Yukon River
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Alaska – mit dem Kanu bis zum Beringmeer

Dienstag, 24. Januar 2017 von Piper Verlag


Unterwegs auf dem Yukon mit Dirk Rohrbach

Großer Fluss, so nennen den Yukon die Athabasken-Indianer, die seit Jahrtausenden an seinen Ufern leben. Und das ist er wahrlich, wenn auch nicht der längste. Allein in Nordamerika sind Missouri, Mississippi und Mackenzie länger. Aber mit seinen gut 3000 Kilometern und den gigantischen Wassermassen zählt der Yukon River zu den mächtigsten Strömen unserer Erde…

Bis heute ist er die Lebensader für die Siedlungen im Herzen Alaskas, zu denen keine Straße führt. Der Goldrausch des 19. Jahrhunderts hat ihn legendär gemacht, durch die Bücher von Jack London, Robert Service und Pierre Berton wurde er zum Mythos.

Es ist die dritte Reise von Dirk Rohrbach auf dem Yukon. Wieder mit einem Kanu aus Birkenrinde, das er sich für einen Solo-Trip vor ein paar Jahren gebaut hatte. Er erzählt von seinen Abenteuern zwischen Bären und Moskitos, atemberaubender Landschaft und der Magie des Großen Flusses.


Mythos Yukon: 3000 Kilometer im Kanu

Dirk Rohrbach folgt einen Sommer lang dem Lauf dieser Lebensader, die aus Bergseen entspringt, zum reißenden Fluss und schließlich zu einem breiten Strom wird. Im selbst gebauten Birkenrindenkanu begegnet er Jägern, Fischern und Aussteigern, die heute nicht mehr Gold, aber immer noch ihr Glück suchen. Er stellt sich einer gnadenlosen, atemberaubend majestätischen Welt. Und erfährt, wie die Nachfahren der Ureinwohner ihre Traditionen zu bewahren suchen, wie Häuptlinge und Trapper mit Wölfen, Bären und mit der Einsamkeit leben.


Blick ins Buch
YukonYukon

3000 Kilometer im Kanu durch Kanada und Alaska

Mythos Yukon: Einen Sommer lang folgt Dirk Rohrbach dem Lauf dieser Lebensader, die als Bergsee beginnt, zum reißenden Fluss und schließlich zu einem breiten Strom wird. Unterwegs in seinem selbst gebauten Kanu aus Birkenrinde begegnet er Jägern, Fischern und Aussteigern, die heute nicht mehr nach Gold, aber immer noch ihr Glück suchen. Er erfährt, wie Häuptlinge und Trapper mit Elchen, Wölfen und Bären in der endlosen Einsamkeit leben. Wie die Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner ihre Traditionen zu bewahren suchen. Er erlebt eine gnadenlose, immer wieder atemberaubend majestätische Welt. Und er lernt sich selbst neu kennen auf dieser epischen Reise durch den weiten Norden Amerikas.
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Prolog

 

