Anne Holts Ermittlerduo Inger Johanne Vik und Yngvar Stubø
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Sonntag, 04. August 2013 von


Anne Holts Ermittlerduo Inger Johanne Vik und Yngvar Stubø

Inger Johanne Vik versteht die Logik des Bösen. Sie ist Psychologin und Juristin und kennt die menschliche Seele und ihre Abgründe besser als jeder andere. Sie stellt unbequeme Fragen und recherchiert mit Hartnäckigkeit und Akribie. In ihrer Doktorarbeit hat sie untersucht, was Sexualstraftäter von anderen Straftätern unterscheidet. Ihr Interesse gilt den Menschen hinter dem Verbrechen, ihrem sozialen Umfeld und ihren Beweggründen.



Kommissar Yngvar Stubø von der Kriminalpolizei Oslo wird durch eine Fernsehtalkshow, in der Inger Johanne einen couragierten Auftritt hinlegt, auf die junge Frau aufmerksam. Er ist davon überzeugt ist, dass sie der Polizei mit ihren Fähigkeiten eine Hilfe wäre. Vor allem bei einem so schwierigen Fall wie diesem: In Oslo sind zwei Kinder spurlos verschwunden, zuerst die achtjährige Emilie, dann der fünfjährige Kim („In kalter Absicht“). Während die Medien schon wild über einen Kinderschänder spekulieren, hat die Polizei keinerlei brauchbare Hinweise, die die Entführungen erklären könnten.

Yngvar versucht Inger Johanne als Profilerin anzuwerben, sie soll „die Seele des Verbrechers lesen“. Doch sie lehnt ab, mit ihrer Arbeit als Dozentin an der Osloer Universität ist sie komplett ausgelastet. Für ein Forschungsprojekt recherchiert sie alte Fälle aus den 50er-Jahren; sie interessiert sich für Verurteilte, die auch noch im Gefängnis ihre Unschuld beteuerten. Sie will herausfinden, was aus diesen Menschen geworden ist und welchen Einfluss andere, die sich für sie einsetzten, auf ihr Leben hatten.

Und noch ein weiterer Grund hindert Johanne daran, Yngvars Drängen nachzugeben: Das Schicksal der entführten Kinder erschüttert sie in ihrer tiefsten Seele. Sie ist selbst Mutter einer Tochter, für die sie sich das Sorgerecht mit ihrem Exmann Isak teilt. Kristiane ist in der Entwicklung zurückgeblieben, ohne dass die Ärzte jedoch eine Diagnose stellen könnten. Während Isak einen unkomplizierten Umgang mit seiner Tochter pflegt, ist Inger Johanne voller Sorge um Kristiane, die so anders ist und deren Welt sie nicht versteht. 

Doch dann taucht der entführte Junge wieder auf, tot, im Keller seiner Eltern, in der Hand einen Zettel mit der Botschaft: „Du hast bekommen, was du verdienst.“ Und ein weiteres Kind wird tot aufgefunden, am helllichten Tag erstickt im Garten seiner Eltern. Also willigt Inger Johanne ein, Yngvar Stubø zu helfen. Und tatsächlich gelingt es ihr, die Motive des unbekannten, vermutlich gestörten Täters zu rekonstruieren und die Polizei auf die richtige Spur bringen. In Yngvar findet sie einen verlässlichen Partner auf Augenhöhe, mit dem sie hervorragend zusammenarbeiten kann – so schockierend letztlich auch ihre Entdeckungen sind. 

