Steffen Möller ausgezeichnet
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Steffen Möller erhält Richard von Weizsäcker-Preis

Montag, 27. April 2015 von Piper Verlag


Steffen Möller (“Expedition zu den Polen; Viva Warszawa”) wird mit dem Richard von Weizsäcker-Preis ausgezeichnet.

Für seinen mehr als 20-jährigen Einsatz als »guter Deutscher in Polen« und sein Wirken für das Verständnis zwischen Deutschen und Polen wird der Bestsellerautor, Schauspieler und Kabarettist Steffen Möller mit dem mit 10.000 Euro dotierten Richard-von-Weizsäcker-Preis der Deutschen Nationalstiftung gewürdigt.

»Er hat Deutsche und Polen einander näher gebracht«


Dirk Reimers, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Nationalstiftung

Dirk Reimers, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Nationalstiftung: »Steffen Möller hat mit scharfem Blick, Einfühlungsvermögen und Humor Deutsche und Polen einander näher gebracht. Als einer der bekanntesten Deutschen in Polen repräsentierte er auch in politisch schwierigen Zeiten den sympathischen Deutschen. Auf dem Feld der Kultur konnte er mit Herzenswärme und Witz mehr für das Verständnis tun, als es Berufsdiplomaten im Allgemeinen möglich ist.«


Blick ins Buch
Viva WarszawaViva Warszawa – Polen für Fortgeschrittene

Polen für Fortgeschrittene

»Gäbe es Warschau nicht, wäre ich nicht so lange in Polen geblieben ...« Steffen Möller erzählt von Europas meistunterschätzter Hauptstadt, die ihren Besucher mit offenen Armen empfängt. In der man tagsüber in Liegestühlen am Weichselstrand DJs lauschen und abends die goldene Spitze des Kulturpalastes leuchten sehen kann. Er berichtet von einer Liebesgeschichte mit Hindernissen, von Fettnäpfchen und deutsch-polnischen Missverständnissen sowie von seiner ersten WG mit dem Philosophiestudenten Bolek. Ein Kniefall vor der Metropole der Polen!

1 Eine Legende am Horizont

 

Keine Ahnung, aber voll dagegen

Ein deutscher Freund, den ich nach vielen Jahren endlich zu einem Besuch in Warschau überreden konnte, war so naiv, vorher einer polnischen Bekannten davon zu erzählen. Sie rief beschwörend aus: »Tu das nicht! Warschau ist hektisch, schmutzig und teuer, und zu sehen gibt es da rein gar nichts. Fahr lieber nach Krakau!«

Leider war ich nicht dabei. Ich hätte sie sofort und offensiv gefragt: »Wann warst du denn das letzte Mal in Warschau?« Die Antwort hätte hundertprozentig gelautet: »Äh … 1994 habe ich da meine Cousine vom Flughafen abgeholt.«

Ich kenne kein zweites Land, dessen Bewohner so wenig über ihre eigene Hauptstadt wissen, aber so munter über sie lästern. Begonnen hat die große Antipathie gleich nach dem Krieg: Polen wurde von moskauhörigen Kommunisten übernommen, Warschau war die Zentrale der Bonzen, sozusagen Klein-Moskau. Hinzu kam, dass alle Ressourcen des Landes in den Wiederaufbau der zerstörten Stadt gingen, während das restliche Land darbte.

Auch die Wende von 1989 änderte an diesem Image nur wenig. Polen wurde von einem brutalen Turbokapitalismus überrollt – und Warschau war mal wieder die Brutstätte des Bösen, sozusagen Klein-Gotham. Erst die unübersehbaren Verschönerungen im Zuge der Fußball-EM 2012 lassen das Negativimage Warschaus in Polen langsam bröckeln. Allerdings haben viele im Ausland lebende Polen davon noch nichts mitgekriegt. Für sie ist Warschau immer noch ein grauer Moloch knapp vor der weißrussischen Grenze. Kurz und schlecht: Polens 38 Millionen Einwohner zerfallen seit Jahrzehnten in zwei Millionen Warschauer und 36 Millionen Anti-Warschauer.

Zugegeben, auch für mich war Krakau die erste Liebe. Krakau ist wunderschön – ja, ja, ja! Aber gleich danach sollte man einen Besuch in Warschau einplanen. Für Krakau genügen zwei Tage, für Warschau braucht man … also, bei mir sind’s jetzt schon zwanzig Jahre. Krakau ist eine verzauberte Märchenwelt, die im Krieg wie durch ein Wunder nicht zerstört wurde. Warschau steht für die blutige Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, aber vor allem für die Gegenwart, für das erstaunliche Wirtschaftswunder nach 1989 mit allen seinen Begleiterscheinungen. Dazu kommen die sehr spezifischen Hauptstadtbewohner, die – im Unterschied zu den Krakauern – an einem sympathischen Minderwertigkeitskomplex kranken. Das ist eine gerade für Touristen günstige Eigenschaft, die in Europa eine Seltenheit darstellen dürfte: Sind Hauptstädter nicht meistens ungeheuer überzeugt von ihrer Stadt? In Warschau wird man mit offenen Armen empfangen, in Krakau hingegen ist man überall der elftausendste Besucher. Fazit: Krakau ist die Stadt für Polenanfänger, Warschau die Stadt für Fortgeschrittene.

 

Ein Blitzbesuch

Vor Kurzem habe ich am Stuttgarter Hauptbahnhof ein Plakat der Deutschen Bahn gesehen, das Werbung für eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express nach Warschau machte: Tickets ab 29 Euro! Über so viel tapferes Marketing kurz vor der Schweizer Grenze musste ich fast weinen. Ein großer Dank an die Deutsche Bahn! Von allen deutschen Nachbarhauptstädten dürfte Warschau die unbekannteste sein, und zwar nicht nur im Land der Schwaben. In den Medien hört man von Warschau doch eigentlich nur dann, wenn der Bundesaußenminister seinem polnischen Amtskollegen mal wieder einen »Blitzbesuch« abstattet. Und dann denkt sich vermutlich so mancher: Der Minister wird schon wissen, warum er es bei einem Blitzbesuch belässt …

Dabei ist Warschau bloß einen Katzensprung von Berlin entfernt! Sechshundert Kilometer – gerade mal so weit wie nach Köln, nur eben in umgekehrter Richtung. Mit dem Flugzeug dauert die Reise eine Stunde, mit dem Zug knapp sechs. Seit die Autobahn fertiggestellt wurde, kann man auch im eigenen Wagen bequem hinfahren, ohne jede Grenzkontrolle. Wer vormittags am Brandenburger Tor startet, kann sich zum Mittagessen kurz die Posener Altstadt angucken. Zum Kaffeetrinken geht’s weiter nach Łódź, die Zeit reicht lässig für einen Abstecher in der eleganten Einkaufsgalerie »Manufaktura«. Abends sieht man dann die rote Positionslampe des Kulturpalastes über der masowischen Ebene blinken – wenn sie nicht gerade von der Himmelskralle des Libeskind-Wolkenkratzers verdeckt wird. Parken würde ich direkt neben dem Kulturpalast auf einem bewachten Parkplatz, früher übrigens dem Aufmarschgelände der Erster-Mai-Paraden. Und bitte keine Angst vor Autoklau. Die Zahl der Delikte in den letzten zehn Jahren ist um 75 Prozent zurückgegangen. (Und damit das leidige Thema gleich am Anfang abgehakt ist: Die Schuhkette Deichmann, die in Polen mit über 200 Geschäften vertreten ist, verzeichnet hier alljährlich die geringste Ladendiebstahlsquote aller ihrer europäischen Filialen.)

 

Schock auf der Plattform

Der Kulturpalast ist das bekannteste Gebäude Polens und ohne jede Diskussion Europas schönster Wolkenkratzer. Bei seiner Einweihung 1955 war der »Josef-Stalin-Palast der Kultur und der Wissenschaften«, wie er damals noch hieß, das zweithöchste Gebäude des Kontinents, gleich nach dem Eiffelturm. Seine Schönheit kommt vielleicht am besten nachts zur Geltung, wenn der Koloss von Warschau in surrealen Farben angestrahlt wird, die irgendwo zwischen Violett, Grün und Kobaltblau changieren. Eine Sightseeingtour beginnt obligatorisch auf seiner Aussichtsplattform.

Aber Achtung, es ist gar nicht so einfach, den Haupteingang zu finden. Mancher Tourist irrt zuerst um das gesamte riesige Palast-Areal herum, stolpert nacheinander in jedes der vier vorgelagerten Gebäude hinein, findet sich aber entweder in einem Theater, einem Technikmuseum, einer Kongresshalle oder in einem Schwimmbad wieder. Der Haupteingang befindet sich auf der dem Bahnhof abgewandten Seite und wird von zwei überlebensgroßen, sitzenden Skulpturen bewacht. Die eine stellt Nationaldichter Adam Mickiewicz dar, der die polnische Kultur symbolisieren soll, die andere den Astronomen Nikolaus Kopernikus, der in Polen als Pole gilt und für die Wissenschaften steht. Man schreitet einige Treppen hinauf und gelangt zur Kasse für die Aussichtsplattform. Das Ticket kostet zwölf Złoty, also umgerechnet etwa drei Euro. Mit einem Blitzaufzug geht es nach oben, 114 Meter in dreißig Sekunden. Die Aufzugführerin sitzt auf einem Barhocker und ist eine attraktive Frau, die extrem gelangweilt wirkt. Mit leerem Blick starrt sie auf die Knöpfe ihrer Aufzugarmaturen. Sobald man sie jedoch anspricht, zählt sie bereitwillig alle möglichen technischen Details auf, zum Beispiel, dass die Höhe des Kulturpalastes 243 Meter betrage. – Nanu, nicht 230, wie überall angegeben? – Nein, einschließlich Antennenspitze 243 Meter!

Oben angekommen strahlt sie schon über beide Ohren – nach gerade mal dreißig Sekunden! Ja, so schnell kann ein Stimmungsumschwung in Polen gehen, und diese Erfahrung wird man immer wieder machen. Niemals von trüben Gesichtern täuschen lassen, immer unverdrossen den ersten Schritt tun! Die Maske vor dem Gesicht ist postkommunistisches Erbe, viele Leute binden sie sich immer noch um, wenn sie ihre Wohnung verlassen, aber das heißt ja nicht, dass sie es gerne tun. Im Gegenteil: Sie sind jedem dankbar, der ihnen die Maske abzunehmen gestattet – am besten mit Humor. (Vielleicht ist dies ja der Grund dafür, dass man bekannte TV-Schauspieler hier so liebt. In ihrer Gegenwart darf man sich endlich von seiner sympathischen, privaten Seite zeigen.)

