Womens Prize for Fiction
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Women's Prize for Fiction 2018

an Kamila Shamsie

Der Women's Prize for Fiction 2018 geht an die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie für ihren Roman »Homefire«.

Die mit £ 30.000 dotierte Auszeichnung wird seit 1996 vergeben und gilt als Großbritanniens prestigereichster Preis für von Frauen geschriebene Literatur. Die Jury würdigte Shamsies siebten Roman als »Buch für unsere Zeit«: »›Homefire‹ erzählt über Identität, Loyalitätskonflikte, Liebe und Politik – und dies meisterhaft in Form und Inhalt.« Unter dem Titel »Hausbrand« erscheint der Roman in der Übersetzung von Nikolaus Hansen am 4. September 2018 im Berlin Verlag.

Weitere Infos finden Sie unter womensprizeforfiction.co.uk.

Über Kamila Shamsie

Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006), »Verglühte Schatten« (2009) und »Die Straße der Geschichtenerzähler«  (2015). Shamsie schreibt regelmäßig für den »Guardian« und erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Preise, u. a. wurde sie 2013 als »Granta Best of Young British Novelists« ausgezeichnet.

HausbrandHausbrand

Roman

»Isma würde ihre Maschine verpassen. Mit dem Verhör hatte sie gerechnet, aber nicht mit der stundenlangen Warterei ...« Es ist kein Zufall, dass man Isma am Londoner Flughafen derart in die Mangel nimmt. Schon ihr Vater war ein Dschihadist, und nun hat sich ihr kleiner Bruder dem IS angeschlossen. Der ultimative Verrat, denn ihn und seine Zwillingssschwester Aneeka hat Isma großgezogen. Nach dem frühen Tod beider Eltern hatte sie ihr Studium abgebrochen, um für die jüngeren Geschwister die Mutterrolle zu übernehmen. Als die Zwillinge auf eigenen Füßen stehen können, bekommt Isma in den USA ein Stipendium und könnte dort weiterstudieren. Und das Wunder geschieht - sie darf einreisen. Dort angekommen freundet sie sich mit Eamonn an, einem jugnen Engländer, der wie sie pakistanische Wurzeln hat, aber aus priviligierten Verhältnissen stammt. Als ihr kleiner Bruder dem IS den Rücken kehren will, könnte Eamonns einflussreicher Vater - er ist der Innenminister Großbritanniens - helfen. Doch der ist ein Hardliner, wenn es um die ›Sicherheit‹ der Engländer geht ...  Was ist Recht? Was Gerechtigkeit? Um diesen Konflikt, der uns seit Sophokles'  Antigone beschäftigt, hat Kamila Shamsie einen herzzerreißenden Roman geschrieben. 

ISMA

1 Isma war auf dem besten Wege, ihren Flug zu verpassen. Das Ticket würde nicht erstattet werden, weil die Airline nicht bereit wäre, für Passagiere geradezustehen, die zwar drei Stunden vor Abflug am Flughafen sind, aber in ein Befragungszimmer abgeführt werden. Mit dem Verhör hatte sie gerechnet, nicht jedoch mit der stundenlangen Wartezeit vorher und auch nicht mit dem erniedrigenden Gefühl, das mit der Untersuchung des Inhaltes ihres Koffers einherging. Sie hatte darauf geachtet, nichts einzupacken, was Kommentare oder Fragen provozieren könnte – keinen Koran, keine Familienfotos, keine Bücher aus ihren akademischen Interessengebieten –, und trotzdem griff die Beamtin nach jedem einzelnen Kleidungsstück Ismas, betastete es zwischen Daumen und Fingern, weniger, um nach verborgenen Taschen zu suchen, als um das Material zu begutachten. Schließlich nahm sie die Designerdaunenjacke, die Isma beim Eintreten über einen Stuhl gehängt hatte, und hielt sie mit beiden Händen an den Schultern.

»Die gehört nicht Ihnen«, sagte sie, und Isma war sich sicher, dass sie nicht meinte, weil sie mindestens eine Nummer zu groß ist, sondern eher, weil sie viel zu schick ist für eine wie Sie.

»Ich hab in einer Reinigung gearbeitet. Die Frau, die sie gebracht hat, wollte sie nicht zurück, weil der Fleck nicht rausgegangen ist.« Sie zeigte auf den Fettfleck an der Tasche.

