Die besten Apnoetaucher und ihre Weltrekorde im Porträt
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Montag, 06. Oktober 2014 von Piper Verlag


Die besten Apnoetaucher und ihre Weltrekorde im Porträt

Apnoetauchen: Ein Extremsport zwischen Weltrekordjagd und Überlebensrisiko. Wir stellen Ihnen drei der besten und erfolgreichsten Apnoetaucher vor. Mehr zu den Rekorden im Apnoetauchen im Buch »Deep Sea« von James Nestor

Guillaume Néry:
Der Franzose hat bisher vier Weltrekorde aufgestellt und bringt es derzeit auf einen Tauchgang von 125 Metern. Er kann sieben bis acht Minuten die Luft anhalten. Berühmt wurde er außerdem durch spektakuläre Bilder und Filme – er ist einer der Protagonisten im  Film »Attention – A Life in Extremes«. Mehr Infos auf: http://www.guillaumenery.fr

William Trubridge:
15 Weltrekorde konnte der Neuseeländer bisher aufstellen, den letzten im Mai 2016, als er 124 Meter in die Tiefe tauchte. Er ist der erste dem es gelang, ohne jegliche Hilfsmittel 100 Meter Tiefe zu erreichen. Mehr Infos auf: 
http://williamtrubridge.com/

Herbert Nitsch:
Er ist der aktuelle Rekordhalter im Freitauchen und darf sich nach seinem 214 Meter tiefen Tauchgang „Tiefster Mann der Welt“ nennen. Während seiner Karriere hat er 33 Weltrekorde aufgestellt. Bei einem Versuch, seinen 214 Meter Tauchgang zu überbieten, erlitt er eine schwere Dekompressionskrankheit (Verletzungen durch Einwirkung von Überdruck beziehungsweise von zu schneller Druckentlastung Quelle: Wikipedia URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Dekompressionskrankheit
Mehr Infos über Herbert Nitsch finden Sie hier: http://www.herbertnitsch.com/

Blick ins Buch
Deep SeaDeep Sea

Tauchgang zum Grund des Ozeans

Ein Besuch der Apnoe-Weltmeisterschaft wird für James Nestor zum Beginn eines persönlichen Abenteuers. Fasziniert von der Kompromisslosigkeit dieses Sports, erlernt er selbst das Freediving - Tauchen ohne Geräte, mit nur einem Atemzug. Fortan zieht es ihn immer tiefer in die verborgene Welt der Ozeane hinab. Dabei erkundet er die letzten Geheimnisse der Unterwasserwelt: einen unfassbar reichen Lebensraum mit »telepathisch« kommunizierenden Korallen, leuchtenden Fischen und rätselhaften Riesenkraken. Bis er schließlich die absolute Grenze für Mensch und Technik erreicht. Eine grandiose Entdeckungsreise, die zugleich zu unseren Wurzeln führt.
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Ich bin zu Gast hier, ein Journalist, der über ein Sportereignis berichtet, von dem bisher kaum jemand gehört hat: die Weltmeisterschaft im Freitauchen. Ich sitze an einem kleinen Schreibtisch in einem Hotelzimmer am Meer mit Blick auf die Strandpromenade des griechischen Urlaubsorts Kalamata. Das Hotel ist alt, man sieht es an den feinen Rissen im Putz der Wände, am fadenscheinigen Teppich und den Schmutzschatten von Bildern, die einst in den halbdunklen Gängen hingen.

Hierher geschickt wurde ich von der Zeitschrift Outside, weil die AIDA Individual Depth World Championship 2011 ein Meilenstein für das Freitauchen ist – das größte Athletentreffen in der Geschichte dieses kaum bekannten Sports. Da ich mein ganzes Leben in der Nähe des Meeres zugebracht habe, schon immer einen großen Teil meiner Freizeit darin verbracht habe und oft darüber schreibe, fand der Herausgeber, dass der Auftrag wie gemacht für mich sei. Er wusste nicht, dass ich vom Freitauchen kaum eine Ahnung hatte. Ich hatte es nie selbst ausprobiert, kannte niemanden, der freitauchte, und hatte bei dieser Art des Tauchens noch nicht einmal zugesehen.

Meinen ersten Tag in Kalamata verbringe ich also damit, mich über die Wettbewerbsregeln und die Stars des Sports zu informieren. Was ich da sehe, beeindruckt mich überhaupt nicht. Ich klicke mich durch Fotos von Freitaucherinnen im Meerjungfrauen-Look, die mit dem Kopf nach unten im Wasser schweben und per Handzeichen signalisieren, dass alles in Ordnung ist, oder raffinierte Luftblasenringe am Grund eines Swimmingpools ins Wasser pusten. Offenbar wieder so ein seltsames Hobby wie Charleston-Tanzen, dem die Leute nachgehen, um auf Cocktailpartys damit anzugeben und in ihrem Facebook-Profil darauf zu verweisen.

