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Der Nr. -1 - Bestseller aus Schweden

1795: In Stockholm öffnen sich die Tore zur Hölle

Winge und Cardell ermitteln – Band 3

Der Abschluss der großen Trilogie!

Blick ins Buch
17951795

Roman

1795: In Stockholm öffnen sich die Tore zur Hölle

Im dritten Teil von Niklas Natt och Dags großer Trilogie folgt Emil Winge zusammen mit Jean Michael Cardell ein letztes Mal dem Ruf nach Gerechtigkeit im verruchten Stockholm des späten 18. Jahrhunderts.

Nach einer Feuersbrunst, die viele Leben gekostet hat, liegt der beißende Geruch von Verzweiflung in der Luft. Wie ein hungriges Tier schleicht das Böse in Gestalt des zwielichtigen Tycho Ceton durch die verwinkelten Gassen. Niemand weiß, was für ein widerliches Komplott er als Nächstes plant.

Zeitgleich beginnt das Königshaus eine unerbittliche Jagd auf alle Gegner der Regentschaft. Ein Brief mit den Namen der Verschwörer soll im Umlauf sein – und ausgerechnet die vermisste Anna Stina Knapp wurde damit gesehen. Zwei begnadete Ermittler stellen sich der Dunkelheit entgegen und wollen nicht nur Ceton fassen, sondern auch Anna Stina beschützen: Emil Winge und der einarmige Veteran Jean Michael Cardell. Doch während sie noch versuchen, für das Gute einzustehen, bahnt sich unaufhaltsam ein Inferno an …

„Es ist dieser Kontrast zwischen den Idealen dieser Zeit und der Gewalt, die Natt och Dag eindringlich aufeinander prallen lässt.“ – Süddeutsche Zeitung über 1794

Wer hält in dem dunklen Labyrinth,
in das uns unsere Leidenschaften ziehen,
den Faden in der Hand?
Donatien Alphonse François de Sade, 1795

Personen, die in 1795 Erwähnung finden

Tycho Ceton, ehemals Mitglied des Eumeniderordens und Sklavenhalter in Schwedisch-Westindien. Nach seiner Heimkehr Mäzen eines Kinderheims, um seine Untaten durch Wohltätigkeit zu verschleiern. Auftraggeber des Mordes an der Braut von Erik Drei Rosen und Konstrukteur von dessen Unglück. Seit dem Brand im Kinderheim Hornsberget mittel- und schutzlos auf der Flucht.

Jean Michael Cardell, genannt Mickel. Ehemaliger Obersappeur, hat den linken Arm im Svensksund eingebüßt, seither bei der Stadtwache tätig. Durch seine Unachtsamkeit kam es zum Brand im Hornsberget, bei dem die Zwillinge von Anna Stina Knapp ums Leben kamen, weshalb er sich für deren Tod verantwortlich fühlt. Vom Feuer gezeichnet, auch wenn das Gewissen schlimmer schmerzt als die Brandnarben.

Cecil Winge, Jurist, im Dienst der Polizeikammer für besondere Fälle zuständig und ein Paradebeispiel für Rationalität. Tot und begraben.

Emil Winge, Cecils jüngerer Bruder. In Auflehnung gegen die Ansprüche und Erwartungen seines Vaters Langzeitstudent an der Universität Uppsala. Von Cardell in die Rolle des toten Bruders gedrängt – mit schicksalsschweren Folgen. Einst Gewohnheitssäufer, um seine Wahnvorstellungen in Schach zu halten, inzwischen trocken.

Anna Stina Knapp, flüchtige Spinnhäuslerin und Witwe, hat zudem jüngst beide Kinder verloren. Wurde vom Menschenhändler Dülitz beauftragt, die wegen Hochverrats verurteilte Magdalena Rudenschöld im Spinnhaus auf Långholmen aufzusuchen und eine Liste mit den Namen sämtlicher Kollaborateure des Verschwörers Armfelt hinauszuschmuggeln.

Maja und Karl, Anna Stina Knapps Zwillinge, die noch vor ihrem ersten Namenstag beim Brand im Hornsberget zu Tode kamen.

Erik Drei Rosen, junger Adeliger, Patient im Tollhaus in Danviken, wo er einer folgenschweren Behandlung unterzogen wurde. Von Ceton hinters Licht geführt, hat er aus Rache das Kinderheim niedergebrannt. Noch im Widerschein des tödlichen Feuers vom wutentbrannten Cardell umgebracht.

Lisa Einsam, Landstreicherin mit Sommerquartier im Stora Skuggan; hat Anna Stina in einer misslichen Lage ausgeholfen; ist im Herbst vor der Verantwortung gen Süden geflohen, um ihrem Namen treu zu bleiben.

Petter Pettersson, Wachtmeister im Spinnhaus auf Långholmen. Hat mit dem Brief der Rudenschöld als Pfand Anna Stina unter einer – nicht eingelösten – Bedingung laufen lassen.

Meister Erik, Petter Petterssons Kosename für die Karbatsche, mit der er die Spinnhäuslerinnen auf Långholmen misshandelt.

Isak Reinhold Blom, Sekretär im Dienst der Stockholmer Polizeikammer, Dichter mit mäßigem Talent. Einst Cecil Winges Kollege, inzwischen Emil Winges Mentor.

Dülitz, aus Polen geflüchtet, handelt mit Menschenleben.

Miranda Ceton, Tychos Ehefrau, gelähmt und bettlägerig, gegen ihren Willen von ihrem Gatten am Leben erhalten. Hat Emil Winge und Mickel Cardell bei deren Jagd auf Tycho – wenn auch aus eigenen Beweggründen – auf die richtige Spur gebracht.

Gustav III., König der Schweden, Goten und Wenden von Gottes Gnaden; im März 1792 in der Stockholmer Oper niedergeschossen und seiner Verletzung erlegen.

Gustaf Adolf Reuterholm, Steuermann des Vormundschaftsregimes, genannt Großwesir; de facto Herrscher über die praktischen Dinge im Königreich; empfindlich, eitel und fest entschlossen, auch den letzten gustavianischen Loyalisten im Lande den Garaus zu machen.

