Freundin.

„Das ist es nicht. Die Leute haben Mitleid mit dir.“

„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Ich brauche niemanden, dem ich leidtue. Ich weiß, was ich mache. Es ist richtig. Für ihn. Und auch für mich.“

 

Die Tage und Wochen trugen die Einzelheiten davon. Und ein klein wenig von der Schwere. Charlotte ließ Antoine sein, wie auch immer er sich fühlte. Schlicht und anspruchslos redete sie mit ihm, ohne dass er sich in ein Gespräch gezwungen fühlte. Sie fragte, ohne Fragen zu stellen. Und spürte, dass ihm das guttat. Mit der Zeit gaben beide vor, die Aufschrift auf seiner Stirn vergessen zu haben, obwohl sie täglich daran dachten.

„Es gibt viele Menschen, die nicht die Familie haben, die sie verdienen“, sagte Charlotte. „Unsere eigene Geschichte ist nur eine von vielen.“


3 

Für Charlotte war das Leben nicht bloßer Zufall. Das wäre zu einfach, sagte sie. Hinter allem läge ein größerer Plan. Außerdem war sie überzeugt, dass wir – wenn wir wirklich wollten – dem Leben, in dem wir steckten, mit ein wenig Anstrengung und Ausdauer immer die gewünschte Gestalt geben könnten. Viele von uns wünschten sich einen anderen Anfang für ihre Geschichte. Doch wie auch immer dieser Anfang gewesen sein mochte, bevor er uns an ein schlechtes Ende führte, konnten wir die eigene Geschichte noch immer umschreiben.

 

Charlottes wiedererwachter Glaube daran, dass wir die Wahl haben, uns ein Schicksal auszulesen, egal, was uns bereits widerfahren ist, ließ nach und nach die Ohnmacht von Antoine abfallen und machte neuer Hoffnung Platz. Ließ ihn – der Wochen in der Vergangenheit eingefroren gewesen schien – auf wundersame Weise in die Realität zurückreisen und neuen Mut fassen.

Hin und wieder gab es zwar noch Tage, an denen er in seinen Erinnerungen gefangen war und sich durch das Eis seiner Vergangenheit kämpfte. Doch schließlich gelang es Charlotte mit ihrer Wärme, einen Ausgang daraus zu schmelzen. Und er fand zurück in eine Gegenwart, die eine Zukunft versprach.

 

Charlotte war eine schöne Frau. Ausdrucksvolle Gesichtszüge, lilienweiße Haut. Ihr Haar, je nach Licht in allen Laubfarben, fiel wie ein Wasserfall über ihre Schultern und zerstob auf Brust und Rücken. Hochgesteckt sah es aus wie ein Wollknäuel, den man einer Katze zum Spiel hingeworfen hatte. Leuchtende Augen, in grünem Oliv mit einem gelben Kranz um die Pupille. Jedes Lächeln kündigte sich als Fältchen um die Mundwinkel an – die aber nie ganz verschwanden. Sodass immer etwas Heiteres auf ihrem Gesicht lag, selbst wenn sie nachdachte oder nach Worten suchte. Ihre Arme lang und schlank. Ihre Hände schmal und grazil. Die Finger feingliedrig und flink. Unter ihren Kleidern zeichnete sich eine zierliche Figur ab, mit wohlgeformten Schultern, die an manchen Tagen vom Leben niedergedrückt schienen. Sie war eine herzliche Frau, doch in ihrer Moral ab und an etwas zu anstrengend, zwanghaft. Ein Mensch, der gern in der Burg seiner Ideale hauste.

Charlotte liebte die Sonne. Nicht jedoch knallhelle Sommertage. Das Gleißen nähme allem die Farbe, sagte sie. Ließ die Welt ausbleichen, das wahre Leben verblassen. Sei man zudem an hellen Tagen in dunkler Stimmung, fühlte es sich an, als läge die Sonne mit ihrem ganzen Gewicht auf einem. Auch mochte sie das Schweigen und die Stille der Dämmerung. Wenn sich das Leben schlafen legte und am frühen Morgen erwachte. Wenn in und über allem Frieden lag.

