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Die Akademie meines Lebens

Matze Hielscher
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Perspektiven von ziemlich außergewöhnlichen Menschen und einem Hund

„Gutes Hausmittel gegen diese Dauerkrise.“ - SWR2 „lesenswert Magazin“

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Die Akademie meines Lebens — Inhalt

WIE BIST DU GEWORDEN, WIE DU BIST?
WIE SCHAUST DU AUF DICH UND DIE WELT?
WIE KANN UNSER LEBEN WIEDER EINFACHER WERDEN?

„Perspektivwechsel heißt, sich in andere Menschen reinzuversetzen, die Welt durch ihre Augen zu betrachten und daraus im besten Fall etwas für die eigene Welt und das eigene Leben zu lernen. In diesem Buch sammle ich Erkenntnisse aus meinen Begegnungen im Hotel Matze, die für mich eindrückliche neue Perspektiven eröffnet haben. Es sind Begegnungen, die mir den Menschen als verdammt kompliziertes Wesen nähergebracht haben. Es sind Begegnungen mit dem Tod, der Natur, mit dem Glauben, der Liebe, der Kunst, mit Pferden, einem Hund und meinen eigenen Verhaltensweisen und Mustern.

Dieses Buch ist eine Einladung, dich mit meinen Gästen und mir ans Fenster zu stellen. Lass uns uns gemeinsam in den Glasscheiben spiegeln, dann ganz nah herantreten und schauen, was da draußen zu sehen ist. Manches wird dir gefallen, anderes nicht. Und wenn es richtig gut läuft, dann treten wir gemeinsam vor die Tür.

Schön, wenn du dabei bist. 

Dein Matze“

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 29.09.2022
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06395-1
Download Cover
€ 17,99 [D], € 17,99 [A]
Erschienen am 29.09.2022
320 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60216-7
Download Cover
„Gutes Hausmittel gegen diese Dauerkrise.“
SWR2 „lesenswert Magazin“
„Es sind wahnsinnig viele interessante Gedankenblöcke darin.“
Micky Beisenherz, „Apokalypse & Filterkaffee“
„Es sind Gesprächspassagen, die zu Porträts werden, Fragmente, die Matze Hielscher verdichtet, wie in einem Workshopbuch für Lebensführung. Aber doch stets mit einem Erkenntnisgewinn.“
Donna

Leseprobe zu „Die Akademie meines Lebens“

FERDINAND VON SCHIRACH

ÜBER SEIN VERSPRECHEN


Fünfzehn Minuten vor unserem Termin steht Ferdinand von Schirach vor dem Hotel-Studio und sieht ein bisschen überfordert aus. In seiner Hand hält er ein großes Smartphone, was überhaupt nicht zu ihm passen will. Ich öffne die Tür, begrüße ihn herzlich, er grüßt herzlich zurück: „Herr Hielscher, Ihr Hotel hat ja gar kein Klingelschild. Ich wollte gerade wieder fahren.“

Normalerweise würde man sich jetzt die Hand geben, doch die erste Coronawelle ist gerade vorbei, so gibt es keinen Handschlag mehr, aber immer [...]

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FERDINAND VON SCHIRACH

ÜBER SEIN VERSPRECHEN


Fünfzehn Minuten vor unserem Termin steht Ferdinand von Schirach vor dem Hotel-Studio und sieht ein bisschen überfordert aus. In seiner Hand hält er ein großes Smartphone, was überhaupt nicht zu ihm passen will. Ich öffne die Tür, begrüße ihn herzlich, er grüßt herzlich zurück: „Herr Hielscher, Ihr Hotel hat ja gar kein Klingelschild. Ich wollte gerade wieder fahren.“

Normalerweise würde man sich jetzt die Hand geben, doch die erste Coronawelle ist gerade vorbei, so gibt es keinen Handschlag mehr, aber immer ein bisschen Unbeholfenheit zu Beginn eines jeden Treffens. Ich halte die Faust hin, weiß aber schon, dass das so gar nicht passt. Es ist, wie so vieles zurzeit, eine Übersprungshandlung. Herr von Schirach tritt einen Schritt zurück, legt die Hände vor der Brust übereinander und verbeugt sich in japanischer Manier. Ja, so kann man es auch machen.

