Warum Stuttgart zum Mörder machen kann
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von


Warum Stuttgart zum Mörder machen kann

Interview mit Heinrich Steinfest zu »Wo die Löwen weinen«

Warum ein Krimi über Stuttgart 21 - hat Deutschland darauf gewartet?
Heinrich Steinfest: Ich weiß nicht, auf was Deutschland alles wartet. Aber dieses Thema ist eines von zeitgeschichtlicher Relevanz. Wie relevant, wird man sehen, wenn hier erst richtig zum Bauen begonnen wird. Objekte wie dieser Flughafen in Berlin und dieses Konzerthäuschen in Hamburg und diese Vergnügungsbuden am Nürburgring werden dann als Marginalien erscheinen.

Warum ist S 21 einen Mord wert - was macht das Projekt zum guten Krimistoff?
Heinrich Steinfest: Seine Giftigkeit. Das ganze Projekt war von Anfang an vergiftet und seinerseits giftig, also seinerseits fähig und willig, auch den Rest der Stadt zu kontaminieren. Nur, dass die zuständigen Damen und Herren dachten, dass das sowieso kein Schwein kümmern wird, solange das narkotisierende Wort »Arbeitsplätze« sich wie ein Nebel über die Dinge legt. Stimmt, die Volksabstimmung hat die betäubende Kraft dieses Wortes bestätigt. Allerdings sind im Zuge dessen nicht wenige Menschen auch immun gegen das Zauberwörtchen geworden.

Sie sind selbst einer der prominentesten Gegner von S 21. Im Roman machen Sie aus Ihrer Ablehnung des Projekts, seiner Betreiber und der politischen Elite keinen Hehl - ist das Buch auch eine persönliche Abrechnung?
Heinriche Steinfest: Es ist der Versuch, auf eine persönlich erlebte Situation literarisch zu reagieren. Aus der Nähe heraus. Weniger Fernrohr, mehr Mikroskop. Dabei ist meine »Einseitigkeit« ein stilistisches Mittel, das mir in diesem Fall wirkungsvoller und adäquater erschien, als so zu tun, als könnte man von einer behaupteten Aussichtsplattform aus ein objektives Bild schaffen und dabei alle irgendwie verstehen. Offen gesagt: Meine Sympathie für die Gauner hält sich in Grenzen.

»Die Verwandlung der Stuttgarter Bürger hat mich sehr beeindruckt«

Das Buch ist nicht nur ein Kriminalroman, sondern vor allem eine Gesellschaftssatire, in der vor allem die Politiker nicht gut wegkommen... Warum war Ihnen das so wichtig?
Heinrich Steinfest: Die Frage ist, was ist ein Politiker? Ein Klischee, das sich selbst erfüllt? Eine Hülse, in die sich jemand begibt? Eine Puppe, in die abwechselnd verschiedene Individuen schlüpfen? Ganz falsch scheine ich ja nicht zu liegen, wenn ich in meinem Roman den damaligen Ministerpräsidenten als einen Mann »von der Schönheit einer Dorischen Säule, mit der ein Unglück geschehen ist« beschreibe. Das »Unglück« dieses Mannes ist nun im Zuge der EnBW-Affäre vollends offenkundig geworden. Hätte jemand das Verhältnis Bankmensch – Politiker so beschrieben, wie es tatsächlich war, hätte es wieder geheißen: Was für eine Übertreibung!

