1793 Buch
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Der Nr. -1 - Bestseller aus Schweden

1794: Ein Jahr ist vergangen, vieles ist geschehen und noch Schlimmeres wird kommen.

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Teilnahmeschluss: 15. Februar 2020

Winge und Cardell ermitteln – Band 2

„Wie auch bei seinem Debüt wird der Leser sofort in Niklas Natt och Dags 1794 hineingesogen.“ Göteborgs Posten

Blick ins Buch
17941794

Roman

Endlich! Nach „1793“ die mit Spannung erwartete Fortsetzung vom preisgekrönten Spiegel-BestsellerautorNach den Ereignissen des letzten Jahres fällt Jean Michael Cardell in ein tiefes Loch. Die Ermittlungen im Fall der verstümmelten Leiche gaben seinem Leben einen Sinn. Nun ist er wieder da, wo er vorher war. Bis zu dem Tag, als ihn eine Frau kontaktiert: Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausamste Weise zugerichtet und getötet. Als Täter wird deren frisch angetrauter adeliger Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen. Die Mutter der Getöteten glaubt diese Version jedoch nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen diesen erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.

Teil 1
Winter 1794
Aus dem Grab der Lebenden

Wer wehret dem, der seine Verbrechen mit Stärke verbindet
und meint, er sei dabei nur dem Himmel verpflichtet?
Wer reißt den Arm zurück, der andre mit Gewalt überwindet,
wenn’s keinen Himmel gibt, der urteilt und der richtet?
Isak Reinhold Blom, 1794