Die Aussicht hier oben reicht über die gesamte Stadt und bei gutem Wetter sogar weit hinaus in die masowische Ebene. Doch leider: Von hier oben aus hat sich meines Wissens noch niemand in Warschau verliebt. Das Betonmeer da unten ist nun mal beim besten Willen keine romantische Postkartenidylle, sondern das Ergebnis einer deutschen Radikalzerstörung, aus der anschließend eine Spielwiese des sozialistischen Realismus wurde. In »Viva Polonia« habe ich Warschau zusammen mit Tirana und Bukarest als eine der hässlichsten Städte Europas bezeichnet. Heute muss ich zugeben: Ich bin niemals in Tirana und Bukarest gewesen und möchte deshalb meine ungezählten albanischen und rumänischen Lesern, die mich seit Jahren mit wütenden Mails überschütten, herzlich um Verzeihung bitten. Vermutlich sind Tirana und Bukarest sogar sehr sehenswerte Städte. Sehenswert ist Warschau auch, allerdings bleibt es trotzdem eine hässliche Stadt. Heute würde ich es so formulieren: Von allen hässlichen Städten, die ich kenne, ist Warschau bei Weitem die interessanteste. Vielleicht ist das Leben in hässlichen Städten letzlich ja viel interessanter als in schönen? Das ist der Trost, den ich für meine Gäste hier oben parat habe. Bei mir hat sich das auf jeden Fall bestätigt. Hätte es Warschau nicht gegeben, wäre ich sicherlich nicht zwanzig Jahre in Polen geblieben.

Außerdem kann ich versprechen, dass die Stadt nicht so unattraktiv ist, wie sie von hier oben wirkt. Es gibt sehr schöne Ecken, aber man braucht entweder viel Zeit oder jemanden, der sie einem zeigt. Ansonsten reist man nach zwei Stunden enttäuscht wieder ab. Nicht vom ersten Eindruck irreführen lassen!

Doch sogar von hier oben gibt es noch schöne Ausblicke. Sehr imposant ist zum Beispiel das neue Nationalstadion, das seit der Fußball-EM 2012 auf der anderen Weichselseite steht. Entschuldigung für den nächsten Superlativ – aber es ist für mich das schönste Fußballstadion der Welt. Besonders abends, wenn die weißen und roten Paneele beleuchtet sind und in Wellen hin und her wabern, kann ich nur noch mit meinem polnischen Lieblingslob sagen: Bomba!

 

Mit dem Gasfuß durch die Grenzregion

Die Wandlung Warschaus vom hässlichen Entlein zum halbwegs stolzen Schwan ist so schnell vor sich gegangen, dass sie sich noch nicht mal in Polen herumgesprochen hat, geschweige denn im restlichen Europa. Nach wie vor sehe und höre ich auf Marszałkowska-Straße und Jerozolimskie-Allee keine deutschen, englischen oder französischen Touristengruppen. Der Eurocity von Berlin nach Warschau ist zwar manchmal gut ausgelastet, doch die Reisenden würde ich überwiegend als wagemutige Individualisten, routinierte Geschäftsreisende oder Polen auf Heimaturlaub charakterisieren. Gelegentlich sind Schulklassen oder Rentnergruppen darunter, aber meist wollen sie in Warschau nur umsteigen, um dann weiter nach Krakau oder Masuren zu fahren. Der eingangs erwähnte Freund, der sich von mir nach manchen Jahren und mit mancherlei Tricks tatsächlich nach Warschau locken ließ, wurde in einem Altstadtcafé von der Kellnerin gefragt: »Are you here for business or holidays?« – »For holidays.« – »You are the first one!«

Sicherlich hat die touristische Misere vor allem mit dem Image dieser Stadt zu tun, also mit Assoziationen, die allesamt negativ sind: Warschauer Ghetto, Warschauer Aufstand, Warschauer Pakt. Willy Brandts Kniefall aus dem Jahr 1970 ist vielleicht noch die positivste Assoziation, die man im Kopf hat. (Um ein Haar hätte ich diesem Buch denn auch den Titel gegeben: »Warschau. Ein Kniefall«. Die Sache scheiterte daran, dass ein österreichischer Freund sein Veto einlegte. »Kniefall? Nie gehört. Willy Brandt? Kennt in Österreich niemand!« Ich bekam die Panik. Auf meine österreichischen Leser durfte und wollte ich nicht verzichten. Immerhin habe ich viele Jahre lang beim Warschauer Österreich-Institut in Lohn und Brot gestanden!)

Aber es gibt noch mehr Hindernisse für einen blühenden Tourismus. Warschau muss das immer noch verbesserungsfähige Image Polens ausbaden. Grob gesagt: Man fährt nicht nach Warschau, weil man Angst vor Polen hat. Krakau und Masuren? Das sind positive Ausnahmen … In Frankreich ist es umgekehrt: Paris überstrahlt das ganze Land. Man wird von der Hauptstadt angezogen und guckt sich bei der Gelegenheit auch ein bisschen das Umland an. Frankreich zehrt von Paris – Warschau leidet unter Polen.

Drittens gibt es ein simples geografisches Hindernis: Für einen Schnuppertrip liegt Warschau ein bisschen zu weit von der deutschen Grenze entfernt. Viele Berliner haben sich ja durchaus schon mal gefragt: »Was machen eigentlich unsere östlichen Nachbarn?« Und sind dann losgefahren und haben einen Riesenfehler begangen: Sie beschränkten ihre Entdeckungsfahrten schüchtern auf die westpolnische Grenzregion und erzählten hinterher in Berlin ironisch: »Polen ist grau, aber die Zigarettenstangen sind billig.«

Und da haben sie ja nicht ganz unrecht. Von Stettin bis Görlitz zieht sich auf polnischer Seite ein zehn Kilometer breiter Korridor aus Billigtankstellen, Ramschbasaren und Fernfahrerbordellen entlang. Die Grenzregion, die eigentlich sehr schöne Ecken hat, ist in Deutschland nur als Kulisse für »Polizeiruf 110« bekannt. Mein Ratschlag für Fortgeschrittene, die ihren ersten Polentrip bereits frustriert absolviert haben, lautet daher: bitte noch einen zweiten Versuch riskieren, aber diesmal hinter Frankfurt aufs Gaspedal gehen und erst zwei, drei Stunden später wieder auf die Bremse steigen. So fährt man in Polen übrigens generell Auto.

 

2 Mein Pakt mit Warschau

 

Einfahrt in die Unterwelt

Im April 1993 kam ich zum ersten Mal nach Warschau. Ich hatte mich für eine studentische Konferenz zum 50. Jahrestag des Ghettoaufstands angemeldet. Teilnehmen sollten dreißig Deutsche, dreißig Polen und dreißig Juden aus der ganzen Welt. Die Konferenz kam mir wie gerufen, um Warschau kennenzulernen. Kost und Logis waren gratis, nur die Reisekosten musste ich selbst aufbringen. Meine Nervosität vor der Abfahrt war nicht mehr so groß wie noch einen Monat zuvor, bei meiner ersten Fahrt nach Polen. Sie hatte mich nach Krakau zu einem zweiwöchigen Sprachkurs geführt. Alles war gut gegangen. Zum einen war ich nicht bestohlen worden, zum anderen hatte ich mitbekommen, dass bereits zwei polnische Wörter genügten, um die Einheimischen in Ekstase zu versetzen. Ich konnte »dzień dobry« und »przepraszam« sagen, »guten Tag« und »Entschuldigung«. Das genügte – für Polen und auch für Deutsche. Nach meiner Rückkehr lud ich in Berlin einige Freunde in meine kohlengeheizte Wohnung am Prenzlauer Berg ein und sagte cool: »Dzień dobry przeprzaszam, przepraszam dzień dobry.« Man zog ehrfürchtig die Augenbrauen hoch – kein Wort verstanden! Von nun an galt ich als »Sprachtalent«.

Die Reise zu meiner internationalen Konferenz begann in Lichtenberg, dem östlichsten Berliner Bahnhof. So wie schon einen Monat zuvor bei der Reise nach Krakau bestieg ich auch jetzt wieder große grüne Waggons der polnischen Staatsbahnen PKP, die zu einer Zeit gebaut worden waren, als meine Eltern sich noch nicht kannten. Brav setzte ich mich in das Abteil, das meine Platzkarte mir vorschrieb. (Heute gucke ich gar nicht mehr auf das Ticket, sondern stürme direkt in den Speisewagen durch.) Im Abteil gab es altmodische Polstersitze mit breiten Armlehnen. Solche Eisenbahnsessel hatte ich zuletzt in meiner Kindheit gesehen. Schade, dass es sie in Deutschland nicht mehr gab! Warum eigentlich nicht? Zum ersten Mal bekam ich Zweifel am bundesdeutschen Dauerfortschritt – ein Zweifel, der dann in Polen noch unzählige Male wiederkehren sollte. Mit mir im Abteil saß ein etwa sechzigjähriger Pole, der hervorragend Deutsch sprach, weil er seit vielen Jahren in Gelsenkirchen-Buer lebte. Er schwärmte mir vom elegantesten Stadtteil Warschaus vor, Saska Kępa. Das heiße zu Deutsch »Sächsisches Werder«. Es handle sich um einen Stadtteil auf der rechten Seite der Weichsel. Natürlich wohnte er selbst ebenfalls dort. Während er mir die Schönheiten seines Stadtviertels schilderte, wunderte ich mich über seinen missionarischen Eifer. Er schien vorauszusetzen, dass ich eine miserable Meinung von seinem Land hatte. Aber das war doch gar nicht so! Fuhr ich nicht gerade deswegen hin, weil Polen so unbekannt war, weil ich ein exotisches Land entdecken und gegen den Strom schwimmen wollte? Leider bemerke ich heute oft denselben missionarischen Eifer an mir. Wenn mich jemand nach Polen fragt, setze ich zu einer zwanzigminütigen Lobeshymne an, statt ganz ruhig darauf zu hoffen, dass mein Gegenüber kein Mainstream-Tourist ist – ein typisches Symptom für den polnischen Minderwertigkeitskomplex, der mich bereits mit Haut und Haaren gepackt hat.

Kurz vor der Ankunft wünschte mir der Mann alles Gute. Das konnte ich brauchen. Denn nun passierte etwas, das mich stark verunsicherte. Der Zug tauchte unmittelbar vor dem Warschauer Centralna-Bahnhof in einen Tunnel ein – und tauchte gar nicht mehr auf. Wir stoppten auf einem unterirdischen Bahnsteig! Das hatte ich in Deutschland noch nie erlebt. Grelles Neonlicht spiegelte sich auf den Marmorplatten, es war ein so unheimlicher Eindruck, als ob man in einem verbotenen Versuchslabor angekommen wäre.