Sie leben als Autor und bildender Künstler in Stuttgart. Was macht die Stadt für Sie so besonders, so inspirierend? Oder teilen Sie die Hassliebe Ihres Protagonisten Kommissar Rosenblüt gegenüber Stuttgart?
Heinrich Steinfest: Anfangs war es das allgemeine Unterschätztwerden dieser Stadt, der es an theatralischen Aspekten mangelt, die aber den Reiz all jener Personen besitzt, die bei näherer Betrachtung immer hübscher werden (während es Städte gibt, die quasi nur im touristischen Vorübergehen attraktiv sind). Natürlich hat die Verwandlung mancher Stuttgarter Bürger angesichts der S 21-Tragikomödie mich sehr beeindruckt. Es war und ist für ein latent korruptes System überaus wichtig, ja lebenswichtig, diese Bürgerbewegung kleinzukriegen und kleinzureden, zu bagatellisieren, zu pulverisieren. Na, mal sehen, ob sich dieses Pulver wieder zu einer Arzneiform verfestigt und der Bürger sich selbst heilt.

Hat S 21 die politische Kultur in Stuttgart, ja die Stadt selbst verändert?
Heinrich Steinfest: Wo wurde und wird mehr politisiert als in dieser Stadt? Ich bin ja auch hin und wieder woanders und kenne nichts Vergleichbares. Klar, der Politik wäre lieber: Hände Falten, Goschen halten. Brot und Spiele und jeden Tag zwei Events scheint ihr Rezept zu sein.

»Bei meinen Figuren bin ich mir nie sicher, ob sie mal wieder auftauchen werden«

Sind die Bildungswutbürger, wie Sie die S 21-Gegner nennen, die besseren Demonstranten?
Heinrich Steinfest: Na, sie haben, zumindest phasenweise, eine ganz neue Demonstrationskultur eingeführt. Nicht bloß laut sein (was ich eher lächerlich finde), sondern eben mit dem Wissen und der Bildung bewaffnet. Architekturgeschichte, Verkehrswissenschaft, Landesgeschichte, Finanzwesen, Rhetorik – und nicht bloß die gestreckte Faust und ein diffuses Gefühl von Ungerechtigkeit. Klar, nicht wenige dieser Leute kamen und kommen mit der Attitüde des Besserwissers daher. Fakt ist allerdings auch, dass sie's besser wissen. Sag ich mal, als notorischer Besserwisser.

Der Leser erlebt S 21 aus drei Perspektiven: aus der des Kommissars Rosenblüt, der des Möchtegern-Attentäters Tobik und der des Archäologen Wolf Mach. Mit wem identifizieren Sie sich am meisten?
Heinrich Steinfest: Nun, Wolf Mach, der Wiener, der nicht mehr in Wien ist, entspricht wohl am ehesten meiner eigenen Person. Nicht zuletzt seine Leidenschaft, mit der er nach und nach den »tieferen Sinn« dieser Parkanlage im Herzen der Stadt erkennt.

Sie haben mit Kommissar Rosenblüt einen neuen Ermittler eingeführt - ein Anti-Beamter, Genussmensch, Frauentyp, Pragmatiker und Cineast. Ein perfekter Serienheld - darf er in Serie gehen?
Heinrich Steinfest: Bei meinen Figuren bin ich mir nie sicher, ob sie mal wieder auftauchen werden oder nicht. Markus Cheng war nie als Seriencharakter gedacht, Lilli Steinbeck ebenso wenig, und auch den Hund Lauscher hatte ich nicht als fortwährenden »Helden« konzipiert (in »Wo die Löwen weinen« tritt er als Wiedergeborener auf). Denn selbst, wenn ein Schriftsteller jemanden sterben lässt, gleich ob Hund oder Mensch, kann der Leser sich nicht darauf verlassen, ob es dabei auch bleiben wird.


Blick ins Buch
Wo die Löwen weinenWo die Löwen weinen

Kriminalroman

Stuttgart, anno 2010: Ein Archäologe wittert die große Chance bei Probebohrungen im Schlossgarten. Einen Durchschnittsbürger macht die Wut über die Mächtigen zum Scharfrichter. Ein Münchner Kommissar kehrt – widerwillig, aber auf der Spur eines heiklen Falles – in seine schwäbische Heimatstadt zurück. Und ein rätselhafter Hund, der eigentlich nur sitzen kann. Sie alle führt das Schicksal mitten in die Bodenlosigkeit eines umkämpften Großprojekts …
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Vorspann:
Die Dinge, Tiere, Personen und ihre Handlungen

 

Die Hauptmänner

 

Rosenblüt, der Kommissar. Ein in die Jahre gekommener Robert Redford und elitärer Kriminalist, der dem lieben Gott versprochen hat, nie wieder nach Stuttgart zu reisen. – Versprechen kommen in die Welt, um gebrochen zu werden.

