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Deadly Ever AfterDeadly Ever After

Deadly Ever After

Roman

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Deadly Ever After — Inhalt

Vor zehn Jahren entkam Sasha nur knapp einem Serienkiller, der mehrere Frauen auf bestialische Weise hingerichtet und als Bräute drapiert hat. Schwer traumatisiert verließ sie ihre Heimat und brach alle Kontakte ab. Doch nun kehrt sie zurück, um ihrer Mutter im Hotel zu helfen. Als Sasha ihren attraktiven Exfreund Cole, mittlerweile FBI-Agent, wiedersieht, verspürt sie sofort heißes Herzklopfen. Und Cole hat auf sie gewartet. Doch bevor die beiden ihre Sehnsucht stillen können, wird eine tote Frau geborgen. Genau dort, wo der Serienkiller vor zehn Jahren seine Leichen deponierte …

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Vanessa Lamatsch
416 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31173-1
Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Vanessa Lamatsch
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97847-7

Leseprobe zu »Deadly Ever After«

Prolog

Es gab Regeln. Regeln, die nicht gebrochen werden durften. Aber dieses eine Mal war es geschehen. Und verdammt, es würde wieder passieren. Es spielte keine Rolle, dass die Situation bis jetzt unter Kontrolle gewesen war. Es spielte keine Rolle, dass die Regeln bislang befolgt worden waren und befolgt werden mussten. Jetzt war alles anders.

Denn sie war zurückgekommen.

Und sie würde wieder alles ruinieren.

Der zusammengekauerte, jämmerliche Schatten in der Ecke begann zu wimmern. Die Frau war wach. Endlich. Es machte bei Weitem nicht so viel Spaß, [...]

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Prolog

Es gab Regeln. Regeln, die nicht gebrochen werden durften. Aber dieses eine Mal war es geschehen. Und verdammt, es würde wieder passieren. Es spielte keine Rolle, dass die Situation bis jetzt unter Kontrolle gewesen war. Es spielte keine Rolle, dass die Regeln bislang befolgt worden waren und befolgt werden mussten. Jetzt war alles anders.

Denn sie war zurückgekommen.

Und sie würde wieder alles ruinieren.

Der zusammengekauerte, jämmerliche Schatten in der Ecke begann zu wimmern. Die Frau war wach. Endlich. Es machte bei Weitem nicht so viel Spaß, wenn sie während meiner Bemühungen bewusstlos waren. Planung erforderte Geduld, und Geduld war eine Tugend, über die man erst nach Jahren des Wartens verfügte.

Blutige, dreckige Seile umschlossen die Knöchel und Handgelenke der Frau. Als sie langsam den Kopf hob und ihre Lider flatternd öffnete, drang ein überraschter Schrei aus ihrer Kehle, und in diesem Schrei lag blankes Entsetzen. Man sah es an ihren weit aufgerissenen, glasigen Augen.

Sie wusste es. O ja, sie wusste, dass sie diesen Raum nicht wieder verlassen würde. Sie wusste, dass der Sonnenschein von heute Morgen, als sie zur Arbeit aufgebrochen war, der letzte ihres Lebens sein würde. Sie wusste, dass sie zum letzten Mal frische Luft geatmet hatte.

Schwaches, künstliches Licht war alles, was ihr jetzt noch blieb. Der dumpfe, erdige Geruch ihres Gefängnisses würde sie bis zum letzten Atemzug begleiten, würde sich in ihren Poren einnisten und in ihre Haare einziehen.

Das hier war ihr letzter Aufenthaltsort.

Die Frau ließ den Kopf gegen die feuchte Ziegelmauer sinken. Der ängstliche Ausdruck in ihren Augen ging in etwas Flehendes über. So war es immer. Und es war so verdammt vorhersehbar. So sinnlos. Denn hier gab es keine Hoffnung mehr. Sobald die Frauen einmal hier waren, gab es keine Rettung mehr.

Schritte erklangen über ihrem Kopf. Eine Sekunde später war entferntes Lachen zu hören. Die Frau starrte an die Decke. Sie versuchte, um Hilfe zu rufen, zu schreien, brachte aber nur ein jämmerliches Wimmern zustande.

Ihre Stimme erstarb, als dämmriges Licht auf einer scharfen Klinge glänzte.

Sie schüttelte den Kopf mit Nachdruck, sodass die schlaffen blonden Strähnen um ihr Gesicht flogen. Tränen füllten ihre braunen Augen.

»Es ist nicht deine Schuld.«

Ihre Brust hob und senkte sich in angestrengten Atemzügen.

