Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja im Porträt
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Montag, 29. Juli 2013 von ELMAR KREKELER


Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja im Porträt

Katja Petrowskaja hat den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013 mit der Geschichte über die Erschießung ihrer jüdischen Urgroßmutter gewonnen.

Keine schlechte Zeit zum Rundendrehen im Volkspark Friedrichshain eigentlich. Die Sonne senkt sich nach der Schwerstarbeit des Tages langsam über die versengten Wiesen am Fuß des großen Bunkerbergs. Aufgeschüttet wie die meisten Berge Berlins aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Leute laufen auf ihm, liegen um ihn herum, die zumindest für den gemeinen Mitte-Hasser aussehen, als würde sie die martialische Vergangenheit des Hügels kaum rühren, selbst wenn sie’s wüssten. Muss sie auch nicht rühren. Vielleicht ist die ganze Geschichte ja eh überbewertet, sozusagen prähistorisch, zum Vergessen freigegeben, bloß ein Gewicht an den Füßen beim Joggen. Im Bezirk werden ohnehin gerade die letzten Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, mit luxuriösem Pflaster zugeklebt.

Im Café Schönbrunn am Schwanenteich, das, irgendwie auch schon wieder bezeichnend und geschichtsvergessen, vollkommen frei ist von kulinarischen Austriazismen, im Biergarten hinten vor dem Metallzaun unterm Baum, gegen die Sonne blinzelnd steht eine Frau, die den Krieg nicht vergessen kann, weil sie von ihm geradezu verfolgt wird, weil er immer schon da zu sein scheint, wo sie hinkommt, weil sie Kriegsgeschichten geradezu magisch anzieht. Katja Petrowskaja im dunkelgrünen Kleid. 

Wir werden – aber das wissen wir noch nicht - anderthalb Stunden reden. Wir werden mehr Runden drehen beim Reden, als es einem Jogger selbst zu dieser Tageszeit noch gut täte, um den Bunkerberg zu laufen. Es wird um Mythen gehen, um die Sowjetunion, um Tradition und immer wieder um den Krieg, den großen vaterländischen. 

Das heißt, sie wird anderthalb Stunden reden. Was ein Glück ist. Katja Petrowskaja ist eine erstklassige Verschwenderin. Von Geschichten. Von Geschichtsspiralen. Von Sätzen, von Kaskaden sich in Subgeschichten zersplitternder Sätze. Man kommt kaum dazwischen. Will es auch gar nicht, weil sie sich selbst immer tiefer hineinbohrt, in das, was sie antreibt, was sie verständlich machen will. 

Das Innehalten übernimmt sie im Zweifel selbst und fragt sich, wie sie nun und von wo aus eigentlich dahingeraten ist, worüber sie gerade spricht, ob das, was sie sagt, überhaupt jemand verstehen kann. Dann schilt sie sich schon mal eine Quatschtante. Und erwähnt zwischendurch als Entschuldigung (denn im Entschuldigen ist sie groß), dass sie aus einer Familie mit einer langen Tradition von Taubstummenlehrern kommt, und dass sie deswegen alle soviel reden würden. 

Und immer wieder stellt sie ansatzlos Sätze hin wie diesen: „Ich wollte immer etwas Schönes produzieren, und ich produziere immer etwas Verstörendes.“ Kaum einen Atemzug später ist Katja Petrowskaja schon wieder weiter ist, weit weg.

Zum Beispiel dabei, wie das mit dem Roman ist, der keiner ist, aber dazu kommen wir später noch, wie das mit der Familiengeschichte losging, von der „Vielleicht Esther“, der Text, den sie in Klagenfurt am Pult stehend vortrug, ein kleiner und vielleicht gar nicht einmal typischer Ausschnitt ist.

Eigentlich begann alles mit der Idee etwas weitergeben zu wollen vom Erbe ihrer Eltern, von all den Erlebnissen, Kenntnissen, Geschichten, die sie hatten und die eigentlich nicht übersetzbar, erzählbar sind. Sie wollte der unglaublichen Kriegsgeneration, den Kriegskindern Gerechtigkeit zukommen lassen, so etwas wie eine Tradition gründen: „Ich fühle mich geradezu wie eine Art Barbarin im Vergleich zu meinen Eltern, zu dem, was sie alles wissen, gelesen, studiert haben, was sie alles können.“ Mit Komplex habe dieses Gefühl nichts zu tun, betont sie, sondern mit Demut.  Wie das Unerzählbare aber zu erzählen wäre, war ihr lange nicht klar. Ist es ihr vielleicht am Ende immer noch nicht. 