 

Hans Tobik, der Stuttgartforscher. Ein Mann, der den Mächtigen die Angst zurückbringen möchte, auf daß sie sich wieder in Menschen verwandeln.

 

Wolf Mach, der Archäologe. Mach ist der Österreicher, denn für jede Geschichte braucht es einen Österreicher. Der Österreicher symbolisiert das Leben und den Tod.

 

Kepler, der Hund. Vermutlich die Reinkarnation des Mischlingsrüden Lauscher, der einst den Detektiv Cheng begleitete. Dieser Kepler begleitet nun Rosenblüt. Wie Lauscher ist er, weil völlig untierisch, das perfekte Tier: philosophisch – ohne ein Wort zu sagen, ohne ein Zeichen zu setzen, ohne auch nur mit dem Schwanz zu wedeln, philosophisch dank purer Anwesenheit.

 

Die Hauptfrauen

 

Alicia Kingsley, Wolf Machs Aufpasserin. Ein lebendig gewordener Panzer von polarer Schönheit. Höchstwahrscheinlich englisch, höchstwahrscheinlich Androide. Jedenfalls gefährlich. Gefährlich für wen, das ist die Frage.

 

Teska Landau, Kriminalhauptmeisterin, Rosenblüts Assistentin. Eine kleine, blasse Person, die eine neue Stuttgarter Leidenschaft kultiviert: Courage. Und zwar eine kluge Courage.

 

Der Schloßgarten-Mechanismus, ein vorchristliches Artefakt.

 

Eine schlafende Maschine. Steckt unverrückbar in der Erde.

 

Die Nebenmänner

 

Felix Palatin, wie Kingsley womöglich Androide, aber keiner von der netten Sorte. Von der Stadt Stuttgart beauftragt, das Entfernen der schlafenden Maschine zu überwachen und die Dinge nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. – Aber welche Dinge halten schon am System der Ruder fest?

 

Lynch, Türke in München. Cineast und elitär wie Rosenblüt. Förderer einer Hip-Hop-Band. Vermittler krummer Geschäfte, die sowieso nie ein Ruder gesehen haben.

 

Sami Aydin, Lynchs Cousin in Stuttgart-Bad Cannstatt. Nicht minder elitär. Macht den Eindruck, trotz seiner Jugend genauso alt wie Cannstatt zu sein, Cannstatter Urgestein im eigentlichen Sinne. Logischerweise Waffenhändler.

 

Doktor Thiel, Rosenblüts ehemaliger Mitarbeiter in Stuttgart, dort jetzt Dezernatsleiter für Organisierte Kriminalität. Zyniker, aber reinen Herzens. Holt Rosenblüt zurück in die Landeshauptstadt, wie um einen Giftpfeil ins Herz der finsteren Mächte zu schießen.

 

Doktor Gotthard Fabian, emeritierter Professor der Geologie in Stuttgart. Haupt der Burschenschaft der Adiuncten – unnahbar, grandios, verdächtig. Ein Lodenanzug, ein Mann.

 

Doktor Christoph Uhl, Professor der Geologie in München. Der Überfall auf seinen Sohn Martin ruft Rosenblüt auf den Plan. Der Überfall ist die Wunde, die bis nach Stuttgart aufreißt und nicht zu bluten aufhört.

 

Die Nebenfrauen

 

Aneko Tomita, Rosenblüts Lebensgefährtin. Japanerin in München. Fotografin. Zeichnet sich durch die maskuline Eigenschaft aus, ständig unterwegs zu sein.