1.
Inzwischen ist es Januar, das Jahr 1794 ist kürzlich angebrochen.
Am Morgen hat man mich aus dem Schlaf gerissen, aus dem Bett gejagt und mir befohlen, mich anzukleiden: Das Jahr sei noch jung, man habe Ungeziefer und Dreck lange genug ertragen, allmählich müsse die schale Luft in der Kammer mit Reisig ausgeräuchert und der Boden mit Essig gereinigt werden. Unbeholfen band ich mir die Hose zu, schloss die Schnallen an meinen Schuhen und warf mir den Rock über die Schultern, die inzwischen so schmal geworden waren, dass der Stoff nur so an mir hinabhing. Ich ging die Treppe hinunter und trat ins Freie – zum ersten Mal seit Wochen, so kam es mir vor – und hinaus in den Tag, von dem ich durch die Fensterluke bislang bloß einen schmalen Streifen erhascht hatte.
Die Linden auf dem Hof sind seit Monaten unbelaubt. Allerdings hatte der Winter die Schuld des Herbstes mit frischem Neuschnee beglichen. So weit das Auge reichte, hatten sich lange Gewänder über die Zweige gelegt; die Schleppen fielen bis hinab auf die Erde. Die Sonne schien, und ihre Strahlen glitzerten über dem gleißenden Weiß mit einer Kraft, die keine andere Farbe duldete. Ich blinzelte ins Licht, war geblendet, musste mir die Hand vor die Augen halten. Andere Patienten drängten sich im Treppenhaus oder taumelten durch den Schnee und fluchten, sobald sich die kalte Nässe in ihre Schuhe ergoss. Statt mich zu ihnen zu gesellen, ging ich weiter, den Weg entlang zum Wasser hinunter, wo sich mir über dem Eis ein Spazierweg darbot, der durch die Schneedecke führte, bis man in einiger Entfernung das Meer erahnen konnte. Der jungfräuliche Schnee versprach Einsamkeit. Die Luft war schneidend kalt, aber die Sonne wärmte allmählich, und obwohl ich mich matt fühlte, ging ich ein Stück auf das Eis hinaus, das mittlerweile wohl dick genug war, um bis auf den Grund zu reichen.
Zu meiner Linken blitzte in weiter Ferne die vergilbte Zahnreihe der Skeppsbron, dahinter zu den Spitzen verjüngte Kirchtürme, und noch weiter entfernt war die gedrungene Kontur des Schlosses zu sehen. Ich wandte den Blick ab, als wollte ich das schlummernde Raubtier lieber nicht auf mich aufmerksam machen. Stattdessen sah ich zurück zu der Stelle, von der ich aufgebrochen war. Der Ufersaum erstreckte sich vor mir, und ich genoss den Anblick, wie er sonst nur Schiffsleuten vergönnt ist.
Die Stadt hat dem Danviken den Rücken gekehrt, und die Zeit scheint es ihr gleichgetan zu haben. Hier draußen vergeht die Zeit anders; ein Tag ist kurz, die Nacht ist lang. Hier begrenzen zwei Bergkämme unser Himmelsgewölbe zu beiden Seiten und verkürzen die Sonnenbahn. Wer in dieses Hospital kommt, hat es in der Regel nicht mehr abwenden können. Viele, die mit mir unter demselben Dach untergebracht sind, leiden indes bloß am Alter: Ihre Söhne und Töchter haben für sie ein Plätzchen gefunden, auf dass sie in den letzten Lebensjahren gut versorgt werden; allerdings haben sie offenbar nie die Zeit, um herzukommen und ihren Alten einen Besuch abzustatten, die vor Vernachlässigung allmählich kindisch im Geist werden.
Ein Stück weiter den Ufersaum entlang in Richtung Finnboda steht das Tollhaus. Von meinem Posten auf dem Eis konnte ich alles in allem sieben Stockwerke erkennen, die sich ein gutes Stück über den Hang erstrecken. Die Fundamente müssen waagerecht in den Berg getrieben worden sein – wie Treppenstufen für einen Riesen. Auf den Fluren des Hospitals sorgt das Tollhaus für einen steten Strom aus Gerüchten. Es heißt, es seien dort zigfach mehr Irre untergebracht, als das Gebäude beherbergen könne. Zahlreiche Fenster sind mit Brettern zugenagelt, vor anderen befinden sich Gitter. Als ich einmal bis fast an die Außenmauern spaziert war, meinte ich von drinnen ein Geräusch zu hören, einen mahlenden Dauerton, der mir wieder in Erinnerung rief, wie mich einst als kleiner Junge die Neugier dazu verleitete, draußen auf dem Feld zu einem der Bienenstöcke zu schleichen, woraufhin ich das träge Summen mit bedrohlichen, spitzen Giftstacheln zu verknüpfen lernte. Es müssen die Irren selbst gewesen sein, die dort drinnen in ihrem wahnhaften Zustand und in viel zu beengten Räumen zusammengepfercht jene Geräusche verursachten. Hier und da kommen Herrschaften in Kaleschen aus der Stadt und erkaufen sich für ein paar Münzen, die in die Taschen der Wärter wandern, einen Besuch bei den Irren, die sie mit ihren Possen gleichermaßen entsetzen und amüsieren. Wer immer im Hospital noch die Kraft hat, sich mit derlei Umtrieben zu beschäftigen, achtet darauf, welchen Eindruck die Gäste bei der Abreise hinterlassen, und lacht schadenfroh, wenn jene nach all ihren Erlebnissen ein wenig blass um die Nase wirken.
Aus Beweggründen, die ich selbst nicht benennen könnte, hielt ich an jenem Morgen selbst auf das Tollhaus zu. Eitergelb wie der Schanker thront es auf seiner Klippe – eine einstige Salzsiederei, die weitab der nächsten Besiedelung steht, weil früher unreine Dämpfe von dort emporstiegen; inzwischen ist die abgeschiedene Lage nur mehr den Insassen geschuldet. Am Eingang blieb ich vor einem Schriftzug stehen, einer Art Vers. Einige Worte ätzten sich mir ins Gedächtnis: „Hier hausen all jene, die beschämender Ruhmessucht oder einer unglücklichen Liebe erlegen. Leser, erkenne dich selbst!“ Waren diese kantigen, in Stein gemeißelten Zeichen nicht vielleicht einzig und allein an mich gerichtet?
Niemand verwehrte mir den Weg, und die große Eingangstür war unverschlossen. Im selben Moment, da ich sie einen Spaltbreit aufgeschoben hatte, schlugen mir ebenjene Laute entgegen, die ich zuvor nur als gedämpftes Raunen hatte vernehmen können. Ich erahnte die Vielzahl der Stimmen: ein Durcheinander aus Schnattern, Klagen, Jaulen und Glucksen. In den Eingangsbereich fiel kaum Licht, und es dauerte eine Weile, ehe ich den kleinen Mann ausmachte, der mir reglos gegenüberstand, als hätte er nur auf meine Ankunft gewartet. Ich nickte ihm zögerlich zu, woraufhin er mit schnellen Schritten quer durch den Raum auf mich zukam. Sein Blick war merkwürdig intensiv und verriet eine spöttische Neugier, während die Stimme weich und geschmeidig klang.
„Willkommen. Und auf die Minute pünktlich! Für Ihre Verlässlichkeit gebührt Ihnen meine höchste Anerkennung.“
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit meinte, und er muss mir die Verwirrung angesehen haben, was seiner augenscheinlich strahlenden Laune mitnichten einen Abbruch tat. Mit ausholender Geste bedeutete er mir, auf eine Treppe zuzugehen.
„Wenn Sie so freundlich wären, mir zu folgen? Dann zeige ich Ihnen die Räumlichkeiten.“
Dass es die reine Neugier gewesen war, die mich hierhergeführt hatte, kann ich nicht verhehlen, und diese Neugier sorgte nun dafür, dass ich tat wie geheißen, auch wenn der Mann mich ganz offenkundig mit jemandem verwechselte.
Ich folgte ihm in einen Innenhof, der ringsum von Mauern umgeben war, welche vier Stockwerke hoch in den Himmel ragten. Am Fuße dieser Mauern sammelte sich Unrat und Dreck, der allem Anschein nach aus den oberen Fenstern herabgeworfen worden war. Ich konnte gesprungene Scheiben sehen; andere Fensterstöcke waren mit Brettern bewehrt. In einer Ecke des Hofs stand ein Grüppchen Irrer in schmutzigen Kitteln. Sie wiegten sich vor und zurück, blickten verschreckt drein, und aus ihren Mundwinkeln triefte der Geifer. Mein Begleiter folgte meinem Blick und tat die Szene mit einer Geste ab.
„Nehmen Sie die besser gar nicht zur Kenntnis. Die sind wie zahmes Vieh in Menschengestalt und machen kein Gewese, solange man sie nicht zu Tode erschreckt. Ich kann Ihnen wesentlich spannendere Patienten zeigen. Folgen Sie mir!“
Auf der rückwärtigen Seite verließen wir den Hof über ein paar Stufen. Auf dem oberen Treppenabsatz hielt mein Gastgeber an der Tür zu einem Flur inne, räusperte sich und hob zu einem kleineren Vortrag an.
„Ursprünglich hatten wir hier siebenundzwanzig einigermaßen geräumige Zellen, die jeweils für einen Insassen vorgesehen waren. Ich weiß nicht, welche Sichtweise Sie auf die Welt haben, mein Herr, aber wenn Sie mich fragen, ist es wenig verwunderlich, dass sich schon sehr bald zeigen sollte: Der Bedarf war wesentlich größer. Die Stadt raubt den Menschen den Verstand, und von dort kommt er auch, dieser nie enden wollende Strom aus Wahnsinnigen. Heutzutage muss jede Zelle mindestens vier Insassen beherbergen. Sobald sie zu Gewalt neigen, werden sie in Eisen gelegt, um sie voneinander fernzuhalten, und in viele der Zellen haben wir aus demselben Grund Zwischenwände einziehen müssen.“
Er trat zur Seite, schob den Riegel zurück und bedeutete mir vorzugehen. Zu beiden Seiten des Flurs sah ich schwere Türen. Ohrenbetäubender Lärm schlug mir entgegen: Gebrüll und Gejammer mischten sich mit dem Kratzen von Fingernägeln an den Zellenwänden und dem Geräusch von Fäusten und beweglichen Gegenständen, die gegen die Türen polterten.
„Bald ist Abspeisung. Diese Leute mögen von Sinnen sein, aber der Magen funktioniert immer noch einwandfrei. Das Hungergefühl gibt ihnen ein Gefühl für die Zeit.“
Er ging weiter den Flur entlang, blieb aber hier und da stehen, um auf weitere interessante Umstände hinzuweisen.
„Wie Sie hier sehen, sind die Türen überaus stabil. In den meisten Zellen gibt es sogar eine zusätzliche Innentür, die besonders gut geeignet ist, allen erdenklichen Beschädigungen standzuhalten. Um viele dieser Irren steht es derart schlecht, dass man sie besser gar nicht mehr rauslässt – daher auch die Luken, die Sie hier sehen: Dort hindurch werden die Nachttöpfe geleert, ohne dass jemand die Zelle betreten müsste. Leider sind nicht alle imstande, die Fazilitäten wie vorgesehen zu benutzen, deshalb stinkt es so. Auch die Kachelöfen werden von außen mit Holz bestückt. Allerdings können wir uns das nur noch in den kältesten Nächten des Jahres leisten. Diesbezüglich hat sich die Überbelegung jedoch als Segen erwiesen: Die Zellen bleiben auf diese Weise einigermaßen warm. Wollen Sie mal sehen?“
Er legte den Zeigefinger an die Lippen und schob dann behutsam eine Luke auf, die auf Augenhöhe in eine Tür eingelassen war. Was er vor sich sah, schien ihm ein Schmunzeln zu entlocken, und er winkte mich näher. Es dauerte eine Weile, ehe ich in den Schatten der Zelle überhaupt etwas erkennen konnte. Zum rhythmischen Rasseln der Kette, mit der sein Bein an die Wand gefesselt war, vollführte ein halb nackter Mann einen schleppenden Tanz. An der Wand kauerten drei weitere Gestalten auf Strohhaufen. Als ich entdeckte, dass sie alle ihr steifes Glied in der geballten Faust kneteten, während die Fingerknöchel hell unter dem ganzen Schmutz hervorblitzten, wandte ich mich angewidert ab.
Wir zogen weiter. Mein Fremdenführer zeigte auf die Zellen am Ende des Gangs.
„Das sind die Dunkelkammern, in denen wir derzeit ein finsteres Trüppchen beherbergen; bei denen kann nicht mal mehr das Quecksilber etwas gegen die fortgeschrittene Franzosenkrankheit ausrichten. Leider gibt es dort kein Guckloch, sodass ich es Ihnen nicht zeigen kann. Aber es ist ohnehin nicht besonders sehenswert: lauter deformierte Nasen – und dann der Aussatz! Und wenn die Lust sie packt und sie ihre unbeherrschten Anfälle haben, ist das ein unvergleichlicher Anblick! Ansonsten hat es ihnen mehr oder weniger die Sprache verschlagen, und das meine ich buchstäblich, weil der Brand die Zunge verätzt.“
Mir war zusehends unwohl, und ich verspürte den unbezähmbaren Impuls, diesen gottverlassenen Ort zugunsten der kargen Uferlandschaft zu verlassen, die mir mit einem Mal so erstrebenswert vorkam wie das Reich der Glückseligkeit. Doch mein Führer machte keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Er stand da, als erwartete er eine Rückfrage. Ich tat ihm den Gefallen.
„Welche Behandlung wird diesen armen Seelen zuteil?“
Er nickte eifrig, als hätte er genau mit dieser Frage gerechnet.
„Wie die Wissenschaft uns lehrt, beruht die Tollerei auf dem Umstand, dass der gesunde Geist – sei es durch äußere, sei es durch innere Begebenheiten – aus der Bahn gerät, und wir wissen inzwischen, dass wir gesunde Gedanken nur wieder hervorlocken können, indem wir dem Kranken einen Schock verpassen, der ebenso groß ist wie derjenige, der den Patienten ursprünglich aus der Fassung gebracht hat. Wir setzen hier einen Lederschlauch ein, durch den wir die Zellen mit eiskaltem Wasser fluten können. Früher hat man den Irren die Krätze geimpft, weil man hoffte, der Juckreiz könnte den Wahnsinn verdrängen, aber die Krätze sitzt inzwischen richtiggehend in den Wänden, und die Insassen stecken sich ganz ohne unser Zutun damit an. Mit anderen Sachen im Übrigen auch – aber das lassen wir vielleicht fürs Erste …“
Möglicherweise hatte er diese Worte gewählt, weil mich ein plötzlicher Schwindel nötigte, mich an der Wand abzustützen.
Endlich setzte er sich wieder in Bewegung und zeigte mir den Weg nach draußen. Doch als wir wieder auf Höhe der Zelle mit den vier Männern waren, legte er mir die Hand auf die Schulter.
„Wie ich sehe, habe ich vergessen, die Luke zu schließen – aber das ist gar nicht weiter schlimm, weil ich Ihnen ohnehin gern noch eine letzte Sache zeigen möchte.“
Er schob mich auf die Tür zu, hinter der immer noch dasselbe Schauspiel vonstattenging.
„Sehen Sie die Ecke dort – ganz hinten? Wo sich einige der Herren erleichtert haben, weil wohl der Nachttopf besetzt war?“
Er kam ganz dicht an mein Ohr heran, und seine Stimme war nur mehr ein Flüstern.
„Das ist der Platz, den wir für Sie reserviert haben. Wenn Sie bald kommen, sind wir für Sie bereit.“
Ich zuckte zurück, sah, wie sich sein Mund zu einem höhnischen Grinsen verzog und er zwei Reihen scharfkantiger, weit auseinanderstehender Zähne bleckte.
„Obendrein sind Sie noch jung und so hübsch! Schlank gebaut, mit einer Haut wie Alabaster. Sie werden Ihren Zellenkameraden viel Freude bereiten, das verspreche ich Ihnen.“
„Wer sind Sie?“
Er beäugte mich mit einem boshaften Blick.
„Ach, das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Gestern war ich Karlchen der Zwölfte und schwelgte in glücklichen Erinnerungen an die Zeit, da ich meine Jungs in Blau auf dem Weg in die Schlacht von Poltawa durch die verschneiten masurischen Fichtenwäldchen führte, wo wir zu unserem größten Vergnügen vor den Augen ihrer Eltern Säuglinge unter unseren Stiefelabsätzen zermalmten. Wären Sie einen Tag eher gekommen, hätten Sie den Bleiklumpen in meinem Schädel rasseln hören können, wenn ich den Kopf geschüttelt hätte. Aber heute? Heute habe ich mehr Namen, als man zählen könnte. Ich bin schon der Alte genannt worden, Gehörnter Per, Leibhaftiger, Hellewart oder Roter Petter. Sie dürfen mich Satanas nennen. Wir warten bereits auf Sie. Und Sie wissen besser als jeder andere, dass Sie hierhergehören.“
Ich weiß ehrlich nicht, was mir als Erwiderung entschlüpft wäre, hätte im nächsten Moment nicht eine mir fremde Stimme das Getöse auf dem Flur übertönt.
„Tomas, du weißt, dass du hier nichts zu suchen hast! Wie oft haben wir dir schon gesagt, nur weil wir dich herumspazieren lassen, heißt das noch lange nicht, dass du dir solche Freiheiten erlauben darfst! Sofort zurück ins Bett mit dir!“
In einer Tür am anderen Ende des Flurs war ein untersetzter Mann aufgetaucht, der jetzt eilig auf uns zukam. Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck rückte mein Fremdenführer näher an mich heran.
„Ich will Ihnen zum Abschied eine Rätselfrage stellen. Es heißt oft, ich sei auf mein infernalisches Reich beschränkt und könne die Hölle nicht verlassen – aber wie kann ich dann unter die Menschen geraten sein? Anhaltspunkte gibt es, wohin man sieht. Bewahren Sie alles im Gedächtnis, was Sie hier gesehen haben, und nehmen Sie sich in Acht, wenn Sie nun weiter durch die Welt trotten!“
Der Mann, der allem Anschein nach zum Tollhauspersonal gehörte, packte Tomas, den Irren, am Arm und zerrte ihn den Flur entlang. Schweiß stand ihm auf dem runden Gesicht. Als Tomas sich wehrte, wurde er am Kragen gepackt und bekam eine Reihe kräftiger Maulschellen verpasst, bis sich Nasenblut und Tränen miteinander vermischten und ihm vom Kinn tropften. Er schluchzte demütig, schien fürs Erste gebändigt. Sein Widersacher warf mir einen beschämten Blick zu.
„Manchmal lassen wir seine Zellentür offen stehen, und dann kommt es vor, dass er auf Entdeckungsreise geht, hier im Tollhaus, aber auch drüben im Hospital. Tagsüber sind wir lediglich zwei Aufseher für die Insassen, und ich wäre Ihnen zutiefst verbunden, wenn Sie diesen Vorfall für sich behielten. Ich hoffe, Tomas hat Sie nicht verärgert. Er erzählt mitunter die merkwürdigsten Dinge.“