Ihre Eltern jedenfalls hatten die Erzählmuster beinahe vollständig abgedeckt. „Mein Vater ist Literaturwissenschaftler, meine Mutter Historikerin. Ich bin schon von Anfang an gefangen.“
Als nach langer Recherche die 200 Jahre polnisch-jüdisch-sowjetischer Geschichte vor ihr lagen, die ihre Familie ausmachen, wollte sie erst über die Fünfziger, Sechziger schreiben, über sowjetische Jahre. Und auf Russisch. Dann aber merkte sie, dass sie nicht nur in ihrer Familie, sondern überall und andauernd über diesen Krieg stolperte. „Egal, wohin ich fahre, der erste Mensch, dem ich begegne, erzählt mir was vom Krieg. Die Mutter einer Freundin möchte plötzlich nur ein bestimmtes Muster auf einem Stuhl haben, und auch dieses Muster hat etwas mit dem Krieg zu tun. Oder in der Familie eines Freundes geschieht etwas Schreckliches, das sich als Folge von Stalingrad herausstellt. Ob wir das möchten oder nicht, es ist alles immer noch in der Luft.“ Und dann zeigt sie auf den Bunkerberg. 

Und dann sagt sie, dass sie wahrscheinlich schon so eine Mission habe. Und das sie was machen musste mit dem Material, das sie über ihre Familie gesammelt hatte. Etwas anderes, als gemeinhin mit solcherlei Material gemacht wird. „Mit den großen Worten, mit ,Krieg’ oder ,Holocaust’ hab’ ich nie etwas anfangen können. Ich versuche, die Geschichte zu verlangsamen, auf die Figuren, die Menschen zu schauen.“ Weil das noch viel zu selten geschieht, weil die ganze so genannte Aufarbeitung des Krieges „automatisiert, institutionalisiert ist, abgegeben an historische Diskurse“.

Und dann schweifen wir wieder ein bisschen durch die Gegend. Lernen, dass sie eine Gerechtigkeitsfanatikerin ist, dass ihre Familie aus Altruisten besteht, voller Hingabe, bis zur Selbstaufgabe, in hohem Maße spirituell, dabei aber gar nicht religiös. 

Und dass sie die Geschichte von Babuschka ihrem Mann verdankt, einem Deutschen, der täglich „die Welt rettet“ (er arbeitet bei Greenpeace) und in den ihre Eltern fast noch mehr verliebt seien als sie selbst. Egal. Jedenfalls brauchte der nur ein paar Fragen zu stellen, schon erzählte der Vater von jener Frau, die in der Familienhistorie wie ein Gespenst herumgeisterte. Esther eben. Und weil sie auf so merkwürdige Weise auf sie kam, sagt sie, hatte sie in Klagenfurt auch keine Angst vor dem Auftritt. Sie fühlte sich als Interpretin.  Und der Umweg, der sie unterschwellig vielleicht dazu zwang oder es ihr möglich machte, die Geschichte derart gelungen zu fiktionalisieren, erklärt auch, warum der Esther-Text der wahrscheinlich literarischste Teil ihres Buches sein wird, das im Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen soll. „Das wird eine Familiengeschichte aus Familienerzählungen. Etwas ohne Gattung eigentlich, eine Mischung aus Reportagen von Recherchereisen, journalistischen Versuchen und so etwas ähnlichem wie Fiktion.“ 

Ein Buch, das sich gewissermaßen da aufhält, wo es eigentlich am ungemütlichsten ist, zwischen den Stühlen. Aber woanders – aber auch dazu werden wir beim Rundendrehen noch kommen – kann sie gar nicht schreiben. Und wenn keine Stühle da sind, stellt sie sich welche hin. Sie ist eine Meisterin nicht nur im Sichselbstinzweifelziehen, sondern auch im Sichdaslebenschwermachen.

