Criminal Reviews
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Kriminelle rezensieren Kriminalromane

„Kriminalität endet, wie auch im Buch, entweder im Gefängnis oder auf dem Friedhof.“

Hier werden Kriminalromane nicht von Literaturkritikern rezensiert, sondern von denen, die sich am besten mit dem Thema auskennen: Kriminelle.  Der aktuelle Krimi von Jørn Lier Horst „Wisting und der Tag der Vermissten“ wird von Henry-Oliver Jakobs rezensiert. Ein rehabilitierter Ex-Krimineller mit einer jahrzehntelangen, düsteren Vergangenheit, die ihn 1995 schlussendlich zum Mörder werden ließ. 

Wisting und der Tag der Vermissten

Eine Rezension von Henry-Oliver Jakobs

Vor ein paar Wochen hat mich der PIPER Verlag angesprochen und mich gebeten, den Kriminalroman von Jørn Lier Horst „Wisting und der Tag der Vermissten“ zu rezensieren. Sie meinten, sie wollten eine Rezension aus meiner Sicht haben, also aus der Sicht eines Ex-Kriminellen. Die Idee fand ich im ersten Moment irgendwie schräg, aber auch interessant. Mal was anderes. Ich bin natürlich nicht mehr derselbe, der ich früher war.

Mit dem Kriminellsein habe ich abgeschlossen und den Verein Gefangene Helfen e. V.gegründet. Dort helfen wir Jugendlichen bei Themen wie Gewaltprävention und Mobbing, und irgendwie muss das ja finanziert werden.

Kriminalromane konnte ich persönlich nie wirklich leiden. Wissen Sie, mit meinem kriminellen Hintergrund und meiner Erfahrung kann ich über die meisten Krimis nur lachen. Ich kann sie einfach nicht ernst nehmen, selbst wenn ich weiß, dass es nur Unterhaltung ist. Die sind teilweise so weit weg von der Realität, ich würde die meisten Krimis eher unter Fantasy einordnen.

 

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass ich eine wahre Geschichte gelesen habe.“

Als ich „Wisting und der Tag der Vermissten“ gelesen habe, war ich ehrlich gesagt etwas überrascht. In dem Buch geht es um einen Polizisten, den ein alter Fall, der schon 20 Jahre zurückliegt, einfach nicht loslässt. 20 Jahre … fast genau der Zeitraum, den ich im Knast verbracht habe. Das ist eine lange Zeit. In meinem Leben habe ich viele Polizisten kennengelernt, und die ticken wirklich so. So ein ungelöster Fall kann einen Ermittler ein Leben lang verfolgen. Das hat mich schon am Anfang des Buches gut abgeholt.

Dann aber gleich der erste Dämpfer: Jørn schreibt direkt zu Beginn, dass er die originalen Fallakten zu Hause liegen hat. Die bleiben schön im Polizeiarchiv und sicher nicht bei irgendeinem Polizisten im Kleiderschrank in einer Kiste. Tatsächlich bin ich über die ein oder andere Sache gestolpert. Ich nenne sie mal die Krimi-Klassiker: zum Beispiel das Polizeiverhör. Das würde im echten Leben nie so ablaufen. Wenn jemand befragt wird und schon mal im Knast war, sagt der kein Wort ohne seinen Anwalt. Und dass der Polizist ihm einen „Deal“ anbietet … das kann der gar nicht, höchstens der Richter oder der Staatsanwalt. Und das weiß auch jeder. Oder dass der Kommissar einen Hubschrauber anfordert und den sofort nach einem Anruf bekommt. Also da haben die mal den ganzen Papierkram, der für den Helikopter benötigt wird, übersprungen. Gut, ich will mal fair bleiben, das wäre sicherlich auch eine sehr langweilige Stelle in dem Buch, wenn der Polizist erst die Anträge ausfüllt.

Eine weitere Sache ist die Zusammenarbeit mit der Presse. Jørn Lier Horst schreibt, dass die Polizei sich an die Presse wendet, damit sie einen Artikel über den Fall veröffentlichen. Damit will er den Druck auf den gesuchten Täter erhöhen. Zwei Dinge: Erstens lässt sich die Presse nicht sagen, worüber sie berichten soll, und das ist auch gut so. Man stelle sich mal vor, die Polizei kann der Presse Ansagen machen, worüber die schreiben soll. Zweitens hat es auch nicht den Effekt, den man da suggeriert. Ein Bekannter von mir hat nach einem Bankraub lange Zeit „unerwischt“ weitergelebt. Die Presse hatte damals darüber berichtet, aber die Tatsache, dass sie keine Videoaufnahmen oder Fahndungsfotos von ihm hatten, hatte ihn eher darin bestärkt, dass er alles richtig gemacht hat und erst mal weiter auf freiem Fuß weiterleben kann. Aber mit Leben hatte das nicht mehr viel zu tun.

Mit ihm ist psychologisch dasselbe passiert wie bei dem Täter in dem Buch. Die Figur lebt total zurückgezogen und einsam. So ist es auch meinem Bekannten ergangen. Man fängt an sich zu isolieren, um sich nicht zu verplappern. Neue Menschen will man nicht mehr kennenlernen, weil man nicht weiß, ob man ihnen vertrauen kann. Das steigert sich bis hin zur Paranoia. Jeder Blickkontakt mit Fremden wird in Frage gestellt. Ich habe nicht wenige im Knast kennengelernt, die sich gestellt haben, nur um das nicht mehr ertragen zu müssen. Für die war klar, lieber Knast und danach ein neues „normales“ Leben anfangen als in ständiger Angst zu leben, irgendwann aufzufliegen. Das ist es auch, was ich den Kids in den Schulen sage: Verbrechen lohnt sich nicht! Und wer was anderes sagt, der lügt.
 

