Wie der Roman entstanden ist...
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Wie der Roman entstanden ist...

Donnerstag, 07. März 2013 von Gisa Klönne


Wie der Roman entstanden ist...

Der Auslöser, diesen Roman zu schreiben, war ein unscheinbarer brauner Umschlag mit alten Briefen aus den Jahren 1944 – 1945, die mir einer meiner Onkel eines Tages zusteckte. „Du schreibst doch, vielleicht ist das interessant für dich“, hat er gesagt. Und dann war da noch ein weiterer Onkel, der mir Jahr für Jahr die Lektüre der Tagebücher meines Urgroßvaters ans Herz legte, die dieser von 1902 bis 1920 über die Kinderjahre meiner Großmutter geführt hatte – ein grandioses Vermächtnis.

Hinzu kamen meine eigenen Kindheitserinnerungen an all die Reisen über die deutsch-deutsche Grenze zu unseren Verwandten in Mecklenburg, die jedes Mal wieder zu einem Abenteuer gerieten. Und seit ich denken kann, lauschte ich mit Hingabe den Erzählungen meiner Onkel, Tanten, Eltern, Großeltern über die Kriegszeit, den Einmarsch der Russen nach Mecklenburg und die Repressalien, denen eine Pfarrerfamilie in der DDR ausgesetzt war. All dies hat mich geprägt und ließ mich nicht mehr los – und im Jahr 2007 begann ich schließlich damit, DAS LIED DER STARE NACH DEM FROST zu konzipieren.

Ein Roman, keine Autobiografie

Trotz aller Erinnerungen und Familienlegenden: Rixa Hinrichs Geschichte ist nicht die meine oder die meiner Familie. Alle Figuren und die Handlung dieses Romans sind frei erfunden. Und dennoch gibt es natürlich viele Berührungspunkte. Wenn ich nicht Enkelin eines mecklenburgischen Pfarrers wäre und zahlreiche Ferien im Mecklenburg der Vorwendezeit verbracht hätte, hätte ich diesen Roman wohl niemals geschrieben, in jedem Fall nicht so. Es ging mir um Wahrhaftigkeit, um ein „so könnte es gewesen sein“. So könnten auch meine eigenen Vorfahren gedacht, gehandelt und gelebt haben.

Der historische Hintergrund

Es gibt zwei Zeitebenen im Roman. Die Gegenwartsebene spielt heute. Die Vergangenheitsebene umfasst eine Zeitspanne von 1915 bis 1949. Eine Zeit größter Umbrüche in Europa: Zwei Weltkriege, Inflation und Weltwirtschaftskrise, der Wahnsinn Hitlers mit allen bekannten, grausamen Folgen und die Teilung Deutschlands, die in Mecklenburg, wo mein Roman spielt, mit dem Einmarsch der russischen Armee begonnen hat.

Ich bin Schriftstellerin, keine Chronistin, meine Darstellung dieser Zeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, eher werfe ich Schlaglichter. Aus der Verknüpfung des historischen Kontexts mit den Erinnerungen meiner Familie ergaben sich für mich jedoch einige sehr konkrete Fragen, die ich auf die Romanfiguren übertragen habe:

Wie konnte es sein, dass ein evangelischer Pfarrer der NSDAP, ja sogar der SA beitrat? Wie konnten sich so viele Pfarrer den Deutschen Christen anschließen?
Und was bewog einen evangelischen Pfarrer dazu, in den Widerstand zu gehen, also sich der Bekennenden Kirche anzuschließen?

Wie sah die Erziehung in einem evangelischen Pfarrhaus aus? Warum wurden gerade dort Kinder besonders häufig und heftig geschlagen und daran gehindert, sich frei und entsprechend ihres Wesens zu entwickeln? Was folgt daraus für ihre Kinder und Kindeskinder?

Die Folgen in der Gegenwart

Ich wollte am Beispiel einer einzigen Familie zeigen, was diese gewaltigen historischen Ereignisse mit einzelnen Personen machen – und wie diese Personen wiederum dazu beitrugen, dass die politischen Ereignisse genauso geschahen, wie sie geschahen. Und dann – als Übertrag in die Gegenwart – spielte auch noch die moderne Traumaforschung eine Rolle. Es ist heute nachweisbar, dass Traumata sich in Familien über Generationen hinweg weitervererben können – selbst dann, wenn das Furchtbare, das ursprünglich geschah, niemals ausgesprochen wird.