Zum Beispiel die Sache mit dem Deutschen. Das einzige Fiktive an ihrem Buch, sagt sie, sei, dass es auf Deutsch geschrieben ist, obwohl dazu aus der Geschichte selbst heraus eigentlich keine Notwendigkeit besteht. Aber sie wollte zu den und mit den Deutschen über Babuschka, über ihre Familie sprechen, als wäre sie kein sowjetischer Mensch. „Was ich zu machen versuche, und Deutsch hilft mir dabei, ist, die Seiten zu wechseln, die Perspektive. Das ist zwar noch immer nicht Beckett, aber es ist eine Art Verfremdung, Entfremdung.“ Und mit der entkommt sie dem ritualisierten Täter-Opfer-Diskurs (die guten Russen, die bösen Faschisten), auf den sie festgelegt wäre, würde sie Russisch schreiben. Und ist wieder bei den Menschen, bei der Anthropologie statt bei der Geschichtspolitik. 

Und dann sagt sie noch, dass dieses Erzählen auf Deutsch für sie, die erst mit 27 angefangen hat, Deutsch zu lernen, und seit 13 Jahren in Berlin lebt, die höchste Stufe der Versöhnung darstellt. Weil sie ziemlich viele Jahre in die Luft geblasen habe, um diese Sprache zu beherrschen. 
Die Rundendreher drehen ihre Runden. Die Sonne scheint uns immer noch ins Gesicht. Und allmählich bekommt Katja Petrowskaja einen Bärenhunger, was der jugendlichen Kellnerschar jedoch herzlich egal ist.
Womit wir, das ist jetzt allerdings ein harscher Übergang, bei der Sowjetunion wären, beziehungsweise schon bei einem Klischee über die Sowjetunion. Die ist wichtig für diese Geschichte. Denn Katja Petrowskaja ist Teil der letzten sowjetischen Generation. 

Geboren in Kiew 1970. Aufgewachsen in einem vierzehnstöckigen Ziegelbau links des Dnjeprs. Sie spielten Räuber und Gendarm damals, hat sie mal geschrieben, sie nannten es: „Die Unsrigen und die Faschisten“. 

Der Vater, der vielleicht dem Fikus, vielleicht der Fiktion, seine Existenz verdankt, war, ist ihr Leitbild, ihr (vermeintlich) unerreichbares Ideal. Ein hochbegabter Leser, Lyriker auch, ein hochbelesener Literaturwissenschaftler, ein ganz besonderer Mensch, ein Stillgestellter. 

Spät an die Universität gekommen, weil er Jude war durfte er – wie Katja Petrowskajas Bachmannpreisträger-Vorgängerin Olga Martynowa – nur die Abenduniversität besuchen, er war der beste Student, er durfte danach nicht arbeiten. Politisch im eigentlichen Sinne war er nicht, nur anderer Meinung, was in einem totalitären Regime auf jeden Fall politisch war. 1959 wurde er in einer Zeitung als „spiritueller Sohn von Pasternak“ stigmatisiert, weil bei einer Durchsuchung ein Samisdatbuch mit den Gedichten aus „Doktor Schiwago“  gefunden wurde. Dann denunziert, nachdem sich in seiner Wohnung ein Kreis von, nennen wir sie: Andersdenkenden getroffen hatte. Die Folgen waren verheerend. Ein Maler der Gruppe verbrannte seine Bilder anschließend, einer hörte ganz mit dem Malen auf. Katja Petrowskajas Vater veröffentlichte für die nächsten Jahrzehnte keine Zeile mehr in der Ukraine. 

In Moskau durften die Bücher erscheinen. Nach Moskau ziehen durften sie aber nicht. In Kiew war ihm arbeiten verboten. Und immer wieder kam die Miliz und fragte, warum er denn arbeitslos sei.

„Ich weiß überhaupt nicht, wie solche Menschen überleben. Aber durch ein solches Leben bekommt man auch ein ganz klares Verständnis, davon was wirklich wichtig ist.“ So oft ist ihr Vater beleidigt worden, sagt sie, und doch ist keine Beleidigung in ihm. 