 

Lebensgefahr

Ich stapfte mit meinem Rucksack die kaputte Rolltreppe nach oben. In der hohen, abendlich leeren Schalterhalle flatterten mir einige aggressive Tauben um den Kopf. Überall muffelte es noch schwer nach kommunistischer Tristesse. Als ich aus dem Bahnhof trat, folgte die nächste unangenehme Überraschung: Einige alte Straßenlampen spendeten ein fahles orangenes Licht, doch außerdem gab es noch Hunderte von Autoscheinwerfer, die am Bahnhof vorbeifluteten. Direkt vor mir verlief eine sechsspurige Straße, dahinter schwang sich ein Betonviadukt über die Fahrbahn. Na wunderbar – ein Autobahnkreuz mitten im Warschauer Zentrum! Für Fußgänger gab es hier weder einen Ampelübergang noch eine Brücke. Ich befand mich auf einer meerumtosten Insel. Wie sollte ich denn bitteschön auf die andere Straßenseite gelangen? An diesem Problem hat sich übrigens bis heute nichts geändert: Der Zentralbahnhof ist auf drei Seiten von großen Straßen umgeben, auf der vierten befindet sich eine Bushaltestelle. Ich war ratlos. Schließlich schnallte ich mir meinen Rucksack ganz eng um die Schulter und sprang todesmutig auf die sechsspurige Straße, mitten in die Autoscheinwerfer hinein. Panisch schnaufend erreichte ich auf der anderen Seite einen Wolkenkratzer, das Hotel Marriott. Außer mir war niemand über die Straße gerannt. Wie gelangten denn die anderen Passagiere vom Bahnhof weg? Dann sah ich sie: Ganz gemütlich kamen sie die Treppe einer Unterführung hinauf. Nicht nur der Bahnhof, sondern auch die angrenzenden Straßenkreuzungen – alles untertunnelt! Mein Fehler hatte darin bestanden, dass ich gleich nach der Ankunft in die oberirdische Bahnhofshalle hinaufgestiegen war. Der Kenner betritt sie gar nicht, sondern bleibt in der Unterwelt und huscht vom Bahnsteig direkt in einen der Fußgängerschächte, die in die Stadt hineinführen.

 

Die Horrorkonferenz

Vom Bahnhof aus marschierte ich durch die ausgestorbene, von orangenen Straßenlaternen trübe erleuchtete Innenstadt bis zum Konferenzhotel am Weichselufer. Es war eigentlich kein Hotel, sondern das »Haus des Lehrers«, ein besseres Studentenwohnheim. Ich meldete mich in der Lounge an. Dort saß hinter einem einfachen Tisch eine sehr attraktive, rothaarige Studentin. Sie hatte einen Pagenknopf mit schnurgeradem Ponyschnitt und trug eine silbern glitzernde Bluse. Nach einem Blick auf die Gästeliste teilte sie mir mit, dass ich mit einem Mitglied der jüdischen Gruppe zusammen wohnen würde, einem Kanadier. Es sei das Ziel der Konferenz, die Gruppen miteinander zu vermischen. Ich brachte meinen Rucksack aufs Zimmer. Es war klein, mit zwei Betten. Mein Mitbewohner war schon vor mir angekommen, hatte seinen Rucksack abgestellt, war aber noch einmal ausgegangen. Er kam erst spät nachts zurück. Im Halbschlaf bekam ich mit, dass er seine Sachen zusammenpackte und das Zimmer wieder verließ. Ich dachte mir nichts Böses dabei. Erst am nächsten Tag erfuhr ich von der betretenen Studentin, dass der Kanadier auf keinen Fall mit einem Deutschen zusammen wohnen wollte.

Ich war kein bisschen verärgert, sondern spürte eine Art leichter Erregung, sozusagen den Atem der Weltgeschichte. Das war nun also das erste Mal, dass ich persönlich für Auschwitz zu büßen hatte. Heimlich wurde mir von anderen Mitgliedern der jüdischen Gruppe Trost zugesprochen. Zwei kroatische Juden machten mit mir einen Altstadtspaziergang. Sie deuteten an, dass keineswegs die gesamte jüdische Gruppe feindlich gegenüber den Deutschen eingestellt sei. Die dreißig Leute seien eine weltweit zusammengewürfelte Truppe, und die Aggressionen gingen immer nur von den amerikanischen und kanadischen Juden aus. Am allerfriedlichsten seien die Delegationsmitglieder aus Israel.

Wir konferierten eine Woche lang und besuchten natürlich auch die Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des jüdischen Ghettoaufstandes, bei denen der polnische Staatspräsident Lech Wałęsa und der israelische Premierminister Jitzchak Rabin sprachen. Am nächsten Tag geriet ich am Denkmal des Umschlagplatzes plötzlich in die Journalistenmeute hinein, befand mich ganz nah an Jitzchak Rabin und kann den durchdringenden Blick aus seinen sehr blauen Augen bis heute nicht vergessen.

Am vorletzten Tag berief die jüdische Gruppe eine außerordentliche Versammlung aller neunzig Konferenzmitglieder ein und schlug vor, dass wir zum Abschluss spontan alle nach Auschwitz fahren sollten. Eine heftige Diskussion entbrannte, denn diese Planänderung bedeutete, dass jeder Teilnehmer zusätzliches Geld aus eigener Tasche aufbringen musste. Wenn alle mitkämen, würde es billiger. Doch die meisten Polen hatten dazu keine Lust, sie kannten Auschwitz bereits. Die Deutschen hielten sich heraus oder versuchten, irgendwelche Vermittlungsvorschläge zu machen. Die Sache eskalierte auf erschreckende Weise, es kamen Dinge hoch, die schon während der vergangenen Tage in der Luft gelegen hatten. Plötzlich ging es um die Frage, wer im Zweiten Weltkrieg mehr gelitten habe: Polen oder Juden. Eine polnische Studentin lief weinend aus dem Saal: Sie werde nicht mitfahren, obwohl ihr Großvater ebenfalls in Auschwitz ermordet worden sei. Aber sie wolle die jüdische Okkupation von Auschwitz nicht länger dulden. Die Juden sollten nicht glauben, die einzigen Opfer gewesen zu sein!

Die Fahrt nach Auschwitz begann am nächsten Morgen um fünf Uhr. Außer der jüdischen Gruppe kamen nur wenige Polen und wenige Deutsche mit. Ich selbst fuhr mit, denn meine Sympathien waren zu diesem Zeitpunkt eindeutig auf der jüdischen Seite. Das Verhalten der Polen erschien mir skandalös.

Die Erfahrungen bei der Konferenz hielten mich trotzdem nicht davon ab, wenige Monate später endgültig nach Warschau überzusiedeln. Bei genauerem Hinsehen hatte die Konferenz für mich persönlich sogar ein überraschend positives Ergebnis gebracht: Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man als Deutscher in Warschau leben, ohne irgendwelche Vorwürfe befürchten zu müssen. Im Gegenteil: Polen und Juden klopften uns Deutschen sogar freundlich auf die Schulter und bescheinigten uns, mit der Vergangenheit gründlich abgerechnet zu haben. Erstmals ging mir bei dieser Gelegenheit auf, dass Willy Brandt und viele aus seiner Generation einen verdammt guten Job gemacht hatten.

Im Jahr 2000 wurde übrigens unweit des Ghettodenkmals, vor dem Brandt spontan niederkniete, ein zweites, ziemlich großes Denkmal errichtet: Eine Bronzetafel erinnert an den Kniefall Brandts am 7. Dezember 1970, das wichtigste Ereignis der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945. Dieses Denkmal ist weltweit einmalig, nämlich ein Denkmal für ein Ereignis an einem Denkmal, also quasi ein Metadenkmal. Meines Wissens gibt es in Warschau kein zweites Denkmal für einen Deutschen.

 

3 Von Krakau nach Warschau

 

Ein Spätentwickler

Es waren einmal Wars und Sawa, einfache Fischersleute, die in den Sumpfgebieten entlang der Weichsel lebten. Eines Abends fanden sie im Uferschilf einen verängstigten jungen Fürsten namens Ziemowit, der sich beim Jagen verirrt hatte. Die Eheleute brachten den Fürsten in ihre Hütte, servierten ihm ein kleines Abendbrot, schütteten ihm ein Nachtlager auf und zeigten ihm am anderen Morgen den Weg aus dem Sumpf. Zum Dank schenkte er ihnen das Landstück, auf dem ihre Hütte stand. Schöne Zeiten, als man sich für ein kostenloses Nachtlager noch anständig bedankte.

Wem die alte Legende ein bisschen zu sehr nach Wohlfühlmarketing klingt, der stößt bei der Etymologie des Namens »Warszawa« – der übrigens »Warschawa« ausgesprochen wird – auf mindestens zwei Theorien. Die eine sagt: Das Gelände entlang der Weichsel gehörte einem Mann namens »Warsz«, wobei dies die Kurzform des altpolnischen Namens »Warcisław« oder »Wrocisław« war. Warszawa wäre dann also das »Gebiet des Warsz«.

Die andere Theorie leitet »Warszawa« nicht aus dem Polnischen, sondern aus der untergegangenen Sprache der Pruzzen ab. »Warza« hieß bei ihnen ein Fischwehr, und »saw« war ein Fischerboot mit einem durchlöcherten Kasten zum Aufbewahren der Fische.

Diese zweite Version zeigt deutlich an, was Warschau ursprünglich war: ein kleines Fischerdorf an der Weichsel. Und das blieb auch noch so, nachdem das Königreich Polen mit seinen Städten Gnesen, Krakau und Lublin schon lange ins Licht der Weltgeschichte eingetaucht war. Warschau war im polnischen Kosmos ein Spätentwickler. Seine erste urkundliche Erwähnung stammt erst aus dem Jahr 1281.

Was führte in den folgenden Jahrhunderten zum Aufstieg des kleinen Weichseldorfes zur Hauptstadt des flächenmäßig größten frühneuzeitlichen Staates Europas? Es waren zunächst zwei geografische Vorteile: Erstens gab es an dieser Stelle eine besonders hohe Weichselböschung. Mit »Böschung« ist die etwa zwanzig bis dreißig Meter hohe Uferklippe gemeint, die seit der letzten Eiszeit einen natürlichen Damm gegen das Weichselhochwasser bildet. Zweitens gab es eine flache Furt durch den Strom, die besonders gerne von den Handelskarawanen in Richtung Russland genutzt wurde. Was lag näher, als auf dem höchsten Punkt der Klippe eine Burg zu erbauen, in der die durchreisenden Händler ihren Zoll entrichten mussten? »Furt« heißt auf Polnisch »bród«, und so heißt bis heute einer der sieben alten Stadtteile Warschaus »Bródno«. Bereits im 16. Jahrhundert entstand hier die erste Brücke über die Weichsel.