Aber Auftrag ist Auftrag. Um halb sechs am nächsten Morgen überrede ich im Jachthafen von Kalamata einen etwas abgerissen wirkenden Kanadier, den es von Quebec nach Griechenland verschlagen hat, mich auf seinem 8-Meter-Segelboot mitzunehmen. Es ist das einzige Boot für Zuschauer, das da draußen, etwa 16 Kilometer vor Kalamata im tiefen offenen Meer, beim Wettbewerb zugelassen ist. Ich bin der einzige Journalist an Bord. Um acht Uhr erreichen wir eine Flottille aus Motorbooten, Plattformen und Ausrüstungsträgern, die den Teilnehmern als Basis dient. Die Taucher der ersten Gruppe nehmen nach ihrer Ankunft ihre Positionen neben drei gelben Seilen ein, die von einer Plattform ganz in der Nähe herabhängen. Ein Kampfrichter zählt von zehn herunter. Der Wettbewerb beginnt.

Was ich dann sehe, ist ebenso verblüffend wie erschreckend für mich.

Ich schaue zu, wie ein bleistiftdünner Neuseeländer namens William Trubridge tief Atem holt, seinen Körper spannt und mit nackten Füßen in das kristallklare Wasser eintaucht. Mit weiten Schwimmzügen kämpft er sich die ersten drei Meter hinunter. Dann, in etwa sechs Metern Tiefe, legt er die Arme wie ein Fallschirmspringer an den Körper und sinkt immer tiefer, bis er verschwindet. Ein Kampfrichter, der einen Sonarschirm an der Oberfläche beobachtet, verfolgt seinen Abstieg und sagt die Tiefen an: »Dreißig Meter … vierzig Meter … fünfzig Meter.«

Trubridge erreicht das Ende des 100-Meter-Seils, wendet und schwimmt wieder Richtung Oberfläche. Nach drei quälenden Minuten taucht seine winzige Gestalt im tiefen Wasser auf wie ein Scheinwerfer im Nebel. Er streckt den Kopf aus dem Meer, atmet aus, holt noch einmal tief Atem, zeigt einem Kampfrichter an, dass alles okay ist, und macht dann Platz für den nächsten Teilnehmer. Trubridge ist gerade dreißig Stockwerke tief hinuntergetaucht und wieder hochgekommen, alles mit nur einer Lunge voll Luft – ohne Taucherausrüstung, Luftschlauch, Schutzweste, sogar ohne Taucherflossen als Hilfsmittel.

In hundert Metern Tiefe ist der Druck mehr als zehnmal höher als auf der Erdoberfläche, stark genug, um eine Cola-Dose zu zerquetschen. Schon in zehn Metern Tiefe werden die Lungen auf die Hälfte ihrer normalen Größe zusammengedrückt; bei hundert Metern schrumpfen sie auf die Größe von zwei Tennisbällen. Und doch tauchen Trubridge und die meisten anderen Freitaucher, denen ich am ersten Tag zusehe, unversehrt wieder auf. Die Tauchgänge wirken auch nicht irgendwie erzwungen, sondern ganz natürlich, als ob die Taucher wirklich dort unten hingehörten. Als ob das bei uns allen so wäre.

Ich bin derart überwältigt von dem Anblick, dass ich es unbedingt sofort jemandem erzählen muss. Also rufe ich meine Mutter in Südkalifornien an. »Das ist unmöglich«, meint sie. Nach unserem Gespräch telefoniert sie mit ein paar Freunden, die seit vierzig Jahren mit Atemgerät tauchen, und ruft dann noch einmal bei mir an. »Da muss am Meeresgrund ein Sauerstofftank oder so etwas sein«, sagt sie. »Und ich würde dir raten, gründlich zu recherchieren, bevor du irgendwas darüber schreibst.«

Aber da war kein Sauerstofftank am Ende des Seils, und wenn einer dort gewesen wäre und Trubridge und die anderen Taucher tatsächlich vor dem Aufstieg dort eingeatmet hätten, wären ihre Lungen geplatzt, sobald die Luft aus dem Tank sich in geringeren Tiefen ausgedehnt hätte; und der Stickstoff in ihrem Blut hätte geschäumt, bevor sie die Oberfläche erreicht hätten. Sie wären gestorben. Der menschliche Körper kann den Druck eines schnellen 100-Meter-Tauchgangs nur aushalten, wenn er keine zusätzliche Luft zugeführt bekommt.

Manche Menschen kommen besser damit zurecht als andere.

In den nächsten vier Tagen beobachte ich verschiedene andere Teilnehmer, die versuchen, hundert Meter tief zu tauchen. Viele schaffen es nicht und kehren um. Sie tauchen mit Nasenbluten, bewusstlos oder mit Herzstillstand wieder auf. Der Wettbewerb geht einfach weiter. Nun, aus irgendeinem Grund ist dieser Sport nicht verboten.

Für die meisten in dieser Gruppe ist der Versuch, tiefer zu tauchen, als es alle – selbst Wissenschaftler – je für möglich hielten, das Risiko wert, gelähmt zu bleiben oder sogar zu sterben. Aber nicht für alle.