Bald schon verbindet die beiden mehr als nur die gemeinsame Arbeit: Johanne und Yngvar  heiraten, ziehen nach Tåsen, einem Villenviertel am Rande von Oslo, und bekommen ein gemeinsames Kind. Inger Johanne liegt kurz nach der Entbindung im Krankenhaus und hält Ragnhild in ihren Armen, als ihr Mann die Nachricht von einem ungewöhnlichen Mord bekommt („Was niemals geschah“): Norwegens bekannteste Talkmasterin wurde getötet, der Mörder hat ihr die Zunge gespalten und abgetrennt. Die Botschaft könnte nicht deutlicher sein: Diese Frau hat gelogen. Wenige Wochen später stirbt eine Politikerin, auch ihr Tod wurde sorgfältig inszeniert. Sie wird in ihrem Schlafzimmer aufgefunden – gekreuzigt und mit einer Ausgabe des Korans zwischen den Beinen.
Inger Johanne interessiert sich zunächst wenig für Yngvars neuen Fall, denn ihre Aufmerksamkeit gehört ihren Kindern. Voller Sorge beobachtet sie Ragnhild – ob wohl auch mit ihr etwas nicht stimmt? Die Angst kriecht ihr unter die Haut, lässt sie weder schlafen noch essen. Und als sie dann doch einen Blick in die Polizeiakten wirft, die Yngvar ihr auf inoffiziellem Wege zukommen lässt, wird ihr Unbehagen nur noch größer. 

Denn die beiden Ritualmorde erinnern sie an eine Reihe längst zurückliegender Morde:
Während ihres Psychologiestudiums in den USA nahm Inger Johanne an einem profiler course beim FBI teil. Kursleiter war Warren Scifford, einer der fähigsten Ausbilder, der jedoch auch dafür bekannt war, dass er die Nähe zu jungen Studentinnen suchte. In seiner Vorlesung stellte Scifford fünf Morde mit inszenierter Symbolik vor – und exakt jene Morde scheint jemand nun viele Jahre später in Norwegen nachzustellen. 
So hilfreich Inger Johannes Hinweise für die Polizei sind, so wenig lässt sich diesmal sagen, ob die Ermittlungsarbeit Erfolg haben wird. Yngvar ist zunehmend irritiert, wie beharrlich seine Frau über ihre Zeit beim FBI schweigt. Am Abend vor der Hochzeit hat sie ihm das Versprechen abgenommen, niemals nach diesen Monaten in Boston zu fragen. Doch Yngvar, der gerne sein Leben mit ihr teilen möchte, fühlt sich zurückgesetzt und unverstanden. 

Der Konflikt des Ehepaars spitzt sich zu, als die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten auf ihrer ersten Auslandsreise im neuen Amt Norwegen besucht. Trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen verschwindet sie aus ihrem Hotel – vor den Augen der norwegischen Polizei und des FBI („Die Präsidentin“). Bald schon gehen erste Hinweise aus der Bevölkerung ein; die Präsidentin wurde angeblich auf offener Straße gesehen, auf einem Roadtrip durch Norwegen. Spielt hier jemand mit den Ermittlern Katz und Maus?

Yngvar Stubø soll ausgerechnet mit FBI-Agent Warren Scifford zusammenarbeiten, jenem Mann, mit dem Inger Johanne als junge Studentin eine Affäre hatte und den sie mehr als alles andere verabscheut. Yngvar kommt seiner Pflicht nach, denn schließlich steht hier nicht nur das Leben der Präsidentin auf dem Spiel, sondern auch die internationale Sicherheit: Es droht ein Anschlag auf die USA. Doch Warren entpuppt sich bei den Ermittlungen als unzuverlässig; er scheint Erkenntnisse zurückzuhalten und behindert die Arbeit der Polizei. Als die Präsidentin an einem ganz und gar ungewöhnlichen Ort wiederauftaucht, ist Inger Johanne endlich bereit zu erzählen, was damals in Boston passiert ist und welch tiefe Wunden Warren Scifford ihr zugefügt hat. 
Inger Johanne nimmt nach dem Schwangerschaftsurlaub ihre Arbeit an der Universität wieder auf. Das tut auch ihrer Beziehung zu Yngvar gut, denn beide genießen den fachlichen Austausch. Die kleine Patchworkfamilie feiert Weihnachten, als erneut eine Mordserie beginnt („Gotteszahl“): Im Küstenort Bergen wird eine Bischöfin auf offener Straße erstochen. Niemand weiß, wohin die engagierte und allseits geschätzte Frau in der Nacht des Heiligen Abends unterwegs war. Ihr Mann verweigert der Polizei jegliche Auskunft, der Sohn ist mit der Situation überfordert.