Nachdem dieses Missverständnis ausgeräumt war, wankte ich erleichtert und ob des Gehörten zugleich tief erschüttert nach draußen. Die apathischen Irren im Hof pressten sich an die Mauer, als strahlte sie Wärme aus dem Innern des Gebäudes ab. Vor dem Eingang blieb ich kurz stehen und dachte über dieses Grab für Lebende nach, und mit einem Mal war mir, als stimmte die Welt ihre Saite nach meinem Gemütszustand. Auch wenn am Himmel keine einzige Wolke zu sehen war, spürte ich, wie sich das Licht veränderte. Ich blickte nach oben, und was ich dort sah, erfüllte mich mit Entsetzen. Es war, als hätte ein fremdes Wesen ein Stück aus der Sonne gerissen, so wie meine Zähne in einer frischen Scheibe Brot einen Abdruck hinterlassen. Ich konnte nicht an mich halten, stieß einen Schrei aus, und meine Knie gaben unter mir nach. Zitternd und zusammengekauert lag ich im Schnee, ergab mich vollends meiner Todesangst, ehe ich nach einer Weile die Augen ganz vorsichtig wieder aufschlug und feststellte, dass das Licht zurückgekehrt war. Es war eine Sonnenfinsternis gewesen, nichts weiter, gerade wie es mir mein Hauslehrer stets versucht hatte zu erklären: der Mond, der sich zwischen die Sonne und die Erde schob – allerdings nicht zur Gänze. Es konnte sich um nicht mehr als eine Handvoll Minuten gehandelt haben.
In meinen eigenen Fußspuren machte ich mich durch den Schnee auf den Rückweg. Als ich die Zimmertür hinter mir ins Schloss geschoben hatte, kroch ich in mein schmales Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Es war ein Fehler gewesen, die Kammer zu verlassen, ein Fehler, der mir nicht noch mal unterlaufen würde – nicht einmal wenn man versuchte, mich mit glimmendem Reisig auszuräuchern. Man hat mich gebeten, Geduld aufzubringen, bis man für mich die richtige Kur gefunden hat. Bis dahin soll ich der Dinge harren und mich von anderen fernhalten. Tomas mag verrückt gewesen sein, aber er hat mich zugleich an meine Schuld erinnert. Ich kann heute niemandem mehr ins Gesicht sehen, ohne an meine Untat zu denken, und der Schmerz, den ich dann verspüre, ist unerträglich. Und so durchleide ich die taghellen Stunden ebenso wie den Dämmerschlaf.
Teilweise habe ich Zugang zu Thebaica, einer Tinktur, die Körper und Sinne betäubt, die Qualen und Krämpfe lindert und mir erlaubt, den Tag in einem Nebel zu verbringen, in dem ich kaum mehr Notiz selbst vom aufdringlichsten Besucher nehme. Diese kostbaren Tropfen – verdünnt in mit Zucker oder Honig aromatisiertem Wasser – muss ich mir allerdings mit vielen anderen teilen. Immer wieder versiegen die Vorräte, obzwar wir, wie mir zu Ohren gekommen ist, das Glück haben, dass die Ration, die eigentlich dem Tollhaus zugedacht wäre, ebenfalls dem Hospital zugeschlagen wird. Ich habe beschlossen, an Tagen, da ich keine Tropfen bekomme, einfach zu schauspielern. Ich wiege mich hin und her oder ziehe mich mit halb geschlossenen Lidern in mein Innerstes zurück, summe tonlos vor mich hin und richte den Blick ins Leere, bis die Geduld meiner Besucher zur Neige geht und sie mich wieder in Ruhe über meine Schuld grübeln lassen. So mache ich weiter, bis die Dämmerung einsetzt, gefolgt von der Nacht, in der ich endlich mein Schreibgerät hervorholen kann.

Mein Wohltäter hat mich gebeten, alles aufzuschreiben und meine Erinnerungen an die unglückseligen Ereignisse zusammenzutragen, die mich in diese Lage brachten, auf dass ich mich vielleicht eines fernen Tages mit den Taten versöhne, die mich hier ans karge Ufer des Saltsjön und ins Hospital am Danviken geführt haben. Man hat mir gesagt, dass ich nicht Herr meiner Sinne sei, dass dem aber womöglich abgeholfen werden könne; dass das Verbrechen, für das ich Buße tue, nicht meine Schuld gewesen sei, sondern eine Laune der Natur. Deshalb habe ich ein wenig Hoffnung.
In meinem Kopf wütet ein Sturm. In meiner Brust hingegen herrscht Leere. Ich halte mir die Hände vor das Gesicht – rot. Sie lassen sich nicht mehr rein waschen. Die Waffen eines Mörders.
Mein Leben lang mangelte es mir an Liebe. Als sie sich zu guter Letzt einstellte, hätte ich sie mir niemals so vorgestellt: schön und schrecklich zugleich, wie fiebriges Blut – eine Despotin im Festtagskleid. Die Liebe führte mich so tief in die Dunkelheit, dass ich schlussendlich an einen Punkt gelangte, von dem es kein Zurück mehr gab. Hätte ich einen Wunsch frei, es wäre der folgende: niemals geliebt zu haben. Ohne die Liebe wäre uns all dies erspart geblieben, ich säße nicht in dieser gottvergessenen Felsspalte fest, und sie … Nein, ich will nicht mehr darüber nachdenken. Und lasse die Feder ruhen. Am Ende bin ich wohl doch noch nicht bereit zu schreiben. Für heute Nacht muss dieser Anfang genügen.

2.
Ich hätte eine sorglose Kindheit haben können, in der es mir an nichts fehlte, doch das Schicksal wollte es anders. Ich kam unter einem samtenen Betthimmel zur Welt: auf dem Gut meines Vaters, das seit Generationen im Besitz der Familie war und genau wie diese den Namen Drei Rosen trug. Das Anwesen lag weit genug von den Ränken der Stadt entfernt und hatte unter der Führung einer langen Reihe von Vätern und Söhnen gestanden, die mit Politik nichts zu schaffen gehabt hatten und daher gemeinhin als harmlos galten. Grund und Boden brachten jahraus, jahrein eine reiche Ernte hervor. Mein Vater sorgte gut für seine Pächter. Er war klug genug zu erkennen, dass das Wohlwollen seiner Untergebenen den Erträgen dienlich war.
Ich kam sieben Jahre nach meinem Bruder Jonas zur Welt. Meine Mutter, die mit dem Treiben und den Eitelkeiten der Stadt wohlvertraut war, hatte sich angesichts der Tatenlosigkeit, zu der sie in ihrem Leben auf dem Lande verdammt war, wohl nach einem zweiten Kind gesehnt. Sie war bereits in die Jahre gekommen und ging ein großes Risiko ein, aber Mutter war eine unerschrockene Frau, die genau wusste, was sie wollte. Meiner Ankunft waren mehrere Fehlgeburten vorausgegangen, was meine Mutter hart getroffen hatte. Mein Bruder – zu dem ich angesichts des Altersunterschieds nie ein vollends gutes Verhältnis aufbauen konnte – erzählte mir einmal, um mich zu quälen, was er heimlich mit angehört hatte, nämlich dass unser kurzsichtiger alter Hausmedicus meiner Mutter von einer weiteren Entbindung abgeraten hatte – war er doch ohnehin davon ausgegangen, dass ihr fortgeschrittenes Alter ihr längst die Fruchtbarkeit geraubt hatte. Er diente ihr diverse Methoden an, wie sie die derzeitige Schwangerschaft beenden könnte, doch sie lachte nur spöttisch und schickte ihn in die Wüste. Als ich zu guter Letzt kam – fast drei Wochen später als berechnet –, kostete es sie das Leben. Nur ein einziges Mal hatte ich die Wärme einer mütterlichen Umarmung spüren dürfen, und ausgerechnet daran habe ich keine Erinnerung mehr. Noch während sie mich in den Armen hielt, erkalteten sie.

Jene unglückselige Geburt markierte auch die unumkehrbare Wende in der Beziehung zu meinem Vater. Er war mit dem Erben, den er bereits hatte, vollauf zufrieden gewesen und meinte, er sei zu alt für die neuerliche Vaterschaft. Zudem nehme ich an, er wurde bei meinem Anblick stets daran erinnert, dass er meinetwegen der Frau beraubt worden war, mit der er seine späten Jahre hatte vergolden wollen. Vielleicht fühlte er sich durch den Tauschhandel auch übervorteilt, insbesondere nachdem ich mich schon bald als untüchtig für all die Tätigkeiten erwies, die er besonders hoch schätzte. Auf dem Pferderücken saß ich nicht sicher; auf der Jagd versagte ich beim einfachsten Schuss; der Degen flog in weitem Bogen davon, sowie ich ihn mit einem anderen kreuzte. Meine Konstitution bescherte mir des Öfteren Fieber und Husten, sodass ich nicht einmal hätte mit anpacken können, selbst wenn ich gewollt hätte.
Ich wurde zunehmend der alleinigen Obhut von Hauslehrern anvertraut, und je häufiger der Tag für mich zu einer langen Reihe Verpflichtungen und Enttäuschungen wurde, umso mehr eroberte ich mir die Nacht. Sobald sich das Haus schlafen gelegt hatte, stieg ich aus dem Bett und machte mich auf die Suche nach dem, was ich verloren hatte. Über der Treppe hing ein Porträt meiner Mutter, der ich, wie man sagte, ähnlich sah. Wie oft zog ich vorsichtig einen Schemel über den Boden, um den schweren Spiegel von der Wand zu nehmen und ihn so unter das Gemälde zu stellen, dass ich in meinem Gesicht besser nach ihren Zügen suchen konnte. Dann bewegte ich die flackernde Kerze vor und zurück, auf dass das Licht jedwede Ähnlichkeit hervorschmeichele – die Kontur des Kinns, die Rundung der Wangen, die Wölbung der Brauen.
Ich war noch keine elf Jahre alt, als mein Bruder uns verließ, um bei der Armee Karriere zu machen. Dass er nicht mehr da war, traf meinen Vater hart. Sie standen sich sehr nahe und hatten die Zeit, die meinem Vater nach seinen täglichen Geschäften geblieben war, gemeinsam auf der Jagd, mit Ausritten oder beim Schießen verbracht – allesamt Aktivitäten, die mir ob meines Alters und mangels Talent unzugänglich waren. Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn je lächeln gesehen zu haben – es sei denn, mein Bruder kam auf Besuch. Ansonsten zog er sich völlig in sich zurück. Wann immer es sich nicht vermeiden ließ, dass wir einander Gesellschaft leisteten, ahnte ich seinen unterdrückten Zorn über das Los, das ihm vom Leben beschert war. Ich schlug Umwege ein, um ihm auf den Fluren von Drei Rosen nicht begegnen zu müssen, und beäugte ihn zusehends ängstlich. Nicht selten suchte er Trost im Weinkeller. Zeitweise kam er seinen väterlichen Pflichten nach, indem er mich für die Missachtung häuslicher Regeln züchtigte, von denen es viele gab; mitunter war er tags darauf dann ein klein bisschen milder gesinnt. Nichtsdestotrotz vergoss ich bittere Tränen, wenn auch eher aus Verdruss denn angesichts der Schmerzen, und entfernte mich nur umso mehr von ihm.