Es ist ziemlich heiß an diesem Tag. Von Schirach trägt den Anzug, den er meistens bei öffentlichen Auftritten trägt. Er ist dunkelblau und unauffällig, und ich frage mich, ob er einem überhaupt auffallen würde, wäre er nicht der berühmte Autor. Zwei Stunden haben wir für den Termin vereinbart. Von Schirach weiß überhaupt nicht, was man so lange zu besprechen haben könnte, und dabei gibt es da ja wirklich einiges: Seine Erzählbände Verbrechen, Schuld, Strafe sowie die Romane Der Fall Collini und Tabu sind internationale Bestseller geworden. Sein Theaterstück Terror zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Von Schirach schreibt in klaren, scharfen, kurzen Sätzen über jene Abgründe, die von einem Polizeiband abgesperrt werden müssen. Ein Vater, der seine Frau in Stücke zerlegt, eine Schwester, die ihren Bruder ertränkt. Dabei verurteilt von Schirach nie, schreibt über die Täter immer als Menschen. Er steht mit seiner Zigarette am Rand, ein bisschen entrückt von allem.

Doch da widerspricht er mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs: „Entrückt stimmt nicht.“ Seinen Platz sieht er zwischen den Stühlen. „Ich bin ganz gern allein, aber ich bin nicht einsam. Das sind zwei verschiedene Kategorien.“

Ich habe von Ferdinand von Schirach erfahren, wie er schreibt, warum er Angst vor Verarmung hat und was sein Versprechen ist.


SCHREIBEN IST DAS EIGENTLICHE

Ferdinand von Schirach verkörpert den Schriftsteller, wie ich ihn mir früher in der Schule vorgestellt habe. Rauchend, Kaffee trinkend, sehr langsam und bedacht sprechend und sich nur um eine Sache drehend: das Schreiben. In Kaffee und Zigaretten, meinem Lieblingsbuch von ihm, steht, dass das Schreiben das Eigentliche ist. Dieser eine Satz sagt im Grunde alles. Aber ich will mehr wissen.

„Meinen Sie damit eine Berufung?“

„Wenn man das Schreiben erklärt, wird es immer ein bisschen schwierig. Aber im Grunde genommen ist es so: Wenn Sie schreiben und das ernsthaft tun, dann geht es nur mit viel Disziplin. Das heißt, dass Sie feste Zeiten brauchen, in denen Sie schreiben, nicht nach Uhrzeit feste, aber Sie brauchen eine gewisse Anzahl an Stunden, die Sie schlicht am Schreibtisch sitzen. Und bei mir sind das am Tag zwischen drei und vier Stunden, und in dieser Zeit schreibe ich etwa eine DIN-A4-Seite.“

Von dieser einen DIN-A4-Seite war schon häufiger zu lesen. Es ist so schön simpel, und man denkt sich, klar, dass müsste ich doch auch hinbekommen, so eine Seite. Aber es ist mehr, denn sonst wäre es sicher nicht das Eigentliche.

„Diese Zeit, in der Sie schreiben, ist das Intensivste, was Sie am Tag erleben“, fährt von Schirach fort. „Denn dieses Schreiben bringt Sie in eine Geschichte und regt in Ihnen Gehirnareale an, mit denen Sie sonst nicht viel zu tun haben. Deswegen wird man so leicht süchtig danach. Nach diesen dreieinhalb oder vier Stunden ist das vorbei, und alles andere, was danach kommt, ist sehr viel blasser. Und das ist schwierig. Denn ein Schriftsteller macht trotzdem dieselben Dinge, er geht abends essen oder trifft jemanden, und es ist ganz nett. Aber das ist alles nur die Zeit zwischen dem Schreiben. Letztlich ist das Schreiben sein Zuhause. Obwohl es oft unfassbar anstrengend ist, obwohl er sich oft ärgert, weil er den ganzen Tag keinen einzigen guten Satz hinbekommt, obwohl er an irgendeiner Kleinigkeit verzweifelt – es ist trotzdem sein Zuhause, in das er immer wieder zurückkehrt.“


DER STRAFVERTEIDIGER UND DER SCHRIFTSTELLER

Von Schirachs Karriere als Schriftsteller begann ungewöhnlich spät, mit 45 Jahren. Doch es war schon seine zweite Karriere. Bevor Schirach in den Literaturhimmel aufstieg, arbeitete er als Strafverteidiger in Berlin. Auf den ersten Blick sind das zwei vollkommen unterschiedliche Berufe. Auf der einen Seite der bissige Anwalt, auf der anderen der sensible Schriftsteller. Aber diese beiden Berufe haben eine Sache gemeinsam, nämlich das Geschichtenerzählen.

