Interview mit Klaus Scherer zu seiner Arktisreise
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Donnerstag, 21. November 2013 von Piper Verlag


Interview mit Klaus Scherer zu seiner Arktisreise

Während wir noch über den Klimawandel diskutieren, scheinen die Menschen im hohen Norden bereits weiter zu denken. Was haben uns die Bewohner der Arktis voraus?

Zunächst sind sie härter betroffen, denn die Arktis erwärmt sich schneller als andere Breiten. Damit schmelzen faktisch nicht nur Eisbären die Jagdgebiete weg, sondern auch jenen Inuit-Gemeinden in Grönland oder Alaska, die sich bisher weitgehend selbst versorgten. Zugleich schwärmen ihnen Ölkonzerne etwas von neuen Jobs vor. Gerade die Inuit entscheiden aber lieber selbst – und setzen beispielsweise auf mehr Fischfang und mehr Besucher. Sie sind unideologisch und deshalb nicht gefangen im Endlosstreit zwischen Propheten und Leugnern des Klimawandels. Und sie sind pragmatisch, denn das mussten sie immer schon sein.

Jüngst haben uns die Bilder von einem verhungerten Eisbären in Norwegen in Schrecken versetzt. Welche Momentaufnahmen von Ihrer Reise haben Sie am stärksten beeindruckt?

Für mich war der Bären-Kadaver ein trauriges Symbolbild, denn das hohle Fell lag da wie ein abgelegtes Theaterkostüm. Man hätte "Ende der Vorstellung" darüber schreiben können, auch weil die Klimakatastrophe damit keine bloße Vorstellung mehr ist, sondern harte Wirklichkeit. Da ist nichts zu beschönigen. Dennoch traf ich auf Inuit, jetzt und vor Jahren schon, die sagen, warum sollen wir warten, dass uns die Welt rettet? Unsere Heimat ist schön und einzigartig, das bleibt so. Wenn wir nicht mehr übers Eis gehen können, fahren wir Kajak. Wenn der Schnee nicht für Skier reicht, gehen wir wandern. Und wenn Grönland für Gäste zugänglicher wird, umso besser. Ich bin mit ihnen im Hundeschlitten nachts über Gletscher gefahren, und wir kletterten in Buchten auf Eisberge. Das werde ich nicht mehr vergessen.

Mit ihrer aktuellen Reise haben Sie nun einmal den Polarkreis umrundet und kennen die Region und ihre Entwicklung. Glauben Sie daran, dass es den Arktis-Bewohnern wirklich gelingen kann, sich neu zu erfinden?

Das geschieht längst. Die Arktis ist uns ja schon durch Globalisierung und Internet näher gerückt. Wir haben in Ostgrönland einen reisenden Friseur aus Island begleitet, der Dörflern die Haare schneidet. Die kamen mit Smartphones an, hielten ihm Fotos von Halfcut-Frisuren hin und sagten, die hätten sie auch gerne. In Finnland zeigte uns eine junge Sami-Studentin, wie sie mit ihrer Band Rockmusik in Ureinwohnersprache macht. Nebenbei züchtet sie Rentiere. Und auf Islands Nordinseln fangen Seeleute mittlerweile Fische, die es bisher nur im Süden gab, und exportieren sie nach Spanien. Wir wurden seekrank, als wir mit denen rausfuhren. Da lachten sie und erzählten uns, das sei normal, ihre Väter seien ihr Leben lang seekrank gewesen. Man klagt da nicht lange, wenn man sich auf die Umwelt einstellt.


Am Ende der Eiszeit

Die Arktis im Wandel

Der Wandel des Weltklimas bedroht uns als globale Katastrophe. Doch gerade dort, wo er am schnellsten voranschreitet, stellen sich Menschen bereits darauf ein – und profitieren sogar von einer neuen Lebenswirklichkeit, die bis vor Kurzem unvorstellbar war. Wo Bewohner zuletzt nur zwischen Robben- und Rentierjagd einerseits und teuren Importwaren andererseits die Wahl hatten, ernten sie plötzlich Kartoffeln, züchten Schafe oder gründen Firmen und setzen auf Arbeit und Reisende in neuen Nationalparks. Der preisgekrönte Reporter und Bestsellerautor Klaus Scherer reist von Grönland aus nach Osten – durch das urwüchsige Island, über die Bergketten Norwegens und Schwedens, entlang der finnischen Seen und des Weißen Meeres, bis zu den Außenposten Franz-Joseph-Land im Norden und Anadyr im fernen russischen Osten. Überall findet er Menschen, die ihm erstaunliche Geschichten erzählen. Von ihrem Leben zwischen Tradition und Zeitenwende, vom Wandel ihrer Welt – von der Arktis im Aufbruch.
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VORWORT