In jenem Jahr lud Vater zu Ostern Freunde, Verwandte und die wichtigsten Pächter zu einem Fest, dem ersten Großereignis seit vielen Jahren. Ich hatte den leisen Verdacht, dass ihn die Einsamkeit und das allmählich spürbare Alter in gewisser Weise beunruhigten und er sich womöglich ein letztes Mal dagegen aufbäumen wollte. Während der Vorbereitungen erlebte ich erstmals in meinem Leben einen Hauch von Begeisterung an ihm – bis uns die Nachricht ereilte, dass Jonas’ Regiment ihn am Tag der Feier nicht würde beurlauben können. Im selben Moment erstarb der Funke, der in Vaters Augen geflackert hatte. Am liebsten hätte er alles abgesagt, aber die Einladungen waren bereits verschickt. Während der Feierlichkeiten ließ er sich volllaufen; mit jedem Glas Wein wurde die Schwermut größer und breitete sich unaufhaltsam auch bei der restlichen Gesellschaft aus.
Als der Abend anbrach, wurde zu Tisch gerufen; der Stuhl neben meinem Vater war im Gedenken an meine Mutter leer geblieben. Während ich mich an den Tisch schlich, um meinen Platz am unteren Ende der Tafel einzunehmen, sah ich, wie hochrot das Gesicht meines Vaters jetzt schon war, und hörte, dass er bereits lallte. Als er sich auf die wackligen Beine stemmte, um einen Trinkspruch auf meine Mutter auszubringen, sickerten ihm Tränen in den Bart. In der darauffolgenden andächtigen Stille streckte ich mich nach meinem Glas, das Teil des monogrammierten Services aus Mutters Mitgift war und nur selten benutzt wurde. Doch ich schätzte den Abstand falsch ein, stieß das Glas um, und der Fuß brach ab. Damals befand ich mich mitten in einem Wachstumsschub und hatte ständig Schwierigkeiten, mir zu vergegenwärtigen, wie lang meine Arme und Beine gerade waren. Mein Ungeschick sorgte bei meinem Vater für enorme Irritation, und ich konnte ihm ansehen, wie seine Trauer in Zorn umschlug. Ehe ich michs versah, hatte er sich auf mich gestürzt, zerrte mich am Kragen von meinem Stuhl und verpasste mir ein paar saftige Ohrfeigen. Sobald ein paar herbeigeeilte Gäste mich mit beschwichtigenden Worten aus seiner Gewalt befreit hatten, rannte ich schluchzend aus dem Saal, durch die Eingangstür hinaus und kauerte mich im Schutz einer Schneewehe draußen im Säulengang so klein zusammen, dass nicht einmal die Bediensteten mich entdeckten, die nach mir geschickt worden waren.
Ich saß so lange da und weinte, bis wer weiß welcher meiner Sinne die Anwesenheit eines anderen erspürte. Als ich den Kopf hob, blieb mein Blick an einem Mädchen hängen, das bleich wie der Schnee war und dessen rotes Haar aussah wie die fahle Glut, die sich in einem Kupferkessel spiegelt. Sie stand einfach nur reglos im Schnee, als machte die Kälte ihr nichts aus, obwohl sie sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, über das schlichte Baumwollkleid etwas Wärmeres anzulegen. Wortlos hob sie ein Glas in die Höhe, das ganz genauso aussah wie jenes, das ich zuvor zerschlagen hatte. Sie hielt die ganze Zeit Blickkontakt, während sie das Glas auf das steinerne Pflaster fallen ließ, wo sich die Scherben zu den herabgefallenen Eiszapfen gesellten. So verlief unsere erste Begegnung.
Die Osterfeier war das letzte Fest im Leben meines Vaters, bei dem er auch nur den Ansatz von Freude an den Tag legte. Von da an versank er zusehends in Düsternis.

3.
Ich suchte nach ihr, als wüsste ich genau, wo ich sie finden würde; als wäre ich plötzlich mit einem Spürsinn gesegnet, mit dem ich Witterung aufnahm, sodass ich nur noch meinen Instinkten folgen musste. Und ich fand sie tatsächlich: im Wald, sobald der Frühling die Erde vom Schnee befreit hatte und das Schmelzwasser um die Baumwurzeln sprudelte. Ein weißes Kleid war zwischen den dunklen Stämmen aufgeblitzt und ein ebenso weißes Gesicht, das Haar eine flüchtige Flamme, die Gliedmaßen zart wie Weidenzweige.
Auch wenn meine Suche zu guter Letzt von Erfolg gekrönt war, blieb ich wie angewurzelt stehen; sie kam mir plötzlich wie ein Naturwesen vor – ein Waldgeist, eine Elfe. Sie muss meinen Blick gespürt haben, denn sie hielt auf dem Baumstamm inne, auf dem sie balanciert hatte. Statt vor mir Reißaus zu nehmen, vollführte sie eine Pirouette auf der glatten Rinde, nur um mich dann über die blasse Schulter hinweg zu mustern. Ihre grünen Augen, die von Fragen und Herausforderungen überzugehen schienen, und eine unerklärliche Kraft ermutigten mich derart, dass ich ihr tiefer hinein in den Wald nachfolgte.
Ihr Name war Linnea Charlotta, und sie war die Tochter von Eskil Colling, einem der Pächter des Landes, das seit Urzeiten meiner Familie gehörte und das mein Vater geerbt hatte. Colling war ein zupackender Kerl, der es durch unermüdlichen Fleiß zu einem anständigen Auskommen gebracht hatte, denn er wusste, wie man den Boden bestmöglich bestellte. Seit er vor einigen Jahren nach Drei Rosen gekommen war, hatte er seine Parzelle kontinuierlich vergrößert, und dank seiner gewitzten Haushaltsführung hatte die Familie an Wohlstand und Ansehen hinzugewinnen können. Er wusste indes auch, dass nicht allein Plackerei erforderlich war, wenn man aufsteigen wollte, und tat, was in seiner Macht stand, um sich nach oben zu arbeiten. Er benahm sich eher wie ein Mann von Adel denn wie ein Bauer, wenn auch auf subtile Weise, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Seine Frau und seine Töchter bekleidete er mit Gewändern, die ihre Schönheit unterstrichen; er selbst trug eine goldene Taschenuhr an einer Kette sowie Silberspangen an Schuhen und Hosen. Damit war er erfolgreich. Von all unseren Pächtern stand Colling in der Gunst meines Vaters am höchsten, und wann immer jemand eine Einladung absagte und an unserer Tafel ansonsten Plätze frei geblieben wären, wurden er und seine Familie hinzugebeten – so auch an Ostern, als ich Linnea Charlotta erstmals gesehen hatte.
Im Wald spielten wir Falke und Taube. Wir waren Kinder, und unsere Freundschaft war eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie zerbrechlich war. Denn Linnea war wahnsinnig launenhaft, und ihre Geduld konnte binnen eines Wimpernschlags erschöpft sein. Dann blitzten ihre Augen zornig auf. Ich hatte schnell gelernt, dass ich in derlei Momenten besser die Flucht ergriff, als vergebens Widerstand zu leisten. Trotzdem war sie tags darauf jedes Mal wieder da, wartete auf mich, oft zu meiner großen Verwunderung, und allmählich lernte ich das Wort „Verzeihung“ in der einzigen Sprache, die sie beherrschte: ein schiefes Lächeln, ein verschämter Blick. Eine Berührung, die wie zufällig wirkte. Ein klingendes Lachen als Reaktion auf eine meiner Äußerungen, die eine solche Wertschätzung aber in Wahrheit gar nicht verdient hätte. Dann waren wir wieder Freunde, und sie zeigte mir Plätze, die ich ansonsten niemals zu Gesicht bekommen hätte, denn so wenig, wie ich etwas vor ihr geheim halten konnte, konnte es der Wald. Sie fand den Trinkplatz eines alten Elchbullen an einem Weiher. Den versteckten Nistplatz des Grünspechts. Die Höhle des Waldkauzes in einem verrotteten Baumstamm. Den prächtigen Horst des Adlers in der Krone einer Kiefer. Im Gegenzug hatte ich selbst ihr nicht allzu viel anzubieten, aber das bisschen, was ich besaß, gehörte ganz ihr. Als sie einmal vorschlug, ich solle Ruten zurechtbiegen und in den Boden stecken, peitschten mehrere davon zurück und trafen mich im Gesicht. Doch ich schluckte die Tränen hinunter und hängte Fichtengrün über die Ruten, damit wir bei Wind darunter Schutz suchen konnten.