„Ein Verteidiger erzählt die Geschichte seines Mandanten. Er erzählt, wie es zu dem Mord an seiner Frau gekommen ist. Und er schildert es so, dass die Richter die Geschichte dieses Mannes verstehen. Dass sie verstehen, wer er ist, warum er das getan hat und wie es dazu gekommen ist. Der Angeklagte wird natürlich trotzdem am Ende verurteilt, weil er seine Frau umgebracht hat. Er kann 15 Jahre kriegen oder lebenslänglich oder auch nur fünf Jahre ins Gefängnis kommen. Das hängt nicht zuletzt von der Geschichte des Verteidigers ab, denn das ist es, was er im Grunde genommen macht: Er erzählt Geschichten. Und ein Schriftsteller tut genau das Gleiche. Der Richter über dessen Geschichten sind allerdings nicht die fünf Richter vor Gericht, sondern es ist der Leser. Und der sagt im besten Falle: ›Diese Geschichte gefällt mir, die verstehe ich, sie berührt mich in irgendeiner Weise.‹ Und dieses Berühren ist das Gleiche, was Strafverteidiger vor Gericht tun müssen. Richter verurteilen milder, wenn sie die Geschichte rührt.“

Rund 600 Menschen hat von Schirach verteidigt. Oder anders gesagt: 600 Geschichten hat er vor Gericht erzählt.


DIE ANGST VOR DER VERARMUNG

Anfangs versuchte Ferdinand von Schirach noch, beides zu machen. Tagsüber arbeitete er als Strafverteidiger, nachts schrieb er. Die ersten Interviews fanden in seiner Kanzlei zwischen Aktenordnern statt. Nach einer Lesung brach er in einer Hotellobby zusammen. Da wusste er, dass er nicht mehr beides sein kann. Der Grund dafür, dass es erst dazu kommen musste und auch, dass er erst recht spät mit dem Schreiben anfing, war die Angst, dass er als Schriftsteller verarmen würde.

„Die meisten Menschen haben ein Urvertrauen, dass schon irgendwie alles gut gehen wird. Bei mir ist es eher andersrum: Es wird auf jeden Fall schiefgehen.“

„Ich hatte Depressionen, und ein Teil von Depressionen ist immer Verarmungsangst. Das ist einfach so. Ich habe es damals nicht gewusst. Man glaubt, dass diese Ängste real begründet sind und dass man zwangsläufig verarmen würde, wenn man diesen Beruf, der einem jetzt Freude macht und der einen erfüllen würde, ergreift. Davon war ich eine ganze Weile überzeugt. Erst viel später habe ich verstanden, dass es diesen Zusammenhang zwischen Depression und Verarmungsangst gibt. Ich habe das heute noch. Ich habe heute noch oft Sorge, dass morgen früh kein Mensch mehr irgendwas lesen möchte oder ins Theater gehen möchte oder einen Film anschauen möchte, der irgendetwas mit mir zu tun hat. Dann ist es vorbei, und ich muss unter der Brücke schlafen. Das ist immer da. Aber mittlerweile weiß ich damit umzugehen.“

Sein Fazit scheint zu sein, dass er nun Tag und Nacht Schriftsteller ist. Jedes Jahr kommt ein Buch von ihm raus, manchmal auch zwei. Nach seinen erfolgreichen Theaterstücken und den Verfilmungen seiner Bücher schreibt er nun auch Drehbücher für Serien.


DIE LEBENSLINIEN

Bei vielen Gästen – nicht bei allen – habe ich das Gefühl, dass sie in diesem Augenblick beruflich genau das machen, was sie machen müssen, dass sie genau da sitzen, wo sie sitzen müssen. Man kann sich keinen anderen Platz für sie vorstellen. In solchen Momenten frage ich mich, wie vorgezeichnet ein Leben sein kann, ob es so etwas wie eine Landkarte gibt, deren Wege wir entschlüsseln und gehen müssen. Was denkt Ferdinand von Schirach darüber?