»Wenn sie nicht zurückgekommen wäre, wäre dir das vielleicht erspart geblieben. Es ist ihre Schuld.« Es folgte ein kurzer Moment der Stille, in dem der Blick der Frau das Messer musterte. »Sie hat sich mit mir angelegt und ich werde mich auf die unangenehmste Weise an ihr rächen.«

Diesmal würde es enden, wie es immer enden sollte. Sie würde sterben, aber zuerst würde sie dafür bezahlen.

Für alles.

Kapitel 1

Mein Herz begann zu rasen, als ich in den Rückspiegel blickte. Meine braunen Augen waren weit aufgerissen. Ich wirkte vollkommen verängstigt … und das war ich auch.

Ich atmete tief durch, schnappte mir die Handtasche und öffnete die Tür des Honda, um auszusteigen. Als ich sie wieder zudrückte, glitt kalte Luft unter meinen dünnen Pulli. Ich atmete tief durch. Um mich herum roch es nach frisch gemähtem Gras.

Ich trat einen Schritt auf die Pension zu, in der ich aufgewachsen war, die ich jedoch seit Jahren nicht mehr besucht hatte. Sie sah noch immer aus wie in meiner Erinnerung. Die leeren Schaukelstühle auf der vorderen Veranda wiegten sich leicht im Wind. Doch die buschigen Farne, die im Frühling und im Sommer vor dem Vorbau gewachsen waren, waren verschwunden. Die Schindeln an der Wand leuchteten in frisch gestrichenem Weiß. Waldgrüne Fensterläden und …

Mein Mund wurde trocken. Eine Gänsehaut glitt über meine Arme und sorgte dafür, dass sich die dünnen blonden Haare in meinem Nacken aufstellten. Ein schreckliches, surreales Gefühl ergriff von mir Besitz und mein Atem stockte.

Das Gefühl glitt wie eine schlüpfrige und etwas zu grobe Liebkosung über meine Wirbelsäule nach unten. Mein Nacken brannte, wie er es immer getan hatte, wenn er hinter mir saß …

Ich wirbelte herum und ließ meinen Blick über den Vorgarten wandern. Hohe Hecken umrahmten das Grundstück. Es lag ein gutes Stück von der Queen Street entfernt – der Hauptstraße der Stadt –, doch ich konnte die Autos hören. Niemand war in der Nähe. Ich drehte mich einmal im Kreis. Kein Mensch hielt sich auf der Veranda oder im Hof auf, auch wenn vielleicht jemand am Fenster der Pension stand. Aber hier draußen war ich allein, egal, wie sehr mein Puls raste oder mich meine Instinkte warnten.

Ich konzentrierte mich erneut auf die grüne Hecke. Sie war so dicht, dass sich leicht jemand dahinter verstecken konnte, um mich zu beobachten und darauf zu warten, dass …

»Hör auf.« Ich ballte die Hand zur Faust. »Du leidest unter Paranoia und benimmst dich dämlich. Hör einfach auf. Niemand beobachtet dich.«

Doch mein Herzschlag beruhigte sich nicht. Stattdessen breitete sich ein Zittern über meinen Körper aus. Ich reagierte, ohne nachzudenken.

Und verfiel in Panik.

Die Angst versenkte ihre eisigen Klauen tief in meinen Eingeweiden. Ich rannte von meinem Auto in die Pension. Alles sauste verschwommen an mir vorbei, als ich durch den Eingangsbereich hastete, die Haupttreppe erreichte und einfach weiterlief, bis in den obersten Stock.

Dort, in dem stillen, schmalen Flur vor den Wohnungen über der Pension, ließ ich meine Tasche fallen. Ich war außer Atem und mir war schlecht, als ich mich keuchend vorbeugte und meine Hände auf die Knie stützte.

Ich war gerannt, als würde ich von den Dämonen der Hölle gejagt.

So hatte ich mich auch gefühlt.

Das hier war ein Fehler.

»Nein«, flüsterte ich in Richtung Decke. Ich setzte mich, lehnte mich gegen die Wand und rieb mir das Gesicht. »Das ist kein Fehler.«

Ich ließ die Arme sinken und zwang mich, die Augen zu öffnen. Natürlich reagierte ich heftig darauf, nach Hause zurückzukehren. Kein Wunder, nach allem, was geschehen war.

Als ich von hier verschwunden war, hatte ich geschworen, niemals wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen.

Doch sag niemals nie.