»Weiß der Geschäftsführer, dass Sie sie genommen haben?«

»Ich war die Geschäftsführerin.«

»Sie waren Geschäftsführerin einer Reinigung, und jetzt sind Sie unterwegs nach Amherst, Massachusetts, um an einem Promotionsstudiengang in Soziologie teilzunehmen?«

»Ja.«

»Und wie kam es dazu?«

»Meine Geschwister und ich haben unsere Eltern kurz nach meinem Examen verloren. Sie waren zwölf – Zwillinge. Ich hab den erstbesten Job angenommen. Jetzt sind sie erwachsen; ich kann mein eigenes Leben wieder aufnehmen.«

»Sie nehmen Ihr eigenes Leben wieder auf … in Amherst, Massachusetts?«

»Ich hab das akademische Leben gemeint. Meine Tutorin an der LSE lehrt inzwischen in Amherst an der Universität. Sie heißt Hira Shah. Sie können sie anrufen. Ich werde nach meiner Ankunft bei ihr wohnen, bis ich eine Wohnung gefunden habe.«

»In Amherst.«

»Nein. Ich weiß nicht. Verzeihung, meinen Sie ihre Wohnung oder die Wohnung, die ich mir suche? Sie lebt in Northampton – das ist in der Nähe von Amherst. Ich werde in der ganzen Gegend schauen, wo ich was Passendes finde. Das kann in Amherst sein, muss aber nicht. Auf meinem Handy sind ein paar Immobilienangebote. Das haben Sie.« Sie hielt inne. Die Beamtin benahm sich, wie Isma es von Sicherheitspersonal kannte – diese Leute blieben stumm, während man ihre Fragen geradeheraus beantwortete, was einem das Gefühl gab, man müsse noch mehr sagen. Und je mehr man sagte, desto schuldiger fühlte man sich.

Die Frau ließ die Jacke in das Durcheinander von Klamotten und Schuhen fallen und sagte zu Isma, sie solle warten.

Das war eine Weile her. Ihr Flug würde jetzt aufgerufen. Isma sah hinüber zu ihrem Koffer. Sie hatte die Sachen, nachdem die Frau aus dem Raum gegangen war, wieder eingepackt, und seitdem fragte sie sich besorgt, ob sie eine Ordnungswidrigkeit begangen hatte, weil sie ohne ausdrückliche Erlaubnis gehandelt hatte. Sollte sie die Sachen wieder auf einen großen Haufen schmeißen, oder würde das die Dinge bloß schlimmer machen? Sie stand auf, öffnete den Reißverschluss des Koffers und klappte ihn auf, sodass der Inhalt sichtbar war.

Ein Mann betrat das Büro, er hatte Ismas Pass, ihren Laptop und ihr Handy dabei. Sie schöpfte Hoffnung, aber er setzte sich hin, gab ihr ein Zeichen, ebenfalls Platz zu nehmen, und baute einen Rekorder zwischen ihnen auf.

»Sehen Sie sich als Britin?«

»Ich bin Britin.«

»Aber sehen Sie sich als Britin?«

»Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.« Sie wollte damit sagen, dass es kein anderes Land gebe, dem sie sich zugehörig fühlen könnte, aber ihre Worte hörten sich wie eine Ausflucht an.