Herzog Karl, jüngerer Bruder des verstorbenen Königs Gustav III. und formal Regent des Reiches bis zur Volljährigkeit des Thronfolgers. Gänzlich uninteressiert an Politik; Reuterholms Hündchen.

Herzog Fredrik Adolf, jüngster Bruder Gustavs III. und hinsichtlich der Thronfolge irrelevant; Lebemann.

Gustav Adolf, einziger Sohn Gustavs III. und dem Titel nach König von Schweden, allerdings noch nicht volljährig und daher unter Vormundschaft.

Gustaf Mauritz Armfelt, Günstling des verstorbenen Königs, außer Landes geflüchtet, nachdem er als Hauptverschwörer gegen die Vormundschaftsregierung enttarnt worden war.

Magdalena Rudenschöld, weiland Hofdame, Armfelts Geliebte und Mitverschwörerin; vorübergehend auf Långholmen in Gefängnishaft.

Johan Erik Edman, Amtssekretär in der Justizkanzlei; verlängerter Arm des Barons Reuterholm; geschäftig und skrupellos; den Gustavianern auf den Fersen.

Magnus Ullholm, Direktor der Stockholmer Polizeikammer, Veruntreuer der Geistlichen Witwenkasse, ein elender Schuft.

Eumeniden, eine Ordensgesellschaft, in der mächtige Männer unter Vortäuschung von Wohltätigkeit gewissen Vergnügungen nachgehen.


Prolog

Herbst 1794


1

Mit der seelenvollen Melodie von Bogen und Saite, die bis vor Kurzem seine Welt erfüllt und alles andere vergessen gemacht hat, ist es nun vorbei. Durch die Herbstnacht dröhnen stattdessen die Glocken der Kirchtürme, und ihr Läuten gleicht nahenden Schritten, die ihn und niemand anderen verfolgen; sie künden von seinem Ausgeliefertsein, auf dass alle es hören. Tycho Ceton zieht die Schultern hoch und den Kopf ein, als er aus dem Schutz der Gassen und auf das Tosen an der Polhemschleuse zuläuft. Die Schnalle seines linken Schuhs verbiegt sich in einem Schlagloch, wo ein Pflasterstein zerbrochen ist, doch er kann deswegen nicht stehen bleiben, sondern passt lediglich seine Schritte an, um seinen Schuh nicht zu verlieren. Er ist allein, Jarrick ist nicht mehr bei ihm; mit der Münze, die er für seinen letzten Botengang bekommen hat, ist er ohne ein Wort des Abschieds in die nächstbeste Gasse verschwunden. Ceton ist nicht weiter überrascht. Nichts anderes hat er erwartet. Er ist entlarvt worden. Sobald der Preis für sein Leben aufgerufen wird, werden die Käufer Schlange stehen. Besser, er geht gleich, als dass er mitansehen muss, wie die Bande, die einst die Gier geknüpft hat, vor die Zerreißprobe gestellt werden. Sein allerletztes bisschen Zuversicht würde sich doch nur als Trugschluss erweisen.

So weit das Auge im Sternenlicht reicht, brodelt auf den Wellen des Saltsjön die Gischt. Er muss sich am Geländer der Zugbrücke festhalten, um auf den rutschigen Planken den Halt nicht zu verlieren. Der Wind presst das Mälarwasser mit gewaltiger Kraft zwischen die Pfeiler, die Gischt dringt durch jede Ritze im Holz, und wo sie über die Mauer leckt, erklingt ein schadenfrohes Flüstern: Die Hunde sind dir auf den Fersen. Jetzt werden die Schulden eingetrieben, und das Blut in deinen Adern ist die einzige Währung, die zur Tilgung taugt. Am anderen Ufer entdeckt er eine Kutsche. Der Fuhrmann hat sich die Hände unter die Achseln geschoben und schläft mit dem Kinn auf der Brust. Tycho Ceton geht hinter dem schmutzigen, gesprungenen Fenster in Deckung, während die Hufe allmählich ihren Rhythmus finden.

Entlang der Mauern versammeln sich die Rosenblätter und wirbeln auf, sobald eine Bö sie aufpeitscht. Er klopft an, zischt seinen Namen und entreißt der Magd, die ihm aufmacht, den Kerzenleuchter. Sie ist geistesgegenwärtig genug, ihm sofort Platz zu machen. Bereits im Eingangsbereich nimmt er den Geruch aus dem Zimmer wahr und das, was kein Parfüm je überdecken könnte. Vor ihrer Tür hält er sich sein parfümiertes Seidentuch unter die Nase, überlegt es sich dann jedoch anders und steckt es wieder ein, weil er durch nichts in der Welt andeuten will, dass ihm irgendetwas an ihr eine Reaktion entlockt, und sei es Ekel. Das Messing fühlt sich kühl an, als seine Hand kurz am Türknauf zaudert. Dann dreht er ihn, öffnet und betritt das dunkle Schlafgemach.

Der Gestank, der ihm auf der Schwelle entgegenschlägt, verleiht der Dunkelheit regelrecht Gestalt, als wäre er eine Art Nebel oder Qualm. Die Kerze in seiner Hand blendet ihn eher, als dass sie den Raum erhellt. Er stellt sie auf einen Tisch an der Wand und bleibt für einen Augenblick vor dem breiten Schatten des Himmelbetts stehen. Tuchbahnen verbergen die Besitzerin. Tycho lauscht seinem eigenen Herzschlag, und erst als der sich verlangsamt, hört er sie atmen – eher bedächtig und wachsam als mit den leisen Schnarchlauten einer Schlafenden. Unmut macht sich in ihm breit. Schon jetzt ist er ihr unterlegen. Dort liegt sie, wie ein Lindwurm in seiner Höhle, und beobachtet ihn mit der Geduld, die all die Jahre sie gelehrt haben und mit der seine eigene sich nie wird messen können.