Der Weg einer Künstlerin

»Das Lied der Stare nach dem Frost« ist deshalb auch die Geschichte einer Musikerin auf der Suche nach ihrem ureigenen Ausdruck und ihrer Stimme, die Geschichte einer Befreiung. Rixa Hinrichs erkennt, dass sie ein uraltes Tabu befolgt, indem sie es nicht wagt, ins Rampenlicht großer Bühnen zu treten. Und sie erkennt, dass sie dieses Hemmnis nur überwinden kann, indem sie an den Ort ihrer Kindheit zurück kehrt und Verschwiegenes ans Licht bringt


Blick ins Buch
Das Lied der Stare nach dem FrostDas Lied der Stare nach dem Frost

Roman

Seit dem Tod ihres Bruders hat Rixa Hinrichs versucht zu vergessen: ihre Trauer, die stumme Melancholie ihrer Mutter und ihre verpatzte Solo-Karriere als Musikerin. Als Bar-Pianistin reist sie um die Welt, bis der Tod ihrer Mutter sie zurück nach Deutschland holt. Auch diese ist mit dem Auto verunglückt – fast an derselben Stelle wie Jahre zuvor Rixas Bruder. Die Suche nach einer Erklärung führt Rixa in das alte Pfarrhaus ihrer Großeltern nach Mecklenburg, wo ein streng gehütetes Geheimnis seine düsteren Schatten wirft …
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Für meine Mutter und die Mecklenburger Ahnen. Und für Christina.

 

»Wir sind Erinnerung.«
Daniel L. Schacter

 

1949

 

Der Mond ist fast voll und wirft Schatten, die bläulich sind, und sie springen sie an, in unsteten Schemen. Sie blickt nicht zurück und läuft schneller, ein leises Stakkato, Triolen. Eins zwei drei, eins zwei drei. Sie ist auf dem Weg, sie wagt es tatsächlich.

 

Wie ein schwarzer Koloss thront das Gutshaus vor ihr, doch seine Fenster gleißen im Mondlicht, verwunschene Spiegel. Sie schlägt einen Bogen um den Panzer, presst sich in den Schatten der Mauer, die den Gutspark umfriedet. Früher gab es hier Blumen und Obstbäume. Früher, bevor die Russen kamen.

 

Die Soldaten sind im Hof. Sie riecht das Feuer, hört ihre Stiefel im Kies, das Klirren von Flaschen und Gläsern, ihr kehliges Lachen. Dann greift jemand zum Akkordeon und sie singen. Katjuscha, mit einem falschen Halbton am Ende der Strophe, das bringt sie zum Lächeln.

 

Kann sie ihm trauen, kann sie das wirklich? Sie können nicht alle böse sein, egal, was alle immer behaupten, und er wird allein sein, das hat er versprochen. Oi, tý pyesnya, pyesen’ka dyevitshya … Ach, du Lied, du kleines Lied eines Mädchens, fliege hinter der hellen Sonne her. Dunkel klingen die russischen Melodien, wehmütig, voll ungestillten Verlangens. Katjuscha, das ist das Soldatenliebchen, die am Flussufer treu unter blühenden Apfelbäumen wartet, hat er ihr erklärt. Der Soldat soll sie singen hören und Hoffnung schöpfen in der Fremde.

 

Eine Grille zirpt, etwas raschelt im Gras. Ist er das, jetzt schon, so früh? Sie fährt sich mit den Fingern durch die Haare, versucht im Gestrüpp hinter sich etwas zu erkennen. Sie hat alles tausendmal überlegt, die Entscheidung hinausgezögert und mit sich gehadert, ihrer Pflicht, ihrer Liebe, ihren Träumen. Aber er meint es gut mit ihr und er wird allein kommen, das hat er versprochen.

 

Wieder ein Rascheln, noch näher jetzt, und ein Käuzchen, das schreit. Aber nein, das ist ja kein Nachtvogel, das ist ein Kind, ein kleines Mädchen. Das muss ein Albtraum sein, ein böser Spuk. Doch das Mädchen weint lauter und ruft ihren Namen, und es ist nicht allein, es ist bei den Soldaten.