Ich konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich hier war; dass ich getan hatte, was ich niemals hatte tun wollen.

Als Kind war ich davon überzeugt gewesen, dass es in unserer Pension spukte. Wie sollte es anders sein? Das Herrenhaus im georgianischen Stil mit dem angrenzenden Kutschenhaus war älter als die Zeit. Früher hatte es einmal zur Underground Railroad gehört. Gerüchten zufolge war es nach der Schlacht am Antietam mit verletzten und sterbenden Soldaten gefüllt gewesen.

Nachts knarrten die Bodendielen auf unheimliche Art. In gewissen Räumen gab es kalte Stellen, die sich einfach nicht erwärmen ließen. Besonders die alte, schlecht beleuchtete Dienstbotentreppe, die vom ersten Stock in die Küche führte, hatte mir als Kind unglaubliche Angst eingejagt. Dort huschten ständig Schatten über die tapezierten Wände. Wenn es wirklich Geister gab, dann sollte diese Pension, die Scharlachrote Dirne, voll davon sein. Und selbst mit neunundzwanzig, als erwachsene Frau, war ich immer noch davon überzeugt, dass es hier von Gespenstern nur so wimmelte.

Doch inzwischen ging es um eine andere Art von Gespenst.

Was in diesen schmalen Fluren im oberen Stockwerk sein Unwesen trieb, auf Zehenspitzen über die geschliffenen Dielen schlich und sich in den dämmrigen Treppenhäusern verbarg, war die Sasha Keeton von vor zehn Jahren, bevor … bevor der Bräutigam in die Stadt gekommen war, in der sonst nie etwas geschah.

Bis er alles zerstört hatte.

Seufzend stand ich auf und sah den Flur entlang.

Vielleicht wäre ich nicht so ausgetickt, wenn ich nicht bei der Abfahrt von der Interstate die Nachricht im Radio gehört hätte, dass eine Frau aus Frederick verschwunden war. Ich hatte nur ihren Nachnamen mitbekommen: Banks. Sie arbeitete als Krankenschwester im Memorial Hospital. Ihr Ehemann hatte sie zuletzt am Morgen gesehen, als sie zur Arbeit aufgebrochen war.

Mein Atem stockte und ein kalter Schauder lief über meinen Rücken. Frederick lag nicht weit von Berkeley County entfernt. An Tagen ohne viel Verkehr dauerte die Fahrt nur ungefähr eine Dreiviertelstunde. Meine Fingerspitzen waren eiskalt, als ich meine Hände langsam öffnete und wieder zu Fäusten ballte.

Eine vermisste Person war schrecklich, traurig und unendlich tragisch, aber mehrere vermisste Personen waren eine grauenhafte, große Sache und bildeten ein Muster.

Ich fluchte leise und unterdrückte den Gedanken. Die vermisste Frau hatte nichts mit mir zu tun. Offensichtlich. Gott wusste, dass ich nur zu gut verstand, wie traumatisch das Verschwinden einer Person sein konnte, und ich hoffte wirklich, dass sie gesund und munter gefunden wurde …

Das hatte nichts mit mir zu tun.

Oder mit dem, was vor zehn Jahren geschehen war.

Der frische Januarwind zerrte urplötzlich am Dach des Hauses und erschreckte mich. Das Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich war so schreckhaft wie eine Maus in einem Raum voller hungriger Katzen. Das hier war …

Mein Handy klingelte und entriss mir den Gedanken. Ich beugte mich vor und wühlte in meiner großen Beuteltasche herum, bis meine Finger die glatte Oberfläche fanden und das Handy herauszogen. Dann zuckten meine Mundwinkel kurz, als ich erkannte, wer der Anrufer war.

»Sasha«, sagte Mom, kaum dass ich abgehoben hatte. Ihr Lachen zauberte ein breites Lächeln auf mein Gesicht. »Wo in aller Welt bist du? Ich habe dein Auto vor der Tür gesehen, kann dich aber nirgends finden.«

Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse, auch wenn sie es nicht sehen konnte. »Ich bin oben. Ich bin aus dem Auto gestiegen und wollte reinkommen, aber ich …«

Ich wollte die Worte nicht aussprechen, wollte nicht zugeben, wie verunsichert ich war.

»Soll ich hochkommen?«, fragte Mom sofort.

Ich presste die Augen zu. »Nein. Jetzt geht es mir gut.«

Es folgte ein kurzer Moment der Stille. »Sasha, Liebes, ich …« Moms Stimme verklang, und ich fragte mich, was sie hatte sagen wollen. »Ich bin froh, dass du endlich wieder zu Hause bist.«

Zu Hause.