„Geliebter Tycho. Genau wie ich es mir gedacht habe.“

Beim Klang ihrer Stimme erschaudert er. Er weiß genau, wie sehr der Klang täuscht. Seit ihrer Lähmung ist sie vollkommen aus dem Leim gegangen, die Stimme jedoch ist noch immer dieselbe, die einst der zarten Brust eines Mädchens entsprungen ist. Ihr Leid muss fürchterlich sein, doch sobald sie spricht, hört man eine Befriedigung, als würde sie die Qualen wie süßen Wein genießen. Ihm bricht der Schweiß aus, während er sich zu einer Erwiderung zwingt.

„Miranda …“

Sie bricht in Gelächter aus. Tycho spürt, wie seine Zunge im Mund anschwillt, wie seine Gedanken urplötzlich träge und widerwillig werden, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, dass sie die Initiative ergreift, die er aus der Hand gegeben hat.

„Oh, Tycho. Deine Stimme – sie zittert ja! Und das beim Anblick deiner Ehefrau! Aber die Ehre deiner Scheu gebührt sicherlich nicht mir allein. Die Kirchenglocken läuten ja schon seit Stunden. Ich habe die kleine Gustava auf den Hügel geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Kungsholmen stehe in Flammen, sagt sie, und prompt tauchst du hier auf – und in welchem Zustand! Hemd und Rock sind völlig verschwitzt, und der Gestank deiner Angst stellt sogar den meines offenen Beins in den Schatten. Also, was fehlt meinem Liebsten?“

Ihre Zunge ist seit jeher die Peitsche, die seine empfindlichsten Stellen trifft – was sie letztlich auch ins Verderben gestürzt hat. Häme brennt in jedem Wort. Der Verdruss macht jeglichen Anspruch an Wortgewandtheit zunichte, und wütend faucht er sie an: „Wie viel von alldem ist dein Werk, Miranda?“

„Ach, Tycho, das ist für jemanden, der nicht mal eine Fingerspitze vom Laken heben kann, schwer zu sagen. Aber ich hoffe sehr, dass dieses Unheil nicht ohne mein Zutun über dich hereingebrochen ist. Immerhin habe ich mein Bestes getan, um dazu beizutragen.“

Sie dreht den Kopf auf dem Kissen, und das Glöckchen schlägt an.

„Ich hatte Besuch, Tycho, und zwar solchen, auf den ich lange vergebens gehofft hatte. Ich muss zugeben, dass er anfangs die Erwartungen, die meinen Tagträumen entstiegen waren, kein bisschen erfüllte. Zwei Männer, ein großer und ein kleinerer. Ersterer dermaßen verbraucht und verlebt, dass er kaum noch als Mensch zu erkennen war, obendrein eines Armes verlustig. Und der Kleine … Bei dem stimmte etwas nicht, so viel war klar zu erkennen. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass ihr Ansinnen zum Scheitern verurteilt war. Wer bitte schön würde derlei Pack Gehör schenken, selbst wenn es Geständnisse und Beweise vorzuweisen hätte? Aber dieser Einarmige … In ihm loderte eine solche Wut, eine solche Raserei, dass sich die Tapeten fast von den Wänden gerollt haben. Ich frage mich wirklich, welche Lügen du ihm aufgetischt und wie sehr du mit deinen Schandtaten geprahlt hast. Je nun. In der Hoffnung, er werde dich in seinem Zorn auf der Stelle umbringen, habe ich ihn in den Anatomiesaal geschickt. Aber ich muss die Selbstbeherrschung des Kerls unterschätzt haben.“

„Ist das alles?“

„Ein bisschen was habe ich ihm von dir erzählt, lieber Tycho, und von deinen zahlreichen Verirrungen. Aber nicht alles.“

„Und warum nicht?“

„Die Angst vernebelt dir den Verstand. Du weißt, warum. Was die beiden betrifft, habe ich ihnen nicht allzu viel zugetraut. Aber wenn nicht das ungleiche Paar zurückkehrt, um mehr zu erfahren, kommen dafür bald andere, und da erzähle ich alles, sofern du mir nicht endlich gibst, was ich mir schon lange wünsche.“

Er wartet darauf, dass sie fortfährt, während sein Puls immer lauter in den Schläfen rauscht.

„Du lässt mich jetzt frei, Tycho. Etwas anderes bleibt dir nicht übrig. Ich weiß, dass du lieber zusiehst, wenn andere es tun – und nein, schau dich gar nicht erst nach Gustava um! Sie ist nicht mehr da. Ich habe ihr dringend geraten, das Weite zu suchen und keinen Blick mehr zurückzuwerfen, sobald sie dich eingelassen hat. Heute Nacht legst du zur Abwechslung selbst Hand an. Und noch während du das tust und für den ganzen Rest deines erbärmlichen, wertlosen Lebens wirst du diesen einen Gedanken haben: Ich habe gewonnen, Tycho. Die entscheidende Partie zwischen uns habe ich für mich entschieden, und all die Jahre, die ich in diesem Bett verbracht habe, jede Stunde, jede Minute hat sich voll ausgezahlt, wenn ich dich so in deinem Elend sehe. Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem du mich zum Altar geführt hast? Damals, ehe ich es besser wusste, fand ich dich schön. Doch so verängstigt und erniedrigt wie heute bist du mir noch tausendmal schöner. Also, beeile dich, Liebster. Sie wissen, wo du dich verkriechst, und deine Feinde lechzen bereits nach Vergeltung. Und diese Niederlage dürfte nicht deine letzte sein. Wer kommt wohl als Erstes – der einarmige Häscher und der dürre Irre? Deine einstigen Ordensbrüder? Oder einer der feinen Herren, deren Gunst du dir erzwungen hast? Wer von ihnen würde dir das schlimmste Ende bereiten? Sofern es einen Gott gibt, kann er mir einen flüchtigen Blick darauf wohl kaum verwehren – selbst nicht aus den Tiefen der Hölle, in der ich bald schmore. Aber nun soll das nicht mehr meine Sorge sein. Tu du endlich wie geheißen, bevor dir die Zeit davonläuft.“

Er weiß, dass sie recht hat. Trotzdem zögert er, versucht vergebens, die Sache irgendwie zu drehen, zu wenden, wie der Verlierer, der argwöhnisch das Brett umrundet, weil er nicht glauben will, dass er schachmatt ist. Wie in einem Albtraum setzt er einen Fuß vor den anderen, nähert sich dem Bett, bis sich ihre aufgedunsene Gestalt unter der Decke abzeichnet und sich der Abscheu in ihm rührt. Seine Lunge füllt sich mit fauliger Luft, und er muss schlucken, um zu verhindern, dass sich sein Magen entleert. Vergnügt kichert sie in sich hinein.