Die alte Burg oben auf der Weichselböschung ist nicht mehr erhalten. Sie stand an der Stelle, wo sich heute das Ujazdowski-Schloss (und nicht weit davon die Deutsche Botschaft) befindet. Ältestes erhaltenes, genauer gesagt: nach 1945 wiederaufgebautes Gebäude der Stadt ist heute die kleine gotische Kirche »Mariä Heimsuchung«, 1409 erbaut.

 

Elche auf Wanderschaft

Wer auf die Rückseite der alten Kirche tritt, hat einen wunderschönen Blick auf das Weichseltal. Dabei bemerkt man erstaunt, dass das gegenüberliegende Flussufer nicht bebaut ist und keinerlei Promenade hat, sondern immer noch, so wie vor tausend Jahren, unreguliert und von Bäumen und Gebüsch gesäumt ist. Wer sich hier auf dem Steilufer abends mit einem Feldstecher positioniert, kann in den Abendstunden auf dem anderen Flussufer gelegentlich verdächtige Bewegungen wahrnehmen. Das ist dann allerdings keiner der vielen Warschauer Jogger, sondern vermutlich ein wandernder Elch. Kein Witz! Auf ihrer herbstlichen Wanderung von Nord- nach Südpolen orientieren sich die Elche gerne am Flusslauf der Weichsel, und schon so mancher späte Jogger wurde plötzlich von einem Elch überholt.

Das Schicksalsfeuer

Und nun folgt ein Eilmarsch durch die polnische Geschichte. Es geht um die Frage, wie es dazu kam, dass Krakau seinen Hauptstadtstatus an Warschau verlor. Im Jahr 1569 bildete sich in Lublin eine politische Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen, durch die das neue Gebilde zum flächenmäßig größten Staat Europas aufstieg. Dabei wurde festgelegt, dass die Reichstage in Zukunft in Warschau stattfinden sollten, weil das für die Abgeordneten aus Litauen schneller zu erreichen war als Krakau.

Knapp dreißig Jahre später, im Winter 1596, gab es im unlängst erbauten Königsschloss auf dem Krakauer Wawel einen Brand, der nicht gelöscht werden konnte, weil das gelagerte Löschwasser eingefroren war. Das Schloss nahm empfindlichen Schaden. Um den jahrelangen Wiederaufbauarbeiten zu entgehen, zog der damalige König Sigismund III. samt Hofstaat nach Warschau um. Von diesem Moment an gilt Warschau als polnische Hauptstadt – obwohl Krakau bis ins 18. Jahrhundert hinein die offizielle Hauptstadt blieb. Hier fanden weiterhin die Krönungsreichstage für den neu gewählten König statt. De facto residierte der König aber in Warschau, und zwar im 1619 fertiggestellten Schloss. Mehr als hundert Jahre lang war es von nun an das Los der Könige, ständig zwischen Berlin und Bonn pendeln zu müssen – pardon: zwischen Krakau und Warschau. Als im 18. Jahrhundert zwei sächsische Kurfürsten nacheinander zu polnischen Königen gewählt wurden, kam noch Dresden als dritte Residenz hinzu.

 

Ein echter Warschauer

An dieser Stelle möchte ich meinen Freund Rysiek vorstellen. Er hat drei Kinder und arbeitet als Übersetzer und Drehbuchautor. Wenn man ihn fragt, woher er kommt, antwortet er stolz: »Jestem Warszawiakiem z dziada pradziada – Ich bin ein Warschauer von Großvater und Urgroßvater her.« Was diese Formel bedeutet, erklärt Rysiek so: Ein echter Warschauer ist jeder, dessen Vorfahren bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 in Warschau gewohnt haben. Die Stadt hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 1,3 Millionen Einwohner. In den folgenden fünf Besatzungsjahren verminderte sich die Bevölkerungszahl durch Bombenangriffe, Flucht, Deportationen und Hinrichtungen um etwa 300.000 Menschen. Während des zweimonatigen Aufstands 1944 starben noch einmal mindestens 200.000 Menschen. Nach der Einnahme Warschaus durch die Sowjets 1945 kehrten in kurzer Zeit 600.000 Menschen in die Ruinen zurück. Das ist auch in etwa die Basiszahl der überlebenden »echten« Warschauer. Die Einwohnerschaft vergrößerte sich dann allerdings sehr rasch, weil Zehntausende Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Westen strömten. Hinzu kam die Landbevölkerung, die vom Wiederaufbau Warschaus angezogen wurde – alles »unechte« Warschauer. Siebzig Jahre später gibt es etwa zwei Millionen Einwohner. Offiziell sind es nur 1,7 Millionen, aber wegen des etwas unflexiblen polnischen Meldesystems haben sich viele Menschen nicht in der Hauptstadt registrieren lassen. Rysiek schätzt aber, dass sich von den heutigen zwei Millionen nicht mehr als vier Prozent als »echte Warschauer« bezeichnen dürfen, also weniger als 100.000 Menschen. Dabei schwingt in seiner Stimme eine Art aristokratischer Stolz mit. Denn in dieser Frage geht es um mehr als um Meldeformulare, es geht um zivilisatorische Standards. Der echte Warschauer ist der kultivierte Bürger, der anständig mit Messer und Gabel essen kann. Alle übrigen müssen ehrlicherweise eingestehen, dass ihre Vorfahren noch bis vor Kurzem die Schweine gehütet haben!

Rysiek ist kein Einzelfall. Der Krieg rückt in immer weitere Ferne, doch die Unterscheidung von echten und unechten Warschauern hört man interessanterweise immer öfter. Die Frage nach der Herkunft kam in den Neunzigern auf. Die im Kommunismus noch künstlich homogen gemachte Bevölkerung teilte sich blitzschnell in neue Schichten, und besonders ehrenvoll war es jetzt, zur neu entstehenden Mittelschicht zu gehören, der Nachfolgerin des guten alten Bürgertums. In Polen ist es heutzutage wieder geil und aufregend, ein richtiger Bürger zu sein. Der Wind hat sich also gedreht. Fast fünfzig Jahre lang waren Arbeiter und Bauern das Maß aller Dinge – heute sind sie die Buhmänner der Nation, weil sie angeblich primitiv und ungebildet sind (und teilweise immer noch gewisse Steuerprivilegien beanspruchen dürfen).

Angesehene Leitartikler führen sogar fast alle heutigen Probleme Polens auf die Ausrottung des Bürgertums durch Nazis und Sowjets sowie auf die einseitige Förderung von Arbeitern und Bauern nach 1945 zurück. Ein fatales bäuerliches Erbstück sei zum Beispiel das übergroße Misstrauen, das die Polen plage; bäuerlich sei auch der mangelnde Sinn für Ästhetik, der sich in den Städten zeige, die durch ungebildete Bürgermeister und deren Sekretärinnen verschandelt würden. Bäuerliche Tradition sei weiterhin der verantwortungslose Umgang der Leute mit ihrem Geld, das hemmungslose Aufnehmen von Krediten oder die vulgäre Alltagssprache oder die brutale Behandlung von Hunden und Katzen. Ja, sogar die schlechten Ergebnisse polnischer Olympiateilnehmer in Mannschaftssportarten werden gelegentlich darauf zurückgeführt, dass der Bauer zum Kollektiv ungeeignet sei.

Kein Wunder, dass es immer mehr Warschauer gibt, die schon nach wenigen Sätzen ihre Herkunft »von Großvater und Urgroßvater her« herausstellen. Danach folgt dann meist eine hochauthentische Geschichte von der Großmutter, die im Aufstand 1944 Sanitäterin der Heimatarmee gewesen und mehrfach verwundet worden sei. Wie durch ein Wunder habe sie überlebt und auch das alte Porzellangeschirr der Familie durch den Krieg hindurch gerettet, die Enkel essen heute noch davon.

Rysiek warnt eindringlich vor Hochstaplern, die solche Geschichten erzählen und sich in Wahrheit nur einen bürgerlichen Stammbaum basteln wollen. Um sich von ihnen zu distanzieren, ist er bereit, jedem Zweifler das alte Familienalbum mit den Schwarz-Weiß-Fotos seiner Großeltern aus dem Warschau der Dreißigerjahre zu zeigen. Als ich mir dieses Album anschauen wollte, ergab sich aber ein kleines Problem: Das Album liegt bei den Eltern in Warschau. Rysiek wohnt nämlich schon seit fünf Jahren in Berlin. Und seine Frau ist Bolivianerin.


Expedition zu den PolenExpedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

Polen, einst Land der Autodiebe und des billigen Wodkas, hat sich zum drittbeliebtesten Auswandererland der Deutschen gemausert. Aber darf man überhaupt mit dem Auto rüberfahren? Wie flirtet man mit einer schönen Polin? Welche Eheprobleme könnte es geben? Welche Überraschungen bei der Schwiegermutter in Krakau oder Danzig? Höchste Zeit für eine vergnügliche Reise ins Nachbarland, wo hinter jeder Türschwelle ein Kulturschock lauert.

Steffen Möller

Expedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

1Vom Gastarbeiter zum Emigration Consultant

»Was willst du denn in Asien?« riefen meine entsetzten Eltern, als ich 1994 nach Polen auswanderte. Auch meine neuen Warschauer Nachbarn runzelten die Stirn: »Sind Sie freiwillig gekommen oder werden Sie daheim per Steckbrief gesucht?«

Immer wieder musste ich erzählen, wie es ein Jahr zuvor begonnen hatte: mit einem Plakat an der Uni, einem zweiwöchigen Sprachkurs in Krakau und einem polnischen Kindergedicht, das den Titel »Samochwała – die Angeberin« trug. Und immer wieder erntete ich ein mitleidiges Lächeln. Den Deutschen galt Polen als Land der Autodiebe und Putzfrauen, Polen dagegen assoziierten Deutsche mit Heimwehtouristen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Viele Jahre später schrieb ich meine Geschichte auf. 2008 erschien sie unter dem Titel: »Viva Polonia – als deutscher Gastarbeiter in Polen.«

Die Reaktion war überwältigend. Ich erhielt fast 3000 Mails von Lesern, die das Buch kommentierten oder Fragen zu Polen stellten. Manchmal bekam ich den Eindruck, dass schon halb Deutschland auf gepackten Koffern saß.

Tatsächlich hatte ich, ohne es zu ahnen, einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Anfang 2010 wurde vom Statistischen Bundesamt bekannt gegeben, dass Polen im Jahr 2009 das drittbeliebteste Auswanderungsland der Deutschen war, hinter der Schweiz und den USA. Fast 13 000 Menschen waren nach Polen gegangen – und nicht nach Italien, Mallorca oder Großbritannien.

Handelte es sich dabei nur um Aus- und Übersiedler, die auf ihre alten Tage nach Oberschlesien und Masuren zurückwollten?

Nein! Die »Bild«-Zeitung, der Polen-Propaganda wahrlich unverdächtig, ging der Sache auf den Grund und bestätigte: sind auch viele richtige Deutsche dabei! Sie berichtete von einem Rentner, der die Pflegerin seiner Mutter heiratete und mit ihr hier nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurückzugehen.«

Doch es kam noch besser.