Die Befragung dauerte fast zwei Stunden. Er wollte ihre Meinung zu Schiiten wissen, zu Homosexuellen, zur Königin, zur Demokratie, zum Great British Bake Off, zur Invasion des Irak, zu Israel, Selbstmordattentätern, Singlebörsen. Nach dem Patzer, was das Britin-Sein betraf, besann sie sich auf die mit Aneeka geprobte Rolle, dabei hatte ihre Schwester den Part des befragenden Beamten übernommen, und Isma war ihr als Kandidatin mit fragwürdigen politischen Meinungen gegenübergetreten, die ihre Sache nicht durch das Beharren auf abweichenden Positionen gefährden wollte, aber auch nicht die Notwendigkeit sah, ihrem Gegenüber Unwahrheiten aufzutischen. (»Wenn von der Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten die Rede ist, geht es meist um ein machtpolitisches Ungleichgewicht, so wie im Irak oder in Syrien – als Britin unterscheide ich nicht zwischen dem einen und dem anderen Muslim.« »Die Besetzung fremder Territorien schafft in der Regel mehr Probleme, als sie zu lösen vermag« – das galt für den Irak wie für Israel. »Das Töten von Zivilisten ist ein Verbrechen – eine Wahrheit, die auf Selbstmordattentäter ebenso zutrifft wie auf Flächenbombardements oder Drohnenangriffe.«) Zwischen ihren Antworten und den folgenden Fragen lagen lange Pausen, in denen der Mann auf ihrem Laptop herumklickte, um ihre Browservergangenheit zu erkunden. Er wusste, dass sie sich für den Ehestand eines Schauspielers einer berühmten Fernsehserie interessierte; dass die Tatsache, dass sie einen Hidschab trug, sie nicht davon abhielt, teure Produkte zur Bändigung ihres krausen Haars zu erwerben; dass sie Ratschläge gesucht hatte, wie man »Small Talk mit Amerikanern« macht.

»Dir ist klar, dass du nicht in jedem Punkt völlig konform gehen musst«, hatte Aneeka während des Rollenspiels gesagt. Ihre Schwester, noch keine neunzehn, mit ihrem Jurastudentinnenverstand, die alles über ihre Rechte und nichts über ihre schwache Position in der Welt wusste. »Wenn sie dich zum Beispiel nach der Queen fragen, sagst du einfach: ›Als Asiatin bewundere ich ihren Sinn für Farben.‹ Es ist wichtig, wenigstens ein Mindestmaß an Verachtung für das ganze Verfahren zu demonstrieren.« Stattdessen hatte Isma geantwortet: »Ich bewundere Ihre Majestät zutiefst für das Bekenntnis zu ihrer Rolle.« Aber es war ein gewisser Trost gewesen, die alternativen Antworten ihrer Schwester im Hinterkopf zu hören, ihr triumphierendes Ha!, wenn der Beamte eine Frage stellte, die sie vorausgesehen und die Isma verworfen hatte, wie die nach dem Great British Bake Off. Nun gut, wenn sie sie nicht an Bord dieses Flugzeuges – oder überhaupt irgendeines Flugzeuges – ließen, würde Isma nach Hause zu Aneeka zurückkehren, was sie, wie einem Teil ihres Herzens durchaus klar war, ohnehin tun sollte. Die Frage, wie groß der Teil von Aneekas Herz war, der das ebenfalls wollte, ließ sich schwer beantworten – sie hatte darauf bestanden, dass Isma an ihren Plänen für Amerika festhielt, und nicht einmal Aneeka selbst schien zu wissen, ob das Ausdruck von Selbstlosigkeit oder des Wunsches war, in Ruhe gelassen zu werden. Ein winziges Flackern in ihrem Gehirn erinnerte sie an Parvaiz, der sich in Ismas Bewusstsein zu drängen versuchte, ehe es ihr gelang, ihn kraft ihrer Entscheidung, ihn niemals wieder eines Gedankens zu würdigen, zurückzudrängen.

Schließlich öffnete sich die Tür, und die Beamtin kam wieder herein. Sie war vielleicht diejenige, die Fragen zur Familie stellen würde – Fragen, die am schwierigsten zu beantworten waren, Fragen, die sie bei den Proben mit ihrer Schwester die meisten Nerven gekostet hatten.

»Tut mir leid«, sagte die Frau wenig überzeugend. »Musste warten, bis die in Amerika aufwachen, um die Bestätigung zu ein paar Punkten Ihres Studentenvisums einzuholen. Alles in Ordnung. Hier.« Sie reichte Isma mit einem Anflug von Großmut ein rechteckiges Stück Karton. Es war die Bordkarte für den Flug, den sie soeben verpasst hatte.

Isma stand auf, ein wenig unsicher wegen des Kribbelns in ihren eingeschlafenen Füßen, die sie aus Furcht, sie könnten dem Mann ihr gegenüber aus Versehen einen Tritt versetzen, nicht zu bewegen gewagt hatte. Während sie ihr Gepäck aus dem Raum rollte, dankte sie der Frau, deren Daumenabdrücke auf ihrer Unterwäsche waren, ohne den kleinsten Anflug von Sarkasmus in der Stimme.