„Mein Tycho. Du siehst aus wie ein verzagter Schuljunge vor dem ersten Beischlaf.“

Er zerrt das Kissen unter ihrem Kopf hervor und legt es ihr mit zitternden Händen übers Gesicht. Mit ausgestreckten Armen presst er es nach unten, doch seine Kraft reicht nicht aus, und mit einem Mal fühlt sich die Zeit in seinem Stundenglas zäh wie Melasse an. Er muss sich auf sie legen, sich wie im Zerrbild einer Umarmung mit der Brust und seinem vollen Gewicht auf sie legen, und er windet sich vor Widerwillen, während ihr weiches Fleisch unter ihm wogt. Noch lange, sehr lange hört er durch Federbett und Seide ihr triumphierendes Lachen und den gedämpften Klang des Glöckchens.

 

Auf dem Weg nach draußen muss Tycho Ceton sich an der Wand abstützen. Er besitzt noch ein paar wenige Wertsachen und Münzen, die ihm von seinem Vermögen geblieben sind, doch nicht einmal davon hat er alles mitnehmen können, weil er sich in der Panik, die seinen Verstand blockiert, an viele Verstecke nicht mehr erinnert. Sie liegt tot in ihrem Zimmer, immer noch mit weit offenen Augen, und ihr Hohnblick folgt ihm sogar durch die Wände. Eine kleine Stofftasche hat er gepackt, das ist alles. Draußen im Hof ist es nach wie vor Nacht, doch es ist eine andere Nacht als zuvor, und sie nötigt ihn, am Tor stehen zu bleiben, als stünde er vor einem Gewölbebogen mit herabgelassenem Gitter. Es ist die Furcht – dieselbe, die er insgeheim schon immer im Herzen getragen hat; eine Kugel, die sich ihm sauber ins Fleisch gebohrt hat, dort stecken geblieben und wenngleich nicht vergessen, so doch vor dem Blick der Welt verborgen ist. Jetzt hat sie ihre Fesseln gesprengt und die Welt in Besitz genommen. Sie ist überall um ihn herum. Er schluckt einen gequälten Laut hinunter und flieht wie ein Hase vor dem Wind, der die Jagdhunde auf seine Fährte führt.


2

Als es klopft, wittert Dülitz augenblicklich Unrat. Er ist von seinen Bittstellern ein demütiges Auftreten gewöhnt, eine Entschuldigung für das Ungemach, das ihr Kratzen an seiner Tür mit sich bringt. Doch dieses harte Klopfen stammt von einem Stock, es ist die rhythmische Salve einer Person, die sich sicher sein kann, für die Schrammen, die der Silberknauf im Holz hinterlässt, nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Es ist schon spät, trotzdem kann Dülitz durch die Vorhänge am Fenster im Obergeschoss immer noch genügend sehen, auch wenn er selbst achtgibt, dass sein Schatten nicht über die Fensterscheibe huscht. Draußen stehen zwei Männer, die nicht erkannt werden wollen – die Schlapphüte tief im Gesicht. So weit, so gewöhnlich. Nur wenige prahlen damit, dass sie ihn aufsuchen wollen. Hinter den beiden am Hang Richtung Ormsaltaregränd warten zwei Begleiter, die angewiesen sind, Abstand zu halten. Sie ducken sich, um den Hals vor dem Nieselregen zu schützen, zwei kräftige Männer, deren Überröcke Uniformstoff verbergen. Und über den Dachfirsten jenseits der Polhemschleuse schimmern die Laternen in den Gassen und die erhellten Fenster der Stadt zwischen den Brücken, über die Regenschauer niedergehen – ein vieläugiges Ungeheuer, das ihn halb desinteressiert, halb boshaft zu mustern scheint. Unzählige Male hat Dülitz den Blick über Stockholm schweifen lassen, jene Stadt, die ihm trotz all der Jahre immer noch fremd ist, und er hat immer geahnt, dass sie ihm eines Tages das Grab aufzeigen wird, das er sich selbst geschaufelt hat.

Und plötzlich weiß Dülitz, was der Besuch von ihm will; er hat es insgeheim erwartet und nur verdrängt. Trotzdem kann er in diesem Moment nicht umhin, die Entscheidungen infrage zu stellen, die ihn in diese Sackgasse geführt haben. Womöglich kommt für jeden Mann eines Tages der Augenblick, da der Trott der Gewohnheit ihn zu Risiken anspornt. Denn wenn sich das Gewicht des Lebens zusehends aus der Waagschale der Zukunft in jene der Vergangenheit verlagert, hat er nur noch die Möglichkeit, die Jugend rückwirkend als eine Zeit der Tollkühnheit zu betrachten. Er hätte den Auftrag ablehnen müssen, doch er hat der Stimme der Vernunft nicht gehorcht, die ihm abgeraten hat. Es war dieses Mädchen, diese Anna Stina Knapp. Ohne sie hätte an einem Abend wie diesem die Gefahr nie an seine Tür geklopft. Sie kam ihm überaus gelegen, und sie hatte, was er benötigte – ein selten glücklicher Umstand. Möglicherweise war Mitleid im Spiel, vielleicht auch Schwärmerei. Er schiebt den Gedanken beiseite, weil es nun wirklich keine Rolle mehr spielt. Seine Tür wird abermals zur Trommel umfunktioniert. Ottoson ist schwer verkatert erwacht und sieht ihn vom Flur aus ratlos und besorgt an, doch Dülitz scheucht seinen Handlanger bloß zur Seite und zieht den Riegel an der Tür selbst zurück, wohl wissend, dass alsbald ein Würfel geworfen wird. Die Augenzahl wird über sein Schicksal entscheiden.