Neben der Paranoia sind da auch noch die Schuldgefühle, die auf einem lasten. Da kann sich keiner von frei machen. Egal wie hart jemand tut. Genau wie in dem Buch. Schuld ist natürlich eine individuelle Sache und kommt auf die jeweilige Situation und Person an. Aber besonders bei Verbrechen wie in diesem Roman, die emotionaler Natur sind, da lastet die Schuld deutlich schwerer auf einem. Aber genau das hat auf der Seite der Polizei wiederum den Effekt, dass die Ermittler umso schwerer von solchen „emotionalen“ Fällen loslassen können.

Ich muss ehrlich sagen, abgesehen von den teilweise etwas vereinfacht dargestellten Polizeiverfahren fand ich es erstaunlich, wie gut und tiefgründig die Charaktere dargestellt werden. Sowohl die Ermittler als auch die Täter und vor allem wie sie sich gegenseitig bedingen und beeinflussen – bewusst und unbewusst. Die Protagonisten haben mich durch ihr authentisches Innenleben voll in die Geschichte gezogen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass ich eine wahre Geschichte gelesen habe. Zumindest hatte ich viele „Ja, das kenn ich“-Momente – gute wie schlechte.

Tja, vielleicht muss ich meine Meinung doch noch mal überdenken. Meine Vorurteile über Kriminalromane sind zwar jetzt nicht plötzlich weg, aber mir ist klar geworden, dass Kriminalroman nicht gleich Kriminalroman ist. Kommt eben darauf an, wer ihn schreibt. Also Hut ab, Herr Jørn Lier Horst … Hut ab!

 „So ein ungelöster Fall kann einen Ermittler ein Leben lang verfolgen.“

Wisting und der Tag der VermisstenWisting und der Tag der VermisstenWisting und der Tag der Vermissten

Kriminalroman

Seit 24 Jahren hat Kommissar William Wisting ein Ritual: Am Jahrestag des Verschwindens von Katharina Haugen nimmt er sich die Fallakten erneut vor. Dieser Cold Case lässt ihm einfach keine Ruhe. Jedes Jahr trifft er zudem Martin Haugen, den Ehemann der Vermissten und damaligen Hauptverdächtigen, dem nie eine Schuld nachgewiesen werden konnte. Doch dieses Jahr sind zwei Dinge anders: Aus Oslo reist Adrian Stiller an, der in einem anderen Fall über die Fingerabdrücke von Martin Haugen gestolpert ist. Und als Wisting Haugen wie immer treffen will, ist dieser spurlos verschwunden.

1

Die drei Pappkartons standen auf dem Boden des Kleiderschranks. Wisting zog den größten heraus, der an einer Ecke eingerissen war, und trug ihn vorsichtig ins Wohnzimmer.

Die vier Deckelklappen des Kartons waren ineinandergesteckt. Wisting öffnete ihn und nahm den obersten Aktenordner heraus, der schwarz war und einen vergilbten Aufkleber auf dem Rücken trug: Katharina Haugen. Er legte ihn zur Seite und zog nacheinander drei rote Ordner mit den Aufschriften Zeugen I, Zeugen II und Zeugen III heraus. Gleich darunter entdeckte er den Ordner, nach dem er gesucht hatte. Er trug die Aufschrift Kleivervei.

Die Pappkartons enthielten alles, was im Fall Katharina Haugen dokumentiert worden war. Wisting hätte die Dokumente eigentlich nicht mit nach Hause nehmen dürfen, doch andererseits war niemandem damit gedient, wenn sie in einem verschlossenen Archivraum lagen. Auf dem Boden des Kleiderschranks hingegen erinnerten sie ihn jedes Mal an den Fall, wenn er ein frisches Hemd herausnahm.

Er fischte seine Lesebrille aus der Tasche und setzte sich mit dem Ordner auf dem Schoß in einen Sessel. Das letzte Mal hatte er vor einem Jahr einen Blick in die Akten geworfen.

Katharina Haugen hatte im Kleivervei gewohnt. Das schlichte Einfamilienhaus war aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert worden. Es war auf allen Seiten von Wald umgeben, und auf einem der Fotos glitzerte im Hintergrund ein See, der Kleivertjern. Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe, etwa hundert Meter von der Straße entfernt. Es war braun mit weißen Fensterrahmen und einer grünen Tür, die Blumenkästen vor den Fenstern waren leer.

Beim Durchblättern der Akte kam es Wisting so vor, als bewege er sich in einem Geisterhaus. Katharina Haugen war nicht mehr da, doch auf dem Fußboden des Windfangs standen ihre Schuhe. Graue Joggingschuhe, braune Stiefeletten und Holzschuhe neben den großen Sandalen und Arbeitsstiefeln ihres Mannes. An den Garderobenhaken hingen drei Jacken. Auf der Kommode im Gang lagen ein Kugelschreiber und eine Einkaufsliste, ein ungeöffneter Brief, eine Zeitung, einige Werbebroschüren und ein halb verwelkter Rosenstrauß. Drei Klebezettel hingen am Spiegel über der Kommode: einer mit einem Datum und einer Uhrzeit darauf, ein zweiter mit einem Namen und einer Telefonnummer und ein dritter, auf dem drei Großbuchstaben, vermutlich irgendwelche Initialen, und ein Geldbetrag verzeichnet waren. AML 125 Kr.