„Im Grunde genommen ist es doch so, dass wir unsere Lebenslinien nicht erkennen, während wir etwas tun, sondern immer erst im Nachhinein, in der Rückschau. Heute kommt es mir so vor, als wäre die Zeit, in der ich als Anwalt gearbeitet habe, nur einer der schon beschriebenen Zwischenschritte zwischen dem Eigentlichen, also dem Schreiben. Ich habe vorher geschrieben, und ich schreibe jetzt. Die Zeit als Anwalt war interessant, ich möchte das überhaupt nicht missen! Ich habe sehr viel gelernt, viele tolle Menschen kennengelernt und interessante Erkenntnisse gewonnen, aber es ist nicht das Wesentliche gewesen.“

Sicher, es ist einfacher zu sagen, dass man das machen sollte, was einen erfüllt, wenn man selbst etwas macht, was einen erfüllt und das einem gleichzeitig seinen Lebensunterhalt einbringt. Dieses Privilegs sind wir uns beide während des Gesprächs bewusst. Trotzdem empfiehlt von Schirach, sich nicht nach dem Geld zu richten: „Wenn man jung ist und seinen beruflichen Weg beginnt, entscheidet man sich oft dafür, etwas zu machen, mit dem man Geld verdient. Tatsächlich zeigt das Leben, dass es genau umgekehrt ist: Wenn Sie das tun, was Sie gern tun möchten, bei dem Sie merken, das können Sie auch ganz gut, und es ist mehr Berufung als Beruf, dann kommt das Geld automatisch.“


WANN EMPFINDEN SIE IHRE ARBEIT ALS GELUNGEN?

Am Anfang unseres Gesprächs saßen wir noch an dem großen Tisch, an dem ich mit allen Gästen sitze. Ich hatte mir vorher schon gedacht, dass es für den Dauer-Raucher nicht leicht werden wird. Nach 30 Minuten war es so weit: Wir zogen zum Fenster um. In einer Hand hält von Schirach nun das Mikrofon, in der anderen fast ununterbrochen eine Zigarette. Draußen laufen Menschen vorbei und sehen uns im Fenster sitzen. Seine Zigaretten holt er aus einem Etui, er benutzt ein schweres Feuerzeug, um sie anzuzünden, vermutlich hat er es schon viele Jahre in seiner Tasche. In den Dokumentationen über ihn sieht man ihn in Zwischenszenen immer irgendwo stehen und rauchen oder ganz, ganz langsam gehen. Alles, was er macht, macht er extrem bedacht, manchmal hat man das Gefühl, er selbst sei eine Romanfigur, ein Schriftstellerdarsteller, verkleidet wie ein Autor vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wie Mann, Kästner oder Brecht. Jetzt weiß ich auch, warum sein Smartphone nicht zu ihm passt.

Ich schaue auf meinen Fragenzettel: „Wann hatten Sie als Schriftsteller zum ersten Mal das Gefühl, dass Sie das gut können, dass Ihnen das gelingt?“

„Das habe ich bis heute nicht.“

„Das war natürlich klar, dass diese Antwort kommt.“

„Nein, nein. Das ist keine Bosheit. Ich habe jetzt, glaube ich, elf Bücher geschrieben, und ich würde sagen, in jedem Buch sind zwei, drei richtig tolle Sätze.“

Er macht eine Pause und blickt aus dem Fenster. Dann fasst er zusammen, was einen Schriftsteller seiner Meinung nach ausmacht: „Wenn Sie ganz in sich ruhen und ein glücklicher, zufriedener Mensch sind, können Sie kein Schriftsteller sein, denn dann haben Sie kein Bedürfnis, eine Welt zu erfinden. Die meisten Menschen, die Kunst auf einem professionellen Niveau herstellen – nehmen Sie Lars Eidinger, Anselm Kiefer, nehmen Sie Benjamin von Stuckrad-Barre –, all diese Leute sind mit ihrem Blick auf die Welt und mit ihrer Existenz und mit dem, was sie ausmacht, im Grunde nicht zufrieden. Man versucht in einem Buch, wahrhaftig zu sein. Man versucht, die Dinge zu erklären. Man versucht, sich selbst mit diesem Buch die Welt klarer zu machen. Aber es gelingt nicht, also schreibt man das nächste Buch. Aber man ist nie ganz zufrieden. Diesen Fall gibt es nicht.“