Polen war im Krisenjahr 2009 das einzige der 27 EU-Länder mit einem positiven Wirtschaftswachstum. Während Deutschland eine Einbuße von fünf Prozent hinnehmen musste, konnte Polen immerhin noch 1,7 Prozent Wachstum verzeichnen. Im Vergleich zu den südeuropäischen Mitgliedsländern ist Polen heute eine Art Musterknabe der EU. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn, der 1989 noch bei 25 Euro im Monat gelegen hatte, betrug 2010 bereits 900 Euro (in Deutschland 2010: 2650 Euro). Die Arbeitslosigkeit hat sich seit dem EU-Beitritt 2004 halbiert und lag im Sommer 2011 bei 11,7 %, also nur knapp über dem EUDurchschnittswert. In Großstädten wie Warszawa, Wrocław und Poznań tendiert sie gegen null.

Zur gewaltigen Dynamik, die durch die EU-Agrarsubventionen und Strukturfonds angestoßen wurde, kam noch die Nachricht, dass die Fußballeuropameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Sie führte in Polen zu einem gigantischen Bauboom. Drei Stadien wurden neu gebaut, ein viertes von Grund auf renoviert. Zählt man die Investitionen in die Infrastruktur des Landes hinzu, kommt man auf ein Gesamtvolumen von fast 20 Milliarden Euro. Wer in den Jahren 2010 und 2011 durch Polen fuhr, sah überall Bahnhofsrenovierungen, Autobahnbagger und nächtlich beleuchtete Gerüste. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es in Europa in keinem Land ähnlich große Baustellen gleichzeitig gegeben. Fazit: Innerhalb weniger Jahre hat sich Polen zu einem stabilen Wirtschaftsstandort in Mittel-Ost-Europa gemausert.

Krönung dieser Entwicklung war für mich eine eher unscheinbare Nachricht. Die Arbeitsämter Brandenburgs starteten 2010 ein Pilotprojekt. Eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen wurde zu Schulungen ins polnische Krosno an der Oder geschickt. Die circa zwanzig Hartz-IV-Empfänger lernten zunächst zwei Monate lang Polnisch, um dann in örtlichen Handwerksbetrieben eine Kurzausbildung zu durchlaufen. Das Ziel bestand darin, sie flexibler für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen.

Als ich diesen Artikel entdeckte, kamen mir endgültig die Tränen. Nun erst glaubte ich an die Trendwende. Fast zwanzig Jahre lang war ich ein Träumer gewesen, ein naiver Idealist. Von nun an durfte ich mich als Pionier der neuen Zeit betrachten. Ach, wie schön, dass sich die Zeiten ändern!

Noch unmittelbar vor meiner ersten Fahrt nach Polen 1993 hatte mir ein lieber Berliner Freund den folgenden Witz erzählt: Eine gute Fee kommt zu einem Ossi, einem Wessi und einem Polen und gewährt jedem einen Wunsch. Der Pole wünscht sich, dass jeder seiner Landsleute einen Porsche bekommt.

»Gut«, sagt die Fee. »Der Wunsch ist erfüllt.«

Der Ossi wünscht sich, dass die Mauer wieder aufgebaut wird.

»Gut«, sagt die Fee, »auch dieser Wunsch wird erfüllt. Und du?«, wendet sie sich an den Wessi, »was willst du?« – »Och«, brummt der Wessi zufrieden, »wenn jeder Pole einen Porsche hat und die Mauer wieder steht … einen Cappuccino bitte!«

Knapp zwanzig Jahre später ist alles anders. Die Autodiebstähle innerhalb Polens sind um etwa 75 Prozent zurückgegangen (in Deutschland um etwa 65 Prozent), und Asien liegt heute an der Wupper. Meine Heimatstadt Wuppertal versinkt in Schulden, 2010 lagen sie bereits bei über zwei Milliarden Euro. Das städtische Theater soll geschlossen werden, die Stadtbibliothek bekommt kaum noch Mittel für die Anschaffung neuer Bücher, der Oberbürgermeister hat in seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal das Geld für eine Fahrt in die polnische Partnerstadt Legnica auftreiben können.

Und das Schlimmste: Seit etwa zehn Jahren verliert Wuppertal jedes Jahr zwischen 2000 und 4000 Bürger. Von den einstmals 400 000 Einwohnern sind 2010 noch 350 000 übrig geblieben. Wo stecken die fehlenden 50 000 Menschen? Häufiger, als man denkt, lautet die Antwort: in Polen.

Angesichts dieser veränderten Lage kam ich auf die Idee, ein neues Buch zu schreiben, einen Polen-Crashkurs für Auswanderer. Während ich mich in »Viva Polonia« noch wie ein Märchenerzähler fühlte, der Geschichten aus einem exotischen Land am Ende der Welt darbot, wollte ich nun konkret werden, mit Tabellen und Statistiken für Sachbuchleser. Um zunächst einmal die Fragen und Nöte meiner Landsleute kennenzulernen, tourte ich als Emigration Consultant durch Deutschland. Zwischen 2008 und 2012 bin ich einige Hundert Mal zwischen Kiel und München aufgetreten. Die Publikumsmischung war hochinteressant. Meinen Ausführungen über Polen, seine Bewohner und die Kulturschocks, die unter jeder Türschwelle lauern, lauschten nicht nur potenzielle Auswanderer, sondern auch viele deutsche Ehemänner, die sich über die Heimat ihrer polnischen Frauen informieren wollten. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie groß die Zahl dieser deutsch-polnischen Paare ist. Wer von »Hunderttausenden« spricht, dürfte nicht übertreiben. Wie ich erfuhr, erwägt auch so mancher Ehemann inzwischen, seinen Job in Reutlingen oder Bremerhaven aufzugeben und ins Land der Schwiegermutter überzusiedeln, wo die Steuern niedrig und die Investitionsanreize hoch sind.

Daneben gab es aber auch Menschen im Publikum, die noch keine Lust oder keinen Mut hatten, nach Polen zu fahren. Sie wollten einfach nur etwas über ihre polnischen Mitbürger erfahren. Denn auch in Deutschland lebt man ja längst »zwischen den Polen«. Bis zu zwei Millionen Menschen sprechen Polnisch als Muttersprache. Von allen Migranten bilden die Polen, nach den Türken, mit etwa 11 Prozent die zweitstärkste Gruppe. Im Jahr 2011 sind nach offiziellen Angaben 115 000 Polen nach Deutschland eingewandert, was mit 17 Prozent aller Einwanderer die bei Weitem stärkste Gruppe ausmachte. Es kann vermutlich nicht schaden, einige Informationen über den Aberglauben, die Schimpfwörter oder die Schulbildung der neuen Nachbarn zu bekommen.

»Zwischen den Polen« – so könnte man auch meine eigene Situation beschreiben. Zwar habe ich meine Rolle als deutscher Kartoffelbauer in der polnischen Telenovela »M jak Miłość – L wie Liebe« inzwischen aufgegeben, doch bewohne ich immer noch meine langjährige Wohnung im Warschauer Stadtteil Muranów. Gleichzeitig miete ich eine Arbeitswohnung in Berlin. So kommt es, dass ich jeden Monat mehrmals zwischen Warschau und Berlin, den beiden Polen meines Lebens, hin und her pendele. Auf einer dieser Reisen, die ich stets im bequemen Eurocity absolviere, kam mir die Idee, das neue Polenbuch in Form einer Zugfahrt zu gestalten.

Erstens ist eine Zugreise die ideale Lösung für alle Skeptiker, die immer noch Angst um ihr Auto haben. Während ihr Liebling in der Garage steht, können sie vom Zug aus die Landschaft genießen. Eine bequemere Art des Erstkontakts gibt es nicht. Vermutlich wäre die Zahl deutscher Polenurlauber doppelt so groß, wenn sich herumspräche, wie preisgünstig und attraktiv der Berlin-Warszawa-Express ist.

Zweitens besticht dieser Zug durch seine einmalig schöne Streckenführung. Die Eisenbahntrasse durchschneidet Polen von der Grenze bis Warschau auf einer Länge von fast 500 Kilometern. Wer aus dem Fenster schaut, gewinnt einen phantastischen Eindruck von den drei großen Landschaften Lubuskie (Lebus), Wielkopolska (Großpolen) und Mazowsze (Masowien). Auch an Rekorden mangelt es nicht. So wird unterwegs die Kleinstadt Świebodzin passiert, die mit Europas höchster Christusstatue aufwarten kann. Und in Poznań, das genau in der Mitte der Strecke liegt, befindet sich ganz offiziell der Welt »schönstes Einkaufszentrum mittlerer Größe«.

Drittens kann man in diesem Zug ganz beiläufig die deutschpolnischen Befindlichkeiten studieren. Zugfahrten zeigen die Menschen von ihrer privaten Seite, über viele Stunden hinweg. Ob sich im Speisewagen ein Ehepaar streitet oder ein melancholischer Heimaturlauber über sein Leben in Deutschland räsoniert – man erfährt hier Dinge, die nicht in der Zeitung stehen. Mit ein bisschen Glück lassen sich sogar tiefere Bekanntschaften anknüpfen. So mancher deutsche Tourist wurde schon von einem polnischen Mitfahrer nach Hause eingeladen und sparte auf diese Weise die Hotelkosten. Es sollen sogar Bundesbürger in Berlin als Single eingestiegen und in Warschau als Verlobte wieder ausgestiegen sein.

Ich lade also herzlich dazu ein, mich auf einer meiner Reisen von Berlin nach Warschau zu begleiten. Unterwegs werde ich versuchen, ein guter Reiseleiter zu sein und die unvermeidlichen Kulturschocks so abzufedern, dass sie einigermaßen erträglich werden. Doch auch nach fast zwanzig Jahren ist immer noch jede Fahrt mit dem Eurocity Berlin-Warschau ein neues Abenteuer. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland einen zweiten Zug mit einer ähnlich prickelnden Passagiermischung gibt. Umso mehr wünsche ich uns, was man sich in Polen vor einer großen Reise wünscht: »Szerokiej drogi – breiten Weg!«

2 Berlin Hbf. – Berlin Ostbahnhof

Entfernung: 6 km

Fahrzeit: 10 Minuten

Kulturschock: noch keiner

Wort der Strecke: Rajzefiber

 

Im Urstromtal

Die letzte Eiszeit in Mitteleuropa war ein Glücksfall für die Eisenbahningenieure. Geologen streiten zwar noch darüber, ob die sogenannte »Weichsel-Eiszeit« schon vor 18 000 oder erst vor 10 000 Jahren zu Ende ging, interessant ist aber auf jeden Fall, welche gigantischen Weichen damals gestellt wurden. Als sich der Kontinent langsam wieder erwärmte, schmolzen einige riesige Gletscher ab. Ihr Schmelzwasser konnte infolge fester Landeismassen im Norden und Süden nur nach Westen, in Richtung Nordsee abfließen. Ein ungeheurer Urstrom entstand und wälzte sich auf einer Breite von zwanzig Kilometern quer durch Mitteleuropa, von der Umgebung des heutigen Warschaus bis in die Gegend des heutigen Berlins. Das ausgetrocknete Bett dieses Stroms wird von Geologen heute als »Warschau-Berlin-Urstromtal« bezeichnet. Hier konnten im Jahr 1870 bequem die ersten Schienen von Berlin nach Warschau verlegt werden, 560 Kilometer naturgegebener Eisenbahntrasse, ohne lästige Gebirge oder Seen. Der Gleisunterboden war zwar, wie in Flussbetten üblich, überaus sandig (daher der berühmte »märkische Sand«), doch boten sich den Ingenieuren auf der exakt gleich langen Westroute von Berlin nach Köln wesentlich unangenehmere Hindernisse, etwa das Harzgebirge. In Richtung Osten waren nennenswerte technische Konstruktionen nur bei der Überbrückung von Oder und Warthe erforderlich.