 

Doktor Ursula Procher, Rosenblüts Chefin als Leiterin des Kriminalfachdezernats 1 in München. Eine Frau, die auf ihre Zehen aufpaßt.

 

Die Unerklärlichen

 

„Ratcliffe“ (auch „York“), der Projektsprecher von Stuttgart 21. Ist niemals in dieser Geschichte sichtbar und dennoch das Ziel von Spott und Verachtung. Nicht zuletzt das Ziel einer Kugel.

 

Die weinenden Löwen, fünf an der Zahl. In deren Zentrum befindet sich der „Gott aus der Maschine“, der Deus ex machina der Geschichte. Dieser besitzt eine frappante Ähnlichkeit mit dem Schloßgarten-Mechanismus.

 

Die Stuttgart-21-Betreiber, darunter Stuttgarts politische Elite, die gerne das Herz der Stadt in Schutt und Asche legen würde mit dem nicht ganz unrichtigen Argument, es handle sich dabei um ein Infrastrukturprojekt. Eine Elite, die zudem bemüht ist, Gott in Schutt und Asche zu legen, auch wenn das kein Infrastrukturprojekt ist.

 

Teil I

 

Schächte! Warum sind es immer Schächte?
Sigourney Weaver in Dean Parisots Film Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall

 

Was soll denn das hier? Ich versteh überhaupt nicht,
für welchen Zweck da so ein Haufen stampfender,
krachender Dinger mitten im Weg steht.
Ich meine, dafür gibt es keinen vernünftigen Grund.
Das ist überhaupt nicht logisch. Wieso ist das da?

 

Nochmals Sigourney Weaver im selben Film, konfrontiert mit einer zwar funktionslosen,
jedoch mit lebensgefährlichen Elementen ausgestatteten Tunnelröhre

 

Der Autor, der diese Folge geschrieben hat,
sollte selbst da durch.

 

Abermals Sigourney Weaver nach der aufreibenden Überwindung jener Röhre

 

1Tränen

 