 

Ihre Schuld ist das, ihre! Dieser Schmerz, wie von Sinnen. Sie rennt los, stolpert, fängt sich, läuft weiter. Schnell muss sie sein, schnell.

 

Teil I

 

WINTERREISE

 

1. Rixa

 

Deutschland war weiß und fremd, Berlin unter einer Eisschicht begraben. Ich hatte das gewusst. Ich hatte versucht, mich dagegen zu wappnen, und ein zweites Paar Socken und einen Pullover ins Handgepäck gesteckt. Aber das reichte nicht, reichte bei Weitem nicht, wurde mir klar, während das Flugzeug dieser schneestarren Welt entgegensank. Ich würde mir Winterkleidung kaufen müssen, auch wenn ich nicht vorhatte, lange zu bleiben. Ich würde mir gleich ein Taxi nehmen müssen. Ein Taxi wohin? Zu dem Hinterhofzimmer, in dem ich gemeldet, aber nicht zu Hause war? Zu der Wohnung meiner Mutter? Zu der Polizeiwache, von der aus ich angerufen worden war?
Frau Hinrichs, Ricarda Hinrichs? Ihre Mutter ist Dorothea Hinrichs, geborene Retzlaff, geboren am 20. Dezember 1945 in Güstrow/Mecklenburg?
Ich wandte den Blick vom Fenster und betrachtete das Gewimmel grinsender gelber Fische, das die Air-Seychelles-Sitzpolster zierte. Der Anruf hatte mich während meines ersten freien Tags seit Monaten erreicht, an einem schneeweißen Strand unter Palmen, ich kam gerade vom Schnorcheln. Ich war gerannt, um ihn nicht zu verpassen, weil ich dachte, es sei Lorenz.
Es tut mir sehr leid, Frau Hinrichs …
Eine winzige Pause war nach dieser Eröffnung entstanden.
Ein sehr präzise gesetztes Rubato, kaum wahrnehmbar und doch deutlich genug, um mich begreifen zu lassen, dass das, was nun folgen würde, nichts Gutes war, und im selben Moment verstand ich, dass ich schon sehr lange auf solch einen Anruf gewartet hatte – ohne es zu wollen oder mir auch nur einzugestehen.
Ihre Mutter hatte einen Autounfall. Sie ist vorgestern Nacht gegen 23:30 Uhr an der Anschlussstelle Krakow in falscher Richtung auf die Autobahn A 19 gefahren.
Die A 19. Mecklenburg. Mein Bruder Ivo war auf der A 19 gestorben, in einer Januarnacht vor zwölf Jahren. Mein Lieblingsbruder, ihr Lieblingssohn.
Der Polizist redete weiter. Aus meinen Haaren tropfte Wasser. Zu meinen Füßen huschten sandblasse Krabben über den Strand, die Teleskopaugen starr in den Himmel gerichtet. Geisterkrabben. Geisterfahrt. Meine Mutter, die sich seit Ivos Unfall immer geweigert hatte, in ein Auto zu steigen, nun plötzlich hinter dem Lenkrad eines Mietwagens auf der Autobahn.
Jetzt, warum jetzt, nach so vielen Jahren?
Als wir das letzte Mal telefonierten, hatte sie beinahe heiter geklungen, und auch mir war es diesmal gelungen, Weihnachten, Silvester und die erste Januarwoche mithilfe einiger Sonderschichten beinahe mühelos zu überstehen. Als ob eine sehr alte Wunde doch noch begonnen hätte zu heilen, so hatte ich mich gefühlt. Als würde nun alles gut.
Sind Sie noch dran, Frau Hinrichs? Haben Sie mich verstanden?
Ich bestätigte das und versprach, nach Berlin zu kommen. Ich blieb gefasst, ich begann zu handeln. Ich zog mich an und ließ mich am Flughafen von Mahé auf die Standby-Liste setzen. Ich kehrte auf die MS Marina zurück, beantragte Sonderurlaub bei der Reederei und besprach mit dem musikalischen Leiter, wie und mit wem er den plötzlichen Ausfall meiner allabendlichen Konzerte in der Lili-Marleen-Bar überbrücken könnte. Ich packte eine Reisetasche mit meinen Noten und CDs, verstaute den Rest meiner Besitztümer in einem Koffer und schleppte ihn in einen Lagerraum, damit ein anderes Mitglied der Crew während meiner Abwesenheit in den Genuss meiner Einzelkabine kommen konnte. Ich tat all dies sehr systematisch und schnell, ohne auch nur zu überlegen, als spielte ich eine Melodie, die meine Finger so oft geübt hatten, dass sie auch ohne mein Zutun den Weg über die Tasten fanden. Ich verhielt mich vernünftig, hätte meine Mutter gesagt.