Ich lerne einige Teilnehmer kennen, die das Freitauchen mit einer vernünftigeren Einstellung angehen. Sie sind nicht an einer Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit interessiert. Ihnen ist egal, ob sie Rekorde brechen oder besser sind als ihre Rivalen. Sie tauchen ohne Sauerstoffgerät, weil sie auf diese Weise ganz unmittelbar und direkt mit dem Meer in Berührung kommen. In den drei Minuten unter der Oberfläche (so lange dauert es im Durchschnitt, um so tief zu tauchen) ähnelt der Körper in Form und Funktion nur vage seinem Zustand an Land. Das Meer verändert uns körperlich und psychisch.

In einer Welt, auf der sieben Milliarden Menschen leben, auf der jeder Quadratmeter Land vermessen, viele davon bebaut und zu viele zerstört sind, bleibt die Tiefsee die letzte ungesehene, unberührte und unentdeckte Wildnis, die letzte große Herausforderung unseres Planeten. Es gibt dort unten keine Handys, keine E-Mails, kein Twitter und Facebook, keine Autoschlüssel, die man verlieren kann, keine Terrordrohungen, keine vergessenen Geburtstage, keine Überziehungszinsen und keine Hundescheiße, in die man auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch treten könnte. Der ganze Stress und Lärm, die Ablenkungen des Lebens bleiben an der Oberfläche zurück. Die Tiefsee ist der letzte wahrhaft stille Ort auf Erden.

Diese Freitaucher, die den Sport eher philosophisch betrachten, bekommen glasige Augen, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten; man sieht diesen Ausdruck auch bei buddhistischen Mönchen oder bei Patienten in der Notaufnahme, die an der Schwelle des Todes standen und Minuten später ins Leben zurückgeholt worden sind. Bei jenen eben, die es auf die andere Seite geschafft haben. Und das Beste daran ist, dass die Taucher immer wieder beteuern: »Diesen Sport kann wirklich jeder ausüben.«

Buchstäblich jeder, unabhängig von Gewicht, Größe, Geschlecht oder Ethnie. Die Athleten, die sich in Griechenland versammelt haben, sind bei Weitem nicht alle straffe, übermenschlich muskulöse Schwimmer vom Typ Ryan Lochte, wie man vielleicht erwarten würde. Es gibt ein paar beeindruckende Erscheinungen wie Trubridge, aber auch stämmige Amerikaner, winzige Russinnen, stiernackige Deutsche und zarte Venezolanerinnen.

Freitauchen widerspricht allem, was ich über das Überleben im Meer weiß; man kehrt der Meeresoberfläche den Rücken zu, schwimmt weg von der einzigen Luftzufuhr und strebt der Kälte, dem Schmerz und der Gefahr der Tiefe entgegen. Manchmal wird man ohnmächtig. Manchmal blutet man aus Nase und Mund. Manchmal schafft man es nicht lebend zurück. Abgesehen vom Basejumping – dem Fallschirmspringen von Gebäuden, Funkmasten, Brücken und Abhängen aus – ist Freitauchen die gefährlichste Abenteuersportart der Welt. Dutzende, vielleicht Hunderte Taucher tragen jedes Jahr Verletzungen davon oder sterben sogar. Man bekommt den Eindruck, dass es etwas mit Todessehnsucht zu tun haben muss.

Und doch musste ich auch nach meiner Heimkehr nach San Francisco immer wieder an meine Erlebnisse in Griechenland denken.

Ich fing an, ausführlich über das Frei- oder Apnoetauchen (Apnoe kommt von dem griechischen Wort ápnoia, »ohne Atmen«) zu recherchieren und darüber, was Sportler als die amphibischen Reflexe des menschlichen Körpers beschreiben. Und obwohl meine Mutter es nicht glauben wollte und die meisten Menschen zumindest daran zweifelten, fand ich schließlich heraus, dass dieses Phänomen wirklich existiert und sogar einen eigenen Namen hat. In der Wissenschaft wird es als Tauchreflex oder lyrischer als »Hauptschalter des Lebens« bezeichnet und seit etwa fünfzig Jahren erforscht.

Den Begriff »Hauptschalter des Lebens« prägte der Physiologe Per Scholander im Jahr 1963. Er bezieht sich auf eine Vielzahl physiologischer Reflexe in Gehirn, Lungen, Herz und anderen Organen, die in dem Moment ausgelöst werden, in dem wir unser Gesicht ins Wasser stecken. Je tiefer wir tauchen, desto ausgeprägter werden die Reflexe, bis sie schließlich eine körperliche Veränderung aktivieren, die unsere Organe vor dem Implodieren unter dem immensen Wasserdruck schützt und uns in Lebewesen der Tiefsee verwandelt. Freitaucher können dieses Umschalten steuern und nutzen, um tiefer und länger zu tauchen.