Wenig später wird ein junger Stricher in einem Osloer Park erschlagen. Und im Hafen wird eine Leiche angeschwemmt, die bereits so zersetzt ist, dass ihre Identität nur schwer ermittelt werden kann. Hängen diese Fälle miteinander zusammen? Yngvar kommt bei seinen Recherchen nicht weiter – kein Puzzleteil scheint zum anderen zu passen. Den entscheidenden Anstoß liefert Inger Johanne. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit dem Thema Hassverbrechen: Welche Dynamik entwickelt sich in Gruppen mit extremer Gesinnung? Was bringt Menschen dazu, aus purer Abscheu zu töten?

Bei ihrer Recherche stößt Inger Johanne auf eine Gruppe von Zahlenmystikern, die sich die „25er“ nennen. Die religiösen Fanatiker verbindet tiefer Hass auf alle, die sich in ihren Augen unsittlich verhalten. Und sie verüben systematisch Morde an Schwulen und Lesben. Wieder einmal verlässt sich Inger Johannes auf ihre Intuition, ihre Kombinationsgabe, ihr Gefühl für den einen übersehenen Hinweis.


Blick ins Buch
SchattenkindSchattenkind

Kriminalroman

Am Nachmittag des 22. Juli 2011 stirbt in Oslo ein 8-jähriger Junge. Was zunächst wie ein Unfall wirkt, entpuppt sich unerwartet als Mord – und die Ermittlungen der Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik werden zu einem emotionalen Drahtseilakt. Denn sie ist mit der Mutter des Kindes befreundet. Und der 22. Juli ist nicht irgendein Tag in Norwegen, es ist der Tag des Massakers von Utøya.
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1

Der Junge lag auf dem Schoß der Mutter und schien zu schlafen. Er war zu groß für sie, ein Brocken von einem Achtjährigen, quer über den mageren Oberschenkeln der Mutter, die ihre Arme um seinen Leib und unter den blonden Kopf gelegt hatte, um ihn zu stützen.

»Nicht«, sagte die Mutter fast unhörbar. »Nicht. Nicht. Nicht.«

Das linke Auge des Jungen war geschwollen und von geronnenem Blut bedeckt.

»Nicht«, sagte die Mutter noch einmal.

Langsam hob sie das Gesicht zur Decke und holte Atem.

»Nicht!«

Der Schrei füllte den Raum so plötzlich, dass der Vater einen Schritt zurücktrat. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eine dramatische Geste, noch ge­­steigert dadurch, dass er sich zur Wand umdrehte und rhythmisch mit dem Kopf gegen die helle Tapete schlug.

»Ich hätte besser aufpassen müssen«, stöhnte er.

Tock. Tock.

»Es ist meine Schuld. Alles ist meine Schuld. Aufpassen. Immer aufpassen.«

Tock. Tock. Tock.

»Nicht«, schrie die Mutter noch einmal.

Der Mann drehte sich zu ihr um.

Speichel tropfte von seinen Lippen. Blut strömte aus dem einen Nasenloch, aber das schien er nicht zu be­­merken. Er ließ die Arme sinken. Er schien in dem hellgrauen Sommeranzug zu schrumpfen, er schien zu ­welken, wie er da stand und das Blut auf seinen roten Schlips laufen und von ihm aufsaugen ließ.

Die Mutter senkte den Kopf über das zerschundene Gesicht ihres Sohnes und versuchte, seinen linken Arm an seinen Körper zu ziehen. Das ging nicht. Der Arm war gebrochen, am Ellbogen.

Ein Turnschuh lag auf dem Boden.

Der andere hing noch immer am Fuß des Jungen, wippte über den Zehen. Der Schuh war blau und schmutzig und konnte jeden Moment herunterfallen.

Größe 37 oder so, dachte Inger Johanne Vik.