Die Unzufriedenheit ist der Motor, da helfen auch keine zehn Millionen verkaufte Bücher. Er erzählt von seinem Freund Anselm Kiefer, der, obwohl er schon so viel hergestellt hat, immer noch auf der Suche nach dem einen vollendeten Werk ist. „Und diese Vollendung von etwas, dieser Augenblick, der dann verweilen soll, weil alles einmal perfekt ist – nach dem strebt man, aber den kriegt man nie hin. Wenn Sie es ernsthaft betreiben und nicht Töpferkunst machen – nichts gegen Töpferkunst, aber wenn es etwas mehr ist –, werden Sie niemanden finden, der über sein eigenes Werk sagt: ›Das ist wirklich gelungen.‹“


SIE MÜSSEN SICH SELBST BERÜHREN

Am Tag vor unserem Gespräch habe ich mit Benjamin von Stuckrad-Barre telefoniert. Ferdinand von Schirach und er kennen sich sehr gut, sie sind Freunde. Benjamin erzählte mir, dass von Schirach sofort den Laptop aufklappt und weiterschreibt, wenn Benjamin bei einem Treffen nur mal kurz auf die Toilette muss. Meistens sitzt von Schirach im Kaffeehaus Manzini, seit Beginn der Pandemie ist sein Stammplatz draußen unter einem Heizpilz.

„Man muss wirklich für den Leser schreiben. Wenn man genau nachdenkt, welche Kriterien es für Kunst gibt, dann kommt man relativ schnell drauf, dass es nicht darum geht, die schönsten Worte zu benutzen oder den gedrechseltsten Satz. Es geht darum, dass Worte wahr sein müssen, dass sie dreidimensional sein müssen, dass sie ein eigenes Gewicht haben. Wie ›Wasser‹ oder ›Sommer‹ oder ›Wagen‹. Das einzige Kriterium, um das es geht, ist, dass die Worte den Menschen berühren. Alles andere ist zweitrangig. Alles andere kann ganz schön sein, kann interessant sein oder auch blöd, aber das Berühren eines Menschen, das ist es, worum es geht. Wenn Sie jemanden nicht berühren mit dem, was Sie machen, taugt es nichts. Und ob es das tut, ist relativ einfach herauszufinden: Es muss einen selbst berühren. Wenn Sie das Gefühl haben, diese Geschichte ist eine belanglose Geschichte, sie berührt mich überhaupt nicht, ich empfinde nichts, während ich sie lese oder sie schreibe, hat sie keinen Sinn. Das ist der wesentliche Punkt. Aber wie schafft man es, dass sie jemanden berührt? Nicht so, wie Sie glauben. Wenn Sie schreiben, dass eine junge Frau sehr lange weint, sich regelrecht die Augen aus dem Kopf heult, berührt das keinen Menschen. Wenn Sie aber beschreiben, warum das so ist, kann es jemanden berühren.“


WAS IST IHR VERSPRECHEN?

Über sich selbst reden möchte Herr von Schirach ungern. Während andere Gäste Beispiele aus ihrem eigenen Leben nutzen, um das Gesagte zu verbildlichen, nutzt er die Weltgeschichte. Ich ärgere ihn ein bisschen und nenne ihn „Ferdinand von Beispiel“. Ein wenig näher will ich ihm aber doch kommen und spreche ihn auf die ersten Zeilen in „Kaffee und Zigaretten“ an. Es ist sein bisher persönlichstes Buch.

The woods are lovely, dark and deep

but I have promisses to keep

and miles to go before I sleep

and miles to go before I sleep.

Diese Zeilen stammen aus dem Gedicht „Stopping by Woods on a Snowy Evening“ von Robert Frost und stehen da, davon kann man bei von Schirach ausgehen, nicht grundlos. Ich möchte wissen, was sein Versprechen ist.

„Wenn man mit so einem Namen wie meinem geboren wurde, dann fängt man sehr früh an, sich damit auseinanderzusetzen, was man alles nicht will und was im Leben keinen Platz haben soll.“

Sein Großvater Baldur von Schirach war einer von Hitlers engsten Vertrauten. Als Kind wusste Ferdinand nicht, was sein Opa verbrochen hat, die Familie sprach nicht darüber. Erst im Internat und aus den Geschichtsbüchern hat er erfahren, dass sein Großvater als Gauleiter in Wien 60.000 Juden deportieren ließ.