Schon alte Kulturen kannten diesen Tauchreflex und setzten ihn über Jahrhunderte hinweg ein, um Schwämme, Perlen, Korallen und Nahrung aus dem Meer zu holen. Europäische Besucher der Karibik, des Nahen Ostens, des Indischen Ozeans und des Südpazifiks berichteten im 17. Jahrhundert von Einheimischen, die mehr als dreißig Meter tief tauchten und bis zu 15 Minuten lang im Wasser blieben, ohne Atem zu schöpfen. Leider sind die meisten Berichte mehrere Hundert Jahre alt, und das Wissen über das Freitauchen, das diese Kulturen womöglich besaßen, ist im Dunkel der Geschichte verschwunden.

Ich fragte mich: Wenn wir eine so grundlegende Fähigkeit wie das Tauchen in größere Tiefen verlernt haben, welche anderen Reflexe und Fertigkeiten haben wir sonst noch verloren?

Die nächsten anderthalb Jahre suchte ich nach Antworten, reiste von Puerto Rico nach Japan, von Sri Lanka nach Honduras. Ich sah zu, wie Menschen fast dreißig Meter tief tauchten und Satellitensender an den Rückenflossen von Haien, die auch Menschen gefährlich werden können, befestigten. Ich ging mit einem selbst gebauten U-Boot mehrere Hundert Meter tief auf Tauchfahrt, um mit leuchtenden Quallen zu kommunizieren.

Ich sprach mit Delfinen. Wale sprachen mit mir. Ich schwamm Auge in Auge mit dem größten Raubtier der Welt. Ich stand nass und halb nackt inmitten einer vom Stickstoff schon ziemlich beduselten Forschergruppe in einem Unterwasserbunker. Ich schwebte in der Schwerelosigkeit. Ich wurde seekrank und von der Sonne völlig verbrannt. Außerdem schmerzte mein Rücken von Zehntausenden Flugkilometern in der Touristenklasse. Und was bekam ich dafür?

Ich entdeckte, dass wir enger mit dem Meer verbunden sind, als die meisten Menschen glauben. Wir werden im Meer geboren. Jeder von uns beginnt sein Leben schwebend im Fruchtwasser, das dem Meerwasser erstaunlich ähnelt. Unsere frühesten Körpermerkmale sind fischähnlich. Einem Embryo wachsen im ersten Monat Flossen, keine Füße; ein einziger genetischer Defekt, und wir entwickeln Flossen anstelle von Händen. In der fünften Woche hat das Herz des Fötus zwei Kammern – wie bei Fischen.

Das menschliche Blut hat in seiner chemischen Zusammensetzung verblüffende Ähnlichkeiten mit Meerwasser. Ein Kleinkind macht reflexartig Brustschwimmzüge, wenn es unter Wasser gerät, und kann problemlos etwa vierzig Sekunden den Atem anhalten, länger als viele Erwachsene. Wir verlieren diese Fähigkeit erst, wenn wir laufen lernen.

Wenn wir älter werden, entwickeln wir amphibische Reflexe, die es uns ermöglichen, in unglaubliche Tiefen zu tauchen. Die dort herrschenden Bedingungen würden uns an Land verletzen oder töten. Im Meer aber ist das anders. Das Meer ist eine andere Welt mit anderen Regeln. Und man braucht oft eine andere Denkweise, um diesen Ort zu verstehen.

Je tiefer wir vordringen, desto seltsamer wird es.

Auf den ersten ein-, zweihundert Metern ist die Verbindung des Menschen zum Meer eine physische – man kann sie im salzigen Blut schmecken, an den kiemenähnlichen Schlitzen eines acht Wochen alten Fötus ablesen und in den amphibischen Reflexen erleben, die die Menschen mit den Meeressäugern teilen.

Jenseits der Grenze, bis zu der der menschliche Körper frei tauchen und überleben kann, ab etwa zweihundert Metern, wird die Verbindung zum Meer sensorisch. Sie spiegelt sich in den Tieren wider, die in diese Tiefen hinabtauchen.

Um in dieser lichtlosen und kalten Umgebung unter hohem Druck zu überleben, haben Tiere wie Haie, Delfine und Wale zusätzliche Sinne entwickelt, mit deren Hilfe sie sich orientieren, kommunizieren und sehen. Auch wir besitzen Fähigkeiten, die über das normale Sehen, Hören und Riechen hinausgehen; wie der Tauchreflex sind sie Überreste unserer gemeinsamen Vergangenheit im Meer. Diese Sinne und Reflexe schlummern weitgehend ungenutzt in uns, aber sie sind nicht verschwunden. Und sie kommen offenbar wieder zum Vorschein, wenn wir sie unbedingt brauchen.

Genau diese Verbindung – zwischen dem Meer und uns, zwischen uns und den Meerestieren, mit denen wir einen Großteil unserer DNA teilen – zog mich immer tiefer und tiefer hinein.