Katharinas Koffer lag geöffnet auf dem Bett. Er war gepackt und sah so aus, als hätte sie geplant, lange wegzubleiben: zehn Paar Socken, zehn Unterhosen, fünf BHs, zehn T-Shirts, fünf Hosen, fünf Pullover, fünf Blusen und Trainingszeug. Etwas an dem Inhalt war Wisting immer merkwürdig vorgekommen, ohne dass er es genauer hätte benennen können. Die Auswahl der Kleidung wirkte so unpersönlich, als wäre der Koffer eigentlich von jemand anderem gepackt worden, oder für jemand anderen.

Er blätterte weiter. Auf dem Wohnzimmertisch lagen fünf Bücher, die jemand aus dem Regal genommen hatte. Wisting hatte einige davon gelesen: Mengele Zoo, Der Alchimist, Weiße Nigger. Neben den Büchern lag ein Foto, auf dem Katharina Haugen zusammen mit ihrem Mann Martin zu sehen war. Sie umarmten sich und lächelten jemandem zu, vielleicht einem Passanten, den sie gebeten hatten, sie zu fotografieren. Das Foto war aus dem Rahmen genommen worden.

Die Aufnahmen aus der Küche waren besonders rätselhaft. Auf der Arbeitsplatte standen ein Teller mit einem Butterbrot und ein Glas Milch. Der Stuhl, auf dem Katharina Haugen immer gesessen hatte, war etwas vorgezogen, auf dem Tisch lagen ein Kugelschreiber und das, was mittlerweile als „Katharina-Code“ bezeichnet wurde.

Wisting spähte angestrengt auf den Code. Eine Ansammlung von Zahlen, die über drei senkrechte Linien verteilt waren. Niemand hatte bisher herausfinden können, was das bedeutete.

Neben Spezialisten von der Polizei hatten unter anderem Kryptologen vom Militär die mysteriöse Mitteilung untersucht, ohne dass irgendjemand einer Lösung näher gekommen war. Der Code war sogar Experten im Ausland vorgelegt worden, doch auch sie konnten nichts anderes als eine sinnlose Zahlenkombination darin erkennen.

Wisting drehte und wendete die Kopie in den Händen, als hätte sich plötzlich etwas verändert, was ihn in die Lage versetzen würde zu begreifen, was dahintersteckte.

Jäh blickte er auf. Seine Tochter Line stand vor ihm. Er hatte nicht gehört, was sie gesagt hatte, ja, er hatte nicht einmal gemerkt, dass sie ins Zimmer getreten war.

„Hm?“, murmelte er, nahm die Lesebrille ab und ließ sie an der Schnur um seinen Hals baumeln.

Line setzte sich aufs Sofa, nahm ihr Kind auf den Schoß und fing an, der Kleinen Jacke und Schuhe auszuziehen, während sie einen Blick auf den Pappkarton warf, den Wisting hervorgeholt hatte.

„Ich hatte ganz vergessen, dass morgen der 10. Oktober ist“, wiederholte sie.

Wisting legte den Ordner weg, streckte die Hände nach seiner Enkelin aus und hob sie zu sich herüber. Sie war wirklich kein Baby mehr. Das winzige, hilflose Geschöpf, das er vor vierzehn Monaten zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte, war schon eine richtige kleine Persönlichkeit. Er drückte die Lippen auf ihre runde Wange und gab ihr einen dicken Schmatzer. Amalie krümmte sich vor Lachen und versuchte, mit ihren kleinen Händen seine Lesebrille zu packen. Wisting nahm die Brille ganz ab und legte sie weg.

„Glaubst du, da steht auf einmal was drin, was du bisher noch nicht gelesen hast?“, fragte Line und deutete mit dem Kopf auf den Aktenordner.

Sie wirkte erschöpft und leicht gereizt.

„Stimmt was nicht?“, fragte Wisting.

Line seufzte, griff in ihre Handtasche und zog schnell einen gelben Plastikstreifen hervor. Lippenstift, Kugelschreiber, eine Kaugummipackung und weitere Gegenstände folgten.

„Ich hab ein Strafmandat bekommen“, erklärte sie, warf den Plastikstreifen auf den Tisch und fing an, die anderen Sachen wieder in die Tasche zu stecken. „Siebenhundert Kronen.“

Wisting warf einen Blick darauf.

„Ordnungswidriges Parken gemäß Verkehrszeichen 372“, las er. „Was ist Verkehrszeichen 372?“

„Parken verboten.“

Wisting grinste, beugte sich vor und rieb seine Nase an der Wange seines Enkelkinds.

„Mama hat einen Strafzettel bekommen“, sagte er mit verstellter Stimme.

Line stand auf.

„Ich verstehe nicht, warum du dich immer noch mit diesen Unterlagen beschäftigst“, sagte sie und ging in die Küche. „Nach all den Jahren.“

„Willst du Widerspruch einlegen?“, fragte Wisting. „Gegen den Strafzettel?“

„Wozu sollte das gut sein?“, erwiderte Line. „Ich hab das Schild eben nicht gesehen. Nur um das Geld tut es mir leid.“

Sie kam mit einem Teelöffel zurück, nahm einen Becher Joghurt aus der Wickeltasche und setzte Amalie wieder auf ihren Schoß.

„Hast du noch weitere Verwandte von ihr aufgetrieben?“, fragte Wisting.

Line riss den Deckel des Joghurtbechers ab.

„Ein paar Cousins und Cousinen vierten oder fünften Grades, in Bergen“, erwiderte sie und lächelte ihren Vater kurz an.

„Vierten oder fünften Grades? Wie geht das denn?“

„Wenn man dieselben Urururgroßeltern hat“, sagte Line und fing an, Amalie zu füttern.

„Und von welchem Urururgroßvater reden wir hier?“

„Arthur Thorsen“, erklärte Line. „Er war der Urgroßvater von Mama.“

„Nie von ihm gehört“, musste Wisting zugeben.