Sie ist frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug kollidiert. Beide Wagen gingen sofort in Flammen auf. Niemand hatte auch nur den Hauch einer Chance, zu überleben.
Ich sah wieder aus dem Flugzeugfenster. Die Scheibe war schmierig, an ihren Rändern klebten winzige Eiskristalle. Wolkenfetzen flogen im fahlen Frühmorgenlicht vorbei. Ein deutscher Winterhimmel, genau so, wie ich ihn aus den Weihnachtsferien meiner Kindheit in Erinnerung hatte, im Pfarrhaus meiner Großeltern in Mecklenburg. ›Drüben‹ oder ›in der DDR‹, wie wir damals noch sagten, und obwohl wir, sooft es ging, in dieses andere Deutschland aufbrachen, steckte jede Fahrt dorthin wieder voller Unwägbarkeiten. Würde unser Einreiseantrag überhaupt bewilligt werden, und wenn ja, für wie lange? Würden wir die nötigen Papiere rechtzeitig erhalten? Würden uns die Zöllner an der Grenze sämtliche Koffer auspacken lassen und den Bohnenkaffee konfiszieren, oder würden sie uns – oh Wunder – verschonen?
Die Erwachsenen klagten über all diese Schikanen und sorgten sich schon lange im Voraus, aber uns Kinder versetzte der Nervenkitzel ein ums andere Mal in Ekstase. Wir schnitten Grimassen im Rücken der Zollbeamten, wir ahmten ihren Befehlston nach, sobald wir die Grenzanlagen passiert hatten, und wir liebten es zu beobachten, wie sich die Landschaft dann plötzlich auf beinahe magische Art veränderte: Der Himmel öffnete sich und sah nun viel höher und weiter aus. Endlose Felder schwangen in sanften Hügeln zum Horizont. Rehe ästen an Wasserlöchern, die, wie mein Vater beharrlich behauptete, noch aus der Eiszeit stammten. Alleebäume kamen in Sicht, archaische Riesen mit narbigen Stämmen. Aber trotz dieses Überflusses wirkte die Landschaft niemals protzig, eher im Gegenteil. Eine Art stille Melancholie schien auf ihr zu ruhen und ließ sie altmodisch aussehen, aus der Zeit gefallen. Und allmählich verwandelten sich auch die Straßen. Sie wurden immer schmaler und schließlich zu unbefestigten Pisten, und wir holperten durch immer kleinere Dörfer, die selbst im Sommer ausgestorben wirkten.
Alles in Mecklenburg geschieht hundert Jahre später als anderswo, heißt es. Bitterkeit, manchmal auch Zorn, lag in den Stimmen der Erwachsenen, wenn sie davon sprachen. Doch wir Kinder fügten uns mühelos in diese vom Fortschritt vergessene Welt, für uns waren das baufällige Backsteinhaus und der riesige Pfarrgarten, der sich bis zum Seeufer erstreckte, die Basis für Abenteuer, jedes Mal wieder. Da war so ein Wispern im Schilf, dessen Ursache wir niemals herausfinden konnten. Der Kirchturm begann zu schwanken und mit den Wolken zu fliegen, wenn wir auf eine bestimmte Art den Kopf in den Nacken legten und die Augen zusammenkniffen. Wir ersannen Spiele und Rituale, geheime, verbotene: Das Tauchspiel. Das Hühnerorakel. Die Mutprobe mit den Bienen. Natürlich zankten wir uns auch, schürften uns Knie und Ellbogen auf, ein paar Mal wurden wir auch krank. Wir mussten im Garten und in der Küche helfen und sonntags im Gottesdienst aus der Bibel vorlesen. Aber alles in allem waren wir frei und uns selbst überlassen, und das Glück war die meiste Zeit so selbstverständlich, dass wir es nicht einmal richtig bemerkten.