 

Der Ofen ist eben erst eingefeuert worden, noch hat die Wärme sich nicht in den Kacheln verteilt, und Kammerdirektor Ullholm beschließt, die Handschuhe anzubehalten, als er das Weinglas entgegennimmt, das Ottoson ihm zittrig hinhält. Den beiden Gästen sind Stühle angeboten worden.

„Sie kennen meinen Begleiter möglicherweise vom Sehen?“

Dülitz zündet eine Leuchterkerze nach der anderen an und nickt. Er ist froh, dass seine Hände seine Gefühlslage nicht so deutlich preisgeben wie die seines Handlangers.

„Dem Amtssekretär Edman eilt sein Ruf voraus.“

Johan Erik Edman ist sicher fünfzehn Jahre jünger als der Kammerdirektor, hat einen unsteten Blick und eine geschwollene Nase, die in einem fort läuft und die er sich ein ums andere Mal putzen muss. Ullholm nippt an seinem Wein.

„Nun, in Ihrer Branche ist man gut beraten, sich zu informieren. Dann wissen Sie ja, dass Herr Edman unsere Spinne im Netz aus Kundschaftern der Krone ist, unser Löwe, der Jagd auf die Gustavianer macht. Dank seiner Anstrengungen ist Armfelt, dieser Verräter, mit eingekniffenem Schwanz außer Landes geflohen.“

Dülitz nickt beifällig.

„Selbst in eher lichtscheuen Kreisen wird Herr Edman für seine unversöhnliche Art und die geistreichen Methoden geachtet, mit denen er sogar jenen Geständnisse entlockt, die ihre Schuld so raffiniert vertuscht haben, dass sie sich selbst nicht mehr daran erinnern.“

Edman entfleucht ein pfeifender Laut, möglicherweise ein Lachen, das jedoch sofort in Husten umschlägt, der wiederum immer heftiger wird, bis er sich schließlich hinter seinem Taschentuch verstecken muss; Ullholm klopft ihm so respektvoll wie nur irgend möglich den Rücken, was aber wenig nützt.

„Dem Herrn Sekretär hat es zu Ehren dieses Tages leider die Sprache verschlagen. Die Gesundheit ist seit jeher seine Achillesferse und erste Verbündete seiner Feinde. Die zahlreichen anstrengenden Gerichtsverfahren in diesem Herbst und die anhaltende Nässe haben ihm vollends die Stimme geraubt – hoffen wir mal, dass es nur vorübergehend ist. Sein Ehrgeiz jedoch erlaubt ihm nicht, sich auszuruhen, daher hat er mir die Aufgabe anvertraut, an seiner Stelle mit Ihnen zu sprechen.“

Dülitz antwortet nicht; soll doch die Stille den Kammerdirektor zum Weitersprechen nötigen.

„Also … Wie Sie sicher wissen, stand vor ein paar Wochen auf dem Nytorget Ehrenström am Pranger. Nach Überzeugung des Appellationsgerichts war er Teil der Armfelt’schen Verschwörung – was ihm dank Edmans Nachforschungen nachgewiesen werden konnte. Ehrenström blieb – mit der Kehle am Hackstock – das Schwert letztlich erspart. Stattdessen wurde er in die Feste Carlsten verbracht, wo er verschmachten sollte. Dort hatte er kaum einen Blick auf die Holzpritsche und die Steinwände seines neuen Zuhauses geworfen, als die Sehnsucht nach Daunenkissen und Ledertapeten überhandnahm und sich der Wunsch nach Kooperation, von dem bei Gericht keine Rede war, wie von Geisterhand wieder einstellte.“

Ullholm bildet mit Daumen und Zeigefinger ein enges Rund und lässt den Stock darin kreisen.

„Ehrenström war Diplomat, müssen Sie wissen, und am Petersburger Hof gern gesehen. Ein kluger Kopf, der genau weiß, dass man besser nicht alles auf eine Karte setzt. Er ahnt bereits, dass sein Urteil auf Lebenszeit in zwei Jahren, wenn der König mündig und Reuterholm nur noch eine Erinnerung ist, in Ehrenbezeugungen umgeschrieben werden dürfte. Doch auf diese Gnade mag er nicht in Gott weiß welchen Verhältnissen warten. Um den Preis gewisser Annehmlichkeiten hat er nun Zugeständnisse gemacht, allerdings ohne damit mehr als nötig Verrat an seinen Mitverschwörern zu begehen.“

Edmans Augen blitzen schadenfroh. Sie scheinen sich dem entscheidenden Punkt zu nähern. Ullholm beugt sich vor.

„Das Liedchen, das Ehrenström gesungen hat, ging folgendermaßen: Eine Mittelsperson, deren Namen wir fürs Erste nicht nennen möchten, hat im Herbst hier an Ihre Tür geklopft. Geld wechselte den Besitzer, und für diese Summe erklärten Sie sich bereit, Magdalena Rudenschöld irgendwie zu ermöglichen, mit ihren vormaligen Mitverschwörern zu kommunizieren. Sie sollte ein Register ihrer Verbündeten erstellen, die sich nicht einmal untereinander beim Namen kannten, auf dass die Verschwörer zusammenfänden und es wieder Hoffnung für die gustavianische Revolte gäbe.“

Ullholm, dessen Kehle nach der langen Rede ganz trocken ist, füllt sein Glas nach und nimmt einen Schluck. Als er den Wein wieder abstellt, muss er nach dem Faden tasten, den er verloren hat, und kratzt sich verdrießlich am Rand der Perücke. Edman macht durch ein Räuspern auf sich aufmerksam, und einen Augenblick lang starrt der Kammerdirektor ihn bloß verwirrt an, weil Edman mehrmals rhythmisch den Fuß aufsetzt und einen imaginären Gegenstand in beide Hände nimmt. Dann endlich kann sich Ullholm einen Reim auf die Scharade machen.