Einen enormen Kontrast zu den geringen geografischen Hindernissen bilden die kulturellen und sprachlichen Hemmschwellen. Von den neun deutschen Landesgrenzen dürfte die polnische Grenze diejenige mit dem größten Schockpotenzial sein. Mit einem Schlag versteht man gar nichts mehr – und ist auch nicht darauf vorbereitet. Von der Geschichte, Dichtung und Kultur des zweitgrößten Nachbarvolkes wird deutschen Schülern so gut wie nichts beigebracht, sieht man von einigen traurigen Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Bereits der Kniefall Willy Brandts im Jahr 1970 ist nach meiner Beobachtung der jüngsten Generation nicht mehr vertraut, in Polen übrigens noch weniger als in Deutschland. Bei mir selbst war es kaum anders. Bevor ich mit 24 Jahren erstmals nach Krakau fuhr, hatte ich längst das sonnige Paris, das geheimnisvolle Prag und das fröhliche Kopenhagen besucht. Ins »katholische Polen« hätten mich keine zehn Pferde bekommen; das Land erschien mir, ehrlich gesagt, wie eine einzige Karikatur, bewohnt von schlauen Autodieben, pfiffigen Handwerkern, strubbeligen Putzfrauen, billigen Prostituierten und einem schon zu Lebzeiten legendären Lech Wałęsa. (Natürlich wusste ich auch nicht, dass man ihn »Wawensa« ausspricht.)

Trotz der veränderten Faktenlage hat sich an diesem ungünstigen Image in Deutschland bis heute nicht allzuviel geändert. Polen hätte mal eine richtig professionelle Marketingkampagne verdient. Ein bescheidener Anfang dafür könnte die Zauberformel vom »Warschau-Berlin-Urstromtal« sein. Sie macht noch dem letzten Ignoranten klar, dass eine Reise nach Polen zumindest aus geologischer Perspektive nichts anderes ist als ein Spaziergang von einer Ecke des Wohnzimmers in die andere.

 

Der Berliner Hauptbahnhof

Alles beginnt am Berliner Hauptbahnhof einige Jahre nach seiner Einweihung im Jahr 2006. Keine Frage: Mit diesem Bauwerk hat Berlin derzeit den prächtigsten Bahnhof des gesamten Urstromtals zu bieten. Doch das war nicht immer so. Bei seiner Fertigstellung im Jahr 1975 trug noch der Warschauer Zentralbahnhof mit seinem kühn geschwungenen Dach den Sieg davon. Bereits in den Achtzigerjahren verfiel das Wunderwerk, Polen stöhnte unter dem Klammergriff des Kriegsrechts. Bahnhöfe sind das Gesicht einer Stadt, auf dem sich alle ihre Erlebnisse widerspiegeln, und so ergraute der Zentralbahnhof quasi über Nacht. Der sozialistische Alltag machte sich breit, unübertrefflich symbolisiert in den spitzengeklöppelten Gardinchen, die in den Bürofenstern hingen.

Dreißig Jahre später ist Berlin fast uneinholbar in Führung gegangen. Der neue Berliner Hauptbahnhof darf als imposant bezeichnet werden. Weiße Ausflugsdampfer schippern unter ihm hindurch, denn seine Ausläufer schweben auf Riesenpylonen direkt über der Spree, nur einen Steinwurf von Reichstag und Bundeskanzleramt

entfernt.

Die Baumaterialien waren, wie üblich in der jungen Berliner Republik, Beton, Glas und Stahl. Ausdrücklich nicht erwünscht war Holz. Der Architekt verbat sich auch jede frohe Bemalung. Sein Werk sollte cool wirken, so grau wie die rings um den alten Reichstag gesetzten Abgeordnetenbüros, so eckig wie der gigantische Vogelkasten des Kanzleramts. Gilt auch hier die Regel, dass ein Bahnhof die Befindlichkeit seiner Stadt widerspiegelt, ja vielleicht sogar der gesamten Berliner Republik? Wir wollen es nicht hoffen und die Verantwortung für all das kahle Grau allein dem Architekten zuschieben. Wer allerdings seinen wunderbar poetischen Namen hört, kann ihm nicht mehr böse sein, denn man sieht plötzlich Farbe auch dort, wo sie eigentlich nicht ist: Meinhard von Gerkan. Glücklich, wer mit einem solchen Namen gesegnet ist. Ein Klaus Löffelke oder Heiko Schulte hätte die Ausschreibung sicherlich nicht gewonnen.

Hier also, in einer lang gezogenen Kurve direkt am Wasser, einem höchst ungewöhnlichen Ort für Bahnhöfe, fahren im Minutentakt die Züge ein und aus, rote Regionalexpresse mit doppelstöckigen Waggons, weiße ICEs mit aerodynamischen roten Seitenstreifen, dazu kantige beige-rote S-Bahn-Züge und gelegentlich mal eine vereinzelte, verirrte Lok, die zur Wartung nach Rummelsburg eilt, dem nächsten Bahnbetriebswerk.

Im Innern des Bahnhofs wurden auf Geheiß Meinhard von Gerkans fünf Ebenen eingezogen. In den oberen Etagen gibt es große Aussparungen im Boden, sodass man fast vierzig Meter hinab in die Halle schauen kann. Da sieht man ruhige Rolltreppen, auf denen die Reisenden hinab- und hinaufgleiten; man sieht gläserne, runde Aufzüge, in denen Mütter mit Kinderwagen wie in Heißluftballons aufsteigen – und man sieht sogar manchmal noch aus vierzig Metern Entfernung, dass diese Mütter vor Wut kochen, da sie auf die hypermodernen, aber hyperlangsamen Kapseln endlos warten müssen.

Was sieht man noch in der riesigen Halle? Man sieht vor allem Menschen, Menschen, Menschen. Sie schwärmen in die Bäckereien und Zeitschriftenläden, in die Apotheke oder den McDonald’s, in den Burger King oder Drogeriemarkt, in mehrere Souvenirläden oder Modeboutiquen, ja sogar in einen Fanshop des örtlichen Fußballklubs Hertha Berlin – und alle, alle zahlen die überhöhten Bahnhofspreise klaglos gemäß dem uralten Gesetz, dass Reisenden in ihrer Hektik der Sinn für Cent und Euro abhandenkommt.

Spät abends erst beruhigt sich das Menschengewühl. Wenn nach Mitternacht die letzten Züge eingelaufen sind, bleiben nur noch einige Männer übrig, die auf knallbunten Reinigungsmobilen über die schwarzen Marmorböden gleiten. Auch sie verschwinden schließlich schwatzend in der Nacht – »Auf Wiederhörnchen! Bis dannemannski!« –, und dann bricht eine Art Urwaldstille herein. Letzter Mensch im Gebäude ist der Azubi am Servicepoint. Missmutig schiebt er sich eine Haarsträhne unter seine rote Mütze. Erst gegen fünf Uhr morgens kann er wieder »Moin!« rufen.

Dies ist der Ort, von dem aus jeden Tag fünf Eurocity-Züge nach Polen fahren, vier davon nach Warschau, einer nach Krakau.

 

Auf dem Bahnsteig

Ich persönlich fahre am liebsten mit dem allerersten Eurocity, morgens um 6.40 Uhr. Sechs Stunden später bin ich dann bereits in Warschau und kann mich zum Lunch mit Freunden treffen. Während sie ihren Vormittag im Bett oder bei Ikea vertrödelt haben, bin ich mit Tempo 160 durch die Lande gebraust und konnte mir einbilden, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Außerdem liebe ich die frühmorgendliche Stimmung in Berlin Mitte. Meine kleine Wohnung liegt so nah am Hauptbahnhof, dass ich bequem mit dem Fahrrad hinfahren kann. Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Regierungsviertel sind um diese Zeit noch still und menschenleer. Ein leichter Morgendunst hängt über der Spree, und unter den Riesenpylonen liegen Backpacker in sandigen Schlafsäcken.

Ich stelle das Rad vor dem Bahnhof ab, springe in Gerkans Wunderbau und kaufe mir im DB-Reisecenter die Fahrkarte. Sie kostet (im Jahr 2012) in der zweiten Klasse 48,60 Euro. Davon gehen 19 Euro an die Deutsche Bahn. Mit anderen Worten: Für die 80 Kilometer bis Frankfurt/Oder, etwa 15 Prozent der Fahrtstrecke, müssen 40 Prozent des Preises bezahlt werden.

Wer eine Bahncard 50 besitzt, zahlt für die gesamte Strecke nur 31,70 Euro. Er hat nämlich außer seiner 50-prozentigen Ermäßigung innerhalb Deutschlands auch noch Anrecht auf einen Preisnachlass von 25 Prozent auf dem polnischen Streckenabschnitt (Rail Plus).

Mit der Fahrkarte und meinem Köfferchen in der Hand begebe ich mich über die meist gut funktionierende Rolltreppe zum Bahnsteig 11 hinauf. Oben warten bereits einige Reisende. Viele Jahre lang habe ich mich darüber gewundert, dass die frühe Morgenstunde keineswegs allen Leuten anzusehen ist. Manche haben auch um halb sieben schon normal große Augen und schön gekämmte Haare; kein Vergleich zu meiner Zerknautschheit. Mit um die Angsthasen, die in der Nacht vor der Reise kaum geschlafen haben, aus Angst, den Zug zu verpassen. Für sie ist der Tag deshalb schon mehrere Stunden alt. Sie haben sich den Wecker auf drei Uhr gestellt, anschließend lange geduscht und schön die Haare gekämmt. Ab sechs Uhr stehen sie gestiefelt und gespornt auf dem Bahnsteig und sind so aufgeregt, dass sie ihren verlorenen Schlaf auch auf der Reise nicht nachholen können. Man nennt ihren Zustand Reisefieber, auf Polnisch übrigens ebenfalls: Rajzefiber.