„1870 auf Askøy geboren“, entgegnete Line.

Wisting schüttelte den Kopf und griff nach dem Bericht, den er bis eben gelesen hatte.

„Und du findest, dass ich zu viel in alten Papieren herumstöbere?“, fragte er und grinste.

„Das, wonach du suchst, ist ja nicht da“, wandte Line ein. „Seit fünfundzwanzig Jahren beschäftigst du dich jetzt damit, aber die Antwort steht nicht da drin.“

„Vierundzwanzig“, entgegnete Wisting und stand auf. Ihm war bewusst, dass sich die Antwort wohl kaum in einem der Kartons im Kleiderschrank befand, war aber gleichzeitig davon überzeugt, dass mindestens eine der siebenhundertdreiundsechzig Personen, die in der Ermittlungsakte genannt wurden, genau wusste, was sich in jenem Oktober vor vierundzwanzig Jahren zugetragen hatte.

Er griff nach einem der roten Aktenordner und schlug ihn an einer zufälligen Stelle auf. Eine Zeugenaussage. Das Papier war dünn und die Schrift ausgeblichen. Wisting fing an einer Stelle mitten im Text an zu lesen und wusste, wie der Satz endete, bevor er fertig gelesen hatte. Es handelte sich um das schriftliche Protokoll einer Routinevernehmung. Es enthielt keine interessanten oder wesentlichen Details, doch jedes Mal, wenn er dieses oder ein beliebiges anderes Dokument aus der Ermittlungsakte las, überkam ihn die Vorstellung, dass er auf etwas stoßen würde, was er zuvor übersehen hatte, oder dass er den Inhalt plötzlich so deuten könnte, dass sich daraus ein ganz neuer Zusammenhang ergab.

„Und, fährst du?“, fragte Line und riss ihn aus seinen Gedanken.

Wisting schloss den Ordner und musste sich eingestehen, dass er seiner Tochter abermals nicht zugehört hatte.

„Fährst du wieder mit ihm in die Hütte?“

„Mit wem?“, fragte Wisting, obwohl er genau wusste, wen sie meinte.

„Mit ihm“, sagte Line leicht gereizt und deutete auf den Unterlagenstapel.

„Ich glaube nicht“, erwiderte er.

„Aber du fährst morgen zu ihm?“

Wisting nickte. So hatte es sich im Lauf der Jahre ergeben. Jedes Jahr am 10. Oktober besuchte er Martin Haugen.

„Tut mir leid“, sagte er und legte den Ordner weg.

Er wusste genau, wie eigenartig er sich benahm, wenn der Jahrestag näher rückte. Der alte Fall drang wieder ins Bewusstsein und schob alles andere beiseite.

„Was macht ihr heute Abend?“, fragte er und trat ans Fenster. Draußen war es dunkel. Ein paar Regentropfen klebten an der Scheibe.

Line gab Amalie einen letzten Löffel Joghurt.

„Ich wollte ins Fitnessstudio“, gab Line zur Antwort und stellte die Kleine auf den Boden. „Ich hatte gehofft, dass du auf sie aufpassen kannst. Sie fühlt sich in der Kinderbetreuung des Studios nicht besonders wohl.“

Die kleine Amalie stand schwankend auf dem Fußboden.

„Dann übernehme ich die Betreuung“, sagte Wisting lächelnd und klatschte in die Hände, um seine Enkelin zu sich zu locken.

Sie stapfte auf ihn zu und lachte, als Wisting sie auffing und hochhob.

„Vorsicht“, warnte Line. „Sie hat gerade gegessen.“

Wisting setzte Amalie wieder auf den Fußboden, ging ins Nebenzimmer und holte eine Kiste mit Spielzeug. Dann verteilte er den Inhalt auf dem Boden und setzte sich neben die Kleine.

Amalie nahm einen roten Holzwürfel in die Hand und sagte etwas, das Wisting jedoch nicht verstehen konnte.

„Vielen Dank fürs Aufpassen“, sagte Line und erhob sich. „Ich bin in zwei Stunden wieder da.“

Sie winkte den beiden zu, aber Amalie war viel zu beschäftigt, um überhaupt wahrzunehmen, dass ihre Mutter wegging.

Etwa zehn Minuten saßen Wisting und Amalie zusammen auf dem Fußboden. Allerdings fand es die Kleine nach einer Weile interessanter, für sich allein zu spielen.

Seine Kniegelenke knackten, als er sich erhob und zum Karton hinüberging. Dort zog er das Notizbuch heraus und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Er blätterte vor und zurück, griff nach der Lesebrille auf dem Tisch und setzte sie auf.

Alle Informationen aus den Fällen, an denen er arbeitete, landeten in seinem dicken blauen Notizbuch. Zunächst Stichwörter zu den nackten Tatsachen, dann Einzelheiten, Zeugenaussagen, Dokumentationen und Laborberichte. Das Notizbuch war für ihn eine Art Archiv. Es enthielt Aufzeichnungen über jede einzelne Vernehmung, jeden gewonnenen Beweis und diente stets als Grundlage für die Planung der nächsten Schritte.

Er verstand nicht, weshalb Line so ablehnend darauf reagierte, dass er sich weiterhin mit dem alten Fall befasste. Normalerweise fand auch sie ungelöste Rätsel und offene Fragen interessant. Die gleiche Wissbegier, die ihn zum Ermittler hatte werden lassen, hatte sie zur Journalistin gemacht. Wenn sich der Weg, den sie beschritt, irgendwo teilte und sie sich für die eine Abzweigung entschied, wollte sie dennoch wissen, wohin sie die andere Richtung hätte führen können. Seit Amalies Geburt interessierte sie sich für Ahnenforschung. In erster Linie ging es dabei vermutlich darum, ihrer Tochter eine größere Familie zu verschaffen, da der Vater der Kleinen mehr oder weniger abgetaucht war. Doch es steckte ein viel tieferer Wissensdurst dahinter. Wisting verstand sehr gut, dass es ihr eine gewisse Befriedigung verschaffte, immer mehr familiäre Verbindungen ausfindig zu machen, um allmählich ein Gesamtbild zu erkennen. So etwas hatte durchaus Ähnlichkeit mit einer polizeilichen Ermittlung.