„Die Rudenschöld saß bei den Huren auf Långholmen in einer eigenen Kammer, weil man für eine geeignetere Unterkunft erst Fenstergitter schmieden musste. Nun ist das Spinnhaus in derart schlechtem Zustand, dass es Ihnen als besonders geeignet erschienen ist, um Ihren Auftrag zu erfüllen. Wir haben uns unter ein paar Stadtknechten umgehört und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es genau so gewesen sein muss. Allerdings sind diese Leute ein versoffenes Pack: Diejenigen, die ihre Sinne noch insoweit beisammenhaben, um lügen zu können, sind kaum den anderen vorzuziehen, die zu dumm oder zu betrunken sind, um verlässlich wiederzugeben, was vor der eigenen Nase geschieht.“

Johan Erik Edman beugt sich vor und rückt den Kerzenleuchter zurecht, damit er Dülitz’ Gesicht besser erkennt, ehe Ullholm die entscheidende Frage stellt.

„So, Dülitz. Der Brief der Rudenschöld mit den Namen der Verschwörer – wo ist er?“

Jetzt ist Dülitz an der Reihe, sein Glas nachzufüllen und einen Schluck zu trinken, im Grunde nur, um Zeit zu schinden, doch aus dem Nebel seiner Gedanken will ihm keine rettende List entgegentreten, und den Wein schmeckt er nicht einmal mehr.

„Alles, was Sie sagen, entspricht den Tatsachen. Ich habe darüber hinaus keinen Grund, die Vorkommnisse zu leugnen. Nur ist etwas schiefgegangen …“

Ullholm und Edman wechseln einen Blick, dann gibt Edman Dülitz mit einer Geste zu verstehen, dass er fortfahren soll.

„Ich hatte rein zufällig eine junge Frau namens Anna Stina Knapp aufgetan – soweit ich weiß, die Einzige, die einen Geheimgang ins Spinnhaus auf Långholmen kannte. Es gibt einen Tunnel unter den Mauern hindurch, der ursprünglich zur Trockenlegung der Fundamente dienen sollte, dann aber in Vergessenheit geriet und zudem so eng ist, dass kaum jemand dort hindurchpasst. Auf genau diesem Wege war sie im vorigen Sommer ihrer eigenen Strafe entgangen. Ich habe sie damit beauftragt, denselben Weg zurückzugehen. Seither warte ich vergebens auf Nachricht.“

„Was macht Sie so sicher, dass sie dem Auftrag nachgekommen ist?“

Dieselbe Frage hat Dülitz sich schon oft gestellt.

„Sie hat mir ihr Wort gegeben. Ich habe tagtäglich mit Lügnern zu tun, aber ihr habe ich geglaubt. Sie steckte in Schwierigkeiten, und mein Angebot schien ihr einziger Ausweg zu sein. Das Mädchen befindet sich nicht mehr auf Långholmen, so viel weiß ich immerhin. Sofern tatsächlich ein Brief geschrieben worden sein sollte, weiß ich nicht, wo er abgeblieben ist.“

Edman sucht Dülitz’ Blick. Er weiß den Schatten der Unwahrheit aufzuspüren, wenn er jemanden verhört. Ullholm indes trommelt ungehalten mit den Fingern auf die Tischplatte.

„Ihr eigener Lebenswandel weckt in mir nicht gerade großes Vertrauen.“

Dülitz, der noch immer Edmans Blick erwidert, beugt sich über den Tisch.

„Wenn dieser Brief tatsächlich in meiner Obhut wäre, hätte ich längst begonnen, mit Ihnen einen Preis auszuhandeln – und wenn schon keinen höheren, als er mir ursprünglich angeboten wurde, dann doch einen Freundschaftspreis, der mit dem Wohlwollen der Kammer einhergegangen wäre. Und hätte ich meinen Teil des Händels erfüllt und den Brief bereits an jene Mittelsperson übergeben – deren Namen ich im Übrigen nicht kenne –, hätten die Kundschafter des Herrn Edman doch wohl längst Bewegung in den Verschwörerreihen registriert.“

Edman denkt kurz darüber nach, ehe er sich auf seinem Stuhl zurücklehnt. Er verzieht den Mund, wie um Dülitz’ Schlussfolgerung zu bekräftigen, und nickt Ullholm knapp zu. Mit einem Seufzer steht der Kammerdirektor auf und klopft sich den Rock ab, als hätte er sich in Asche gesetzt.

„Na dann. Anscheinend vergeuden wir hier unsere Zeit. Finden Sie das Mädchen, Dülitz. Sie ist der Schlüssel. Der Brief, von dessen Verbleib nur sie zu wissen scheint, ist derzeit das wichtigste Dokument im ganzen Reich.“

„Sie dürfen mir glauben, dass meine Anstrengungen diesbezüglich jetzt schon beträchtlich waren – aber vergeblich.“

Wie ein römischer Kaiser, der sein Urteil über einen unterlegenen Gladiator fällt, streckt Edman die linke Hand aus und formt die rechte zu einer Zange, mit der er sich in den abgespreizten Daumen kneift. Ullholm gähnt hinter vorgehaltenem Handschuhrücken.

„Was mein Kollege Ihnen sagen will, Dülitz: Womöglich möchten Sie jetzt, da sich die Einsätze verändert haben, umso hartnäckiger suchen. Unsere Daumenschrauben mögen altertümlich daherkommen, aber sie funktionieren noch, und mit einem Tropfen Öl in den Scharnieren sind sie wieder wie neu. Wenn der Knochen erst knackt, singt selbst der Abgebrühteste seine Arie molto vivace, um die Geißel so schnell wie nur möglich wieder loszuwerden. Natürlich lockern wir die Eisen gern, um der Schreierei ein Ende zu setzen. Doch was ist mit Ihnen? Sie würde unser Herr Edman in den Gemäuern sitzen lassen und erst zur Jahrhundertwende vorbeikommen, um herauszufinden, ob Sie immer noch schreien.“

Der hohe Norden ruft!