Wie viel besser wäre es gewesen, wenn dieses unschuldige Kinderspiel für alle Zeit hätte andauern können. Doch die Jahre vergingen und veränderten auch uns. Linneas hageren Leib, der einst kaum von meinem zu unterscheiden gewesen war, formte die Natur nach ihrem ureigenen Willen um. Auf Drei Rosen war ansonsten alles beim Alten, und auch wenn wir unsere gemeinsamen Tage weitab der Blicke Dritter verbrachten, kommt mir die Zeit im Nachhinein unendlich kurz vor, viel zu kurz. Meine Erinnerungen an die wechselnden Jahreszeiten fließen ineinander, mehrere Sommer sind zu einem verschmolzen, ein Winterspiel draußen in den Schneewehen ist vom anderen nicht mehr zu unterscheiden. Doch plötzlich waren wir beide vierzehn und keine Kinder mehr.
Aus dem Hinterhalt schlich sich die körperliche Reife an. Niemand von uns wollte sie; ich weiß noch, wie wir draußen auf einer Wiese vom Sommerregen überrascht wurden und Neas Kleid mit einem Mal durchsichtig war wie ein Schleier. Sie schlang die Arme um ihren Oberleib, um ihre Blöße zu bedecken, während ich den Blick verschämt zu Boden richtete. Hernach zog sie andere Kleider an, aber weil unsere Spiele mitunter gröber wurden, war unvermeidlich, dass wir einander berührten, woraufhin wir jedes Mal auseinanderstoben und sich Stille zwischen uns ausbreitete, ohne dass einer von uns gewusst hätte, wie er dem Schweigen ein Ende setzen sollte. Ein paar Tage im Monat blieb sie lieber zu Hause, statt an unserem Treffpunkt auf mich zu warten, und immer hatte sie unterschiedlichste Entschuldigungen parat. Auch ich war gewachsen, war jetzt stärker als sie, und wenn wir um etwas zankten, fühlte ich mich zu einem Schauspiel genötigt, damit sie weiter glaubte, wir seien einander noch immer ebenbürtig. Niemand von uns hatte vom Baum der Erkenntnis gekostet; trotzdem war unser Garten nicht mehr derselbe.
Und ihre Stimmung verdüsterte sich. Ein einziges unbedachtes Wort oder eine Geste konnte der entscheidende Funke sein, damit ihr Zorn wie eine Leuchtbake aufloderte, genug für sie, um entweder davonzustürmen oder mich mit einer Gebärde, die einer Königin würdig gewesen wäre, ihres Waldes zu verweisen. Es war Sommer, als ich das Schicksal schließlich herausforderte; nachdem ich ein paar Tage mit Fieber im Bett verbracht hatte, war ich besonders dickköpfig, und ihre Knüffe, die ich zuvor immer klaglos hingenommen hatte, waren gegen meine frühreifen Jünglingsmuskeln mit einem Mal auf verlorenem Posten. Als sie in ihrer Wut über mich herfiel, um mich zu kratzen, lachte ich nur, denn eine von Linneas Unsitten war nun mal, dass sie sich die Fingernägel bis aufs Nagelbett abkaute, sodass sie sie kaum mehr als Krallen einsetzen konnte. Ehe ich michs versah, packte sie meine Hand, mit der ich sie auf Abstand hielt, und biss hinein – und zwar nicht spielerisch, sondern so hart, dass es blutete.
Vom plötzlichen Schmerz überrascht schrie ich auf. Sie ließ von mir ab, unsere Blicke trafen sich, und ich sah, dass sie in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung angefangen hatte zu weinen. Zitternd holte sie Luft. Dann rannte sie davon und verschwand zwischen den Fichten. Obwohl ich ihr am liebsten nachgelaufen wäre, blieb ich völlig perplex stehen und befeuchtete das Moos mit roten Blutstropfen.
Noch immer sind die Bissspuren auf meiner Hand zu sehen, mit der ich diese Worte niederschreibe.
Es dauerte einige Zeit, bis ich sie tags darauf aufspürte. Ich hatte mir die Hand verbunden und trug sie in einer Schlinge, damit es nicht so wehtäte. Diesmal hatte sie sich als Versteck eine entlegene Lichtung ausgesucht – einen Zufluchtsort, zu dem sie mich nur selten mitgenommen hatte. Ihre Schluchzer wiesen mir den Weg. Sie hatte die Arme um beide Knie geschlungen und bebte am ganzen Leib wie eine Espe im Wind. Ein abgebrochener Zweig unter meinen Sohlen verriet meine Ankunft. Ich ging ein Stück von ihr entfernt in die Hocke, weil ich mich nicht näher an sie heranwagte.
„Was ist los, Nea? Vergiss meine Hand. Das war nicht mehr als eine Schramme. Lass uns vergessen, was passiert ist.“
Als sie nach einer Weile antwortete, presste sie das Gesicht an die Knie.
„Du solltest hören, wie sie über euch reden, Erik.“
Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.
„Wer – sie?“
„Mein Vater ist so stolz darauf, dass er den Grund und Boden deines Vaters beackern darf. Er redet vom alten Drei Rosen, als wäre der die Sonne – eine Zierde für seinen Stand, als wüchse ohne sein Zutun rein gar nichts auf diesem Land. Meine Schwestern tuscheln über deinen Bruder und seine Kadettenfreunde, als wären sie Preise in einem Wettbewerb, dessen Regeln allen bekannt sind. Sie verbringen jede freie Minute damit, sich das Gefieder zu putzen. Sie üben, in ihren feinen Kleidern adrett dazusitzen, mit Nadel und Faden Blümchen zu sticken, einen Haushalt zu führen und schön zu singen, kokette Blicke zu werfen, auch wenn sie keusch daherreden – all die Fähigkeiten, die ihnen zum Vorteil gereichen könnten, wenn sie einen Mann umgarnen wollten, der reicher ist als ihr Erzeuger.“
Sie hob den Blick und wischte sich über Augen und Nase. Nicht einmal der Umstand, dass ihr Gesicht vom Heulen geschwollen und vom Kummer gerötet war, vermochte ihrer Schönheit Abbruch zu tun.
„Und ich muss still dasitzen und bei alledem zuhören. Mein Vater will, dass ich mich aus dem Wald fernhalte und mich entweder an den Webstuhl setze oder die Nase in den Katechismus stecke. Hinter seinem Rücken piesacken mich meine Schwestern, weil sie uns zusammen gesehen haben, und stacheln mich an, weil sie von sich selbst auf andere schließen. Die Ungerechtigkeit in alledem schert sie kein bisschen. Eine geborene Colling, ein geborener Drei Rosen – eine, die nichts besitzt, der andere alles. Mein Vater scharrt mit den Füßen und überschlägt sich mit Komplimenten, um die Brosamen von eurer Tafel auflesen zu dürfen, und hat das inzwischen so sehr verinnerlicht, dass er einfach nur überglücklich ist, wenn seine Schmeicheleien gut ankommen. Und meine Schwestern wollen nichts lieber, als eines Tages auf andere hinabzublicken, so wie andere gegenwärtig auf sie herabblicken.“
So hatte ich sie noch nie reden hören.
„Aber Nea …“
Doch sie ließ mich nicht ausreden.
„Ich will nicht, was sie wollen. Ich wollte immer einfach nur ich selbst und für mich allein sein. Ich habe mich nie nach einem Mann gesehnt.“
Sie muss mir angesehen haben, wie verwirrt ich war. Als sie erneut das Wort ergriff, konnte ich ihr Flüstern kaum verstehen.
„Aber nach dir sehne ich mich, Erik Drei Rosen. Nach dir und niemandem sonst. Meine alten Träume hast du zum Platzen gebracht, doch wovon ich jetzt noch zu träumen wagen darf, weiß ich nicht mehr.“
Unbändige Glückseligkeit keimte in mir auf. Was ich als Nächstes sagte, erschien mir nur selbstverständlich.
„Ich sehne mich auch nach dir – und nach niemandem sonst! Ich ahne, wie deine Träume aussehen könnten, weil ich die gleichen schon unzählige Male geträumt habe. Du und ich vor dem Traualtar, Linnea. Als Mann und Frau.“
Bekümmert schüttelte sie den Kopf.
„Ich will nicht als Gattin eines Adeligen auf einem Anwesen sitzen und über Leute mein Urteil fällen, die mir die Aufwartung machen und hinter der freundschaftlichen Maske doch bloß neidisch sind.“
Ich lachte.
„Mein Bruder wird Drei Rosen erben. Mein Anteil beziffert sich auf so gut wie nichts. Wenn du um den Preis der Armut frei sein willst, könnte ich dir nichts Besseres anbieten.“
Doch mit einem Mal beschlichen mich Zweifel, und die Mannesstimme, die seit Neuestem aus meiner Kehle drang, schlug wieder um in das Stammeln des nervösen Jungen.
„Sofern du denn willst …?“
Ihr liefen immer noch die Tränen hinab – auch wenn die Ursache inzwischen eine andere war.
„Ja! Tausendmal ja!“
Dann fiel sie mir mit einer Heftigkeit um den Hals, wie ich es noch nie erlebt hatte. Wir saßen lange so da – und weil sie meine Hand nur ungern loslassen wollte, folgte sie mir am Ende den ganzen Weg bis zur Wiese, die Drei Rosen säumte.
Zum Abschied drückte sie ihre Lippen auf meine. Ich hatte noch nie zuvor im Leben einen Kuss bekommen, aber diese Kunst scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst, und so schloss ich die Augen und küsste sie meinerseits, während die Dunkelheit hinter meinen Lidern vom Aufblitzen fremdartiger Farben und Formen erhellt wurde und durch jene Stelle, an der wir miteinander vereint waren, all die Liebe strömte, die mir das Leben bislang verwehrt hatte. Mir wurde all das zurückgegeben, was mir gefehlt hatte, und zum ersten Mal überhaupt fühlte ich mich vollständig. Ich zitterte am ganzen Leib angesichts dieser überwältigenden Woge, meine Knie gaben unter mir nach, und das Salz unserer Tränen vereinte sich an der Stelle, wo unsere Lippen sich begegneten.