Die Suche nach Antworten war die Grundlage für Lines bisherige journalistische Tätigkeit. Dabei ging es ihr nicht nur um die Präsentation einer Nachricht. Sie wollte wissen, was dahinter verborgen lag. Eine Eigenschaft, die die Redaktion von Verdens Gang sehr zu schätzen wusste. Die Zeitung wollte Line gern behalten und hatte ihrem Antrag auf eine Verlängerung der Elternzeit zugestimmt, in der Hoffnung, dass sie danach in die Festanstellung zurückkehren würde.

Wisting hatte gar nicht den Wunsch, dass Line sich mit dem Fall Katharina Haugen beschäftigte, konnte aber auch nicht verstehen, weshalb sie so demonstrativ desinteressiert war. Das lag vielleicht daran, dass dieser Fall immer schon präsent gewesen war. Line war sechs Jahre alt gewesen, als Katharina Haugen verschwand. Seine Tochter kannte es, dass er in regelmäßigen Abständen die alten Unterlagen hervorkramte und sich darin vergrub. Oder es hatte damit zu tun, dass Line, wie so viele andere, die gängige Erklärung zu dem Fall akzeptiert hatte: dass Katharina Haugen in einer dunklen Oktobernacht vor vierundzwanzig Jahren beschlossen hatte, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Aber wo war dann ihre Leiche?

Eine andere Theorie besagte, dass Katharina Haugen einem Unfall zum Opfer gefallen war. Vielleicht hatte sie eine Wanderung unternommen und war dabei gestürzt. Aus dieser Vermutung ergaben sich aber statt Antworten nur umso mehr neue Fragen.

Neben der Tatsache, dass sie verschwunden war, gab es weitere Umstände, die Wisting Jahr für Jahr veranlassten, die Unterlagen wieder hervorzuholen. Wie etwa den mysteriösen Code auf dem Küchentisch, den Nachbarn, aus dem er nie richtig schlau geworden war, oder Katharina Haugens unbekannten Vater. Und dann waren da noch die Blumen. Vierzehn rote Rosen.

Amalie war aufgestanden. Sie war ganz in ihre eigene Welt versunken, hielt sich dabei an der Armlehne eines Sessels fest und biss in eine bunte Rassel.

Wisting lächelte sie an, öffnete dann einen der Ordner und zog das Protokoll einer Vernehmung hervor, die mit Mina Ruud durchgeführt worden war, einer der letzten Personen, die Katharina Haugen lebend gesehen hatten. Die beiden hatten gemeinsam im Chor gesungen und sich fünf Jahre gekannt. In den letzten Wochen vor ihrem Verschwinden war Katharina Haugen nicht zu den Proben gekommen. Am Telefon hatte sie der Freundin erklärt, sie sei nicht in Form und habe nicht genügend Energie. Zwei Tage vor Katharinas Verschwinden hatte Mina Ruud sie daher zu Hause besucht. Tatsächlich hatte Katharina erschöpft und blass ausgesehen. Mina hatte den Eindruck, dass ihr irgendetwas Sorgen bereite. Auf ihre direkte Nachfrage hatte Katharina das Ganze als Bagatelle abgetan und erklärt, sie nehme jetzt Vitamintabletten, in der Hoffnung, sie würden ihr helfen. Während der Vernehmung hatte Mina Ruud ausgesagt, dass sie im Laufe des letzten Jahres eine deutliche Veränderung an Katharina wahrgenommen habe. Für gewöhnlich sei sie nämlich ein Energiebündel gewesen, wie Mina Ruud sich ausdrückte. Immer gut gelaunt und sprudelnd vor Energie. Doch dann musste etwas passiert sein, was ihre Persönlichkeit verändert hatte. Sie sei zu Hause geblieben, nur noch selten ausgegangen und fast nie mehr mit Freunden zusammen gewesen. Katharina Haugen habe verschlossen und niedergeschlagen gewirkt.

In Mina Ruuds Aussage gab es einen Abschnitt, den Wisting besonders interessant fand. Ihr sei es so vorgekommen, als hätte Katharina ein dunkles Geheimnis mit sich herumgeschleppt, hatte sie geäußert. Etwas, von dem sie anscheinend niemandem erzählen konnte.

Einige ihrer Freunde und Arbeitskollegen hatten Katharina Haugen als depressiv beschrieben. Allgemein war man der Ansicht, dies liege daran, dass sie Heimweh nach ihrer Familie und ihren Bekannten in Österreich habe.

Unverhofft blieb Wisting an einem Satz hängen, der ihm bislang noch nicht aufgefallen war. Mina Ruud versuchte, sich an den genauen Zeitpunkt einer Unterhaltung mit Katharina zu erinnern. Die hatte ihr nämlich erzählt, dass sie zwei Tage zuvor einem Mann aus Österreich begegnet sei. Es habe sich um ein zufälliges Zusammentreffen in einem Café gehandelt. Er hatte gefragt, ob der andere Stuhl an ihrem Tisch noch frei sei, und da Katharina sein Akzent aufgefallen war, wollte sie wissen, ob er aus Österreich komme. Es sei wirklich schön gewesen, jemanden aus ihrem alten Heimatland zu treffen.