Die Sonne streicht sanft über die Bergkämme und taucht die dichte Schneedecke in zartes Rosa. Minus 35 Grad zeigt das Thermometer draußen. Mein erster Morgen zurück im Yukon. Ich sitze am groben Holztisch meiner urigen Trapperhütte. Drei kleine Marderfallen baumeln von den Holzbalken, ein mächtiges Elchgeweih prangt unter dem kurzen Vordach. »Manchmal erzähle ich den Leuten, dass die cabin von den Goldsuchern vor über hundert Jahren gebaut wurde. Die haben sich dann hier Boote gezimmert und sind damit den Yukon runter zum Klondike«, erklärte Andreas gestern bei meiner Ankunft schmunzelnd. Tatsächlich hat der Mann aus dem Erzgebirge die Hütte erst vor gut fünfzehn Jahren gebaut, nachdem er nach Kanada ausgewandert war. Auch die spartanische Einrichtung stammt aus seiner Hand. Vier Stühle, Hochbett, Küchenzeile mit Arbeitsplatte, Ablagen und einem Minispülbecken, aus dem ein Schlauch das Abwasser nach draußen leitet. Fließendes Wasser gibt es allerdings keines, die Hütte ist dry, wie so viele hier oben im Norden, vor allem wenn sie nicht ganzjährig bewohnt sind. Der Aufwand, die Leitungen gegen den strengen Frost des arktischen Winters zu isolieren, wäre zu groß. Dafür stehen handliche Container mit Wasser aus Andreas’ eigenem Brunnen bereit. Ein schlichter Gasherd bietet zwei Kochflächen, eine Verblendung aus rustikalen Holzbalken versteckt den alten Kühlschrank, und in einer Ecke sorgt ein kleiner Bollerofen für wohlige Wärme. Vor mir am Fuß des Hanges erstreckt sich der Marsh Lake, der jetzt, Mitte Februar, noch unter einer robusten Eisdecke ruht. Auch wenn der arktische Winter seinen Zenit schon lange überschritten hat, können die frostigen Temperaturen bis weit in den April anhalten. Erst im Mai wird das Eis auf dem See brechen, spätestens dann beginnt mit aller Macht die überschwängliche Zeit des kurzen, nordischen Frühlings. Mein Blick schweift rüber zum Westufer. Dort habe ich im Juni letzten Jahres zum ersten Mal aufatmen können. Nach tagelangem Bangen, einem Beinahe-Totalschaden am Boot und zähem Ringen mit Wind und Wellen kündigten die Hütten am Marsh Lake das Ende der Quellseen und den offiziellen Beginn des Yukon River an. Und für mich hoffentlich entspanntere Zeiten auf meiner Reise zur Beringsee.
Ich kann nicht mehr genau sagen, was den Ausschlag gegeben haben mag. Sicher spielten die Geschichten von Jack London eine Rolle. Auch eine Reise mit meinem Schulfreund Matthias vor zwanzig Jahren. Damals wollten wir mit Kanu und Rucksack durch den Sarek-Nationalpark in Lappland. »Europas letzte Wildnis« versprach raue, unwegsame Natur, Elche und Bären, Gletscher und Gebirgsseen, Klima und Landschaft wie im Norden des amerikanischen Kontinents. Und ja, auch Moskitos, aber dazu erst später. »Wenn du einmal hier oben warst, kommst du immer wieder. Oder niemals. Dazwischen gibt es nichts«, hatte uns ein schwäbisches Pärchen unterwegs versprochen. Wie recht die beiden hatten. In den fünf Wochen unserer Reise froren und schwitzten wir, hungerten, um später in der Zivilisation wieder Unmengen von Kalorien in uns zu stopfen. Wir saugten die unendliche Weite des Nordens ein, atmeten seine klare Reinheit. Und mit jedem Meter durch die Wildnis wuchs der Wunsch zurückzukehren. Immer wenn ich Bilder aus dem Norden sah, Geschichten hörte, wuchs die Sehnsucht ins Unermessliche. Es ist schwer, dieses Gefühl auch nur ansatzweise zu beschreiben oder zumindest zu erklären. Vielleicht ist es Magie, unerklärlich, aber doch spürbar. Vielleicht ist es die Auseinandersetzung mit den Naturgewalten, mit sich selbst, wenn man sich nur auf die essenziellen Dinge Nahrung, Wärme, Schutz konzentriert. Und dass man jeden Moment seine eigene Kleinheit spürt, im Angesicht der Majestät der Schöpfung. Wenn Sie selbst schon einmal den Norden bereist haben, werden Sie vielleicht ähnlich empfinden. Ich hoffe jedenfalls, dass Sie am Ende dieses Buches die Faszination, die von diesem Land ausgeht, besser nachvollziehen können. Es ist nicht die Geschichte eines Abenteuers auf Leben und Tod, auch wenn es einige brenzlige Situationen gab. Und der Yukon ist nicht der schönste, gefährlichste oder einsamste Fluss der Welt. Er ist nicht mal der längste in Nordamerika. Tatsächlich ist er mit seinen stattlichen 3200 Kilometern nur die Nummer 4, der König heißt Missouri und ist fast 1000 Kilometer länger. Aber er hat in jeder Hinsicht monumentale Ausmaße. Im einen Moment scheint er das lieblichste Gewässer, selbst für einen Familienausflug geeignet. Im nächsten Moment aber wird er zum bedrohlichen Monster, das man lauthals verfluchen könnte.
Ich möchte Sie auf den folgenden Seiten an meiner Reise durch den Norden teilhaben lassen. Auch weil ich in den letzten Monaten gespürt habe, dass meine Sehnsucht von vielen geteilt wird. Ich werde Ihnen von den überwältigenden Begegnungen mit den Menschen am Fluss berichten, von Einsamkeit, Entbehrung, Momenten tiefsten Glücks, von atemberaubender Natur und ja, auch von der unersättlichen Plage des Nordens. Später. Es ist die Geschichte einer epischen Reise, auf der ich auch mich selbst neu kennengelernt habe. Jetzt aber lege ich noch einen Scheit Brennholz nach und will raus in Kälte und Schnee, der bei jedem Schritt vor Trockenheit laut unter den Gummisohlen quietscht. Keine Stunde von hier lebt Keith, der Totemschnitzer der Tagish in Carcross. Wir wollen gemeinsam zum Fallenstellen. Ich habe ihn letztes Jahr zu Beginn meiner Reise getroffen, gleich nach dem katastrophalen Unfall …