Das ist die finstere Seite jener Diktatur. Es gibt noch eine andere. Und die lässt sich kaum von der ersten trennen. Und von der zu erzählen, ist für sie fast auch eine Art Mission. Was viele im Westen nicht verstünden, sagt sie, ist, dass die Kinder der Sowjetunion „weniger vielleicht aus den Regimen bestehen, als aus den Büchern, die sie lasen, offiziell und inoffiziell. Wir sind durch die Bücher geformt. Wir haben – außer einem kleinen repressiven Syndrom - nichts mit diesen ideologischen Strukturen zu tun, nichts mit dem Land.“ 

Die Bücher waren das einzig Vertrauenerweckende, das einzig Feste, was man kriegen konnte, sagt sie. Sie lebten, muss man sich vorstellen, mehr in den Büchern als sonstwo. Was dazu führte, dass einige ihrer Freunde mehr Kleist gelesen hätten als manch ein gewöhnlicher deutscher Germanist. „Eigentlich sind wir die letzten Europäer.“ 

Außerdem sei ihre Generation nicht nur die letzte sowjetische Generation gewesen, sondern auch die letzte mit einem gemeinsamen Code. „Egal wie man ideologisch tickte in dieser ,Nation’, aus welcher sozialen Schicht man stammte, man konnte sich auf einer gemeinsamen kulturellen Basis treffen.“

Sie weiß, dass sie Gefahr läuft, ein totalitäres Regime zu verteidigen, sie weiß, dass die schöne Bildungstradition, in der sie steht, auf ziemlich blutigem Boden geblüht hat. Sie hat aber keine Antwort auf das Dilemma. Was sie aber auch weiß ist, dass es jetzt nicht besser steht, um die Kultur, um die Literatur. „In diesen lauwarmen Demokratien können solche Menschen nicht entstehen wie mein Vater, entstehen solche Bedürfnisse nicht, entsteht diese Art Notwendigkeit der Kunst nicht.“ 

Sie durfte dann mit 16 zu Freunden nach Moskau, zur Sicherheit, für alle Fälle, als in Prypjat Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert war. Tschernobyl hat sie aus dem Nest geworfen. Ist eine Herzensangelegenheit geblieben und wieder eine Mission geworden. Davon zu erzählen, wie es war, wie es den Leuten ergangen ist, welche Folgen sie tragen mussten, und eine Lehre war es auch, sie lernte die Grenzen der menschlichen Empathie kennen, des Verstehenwollens, die Grenzen der Erzählbarkeit von Katastrophen.

Tschernobyl, jetzt schweifen wir wieder ein bisschen zurück, verdankt sie aber nicht nur das und ihre verhältnismäßige Freiheit von ihren Eltern, sondern auch die Liebe ihres Lebens. Bei einem Filmfestival in Kiew hatte sie ihren Mann kennengelernt, bei einer großen Tschnernobyl-Konferenz in Kiew arbeiteten sie dann zusammen. Nach Deutschland zu gehen, war ihre Entscheidung. Ihr Mann wollte eigentlich nach Moskau, sie nach Berlin. Sie ist allein hierher gekommen, Deutsch konnte sie gar nicht. Zehn, zwanzig Privatstunden hat sie in Moskau gehabt. Und dann fand sie sich im Goethe-Institut in Mittelstufe 3 wieder, es ging um Fallschirmspringer, sie hatte bis dahin kaum mal in ihrem Leben auf Deutsch gesagt, wie sie heißt.

Aber wir schweifen wieder ab. Jedenfalls studierte sie Deutsch, genoss das Berlin der ausgehenden Neunziger und arbeitete für nahezu gar kein Geld für russische Zeitschriften. Jetzt befindet sie sich in einem Zustand allmählicher Entliebung von der Stadt und in einer permanenten sprachlichen Schizophrenie, in einem Delirium zwischen den Sprachen. Sie sei halt, sagt sie gern, noch nicht volljährig im Deutschen. 