Zurück am Polarkreis

 

 

Was verbindet einen Gemüsegärtner in Grönland, isländische Kaltwassertaucher und einen norwegischen Elitemajor? Und was wiederum diese mit Eispistenpräparatoren in Schweden, einer Rentiere züchtenden finnischen Drummerin, russischen Studenten, die Militärschrott einsammeln, und einem Professor für Mammutknochenschnitzkunst? Zum einen ist es der Ort, an dem sie alle leben, obwohl sie Tausende von Kilometer voneinander entfernt sind: der Polarkreis.

Sie alle stehen aber auch für den Aufbruch der Arktis aus ihrer bisherigen Weltabgewandtheit. Einen Aufbruch, mit dem die Region mehr und mehr auf sich aufmerksam macht, seit ihn Globalisierung und Klimawandel forcieren – und den mithin auch wir in unseren Breiten mit ausgelöst haben. Denn statt weiter vergeblich darauf zu warten, dass die Welt ihre Erwärmung nicht nur beklagt, sondern handelt, beginnen gerade die Arktisbewohner, deren Heimat der Wandel am schnellsten verändert, sich in diesem einzurichten oder ihn gar für sich zu nutzen.

So rückt der ehedem so ferne Norden uns näher – zunächst noch ohne all seinen Charme als weißes Naturwunder zu verlieren. Doch das Ende ist absehbar, wie Klimaforscher versichern, auch wenn das Tempo unklar bleibt, in dem die Breiten sich einander anpassen. Selbst Grönlands Eisschild werde abtauen, sagen die Experten voraus, egal, ob sie gerade noch eine Beschleunigung des Temperatur- und Wetterwandels errechnet haben, wie am Klimainstitut des US-Bundesstaates Maine, oder melden, er vollziehe sich langsamer als zunächst befürchtet, wie an den Universitäten Oxford und Zürich. Dass er fortschreite, sagen sie alle. Ein Grund mehr, eine Reise zu Ende zu bringen, die ich vor Jahren begann: meine Reise auf dem Polarkreis.

Damals führte sie mich mit meinem Kamerateam von Alaska aus ostwärts, vom Inuit-Dorf Tikigaq, das amtlich auch Point Hope heißt, durch die letzten Nomadengebiete des Nationalparks »Gates of the Arctic«, dann über den Yukon, den Porcupine und den Mackenzie River durch den kanadischen Norden bis zur Baffininsel und quer durch Grönland bis nach Tasiilaq, das nur per Hubschrauber erreichbar ist. Ebendort nehmen wir unsere Polarroute nun wieder auf, um die Erde letztlich ganz zu umrunden – durch die jungen, noch heranwachsenden Landschaften Islands, die malerisch-bizarren Lofoten, die schwarzen Fjorde und weißen Gebirgspässe Norwegens, dann durch das schwedische und finnische Lappland als Heimat der Sami-Ureinwohner, schließlich durch die Weiten Russlands samt Taiga und Tundra von Murmansk nach Jakutsk und zuletzt erneut zu den Inuit von Tikigaq, jenseits der Beringstraße, wo alles begann.

Wir, das sind meine Hamburger Kameraleute Sandra Korth und Kristian Baum sowie Tonmann Helmut Hansen, die mich schon zuvor auf nördliche Drehreisen begleitet haben, sowie Producerin Angela Andersen aus Boston, mit der ich zuletzt als Amerikakorrespondent der ARD Filme drehte. Zudem der gebürtige St. Petersburger Eduard Botchanov, der die Recherchen für die Etappe durch Russland übernahm, und Kameraassistent Sebastian Sievert, der uns in Alaska unterstützte.