 

Dirk Rohrbach,
Marsh Lake, Yukon Territory,
Mittwoch, 16. Februar 2011

 

Das Boot

 

Von Meistern und Grashüpfern,
einem Murmeltier names Banjohead
und Leonardo da Vinci im Plumpsklo

 

Next Exit Yukon – nächste Ausfahrt Yukon? Ich zuckte kurz zusammen, als ich das Straßenschild am Interstate entdeckte. Dann erinnerte ich mich und musste schmunzeln. Vor vielen Jahren war ich hier schon einmal vorbeigekommen. Yukon, Oklahoma, ein kleines Prärienest, das mir nur deshalb in Erinnerung blieb, weil es die Heimatstadt von Garth Brooks ist. Der war in den Neunzigern musikalisch das Maß aller Dinge in den USA, hat mittlerweile über 130 Millionen Platten und CDs allein in Amerika verkauft, mehr als Elvis und Michael Jackson. Auch für mich war er lange Zeit der Größte, seine Musik lief rauf und runter, jeden Song konnte ich lauthals mitgrölen. Garth war eine Ausnahmeerscheinung, der erste Rockstar der Country Music seit Hank Williams. Seine Songs blieben größtenteils traditionell, aber die Liveshows inszenierte er wie eine gigantische Rock-’n’-Roll-Party und setzte damals völlig neue Maßstäbe. Er allein machte Country Music in den 90ern zum erfolgreichsten Musikformat Amerikas. Und auch wenn er sich nach nur zehn Jahren herausragenden Wirkens in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete, blieben für mich dieser Mann und seine Musik faszinierend. Kurz entschlossen setzte ich den Blinker und nahm die Ausfahrt. Yukon. Verrückt. Tatsächlich vereinte dieser Name Faszination und Sehnsucht für mich in gleich zweierlei Hinsicht. Da waren die Musik meines Country-Helden aus vergangenen Tagen und der Fluss, der mich mindestens genauso lange schon begeisterte und mit dem ich bald für viele Wochen verbunden sein würde. »Willkommen in Yukon – zum Yukon Community Center und Yukon-Stadtpark geradeaus«, verkündeten die Schilder am Ortseingang. Daneben, schon deutlich verblichen, der Hinweis auf Yukon als Heimat von Garth Brooks. »Sie werden Yukon lieben!«, prangte in roten Lettern auf einem mächtigen Wassertank, von dem die Farbe blätterte. Für mich klang das wie eine Verheißung, über die ich mich zunehmend amüsierte, als ich auch noch am Yukon Super Buffet vorbeifuhr und schließlich den gestern gekauften Yukon-Blend-Bio-Kaffee im braunen Gras auf dem Grundstück des örtlichen Bestattungsunternehmens für ein Foto platzierte. Den Kaffee hatte ich in einer Filiale von Amerikas größter Kaffeehauskette entdeckt. Der stilisierte Grizzly, der hoch aufgerichtet vor markantem Bergpanorama posierte, fiel mir sofort ins Auge; Kompliment an die Verpackungskünstler. Ich nahm eine Packung in die Hand und las. »Auch wenn es wie eine unglaubliche Geschichte klingen mag, im Jahre 1971 wandte sich der Kapitän eines Fischkutters mit der Bitte an uns, doch einen Kaffee zu kreieren, der seine Besatzung selbst bei schlechtestem Wetter vor der Küste Alaskas bei Laune halten würde. Diese Bitte haben wir uns zu Herzen genommen und sind stolz, Ihnen unseren Yukon Blend präsentieren zu dürfen. Kräftig und markant, wie die Männer, die ihn trinken.« Noch mal Kompliment, diesmal an die Marketingabteilung, auf deren Strategie ich sofort reingefallen war. Jetzt wollte ich noch eine Kaffeemühle besorgen und könnte jeder Sturmfront trotzen.
Eigentlich fehlte nur noch der passende Wagen. So heißt denn der Edel-SUV von GMC tatsächlich ›Yukon‹, seit vielen Jahren ein Verkaufsrenner, trotz monumentalem Spritverbrauch und saftigem Preis. Allein der Name verspricht wilde Abenteuer, und sei es nur auf dem Highway-Dschungel von L.A., durch den man sich im Schritttempo von einem Megastau zum nächsten quält. Aber hey, wenn’s wirklich drauf ankommt, dann … dann wäre ich gewappnet, mit meinem Spaßmobil. Ich habe mich dann doch anders entschieden. Für einen betagten, weißen Ford F100, Baujahr 1974, mit kleiner Camper-Kabine, 90 