Man möchte sie eigentlich davor bewahren, erwachsen zu werden. Weil gerade durch die Verrutschung von Buchstaben, von Sätzen, Wunder geschehen in ihren Texten, in ihren Kolumnen für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“,  die von einer „Frau handeln, die nicht richtig funktioniert und deswegen einiges erlebt“ und „Die west-östliche Diva“ überschrieben sind. Weil da die Realität ins Tanzen gerät. Die Wirklichkeit anfängt, ein ganz anderes, neues Lied zu singen. Eine Melodie, auf die kein Muttersprachler gekommen wäre. 

Und auf die Melodie kommt es ihr an, auf den Klang, den Rhythmus. Das ist es – neben der offensichtlichen Diskrepanz zwischen ihrem Denk- und ihrem Schreibtempo, das sie, wie sie mal gesagt hat, halbwahnsinnig macht – was die Arbeit so kompliziert macht. Es ist ein dauernder Transpositionsprozess zwischen den Sprachen. Für den sie Hilfe braucht und hat. Sie schreibt etwas, und das geht dann durch sozusagen zwei Lektoratsstufen. Ihr Mann und eine Freundin redigieren. Sie entscheidet, was stehen bleibt, und zweifelt ständig, ob man das, diese ganze Klangarbeit, diesen Anspielungsreichtum, noch so versteht, wie sie es sich gedacht hat. Verzweifelt regelmäßig am sperrigen Deutsch. 

Zum Beispiel am Artikel, den das Russische nicht kennt. Und den sie gern vergisst, was wiederum, noch so ein Abschweif, zu herrlichen Missverständnissen führt. Als sie nach Klagenfurt ein paar Tage Urlaub im Salzkammergut gemacht hat, beantwortete sie die Frage, wo sie sich gerade herumtreibe, mit: „In Bergen“. Was ihr die Gegenfrage einbrachte, wie es denn in Norwegen so sei.

Zurück zur Musik. Jetzt fällt ihr ein, warum es ihr so enorm wichtig war in Klagenfurt im Stehen zu lesen. Sie erinnert sich an die Jahre im Chor. Auch wieder so ein sowjetisches Wunder. Ein Chor von (zumindest was ihr vokales Vermögen angeht) Straßenkindern, denen eine geniale Chorleiterin vorlebte, dass es nicht unbedingt Stimme braucht, um zu singen, sondern vor allem eine Vorstellung davon. Pionierlieder haben sie gesungen, klar, aber auch Messiaens „Drei kleine Liturgien über die Allgegenwart Gottes“ und Pergolesis „Stabat Mater“ in der Leningrader Philharmonie. Ein Instrument hat sie nie gelernt. „Das ist vielleicht mein größter Komplex. Eigentlich bin ich eine Musikerin.“

Eigentlich weiß sie gar nicht, was sie ist, was sie macht, alles, meint sie, steht immer schief. Formate zu bedienen, hat sie mal gesagt, sei ihr nicht gegeben. Schon gegen das wissenschaftliche Schreiben auf der Uni im estnischen Tartu, der besten philologischen Universität, deren Geschichte wir auch noch streifen, hat ihr Professor gesagt, das sei zwar alles richtig, was sie da mache, aber zu literarisch. Zu schön war es ihm wohl auch. Und schön muss es dann schon immer sein. Das ist es dann auch immer. Und wahr. Und trifft einen Ton, einen geheimen. Einen, den sie vielleicht selber nicht hört. 

Denn sie erzählt eine Geschichte aus Andrej Tarkowskis Film „Andrej Rubljow“ aus dem Jahr 1969. Und sie erzählt sie bezeichnenderweise mit einem beinahe falschen Fazit. Einen sechzehnjährigen Glockengießer gibt es in dem Film. Wir sind im Jahr 1400. Eine Kathedrale wird gebaut. Dem Jungen ist der Vater, letzter Überlebender einer Glockengießerdynastie, gerade gestorben. Er behauptet, der Vater habe ihm das Geheimnis des Glockengusses weitergegeben vor seinem Tod. Alle glauben ihm. Er dirigiert virtuos die ganze Gießanlage. Er ist der einzige, der weiß, dass er eigentlich nichts weiß. Das sagt, sagt Katja Petrowskaja, einiges über sie und ihre unerreichbaren Eltern, über die Tradition und wie sie nicht funktioniert. 