Um mir die Minuten bis zur Einfahrt des Zuges zu vertreiben, mache ich ein kleines Spiel. Ich versuche, die Wartenden in Polen und Deutsche zu sortieren. Noch in den Neunzigerjahren war das ein Kinderspiel. Die Deutschen konnte man an prallen City-Rucksäcken erkennen, die Polen an ausgebeulten karierten Riesentaschen. Deutsche Frauen hatten ihr Haar hochgedreht, abrasiert oder festgesteckt, polnische Frauen trugen es meist offen und lang, oft auch kupferrot gefärbt. Polnische Männer wiederum hatten Schnurrbärte, weil der wild herabgezwirbelte Seelöwenschnurrbart seit Jahrhunderten Erkennungszeichen der polnischen Adligen war.

Mit dem neuen Jahrtausend wurde die Sache komplizierter. Kleidung und Haarmode des Ostens glichen sich der des Westens an. Wie steht es zum Beispiel mit dem jungen Mann da drüben in den hellbraunen Lederschuhen, dem lässigen beigen Cardigan und der schwarzen Designerbrille? Er könnte ein alerter Projektmanager aus Berlin-Mitte sein, vielleicht aber auch ein polnischer Yuppie, der am Freitagabend aus Poznań gekommen ist und sich am Wittenbergplatz ein schönes Wochenende gemacht hat.

In diesem Moment ertönt eine Bahnsteigdurchsage. Der Eurocity verspätet sich um fünf Minuten. Statt mich zu ärgern, nutze ich die Zeit, um noch einmal den modernsten Bahnhof der Welt zu bewundern. Ich beuge mich über das Geländer und spähe adlergleich nach unten. Zwar ist dieser Bahnhof von außen leicht mit dem Hauptsitz der Barmenia-Versicherung in Wuppertal zu verwechseln; von innen aber ist er ein Wunder an transparenter Funktionalität. Ganz unten sehe ich auf der Nord-Süd-Achse einen ICE einfahren, zwei Stockwerke höher eine zierliche Koreanerin, die einen schwarzen Konzertflügel in Stellung bringt, um gleich in der morgendlichen Stoßzeit ein furioses Frühstückskonzert zu geben. Gut möglich, dass heute Abend anstelle der Koreanerin ernste Tänzer in schwarzen Hemden einen argentinischen Tango tanzen werden, auch das ist in diesem Bahnhof schon vorgekommen. Für Berlins drei Komma fünf Millionen Exhibitionisten ist hier wirklich eine schöne neue Bühne entstanden.

Der Zug lässt immer noch auf sich warten. Das gibt mir die Möglichkeit, eine kleine Anekdote loszuwerden, die ich meinen privaten Besuchern gerne erzähle. Nach Abschluss des Bahnhofsbaus klagte der Architekt Meinhard von Gerkan gegen die Deutsche Bahn, weil ihre Ingenieure an der Deckenkonstruktion des Untergeschosses eine von ihm nicht genehmigte Veränderung vorgenommen hatten. Er gewann den Prozess und bekam acht Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Meine polnischen Gäste finden das unerhört spannend und fangen plötzlich an, Deutschland zu lieben. »Wie bitte? Ein Einzelmensch gewinnt einen Prozess gegen den Staat? In Polen würde der Kerl einen Tritt in den Hintern bekommen.«

So, jetzt wird die Warterei allmählich nervig. Ich trete an den Fahrplan und gucke mir die nächsten Züge an. Um 9.35 Uhr wird der Eurocity »Wawel« nach Krakau abfahren. Mit ebendiesem Zug gelangte ich 1993 zum ersten Mal nach Polen. Zwei Wochen lang verbrachte ich in der mittelalterlichen Stadt mit der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität und dem mächtigen Wawel-Burgberg. Dort in Krakau steht meine polnische Wiege, dort habe ich später auch ein ganzes Jahr lang gewohnt. Seitdem ist Krakau kometengleich in die touristische Weltklasse aufgestiegen. Bei einer Abstimmung des Touristenportals Zoover, an der 85 000 Internet-User teilnahmen, landete die Stadt 2011 auf Platz zwei in Europa, direkt hinter Berlin, aber noch vor Barcelona und Rom. In den Kategorien »Atmosphäre« und »Nachtleben« belegte sie sogar Platz eins.

Doch die Fahrt dorthin ist von Berlin aus kein Zuckerschlecken. Die Gleise sind auf dieser Strecke so alt, dass sich der Eurocity im Schneckentempo voranquälen muss. Wer noch nicht wusste, wie groß Oberschlesien ist, wird es auf dieser Reise erfahren. Sie dauert – bei 600 Kilometer Entfernung – ganze zehn Stunden, dazu kommen noch häufige Verspätungen. Dabei geht es unterwegs durch dichte, düstere Wälder, wo jeglicher Handyempfang erstirbt. Die Warschauer Strecke ist fast genauso lang, kostet aber nur sechs Stündlein und führt dabei ganz überwiegend durch lichte Ebenen, und zwar auf einem drei Meter über der Erde schwebenden Bahndamm, sodass die Aussicht hervorragend ist und auch das billigste Handynetz noch perfekten Empfang hat. Nein, wirklich – jedem, der nach Krakau will, kann ich nur freundschaftlich raten, den Zug nach Warschau zu nehmen und dort in den Intercity nach Krakau umzusteigen. Man wird dann immer noch zwei bis vier Stunden eher vor Ort sein als mit dem wälderdüsteren »Wawel«-Express.

 

Die Befreiung Wiens

Und nun ist es so weit. Der Eurocity fährt ein. Da der Berliner Hauptbahnhof, wie schon gesagt, in einer langgestreckten Kurve liegt, biegen sich die Waggons konvex zum Bahnsteig hin, so als würde der Zug mit der Hüfte kreisen. Vorneweg rollt eine hypermoderne blaue Lokomotive, die man in Deutschland nur selten sehen kann.

Doch das ist kein Grund zur Besorgnis! Es handelt sich um eine von der Firma Siemens gebaute Mehrsystemlok vom Bautyp ES64U4. Die polnischen Staatsbahnen PKP (Polskie Koleje Państwowe) führen sie als Baureihe EU 44 und haben Siemens pro Stück 4,5 Millionen Euro gezahlt. Wegen ihrer silbernen, helmartig abgerundeten Front, bei der die Windschutzscheibe wie ein heruntergeklapptes Visier wirkt, hat die Lok von den polnischen Eisenbahnern den Spitznamen »Husarz« (Husar) bekommen. Das ist eine Anspielung auf die schwer gepanzerten Reiter des Königs Jan Sobieski, die 1683 die türkischen Belagerer Wiens hinwegfegten. Charakteristisch für die Husarenrüstung waren die hoch über den Kopf ragenden Rückenflügel, die beim Angriff bedrohlich klirrten. Die Husarenlok existiert auch in einer Version für die Österreichischen Staatsbahnen, heißt dort allerdings »Taurus«, vielleicht, weil man in Österreich die Anspielung auf 1683 nicht mitmachen will. »Jan Sobieski? Wer war Jan Sobieski? Wien wurde doch von unserem Prinz Eugen befreit!« (Haha! Jeder Pole weiß, dass Prinz Eugen 1683 ein gerade mal zwanzigjähriger Oberstleutnant war! Ohne König Sobieski und seine Husaren wäre Wien heute die Hauptstadt der Türkei!)

Die sechs Waggons hinter der Lok sind weiß und erinnern stark an deutsche Intercity-Waggons. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sie von einem blauen statt einem roten Seitenstreifen gesäumt werden. In diesen Streifen eingelassen steht der Name des Zuges: »Berlin-Warszawa-Express«.

Eine Bemerkung zu den Eigentumsverhältnissen: Außer der Lok gehören auch die vier Waggons der zweiten Klasse den Polnischen Staatsbahnen. Der für mich persönlich wichtigste Waggon, der Speisewagen WARS, befindet sich zwischen der ersten und zweiten Klasse und gehört der Deutschen Bahn, wird allerdings von der polnischen PKP bewirtschaftet. Hinter dem Speisewagen kommt dann noch ein Erste-Klasse-Waggon. Er gehört ebenfalls der Deutschen Bahn. Also lautet die Waggonformel: erste Klasse Deutschland, zweite Klasse Polen. Ein Schelm, wer daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ableitet.

Rein technisch gesehen ist die Waggonmischung der Anlass für immer neue Rangeleien zwischen den beiden Bahngesellschaften. Muss das deutsche Bahnbetriebswerk Rummelsburg auch einen polnischen Waggon reparieren? Wer ist schuld, wenn im ganzen Zug die Air-Condition versagt, Berlin oder Warschau? An manchen Tagen rächen sich die Technikerteams an der jeweiligen Gegenseite, indem sie einen defekten Waggon kurzerhand abhängen oder verplomben, statt ihn gutmütig zu reparieren. Ja, dieser Zug ist ein perfektes Abbild der großen Politik, ein fahrendes Symbol der Völkerverständigung.

 

Abschied vom Amtsdeutsch

Ich steige ein und marschiere in den Zweite-Klasse-Waggon, in dem sich laut Platzkarte mein Abteil befindet. Es ist glücklicherweise leer. Ich freue mich auf drei Stunden Schlaf. Die grünlich-türkisfarbenen Polstersitze wirken einladend sauber und weich.

Seltsamerweise geht die Fahrt aber noch nicht los. Ich trete wieder hinaus auf den Gang, um durchs Fenster auf den Bahnsteig zu lugen. Das Fenster lässt sich leider nicht öffnen. Im gesamten Zug können nur im Speisewagen zwei Fensterchen heruntergeschoben werden. Plötzlich ist eine Durchsage der Schaffnerin zu hören: Die Abfahrt verzögere sich leider noch um einige Minuten, da auf Anschlussreisende gewartet werden müsse.

Um noch einmal frische Luft zu schöpfen, gehe ich zur offenen Waggontür und spähe unter die Glaskuppel des Bahnhofs. An der riesigen Querfront der Halle hängt eine Dauerreklame der »Berliner Morgenpost«. Der Werbespruch lautet: »Hier ist die Hauptstadt. Wir sind die Zeitung«. Diese Reklame ist ein frommer Wunsch und sollte lauten: »Wir wären gerne die Zeitung.« In Wahrheit liest der Berliner die »Berliner Zeitung«, den »Tagesspiegel « oder die »B.Z.«. In Polen ist dem Axel-Springer-Verlag mehr Glück beschieden. Seine Tageszeitung »Fakt« beherrscht den Markt.