Ein erster warmer Strahl traf sein Gesicht. Ihm kam vor, als tippe ein Geist ihm gegen die Stirn, nicht unfreundlich, nicht aggressiv, sondern in der Weise, mit der man ein Aschenkreuz auf die Stirn gemalt bekommt. Gewiß, die Fastenzeit war längst vorbei, der Juni ging zu Ende, und ein heftiger Sommer – eine Entzündung von Sommer, eine lepröse Hitze – bestimmte das Leben der Stadt. Doch anstatt sich zu verstecken, strömten die Leute nach draußen, freilich wenige so früh wie er. Er liebte die Zeit der Morgendämmerung, wenn das Licht im Zweifel war und die Welt menschenleer.
Er war mit seinen fünfzehn Jahren ein wenig ein Misanthrop, aber keiner von der schlimmen Sorte. In seinem Köpfchen spukten keinerlei Gewaltphantasien, er war kein Außenseiter, kein Waffenfreak, er war bloß von schwächlicher Statur. Der Umstand einer frühen Geburt hatte sich über die ganze Zeit erhalten, nicht nur körperlich, auch geistig. Allerdings war er kein Depperl, sondern ein guter Schüler und höchst talentierter Schachspieler. Trotzdem – er empfand so vieles in seinem Leben als eine Verspätung. Und als einen Ausdruck falscher Verortung. Im Brutkasten statt im Bauch zu sein. Wenn er seine Mutter sah, ihre energische, vitale Art, mit der sie alles und jeden organisierte, dann wurde er das Gefühl nicht los, sie habe ihn mit Absicht so früh in die Welt entlassen, um eben diesen Bauch loszuwerden, diese Behinderung beim Organisieren. Natürlich ließ er seine Mutter dies nicht fühlen und glaubte auch gar nicht, diese gänzlich fremde „liebe Frau“ aus der Fassung bringen zu können. Er war der Sohn, sie die Mutter, mehr war da nicht zu sagen.
In erster Linie kam er so früh an die Isar, um Sport zu treiben. Nicht, daß er ein großer Freund der Körperertüchtigung war, aber er erkannte angesichts seiner knöchernen Gestalt die Notwendigkeit, Muskeln auszubilden, wenn die Muskeln schon nicht von selbst kamen. Er verhielt sich in dieser Hinsicht durchaus pragmatisch. Er war zu klein, und er war zu dünn. Ersteres mußte er dem lieben Gott überlassen, zweiteres konnte er selbst in die Hand nehmen. Und tat es eben, verzichtete jedoch auf eins dieser Studios in der Art von Hamsterställen. Da war es ihm lieber, seinen Wecker auf halb fünf zu stellen, in den Trainingsanzug zu schlüpfen und über die Brücke und hinunter zum Fluß zu laufen, den er bei sich immer nur das „Tiroler Wasser“ nannte. Er fühlte sich auf eine irrationale Weise mit dem österreichischen Ursprung der Isar verbunden, als sei dort die Welt besser. Kein Wunder, daß ihm der Ausdruck „heiliges Land Tirol“ gefiel. Allerdings war er noch nie in diesem heiligen Land gewesen. Er dachte manchmal, daß er dorthin zum Sterben gehen würde. Vielleicht stand Tirol für den Mutterbauch, den er zu früh hatte verlassen müssen.
Vor dem Sterben aber ist das Leben und sind die Liegestütze. Er kniete sich auf den noch kühlen, feuchten Boden, atmete mehrmals kräftig durch und ging dann in Parallelposition zur Erde. Zehn Stück, saubere zehn Stück, das mußte er hinbekommen. Bei jedem Abwärts-tauchen küßte er das Gras, verharrte einen Moment im Kuß und im Anhalten der Luft, bevor er sich kräftig ausatmend nach oben stieß. Ein Schmerz zog sich durch seine Arme. Jener Schmerz, der Muskeln produzierte. Also war es gut so.
Was nicht so gut war, war der plötzliche Druck auf seinen Schulterblättern. Seine Arme knickten ein, und sein Gesicht tauchte ins Gras. Zum Küssen kam er nicht mehr, statt dessen schmeckte er die Erde. Da unten war es noch tiefe Nacht. Einen Moment dachte er, etwas in der Art eines plötzlichen Herztodes hätte ihn ereilt als Strafe dafür, dümmliche Gymnastik zu betreiben. Aber er lebte. Jemand nannte ihnschwul. Jemand befahl ihm, sich umzudrehen. Er drehte sich um. Über ihm waren mehrere Gesichter, zinnoberrot im Licht der über München aufgegangenen Sonne.