Die meisten Neunundzwanzigjährigen würden es als Versagen betrachten, nach Hause zurückzukehren – aber für mich bedeutete es genau das Gegenteil. Nach Hause zu kommen war ein Erfolg, eine Leistung, die viel Kraft erfordert hatte. Ich öffnete die Augen wieder und unterdrückte ein Seufzen. »Ich komme gleich runter.«

»Das hoffe ich.« Sie lachte wieder, doch es klang zittrig. »Ich bin in der Küche.«

»Okay.« Ich umklammerte das Handy fester. »Ich bin in ein paar Minuten da.«

»In Ordnung, Liebes.« Mom legte auf und ich ließ das Handy wieder in meine Tasche fallen.

Für einen Moment stand ich wie angewurzelt da, dann nickte ich einmal. Es wurde Zeit.

Es wurde wirklich Zeit.

 

Der Anblick haute mich fast um.

Die Pension sah überhaupt nicht mehr so aus wie in meiner Erinnerung. Ich wanderte durch den Eingangsbereich, vollkommen vor den Kopf gestoßen von den Veränderungen der letzten zehn Jahre.

Mit der Tasche in der Hand schritt ich langsam durch das Erdgeschoss. Die Vasen mit künstlichen Orchideen waren neu. Die alten Stühle neben dem Empfangstresen waren verschwunden. Zwei ehemals große Zimmer waren zu einem riesigen Raum verbunden worden. Sanfte graue Farbe hatte die Blumentapeten ersetzt. Die traditionellen Stühle mit den Samtpolstern waren gegen grün-weiße Lehnsessel ausgetauscht worden, die sich um die Couchtische in der Nähe des Tresens verteilten. Die Ziegelmauer um den Kamin war freigelegt und weiß gestrichen worden.

Eine weitere Überraschung erwartete mich, als ich den Speisesaal der Pension betrat. Verschwunden war der große und wenig einladende Tisch, der alle Gäste dazu gezwungen hatte, zusammen zu essen. Stattdessen standen fünf runde Tische mit weißen Tischtüchern im großen Raum. Auch hier war, wie im Eingangsbereich, der Kamin freigelegt und gestrichen worden und die Flammen flackerten hinter einer Glasplatte. Eine Getränkestation war gegenüber aufgebaut worden.

Die Scharlachrote Dirne war endlich im 21. Jahrhundert angekommen.

Hatte Mom die Renovierung mir gegenüber irgendwann einmal erwähnt? Wir hatten oft telefoniert und Mom hatte mich in den letzten Jahren regelmäßig in Atlanta besucht. Sie musste davon gesprochen haben. Wahrscheinlich hatte sie es tatsächlich getan, doch ich neigte dazu, auf Durchzug zu schalten, wenn es um die Stadt ging – und anscheinend hatte ich einiges ausgeblendet.

Die Erkenntnis war wichtig, weil ich jetzt wusste, dass ich mich zu sehr von den Geschehnissen abgeschottet hatte.

Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle und Tränen brannten in meinen Augen. »O Gott«, murmelte ich, blinzelte schnell und fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen. »Okay. Reiß dich zusammen.«

Ich zählte bis zehn, räusperte mich und nickte einmal. Ich war bereit, meine Mom zu sehen. Ich konnte das schaffen, ohne zu heulen wie ein Kleinkind.

Sobald ich mir sicher war, dass ich keinen totalen Zusammenbruch erleiden würde, setzte ich mich wieder in Bewegung. Der Duft von gebratenem Fleisch führte mich in den hinteren Teil des Hauses. Die Schiebetür mit der Aufschrift Nur FÜR Personal war geschlossen. Als ich die Hand danach ausstreckte, wurde ich zurück in die Vergangenheit katapultiert. Plötzlich sah ich mich, wie ich am ersten Tag des Kindergartens durch diese Tür gestürmt war und mich in die Arme meines Vaters geworfen hatte, ein gemaltes Bild in der Hand. Ich erinnerte mich, wie ich mit zum ersten Mal gebrochenem Herzen durch diese Tür geschlurft war, weil Kenny Roberts mich auf dem Spielplatz mit dem Gesicht voran in den Matsch geschubst hatte. Ich sah mich selbst mit fünfzehn, in dem Wissen, dass mein Vater nie wieder auf mich warten würde.