Ich sehe zwei Tauben nach, die über einem einfahrenden Regionalexpress entlangschweben, längst abgehärtet gegen das nervtötende Quietschen der Bremsen.

Plötzlich werde ich angeschnauzt. »Können Sie mal bitte den Eingangsbereich frei machen?« Eine junge Mutter, die ein puterrotes Kleinkind hinter sich her zieht, springt hektisch in meinen Waggon hinein, als wäre ihr der Exmann auf den Fersen. Offensichtlich gehört sie zu den verspäteten Anschlussreisenden, die eben angekündigt wurden. Sie hat sich die blonden Haare im Knoten zusammengesteckt, trägt einen beigen Cordanzug und darunter eine rote Kapuzenjacke. Ihr Töchterchen hat eine Miniaturausgabe der roten Kapuzenjacke an. An ihrem blauen Rucksäckchen baumelt eine Plüschrobbe.

Wie deutsch von der Mutter, dass sie das bürokratische Wort »Eingangsbereich« benutzt hat! Ich interpretiere das zunächst als perfiden Trick: Wer mit Rechtsanwaltsbegriffen um sich wirft, will den Leuten Angst einjagen. Doch, gerührt durch die Plüschrobbe am Rucksack der Tochter, denke ich: Die gehetzte Mutter hat es gar nicht so böse gemeint. Sie übernimmt einfach die vorgegebenen Stanzformen der Deutschen Bahn. Wer hundertmal »Eingangsbereich« statt Tür oder »Zugbegleiter« statt Schaffner gehört hat, sagt es am Ende selbst.

In Polen weht in dieser Hinsicht glücklicherweise ein anderer, freierer Wind. Die Alltagssprache wird viel weniger von technokratischen oder bürokratischen Wörtern verschandelt. Der Schaffner zum Beispiel ist immer noch der »Konduktor«. Daran konnte noch keine Bahndirektion etwas ändern.

Die hektische Frau mit ihrer völlig ausgepowerten Tochter quetscht sich hinter mir in ein Abteil hinein, aber noch immer geht die Fahrt nicht los. An der Tür des Nachbarwaggons verabschiedet sich eine zierliche Polin von ihrem ältlichen deutschen Freund. Sie lehnt sich hinaus und küsst ihn auf die Stirn, er setzt den Fuß auf die Stufe des Waggons, legt beide Arme um ihre Taille und sieht unglücklich zu ihr auf. Sie sagt mit starkem Akzent: »Ich hab dich lieb, Mensch, pass auf dich auf.« Er reißt sich theatralisch los, geht zur Treppe, dreht sich noch einmal um, ruft irgendwie verzweifelt und viel zu laut: »Komm mich mal besuchen, komm mal nach Berlin, komm mal.« Sie guckt pikiert weg. Kein polnischer Mann würde so gefühlsbehindert in der Öffentlichkeit herumschreien.

Und nun endlich ruckt der Zug an. Die Fahrt beginnt.

 

Ausstieg in Fahrtrichtung links

Aber noch gehe ich nicht ins Abteil zurück. Am Gangfenster stehend, verfolge ich die spektakuläre Reise durch die innersten Bezirke der Hauptstadt. Der Zug schiebt sich auf den Spreeviadukt hinaus. Langsam beschreibt er einen Viertelkreis und taucht alsbald in die intime Welt großer Wohnhäuser ein, sodass man in Arztpraxen und Büros hineinschauen kann. Einmal tut sich zwischen den Riesengebäuden eine Lücke auf; man sieht noch einmal das Kanzleramt, schon grünlich-moosig abgewittert, wie eine viereckige Sphinx, die dem Reichstag gegenüber lagert. Im Jahr unserer Reise residiert hier noch Angela Merkel, doch sind die Beliebtheitswerte ihres Kabinetts derartig abgebröckelt, dass sie an diesem schönen Morgen vermutlich gerne mit nach Polen fahren würde.

Der Zug überquert langsam den Viadukt über der Museumsinsel. Und nun macht die Schaffnerin ihre nächste Ansage: »Guten Morgen, meine Damen und Herren. Wir begrüßen Sie im Eurocity nach Warszawa Wschodnia. In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Berlin Ostbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Ladies and Gentlemen, next stop: Berlin Eaststation.«

Diese Ankündigung macht vermutlich kaum jemanden wirklich nervös. Wer wird denn schon gleich am Ostbahnhof wieder aussteigen? Und wer ist, bitteschön, so blöd, dass er bei der Einfahrt in den Bahnhof nicht mitbekommt, auf welcher Seite sich der Bahnsteig befindet? Unzählige Male habe ich schon darüber gegrübelt, welches Motiv sich hinter dieser Durchsage verbirgt. Vielleicht erhalte ich auf der heutigen Fahrt endlich einen Fingerzeig?

Zunächst einmal möchte ich aber die verbleibenden »wenigen Minuten« dazu nutzen, drei konkrete Fragen zu beantworten, die mir von potenziellen deutschen Auswanderern immer wieder gestellt werden. Wer mit meinen Antworten unzufrieden ist, kann am Ostbahnhof brutal die Reißleine ziehen und sich aus dieser ganzen Polennummer verabschieden – auch auf die Gefahr hin, dass ich ihn als Feigling beschimpfen werde. Lieber Feigling als Romantiker.

Die erste konkrete Frage lautet: Wo liegt Polen eigentlich?

Ich bin weit davon entfernt, über Leute zu lächeln, die mir diese Frage stellen, denn ich habe es selbst nicht gewusst. Als ich vor vielen Jahren am Schwarzen Brett der Berliner FU-Mensa ein Plakat entdeckte, das einen Polnischkurs in Krakau ankündigte, war meine erste Assoziation: An den Ural wolltest du immer schon mal!

Erst vor Ort erfuhr ich dann: Der Ural liegt von Krakau noch etwa 3000 Kilometer entfernt. Polen ist nämlich eins von neun deutschen Nachbarländern. Es hat über 38 Millionen Einwohner und ist mit 312 000 Quadratkilometern flächenmäßig um 14 Prozent kleiner als Deutschland. Damit ist es das siebtgrößte Land Europas.

Sieben ist auch die Zahl der polnischen Nachbarländer. Im Nordosten liegen Litauen und Russland, genauer gesagt: die kleine russische Exklave Kaliningrad; im Osten Weißrussland und die Ukraine; im Süden Tschechien und die Slowakei. Die längste Grenze hat Polen überraschenderweise mit Tschechien (800 km), da sie sich durch das Sudetengebirge hoch und runter zieht. Im Westen grenzt Polen an Deutschland, und zwar auf

Einer Länge von etwa 470 Kilometern. Damit ist die deutschpolnische Grenze länger als die deutsch-französische Grenze (446 km).

Die zweite Auswandererfrage lautet meistens: Ist das Leben in Polen billiger als in Deutschland? Meine Antwort: Ja, ist es, aber nicht so sehr, wie man glauben würde. Das zeigt die folgende Preistabelle. Ich habe die polnischen Preise bereits in Euro umgerechnet. Die polnische Währung »Sloti« wird übrigens im Original »Złoty« geschrieben. Man spricht das ungefähr »Swote« aus. Seit einigen Jahren gilt zwischen Złoty und Euro ein Wechselkurs von 4:1, in Zeiten der Eurokrise tendiert er allerdings in Richtung 5:1

Preisvergleich Sommer 2011

1 l Benzin: Deutschland € 1,62 Polen € 1,37

1 l Diesel: Deutschland € 1,42 Polen € 1,28

1 Packung Marlboro: Deutschland € 4,90 Polen € 2,95

1 l Cola: Deutschland € 0,99 Polen € 0,99

1 Hamburger bei McDonald‘s: Deutschland € 1,00 Polen € 1,00

1 kg Weißbrot: Deutschland € 3,60 Polen € 1,00

1 l Milch: Deutschland € 0,60 Polen € 0,60

1 kg Zucker: Deutschland € 1,00 Polen € 0,86

250 g Butter: Deutschland € 1,15 Polen € 1,10

1 Ei: Deutschland € 0,23 Polen € 0,11

1 Brief Porto: Deutschland € 0,55 Polen € 0,39

Tageskarte öffentlicher Nahverkehr: Berlin (BVG) € 6,30 Warschau € 2,25

Flasche Wodka 0,7 L: Deutschland € 5,00 Polen € 7,50

 

Fazit: Lebensmittel sind in Polen etwas billiger als in Deutschland, ebenso Benzin und Dienstleistungen. Alkohol und Drogeriewaren sind hingegen in Deutschland günstiger. Alles in allem liegen die polnischen Preise etwa auf 80 Prozent des deutschen Niveaus.

 

Und damit zur dritten Frage: Wie hoch sind die Steuern in Polen? Das polnische Steuersystem ist angenehm einfach. Unternehmer können sich für eine 19-prozentige Pauschalsteuer entscheiden. Außerdem gibt es in Polen keine Gewerbesteuer. Diejenigen, die sich mit ihrer Gemeindeverwaltung gutstellen, bekommen fünf Jahre lang Steuererleichterungen bei der Immobiliensteuer, in einigen Gemeinden sogar zehn Jahre lang. Alles hängt von der Anzahl der Mitarbeiter und dem Stand der Arbeitslosigkeit in der jeweiligen Region ab.

Die Einkommensteuer für Privatpersonen hat nur zwei Steuersätze. Wer pro Jahr weniger als 85 528 Złoty brutto verdient (ca. 21 000 Euro), zahlt 18 Prozent Steuern. Wer über dieser Schwelle liegt, zahlt 32 Prozent Steuern, aber zu dieser Gruppe zählen nur knapp zwei Prozent der polnischen Bevölkerung. Praktisch ganz Polen zahlt pro Jahr also 18 Prozent Steuern.

Zum Vergleich: In Deutschland gelten progressive, also stufenweise anwachsende Steuersätze. Besserverdienende müssen mühelos bis zu 30 Prozent, Spitzenverdiener sogar 48 Prozent ihres Einkommens abgeben.

Zum Schluss noch eine besonders erfreuliche Nachricht. Die Zinsen für Sparguthaben liegen in Polen zwischen vier und acht Prozent pro Jahr. In Deutschland bekommt man kaum zwei Prozent.

Schluss mit Monaco, auf nach Polen!

Wer dennoch enttäuscht ist, kann jetzt aussteigen beziehungsweise das Buch zuklappen. In diesem Moment läuft nämlich die letzte Bedenkfrist ab. Der Zug rollt in den ersten Bahnhof ein.

 

Die Leseprobe hat Ihnen gefallen?

Das neue Buch von Steffen Möller – »Expedition zu den Polen – Meine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express « – finden Sie überall im Buchhandel.

 

Mehr Informationen zu Steffen Möller und weiteren Büchern aus dem Piper Verlag unter

www.piper-verlag.de.

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