Was die Geschichte aber eigentlich erzählt und den Ikonenmaler Andrej Rubljow in Tarkowskis Film läutert, erleuchtet geradezu, ist die Tatsache, dass es die Übergabe der der Glockenrezeptur gar nicht brauchte. Die Glocken klingen fantastisch. Das Geheimnis hat sich verselbständigt.  Das Genie (oder Gott) obsiegt über die Überlieferung.

Die Läufer laufen immer noch durch den Volkspark. Die Leute liegen noch herum. Ein verhuschter Kellner hat es zwischendurch tatsächlich geschafft, Essen anzutragen und später die Teller wieder wegzuräumen. Ein fetter Mond meldet sich zum Dienst. Wir sind am Ende unserer Schleife angekommen. Und am Anfang. Beim Krieg. Und bei der Antike, die ständiger Gast ist in der Erzählung von Esther. „Ich hab mich ständig gefragt, Katja, was machst du da, ich möchte den Krieg nicht mehr, lass uns – auch so geht mein schizophrenes Sprechen mit mir selbst - etwas anderes machen. Aber es kommt immer wieder zurück, es drängt. Das heißt nicht, dass jetzt jeder, der hier herumsitzt, sich unbedingt mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen soll, aber es gibt Spuren, die wir weitertragen, sie liegen auf uns, ob wir das wissen oder nicht, ob das nun Hügel sind oder komische Familiengeschichten.“ Die davon handeln, wie man seine Existenz dem Krieg verdankt, einem kleinen Fikus in einem großen Gemetzel.

Und dann sagt sie den Satz, den sie – sagt sie – vor ungefähr einer halben Stunde gern gesagt hätte: „Ich hab irgendwann verstanden, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die Geschichte dessen, was er mit uns, mit den Menschen in Europa gemacht, wie er uns verändert, unsere Existenz geraubt oder überhaupt erst ermöglicht hat, dass dieser Krieg unsere Antike ist. Mit allen Mythen, mit allen Widersprüchen dieser Mythen. Die Diskussion der großen Figuren, der großen Worte, der Informationen aus Punkt und Kommas, das ist nicht meine Art.“ 
Zurück zu den Menschen. Frei von moralischer Vorverurteilung. Mit offenem Ausgang. Katja Petrowskaja, die noch erzählt, dass sie eigentlich davon träumt, einfach mal loszulegen, ohne Material, dass ihr wie Blei an den Schreibfingern und den Gehirnzellen hängt, ist noch nicht fertig mit dem Buch. Sie hat noch zwei Monate. Sie muss jetzt weg. Fertig werde sie nie, sagt sie noch. Das ist ja das Schöne. Und bestimmt das Schwierige.


Klagenfurter Texte. Die Besten 2015

Die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Wenn der begehrte Bachmann-Preis verliehen wird, zieht es die vielversprechendsten jungen Autorinnen und Autoren nach Klagenfurt. Uwe Tellkamp, Lutz Seiler, Terézia Mora, Annette Pehnt, Katja Petrowskaja - sie alle haben schon auf den Tagen der deutschsprachigen Literatur ihre noch unveröffentlichten Texte vorgestellt und Ausblicke auf neue Romane gewährt. »Klagenfurter Texte. Die Besten 2015« versammelt auch in diesem Jahr die spannendsten Stimmen unserer Zeit in einem ganz besonderen Lesebuch.
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HUBERT WINKELS
Vorwort