000 Meilen, in exzellentem Zustand. Das lag auch am Wüstenklima Arizonas, das Rost schlichtweg nicht entstehen ließ und in dem er die ersten 36 Jahre seiner Existenz verbringen durfte. Musste eine Weile suchen, bis ich den Truck im Internet gefunden hatte. Die Ausstattung klassisch-spartanisch, 4-Gang-Schaltgetriebe, durchgehende Sitzbank, Hüftgurt, aber immerhin schon Klimaanlage und ein gemütlicher V8-Motor, bestens zum Highway-Cruisen geeignet. Später, als ich immer wieder gefragt wurde, wie sie heiße (ja, Trucks sind zumindest in Amerika offenbar stets weiblichen Geschlechts), gab ich ihr den Namen ›Loretta‹, vielleicht auch, weil sie mich mit ihrer klassisch-schlichten Erscheinung an Country-Königin Loretta Lynn denken ließ.
Sie merken schon, Country Music spielt eine große Rolle in meinem Leben. Ich mag die Wehmut, die Sehnsucht der Songs, die einfachen Geschichten, aber auch die vielen Facetten. Klar, dass ich bei meiner Fahrt zum Yukon vorzugsweise nach Country-Stationen im Radio suchte. Meist mit Erfolg, kein anderes Genre ist häufiger vertreten in Amerika. Etwa die Hälfte aller Sender hier spielt ausschließlich Country. Auch auf dem Fluss sollte mich diese Musik begleiten, obwohl ich weder Radio noch MP3-Player mitnehmen wollte. Besonders ein Song von Garth Brooks würde eine große Rolle spielen. Aber das war mir noch nicht klar, als ich nach kurzem Stopp in seiner Heimatstadt wieder auf die Autobahn rollte.
Ich hatte mich entschlossen, meine Reise auf dem Yukon in einem traditionellen Kanu aus Birkenrinde zu unternehmen. Nicht nur, weil es toll aussieht. Ich wollte ja vor allem den Menschen am Fluss begegnen. Die über zwanzig Siedlungen und Dörfer, die sich vor allem in Alaska an den Yukon reihen, sind traditionelles Territorium der Ureinwohner. Im Inland gehört es den Gwich’in Athabasken, die früher ihre Boote selbst aus Birkenrinde fertigten. Sie gaben dem Fluss auch seinen Namen. In ihrer Sprache bedeutet Yukon schlicht ›großer Fluss‹. Ich wollte keineswegs Indianer spielen, vielmehr den Menschen authentisch begegnen, selbst wenn die längst auf Aluboote umgestiegen waren. Und sicher würde ein Birkenrindenkanu Türen öffnen oder zumindest die Kontaktaufnahme erleichtern. Mein erstes Kanu dieser Art hatte ich im Jahr zuvor gesehen, als ich zum Yukon reiste, um ein paar Tage auf ihm zu paddeln und ein Gespür für Fluss und Land zu bekommen. Ich besuchte damals in Dawson City ein indianisches Museum am Ufer des Yukon. Dort befanden sich ein Jagdkanu und ein kleines Modell, das die Herstellung erklären sollte. Ich fragte die Kuratorin, ob die Menschen noch solche Boote benutzten, und erzählte ihr von der Idee meiner Reise. »Oh, da fragst du am besten das Mädchen, das das Modell hier gefertigt hat. Sie ist Halbindianerin, ihr Vater, ein Frankokanadier, hat seine Kenntnisse bei den Stammesältesten erworben und dann an seine Tochter weitergegeben.« Just in diesem Moment betrat eine junge Frau das Museum. »Na, das trifft sich ja, wir haben gerade von dir gesprochen.« Ich weiß nicht, wie Sie es mit Zufällen halten, auf meinen Reisen kommt es auffällig häufig zu solch glücklichen Fügungen. Ich bin wahrlich kein Esoteriker, aber manchmal muss ich dann schon sehr schmunzeln, wie sich die Dinge ergeben oder entwickeln. »Auf keinen Fall!« war ihre prompte, ernüchternde Antwort auf meine Frage, ob ich damit den Yukon hinabfahren könne. »Vielleicht wenn jemand in einem Begleitboot mitfährt, der dich im Notfall rettet.