*

Die Kälte verbiss sich in jedes Stückchen freiliegende Haut, um sich sodann auch durch die Kleidungsschichten hindurchzufressen. Isma öffnete den Mund und legte den Kopf in den Nacken, um die lippenbetäubende und an den Zähnen schmerzende Luft einzusaugen. Überall eisverkrusteter Schnee, der in den Lichtern des Terminals glitzerte. Sie ließ ihren Koffer bei Dr. Hira Shah, die zwei Stunden quer durch Massachusetts gefahren war, um sie am Logan Airport abzuholen, und ging hinüber zu einem der Schneehaufen am Rand des Parkplatzes, zog die Handschuhe aus und drückte die Fingerspitzen hinein. Zunächst stießen sie auf Widerstand, doch dann drangen sie in die tiefer liegenden weicheren Schichten vor. Sie leckte den Schnee aus der hohlen Hand, linderte die Trockenheit in ihrem Mund. Die Frau von der Fluggastbetreuung in Heathrow – eine Muslimin – hatte ihr einen Platz in der nächsten Maschine besorgt, ohne Umbuchungsgebühr; den ganzen Flug über hatte sie sich wegen der Befragung gesorgt, die sie in Boston erwartete, gewiss würde man sie festhalten oder in ein Flugzeug zurück nach London setzen. Aber der Immigration Official hatte sie lediglich gefragt, wo sie studieren werde, er hatte eine Bemerkung zur Basketballmannschaft der Universität gemacht und sie sich um einen interessierten Gesichtsausdruck bemüht, obwohl sie ihn nicht verstand, und dann hatte er sie durchgewinkt. Und als sie den Ankunftsbereich verließ, stand dort Dr. Shah, Mentorin und Retterin, unverändert seit Ismas Studententagen, abgesehen von ein paar silbrigen Strähnen im kurz geschnittenen dunklen Haar. Als sie zur Begrüßung die Hand hob, begriff Isma, wie es sich angefühlt haben musste, wenn Menschen, zu einer anderen Zeit, hinaustraten an Deck und den ausgestreckten Arm der Freiheitsstatue erblickten und wussten, dass sie es geschafft hatten, dass alles gut werden würde.

Solange sie noch einen Rest Gefühl in den unbehandschuhten Fingern hatte, tippte sie eine Nachricht in ihr Handy: Sicher gelandet. Security-Kontrolle ohne Probleme. Dr. Shah ist hier, mich abzuholen. Wie steht’s bei dir?

Ihre Schwester antwortete: Gut. Jetzt, da ich weiß, dass sie dich durchgelassen haben, kann Aunty Naseem mit dem Beten und ich mit dem Nägelkauen aufhören.

Wirklich gut?

Hör auf, dir Sorgen um mich zu machen. Los, leb jetzt dein Leben – ich bestehe darauf.

Auf dem Parkplatz große, vor Selbstbewusstsein strotzende Fahrzeuge; dahinter die breiten Avenues; überall gleißende Lichter, deren Helligkeit durch reflektierende Glas- und Schneeflächen multipliziert wurde. Hier herrschten Protz und Egomanie und – an diesem Neujahrstag 2015 – ein Versprechen auf neue Anfänge.

*

Isma wachte auf und sah im Morgenlicht zwei Gestalten aus dem Himmel auf sich zufallen, leuchtende Farben bauschten sich über ihren Köpfen.