Mittlerweile werden Bachmannpreis-Tage nach Jahrgängen bewertet, wie Wein oder Lebensalter. Und heuer, also dieses Jahr 2015, da sind sich fast alle Beteiligten und Beobachter einig, war ein guter Jahrgang. Es gab gute Literatur zu hören, aufschlussreiche, oft kurzweilige Kommentare und Diskussionen und ein emphatisches Publikum, das sein Urteil spontan in den ORF-Saal in Klagenfurt stöhnte oder rief, trommelte oder klatschte. Es war ein guter Jahrgang, und das war auch nötig. Denn es gab im Jahr zwei nach der Drohung, die Liveübertragung des Wettbewerbs zu beenden und ihn damit ganz infrage zu stellen, viel aufzuholen. Formal war er erst mal gerettet dank einer Garantie vom übertragenden öffentlich-rechtlichen Sender und von der Stadt, aber ein Murren über Behäbigkeit, Mittelmaß und müder Korrektheit hatte sich an den Rändern und in den schmutzigen Winkeln der Peripherie breitgemacht, drohte Vorurteil und Mode zu werden. Denn nichts ist leichter, als eine Veranstaltung, in der eine halbe Stunde am Stück ein anspruchsvoller Text gelesen wird und anschließend eine halbe Stunde niveau­voll darüber parliert, argumentiert und gelegentlich gestritten wird, nichts also ist leichter, als hierbei auszusteigen und Langeweile zu beschwören. Man muss nur eine Weile nicht aufmerksam zuhören, und schon ist man raus aus dem filigranen Netz der Bedeutungen und driftet im Ungefähren.
Das passiert einem passionierten Teilnehmer oder Beobachter indes selten, einem nicht zugeneigten, eher flüchtigen Zuhörer aber eben doch. Und so war es wichtig, dass sich ein Jahr vor dem 40. Jubiläum des Wettbewerbs 2016 und den ihn rahmenden Tagen der deutschsprachigen Literatur (TDDL) etwas bewegte, dass ein Ruck durch die Baracke ging. Und einen besseren Ruck als den durch interessante Autorinnen und Autoren mit herausragenden Texten kann es nicht geben. Kein aufgesetztes Eventtheater kann das leisten, was gute Literatur leistet; zumal wenn sie sich für diesen besonderen Anlass festlich zeigt, im großen Ornat; und das heißt in den Bescheidenheitszonen der Literatur: der Situation gemäß auch als lautliches, dekla­matorisches performatives Ereignis zu erscheinen; mit diesem spontanen Felgaufschwung in der Unmittelbarkeit von Stimme und Stand im Raum, von Mimik und Maske und Gestik: Hier bin ich, nehmt mich, jetzt und hörbar, da! Und so war es tatsächlich, natürlich ganz unabgesprochen zwischen den Juroren, was die Einladungen der Autoren betrifft: Markante Auftritte, ein großer Strauß an impulsiv und zugleich professionell vorgetragenen Texten, deren äußere Instrumentierung durch Stimme, Into­nation usw. oftmals durchstieß bis zum Kern des Textes.
Mehr als das, und in engstem Zusammenhang damit, bekamen auch die visuellen Darstellungen einen eigenen Dreh, bis hin zu starkem künstlerischem Eigensinn. Gemeint sind die kurzen, bis zu dreiminütigen Videos, mit denen sich ein Autor, eine Autorin vor Beginn der Lesung selber vorstellt. Eine seltsame Freiheit im Umgang mit den audiovisuellen Mitteln des Videos hatte sich mit einem Schlag ergeben. Weshalb ich auch an dieser Stelle zumindest die Anregung gegeben haben möchte, diesen künstlerischen Seitenstrang der TDDL eigens in den Blick zu nehmen und, wenn möglich, mit einem eigenen Preis auszustatten. Welches Medienhaus, welcher Sender, welche Produktionsfirma möchte hier einspringen? Wer ist als Sponsor zu bewegen? Lassen Sie es sich durch den Kopf gehen, lieber me­­dienpotenter Leser und Bachmannpreis-Seher. Im Saal und im Fernsehen jedenfalls ergab sich durch diese erweiterte Literaturdarstellung ein größeres Feld des Ausdrucks und damit auch der animierenden Kurzweil.