4.
Mein Bruder Jonas, der vom Dienst freibekommen hatte, um bei der Ernte zu helfen, war der Erste, der mich darauf aufmerksam machte, dass meine Liebe zu Linnea auf Drei Rosen kein Geheimnis mehr war. Bereits tags darauf nahm er mich mit zu den Ställen, vorgeblich um mir ein Pferd zu zeigen, schlug mir dort hinterhältig auf die Schulter und grinste mich feixend an.
„Also, kleiner Bruder, wie ich von den Knechten höre, bist du in den letzten Sommern mit der Tochter eines unserer Angestellten im Gras herumgetollt.“ Ich glotzte stumm zu Boden, während er lachend fortfuhr: „Anscheinend ist sie ein ganz hübsches Ding – aber ein Bauernmädel, Erik. Ein bisschen höher könntest du doch zielen, oder? Auch wenn ich deine übrigen Eigenschaften selten gelobt habe, so bist du doch immerhin ganz hübsch anzusehen.“
Mir stieg die Röte ins Gesicht, was ihn nur umso mehr anstachelte.
„Böse Zungen behaupten, sie sei ein Sonderling, halte sich von den anderen fern, scheine sich für etwas Besseres zu halten, was für eine ausgewiesene Dummheit spricht, und ich bin geneigt, dem Gerede der Leute zu glauben, da sie ja deine Gesellschaft erträgt.“
Er versetzte mir einen Stoß in die Seite, um zu signalisieren, dass er mich lediglich piesacken wollte. Dann bestand er darauf, dass ich ihm sämtliche wollüstigen Details schilderte, die bloß in seiner Fantasie existierten.
Als ich nicht reagierte, begnügte er sich damit, mich mit erhobenem Zeigefinger auf unerwünschte Folgen unseres Techtelmechtels hinzuweisen. Er sollte recht behalten, wenn auch nicht so, wie er geargwöhnt hatte, sondern indem ich nach dem Erntefest – nach Tagen, an denen meine Gastgeberpflichten mich daran gehindert hatten, Linnea Charlotta zu treffen – in Vaters Zimmer gerufen wurde. Ich fragte mich, wer uns verraten hatte.

Ich war Vater seit Wochen nicht mehr unter vier Augen begegnet und erkannte erst jetzt, wie sehr die jüngste Phase der Melancholie an seinen Kräften gezehrt haben musste. Er schien in jenem kurzen Sommer um ein Vielfaches gealtert zu sein. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, das einst dichte Haupthaar gelichtet. Er hatte gut und gern fünfzehn Pfund an Gewicht verloren, wodurch die früher so straffen Wangen eingefallen und seine Züge auf eine Weise verändert waren, dass mir angst und bange wurde. Sein Schreibzimmer wirkte trotz allen Prunks düster, und die Vorhänge waren zum Schutz vor der Nachmittagssonne vorgezogen. Er bat mich, auf einem der zwei Stühle Platz zu nehmen, die er allem Anschein nach eigens für diese bevorstehende Unterredung zurechtgerückt hatte. Dann seufzte er tief und ergriff das Wort.
„Wie ich von deinem Hauslehrer erfahren musste, vernachlässigst du deine Studien.“
Ich ließ den Kopf hängen und antwortete einsilbig, statt mit Ausreden aufzuwarten, und er entschied sich, alsbald zur Sache zu kommen.
„Ich nehme an, du schläfst mit ihr?“
Ich lief rot an, und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich schüttelte den Kopf, und so stellte er mir sogleich die nächste Frage.
„Und warum nicht?“
In der darauffolgenden Stille stand er auf und trat ans Fenster, wo er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und durch den Spalt zwischen den Vorhängen sah.
„Erik, du bist in diesem Hause der Zweite in der Erbfolge. Das ist nicht die glücklichste Position. Dein Bruder wird mich eines Tages beerben und das Anwesen übernehmen. Wenn auch du dein Scherflein zum Wohl unseres Geschlechts beitragen willst, wirst du dir Mühe geben müssen. Dazu ist eine gute Partie erforderlich. Wenn du nun schon dem Weibsvolk zugeneigt bist, wüsste ich diverse Töchter, deren Väter willens wären, eine gediegene Mitgift zu zahlen, auf dass ihre Enkel von einem Grafen gezeugt werden.“
Tränen der Entrüstung stiegen mir in die Augen, was meinem Vater mitnichten entging. Missbilligend schüttelte er den Kopf, ehe er sich wieder mir gegenüber niederließ.
„Versteh mich nicht falsch. Ich sage ja nicht, dass du den Kontakt zu dem Colling-Mädchen abbrechen musst. Nichts dergleichen. Verlustier dich mit ihr, Erik, säe nach Herzenslust deinen Wildhafer. Wenn sie schwanger wird, können wir uns die Kosten für den Bastard leisten, auch wenn wir dann womöglich einen Kerl finden müssen, den sie heiraten kann. Wenn du sie anschließend als Mätresse behalten willst, habe ich nichts dagegen. Aber du wirst sie nicht zur Frau nehmen, Erik. Niemand aus dem Geschlecht Drei Rosen heiratet eine Bauerntochter.“
Ich trocknete mir die Tränen, bevor ich antwortete, und hörte selbst, wie kindlich meine Stimme klang, so als wäre sie zwischen den Bücherregalen und Blumentapeten erstickt.
„Ihre Familie ist für mich gut genug.“
Diesmal war es an meinem Vater, rot anzulaufen – allerdings vor Wut.
„Dann taugt dir der ungehobelte Boden in ihrer Hütte plötzlich mehr als das Gut deiner Urahnen? Gefällt dir eine verlauste Strohmatratze besser als Seidenlaken, solange sie in deinen Armen liegt? Glaubst du ernsthaft, wir hätten all dies erreicht, wenn wir nicht Opfer erbracht hätten? Glaubst du ernsthaft, du könntest die Strapazen deiner Vorfahren um einer jugendlichen Verliebtheit willen einfach mit Füßen treten?“
Ich hatte meinem Vater kaum je widersprochen, und wenn, dann hatte ich es im Nachhinein immer bitter bereut. Doch aus meiner Liebe zu Linnea bezog ich den Mut, den ich brauchte, um zu entgegnen: „Ich liebe sie über alles! Wir sind bereits verlobt, und auch wenn es keine Verlobung unter einem Kirchendach war, bin ich mir sicher, dass Gott uns gehört hat.“
Mir war, als kämen die Worte aus dem Mund meines Vaters herausgeschossen wie siedendes Wasser aus einem brodelnden Kupferkessel.
„Deine Mutter musste dein Leben mit ihrem eigenen büßen. Du warst zu lange in ihrem Schoß, und als du schließlich kamst, hast du sie schier entzweigesprengt. Wie viele glückliche Jahre hätten meine geliebte Frau und ich noch haben können, wenn du nicht gewesen wärst? Du hast sie mir genommen! Und was tust du, um diese Schuld zu sühnen, Erik? Du willst dein Leben an eine Armenhäuslerin verschwenden!“
Er verstummte. Ich ahnte, dass er sich erst wieder beruhigen musste. Nach einer Weile wurde seine Atmung regelmäßiger, und seine Hände hörten auf zu zittern. Als er erneut das Wort ergriff, klang er beherrscht.
„Im Dezember wirst du fünfzehn. Damit bleiben dir noch drei Jahre, bis du mündig bist und derlei Entscheidungen selbst treffen darfst.“
„Ich warte, so lange es nötig ist.“
Mit erhobener Hand gebot er weiteren Erwiderungen Einhalt.
„Ich schicke dich gen Süden, Erik. Ich habe Freunde, die auf Sankt Barthelemi, unserer schwedischen Kronkolonie, Geschäfte betreiben. Ich bitte sie, irgendeine Aufgabe für dich zu finden. Sobald du achtzehn bist, kann ich dich nicht daran hindern, wieder nach Hause zurückzukehren, und auch nichts anderes unternehmen, um dich zur Vernunft zu zwingen, solltest du immer noch dieselben Flausen im Kopf haben. Aber ich hoffe, dass du von selbst Vernunft annimmst, sobald du gesehen hast, was die Welt sonst noch zu bieten hat.“
Ich sprang so abrupt auf, dass mein Stuhl umkippte.
„Niemals! Ich verlasse sie nicht.“
Auf wackligen Beinen ging ich zur Zimmertür. Seine Stimme folgte mir nach draußen.
„Ihr werdet voneinander getrennt. Solltest du dich weigern abzureisen, bleibt mir keine andere Möglichkeit, als die Pacht ihres Vaters zu kündigen. Die Entscheidung liegt bei dir.“
Ich stürmte hinauf in mein Zimmer. Mein Vater hatte mir eine Grube gegraben, aus der – da war ich mir sicher – kein Entkommen war. In mir brodelte die Wut, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ein roter Schleier legte sich über meine Augen, wurde dichter und immer dichter, bis die Welt vollends in einem dröhnenden Nebel versank. Als ich wieder zur Besinnung kam, stand ich inmitten der Scherben und Splitter meines kompletten Mobiliars. Schockiert und verständnislos sah ich mich um, als hätte ich einer Theateraufführung beigewohnt, bei der soeben der Vorhang gefallen und wieder emporgezogen worden war – nur dass aufgrund eines Missgeschicks eine komplette Szene gefehlt hatte, weshalb die Zusammenhänge nicht mehr nachvollziehbar waren. Schmerzen verleiteten mich schließlich dazu, nach unten zu sehen. Meine Fingerknöchel bluteten, die Fäuste waren geschwollen und mit Blutergüssen übersät. Hätten meine eigenen Hände nicht davon gezeugt, wäre ich mir sicher gewesen, dass irgendein namenloser Gewalttäter diese Wahnsinnstat begangen und ich selbst bewusstlos danebengelegen hätte.
Irgendwann dämmerte mir, dass jener Kuss, den Nea und ich geteilt hatten, ein mir bislang unbekanntes Schleusentor einen Spaltbreit geöffnet hatte. Dahinter staute sich ein stickiger Zorn auf, der sich fortan jedes Mal entladen sollte, wenn meine Liebe zu Linnea Charlotta auf die Probe gestellt wurde. Mit ihr hatte ich etwas gefunden, das ich nie mehr verlieren durfte. Jener Wutausbruch war lediglich der erste gewesen, doch zu meinem Leidwesen beileibe nicht der letzte.