Auf Höhe des Meeresspiegels sind wir wir selbst. Das Blut fließt vom Herz zu den Organen und Extremitäten. Die Lungen atmen Luft ein und stoßen Kohlendioxid aus. Die Synapsen im Gehirn arbeiten mit einer Frequenz von etwa acht Takten pro Sekunde. Das Herz pumpt zwischen sechzig- und hundertmal in der Minute. Wir sehen, berühren, fühlen, schmecken und riechen. Unsere Körper sind an das Leben auf oder über dem Meeresspiegel angepasst.

In zwanzig Metern Tiefe sind wir hingegen nicht mehr ganz wir selbst. Das Herz schlägt nur noch halb so oft. Das Blut strömt allmählich aus den Extremitäten in die wichtigeren Regionen des Körperkerns. Die Lungen schrumpfen auf die Hälfte ihrer gewöhnlichen Größe. Die Sinne stumpfen ab, die Synapsen feuern langsamer. Das Gehirn verfällt in einen Zustand tiefer Meditation. Die meisten Menschen können es bis in diese Tiefe schaffen und diese Veränderungen in ihrem Körper spüren. Manche entschließen sich sogar, noch tiefer zu tauchen.

Bei hundert Metern ist unser Körper ein ganz anderer. Der Druck in dieser Tiefe ist zehnmal so hoch wie an der Oberfläche. Die Organe kollabieren. Das Herz schlägt nur noch mit einem Viertel der normalen Taktfrequenz, langsamer als bei einem Menschen im Koma. Die sinnliche Wahrnehmung schwindet. Das Gehirn tritt in einen traumartigen Zustand ein.

Bei zweihundert Metern ist der Druck des Meeres so hoch – etwa zwanzigmal so hoch wie auf der Erdoberfläche –, dass die meisten Menschen ihm körperlich nicht standhalten können. Nur wenige Freitaucher haben je versucht, in diese Tiefe zu tauchen; noch weniger haben es überlebt. Andere Säugetiere gelangen dorthin, wohin wir Menschen nicht mehr kommen. Haie, die noch weitaus tiefer als zweihundert Meter tauchen können, verlassen sich auf Sinne, die jenseits unserer Fähigkeiten liegen. Dazu zählt die Magnetorezeption, die Fähigkeit, das Magnetfeld der Erde wahrzunehmen. Die Forschung dazu lässt vermuten, dass auch die Menschen diese Fähigkeit besitzen und sie möglicherweise jahrtausendelang nutzten, um über die Meere zu segeln und durch weglose Wüsten zu wandern.

Die absolute Grenze für den menschlichen Körper scheint bei etwa zweihundertfünfzig Metern zu liegen. Ein österreichischer Freitaucher hat bei dem Versuch, sich dieser Grenze anzunähern, im Jahr 2012 sein Leben aufs Spiel gesetzt.

In dreihundert Metern Tiefe ist das Wasser kälter, und es gibt praktisch kein Licht. Ein anderer Sinn erwacht zum Leben: Tiere nehmen ihre Umgebung nicht durch Sehen, sondern durch Hören wahr. Mit diesem zusätzlichen Sinn, der Echoortung, auch Biosonar genannt, können Delfine und andere Meeressäuger gut genug »sehen«, um etwa ein Metallpellet von der Größe eines Reiskorns aus einer Entfernung von siebzig Metern wahrzunehmen. Und aus noch größerer Distanz von etwa hundert Metern sind sie in der Lage, zwischen einem Tischtennis- und einem Golfball zu unterscheiden. An Land setzen manche Blinde die Fähigkeit der Echoortung ein, um mit dem Rad durch belebte Straßen in der Stadt zu fahren, durch den Wald zu laufen und aus einer Entfernung von dreihundert Metern ein Gebäude wahrzunehmen. Diese Menschen haben keine besonderen Veranlagungen; mit dem richtigen Training können wir alle sehen, ohne die Augen zu öffnen.

In einer Tiefe von achthundert Metern ist das Wasser völlig schwarz, und der Druck ist achtzigmal so hoch wie an der Oberfläche. Den Tieren, die in diesen Tiefen leben, droht Gefahr aus allen Richtungen. Zitterrochen haben sich angepasst, indem sie Nervenimpulse in ihrem Körper nutzen, um Beutetiere mithilfe von Elektroschocks zu töten und Räuber abzuwehren. Wissenschaftler haben festgestellt, dass auch die menschlichen Körperzellen elektrisch aufgeladen sind. Tibetanische buddhistische Mönche, die die Bön-Tradition der Tummo-Meditation praktizieren, haben gelernt, diese Zellladung zu lenken, um ihre Körper in bitterkalten Wintern zu wärmen. In England haben Forscher entdeckt, dass Menschen, denen es gelingt, die elektrische Ladung in ihren Körperzellen zu kontrollieren, nicht nur Wärme produzieren, sondern auch viele chronische Krankheiten behandeln können.