„Sie haben sicher schon gemerkt, dass es für mich nicht einfach ist, über mich selbst zu sprechen. Aber vielleicht kann ich es so sagen: Wenn meine Bücher überhaupt eine Bedeutung haben sollten, dann ist es die, dass ich immer versuche, die Würde des Menschen zu wahren. Und deshalb sind meine Geschichten auch so geschrieben, wie sie geschrieben sind. Weil ich tatsächlich die Würde des Menschen für die entscheidendste Erfindung der Menschheit halte. Ein Mensch darf nicht zu einem Objekt gemacht werden, er bleibt immer ein Subjekt, und er bleibt immer menschlich, wenn Sie es so einfach sagen wollen. Und das ist das Versprechen, das ich persönlich erfüllen möchte. Denn die Würde oder die Forderung nach Würde ist ja nichts anderes als ein Versprechen an die Menschheit.“

Vermutlich ist das zu küchenpsychologisch, doch vielleicht versucht er mit seinen vielen Büchern, dem Namen „von Schirach“ noch eine andere Bedeutung zu geben. Ich ärgere mich, dass ich ihm diese Frage nicht gestellt habe.

Über Matze Hielscher

Biografie

Matze Hielscher ist Mitbegründer des erfolgreichen digitalen Stadtmagazins Mit Vergnügen. Seit 2016 geht er außerdem im Hotel Matze und in weiteren Formaten seiner großen Podcast-Leidenschaft nach. Matze Hielscher wuchs in einem Dorf in Brandenburg auf und war früher Bassist der Indieband Virginia...

Zitate der Interviewpartner:innen aus dem Podcast „Hotel Matze“

„Mach dir Gedanken über ein Thema, wenn es so weit ist.“ – Kurt Krömer

„Du musst den Sinn für dich aus dir selbst rausholen. Das Wissen, ob du Scheiße gebaut hast oder nicht und ob du gerade ganz gut unterwegs bist oder nicht, das muss von dir selbst kommen.“ – Campino

„Ich will kompromisslos meinen Quatsch machen und nichts, worauf ich keine Lust habe.“ – Felix Lobrecht

„Das muss sich ändern, es muss Frauen auch einfach mal scheißegal sein dürfen, wenn irgendwo ein Konflikt ist. Diese Fähigkeit, manchmal was einfach sein zu lassen, braucht man, wenn man gut durchs Leben kommen will.“ – Margarete Stokowski

„Lasst uns Frauen in Machtpositionen bringen, am Ende haben wir alle was davon. Vor allem die Männer, die sich sonst abschlachten wie die letzten Idioten.“ – Fahri Yardim

Pressestimmen
SWR2 „lesenswert Magazin“

„Gutes Hausmittel gegen diese Dauerkrise.“

Micky Beisenherz, „Apokalypse & Filterkaffee“

„Es sind wahnsinnig viele interessante Gedankenblöcke darin.“

Donna

„Es sind Gesprächspassagen, die zu Porträts werden, Fragmente, die Matze Hielscher verdichtet, wie in einem Workshopbuch für Lebensführung. Aber doch stets mit einem Erkenntnisgewinn.“

tobi.and.books

„Wer den Podcast genauso gerne hört wie ich macht mit dem Buch absolut nichts falsch und wem sonst Folgen die nicht selten unter 2 Stunden gehen zu lang sind, hat hier eine ideale Abkürzkung.“

alliteratus.com

„Akademien dienen der Förderung und Vertiefung von Forschung und Kunst – hier ist es vor allem eine Erweiterung des Horizontes.“

Kölner Stadt-Anzeiger Newsletter

„Hielscher kommt seinen Gästen so nah, dass man danach das Gefühl hat, sie sehr gut zu kennen. Ein tolles Buch!“

Kamikaze Radio

„Dieses Buch ist mal um einiges mehr, als einfach ein paar Auszüge seiner Interviews in ein Buch zu packen. Wir erfahren einiges um das drum herum und seine Motivation, mit der er den Menschen in diesem Buch begegnet. Ein tolles, wichtiges Buch.“

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