Acht Jahre alt und große Füße. Ferse und Spitze der Socke waren verschlissen.

»Nicht«, murmelte die Mutter wieder und wieder.

»Was ist passiert?«, hätte Inger Johanne gern gefragt, als sie in der Türöffnung stand und zu begreifen versuchte, was sie vor sich sah.

Ihre Stimme versagte.

Sie spürte ein schwaches Vibrieren unter ihren Füßen. Einen Stoß, wie durch ein fernes Erdbeben. Nur für einen Augenblick, dann war es wieder ruhig.

Nicht einmal die Mutter war mehr zu hören.

»Was ist passiert?«, konnte Inger Johanne endlich hervorbringen.

»Ich habe nicht aufgepasst«, sagte der Vater und hob eine schlaffe Hand zur Trittleiter, die mitten in dem großen Wohnzimmer stand.

»Du hast nicht aufgepasst«, wiederholte die Mutter mechanisch in die blutdurchtränkten Haare des Jungen.

»Seid ihr sicher, dass er ...«

Inger Johanne versuchte, einen Schritt auf das Sofa zu zu machen.

»Nicht anfassen«, schrie die Mutter verzweifelt. »Fass mein Kind nicht an!«

»Dann glaube ich ...«, begann Inger Johanne.

Sie hatte hier nichts zu glauben. Nichts zu glauben. Nur zu sehen: die Trittleiter unter der leeren Decke. Keine Lampe dort oben. Kein Haken. Nichts, was zu­­rechtgerückt oder repariert werden müsste, eine hohe Trittleiter, die völlig fehl am Platze war in einem gro­­ßen und aufgeräumten, eleganten Wohnzimmer, wo auf der anderen Seite der Esstisch festlich gedeckt war. Überall Blumen. Wiesenblumen und Gartenrosen in identischen Glasvasen und kleine feste Gestecke zwischen den Gedecken auf dem Tisch. Hinter der Fensterwand hing die Wolkendecke tief und einförmig. Von unten, mitten aus der Innenstadt, konnte Inger Johanne dennoch eine Rauchsäule aufsteigen sehen, dunkleres Grau vor dem dahinter liegenden Fjord.

Ein festlich geschmücktes Wohnzimmer.

Eine blaue Taschenlampe, wie sie jetzt sah, neben dem einen Bein der Trittleiter, eine dunkelblaue große Taschenlampe mit einem Bild von Lightning McQueen. Ein Bund alter Farbstifte, verschlissene und verschmutzte Wachsmalkreide auf einem Stapel.

Ein toter Junge.

Die Taschenlampe brannte.

Ohne so ganz zu wissen, warum, warf Inger Johanne einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Die zeigte 15.28 Uhr, es war Freitag, der 22. Juli 2011.

»Ich muss die Polizei anrufen«, sagte sie leise.

»Die Polizei«, flüsterte die Frau heiser. »Was kann die Polizei denn für meinen Jungen tun?«

»Nur der Ordnung halber«, murmelte Inger Johanne hilflos. »Ich halte es für das Beste.«

Durch die offene Balkontür hörten sie in der Ferne Sirenen.

Viele Sirenen. Sie waren überall, wie es schien.

 

Es war ihr vierter Versuch. Inger Johanne konnte nicht be­­greifen, warum der Notruf an einem friedlichen Freitagnachmittag mitten in der Ferienzeit so unterbesetzt war.

»Notruf der Polizei. Worum geht es?«

Endlich.

»Hallo. Inger Johanne Vik ist mein Name.«

Ein kurzes Zögern.

»Worum geht es?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung leicht gereizt.

»Ein Todesfall. Ein achtjähriger Junge, der ...«

»Im Regierungsviertel? Wo?« Die Frau am anderen Ende der Leitung wirkte gehetzt. »Sehen Sie Rettungsmannschaften in Ihrer Nähe?«, rief sie.