Bei 3000 Metern, in einer schwarzen, gnadenlosen Tiefe, finden wir Pottwale – deren Verhalten überaschenderweise unserem Sozialverhalten und Intellekt stärker ähnelt als das jedes anderen Lebewesens auf diesem Planeten. Die Kommunikation der Pottwale ist womöglich komplexer als jede Form der menschlichen Sprache.

In einer Tiefe von 6000 Metern und mehr findet man die lebensfeindlichste Umgebung der Erde. Der Druck ist zwischen sechshundert- und tausendmal so hoch wie auf der Oberfläche; die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt. Es gibt kein Licht und sehr wenig Nahrung. Und doch hält sich dort Leben. Vielleicht sind diese krassen Tiefen sogar die Geburtsstätte allen Lebens auf der Erde.

Zwei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte, 2000 Jahre wissenschaftliche Experimente, ein paar Hundert Jahre Tiefseeabenteuer, 100.000 Meeresbiologen, zahllose Fernsehdokumentationen, die jährliche Shark Week des Discovery Channel, und immer noch haben wir nur einen Bruchteil der Meere erkundet. Sicher sind gelegentlich Menschen sehr tief hinuntergekommen, aber haben sie wirklich etwas gesehen? Wenn man den Ozean mit einem menschlichen Körper vergleicht, kann man die Erkundung der Meere nach dem gegenwärtigen Stand mit einem Schnappschuss von einem Finger vergleichen, anhand dessen man herausfinden soll, wie der ganze Körper funktioniert. Leber, Magen, Blut, Gehirn und Herz der Ozeane – was sie beherbergen, wie sie funktionieren, wie wir in ihnen funktionieren –, das alles bleibt ein Geheimnis, das großteils in den dunklen Reichen verborgen ist, in die nie ein Lichtstrahl dringt.

Um das noch einmal deutlich festzuhalten: Dieses Buch hat eine Stoßrichtung hinab in die Tiefe. Mit jedem Kapitel steigt es weiter hinunter, von der Oberfläche bis auf den Grund des schwärzesten Meeres. Ich werde so tief tauchen, wie mein Körper es zulässt, und dann für jene Tiefen, die ich nicht erreichen kann, einen Stellvertreter einsetzen – eines jener vielen tief tauchenden Tiere, mit denen Menschen unerwartete und verblüffende Ähnlichkeiten haben.

Die Forschungsergebnisse und Geschichten, die jetzt folgen, decken nur einen kleinen Teil der gegenwärtigen Meeresforschung ab und konzentrieren sich auf die Beziehungen des Menschen zum Meer. Die hier vorgestellten Wissenschaftler, Abenteurer und Athleten sind nur ein paar jener Tausenden von Menschen, die jetzt gerade die Geheimnisse der Ozeane zu ergründen suchen.

Es ist kein Zufall, dass viele der Forscher auch Freitaucher sind. Ich lernte sehr bald, dass Freitauchen mehr ist als nur ein Sport; es ist auch ein schneller und effizienter Weg, sich einigen der geheimnisvollsten Tiere des Meeres zu nähern und sie zu erforschen. Haie, Delfine und Wale können zum Beispiel dreihundert Meter und tiefer tauchen, doch wir haben keine Möglichkeit, sie in solchen Tiefen zu beobachten. Eine Handvoll Wissenschaftler hat kürzlich entdeckt, dass sie diese Tiere weitaus genauer studieren können als jeder Gerätetaucher, jeder Roboter oder Seemann, wenn sie an der Meeresoberfläche warten, bis die Tiere zum Fressen und Atmen nach oben kommen, und sich ihnen dann unter gleichen Bedingungen – frei tauchend – nähern.

»Gerätetauchen ist so, als würdest du mit einem Allrad-Jeep durch den Wald fahren, die Fenster geschlossen, die Klimaanlage aufgedreht und die Musik auf Discolautstärke«, erklärte mir ein Forscher und Freitaucher. »Du bist nicht nur weiter weg von der Umgebung, du störst sie auch enorm. Tiere haben Angst vor dir. Du bist eine Bedrohung!«

Je mehr ich mich auf diese Gruppe einließ, desto dringender wollte ich auch an den intensiven Zusammentreffen teilhaben, die sie mit ihren Forschungsobjekten erlebten. Ich begann selbst mit dem Freitauchen. Ich wurde Lehrling. Ich tauchte ganz tief ein.

Und so ist auch mein Training im Freitauchen Teil der Abwärtsspirale dieses Buches – ein persönliches Bemühen, die Instinkte des Landlebewesens (also das Atmen) zu überwinden, den Hauptschalter umzulegen und meinen Körper in eine Tauchmaschine zu verwandeln. Nur mithilfe des Freitauchens konnte ich so nahe wie körperlich möglich an die Tiere herankommen, die uns so viel über uns selbst lehren.