 

Bis zum Tag, an dem sie Antoine zu sich holte, hatte sie ihr Leben hingenommen als etwas, das noch irgendwie bis zum Ende durchzustehen war. Zwischen dem, was sie sich einst erträumt hatte, und dem, zu dem es bereits in jungen Jahren durch unglückliche Wendungen geworden war, hatte sie eine solche Kluft empfunden, dass sich die Mühe nicht mehr zu lohnen schien, diese schließen zu wollen. Antoine jedoch füllte Charlotte so aus, als wäre die innere Leere, wie auch die Kluft zwischen Träumen und Wirklichkeit, allein durch die Anwesenheit des kleinen Kerls auf einen winzigen, nicht mehr spürbaren Spalt geschrumpft.

 

Für Antoine war Charlotte anders als alles, was ihm bisher von der Welt zugeteilt worden war. Als Erstes fiel ihm an ihr auf, dass sie Menschen anders deutete, als seine Mutter es getan hatte. Seine Mutter war streng mit den Menschen. Charlotte war streng mit sich. Nie urteilte sie vorschnell über jemanden. „Das Urteil über einen Menschen wird ihm nie gerecht“, sagte sie.

Gleichsam lehrte sie Antoine, Gemeinheiten anderer Leute nicht auf sich zu beziehen. „Wenn dich jemand schlecht behandelt, ist das nicht dein Problem, sondern seines.“ Sie pflanzte einen fast unerschütterlichen Glauben an sich selbst in den Jungen. Machte ihm Mut, genau das Leben zu leben, das er leben wollte. Zu den Bedingungen, die er wünschte.

Sie kannte nicht alle Farben des Lebens, aber seine Schattierungen. Und schenkte Antoine eine Gegenwart, die in der Wüstenlandschaft seiner Seele erstmals Blumen blühen ließ. Eine Gegenwart, in der zum ersten Mal in seinem Leben eine Zukunft möglich wurde.

Clara Maria Bagus

Über Clara Maria Bagus

Biografie

Clara Maria Bagus hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Ihr Lebensweg führte sie über zahlreiche Kontinente. Dort begegneten ihr immer wieder Menschen auf der Suche nach sich selbst. In einer Welt, in der Orientierung schwer zu finden...

Pressestimmen
Burgenländerin (A)

„Ein aufwühlender, hochemotionaler Roman darüber, ob es im Leben so etwas wie falsche Entscheidungen überhaupt gibt.“

Tölzer Kurier

„Grandioser Roman über das Ankommen“

Seiwert Tipp (Newsletter)

„Mit großer sprachlicher Kraft und Weisheit erzählt Clara Maria Bagus die berührende Geschichte einer falschen Entscheidung, die das Leben dreier Familien für immer verändert.“

Für Sie

„Clara Maria Bagus erforscht liebevoll ›Die Farbe von Glück‹.“

weltbild.de

„Das passiert weise, ruhig, achtsam, respektvoll und hat dazu beigetragen, dass ich dieses Buch gerührt, traurig, mitleidend und leise lächelnd gelesen habe.“

Berner Zeitung (CH)

„Wer Romane mag, die Hoffnung wecken und ein großes Ganzes erahnen lassen, das im Hintergrund die Strippen zieht, für den ist ›Die Farbe von Glück‹ die passende Lektüre.“

Liebe dein Buch

Clara Maria Bagus erzählt mit klugen Worten und bis ins kleinste Detail über das Streben nach Glück und die Suche nach dem Sinn des Lebens ihrer Charaktere. Die innere Reise geht bis ins Tiefste der Seele.

hope23506

Die Autorin hat eine sehr schöne, fast schon poetische Art zu schreiben und man verliert sich in ihren Worten. Sie tragen einem durch das Buch und sind so klug, so überzeugend und so klar und einleuchtend

miks-magazin.com

„Clara Maria Bagus verpackt Jahrtausende alte Weisheiten in eine so fantastische Geschichte, die den Leser nicht nur für den Moment des Lesens in ihren Bann zieht, sondern ihn auch noch lange nachdem das Buch einen Ehrenplatz im Regal eingenommen hat verzaubert.“

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