5.
Sobald ich die Gelegenheit hatte, machte ich mich auf die Suche nach Linnea Charlotta, doch wie sich herausstellen sollte, waren sämtliche Treffpunkte in unserem Wald verwaist. Als ich schließlich sogar ein Pferd sattelte und zu Eskil Collings Hof ritt, erfuhr ich dort, dass sie zu Verwandten geschickt worden war. Ich blickte ihrem Vater tief in die Augen und konnte die blanke Angst darin sehen. Ich selbst – ein Junge von gerade einmal vierzehn Jahren – schien für ihn zu einem Monstrum geworden zu sein, das seine Zukunft in Schutt und Asche zu legen drohte. Unverrichteter Dinge und mit bitteren Tränen auf den Wangen führte ich mein Pferd wieder heimwärts – und traf auf Linnea Charlottas Mutter, die zwischen Ackerland und Waldrand auf mich gewartet hatte. Sie setzte sich auf einen Stein und bedeutete mir, neben ihr Platz zu nehmen.
„Natürlich habe ich Sie zusammen gesehen, Sie und meine Nea. Schon da habe ich gedacht, dass das nicht gut enden würde, doch ich konnte nichts tun – Nea ist ein Mädchen mit einem unbeugsamen Willen. Ich konnte bloß hoffen, dass der Docht der Leidenschaft von selbst wieder ausginge.“
Sie fing meinen Blick auf.
„Lange hatte ich die Sorge, dass sie für Sie lediglich ein Spielzeug sein könnte – eine Bauerntochter für den jungen Edelmann, mit der er tanzen kann, solange der Sommer in voller Blüte steht.“
„Ich habe sie nie angefasst. Ich will sie zur Frau nehmen. Ich will, dass Sie mir Ihren Segen geben.“
Es dauerte eine Weile, ehe sie antwortete. Zunächst stieß sie einen tiefen Seufzer aus.
„Sie hat ebenfalls geweint, Erik, so sehr, dass es mir fast das Herz zerriss. So fest hat sie sich an den Türrahmen geklammert, dass nicht einmal ein erwachsener Kerl sie losbekommen hätte. Ich weiß, dass Ihr Vater Sie fortschicken will … Aber so wie wir ihm versprochen haben, Linnea Charlotta so lange andernorts unterzubringen, bis Sie abgereist wären, will ich auch Ihnen etwas versprechen, auf dass es Ihnen ein Trost sei: Nea wartet auf Sie. Bis zum Tag Ihrer Volljährigkeit wird sie unverheiratet bleiben. Sie will keinen anderen, und wir haben dieses Mädchen noch nie zu etwas nötigen können. Wenn Sie wiederkehren und Sie beide sich immer noch einig sind, dann bekommen Sie unseren Segen.“
Ich fiel ihr um den Hals. Nachdem wir uns schon voneinander verabschiedet hatten, kam mir noch etwas in den Sinn, und ich drehte mich noch einmal nach ihr um.
„Wenn ich ihr schreibe und die Briefe zu Ihren Händen schicke, sorgen Sie dafür, dass sie ihr Ziel erreichen?“
Kurz zögerte sie, nickte dann, und ich setzte mich wieder in Bewegung, um den ersten von zahllosen Briefen zu verfassen.

Meine Abreise wurde für Ende Oktober terminiert, was mir für die Vorbereitungen reichlich Zeit gab. Ich saß viel in der Bibliothek, um etwas über Sankt Barthelemi in Erfahrung zu bringen. Da mein Vater sich mit dem Lesen schwertat, hatte er nicht allzu viel zur Sammlung seiner Vorfahren beigetragen. Nach stundenlanger vergeblicher Suche gab ich auf und setzte stattdessen all meine Hoffnungen auf meinen Hauslehrer. Lundström saß wie üblich krumm gebeugt über Kerzenstummel und Buch in seiner Kammer. Er bedachte mich mit dem gleichen vorwurfsvollen Blick wie schon so oft zuvor, seit meine Treffen mit Linnea zulasten meines Lerneifers gegangen waren. Ich gab mir alle Mühe, reumütig auszusehen, und als wir uns kurz über meine Lage unterhielten, taute er ein wenig auf. Natürlich hatten die Gerüchte von meiner Abreise wie ein Lauffeuer die Runde gemacht, und er gab sein Bestes, um mich aufzumuntern. Am meisten schien ihm Aufwind zu geben, als ich ihm von Linneas Mutter erzählte.
„Aber Erik, da sehen Sie es doch! Was hätte denn Besseres passieren können? Sie wartet auf Sie, ohne dass Sie Ihrerseits in der Pflicht stünden, und unterdessen wird es höchste Zeit, dass Sie das eine oder andere Abenteuer erleben. Es ziemt sich nicht für einen Mann, direkt von der Schulbank in die Ehe zu gehen, ohne erst erfahren zu haben, was das Leben sonst noch bereithält. Um ehrlich zu sein, wünschte ich mir, ich wäre an Ihrer Stelle! Sowohl Euphrasén als auch Carlander haben Barthelemi besucht, um ihre naturkundlichen Sammlungen zu ergänzen. Fahlberg ist sogar immer noch dort und schickt zur Freude der Akademie eifrig Funde nach Hause. Aber gewiss gibt es dort noch vieles andere, was es wert wäre zu entdecken.“
Als ich anfing, ihn nach Details zu befragen, schlug sein jungenhafter Enthusiasmus um in das typische Stirnrunzeln des Lehrmeisters, und ich ahnte, dass er in sich ging, um sich sein vielfältiges Wissen in Erinnerung zu rufen. Er erklärte mir, dass sich die Übernahme der Kolonie alsbald zum zehnten Mal jähre und der selige König Gustav sie in seiner weisen Vorausschau bei den Franzosen gegen die Zollfreiheit im Göteborger Hafen eingetauscht habe – von einem besseren Handel habe man bis dato nie gehört. Die Insel lag inmitten weiterer Inseln auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans und war angeblich ein tropisches Paradies, wie es Defoes Feder hätte entsprungen sein können, bestens beschaffen für Feldfrüchte, die das Reich andernfalls für teuer Geld woanders einkaufen müsste: Baumwolle für Bekleidungsstoffe, Zucker für die gute Küche, Melasse zum Trinken und Süßen. Die Hauptstadt, Gustavia, war zu Ehren des Königs umbenannt worden.
„Und wer lebt dort?“
Lundström klopfte sich mit dem Daumennagel an die Schneidezähne.
„Ein Gutteil Schweden, schätze ich, aber auch Ihr Französisch wird Ihnen dort von großem Nutzen sein.“
Nachdem seine Kenntnisse damit erschöpft zu sein schienen, bat ich ihn beschämt um Vergebung, weil meine Possen ihn die Weiterbeschäftigung gekostet hatten, doch er zuckte bloß mit den Schultern. Wenn ich ihm nur verspräche, ihm eine beliebige Kuriosität der dortigen Flora mit heimzubringen, wären wir quitt. Ich gab ihm mein Wort.

Die folgenden Wochen waren von Langeweile geprägt. Als sich der Abreisetag endlich näherte, stand mein Vetter Johan Axel mit einer gepackten Reisetruhe vor unserer Tür. Er würde mir auf Barthelemi Gesellschaft leisten, und dass er dem Abenteuer freudig entgegenblickte, war nicht zu übersehen. Nun war das kein Wunder. Genau wie ich selbst war auch Johan Axel zu spät zur Welt gekommen, als dass er damit hätte rechnen können, je irgendein Erbe anzutreten. Er hatte gleich mehrere ältere Brüder, gedachte nach Lund oder Uppsala zu gehen, hatte aber die Möglichkeit beim Schopfe gepackt, erst andernorts Erfahrungen zu sammeln. Obwohl wir uns in der Kindheit vergleichsweise oft gesehen hatten, war in den Monaten, die ich an Linnea Charlottas Seite verbracht hatte, unser Kontakt im Sande verlaufen, und er schien froh zu sein, unsere alte Freundschaft wiederzubeleben. Sein Enthusiasmus bescherte mir einen gewissen Trost.
Meine eigene Truhe war schnell gepackt. Die meisten Habseligkeiten eigneten sich ohnehin nicht für das äquatoriale Klima. Meine Hemden und Hosen hatten von den Mägden teils umgenäht werden müssen, um den dortigen Temperaturen besser gerecht zu werden, die höher waren, als wir es hier im Norden gewöhnt waren. Ein Schuster kam, um sowohl bei mir als auch bei Johan Axel Maß zu nehmen, und kehrte einige Tage später mit je einem Paar Lederschuhen wieder, die wir mit ein wenig Glück ein ganzes Jahr oder länger würden tragen können, sollten unsere Füße nicht übermäßig wachsen.
Der Abschied von Vater erwies sich als ebenso wortkarg, wie man es hätte erwarten können – ein kurzes Lebewohl über den Schreibtisch hinweg, der uns daran hinderte, uns einander auf weniger als fünf Schritte zu nähern. Allerdings zeigte er auf die Schreibplatte. Dort lag sein Abschiedsgeschenk an mich: eine hübsch intarsierte Schatulle. Der Deckel war mit einem Häkchen gesichert, und als ich es aus dem Verschluss schob und den Deckel anhob, lag eine Handfeuerwaffe darin: blau angelassener Lauf, reich verzierte Messingbeschläge am Kolben, oberhalb des Perkussionsschlosses und einiger Kugeln ein Pulverhorn und die Kugelgussform. Auf dem Lauf prangte das Wappen unserer Familie – direkt neben meinem Monogramm.

1794 als Hörbuch: jetzt reinhören!

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Endlich! Nach „1793“ die mit Spannung erwartete Fortsetzung vom preisgekrönten Spiegel-BestsellerautorNach den Ereignissen des letzten Jahres fällt Jean Michael Cardell in ein tiefes Loch. Die Ermittlungen im Fall der verstümmelten Leiche gaben seinem Leben einen Sinn. Nun ist er wieder da, wo er vorher war. Bis zu dem Tag, als ihn eine Frau kontaktiert: Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausamste Weise zugerichtet und getötet. Als Täter wird deren frisch angetrauter adeliger Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen. Die Mutter der Getöteten glaubt diese Version jedoch nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen diesen erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.
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Niklas Natt och Dag im Interview

Was hat Sie zu Ihrem Roman „1793“ inspiriert?
In Schweden gab es in den Neunzigerjahren einen Comic, „Arne Anka“. Arne war eine zynische und rechthaberische Ente und sah Donald Duck verblüffend ähnlich. So sehr, dass sein Schöpfer fürchtete, von Walt Disney verklagt zu werden und der Ente deshalb einen spitzeren Schnabel verpasste. Arne war ein gescheiterter Poet, und Carl Michael Bellman, unser Nationaldichter, war sein großes Vorbild. Über Arne kam ich mit Bellman in Berührung, der 1740 bis 1795 lebte, sehr versiert war, aber die heiklen Themen seiner Zeit vermied. Er schrieb lieber Lieder, die das Leben der einfachen Leute – darunter auch Trunkenbolde und Prostituierte – dokumentierten und die auf den Straßen Stockholms spielten.