Allerdings war mir klar, dass auch das Freitauchen seine Grenzen hatte. Selbst erfahrene Taucher kommen für gewöhnlich ohne Anstrengung nicht mehr als fünfzig Meter tief, und selbst wenn, können sie sich nicht lange dort aufhalten. Der durchschnittliche Anfänger – ich zum Beispiel – schafft es über lange frustrierende Monate hinweg nicht tiefer als etwa fünf bis zehn Meter. Um in größere Tiefen vorzudringen und Tiere der Tiefsee zu sehen, die nie auch nur in die Nähe der Oberfläche kommen, schloss ich mich einer anderen Gruppe von Freitauchern an – einer Art Subkultur von Do-it-yourself-Ozeanografen, die gerade den Zugang zu den Weltmeeren revolutionieren und demokratisieren. Während andere, von Regierungs- und akademischen Institutionen bezahlte Wissenschaftler Anträge schreiben und von Finanzierungsengpässen ausgebremst werden, bauen diese zupackenden Forscher ihre eigenen Unterseeboote aus dem, was der Sanitärfachhandel so zu bieten hat, verfolgen Haie mit iPhones und knacken die geheime Sprache der Wale mit verrückten Apparaturen aus Nudelsieben, Besenstielen und ein paar handelsüblichen GoPro-Kameras.

Fairerweise muss man sagen, dass viele Institutionen diese Art von Forschung nicht betreiben, weil sie es nicht dürfen. Was diese DIY-Forscher da tun, ist gefährlich – und oft völlig illegal. Keine Universität würde ihren Doktoranden je erlauben, kilometerweit mit einem klapprigen Motorboot aufs Meer hinauszufahren und mit Haien und Pottwalen (die zwanzig Zentimeter lange Zähne haben und die größten Raubtiere der Erde sind) zu schwimmen oder mit einem nicht zugelassenen und nicht versicherten selbst gebauten Tauchboot Tausende Kilometer zurückzulegen. Diese rebellischen Forscher jedoch tun so etwas ständig und finanzieren ihre Abenteuer oft noch aus eigener Tasche. Mit ihrer zusammengestoppelten Ausrüstung und minimalen finanziellen Mitteln verbringen sie mehr Zeit mit den Bewohnern der Meerestiefen als irgendjemand vor ihnen.

»Jane Goodall hat die Menschenaffen auch nicht vom Flugzeug aus erforscht«, erklärte es mir einer dieser freischaffenden Forscher einmal. Er beschäftigte sich mit der Kommunikation der Wale untereinander und hatte sein Labor im Obergeschoss des Restaurants eingerichtet, das seine Frau betrieb. »Und ebenso kann man auch nicht erwarten, dass etwas dabei herauskommt, wenn man die Meere und ihre Tiere im Hörsaal erforscht. Man muss da reingehen. Man muss nass werden.«

Und das wurde ich.

Apnoetauchen lernen und trainieren

Was passiert beim Apnoetauchen? Autor James Nestor schildert im seinen Buch »Deep Sea« wie er das Apnoetauchen gelernt hat und von der Faszination des Freitauchens.

Auf den ersten vielleicht zehn Metern unter Wasser gibt die luftgefüllte Lunge dem Körper Auftrieb, sodass man kräftig paddeln muss, um hinunterzukommen. Während man für den Druckausgleich Luft in die Gehörgänge bläst, hat man ein ähnliches Unwohlsein wie im Flugzeug beim Aufsteigen in größere Höhen – nur sehr viel stärker. Wenn man es nicht schafft, die Ohren völlig an den Druck anzupassen, zehrt der Schmerz an den Kräften, und wenn man nicht an die Oberfläche zurückkehrt, riskiert man eine Schädigung der Trommelfelle. Und man hat noch immer neunzig Meter vor sich.

Wenn man tiefer als zehn Meter absinkt, spürt man, wie sich der Druck auf den Körper verdoppelt und die Lunge schrumpft. Man fühlt sich plötzlich schwerelos. Der Körper gerät in einen Zustand, der als neutraler Auftrieb bezeichnet wird. Er schwebt im Wasser. Und dann passiert etwas Seltsames: Wenn man weitertaucht, beginnt das Meer einen hinabzuziehen. Man legt die Arme an den Körper wie ein Fallschirmspringer, entspannt sich und sinkt mühelos weiter hinab.Bei dreißig Metern vervierfacht sich der Druck. 

Die Meeresoberfläche ist kaum zu sehen, aber man macht die Augen ja sowieso nicht auf. Sie sind seit dem Eintauchen geschlossen. Die Haut wird kalt, während man sich auf die größere Tiefe mit ihren Hausforderungen vorbereitet. Noch weiter unten, bei fünfzig Metern, gelangt man durch die Zunahme von Kohlendioxid und Stickstoff im Blut in eine Art Trance.Einen Moment lang kann man vergessen, wo man ist und warum. Bei fünfundsiebzig Metern ist der Druck so extrem, dass die Lunge auf Faustgröße schrumpft und das Herz nur noch halb so oft schlägt wie normal, um Sauerstoff zu sparen. Aufgezeichnet sind 14 Schläge pro Minute bei Freitauchern in dieser Tiefe; einige Freitaucher haben sogar von nur sieben Herzschlägen pro Minute berichtet. 