»Nein. Im Regierungsviertel? Ich bin in Grefsen. Bei jemandem ... ich bin bei Freunden, die ...«

»In Grefsen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Sie wohnen im Glads vei.«

»Professor Dahls vei?«

»Nein, der liegt doch gar nicht in Grefsen.«

Inger Johanne war zum Telefonieren in die große Diele gegangen. Jetzt bereute sie das. Die Eltern dürften mit dem Kind nicht allein sein. Dürften überhaupt nicht allein sein. Langsam, als ob sie etwas Verbotenes täte, schlich sie die Treppe zum Wohnzimmer hoch und senkte die Stimme.

»Ich bin im Glads vei. G-L-A-D. Ein Kind ist ... hier ist ein totes Kind. Ein Unfall, wie es aussieht, aber ...«

Die Verbindung riss ab.

»Hallo?«, fragte Inger Johanne.

Keine Antwort.

 

An den folgenden Tagen fragte Inger Johanne sich immer wieder, wie sie es dort überhaupt ausgehalten hatte. Mehrere Male hatte sie das Ehepaar mit dem Kind im Wohnzimmer allein lassen müssen. Die Übelkeit, die sie plötzlich überkommen hatte, hatte sie immer wieder ins Gästebad getrieben, das von der Diele abging. Beim ersten Mal hatte sie zwei Finger dahin stecken müssen, wo die Zunge rau und hart ist. Danach kamen bittere Galle und die Reste eines eiligen Mittagessens hoch, wenn sie sich über die Kloschüssel beugte. Den ­bitteren Nachgeschmack konnte sie unmöglich hinunterspülen, und im Bad duftete es nicht mehr nach Jasmin.

Der Mann und die Frau, die soeben ihr einziges Kind verloren hatten, saßen nebeneinander auf dem Sofa. Der Junge lag noch immer auf dem Schoß der Frau. Der Vater durfte seiner Frau den Arm um die Schulter legen, aber jedes Mal, wenn er die freie Hand hob, um den Jungen zu berühren, schrie die Mutter wieder: »Nicht!«

Auf Inger Johanne achteten sie überhaupt nicht. Sie sprachen nicht mit ihr und beantworteten ihre Fragen nicht mehr. Als sie vom ersten Besuch auf der Toilette zurückkam, hatte der Mann aufgeräumt. Die Trittleiter war verschwunden. Das Blut auf dem Boden war weg­gewischt. Die Taschenlampe mit dem Bild von Lightning McQueen war nirgendwo zu sehen. Die Farbstifte auch nicht. Inger Johanne hätte weinen mögen, als sie die beiden noch einmal und diesmal eindringlicher daran er­­innerte, dass alles unberührt bleiben müsse, bis die Polizei eintraf. Der Mann gab keine Antwort. Sah sie nicht an. Saß nur steif neben seiner Frau und starrte auf den Jungen.

Es war ohnehin zu spät.

Das Wohnzimmer war ordentlich und sauber, als ob es in wenigen Stunden fröhliche Gäste empfangen würde.

Wenn da nur nicht das tote Kind gewesen wäre.

»Nicht«, murmelte die Mutter fast unhörbar.

Es war zehn nach vier, und Inger Johanne hatte bei der Polizei noch immer niemanden erreicht.

»Yngvar«, murmelte sie und wählte seine Nummer.

Nach sechs Klingeltönen wurde sie auf die Mailbox umgeleitet.

»Ruf an«, flüsterte sie. »Du musst mich anrufen. Sofort. Sofort!«

Sie gab sich alle Mühe, sich an ihre Festnetznummer zu erinnern. Der Festanschluss wurde kaum noch be­­nutzt. Endlich fanden ihre Finger die richtigen Ziffern.

Nach zehn vergeblichen Klingeltönen legte sie auf.

Plötzlich schrillte das iPhone im Regal über dem Kamin. Die beiden auf dem Sofa zeigten keinerlei Reaktion.

»Ist das deins?«, fragte Inger Johanne und versuchte, den Blick der Frau einzufangen.

»Nicht«, murmelte die Mutter in die Haare des Jungen.