Das war jetzt der Moment, da er sich wünschte, viel früher in seinem Leben mit dem Krafttraining begonnen zu haben. Wobei sehr fraglich war, ob eine noch so intensive Liegestützerei geholfen hätte, es mit diesen Gestalten aufzunehmen: fünf Burschen, junge Türken, die ärmellose Shirts trugen, damit man ihre Oberarme besser sehen konnte. Schöne Oberarme, geradezu poliert, braun, glänzend, Bronze im warmen Schein, heldische Gestalten, mit denen etwas ordentlich schiefgelaufen war. Auch die Silberkettchen und die Sonnenbrillen glänzten. Eine Gangstertruppe wie aus dem Bilderbuch von MTV, als würden sie gleich zu tanzen anfangen. Aber sie tanzten nicht, sondern redeten im Klang jener Sprache, die aus einem Rasenmäher zu kommen schien. Eine Sprache im latenten Zustand der Selbstverarschung. Die Jungs, aus deren stark verzogenen Mündern Worte wie „Arschnloch“ und „Scheißndreck“ behende schlüpften, vermittelten den Zustand einer zur Gänze materialisierten Karikatur. Und genau darin bestand ja ihre Macht: kein Theaterstück zu sein, keine Überhöhung, keine auf ein Blatt Papier gezeichnete Überzeichnung, kein Videoclip, sondern leibhaftig. Die Karikatur in Fleisch und Blut und Kult. Allerdings doch um einiges kunstvoller und verspielter, als ihre Freunde, die Neonazis, das hinbekamen. Was nun für Martin, der da im Gras lag und das Zittern seiner Beine nicht unter Kontrolle bekam, wenig von Bedeutung war: der gewisse Reiz dieser Selbstverarschung mittels eines Soziolekts. Er verstand kaum etwas von dem, was man ihm entgegenspuckte, zu rasch wurden die von sch-Lauten dominierten Salven abgeschossen. Aber wahrscheinlich sollte er sowieso nichts verstehen, das Bedrohliche ergab sich aus dem Geheul eben jenes Rasenmähers.
Das war tatsächlich der springende Punkt: wie sehr nämlich die Würde dieser Stänkerer und Schläger daraus erwuchs, beim anderen – dem „Bastard“, der „Mißgeburt“ – Angst hervorzurufen. Auf diese Weise bekamen sie den Respekt gezollt, den ihnen die Integrationsbeamten nicht hatten verschaffen können. Nur, daß der Respekt nicht ihrer orientalischen Aura galt, sondern dem Messer, das da aus ihrer Sprache ragte, genauer: dem Messer aus der Tasche. Dem Mörderblick, der Breitbeinigkeit, dem Kriegsschmuck. Ja, sie waren Krieger in einem ganz unheiligen Krieg, krasse Krieger, im Sinne der Verwandtschaft von kraß und gräßlich. Wenn sie sich gegenseitig fragten „Was geht ab, ey?“, dann hätte man das eigentlich wörtlich nehmen müssen. In der Tat ging ihnen etwas ab. Denn der Krieger, jeder Krieger, entwickelt sich aus einem Defizit, einer Lücke. Immer dort, wo ein Vakuum entsteht, ein Loch, eine Spalte, keimt der Krieger hoch.
Die anderen Jungs, die, welche so offenkundig deutsch aussahen, sollten sich fürchten. Davor fürchten, blöd in der Straßenbahn herumzustehen und in die falsche Richtung zu glotzen. Wobei mit „den“ Deutschen gar nicht die mit den Springerstiefeln gemeint waren, die ja derselben Gattung angehörten und bloß eine andere Varietät der Respekt-durch-Angst-Gruppe darstellten. Martin hingegen war ein braver Junge mit Rehaugen, „so ’n Spasti aus Villaville“, keiner von der Straße, sondern aus begütertem Haus: blaß, mit dünnen, blonden Haaren, androgyn, im Nobelghetto beheimatet, in den Privatschulen, dem Klavierunterricht, der Fürsorglichkeit putzfrauengeputzter Badezimmer.