Hira Shah hatte für den Vormittag nach ihrer Ankunft in Amerika die Besichtigung dieses Studioapartments verabredet, und der Hausbesitzer hatte ihre Aufmerksamkeit auf das Dachfenster als besondere Attraktion der Wohnung und als Kompensation für den feuchten Einbauschrank gelenkt, und er hatte ihr Sternschnuppen und Mondfinsternisse versprochen. Ihr steckte die Befragung von Heathrow noch in den Knochen, und sie hatte nur an Überwachungssatelliten denken können, die über den Himmel rasten, und hatte sich gegen das Studio entschieden. Doch am Ende des Tages mit diversen Besichtigungen war klar gewesen, dass sie sich etwas Besseres ohne die Bürde einer Mitbewohnerin nicht würde leisten können. Jetzt, etwa zehn Wochen später, konnte sie sich im Bett rekeln, wohl wissend, dass sie die Sehende und selbst unsichtbar war. Wie langsam sich die Fallschirmspringer zu bewegen schienen, Gold und Rot mit sich hinabziehend. Fast in der gesamten Menschheitsgeschichte waren Wesen, die vom Himmel herabkamen, entweder Engel oder Götter oder Dämonen gewesen – oder der herabstürzende Ikarus, dessen Vater Dädalus allzu langsam folgte, um den angeberischen Knaben noch auffangen zu können. Was für ein Gefühl musste es gewesen sein, einer Gemeinschaft gleicher menschlicher Erfahrung angehört zu haben – alle Augen gen Himmel gerichtet in Erwartung der Ankunft von etwas Mythischem? Sie machte ein Foto der Fallschirmspringer und schickte es Aneeka mit der Unterschrift Auch mal ausprobieren irgendwann?, und dann stieg sie aus dem Bett und fragte sich, ob der Frühling zu früh dran war oder ob es sich lediglich um eine milde Zwischenphase handelte.

In der Nacht war die Temperatur in schwindelnde Höhen gestiegen und hatte den Schnee in einen Fluss verwandelt. Den hatte sie, als sie zum Frühgebet erstmals erwachte, die leicht abfallende Straße hinabrauschen gehört. Es war, so hatte man ihr erzählt, ein Winter mit ungewöhnlich heftigen Schneestürmen gewesen, und während sie sich anzog, stellte sie sich vor, wie die Leute ihre Häuser verließen und dort, wo zum ersten Mal seit Monaten der Boden wieder sichtbar war, verlorene Gegenstände wiederentdeckten – einen Handschuh, Schlüssel, Stifte und Pennys. Das Gewicht des Schnees hatte den Gegenständen ihr Vertrautes abgepresst, sodass der Handschuh, wenn man ihn neben sein früheres Pendant legte, lediglich wie ein entfernter Verwandter aussah. Und was tut man dann? Schmeißt man beide Handschuhe weg, oder trägt man sie trotz ihrer Ungleichheit, um das Wunder der Wiedervereinigung zu ehren?

Sie faltete ihren Pyjama zusammen und legte ihn unter das Kopfkissen, sie strich die Bettdecke glatt. Ließ den Blick durch ihr sparsam eingerichtetes Apartment gleiten – Einzelbett, Schreibtisch und Schreibtischstuhl, Kommode. Sie empfand, wie sie es meistens morgens tat, eine tiefe Befriedigung über ein auf das Wesentliche reduziertes tägliches Leben: Bücher, Spaziergänge, Räume zum Denken und Arbeiten.

Als sie die schwere Tür des zweistöckigen klinkerverblendeten Hauses aufstieß, hackte zum ersten Mal nicht mehr das hundertklingige Messer aus der Luft auf sie ein. Das Tauwetter hatte die Straßen und Bürgersteige verbreitert, und sie fühlte sich – wie würde man sagen? – entfesselt!, als sie mit einem Schritt losmarschierte, der nicht fürchten musste, auf Eis auszurutschen. Vorbei an zweistöckigen Häusern im Kolonialstil, vorbei an Autos, die mittels Aufklebern sämtliche politischen Meinungen kundtaten, vorbei an teuren Secondhandläden, an Antiquitäten und Yoga. Sie bog in die Main Street, der das Rathaus mit seinen unfassbaren schießschartengespickten normannischen Aussichtstürmen etwas Albernes verlieh.

Sie ging in ihr Lieblingscafé und stieg, einen Becher in der Hand, die Stufen in das von Bücherregalen gesäumte Souterrain hinab – eine Oase warmen Lichts mit abgewetzten Lehnsesseln und starkem Kaffee. Sie tippte ein paar Tasten auf der Tastatur, um ihren Laptop zum Leben zu erwecken, registrierte wegen allzu großer Vertrautheit kaum das Bild ihrer Mutter auf dem Desktop, das sie in den 1980ern als junge Frau mit üppigem Haar und klobigen Ohrringen zeigte, wie sie Isma einen Kuss auf den kahlen Babykopf drückte. Im Rahmen ihrer Morgenroutine öffnete sie das Skype-Fenster, um zu sehen, ob ihre Schwester online war. War sie nicht, und Isma wollte sich gerade ausloggen, als ein neuer Name auf der Liste mit den Onlinekontakten erschien. Parvaiz Pasha.