»Ellen«, sagte Inger Johanne, »kann ich da rangehen?«

Ohne die Antwort, die ja doch nie kommen würde, abzuwarten, griff sie nach dem iPhone und berührte das Display mit dem Daumen.

»Hallo?«

»Hallo, Ellen.«

Eine Frauenstimme redete atemlos drauflos.

»Hier ist Marianne. Ich wollte nur fragen, ob es nicht besser wäre, das Fest abzusagen, jetzt, wo ...«

»Hier ist nicht Ellen. Hier ist Inger Johanne.«

»Inger Johanne? Hab ich die falsche ... ich dachte, wir sollten um sieben kommen.«

»Ja, schon. Ich bin hier, um ... ich wollte ein bisschen helfen, und dann ...«

»Aber jetzt, wo diese schreckliche Sache passiert ist, dachte ich ...«

Inger Johanne drückte sich Daumen und Zeigefinger auf die Nasenwurzel.

»Ja«, sagte sie leise und kehrte den beiden auf dem Sofa den Rücken zu. »Es ist entsetzlich. Aber woher in aller Welt weißt du schon ...«

»Meine Schwester ist mit einem Muslim verheiratet«, sagte Marianne am anderen Ende der Leitung. »Zwei Kinder. Zwei dunkle Kinder! Wie soll es in diesem Land jetzt weitergehen?«

Ihre Stimme versagte.

»Muslim«, wiederholte Inger Johanne verwirrt. »Ich verstehe nicht so ganz, was ...«

Marianne schluckte hörbar, dann räusperte sie sich und sagte laut: »Ich kann jetzt jedenfalls nicht kommen. Das Beste wäre, die ganze Sache abzusagen. Kannst du das Ellen einfach ausrichten? Die anderen sind sicher auch nicht in der Stimmung, um in Erinnerungen an die Schulzeit zu schwelgen, jetzt, wo so etwas in Norwegen passiert. In Oslo.«

»Natürlich wird das Essen ausfallen, aber was ...«

»In unserer Stadt, Inger Johanne, in unserer Stadt!«

»Marianne ...«

»Hast du die Bilder gesehen? Im Fernsehen? Das müssen doch viele Hundert Tote sein. Und meine Schwester ist ja ...«

»Marianne«, sagte Inger Johanne, jetzt mit schärferer Stimme. »Worüber redest du eigentlich? Was zeigen sie im Fernsehen? Was ist passiert?«

»Weißt du das nicht?«

»Nein.«

»Weißt du nicht, dass jemand die halbe Innenstadt in die Luft gesprengt hat? Eine Riesenbombe, Inger Johanne! Terroristen, heißt es, muslimische Terroristen, und was jetzt ...«

Inger Johanne hörte nicht mehr zu. Sie hörte nichts mehr.

Sie stand mit dem Rücken zum Kamin und schaute zum Sofa hinüber. Dann ließ sie den Blick zum Fenster wandern. Hinter den regennassen Rosensträuchern im Garten und den heruntergekommenen Stadtvierteln, die Grefsen vom Zentrum trennten, vor dem grauschweren Fjord, ganz weit unten, ein wenig östlich vom gedrun­genen Rathausturm, war die Rauchsäule etwas größer geworden.

»Du weißt doch, wer heute Abend kommen wollte«, sagte Inger Johanne langsam.

»Ja, ich habe die Gästeliste zusammengestellt. Alle Mädchen aus der 3b, außer ...«

»Ruf sie an. Sag ab.«

»Kann Ellen nicht ...«

»Bitte.«

»Aber meine Schwester ...«

»Ruf an, Marianne. Sag ab. Bitte. Kann ich mich darauf verlassen?«

Es knackte in der Leitung, und Inger Johanne sagte noch einmal: »Bitte, Marianne.«

»Na gut. Von mir aus.«

»Du hast nicht aufgepasst«, weinte Ellen auf der anderen Seite des Wohnzimmers.

Die Verbindung wurde unterbrochen.