Natürlich treffen wir auf der Reise nicht nur auf Zweckoptimisten. Der globale Wetterwandel, dessen Folgen sich womöglich auf Jahrtausende verteilen und zugleich schon jetzt Jahr für Jahr spürbar sind, bedroht Tiere und Menschen, irritiert und verunsichert sie, er beraubt sie ihrer Lebensräume und stellt ihre Gewohnheiten und Traditionen infrage. Kein Ort wird dies anschaulicher widerspiegeln als Point Hope, das sich sowohl dem steigenden Meeresspiegel und den wärmeren Durchschnittstemperaturen entgegenstemmt als auch der internationalen Öllobby – die Klimaforscher am liebsten auf dankbare Datensammler reduzieren würde, die als Untermieter ein Zimmerchen in ihren neuen Bohrtürmen bewohnten.

Dabei könnten die Zeichen nicht deutlicher sein. Im arktischen Norden Norwegens fanden Forscher zuletzt einen Eisbären, der vermutlich kläglich verhungerte. Das Eis, auf dem er als Meerestier noch hätte jagen müssen, war verschwunden, bevor er sich Reserven für den Sommer hatte anfressen können. Abgemagert bis auf Knochen und Fell, lag der Kadaver in der grünen Tundra wie ein leeres Theaterkostüm.

Ende der Vorstellung.

 

 

Wiederholungsfehler

 

»Wie oft muss ich eigentlich noch in die Arktis reisen, um nicht immer wieder den gleichen Fehler zu machen?« Das ist das Erste, was ich mir unterwegs notiere. In Erwartung klischeehafter Kälte trat ich schon die Fahrt zum Heimatflughafen wieder einmal in reichlich unterfütterter Kleidung an, nur um dann unzählige Flugstunden lang darin zu dünsten, verstärkt vom vereinten Gepäckverladen an Check-ins und Transportbändern, vom ständigen Laptopauspacken und Stiefelaufschnüren – während das Airportpersonal in ganzjährig kurzen Ärmeln unsere Übergepäckrechnungen addiert. Am Zielort blicken mich dann vermutlich wieder belustigte Kinder in T-Shirts an und fragen, ob ich friere.

So war es in Alaska, als wir einst in Point Hope tatsächlich bibbernd vom Heck eines Pick-up-Trucks stiegen, der uns von der Landepiste durch eisigen Wind zum Quartier gebracht hatte, und sich die Dorfkinder im Schein der Mitternachtssonne kichernd nach uns umdrehten. Vom Dauerlicht hyperaktiviert, hüpften sie in Turnhosen auf Trampolinen und weigerten sich unbeeindruckt, dem Schlafappell der Eltern zu folgen. Oder auf den Diomedes-Inseln in der Beringstraße, die sowohl von der amerikanisch-russischen als auch von der Datumsgrenze geteilt werden: Dort schienen schon Grundschüler mit bis zu vierzig Grad Kälte so routiniert umzugehen wie andere mit einem kühlen Luftzug am Abend.

Viel habe ich gelernt auf diesen Reisen, die mich an den Polarkreis führten. Dass in Point Hope ein Kalifornier lebt, der in der dunklen Jahreszeit Sportwagen in all ihre Teile zerlegt, nur um sie dann wieder zusammenzufügen. »Ich liebe Langeweile«, erklärte er mir. Dabei gibt es dort nicht einmal eine Landstraße.

Ich lernte, dass unsere Seefahrer erst dann die arktischen Winter überlebten, als sie sich wie die Inuit ernährten und nicht mehr in großen Schiffen ankamen, die das Packeis zerdrückte, sondern in kleinen, die sich aufs Eis ziehen und mit Iglus umbauen ließen. Mit meinem Kamerateam sah ich Jugendlichen zu, die, nur auf eine Hand gestützt, ihren Körper waagerecht in der »arktischen Schwebe« hielten und damit die Inuit-Olympiade gewannen. Zudem legte mir eine ihrer Wortführerinnen eindrucksvoll dar, dass die Eigenschaften eines erfolgreichen Jägers sich nicht von denen unterscheiden, die in urbaneren Welten gewöhnlich die Stellenanzeigen verlangen: Weitsicht und Wachsamkeit, Entscheidungsstärke und Erfahrung, Teamgeist und Improvisationsgeschick, Zielstrebigkeit und Geduld.