Und ich sah mich, wie ich den Jungen, den ich im Einführungskurs Wirtschaft getroffen hatte, durch genau diese Tür führte, um ihm meine Mom vorzustellen. Mein Herz machte einen Sprung und riss mich damit aus den Erinnerungen.

»Himmel«, stöhnte ich und vertrieb den Gedanken in meinem Hirn, bevor das Bild dieser fahlblauen Wolfsaugen vor meinem Geist aufsteigen konnte. Denn wenn das geschah, würde ich die nächsten zwölftausend Jahre an ihn denken, und das konnte ich im Moment wirklich nicht brauchen. »Ich bin so kaputt.«

Ich schüttelte den Kopf, dann schob ich die Tür auf. Der Kloß in meinem Hals kehrte mit aller Macht zurück, als ich Mom hinter der Arbeitsplatte aus poliertem Stahl entdeckte, genau an der Stelle, wo Dad immer gestanden hatte, bis ein heftiger unangekündigter morgendlicher Herzinfarkt ihn dahingerafft hatte.

Ich vergaß die Angst, die ich die ganze lange Fahrt über empfunden hatte, vergaß, was ich im Radio gehört hatte, und fühlte mich, als wäre ich wieder fünf Jahre alt.

»Mom«, krächzte ich und ließ die Tasche auf den Boden fallen.

Anne Keeton trat hinter der Arbeitsfläche hervor. In meiner Eile, sie zu erreichen, stolperte ich. Es war ein Jahr her, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Letzte Weihnachten war Mom nach Atlanta gekommen, weil sie gewusst hatte, dass ich immer noch nicht bereit war, sie hier zu besuchen. Seitdem waren gerade mal zwölf Monate vergangen, aber meine Mutter hatte sich genauso sehr verändert wie die Pension.

Ihr schulterlanges Haar wirkte inzwischen eher silbern als blond. Tiefe Falten hatten sich in die Haut um ihre braunen Augen gegraben, dünnere Linien umrahmten ihren Mund. Mom war immer kurvig gebaut gewesen – und ich hatte Hüfte, Brüste, Bauch und, okay, auch die Schenkel von ihr geerbt –, aber sie hatte mindestens zehn Kilo abgenommen.

Sorge stieg in mir auf, als sie die Arme um mich schloss. Hatte ich das letztes Jahr nicht bemerkt? War ich zu lange weg gewesen? In zehn Jahren konnte man eine Menge verpassen, wenn man eine Person nur hin und wieder sah.

»Liebes«, sagte Mom mit belegter Stimme, »ich bin ja so glücklich, dich zu sehen. So glücklich, dass du hier bist.«

»Ich auch«, flüsterte ich und meinte es so.

Nach Hause zu kommen war das Letzte, was ich mir gewünscht hatte. Aber als ich Mom fest umarmte und das vanillige Aroma ihres Parfüms einatmete, wusste ich, dass es richtig gewesen war. Auch weil sich die Sorge um sie weiter in mir ausbreitete.

Mom war erst fünfundfünfzig, aber in Bezug auf die Sterblichkeit spielte das Alter keine Rolle. Ich wusste das besser als jeder andere. Mein Dad war jung gestorben. Und vor zehn Jahren, mit gerade mal neunzehn, hatte ich … hatte ich fast meinen letzten Atemzug getan, nachdem mir alles andere genommen worden war.

Kapitel 2

Der schmiedeeiserne Bistrotisch vor dem großen Fenster mit Blick auf Veranda und Garten stand schon mein ganzes Leben lang in der Küche. Ich ließ meine Hand über die Platte gleiten, um die winzigen vertrauten Kratzer zu erfühlen. An diesem Tisch hatte ich als Kind gemalt und später, als Teenager, meine Hausaufgaben gemacht.

Die Tür zur alten Küche, die jetzt als Pausen- und Lagerraum diente, befand sich am anderen Ende des Raums, ebenfalls mit einem Nur FÜR Personal-Schild gekennzeichnet. Diese Tür, wie alles andere in der modernen Küche, war weiß gestrichen.

Mom trug zwei Tassen Kaffee an den Tisch und setzte sich mir gegenüber. Jetzt roch der Raum wie eine Espressobar und ich dachte nicht mehr an meine Panik von vorhin.

»Danke«, sagte ich, als ich die Finger um die warme Tasse legte. Ein Grinsen verzog meine Lippen. Winzige grüne Weihnachtsbäume prangten auf dem Porzellan. Obwohl Weihnachten seit zwei Wochen vorüber war und die Dekoration längst abgenommen worden war, würden diese Weihnachtstassen das ganze Jahr über in Gebrauch bleiben.