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2.-5. Gewinn: „1795" von Niklas Natt och Dag.

Niklas Natt och Dag im Interview

Was hat Sie zu Ihrem Roman „1793“ inspiriert?
In Schweden gab es in den Neunzigerjahren einen Comic, „Arne Anka“. Arne war eine zynische und rechthaberische Ente und sah Donald Duck verblüffend ähnlich. So sehr, dass sein Schöpfer fürchtete, von Walt Disney verklagt zu werden und der Ente deshalb einen spitzeren Schnabel verpasste. Arne war ein gescheiterter Poet, und Carl Michael Bellman, unser Nationaldichter, war sein großes Vorbild. Über Arne kam ich mit Bellman in Berührung, der 1740 bis 1795 lebte, sehr versiert war, aber die heiklen Themen seiner Zeit vermied. Er schrieb lieber Lieder, die das Leben der einfachen Leute – darunter auch Trunkenbolde und Prostituierte – dokumentierten und die auf den Straßen Stockholms spielten.

Bellmans Werk beeindruckte mich zutiefst, und ich verlor mich in seiner Menagerie an Karikaturen und in den unvorhersehbaren Wendungen der Geschichten. Plötzlich donnerten Emotionen über die Jahrhunderte hinweg auf mich zu. Und so kaufte ich mit fünfzehn meine allererste CD, eine Sammlung von Bellman-Liedern in einer Neuinterpretation. Schließlich schlich ich mich in die Schulbibliothek, stahl ein Buch mit Bellman-Notationen und lernte daraus, Gitarre zu spielen. Etwa zwanzig Jahre später, ich hörte noch immer seine Musik, erschien mir Stockholm im 18. Jahrhundert ein bisschen wie ein zweites Zuhause.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben?
Erst einmal mit dem Schreiben anzufangen! Ich war ein einsames Kind und verbrachte die meiste Zeit mit Lesen. Ich entwickelte Beziehungen zu den Romanfiguren, und ihre Welten wurden in mir lebendig. Von klein auf träumte ich davon, selbst eine Geschichte zu schreiben, um auch einmal die Stimme für jemand anderen zu sein. Doch ich hatte großen Respekt und auch Angst davor, zu scheitern und meinen Traum womöglich platzen zu sehen. Es hat lange gedauert, bis ich die ersten Sätze zu Papier gebracht habe. Das war wohl meine größte Herausforderung.

Und was hat am meisten Spaß gemacht?
Die ganze Recherchearbeit, um den Roman mit Leben und spannenden Details zu füllen! Tolkiens Mittelerde wäre für mich nie lebendig geworden, wenn er nicht auch die Blumen auf dem Weg nach Bruchtal beschrieben hätte, fiktive Sprachen mit Wortschatz angereichert oder eine funktionierende Syntax geschaffen hätte. Umberto Ecos Der Name der Rose ist ein Füllhorn an obskurem Wissen über Ketzerei und so vieles mehr. Ich wollte in diesem Sinne auch mein Bestes geben, und das hat mich zu einer Schatzkammer voller historischer Quellenbücher gebracht. Das war zweifellos das größte und schönste Leseabenteuer meines Lebens.

Was fasziniert Sie an der Kriminalistik im späten 18. Jahrhundert?
Ich denke, dass jeder, der mit dem 18. Jahrhundert in Berührung kommt, von derselben Sache fasziniert sein wird. Nämlich wie die Aufklärung begann, eine mehr oder weniger feudale Gesellschaft zu durchdringen. Das Spannende dieser Zeit sind die Umbrüche. Auf der einen Seite gab es mittelalterliche Werte, auf der anderen Seite revolutionäre Ideen, die sich später zur Demokratie entwickelt haben. Ähnliches galt für die Strafverfolgung. Die Rechtsprechung war ungerecht, und die Rechte des Einzelnen waren, gelinde gesagt, kaum vorhanden. Die Strafen waren drakonisch. In „1793“ verkörpert mein Protagonist Cecil Winge den Geist der Aufklärung. Als er die übel zugerichtete Leiche sieht, treibt ihn der Wunsch nach Gerechtigkeit an, den Fall aufzuklären. Doch auch er muss im Laufe der Geschichte lernen, dass man mit dem Verstand nicht alles lösen kann.

Angenommen, Sie könnten einen Tag im Jahr 1793 verbringen. Was würden Sie tun?
Ich würde in jedes Nasenloch einen Korken stecken und ins Kaffeehaus gehen, um den neuesten Klatsch und Tratsch aufzufangen. Dabei würde ich meine – im hohen Alter von 38 Jahren – vergleichsweise perfekten Zähne zur Schau stellen, eine Kreidepfeife rauchen und dabei den Corday Waltz aus Peter Weiss' Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade singen. Und schließlich würde ich natürlich auch Bellman einen Besuch abstatten, der zu der Zeit im Schuldnergefängnis saß, und ihn mit einer neuen Lieferung an Tinte, Papier und Feder versorgen.