Wir besuchten in Booten die Fischgründe der Gwich’in-Indianer und schliefen in Trapperhütten, durch die nachts die Mäuse huschten. Wir lernten Kanadier kennen, deren Beruf es war, in der Tundra die Moschusochsen zu zählen, und bereuten auf staubigen Schotter-Highways Richtung Eismeer, uns auf eine Rast verständigt zu haben, sobald eine Kurve komme. Denn es kam keine. Küstenbewohner zeigten uns schon damals, wie der Klimawandel auf verhängnisvolle Weise die Jagdzeit der Eisbären verkürzt. Und Piloten am Rande des Eisschilds, warum sie auf ihren Flugkarten reihenweise Gletscherzungen durchgestrichen hatten. Zuvor hatte ich noch gedacht, sie hätten sich nur die schönsten Motive für Rundflüge markiert. Doch die Gletscherausläufer, sagten sie, seien bereits verschwunden. Dabei waren die Karten fast neu.

 

 

Tropen und Turbulenzen

 

Die Nachrichtenmeldungen zum globalen Wetterwandel, die uns allein in den Reisewochen erreichen, sind nicht weniger alarmierend als damals. Die schmelzenden Gletscher der Alpen drohten Schlammlawinen auszulösen, warnen Wissenschaftler. Auch könnten transatlantische Flüge häufiger in Turbulenzen geraten, weil sich die Luftströmungen zwischen den Tropen und den wärmer werdenden Polarzonen verlagerten. Sogar der Telefon- und Internetverkehr würde leiden, und da die Gefahrenzonen für Piloten und Satelliten nicht frühzeitig erkennbar seien, müssten womöglich bald neue Flugrouten her. Zudem sei das veränderte Verhalten jener sogenannten Jetstreams, die sich bisher zuverlässig in zehn- bis fünfzehntausend Meter Höhe ostwärts bewegten und Flügen auf solchen Routen merklich über den Ozean halfen, für extreme Wetterlagen verantwortlich. Sie mäandrierten nunmehr und verlangsamten sich, weil die Arktis sich stärker erwärme als jede andere Zone des Globus. Meteorologen, schreibt der britische Observer, hätten es nun noch schwerer, Voraussagen zu treffen. So hätten extrem trockene Winter etwa die Regierung in London fast Trinkwasser rationieren und Rasensprengen verbieten lassen – bevor dann monatelange Regenfälle Hochwasser hinterließen. Derweil häufen sich in Deutschland, während wir in der Ferne unterwegs sind, die Klagen über den Verlust der gewohnten Jahreszeiten – der Winter zu warm, das Frühjahr zu kalt, der Sommer zu spät. Selbst im leidgeprüften Hamburg bricht der Regen Rekorde. Kein Mai war jemals so feucht, seit Meteorologen Niederschlagsmengen messen. Schon in drei Wochen fällt das Doppelte des Durchschnitts. In Süddeutschland steigt der Donaupegel mit fast dreizehn Metern auf einen historischen Hochwasserstand, im Osten und Norden die Elbe samt ihrer Nebenflüsse. Die Bundeswehr stellt fast zwanzigtausend Soldaten zum bisher größten humanitären Inlandseinsatz ab – der »Operation Sandsack«. Um gebrochene Deiche zu stopfen, versenken die Helfer sogar alte Schiffe.

Fachleute fordern vehement eine Korrektur der Umweltpolitik. Wenn uns sogenannte Jahrhunderthochwasser nunmehr alle zehn Jahre heimsuchten, müsse man von neuen Realitäten ausgehen. Die wahre Deichfront sei der Klimaschutz. Dennoch scheinen wir im gewohnten Denken gefangen, dass nichts so schicksalhaft und unabänderlich über uns komme wie das Wetter.

Dabei hatte zuletzt ein Hurrikan über der amerikanischen Ostküste sogar den US-Präsidentschaftswahlkampf aufgewühlt, weil die Schäden anschaulich bewiesen, wie weltfremd das Beschönigen der Klimakrise war, auf das die Konservativen gesetzt hatten – und wie nötig Washingtons Soforthilfe für die verwüsteten Küsten. Der republikanische Kandidat, der Wirtschaftsfreund Mitt Romney, hatte dem freien Markt zuliebe sogar den Katastrophenschutz privatisieren wollen. Nun pflichteten der Gouverneur des am härtesten betroffenen Bundesstaates New Jersey sowie New Yorks Bürgermeister, wenngleich beide keine Parteigänger von Präsident Barack Obama, diesem bei – und klagten offen und eindringlich wie nie zuvor, dass auch Amerika endlich umdenken müsse.