Diese Berichte sind nicht von unabhängigen Ärzten oder Wissenschaftlern bestätigt worden, aber wenn sie richtig sind, ist das die niedrigste Herzfrequenz, die Menschen bei Bewusstsein je hatten. Nach Meinung von Physiologen kann ein so niedriger Herzschlag das Bewusstsein nicht aufrechterhalten. Und doch reicht er nach Aussage der Taucher ganz tief unten im Ozean irgendwie aus. 

Bei neunzig bis hundert Metern setzt der Tauchreflex richtig ein. Die Wände der Organe und Blutgefäße, die wie Druckventile arbeiten, lassen den freien Zustrom von Blut und Wasser in die Brusthöhle zu. Die Brust schrumpft auf etwa die Hälfte der normalen Größe. Während eines No-Limit-Tauchgangs im Jahr 1996 schrumpfte der Brustumfang des kubanischen Freitauchers Francisco Ferreras-Rodriguez von 127 Zentimetern an der Oberfläche bis auf 50 Zentimeter, als er seine Zieltiefe von 133 Metern erreichte.

Die Stickstoff-Narkose, der sogenannte Tiefenrausch, ist in einer Tiefe von hundert Metern so stark, dass man vergisst, wo man ist, was man tut und warum man hier im Dunkeln herumtastet. Oft kommt es zu Halluzinationen.

Eine Taucherin erzählte mir, sie habe bei einem sehr tiefen Tauchgang vergessen, dass sie unter Wasser war. Stattdessen fiel ihr seltsamerweise plötzlich ihr Hund ein. Sie sah sich selbst in einem dunklen Park nach ihm suchen. Als sie wieder zurück an der Oberfläche war und der Nebel des Tiefenrauschs sich verlor, wusste sie wieder, dass sie gar keinen Hund besaß. Der Tiefenrausch wirkt sich nicht nur auf das Gehirn, sondern auf den ganzen Körper aus. Man verliert die Kontrolle über die Motorik. Alles um einen herum scheint langsamer abzulaufen. Dann kommt der wirklich harte Teil. Die Taucheruhr piept und meldet damit, dass man die Zieltiefe und den Grundteller am Ende des Seils erreicht hat. 

Man öffnet die Augen, zwingt die halb gelähmte Hand, eine Marke vom Grundteller zu reißen, und macht sich an den Aufstieg. Jetzt arbeitet die Masse des Meeres gegen einen, und man muss seine mageren Energiereserven nutzen, um Richtung Oberfläche zu schwimmen. 

Wenn man in dieser Phase die Konzentration verliert, hustet oder auch nur ein bisschen zögert, kann man das Bewusstsein verlieren. Aber man zögert nicht und wird auch nicht langsamer. Man eilt mit starken Beinschlägen dem Licht entgegen. Während man auf sechzig, fünfzig, dreißig Meter aufsteigt, kehrt der Tauchreflex langsam seine Wirkung um: Das Herz schlägt schneller, und das Blut, das in die Brusthöhle geströmt ist, fließt jetzt in die Venen, Arterien und Organe zurück. Die Lunge schmerzt mit dem fast unerträglichen Drang zu atmen; die Sehkraft schwindet; die Brust verkrampft sich durch die Anreicherung von Kohlendioxid. Man muss sich beeilen, oder man wird ohnmächtig. Oben verwandelt sich der blaue Nebel in eine Ahnung von Sonnenlicht. 

Das Ziel ist nahe. Die Luft in der Lunge dehnt sich jetzt schnell aus, und der Körper versucht verzweifelt, Sauerstoff aus der Lunge zu holen und in das Blut einzuspeisen. Aber da ist kein Sauerstoff mehr. Der Körper wird buchstäblich nach innen gesaugt. Wenn dieses Vakuum zu stark wird, kommt es zu einem Blackout. Man kann etwa zwei Minuten ohnmächtig unter Wasser bleiben. Am Ende der zwei Minuten wacht der Körper von selbst noch einmal auf und atmet ein letztes Mal, bevor er stirbt. 

Wenn man bis dahin gerettet und an die Wasseroberfläche geholt worden ist, atmet man die so dringend nötige Luft ein und überlebt mit großer Wahrscheinlichkeit. Wenn man noch unter Wasser ist, füllt sich die Lunge mit Wasser und man ertrinkt. 95 Prozent aller Blackouts passieren auf den letzten fünf Metern, gewöhnlich als Folge dieses Vakuums. Doch das wird dir selbst nicht passieren. Du weißt Bescheid, du weißt, wie du die meiste Luft ausatmen musst, wenn du bis auf etwa drei bis vier Meter gestiegen bist. 

Etwa drei Minuten, nachdem du mit dem Abstieg begonnen hat, streckst du deinen Kopf aus dem Wasser; die Welt dreht sich; die Leute brüllen dich an, dass du atmen sollst. Du nimmt die Taucherbrille ab, machst das Okay-Zeichen und sagst. »I’m okay«.

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