Wer jetzt noch, offenbar ohne auch nur zehn Minuten hin­zusehen, schematisch und im Wiederholungszwang von Langeweile des Bewerbs spricht, der gehört entschieden zu jener Handvoll sündenstolzer Banausen, die seit Jahren das Sorgfältige und gut Gemachte im Bewerb der Kunstkünstlichkeit zeihen und Literatur, in der mehr als ein Gedanke verarbeitet wird gleich zur Literaturliteratur degradieren wollen. Seltsam, dass es das gibt; noch seltsamer aber ist die Insistenz, mit der man aus kratzendem Ressentiment nahe dran bleibt und sich gleichzeitig taub und blind stellt. Offenbar ist die Literatur stark genug, ihre Verächter noch im Modus des Verachtens zu beseelen.
Doch das überwältigende Echo war diesmal ein ganz anderes, mal verhalten, mal froh: Hurra! Und: Glücksfall! Es war ein guter Jahrgang. Nora Gomringer, Valerie Fritsch und Dana Grigorcea als strahlende Preisträgerinnen, die goldene Haarklammern und Blumensträuße untereinander tauschten. Allein, dass Teresa Präauer mit ihrem rasanten fulminanten turbulenten sprachverrückten Rumble in the Jungle Oh, Schimmi! gleich drei Mal durch die Maschen eines prekären Abstimmungsverfahrens fiel, war im Einzelfall bedauerlich. Und allgemeiner muss man in diesem Jahr bedauern, dass nicht mehr Preise zur Verfügung standen. Mindestens sechs hätte es gebraucht für ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis der Klagenfurter Art. Und das war keineswegs jedes Jahr so.
In diese kleine Suada der Freude und des Lobs sei kontextbildend eingefügt, dass die Prinzipien, die Klagenfurt präsent und lebhaft machen, dieselben sind, die seit geraumer Zeit das literarische Leben in den deutschsprachigen Ländern insgesamt prägen: nämlich die Austragung der Literatur in einem öffentlichen Resonanzraum, der nicht später und peripher zur eigentlichen Literatur als Text hinzukommt, sondern sie im Kern, d. h. in Form, Gestalt und Inhalt mit bestimmt. Der öffentliche Raum der Lesungen und Interviews und Diskussionen und Laudationes und deklamierten Essays und spontanen Reden, sei es auf der Bühne, im Radio oder Fernsehen, ist konstituierender Teil des Kunstwerks geworden. Strukturell und jederzeit. Ob ein einzelner Schriftsteller die darin beschlossenen Möglichkeiten explizit abruft, wie das die Vortragskünstlerinnen Nora Gomringer, Teresa Präauer oder Monique Schwitter in Klagenfurt hervorragend getan haben, ist nur eine Seite des Phänomens. Das literarische Feld insgesamt hat sich verschoben, sodass es kein Nicht-öffentlich-Kommunizieren mehr geben kann. Der Eremit steht immer auf der Säule, auch wenn er sich in einer Höhle verkriecht. Und unter solchen Bedingungen der Öffentlichkeit nimmt sich das bühnenabhängige Prozedere in Klagenfurt inzwischen nicht mehr ereignishaft besonders, sondern wie eine selbstverständliche Praxis aus. Die Welt hat Klagenfurt eingeholt. Und das ist gut so.
Und um die gut zusammenspielende Jury mit drei neuen Mitgliedern in diesem 39er-Jahr kurz zu bedenken, zitieren wir an dieser Stelle die Preisträgerin mit dem letzten Satz ihres Textes Recherche:
»Denn so enden alle Wesen, alle Dinge, auch die Betrachtung der Betrachtungen in den feuchten Augen eines Wesens, fremder als der Nachbar, kaum bei Tageslicht gesehen, doch keineswegs scheu. Und die einen nennen es Gott, und die anderen wissen es besser.«
Bleibt am Ende dieses Anfangs noch das Evidente zu bezeichnen: dass Klagenfurt 2015 weiblich war. Zehn von vierzehn Auto­ren waren Frauen. Die drei besten Texte stammten von Frauen. Die vier Texte von Männern fielen dagegen deutlich ab. Und wer das mit allem Recht einer amodisch nüchternen Lako­nie für Zufall hält, der sei doch auf den schönen Witz hingewiesen, dass sich die meisten, nein, alle der Texte von Männern mit dem Mann selbst in seiner virilen Verirrung oder auch seiner dann eben nicht mehr virilen Niederlage beschäftigen. Muskeln, Messer oder Tränen. Dass schöne Literatur wesentlich von Frauen gelesen wird, wissen wir; dass sie jetzt auch wesentlich von Frauen geschrieben wird, das leiten wir aus diesem Jahrgangsbefund allerdings nicht ab. Freuen uns aber auch so. Und sehen dem 40. Bachmann-Jahr in Klagenfurt hoffnungsfroh entgegen.

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