»In den Sommern von nur drei Jahrzehnten schrumpfte das arktische Eis um vierzig Prozent«, konstatierte auch New Jerseys Universität, »das sind Millionen Quadratkilometer, die zeigen, welche Ausmaße der Temperaturwandel erreicht.«

Kaum wiedergewählt, muss Obama in Oklahoma den nächsten Notstand ausrufen, wo ein Tornado mit dreihundert Stundenkilometer Windgeschwindigkeit wütete wie kaum einer vor ihm. »Eine wärmere Atmosphäre bindet auch mehr Wasser«, erklären Experten in den Nachrichtensendungen, »und wo mehr Wasserdampf aufsteigt, muss er auch irgendwann wieder runter.«

Unterdessen folgt dem deutschen Dauerregen eine Hitzewelle mit Temperaturen bis zu vierzig Grad und krachenden Sturmgewittern. Nun ächzen die Bürger unter Trockenheit, tropischer Schwüle und Starkregen. Straßenämter melden hitzebedingte Autobahnschäden, Ministerien beschließen Tempolimits, Orkanböen legen für Tage Schnellzugstrecken lahm, die Bundesliga führt zusätzliche Trinkpausen ein. Wer Tageszeitungen liest, bekommt den Eindruck, das Land sei einem Zwangsstudium unterworfen, um schon mal den Umgang mit dem einzuüben, was Fachleute als »Zunahme extremer Wetterereignisse« voraussagen.

Selbst Meldungen zum Klimawandel, die vorherige Warnungen relativieren, sind nicht wirklich ein Trost. So korrigierten Forscher immer wieder das vorausgesagte Tempo, in dem sich Grönlands Gletscher zurückbildeten. Dann aber entdeckten wiederum andere eine Art Rutschbahneffekt, wonach Gletscher auf dem eigenen Schmelzwasser umso schneller zum Meer gleiten. Zudem eint die Wissenschaftler ohnehin die Prognose, dass das arktische Festlandeis schmelze und als Folge der Meeresspiegel meterhoch ansteige. Allenfalls bleibe den Regierungen von Küstenstaaten mehr Zeit, sich darauf einzustellen. Denn schon ein Meter Anstieg brächte neben New York auch Ballungsräume wie London, Schanghai und Mumbai in Bedrängnis, von Florida oder Bangladesch gar nicht zu reden.

 

 

Weggefährte Klimawandel

 

Seit ich Journalist bin, begleiten mich solche Meldungen. Unvergessen sind mir zwei junge Delegierte aus Dhaka, die ich auf dem ersten Klimakongress in Berlin porträtierte, nachdem die gastgebende Bundesumweltministerin Angela Merkel ihn eröffnet hatte. Wie Kinder standen die beiden an der Glasfront des Internationalen Congress Centrums, um draußen den ersten Schneeflocken ihres Lebens zuzusehen. Wieder und wieder appellierten seitdem die armen Länder an die Weltmächte, mehr gegen Klimawandel und Meeresanstieg zu tun. Doch zuerst nahm die Welt die Katastrophe nicht ernst, weil ihre Auswirkungen zeitlich zu fern schienen. Dann blockierten Weltmächte wie China, Russland und Amerika die nötigen Beschlüsse, allen voran die US-Regierung unter George W. Bush, die schon das Wort »Klimawandel« aus jeder NASA- oder Wetterdienststudie herausstreichen ließ. Irgendwann schließlich beschlich einen der Eindruck, der Zeitpunkt, an dem sich noch etwas aufhalten ließe, sei ohnehin überschritten.

Als Fernostkorrespondent im ARD-Studio in Tokio drehte ich Reportagen auf versinkenden Südseeinseln wie Tuvalu, Kiribati oder den Marshall Islands, deren Parlamente fast flehentlich um Beachtung baten. Und ich berichtete in all diesen Jahren auch selbst von gescheiterten Kompromisssuchen, sei es auf Klima-, G8- oder Weltbankkonferenzen. Die Klagen der Kritiker waren immer die gleichen.