Die Ermittler hatten viel Zeit und Ressourcen darauf verwendet, diesen Mann zu finden. Deswegen war es auch so wichtig herauszufinden, wann diese Begegnung stattgefunden hatte. Soweit Mina Ruud sich erinnern konnte, war es ein Nachmittag Mitte August gewesen.

Zumindest hatte Wisting das gelesen, obwohl es so nicht im Protokoll stand.

Er las den Satz noch einmal: Es war Nachmittag Mitte August.

Da fehlte ein Wort. Bisher hatte er immer Es war ein Nachmittag Mitte August gelesen. Aber das Wort ein fehlte. So etwas kam häufiger vor. Mitunter passierte es ihm selbst. Nicht alle Wörter, die er im Kopf hatte, landeten auch auf dem Papier. Wenn man den Satz las, wurde dem Gehirn suggeriert, dass das fehlende Wort dastand, weil man streng genommen ja nicht ein Wort nach dem anderen las, sondern den Blick über den ganzen Satz gleiten ließ.

Dass das Wort fehlte, hatte weiter nichts zu bedeuten. Es veränderte nicht den Sinn der Aussage, brachte Wisting aber auf den Gedanken, dass es vielleicht andere Details in der umfassenden Ermittlungsakte gab, die er übersehen hatte.

Er legte das Protokoll zur Seite und stürzte sich mit neuer Energie auf den nächsten Aktenstapel. Wenn jemand spurlos verschwand, gab es vier Möglichkeiten: Selbstmord, Unfall, Flucht oder eine kriminelle Handlung. Die Polizei hatte alle vier Möglichkeiten untersucht und darüber hinaus die These aufgestellt, dass Katharina das Land verlassen habe, ohne jemandem Bescheid zu sagen, weil sie entweder in ihrer alten Heimat oder irgendwo sonst auf der Welt ein neues Leben beginnen wollte.

Wisting hatte niemals an die Möglichkeit geglaubt, dass Katharina Haugen aus freien Stücken weggegangen war. Obwohl es weder eine Leiche noch einen Tatort gab, hatte er den Fall immer als Mordfall betrachtet. Seine Schlussfolgerung basierte nicht etwa auf einem bestimmten Umstand, vielmehr hatte ihn die Summe der Umstände auf diesen Gedanken gebracht. Wie der Koffer auf dem Bett, die aus dem Regal gezogenen Bücher oder das Foto, das jemand aus dem Rahmen genommen hatte. Und natürlich der Code auf dem Küchentisch.

Abermals holte er die Kopie hervor und betrachtete sie eingehend. Drei leicht gebogene Striche teilten das Blatt und bildeten zwei Spalten. Darunter war ein horizontaler Strich gezogen worden. Der Rest bestand aus Zahlen. Die 362 war von einem Kreis umgeben und tauchte zweimal auf. Dasselbe galt für die Zahl 334. Die 18 gab es ebenfalls doppelt, allerdings war sie beide Male von einem Quadrat umgeben. Weitere Zahlen waren auf dem Papier verteilt: 206, 613, 148, 701, 404, 49. Was die kryptische Nachricht besonders interessant machte, war eine Markierung am Rand des Blattes, die einem Kreuz ähnelte. Die Linien waren mehrmals mit schwarzem Kugelschreiber nachgezogen worden, so fest, dass im Blatt fast ein Loch entstanden war.

Wie schon so oft zuvor blickte Wisting angestrengt auf das Kreuz und die Zahlen. Dieses Mal kam es ihm so vor, als rege sich etwas in seinem Unterbewusstsein. Als ob die Zahlen plötzlich einen Sinn ergeben könnten.

Er holte tief Luft und hielt den Atem an. Immer, wenn er die alten Unterlagen hervorholte, hoffte er darauf, einen solchen Moment zu erleben. Vielleicht hatte er im Laufe des vergangenen Jahres etwas gehört, gesehen oder wahrgenommen, das seinen Erfahrungshorizont erweiterte und ihn in die Lage versetzte, den Inhalt der Ermittlungsakte neu zu beurteilen. Genau an dieser Stelle befand er sich jetzt, kurz vor einer neuen Erkenntnis. Eine Aussage, ein Foto oder ein unbedeutendes Detail, das sich im Laufe der letzten zwölf Monate in sein Unterbewusstsein eingebrannt hatte, stand kurz vor dem Auftauchen an die Oberfläche.

Er las die Zahlen laut und versuchte, auf diese Weise seinem Gehirn auf die Sprünge zu helfen.

Die kleine Amalie äffte ihn nach. Sie versuchte, die gleichen Zahlen auszusprechen, und lachte angesichts ihres Misserfolgs.

Wisting sah zu seiner Enkelin hinüber. Sie war ganz blau um den Mund. In der Hand hielt sie einen Kugelschreiber. Sie hatte ein Loch hineingebissen, und die Farbe tropfte an ihrer Hand herunter.

Sie gluckste und lachte und schob den Kugelschreiber wieder in den Mund.

Wisting ließ die Papiere fallen, stürzte zu ihr und riss ihr den Schreiber aus der Hand.

Lippen, Zähne, Zunge und der gesamte untere Teil ihres Gesichts waren blau verfärbt. Er hob die Kleine hoch und eilte mit ihr ins Bad, drehte den Wasserhahn auf und hielt sie über das Waschbecken. Dann gab er Wasser in die hohle Hand, fuhr damit über ihr Gesicht und wiederholte das Ganze. Amalie fing an zu schreien. Wisting goss ihr noch mehr Wasser ins Gesicht, auch in den geöffneten Mund. Amalie hustete und keuchte. Blau gefärbtes Wasser tropfte ins Becken. Trotz ihrer lautstarken Proteste fuhr Wisting fort, seiner Enkelin den Mund auszuspülen, bis er sicher sein konnte, dass keine Tinte zurückgeblieben war. Schließlich setzte er sich mit Amalie auf den Toilettendeckel und versuchte, sie zu trösten.