Martin war in eine Elite eingesperrt, ohne dafür aber ein echtes Bewußtsein zu besitzen. Er verfügte im Grunde über keine Sprache, mit der er sich identifizierte, außer der Sprache des Schachspiels. Doch wer verstand die schon? Ein paar ältere Herren, mit denen er sich im Park traf, ein paar Leute, mit denen er über das Netz Kontakt hatte, aber bereits seine Eltern wußten nicht, was er meinte, wenn er eine bestimmte Lebenssituation mit der Robatsch-Verteidigung verglich. Ganz klar, dieses Schachzeug war nicht ihre Idee gewesen. Für sie war Schach wie Lyrik, beides ganz okay, da partikelhafter Teil einer höheren Bildung, jedoch nichts, mit dem man Furore machen konnte, wurde man nicht Schachweltmeister oder Büchnerpreisträger. Wobei seine Eltern im Grunde auch auf einen Büchnerpreisträger verzichten konnten, weil man das ja nur einmal wurde.
„Arsch hoch, Schwuchtelgoi!“ sagte der, der hier der Anführer zu sein schien und eine Spur älter wirkte, vielleicht siebzehnjährig.
Goi? Martin war irritiert. Hatte er sich verhört? Wie kam ausgerechnet ein Türkenjunge dazu, ihn einen Goi zu schimpfen? Nun, er war ja auch einer, dennoch ... Die fünf Kerle traten jetzt nahe an ihn heran, er spürte ihren Atem, stand da wie in einem warmen Gebläse. Einer griff ihm in die Seitentasche seiner Laufweste und zog das Handy heraus, ein anderer das kleine Portemonnaie mit Ausweis und etwas Geld darin und dem Schlüssel zur Wohnung.
„Lachscht du, du Penner? Willscht du was aufs Maul?“
Nein, er hatte ganz sicher nicht gelacht. Dennoch senkte er den Blick, starrte hinunter auf den Boden und dachte: „Verdammt, ich will mich nicht anpissen.“ Das war seine Angst: die Kontrolle über seine Blase zu verlieren. Nicht, weil ihm das schon mal passiert war, aber er war ja auch noch nie in einer derartigen Situation gewesen.
Als hätte einer von den Türkenjungs genau das vermutet, genau diese konkrete Angst vor einer Selbstverstümmelung mittels ungewollten Harnlassens durchschaut, wies er Martin an, sich auszuziehen. Martin rührte sich nicht. Ein anderer, der bisher im Hintergrund geblieben war, mischte sich ein. Mit Ruhe in der Stimme, einem fast wehmütigen Klang, frei vom Rasenmäherton der anderen, meinte er: „Komm, Goi, bring’s hinter dich, is’ ja nicht zu ändern.“
Doch Martin verharrte in seiner Versteinerung. Er war jetzt bereit, sich Schmerzen zufügen zu lassen. Lieber das, als sich nackt ausziehen. Er sagte: „Nein.“ Er sagte es in der gleichen Weise, mit der man in aussichtsloser Position ein Remis anbietet in der Hoffnung, der Gegner sei zu faul oder zu müde für ein anstrengendes Endspiel.
Aber das hier war ja nicht anstrengend, nicht für die Jungs, die nun begannen, Martin zu stoßen, gar nicht heftig, ein lässiges Anrempeln bloß.
„Ey, schieb mal den Wecker rüber!“ rief einer. Er meinte die Armbanduhr.
„Nein“, wiederholte Martin leise, tonlos. Das war jetzt kein Remis mehr, was er anbot. Er bot an, sich köpfen zu lassen. Seine Stimme war dünnes Papier, über das der Wind pfiff, der die Buchstaben verwehte.
Einer kam von hinten und legte seinen Arm um Martins Hals. Er zog die Armschlinge zu. Zwei andere fixierten den Oberkörper und drückten ihre Knie gegen Martins Schenkel, während ein dritter die Uhr vom Handgelenk löste. Eine schöne Uhr, die sein Großvater Martin geschenkt hatte. Seine Mutter hatte ihm geraten, die Uhr nicht zu tragen. Aber eine Uhr nicht zu tragen, war ihm so komisch erschienen wie die Leute, die Brot kaufen, um dann die Rinde wegzuschneiden.