„1793 ist ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“


Arne Dahl

„1793“ - ein außergewöhnlicher Schwedenkrimi

Lektorin Isabell Spanier zur Entstehung des Buchs

Wer sucht sie nicht, die besonderen Stoffe, die einen mutigen neuen Dreh haben und Genregrenzen austesten? Im Verlag waren wir uns sofort einig: „1793“ ist eines dieser Bücher, die einen sofort einnehmen und einen Nerv treffen. Schon lange hat kein historischer Kriminalroman den ganzen Verlag so begeistert wie dieser. Das Buch ist sehr spannend, liest sich süffig und ist wahnsinnig gut recherchiert. Der Autor Niklas Natt och Dag entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens und hat nicht zuletzt deshalb eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Uns war sofort klar, dass wir sein großartig komponiertes Debüt unbedingt in Deutschland veröffentlichen wollen.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Im Jahr 1793 wird in Stockholm eine mit höchster chirurgischer Präzision verstümmelte Leiche an Land gespült. Leere Augenhöhlen starren ins Nichts, die Arme und Beine fehlen, der Rest ist fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Von Anfang an schockiert den Leser, wie grausam dieses Verbrechen ist. Unvorstellbar das Motiv, das rechtfertigen würde, einen Menschen einer Folter dieses Ausmaßes zu unterziehen. Der Wunsch nach Gerechtigkeit treibt zwei Männer an, den Fall aufzuklären. Cecil Winge, ein begnadeter Ermittler vom Schlage eines Sherlock Holmes, steht im Dienste der Stockholmer Polizeikammer und ist für „besondere Verbrechen“ zuständig. Er liebt es, der rohen Gewalt die Kraft der Logik entgegenzusetzen. Dieser Mordfall wird ihn jedoch an seine Grenzen treiben, denn Winge ist an Tuberkulose erkrankt, und sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Er zieht Jean Michael „Mickel“ Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm und einem erheblichen Alkoholproblem, als Sparringspartner hinzu.

Da Cardell im Krieg selbst ein Körperteil hat einbüßen müssen, ist er ein Spezialist auf dem Gebiet der Amputationen. Niklas Natt och Dag schafft es meisterhaft, den Kriminalfall, die Schicksale der Figuren und die Atmosphäre zu einem so packenden Ganzen zu verweben, dass man das Gefühl hat, sich selbst im Jahr 1793 zu befinden. Überall herrschen Armut und Paranoia, Gewalt und Krankheit bestimmen das Leben der einfachen Leute. Fast kann man die schrecklichen Zustände unmittelbar vor sich sehen. Die atmosphärisch dichten Beschreibungen Stockholms zu dieser Zeit gehen unter die Haut, und die Einzelschicksale erschüttern bis ins Mark. Ja, stellenweise tun die Schilderungen sogar weh. „1793“ greift ein Setting auf, das es auf dem Buchmarkt so noch nicht gibt: Stockholm im 18. Jahrhundert. Wir lernen die Stadt „von unten“ kennen, bekommen beispielsweise Einsicht in das Gefängnisleben, in die Gosse, in Bordelle und Spelunken. Spannungsleser sind immer wieder auf der Suche nach neuen Schauplätzen – und bei diesem Roman kommen sie definitiv auf ihre Kosten.

Die internationalen Rechte waren heiß umkämpft. Über Nacht wurde der Roman in mehr als dreißig Länder verkauft. In Schweden ist 1793 der Erfolgstitel der letzten Jahre. Er wurde mit dem Krimipreis für das beste Debüt ausgezeichnet, steht auch ein Jahr nach Erscheinen noch auf der Bestsellerliste und ist auf der Shortlist für das Buch des Jahres 2018. Niklas Natt och Dag revolutioniere mit dem wilden und ungewöhnlichen Mix aus verruchtem historischen Setting und Krimi das ganze Krimigenre, sagt Arne Dahl, und Fredrik Backman meint, diesen Roman zu lesen sei, wie sich selbst ein Geschenk zu machen. Dieses besondere Geschenk wollen wir den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern nicht länger vorenthalten! 

„Ein historischer Krimi, der in seiner Spannung und literarischen Qualität seinesgleichen sucht.“


Erik Axl Sund

Niklas Natt och Dag

Über Niklas Natt och Dag

Biografie

Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Der Spiegel-Bestsellerautor entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Sein historischer Kriminalroman „1793“ wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schwedischen Krimipreis für das beste Spannungsdebüt. Wenn er nicht schreibt oder liest, spielt er Gitarre, Mandoline, Geige oder die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi.

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Montag, 24. Januar 2022 von Piper Verlag


Kommentare

1. Frau
Britta Burkard am 27.02.2019

Danke

2. Niklas natt och dag
Mittmannsgruber am 02.03.2019

Extrem spannend!

3. 1793
Hans-Joachim Pelzer am 07.04.2019

Selten hat mich ein Roman - als Vielleser - so gepackt und in seinen Bann gezogen. Nichts für schwache Nerven, aber ohne Frage knallhart realistisch. Warte sehnsüchtig auf den nächsten Roman; gerne aus der Vergangenheit Schwedens.

4. 1793
Katrin Hans am 01.05.2019

Danke für dieses Buch und die Geschichte! Das war eine tief greifende neue Erfahrung und die Motive und Beweggründe der beteiligten Personen werden mich weiterhin begleiten...Ich fühle mich, als wäre ich selbst in dieser Zeit in Stockholm gewesen ...selbst die unvorstellbare Kälte habe ich -neben dem Grauen- unaufhörlich gespürt.
Ich hoffe sehr, dass ein weiterer historischer Roman von dieser Brilliant folgen wird und wünsche dem Autor alles erdenkliche Gute und weiterhin gute Inspirationen!!
Katrin Hans

5. Nur Superlative für diesen Roman...
Heike Markolwitz am 07.08.2019

Meinen großen Dank an Autor und Verlag für dieses unglaubliche Buch und dieses Leseerlebnis! Noch während der Lektüre - oder besser : des Verschlingens - wünschte ich mir, das Buch würde seinen Umfang auf ein Vielfaches vergrößern! Mir fehlten nach der letzten Seite die Worte und eigentlich fehlen Sie mir immernoch...
Ich habe den größten Respekt vor dieser literarischen Leistung, für die Recherche , die Sorgfalt und wünsche Niklas Natt och Dag Alles Gute, Gesundheit und wahrhaftige Schaffenskraft! Letzteres ist egosistisch motiviert, ich gebe es gern zu....

6. Frau
Lütcke am 08.01.2020

Nachdem ich aus der Schockstarre erwachte, konnte ich nicht aufhören weiter zu lesen.So eingefangen in das Geschehen,voller Grausamkeit und dennoch Spannung pur...hier ist ein wirklich gutes Buch entstanden....Hoffentlich dürfen wir uns noch, auf viele weitere Werke vom Autor freuen....

7. Frau
Irmgard Siegler am 09.02.2020

immer wieder spannend

8. Frau
Petra am 26.01.2022

Volle Punktzahl...super spannend

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