Isma nahm die Hände von der Tastatur, legte sie beidseits neben den Laptop und betrachtete den Namen ihres Bruders. Der war hier seit jenem Tag im Dezember nicht mehr erschienen, als er anrief, um ihnen seine Entscheidung mitzuteilen, die er, ohne jede Rücksicht darauf, was sie für seine Schwestern bedeutete, getroffen hatte. Jetzt würde er ihren Namen sehen, und das grüne Zeichen daneben würde ihm zeigen, dass sie zum Chat bereit war. Das Skype-Fenster war so positioniert, dass ihre Mutter es mit den Lippen berührte. Die schmalen, zartknochigen Gesichtszüge von Zainab Pasha hatten Isma übersprungen und waren direkt bei den Zwillingen gelandet, die mit dem Mund ihrer Mutter lachten, mit den Augen ihrer Mutter lächelten. Isma brachte das Skype-Fenster auf Bildschirmgröße, umfasste ihren Hals mit beiden Händen und spürte an der Hochgeschwindigkeit, mit der das Blut durch ihre Arterien schoss, die Reaktion ihres Herzens auf den Anblick seines Namens. Sie sah weiter auf den Bildschirm und wusste, dass er auf seinen sah, beide aus demselben Grund: Sie warteten auf Aneeka.

Vor ein paar Wochen hatte in Hira Shahs Eigentumswohnung eine sonderbare Musik das Geräusch übertönt, das Hira beim Kartoffelschneiden machte – ein pfeifend schriller scharfer Ton. Isma und Hira checkten Telefone und Lautsprecher, hielten die Ohren an Wände und Bodendielen, gingen nach draußen in den Flur, öffneten Schränke, betraten nicht genutzte Zimmer, aber er blieb, gruselige Anmut, unmöglich auf ein bekanntes Instrument, auf eine Stimme oder einen Vogelruf zurückzuführen. Ein Nachbar schaute vorbei, suchte nach der Quelle. »Gespenster«, sagte er mit einem Augenzwinkern, bevor er wieder ging.

Isma lachte, aber Hira zog die Schultern enger zusammen und streckte den Arm aus, um das Nazar-Amulett an der Wand zu berühren, das Isma immer für bloße Dekoration gehalten hatte.

Die Musik hörte nicht auf, sie kam von überall und nirgends und folgte ihnen auf ihren Wegen durch die Wohnung. Hira griff nach ihrem Messer und flüsterte etwas, das sich als Vaterunser entpuppte – sie hatte eine Klosterschule in Kaschmir besucht. Schließlich schlug die äußerst rationale und weise Dr. Shah vor, sie sollten trotz des unangenehmen Hagelwetters essen gehen. Vielleicht wäre das Geräusch verschwunden, wenn sie zurückkämen. Isma ging nach oben, um sich den Schmutz entlegener Ecken von den Händen zu waschen. Während sie am Becken stand, sah sie durch das seitliche Fenster nach draußen und erkannte die Quelle der Musik.

Sie lief nach unten, packte Hira am Arm und zog sie, mit gesenktem Kopf zum Schutz gegen den Hagel, durch die Hintertür ins Freie. Entlang des ganzen Backsteingebäudes hingen Eiszapfen von der Dachtraufe, dreißig Zentimeter und länger. Gegen diese Säbelklingen prallten kleine Eiskugeln und machten Musik. Der Klang von Eis auf Eis, unvorstellbar, wenn man es nicht selbst erlebt hatte.

Plötzlicher Schmerz durchfuhr sie, ein physischer Schmerz, der sie in die Knie zwang. Hira machte einen Schritt auf sie zu, aber Isma hob die Hand, lehnte sich zurück in den Schnee und ließ den Schmerz durch sich hindurchstrudeln, während der Hagel und die Eiszapfen ihre beinahe synthetisch klingende Symphonie weiterspielten. Parvaiz, der als Junge nie ohne seine Kopfhörer und sein Mikrofon anzutreffen gewesen war, hätte hier so lange gelegen, wie der Song dauerte, während der Schnee seine Kleidung durchnässte und der Hagel auf ihn niederprasselte, es wäre ihm ausschließlich darum gegangen, etwas bis dahin Ungehörtes festzuhalten, mit lustvoll verklärtem Blick.