Bellmans Werk beeindruckte mich zutiefst, und ich verlor mich in seiner Menagerie an Karikaturen und in den unvorhersehbaren Wendungen der Geschichten. Plötzlich donnerten Emotionen über die Jahrhunderte hinweg auf mich zu. Und so kaufte ich mit fünfzehn meine allererste CD, eine Sammlung von Bellman-Liedern in einer Neuinterpretation. Schließlich schlich ich mich in die Schulbibliothek, stahl ein Buch mit Bellman-Notationen und lernte daraus, Gitarre zu spielen. Etwa zwanzig Jahre später, ich hörte noch immer seine Musik, erschien mir Stockholm im 18. Jahrhundert ein bisschen wie ein zweites Zuhause.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben?
Erst einmal mit dem Schreiben anzufangen! Ich war ein einsames Kind und verbrachte die meiste Zeit mit Lesen. Ich entwickelte Beziehungen zu den Romanfiguren, und ihre Welten wurden in mir lebendig. Von klein auf träumte ich davon, selbst eine Geschichte zu schreiben, um auch einmal die Stimme für jemand anderen zu sein. Doch ich hatte großen Respekt und auch Angst davor, zu scheitern und meinen Traum womöglich platzen zu sehen. Es hat lange gedauert, bis ich die ersten Sätze zu Papier gebracht habe. Das war wohl meine größte Herausforderung.

Und was hat am meisten Spaß gemacht?
Die ganze Recherchearbeit, um den Roman mit Leben und spannenden Details zu füllen! Tolkiens Mittelerde wäre für mich nie lebendig geworden, wenn er nicht auch die Blumen auf dem Weg nach Bruchtal beschrieben hätte, fiktive Sprachen mit Wortschatz angereichert oder eine funktionierende Syntax geschaffen hätte. Umberto Ecos Der Name der Rose ist ein Füllhorn an obskurem Wissen über Ketzerei und so vieles mehr. Ich wollte in diesem Sinne auch mein Bestes geben, und das hat mich zu einer Schatzkammer voller historischer Quellenbücher gebracht. Das war zweifellos das größte und schönste Leseabenteuer meines Lebens.

Was fasziniert Sie an der Kriminalistik im späten 18. Jahrhundert?
Ich denke, dass jeder, der mit dem 18. Jahrhundert in Berührung kommt, von derselben Sache fasziniert sein wird. Nämlich wie die Aufklärung begann, eine mehr oder weniger feudale Gesellschaft zu durchdringen. Das Spannende dieser Zeit sind die Umbrüche. Auf der einen Seite gab es mittelalterliche Werte, auf der anderen Seite revolutionäre Ideen, die sich später zur Demokratie entwickelt haben. Ähnliches galt für die Strafverfolgung. Die Rechtsprechung war ungerecht, und die Rechte des Einzelnen waren, gelinde gesagt, kaum vorhanden. Die Strafen waren drakonisch. In „1793“ verkörpert mein Protagonist Cecil Winge den Geist der Aufklärung. Als er die übel zugerichtete Leiche sieht, treibt ihn der Wunsch nach Gerechtigkeit an, den Fall aufzuklären. Doch auch er muss im Laufe der Geschichte lernen, dass man mit dem Verstand nicht alles lösen kann.

Angenommen, Sie könnten einen Tag im Jahr 1793 verbringen. Was würden Sie tun?
Ich würde in jedes Nasenloch einen Korken stecken und ins Kaffeehaus gehen, um den neuesten Klatsch und Tratsch aufzufangen. Dabei würde ich meine – im hohen Alter von 38 Jahren – vergleichsweise perfekten Zähne zur Schau stellen, eine Kreidepfeife rauchen und dabei den Corday Waltz aus Peter Weiss' Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade singen. Und schließlich würde ich natürlich auch Bellman einen Besuch abstatten, der zu der Zeit im Schuldnergefängnis saß, und ihn mit einer neuen Lieferung an Tinte, Papier und Feder versorgen.

„1793 ist ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“


Arne Dahl

„1793“ - ein außergewöhnlicher Schwedenkrimi

Lektorin Isabell Spanier zur Entstehung des Buchs

Wer sucht sie nicht, die besonderen Stoffe, die einen mutigen neuen Dreh haben und Genregrenzen austesten? Im Verlag waren wir uns sofort einig: „1793“ ist eines dieser Bücher, die einen sofort einnehmen und einen Nerv treffen. Schon lange hat kein historischer Kriminalroman den ganzen Verlag so begeistert wie dieser. Das Buch ist sehr spannend, liest sich süffig und ist wahnsinnig gut recherchiert. Der Autor Niklas Natt och Dag entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens und hat nicht zuletzt deshalb eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Uns war sofort klar, dass wir sein großartig komponiertes Debüt unbedingt in Deutschland veröffentlichen wollen.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Im Jahr 1793 wird in Stockholm eine mit höchster chirurgischer Präzision verstümmelte Leiche an Land gespült. Leere Augenhöhlen starren ins Nichts, die Arme und Beine fehlen, der Rest ist fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Von Anfang an schockiert den Leser, wie grausam dieses Verbrechen ist. Unvorstellbar das Motiv, das rechtfertigen würde, einen Menschen einer Folter dieses Ausmaßes zu unterziehen. Der Wunsch nach Gerechtigkeit treibt zwei Männer an, den Fall aufzuklären. Cecil Winge, ein begnadeter Ermittler vom Schlage eines Sherlock Holmes, steht im Dienste der Stockholmer Polizeikammer und ist für „besondere Verbrechen“ zuständig. Er liebt es, der rohen Gewalt die Kraft der Logik entgegenzusetzen. Dieser Mordfall wird ihn jedoch an seine Grenzen treiben, denn Winge ist an Tuberkulose erkrankt, und sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Er zieht Jean Michael „Mickel“ Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm und einem erheblichen Alkoholproblem, als Sparringspartner hinzu.

Da Cardell im Krieg selbst ein Körperteil hat einbüßen müssen, ist er ein Spezialist auf dem Gebiet der Amputationen. Niklas Natt och Dag schafft es meisterhaft, den Kriminalfall, die Schicksale der Figuren und die Atmosphäre zu einem so packenden Ganzen zu verweben, dass man das Gefühl hat, sich selbst im Jahr 1793 zu befinden. Überall herrschen Armut und Paranoia, Gewalt und Krankheit bestimmen das Leben der einfachen Leute. Fast kann man die schrecklichen Zustände unmittelbar vor sich sehen. Die atmosphärisch dichten Beschreibungen Stockholms zu dieser Zeit gehen unter die Haut, und die Einzelschicksale erschüttern bis ins Mark. Ja, stellenweise tun die Schilderungen sogar weh. „1793“ greift ein Setting auf, das es auf dem Buchmarkt so noch nicht gibt: Stockholm im 18. Jahrhundert. Wir lernen die Stadt „von unten“ kennen, bekommen beispielsweise Einsicht in das Gefängnisleben, in die Gosse, in Bordelle und Spelunken. Spannungsleser sind immer wieder auf der Suche nach neuen Schauplätzen – und bei diesem Roman kommen sie definitiv auf ihre Kosten.

Die internationalen Rechte waren heiß umkämpft. Über Nacht wurde der Roman in mehr als dreißig Länder verkauft. In Schweden ist 1793 der Erfolgstitel der letzten Jahre. Er wurde mit dem Krimipreis für das beste Debüt ausgezeichnet, steht auch ein Jahr nach Erscheinen noch auf der Bestsellerliste und ist auf der Shortlist für das Buch des Jahres 2018. Niklas Natt och Dag revolutioniere mit dem wilden und ungewöhnlichen Mix aus verruchtem historischen Setting und Krimi das ganze Krimigenre, sagt Arne Dahl, und Fredrik Backman meint, diesen Roman zu lesen sei, wie sich selbst ein Geschenk zu machen. Dieses besondere Geschenk wollen wir den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern nicht länger vorenthalten! 

„Ein historischer Krimi, der in seiner Spannung und literarischen Qualität seinesgleichen sucht.“


Erik Axl Sund

Über Niklas Natt och Dag

Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Er entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Wenn er nicht schreibt oder liest, spielt er Gitarre, Mandoline, Geige oder die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi.

Weitere spannende Schwedenkrimis

Montag, 30. Dezember 2019 von Piper Verlag


Kommentare

1. Frau
Britta Burkard am 27.02.2019

Danke

2. Niklas natt och dag
Mittmannsgruber am 02.03.2019

Extrem spannend!

3. 1793
Hans-Joachim Pelzer am 07.04.2019

Selten hat mich ein Roman - als Vielleser - so gepackt und in seinen Bann gezogen. Nichts für schwache Nerven, aber ohne Frage knallhart realistisch. Warte sehnsüchtig auf den nächsten Roman; gerne aus der Vergangenheit Schwedens.

4. 1793
Katrin Hans am 01.05.2019

Danke für dieses Buch und die Geschichte! Das war eine tief greifende neue Erfahrung und die Motive und Beweggründe der beteiligten Personen werden mich weiterhin begleiten...Ich fühle mich, als wäre ich selbst in dieser Zeit in Stockholm gewesen ...selbst die unvorstellbare Kälte habe ich -neben dem Grauen- unaufhörlich gespürt.
Ich hoffe sehr, dass ein weiterer historischer Roman von dieser Brilliant folgen wird und wünsche dem Autor alles erdenkliche Gute und weiterhin gute Inspirationen!!
Katrin Hans

5. Nur Superlative für diesen Roman...
Heike Markolwitz am 07.08.2019

Meinen großen Dank an Autor und Verlag für dieses unglaubliche Buch und dieses Leseerlebnis! Noch während der Lektüre - oder besser : des Verschlingens - wünschte ich mir, das Buch würde seinen Umfang auf ein Vielfaches vergrößern! Mir fehlten nach der letzten Seite die Worte und eigentlich fehlen Sie mir immernoch...
Ich habe den größten Respekt vor dieser literarischen Leistung, für die Recherche , die Sorgfalt und wünsche Niklas Natt och Dag Alles Gute, Gesundheit und wahrhaftige Schaffenskraft! Letzteres ist egosistisch motiviert, ich gebe es gern zu....

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