Ich sah mich stirnrunzelnd in der Küche um und fragte: »Wo ist James?« James Jordan arbeitete seit gut fünfzehn Jahren als Küchenchef in der Pension. »Ich rieche doch einen Braten.«

»Was du riechst, sind zwei Braten.« Mom nippte an ihrem Kaffee. »Und es gibt ein paar Veränderungen bei uns. Die Gäste müssen bis ein Uhr mitteilen, ob sie bei uns essen wollen, dann kochen wir angepasst an die Bestellungen. Das verringert die Arbeit und wir verschwenden nicht so viel Essen.« Sie hielt kurz inne. »James kommt nur noch dreimal die Woche. Dienstag, Donnerstag und Samstag.« Sie stellte ihre Tasse ab. »Das Geschäft läuft nach wie vor nicht schlecht, aber dank den vielen neuen Hotels in der Umgebung muss ich mehr darauf achten, wofür wir unser Geld ausgeben. Erinnerst du dich, dass ich dir von Angela Reidy erzählt habe?«

Als ich nickte, fuhr sie fort.

»Sie erledigt Mittwoch bis Sonntag vormittags und nachmittags den Großteil der Arbeit. Daphne ist immer noch bei uns, aber sie wird nicht jünger, also arbeitet sie nur noch in Teilzeit. So hat sie mehr Zeit für ihre Enkel. Angela ist toll, aber ein wenig flatterhaft und oft vergesslich. Sie sperrt sich ständig aus dem Haus aus, das sie gemietet hat – so oft, dass ein Ersatzschlüssel bei uns im Hinterzimmer lagert.«

Ich ließ Moms Worte auf mich wirken, als ich den süßen Kaffee trank, der genau so schmeckte, wie ich ihn liebte. Letztendlich sagte mir meine Mutter gerade, dass sie den größten Teil der Arbeit selbst machte. Das erklärte die tiefen Runzeln um ihre Augen, die Fältchen um ihren Mund und die silberne Färbung ihres blonden Haares. Eine Pension mit so wenigen Angestellten zu führen hätte von jedem seinen Tribut gefordert. Und ich wusste, dass die letzten zehn Jahre noch aus ganz anderen Gründen nicht ganz leicht für sie gewesen waren.

Es waren dieselben Gründe, warum die Zeit für mich nicht leicht gewesen war.

Manchmal gelang es mir zu vergessen, was mich von zu Hause fortgetrieben hatte. Das passierte nur sehr selten, doch wenn es geschah, dann empfand ich einen unendlich wunderbaren Frieden. Es war, als wäre alles wie vorher. Als könnte ich vorgeben, eine ganz normale Frau zu sein, mit einer Karriere, die ich durchaus mochte, und einer gewöhnlichen, vielleicht sogar langweiligen Vergangenheit. Es war nicht so, als hätte ich nicht mit dem abgeschlossen, was … mir und meiner Familie zugestoßen war. Das hatte ich sechs Jahren intensiver Therapie zu verdanken. Aber wann immer ich einfach vergaß, hieß ich diese Momente willkommen – und war dankbar.

»Du hast alles allein gemacht, Mom.« Ich stellte meine Tasse auf den Tisch und schlug die Beine übereinander. »Und das ist eine Menge.«

»Es ist … zu bewältigen.« Mom lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre whiskeyfarbenen Augen nicht. »Aber jetzt bist du ja wieder da. Jetzt muss ich nicht mehr alles alleine machen.«

Ich nickte und ließ den Blick auf die Tasse sinken. »Ich hätte früher …«

»Sag das nicht.« Mom streckte den Arm aus und legte ihre Hand auf meine. »Du hattest einen sehr guten Job …«

»Mein Job bestand im Wesentlichen darin, den Babysitter für meinen Boss zu spielen, damit er seine dritte Frau nicht betrügt.« Ich hielt grinsend inne. »Offensichtlich war ich nicht besonders gut darin, da Nummer drei es wohl nicht mehr lange machen wird.«

Kopfschüttelnd hob Mom ihre Tasse. »Liebes, du warst die Chefassistentin für einen Mann, der eine milliardenschwere Beraterfirma führt. Du hattest mehr Verantwortung als nur dafür zu sorgen, dass sein Hosenlatz geschlossen bleibt.«

Ich kicherte.