Das war der einzige Moment gewesen, in dem sie ihren Bruder wirklich und wahrhaftig vermisst hatte, ohne dass Begriffe wie »undankbar« und »selbstsüchtig« das Gefühl des Verlustes gemetzelt hätten. Jetzt betrachtete sie seinen Namen auf dem Bildschirm, mit dem Mund formte sie Beschwörungen, die Aneeka davon abhalten sollten, sich einzuloggen, die Adjektive verstopften ihre Gedankengänge. Aneeka musste lernen, ihn für immer verloren zu geben. Das konnte einem bei jemandem gelingen, den man liebte, Isma hatte das in jungen Jahren gelernt. Aber man konnte es nur lernen, wenn an der Stelle, wo die andere Person sich befunden hatte, vollkommene Leere herrschte.

Sein Name verschwand vom Bildschirm. Sie berührte ihre Schulter, Muskeln bildeten Knoten unter der Haut. Sie drückte fest zu und wusste, wie es war, ohne Familie zu sein; niemandes Hände außer den eigenen, um die Leiden zu lindern. »Wir bleiben die ganze Zeit in Kontakt«, hatten sie und Aneeka sich in den Wochen vor ihrer Abreise gegenseitig versichert. Aber »Kontakt«, körperlicher Kontakt, Berührung war das Einzige, was moderne Technologie nicht ermöglichte, und ohne Berührung fehlte ihr und ihrer Schwester etwas für die Art ihres Zusammenseins Lebenswichtiges. Mit Berührung hatte alles zwischen ihnen angefangen – als Baby war Aneeka von ihrer Großmutter und von ihrer neunjährigen Schwester gebadet und angezogen und gefüttert und in den Schlaf gewiegt worden, während Parvaiz, der schwächere und kränklichere Zwilling, an der Brust ihrer Mutter nuckelte (ihre Milch reichte nur für einen) und schrie, wenn jemand anderes als sie sich um ihn kümmerte. Als die Zwillinge größer wurden und ihr eigenes in sich abgeschlossenes Universum bildeten, war Aneeka auf die Hilfe Ismas immer weniger angewiesen, und doch erhielt sich eine Beziehung körperlicher Nähe – Parvaiz war der Mensch, mit dem Aneeka ihren Kummer und ihre Sorgen besprach, aber es war Isma, zu der sie kam, wenn sie in den Arm genommen werden wollte oder eine Hand suchte, die ihr den Rücken rieb, oder ein Plätzchen auf dem Sofa, um sich anzuschmiegen. Und wenn Isma meinte, die Lasten der Welt nicht mehr tragen zu können – vor allem in jenen Tagen, nachdem ihre Großmutter und ihre Mutter binnen eines Jahres gestorben waren und Isma mit der Aufgabe zurückgelassen hatten, sich um zwei untröstliche Zwölfjährige zu kümmern –, war es Aneeka gewesen, die ihrer Schwester die Hände auf die Schultern gelegt und die Schmerzen wegmassiert hatte.

Isma schnalzte aus Protest gegen das Selbstmitleid mit der Zunge, öffnete die Datei mit dem Essay, an dem sie gerade schrieb, und suchte Zuflucht in dem, was Arbeit ihr zu geben vermochte.

*

Am Nachmittag waren die Temperaturen auf über 50° F gestiegen, was sich viel wärmer anhörte und anfühlte als 11° C, und ein Anfall von Frühlingseuphorie hatte das Souterrain des Cafés weitgehend geleert. Isma zog den Becher mit ihrem Nachmittagskaffee zu sich heran, berührte die Flüssigkeit mit der Fingerspitze und überlegte, ob die Bitte, das Getränk in der Mikrowelle aufzuwärmen, von ganz und gar unmöglichem Benehmen zeugte. Sie hatte gerade entschieden, das Risiko der Schmach auf sich zu nehmen, als die Tür aufging und Zigarettengeruch von der Raucherecke draußen hereinschwebte, gefolgt von einem überraschend aussehenden jungen Mann.