»Ellen«, sagte Inger Johanne, so ruhig sie konnte, und ging einige Schritte auf das makabre Bild auf dem Sofa zu. »Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn ...«

Sie wurde vom Knall einer zuschlagenden Tür unterbrochen und fuhr zusammen. Dem Klirren, mit dem ihr eigenes Telefon auf den Boden aufschlug, folgten schnelle Schritte aus der Diele und eine summende Stimme, die sich dem Wohnzimmer näherte.

»Hallo«, sagte ein Mann fröhlich und breitete die Arme aus. »Bist du so weit, Jon? Eure Klingel funktioniert nicht, nur damit ihr das wisst.«

Der Mann konnte höchstens dreißig sein. Er fuhr sich mit der Hand durch die dichten halblangen Haare, die stärker sommerlich gebleicht waren, als nach den letz­­ten Wochen zu erwarten gewesen wäre. Das eng sitzende eisblaue T-Shirt betonte die sonnenbraune Farbe der Haut. Noch immer lächelte er strahlend und musterte Inger Johanne mit rasch abnehmendem Interesse, dann machte er zwei Schritte auf das Sofa zu.

»Hallo, Tarzan«, sagte er grinsend zu dem Jungen. »Sollen wir ...«

Er unterbrach sich. »Was zum Teufel ...«

»Nicht«, murmelte Ellen.

»Was zum Teufel«, sagte der Mann atemlos. »Jon! Jon, verdammt, was ist denn mit Sander los?«

»Sander ist tot«, sagte Inger Johanne. »Ich versuche schon die ganze Zeit, die Polizei anzurufen, aber die ...«

»Tot? Was soll das heißen ... reden Sie keinen Scheiß! Jon! Jetzt sag doch was! Was ist los mit euch? Was ist los mit ...«

»Nicht«, flüsterte Ellen.

»Ich habe nicht aufgepasst«, wiederholte Jon mit monotoner Stimme.

»Die Polizei«, sagte Inger Johanne und hob ihr zerbrochenes Telefon auf. »Wir müssen die Polizei informieren, aber die sind offenbar beschäftigt mit dieser ... Explosion in der Innenstadt.«

»Explosion?«, wiederholte der Mann. »Welche Explosion? Was ist mit Sander passiert und was ...«

Er machte einen Schritt zum Sofa hin, überlegte sich die Sache aber anders und blieb stehen.

Inger Johanne holte tief Luft.

»Wir müssen die Polizei informieren«, sagte sie noch einmal. »Aber es gab in der Innenstadt offenbar ein ... einen größeren Zwischenfall, und damit sind sie be­­schäftigt. Ich schlage vor, Sie ...«

Sie starrte den jungen Mann an.

»Joachim«, sagte der heiser. »Ich heiße Joachim. Jon, Sander und ich wollten doch ... Ich meine, Ellen hatte doch Gäste eingeladen, und wir ...«

Er kam nicht weiter. Inger Johanne konnte sehen, dass sich seine blauen Augen mit Tränen füllten und dass er seinen Blick nicht von dem toten Jungen abwenden konnte.

»Du bleibst hier«, sagte sie. »Nichts anfassen. Vor allem ... Sander nicht anrühren. Ich gehe nach unten in die Küche und rufe alle bei der Polizei an, die mir ein­fallen. Ich nehm dein Telefon, Ellen.«

Die Mutter des Jungen gab keine Antwort.

»Hierbleiben!«, sagte Inger Johanne mit scharfer Stimme zu allen zusammen, als hätte sie es mit einer Schar ungehorsamer Hunde zu tun. »Hierbleiben und nichts anfassen.«

Mit ihrem zerbrochenen Telefon in der einen Hand und Ellens iPhone in der anderen ging sie zur Tür. Ein schwacher Duft nach Rasierwasser streifte ihre Nase, als sie an Joachim vorbeikam. Es roch teuer, und über seine Schultern hatte er einen Pullover aus feinem Kaschmir gelegt.

Sie war seit fünfundfünfzig Minuten hier.

Und in der Ferne heulten die Sirenen ununterbrochen.

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