 

Das Flugzeug neigte sich in eine Kurve. Dort, wo vorhin die Sonne aufgegangen war, lasierte ein durchscheinendes Rosa den Himmel. Genau so hatte ich mir als Kind das Licht an jenem Morgen vorgestellt, an dem meine Mutter zur Welt gekommen war. Die Nachzüglerin im Pfarrhaus, das Nesthäkchen. Das neunte Kind, das zur Unzeit geboren wurde, 1945, mitten im großen Sterben.
Dorothea nannten sie mich, Gottesgeschenk. Meine Windeln schnitten sie aus zwei alten Oberhemden und einem zerschlissenen Kopfkissenbezug. Aus dem Fuchspelz einer Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen, die am Weihnachtsmorgen tot und steif gefroren vor dem Kirchenportal gelegen hatte, nähte meine Mutter einen Schlafsack für mich, weil es zum Heizen nicht genug Brennholz gab. Wenn meine Mutter dann morgens nach mir sah, wusste sie immer sofort, dass ich noch lebte. Denn mein Atem gefror über Nacht zu Raureif, sodass die Fellspitzen aussahen wie geklöppelte Spitze.
Ich dachte daran, wie mir meine Mutter solche Geschichten zugeflüstert hatte. Wie sie sich dazu auf mein Bett setzte und das Licht ausschaltete und mich in den Arm nahm. Ich dachte an den leisen Singsang ihrer Sätze, und wie sich deren Inhalte im Laufe der Jahre in meinem Kopf mit den historischen Fakten vermischt hatten. Hitler und Stalin. Soldaten und Panzer. Vergewaltigte Frauen und die endlosen Flüchtlingstrecks aus dem Osten, die für mich letztlich doch immer namenlos und abstrakt blieben, nicht wirklich begreifbar. Und auch meine Mutter kann sich unmöglich bewusst daran erinnert haben, sie war ja noch nicht einmal geboren, als der Krieg schließlich endete. Sie kann mir nur zugeflüstert haben, was ihr selbst erzählt worden war. Die offizielle Version der Ereignisse. Die Legenden der Pfarrersfamilie Retzlaff.
Aber sie hat diese Geschichten trotzdem so erzählt, als wären sie wahr, ja, als wären sie nicht mal vergangen. Immer nachts, immer nur mir, nie, wenn ich sie darum bat, sondern nur, wenn sie aus irgendeinem Grund entschieden hatte, dass die Zeit dafür wieder einmal gekommen war. Unsere kleinen Geheimnisse, Rixa, nicht wahr? Warum, fragte ich mich jetzt auf einmal. Warum vertraute sie die nur mir an, nie Ivo oder Alexander oder meinem Vater? Oder hatte sie das getan, und ich hatte es nur nicht erfahren?
Ich wusste es nicht. Ich wusste so wenig. Solange ich klein war, hatte ich mich einfach an sie gelehnt und zugehört, auch wenn ich längst nicht alles verstand, was sie in mein Haar flüsterte. Ich fühlte mich privilegiert in diesen nächtlichen Stunden. Auserwählt und geliebt, ich nahm, was sie mir gab, weil ich instinktiv spürte, dass mehr Nähe und Zärtlichkeit von ihr nicht zu erwarten waren. Und irgendwann war ich dann wohl zu groß geworden oder wir stritten zu viel. Und wenn sie dann manchmal dennoch an mein Bett schlich, schickte ich sie weg. Weil ich lieber Musik hören wollte und mich mit fünfzehn zu alt für ihre Geheimnisse fühlte. Manchmal auch einfach nur aus Trotz, weil sie mich nachmittags beim Klavierüben gestört hatte.