Das Einzige, was meinen Chef mehr antrieb als der Gedanke ans Geschäft, war der Wunsch, mit so vielen Frauen wie möglich zu schlafen. Doch Mom hatte recht. Fünf Jahre lang hatten lange Nächte im Büro, abendliche Geschäftsessen und ständig wechselnde Arbeitszeiten mit Langstreckenflügen von einer Küste zur anderen mein Leben bestimmt. Diese Arbeit hatte Vor- und Nachteile gehabt, und ich hatte mir die Entscheidung, meinen Job zu kündigen, nicht leicht gemacht. Doch das gute Gehalt hatte mir erlaubt, ein wenig zur Seite zu legen, um mir den Übergang zu einer … langsameren Lebensart ein wenig zu erleichtern.

»Du hattest ein Leben in Atlanta«, fuhr sie fort.

Ich zog eine Augenbraue hoch. Meine Zeit war mehr oder minder Mr Bergs Zeit gewesen.

»Und es ist bestimmt nicht leicht, hierher zurückzukehren.«

Ich erstarrte. Sie wollte das nicht ansprechen, oder?

Sie drückte meine Hand. Sie würde es ansprechen.

»Es kann nicht leicht sein, in diese Stadt und zu all den Erinnerungen zurückzukehren. Das weiß ich, Liebes. Ich weiß es.« Sie lächelte wieder, doch unsicher. »Ich bin mir durchaus bewusst, was für eine große Sache das für dich ist. Was du bewältigen musstest, um diese Entscheidung zu treffen. Und auch, dass du das für mich machst. Rede nicht klein, was du gerade tust.«

O Gott, ich würde wieder anfangen zu heulen. Ja, ich tat das für sie, aber ich … ich tat es auch für mich.

Ich zog meine Hand zurück und nahm eilig einen tiefen Schluck von meinem Kaffee, bevor ich den Kopf auf den Tisch sinken ließ, wie ich es in der Vergangenheit viel zu oft getan hatte. Tränen liefen mir über die Wangen.

Mom lehnte sich zurück. »Also«, meinte sie mit einem Räuspern, »mehrere von deinen Kisten sind am Mittwoch gekommen und James hat sie für dich nach oben geräumt. Ich nehme an, du hast noch Kisten im Auto?«

»Ja«, murmelte ich, als sie aufstand und ihre Tasse zur großen Spüle trug. »Aber die kann ich selbst hochbringen. Es sind nur Klamotten. Und da ich unzählige Stunden im Auto saß, wird mir die Bewegung guttun.«

»Wahrscheinlich änderst du deine Meinung, wenn dir wieder einfällt, wie viele Stufen die Treppe hat.« Mom wusch ihre Tasse aus. »Wir haben im Moment nur drei Zimmer vermietet. Zwei der Gäste checken am Sonntag aus und ein frisch verheiratetes Paar am Donnerstag.«

Ich trank den letzten Schluck Kaffee. »Gibt es Reservierungen für die nächste Zeit?«

Mom wischte sich ihre Hände an einem Handtuch ab und ratterte die Buchungen der nächsten Woche herunter. Ich fand es beeindruckend, dass sie das alles im Kopf hatte.

»Gibt es etwas, womit ich dir jetzt im Moment helfen kann?«, fragte ich, sobald sie verstummte.

Sie schüttelte den Kopf. »Wir haben zwei Reservierungen fürs Abendessen. Zwei Tische, fünf Personen. Die Roastbeefs brauchen noch eine Weile. Die Kartoffeln sind bereits gekocht und geschnitten. Falls du mir dabei helfen willst, das Abendessen zu servieren, bleiben dir noch zwei Stunden Zeit.«

»Klingt gut.« Ich wollte aufstehen, doch da erregte eine Bewegung im Augenwinkel meine Aufmerksamkeit.

Ich wandte mich dem Fenster zu und meinte einen Schatten rechts von der Veranda zu erkennen. Die Äste des kleinen Apfelbaumes schwankten. Mit zusammengekniffenen Augen lehnte ich mich vor. Irgendetwas bewegte sich hinter dem Rankgitter – ein Schatten, der dunkler war als der Rest und sich eng an die Hecke schmiegte. Ich wartete darauf, dass jemand heraustrat. Als das nicht geschah, ließ ich den Blick durch den Garten schweifen. Da ich nichts entdecken konnte, konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Veranda. Die Liegestühle waren leer, doch ich hätte schwören können, dass ich dort draußen gerade jemanden gesehen hatte.