Bis ich im Osten Grönlands auf Dines Mikaelsen traf, einen jungen Inuit, der uns mit Schlitten und Hundegespann zu den kalbenden Gletschern führte. Zwar sorgte auch er sich um Bestand und Schönheit seiner glitzernden Heimat. Doch ich schrieb mir von ihm auch den Satz in meinen Reporterblock: »Wenn uns das Eis wegschmilzt und keiner mehr zum Schlittenfahren kommt, pflanzen wir eben Kartoffeln und gehen wandern.«

Dabei war Dines weder ein Ignorant des Wandels, wie sie sich eher in unseren Breiten fanden, noch ein wendiger Nutznießer desselben – wie die Ölkonzerne, die sich laut über neue Zugänge zu fossilen Ressourcen freuten. Er war nur pragmatisch und machte mir so als Erster klar, dass sich dort, wo der Wandel sich auswirkt, Menschen bereits darauf einstellten, statt noch länger vergeblich zu warten, bis die Welt sie erhörte. Tatsächlich siedelten auch in der Südsee schon damals erste Klimaflüchtlinge um, etwa auf die Felseninsel Niue nahe Neuseeland, die um Zuzügler warb, um ihre sinkende Bevölkerungszahl zu stabilisieren.

Das ändert nichts an der globalen Bedrohung, auf die vor allem Küstenregionen weiterhin zusteuern. Und wenig spricht dafür, dass Regierungen dem Klimaschutz auch nur Vorrang geben vor der Jagd nach neuen Ölquellen. Im Gegenteil, das wird uns auch die neue Reise lehren: Je zugänglicher die Ölvorkommen in der Arktis erscheinen, desto schwerer fällt es offenbar, an ihrem langfristigen Nutzen zu zweifeln oder sich gar davon abzuwenden.

Auch deshalb führt diese Reise zu Menschen wie Dines, die auf andere Weise einen Aufbruch verkörpern. In der – im doppelten Sinne – aufbrechenden Arktis finden wir sie auch jenseits von Grönland. So wie er hoffen sie auf mehr Reisende, denen sie ihr Naturerbe zeigen können – und sei es nur, weil kommende Generationen dieses so nicht mehr antreffen dürften. Oder sie gehen, wie die jungen Sami in Finnland, eigene Wege zu Bildung und Berufen, ohne ihre Heimat zu verleugnen und auch nur zu verlassen. Sie treiben auch jenseits der Ölindustrie Projekte voran, die vor Jahren nicht denkbar waren, weil ihre Regionen zu weltabgewandt schienen – von der Tauchschule in Island über Kältemanöver in Norwegen oder Megadatenspeicher in Nordschweden bis zur russischen Kunstwerkstatt, in der Studenten Mammutknochen verarbeiten, die nach und nach die tauende Tundra freigibt. Statt Leidtragende einer Misere zu sein, denken gerade sie plötzlich globaler als andere und tragen so dazu bei, dass ihre Heimat dem Rest der Welt näher kommt.

 

 

Wandeln statt warten

 

Navigatoren bestätigen, dass Touren entlang Grönlands Küste, die einst Wochen erforderten, auf eisfreiem Meer nun in einem Tag zu bewältigen seien. Robbenjäger, deren Familien jahrzehntelang ihre Nahrung aus dem Meer zogen, wissen noch von ihren Großeltern, die nur ein Kilometer von ihrem Jagdgebiet trennte. Sie selbst müssen heute bis zu hundert Kilometer zurücklegen, weil sich das Eis früher zurückzieht und mit ihm die Robben. Und auch das Eis ändere sich, sagten mir vor Jahren schon Arktisbewohner. Sie hätten sogar schon Eisbären darin einbrechen sehen. Früher habe das Eis zuverlässiger getragen, heute sei es unter der Oberfläche oft instabil, porös oder matschig.

Allein wenn der Temperaturwandel völlig verrücktspielt, hilft er ihnen gelegentlich auf überraschende Weise: Am abgelegensten Golfplatz Alaskas etwa, einem recht rustikalen Parcours, wo unsere Polarreise endet, kann sich der Eigentümer Jahr um Jahr über Raumgewinn freuen – weil sich das Land dort dank leichter gewordener Gletscher schneller hebt als der angrenzende Meeresspiegel. Landhub nennen das Wissenschaftler. Er nennt es Platz für neue Löcher.

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