Ich versuchte mir meine Mutter in einem Mietwagen vorzustellen, nachts, allein auf der Autobahn, in dem Bundesland, das sie nie mehr als Zuhause bezeichnet hatte, nachdem ihr Lieblingssohn dort ums Leben gekommen war. Ich schloss die Augen. Glaubte für einen Moment ihre Stimme zu hören, wie sie in diesen Nächten in meinem Kinderzimmer geklungen hatte, ganz nach innen gekehrt und so leise, dass es mir manchmal vorkam, als träumte ich ihre Worte nur.
»1944 hat dein Großvater aufgehört, Selbstmördern ein christliches Begräbnis und Gottes Segen zu verweigern. Weil es einfach zu viele wurden und er einsehen musste, dass es schlimmere Sünden gab, als sich selbst zu richten.«
Ich spürte ihren Atem in meinem Haar. Ich roch ihr Parfum, einen englischen Maiglöckchenduft mit einem komplizierten Namen. Ich fühlte, wie ihre Worte etwas tief in mir berührten.
»Was denn für Sünden, Mama?«
»Das verstehst du noch nicht.«
»Aber ich bin schon fünf.«
»Das war nur so dahergesagt, Ricki, das braucht dich nicht zu kümmern. Die Menschen sind einfach nicht alle gut.«
»Aber Gott passt doch auf.«
»Natürlich, ja. Aber Gott kann nicht immer überall zugleich sein.«
»Sieht er uns manchmal auch nicht?«
»Doch, euch sieht er. Ihr seid doch Kinder.«
»Und Papa und du?«
»Schlaf jetzt, Ricki. Und träum was Schönes.«
Aber ich hatte nicht geschlafen nach diesem Gespräch. Auch als im Haus längst alle Geräusche verklungen waren, lag ich noch hellwach im Dunkeln und versuchte mir einen schlampigen Gott vorzustellen und fragte mich, was das wohl für Sünden waren, die mein sonst immer so korrekter Großvater nicht ahndete. Das Nachtgeflüster meiner Mutter stellte mich häufig vor solche Rätsel. Manchmal gelang es mir im Nachhinein, mir einen Reim darauf zu machen. Einige der Geschichten, die sie mir zuraunte, kamen mir sogar so real vor, als wären es gar nicht ihre Erlebnisse, sondern meine. Doch in dieser Nacht sah ich nur ein einziges Bild, das letztendlich genauso leblos blieb wie die Fotos in unseren Familienalben, zu dem Großvater, den ich kannte, schien es nicht zu passen. Und trotzdem konnte ich dieses Bild auch Jahrzehnte später noch heraufbeschwören, fast so, als hätte ich es tatsächlich gesehen: einen Mann im Talar auf einem Friedhof im Schnee, die Arme zum Segen der Selbstmörder erhoben, wie eine riesige, traurige Krähe.