« Ich erkannte den Ansatz eines schelmischen Grinsens in ihrem hübschen Gesicht. Diese Kanus seien für die Jagd konzipiert, leicht, schnell, wendig, aber eben nicht sehr stabil und für so eine lange Reise einfach nicht geeignet. Wie schade, ich sah mich schon im Geiste als Lederstrumpf mit Waschbärmütze, dem gerade die Felle davonschwammen. Ich könnte ja noch ihren Vater Halin fragen, der sei der eigentliche Experte. Außer ihm gebe es im Yukon keinen mehr, der die traditionellen Boote baute. Er habe sogar schon ein riesiges Voyager-Kanu aus Birkenrinde gebaut. Da passten locker acht oder zehn Leute rein, plus Felle, Ausrüstung und Proviant. So seien früher die Pelzhändler unterwegs gewesen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich meine anfängliche Enttäuschung überwunden hatte. Drei Monate später, zurück in Deutschland, schrieb ich eine Mail an Halin und hörte wochenlang nichts. Ich hatte meinen Traum vom Birkenrindenkanu längst begraben, als er plötzlich doch noch antwortete. In gebrochenem Englisch entschuldigte er sich für die Verspätung, er sei gerade in Patagonien, wolle dem Winter im Yukon entfliehen und sich ganz seiner Kunst widmen, der Malerei. Im Übrigen könne man eine Reise, wie ich sie vorhätte, selbstverständlich in einem Kanu aus Birkenrinde machen. Man müsse eben nur das passende Modell wählen. Ich horchte auf und erfuhr, dass es Dutzende unterschiedlicher Stile gab, jeder Stamm hatte quasi seinen eigenen. Und auch wenn das Grundprinzip der Herstellung bei allen ähnlich war, so unterschieden sie sich eben je nach Zweck und Region doch deutlich in den Details. Halin riet mir zu einem Kanu, das die Indianer der Great Lakes an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten früher benutzten. »Die mussten teilweise wochenlang unterwegs sein, transportierten in ihren robusten Booten manchmal den halben Hausstand samt Familie.« Großartig, ich würde meine Reise also doch noch stilecht machen können. Allerdings wollte ich das Boot auch gerne bauen oder zumindest dabei mithelfen. »Kein Problem«, schrieb Halin. »Dann geht es schneller …« Anfang Juni wäre mein Wunschtermin für den Start, gleich nach dem Eisaufbruch auf den Quellseen, um nicht in die gefährlichen Herbststürme im Delta zu geraten, vor denen mich viele im Vorfeld gewarnt hatten. Halin wollte eigentlich nicht so früh zurückkommen, es sich aber noch mal überlegen. Tage des Bangens vergingen. Dann kam die erlösende Nachricht, er könne sicher auch ein paar Tage früher kommen. Ich war erleichtert, wenn auch nur für einen sehr kurzen Moment. Denn Halin merkte noch an, dass er mir keine definitive Zusage geben könne. Wie? Was hieß das denn? Na ja, es sei schon wahrscheinlicher, dass er käme, als dass er nicht käme. Aha. Und im Übrigen glaube er fest daran, dass, was geschehen soll, auch geschehen wird. Er würde sich dann zu gegebener Zeit melden.
Vier Wochen konnte ich diese Ungewissheit ertragen. Dann fing ich an zu recherchieren. Es musste doch noch andere geben, die Kanus aus Birkenrinde bauten. Im Yukon nicht, das hatte mir Halin glaubhaft versichert. Ich tippte birchbark, canoes und building in die Internet-Suchmaschine. Bald hatte ich eine Handvoll Namen recherchiert und nahm Kontakt per Mail auf. Irgendwann schrieb mir Tom Byers aus Ontario im Osten Kanadas. »Wenn du Lust hast, kannst du schon im April kommen. Dann kriegen wir noch Winterrinde, die ist etwas dicker, und du kannst sie sogar verzieren, wenn du die dunkle Zusatzschicht wegschabst.« Ich schaute mir die Bilder auf seiner Homepage an, las über ihn. Er gehörte zu den Métis, einer ethnischen Gruppe in Kanada, meist Nachfahren französischer Trapper mit indianischen Frauen. Tom lebte in einem kleinen Blockhaus ohne Strom und fließend Wasser, einsam an einem Fluss inmitten der Wälder. Fast zu kitschig, um wahr zu sein. Ich war begeistert, zögerte aber noch. Wegen des Riesenumwegs und weil ein Kanubau am Yukon natürlich authentischer wäre. Halin nahm mir ein paar Tage später die Entscheidung ab, als er verkündete, dass er in diesem Jahr vermutlich gar nicht zum Yukon kommen würde. Das, was geschehen soll, wird auch geschehen. Oder eben nicht.

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