„Alles wird gut“, sagte er und versuchte, seiner Stimme einen möglichst fröhlichen Klang zu verleihen.

Amalie beruhigte sich etwas. Wisting fischte sein Handy aus der Tasche und rief die Notaufnahme des Krankenhauses an. In wenigen Worten erklärte er, was passiert war.

Die Krankenschwester fragte nach dem Namen.

„Ingrid Amalie Wisting“, antwortete er und nannte ihr Geburtsdatum.

Er hörte das Geräusch einer Tastatur am anderen Ende der Leitung.

„Wie viel Tinte hat sie denn verschluckt?“, wollte die Krankenschwester wissen.

„Ich weiß nicht“, sagte Wisting und ging mit der Kleinen auf dem Arm ins Wohnzimmer. Der Kugelschreiber lag auf dem Boden und hatte einen blauen Fleck auf dem Teppich hinterlassen.

„Mehr als die Hälfte der Tinte ist noch übrig“, sagte er. „Das meiste klebt vermutlich an ihren Händen und der Kleidung.“

„Geringe Mengen Tinte sind normalerweise völlig ungefährlich“, beruhigte ihn die Krankenschwester. „Schlimmer wäre es, wenn sie ein Stückchen Plastik verschluckt hätte.“

Wisting untersuchte den Kugelschreiber. Das Ende war zerfranst.

„Und was kann dann passieren?“, fragte er.

„Es könnte im Hals stecken bleiben“, erklärte die Krankenschwester. „Aber anscheinend ist ja noch mal alles gut gegangen. Kann sein, dass sie etwas Bauchschmerzen bekommt, aber das regelt sich dann auf ganz natürliche Weise.“

Wisting bedankte sich, legte auf und brachte Amalie wieder ins Bad. Er befeuchtete einen Waschlappen und versuchte, der Kleinen das Gesicht und die Finger zu waschen. Die Farbe wurde zwar etwas schwächer, war aber immer noch zu sehen. Er nahm seine Zahnbürste, gab etwas Zahncreme darauf und machte sich daran, ihre kleinen, verfärbten Zähne zu putzen. Amalie protestierte und fing wieder an zu weinen. Er gab auf, trug sie zurück ins Wohnzimmer und sank mit seiner Enkelin auf dem Schoß in einen Sessel. Die plötzliche Angst, die er verspürt hatte, verwandelte sich in Gereiztheit. Er ärgerte sich über sich selbst.

Amalie weinte immer noch. Bestimmt war sie müde, und seine Unruhe hatte sich auf sie übertragen. Er stand auf, nahm Amalie auf den Arm und begann alles aufzusammeln und wieder in den Karton zu legen, was mit dem Fall Katharina Haugen zu tun hatte. Einer der Aktenordner war nicht richtig geschlossen, lose Blätter verteilten sich über Tisch und Fußboden. Er sammelte alles auf und stopfte es in den großen Karton, ohne sich darum zu kümmern, ob die Unterlagen zerknitterten oder in Unordnung gerieten. Er wollte nur alles aus dem Weg haben.

Dann nahm er Amalie auf den anderen Arm, drückte die Deckelklappen des großen Kartons wieder zusammen und schob ihn mit dem Fuß zur Wand hin. Schließlich setzte er sich mit der Kleinen auf den Boden und sah sie an. Ihre Kleider waren jetzt unbrauchbar. Wahrscheinlich wäre sie in Kürze ohnehin herausgewachsen, aber Wisting würde Line anbieten, den Schaden zu ersetzen.

Das Weinen hatte nachgelassen. Großvater und Enkelin waren eifrig damit beschäftigt, Holzklötze aufeinanderzustapeln, als Line zurückkam.

Sie lächelte beim Anblick der beiden, erstarrte aber, als sie die blaue Farbe am Mund und auf der Kleidung ihrer Tochter entdeckte.

„Was ist passiert?“, fragte sie und nahm Amalie auf den Arm.

„Sie hat einen Kugelschreiber erwischt“, sagte Wisting.

„Hast du nicht aufgepasst?“

„Sie war ziemlich schnell“, erklärte er.

„Aber du warst doch wohl bei ihr?“

„Selbstverständlich“, sagte er. „Aber plötzlich saß sie da und hatte das Gesicht voller Farbe. Ich glaube, es war dein Kugelschreiber. Der muss dir aus der Tasche gefallen sein, als du mir das Strafmandat gezeigt hast.“

Line feuchtete einen Daumen an und rieb damit über Amalies Kinn.

„Ich habe schon mit der Notaufnahme gesprochen“, fuhr Wisting fort. „In so geringen Mengen ist Tinte nicht gefährlich. Schwer wegzukriegen, aber nicht gefährlich.“

Line seufzte. „Ich bring sie nach Hause und steck sie in die Badewanne.“

Sie setzte sich auf einen Stuhl und zog ihre Tochter an.

Wisting suchte die Spielsachen auf dem Fußboden zusammen.

„Ich kann ihr gern neue Sachen kaufen“, sagte er. „Oder sie wenigstens bezahlen.“

Line schüttelte den Kopf.

„Denk nicht weiter daran“, sagte sie und stand auf. „Danke, dass du auf sie aufgepasst hast.“

„Tut mir leid“, sagte Wisting. „Ich bin vermutlich ein elender Babysitter.“

Line lächelte.