 

Du sollst nicht töten. Das fünfte Gebot. Hatte meine Mutter daran gedacht, als sie unaufhaltsam auf die Scheinwerfer des anderen Wagens zuraste? Oder dachte sie nur an Ivo? Ich wollte das nicht herausfinden müssen. Ich wollte überhaupt nicht hier in diesem Flugzeug sein. Ich wollte mein Leben leben, dieses Leben, das ich mir aufgebaut hatte. Nicht so, wie ich das mal erträumt hatte, bei Weitem nicht so wild oder bedeutsam, aber doch meins.
Das Fahrgestell rumpelte. Die Boeing sank immer schneller, schneeverkrustete Dächer und Straßenzüge kamen in Sicht, Kasernen, und kurz darauf rollten wir über die Landebahn und zum Terminal. Berlin-Tegel. Wie ein einziger Organismus gerieten die Passagiere um mich herum in Bewegung. Ich schob meinen iPod in die Jackentasche, zwang mich, meine Jacke anzuziehen und aufzustehen. Ich hatte den iPod während des zehnstündigen Flugs nicht benutzt, ich hatte auch nicht gelesen, ich war nicht einmal für eine Minute eingenickt, trotzdem fühlte ich mich, als könnte ich nie wieder schlafen.

 

___

 

Theodor, 1915

 

Am letzten Abend gehen sie noch einmal in den Wald. Ohne das zu verabreden oder auch nur zu überlegen, lenken sie ihre Schritte auf den vertrauten Weg. Die sandige Birkenallee hinunter, an den Koppeln von Bauer Henning vorbei bis zum Ufer der Warnow, dann bei der Eiche auf den Trampelpfad. September schon. Ein Jahr Krieg ist vergangen, aber hier in Mecklenburg haben sie das kaum bemerkt. Eine schwere, goldene Reife ruht auf dem Land. Der Geruch gärenden Fallobsts mischt sich mit dem Rauch der Kartoffelkrautfeuer. An diesem Morgen sind die ersten Kraniche auf dem Feld hinter dem Pfarrhaus gelandet. Schreiend und flügelschlagend und ohne die Menschen zu beachten, vollführen sie ihren komplizierten Tanz.
Sie sind zu früh dran, hat die Mutter gesagt. Ganz leise, wie zu sich selbst. Aber er hat es doch gehört, und einen Augenblick lang schnürte ihm etwas die Kehle zu, als brächten die albern herumhüpfenden Zugvögel Unheil.
Der Uferpfad schwingt hinauf in einen Buchenwald und löst sich für einige Hundert Meter vom Fluss, dann, nach der nächsten Biegung, sehen sie schon ihren Angelplatz. Viel zu schnell haben sie den heute erreicht, auch Richard scheint so zu empfinden. Tagelang hat er vor Euphorie über sein bevorstehendes Abenteuer nur so gesprüht, hat am Sonntag das größte Stück Fleisch bekommen und beim Frühstück eine Extraportion Marmelade, aber nun macht er keinerlei Anstalten, sich seinen Lieblingsplatz auf dem Baumstamm zu sichern.
»Was ist los, Rick, hast du Angst, du holst dir nasse Füße?«
Richard antwortet nicht, steht auf einmal so reglos wie am Morgen die Mutter.
»He!« Theodor boxt seinen Bruder in die Seite.
Das löst Richard aus seiner Erstarrung. Blitzschnell weicht er aus und zieht Theodor mit seinen langen, sehnigen Armen in den Schwitzkasten. Und fast gelingt ihm das auch, aber nur fast, denn Theodor krümmt sich reflexartig zusammen und angelt mit der Ferse nach Richards Wade. Er fühlt, wie sein Bruder die Muskeln anspannt und noch fester zupackt, er riecht seine Haut. Alles vertraut, alles schon tausendmal durchexerziert. Körper an Körper verharren sie so für ein paar Sekunden, dann schafft Richard es doch wieder, ihn zu Boden zu ringen.
»Frieden?« Er hält Theodor die Hand hin, grinst auf ihn herunter.
»Vorerst!« Theodor schlägt ein und lässt sich hochziehen. »Aber wenn du Weihnachten wiederkommst, mach dich auf was gefasst.«
»Das werden wir ja sehen.«
»Ich werde trainieren und esse für zwei!«
»Oh, ich zittere jetzt schon.«
Sie klettern zur Warnow herunter und hocken sich nebeneinander auf den Baumstamm. Lässig kramt Richard ein Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche.
»Wo hast du die denn her?«
»Wenn ich doch jetzt Soldat bin.«
Sie rauchen schweigend, während das Abendrot in der Warnow verglüht, schauen zu, wie die Fische nach Luft schnappen, sehen ihren Kippen nach, die allmählich stromabwärts treiben. Woher wissen die Fische, dass sie die Zigarettenstummel nicht fressen können? Wieso ist er mit fünfzehn noch zu jung, für Gott und den Kaiser in den Krieg zu ziehen? Inzwischen ist er fast genauso stark wie sein Bruder und die Schule kann warten.
»Du musst daheim die Stellung halten, Dorl«, sagt Richard, als könne er diese Gedanken lesen. »Solange ich weg bin, trägst du die Verantwortung für die Geschwister.«
Schräg gegenüber bewegt sich etwas. Ein Reh tritt aus dem Dunkel der Bäume und wittert. Aber der Wind steht wohl falsch, denn es bemerkt sie nicht. Ganz ruhig, völlig furchtlos schreitet es ans Wasser, neigt den samtenen Kopf und beginnt zu trinken. Als wären wir gar nicht hier, denkt Theodor plötzlich. Als ob es uns gar nicht gäbe.

 

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