»Was ist da, Liebes?«

Da ich keine Ahnung hatte, schüttelte ich den Kopf und wandte mich wieder zu Mom um. »Ich glaube, einer der Gäste.«

»Seltsam.« Sie lief an den hängenden Töpfen vorbei zum Ofen. »Keiner der Gäste ist gerade im Haus. Ich glaube, sie sind alle ausgeflogen.«

Ich drehte mich wieder zum Fenster um, als Mom nach einem Topflappen griff.

Draußen bewegte sich nichts. Wahrscheinlich war da gar niemand gewesen. Ich war einfach nervös. Und paranoid. Wie vorhin, als ich in die Pension und bis nach ganz oben gerannt war. Nach Hause zu kommen trieb mich an meine Belastungsgrenze, und ich sagte mir wieder einmal, dass mir das niemand übel nehmen konnte.

Ich biss mir auf die Unterlippe und dachte an die Nachricht, die ich im Radio gehört hatte. Mein Magen verkrampfte sich, als ich die Hände ineinander verschränkte.

»Ich habe etwas im Radio gehört … Über eine vermisste Frau in Frederick.«

Mom hielt auf halbem Weg zum Ofen inne. Unsere Blicke trafen sich. Als sie nicht antwortete, entstand in meinem Magen ein Gefühl, als wären hundert winzige Schlangen darin geschlüpft.

»Wieso hast du nichts gesagt?«, fragte ich sie.

Sie wandte sich dem Ofen zu. »Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Ich weiß, dass du dich bemühen wirst, es nicht zu tun, aber ich wollte dich einfach nicht beunruhigen.« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Und ich wollte nicht, dass du deine Meinung änderst und vielleicht nicht mehr nach Hause kommen willst.«

Ich schnappte hörbar nach Luft. Hielt sie mich für so zerbrechlich, dass ich wegen einer vermissten Frau in einer benachbarten Stadt meine Meinung änderte? Direkt nach den Geschehnissen von damals wäre ich vielleicht so empfindlich gewesen. Ich wäre daran zerbrochen. Aber diese Zeit war vorbei.

»Was mit dieser Frau passiert ist, ist schrecklich, aber du weißt, was man sagt. Bei den meisten verschwundenen Personen ist jemand verantwortlich, den der Vermisste kennt«, sagte sie. »Vielleicht war es der Ehemann.«

Nur dass ich die Person, die mich entführt hatte, nicht gekannt hatte. Es war ein Fremder gewesen. Jemand, den ich nicht hatte kommen sehen, bis es zu spät war.

Jennifer L. Armentrout

Über Jennifer L. Armentrout

Biografie

Jennifer L. Armentrout veröffentlichte unter dem Pseudonym J. Lynn international sehr erfolgreiche Young-Adult-Romane, bevor sie sich mit ihren New-Adult-Romanen, beginnend mit »Wait for You«, endgültig an die Spitze der Bestsellerlisten schrieb. Sie lebt in Martinsburg, West Virginia.

Medien zu »Deadly Ever After«

Pressestimmen

glutton-for-books.blogspot.de

»›Deadly Ever After‹ konnte mich wirklich mitreißen und fesseln. Ich mochte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen und kann es jedem empfehlen, denn bisher dachte ich, dass dieses Genre nichts für mich ist, doch die Autorin hat mich eines besseren belehrt.«

patchoulis-buecherwelt.blogspot.de

»(…) Sollte von allen New Adult-, aber auch von allen Thrillerfans dringend gelesen werden.«

luna-liest.blogspot.de

»Ein gelungener Mix aus Crime und Romantik der für einige Gänsehautmomente sorgt. Von Anfang bis Ende steigt der Spannungsbogen stetig an und man darf sich auf einige überraschende Ereignisse freuen. Mich konnte das Buch durchaus fesseln, weshalb es von mir eine klare Leseempfehlung gibt!«

magischemomentefuermich.blogspot.de

»Jennifer L. Armentrout zeigt mit ›Deadly Ever After‹ das sie auch Romantic Thriller schreiben kann. Wirklich toll gestaltete Charaktere, in die man sich toll hineinversetzen kann, als auch eine packende und wendungsreiche Handlung, die Sprachlosigkeit und Entsetzen auslösen. Mich konnte sie auf ganzer Ebene überzeugen und ich hoffe, sie schreibt noch mehr in diesem Genre. Eine klare Leseempfehlung.«

steffisbookworld.blogspot.de

»Jennifer L. Armentrout von ihrer besten Seite. Ein nervenaufreibendes Buch, das bis zur letzten Seite fesselt.«

buch aktuell

»Eine prickelnd-explosive Mischung aus Verführung und Verbrechen.«

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