„Ist schon gut“, sagte sie und warf einen Blick auf den Karton mit den Falldokumenten.

„Vergiss nicht, dass Thomas am Wochenende nach Hause kommt“, sagte sie.

Thomas war ihr Zwillingsbruder. Er arbeitete als Helikopterpilot bei der Armee und kam nur zweimal im Jahr zu Besuch.

„Ich werde Pizza machen“, sagte Wisting mit einem Lächeln.

Das war etwas, das er schon getan hatte, als Line und Thomas noch Teenager waren. Jeden Freitag, wenn er nach Hause kam, hatte er einen Pizzateig zubereitet. Line und Thomas hatten ihm beim Belegen geholfen. Diese Tradition hatten sie fortgeführt, bis Thomas zum Militär gegangen war.

„Wir kommen“, sagte Line und drückte ihre Tochter an sich. „Möchtest du nicht Tschüss zu Opa sagen?“

Wisting nahm beide in den Arm und begleitete sie dann zur Tür. Er sah ihnen nach, als sie durch den Regen zu Lines Haus hinüberliefen, das etwas weiter unten an der Straße lag.

Ich habe gelogen, dachte er und wunderte sich darüber, wie leicht es ihm gefallen war zu sagen, er sei die ganze Zeit bei Amalie gewesen, anstatt zuzugeben, dass er sich in den Fall Katharina vertieft und seine Enkelin für einen Moment vergessen hatte. Aber nicht nur das. Er hatte außerdem seiner Tochter einen Teil der Verantwortung zugeschoben, indem er sie darauf hinwies, dass der Kugelschreiber ihretwegen dort gelegen hatte.

Wisting schloss die Tür, trat ins Wohnzimmer und betrachtete den Pappkarton, den er zur Seite geschoben hatte.

Lügen waren Bestandteil von jeder Ermittlung. Alle logen. Nur selten ging es dabei um direkte Unwahrheiten, aber die meisten Menschen umgingen die Wahrheit auf irgendeine Weise. Sie äußerten sich zweideutig, verschwiegen Einzelheiten, übertrieben, schmückten Dinge aus, um sich interessant zu machen, oder hielten Informationen zurück, die sie in ein schlechtes Licht rücken könnten. Dazu kam, dass sich die Menschen häufig falsch erinnerten. Oft hatten sie Ereignisse anders im Gedächtnis, als sie tatsächlich geschehen waren. Doch anstatt zuzugeben, dass sie sich an etwas nicht erinnerten, füllten sie die Erinnerungslücken, indem sie die Ereignisse so ausschmückten, wie sie glaubten, dass sie sich abgespielt haben mussten. Um diese Unwahrheiten aufzudecken, war die Polizei von weiteren Informationen abhängig, mit denen die Aussagen überprüft werden konnten.

Wisting bückte sich und hob den Kugelschreiber auf, auf dem Amalie herumgekaut hatte. Unter den Zahnabdrücken war das Logo der Polizeigewerkschaft gerade noch zu sehen. Es war sein Kugelschreiber. Er überlegte, ob er es Line erzählen oder die Sache auf sich beruhen lassen sollte. Aufheben würde er den Kugelschreiber jedenfalls nicht. Er nahm ihn mit in die Küche und warf ihn in den Mülleimer. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer, klappte den Kartondeckel wieder auseinander und nahm die Ordner heraus.

Biografie von Henry-Oliver Jakobs 

Henry-Oliver Jakobs wurde 1970 in Hamburg geboren und ist auf St. Pauli aufgewachsen. Im Alter von 8 Jahren beging er seine ersten Diebstähle – der Start einer kriminellen Karriere. Es folgten unzählige Einbrüche, Raubüberfälle, Schlägereien, schwere Körperverletzungen sowie verschiedenste Drogendelikte.

Trotzdem beendete er die Schule mit der mittleren Reife und absolvierte erfolgreich eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Im Anschluss gründete er mit 18 Jahren sein eigenes An- und Verkaufsunternehmen. Doch auch in dieser Zeit blieb er dem kriminellen Milieu treu – bis er 1995 zum Mörder wurde: Nach einem Streit mit Geschäftspartnern erschoss er einen von ihnen und verletzte einen weiteren schwer. Kurz darauf wurde Henry-Oliver Jakobs verhaftet und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Durch diverse familiäre Schicksalsschläge und die Hilfe von Psychologen setzte bei ihm ein Wandlungsprozess ein. So eignete er sich im Gefängnis die Ausbildereignungsprüfung an und engagiert sich seit dem Jahr 2000 ehrenamtlich in der Präventionsarbeit mit kriminellen Jugendlichen und gibt seine Erfahrungen bis heute in Form von Anti-Gewalt-Trainings weiter. 

Weitere Links zu Henry-Oliver Jakobs:
www.gefangene-helfen.de

Themenspecial
17. September 2019
Cold Cases - Der beste Kommissar Norwegens ermittelt
Jørn Lier Horst war Kriminalhauptkommissar bei der norwegischen Polizei, bevor er sich mit seinen Romanen um den Polizisten William Wisting auf die norwegischen Bestsellerlisten schrieb. Jetzt erscheinen seine Bücher erstmals auf Deutsch.

    Kommentare

    1. Rezensiert von einem Kriminiellen
    Patrick am 29.10.2019

    Eine sehr mutige Idee dieses Buch von einem Ex-Kriminellen lesen zu lassen. Ich persönlich fand diese, sehr ungewöhnliche Perspektive, sehr interessant. Vielen Dank dafür!

    2. Herr
    Nico am 04.11.2019

    Interessant. Bringt eine faszinierende, neue Sichtweise, welche sich direkt beim Lesen des Buches bemerkbar macht.

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