Der letzte näherte sich, der mit dem ruhigen Tonfall, kniete sich vor Martin hin und ging daran, die Schnürsenkel seiner Sportschuhe zu öffnen. Er tat auch dies erstaunlich behutsam, kontrolliert, als wollte er Martin nicht verletzen. Vielleicht schonte er aber auch nur die Schuhe. Jedenfalls entfernte er ein Kleidungsstück nach dem anderen von Martins erstarrtem Körper. Es glich einem Zauberkunststück, wie er die Schuhe, Socken und Trainingshose von diesem menschlichen Fossil löste. Es war, als schäle er eine Orange. Wozu gleichermaßen gehörte, daß er mit einem Messer Martins Sweater von unten nach oben aufschnitt. Auch dies bedächtig, sorgsam, geometrisch. Auf die gleiche Weise entfernte er abschließend noch die Boxershorts, fügte alle Teile zu einem Pakken zusammen und schmiß ihn in hohem Bogen in die Isar.
Von fern sah Martin einen Jogger. Aber er war zu weit weg. Und Schreien ging nicht.
Nach einer Weile wurde er losgelassen, die Angreifer traten zur Seite. Martin war nun völlig nackt. Der Orangenschäler hob sein Messer an, richtete es auf Martins kleines Glied und bemerkte: „Oh fick dich, Mann, der is’ schon beschnitten!“
Alle fünf lachten. Einer erklärte, Martin habe ein Scheißglück, seine Vorhaut bereits los zu sein. Da könne man sich das sparen. Schade drum. Ein anderer meinte was von wegen „dann schneid dem Spasti halt ganze Schwanz runter“. Woraufhin sie sich in einer Weise angrinsten, in welcher der Ernst und der Spaß sich verschränkten und es für das Opfer keine Möglichkeit gab, die beiden auseinanderzuhalten. Das Grinsen der fünf glühte kreiselnd. Doch gleich darauf, mit einer unerwarteten Plötzlichkeit, wandten sie sich um und gingen.
Es war kaum anzunehmen, daß sie ernsthaft vorgehabt hatten, eine spontane Zirkumzision vorzunehmen. Es war allein um die Demütigung gegangen, eine Demütigung, die sich jetzt fortsetzte, indem Martin frierend und nackt im Gras stand, minutenlang unfähig sich zu bewegen, völlig in seiner Scham eingeschlossen. Die so lange zurückgehaltenen Tränen flossen nun rasch. Gläserne Perlen, wie auf diesem Foto von Man Ray, schmerzhaft groß, Tränen, die beim Rinnen ein rollendes Geräusch verursachten. Tonnen von Tränen. Lauter als das Schluchzen aus dem Mund. Er empfand eine große Leere dort, wo einst seine Armbanduhr gewesen war. Geradezu durchtrennt. Er konnte die Hand kaum noch fühlen. Dafür jedoch den warmen Urin an seinen Beinen. Er wäre jetzt gerne für einen Moment tot gewesen. Fünf oder zehn Minuten. Wie am Ende eines Schachspiels, wenn die Figuren mit einem Handstreich vom Brett befördert werden. Aber das spielte es nicht. Der Tod verschenkt keine Zeit.
Kurz darauf wurde er von zwei Joggern entdeckt. Sie zogen ihre Jacken aus und hüllten den Jungen ein, dann riefen sie die Polizei.

 

2Ein Lauscher namens Kepler

 

Rosenblüt hatte eigentlich beschlossen gehabt, Stuttgart für immer hinter sich zu lassen. Ein frommer Wunsch! Obgleich einige Jahre ja alles gutgegangen war. Nicht, daß er ein richtiger Freund von München geworden wäre. Die Stadt war ziemlich abhängig vom Wetter beziehungsweise schien sie in einem chamäleonartigen Gleichklang mit dem Wetter zu sein. Lachte die Sonne und strahlte der Himmel, dann auch die Stadt. War das Wetter beschissen, dann München dito. Das war schlimmer als in den anderen Städten, die sich ja oft gegen schlechtes Wetter wenigstens zu wehren versuchten, bemüht waren, sich vom Wetter nicht völlig herunterziehen zu lassen. München aber ... egal. Er war hier gut aufgehoben, bewohnte eine Dachgeschoßwohnung nahe dem Englischen Garten, war mit einer japanischen Fotografin liiert und wurde von den Kollegen im Kriminalfachdezernat 1 respektiert, mitunter sogar geschätzt.

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