Das Überraschende an seinem Aussehen war nicht seine übermäßige Attraktivität – dickes dunkles Haar, milchkaffeebraune Haut, wohlproportioniertes Gesicht, angenehme Größe, ansehnliche Schultern. Man bekam solche Exemplare garantiert zu sehen, wenn man lange genug an einer x-beliebigen Straßenecke in Wembley herumlungerte – allerdings selten mit einer derartigen Aura von Privilegiertheit umgeben wie dieses. Nein, das Überraschende war die frappierende Vertrautheit der Gesichtszüge des Mannes.

Im Haus ihres Onkels – kein blutsverwandter Onkel, nicht mal ein Onkel aus Zuneigung, lediglich ein Onkel aufgrund seiner selbstverständlichen Präsenz im Leben ihrer Familie – gab es ein Foto aus den Siebzigern, das ein Kricketteam aus der Nachbarschaft mit einem Pokal zeigte; es war ein Foto, vor dem Isma als kleines Mädchen gelegentlich stehen geblieben war und über den Gegensatz zwischen den ruhmreichen angeberischen Jungen und den reizlosen Männern mittleren Alters gestaunt hatte, die aus ihnen geworden waren. Sie hatte natürlich nur denjenigen, die sie als Männer mittleren Alters kannte, Beachtung geschenkt, darum war ihr der ernst Dreinblickende in den schlecht sitzenden Klamotten erst aufgefallen, als ihre Großmutter eines Tages vor dem Bild stand und das Wort »Schamlos!« sagte, während sie mit dem Finger nachdrücklich auf den jungen Burschen deutete.

»O ja, der neue Abgeordnete«, sagte der Onkel, der gekommen war, um zu sehen, was der Auslöser für diese untypisch boshafte Bemerkung gewesen sein mochte. »Am Tag des Endspiels fehlte uns ein Mann, und der da, Mister Ernsthaft, war auf Besuch bei seinem Cousin, unserem Torwart, also haben wir gesagt, okay, du spielst bei uns, und ihm das Trikot von unserem verletzten Schlagmann gegeben. Hat das ganze Match nichts zuwege gebracht, außer einen sicheren Catch fallen zu lassen, und am Ende hielt er auf diesem offiziellen Foto, das im Lokalblatt erschien, den Pokal in der Hand. Wir wollten bloß höflich sein, als wir ihm anboten, das Ding mal zu nehmen, weil er sich nicht ausgeschlossen fühlen sollte und weil wir sicher waren, dass er genug Kinderstube hätte, um zu sagen: Danke, aber es ist der Kapitän – das war ich –, dem diese Ehre gebührt. Wir hätten schon damals wissen können, dass er mal Politiker wird, wenn er groß ist. Ich wette zwanzig Pfund, dass er das Bild gerahmt bei sich an der Wand hängen hat und jedem erzählt, er sei der Mann des Spiels gewesen.«

Später am selben Tag belauschte Isma ein Gespräch der Großmutter mit deren bester Freundin und Nachbarin Aunty Naseem und erfuhr den wahren Grund für jenes »Schamlos!«. Es hatte nichts mit der Karriere des ernst Dreinblickenden zu tun, sondern mit einer Grausamkeit, die er kürzlich gegenüber ihrer Familie begangen hatte, als es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, sich anders zu verhalten. In den Jahren danach hatte sie ihn aufmerksam im Auge behalten – er war der Einzige auf dem Bild, der im Älterwerden schlank und aufgeweckt geblieben war, der stets noch größere und noch strahlendere Pokale im Visier hatte. Und da war er nun, spazierte über den Boden des Cafés, nicht die verhasste/bewunderte Person, in die er hineingewachsen war, sondern eine etwas ältere Version des Jungen, der er war, als er mit dem Kricketteam für das Foto posierte, nur das Haar ein wenig wilder und der Ausdruck offener. Das könnte, das musste der Sohn sein. Sie kannte ein Foto, auf dem auch er zu sehen war, aber mit eingezogenem Kopf, sodass die herunterhängenden Haare sein Gesicht verdeckten – sie hatte sich damals gefragt, ob das Absicht war. Eamonn, so hieß er. Wie hatten sie seinerzeit in Wembley gelacht, weil in dem Artikel zum Familienbild enthüllt wurde, dass hier die irische Schreibweise einen muslimischen Namen unkenntlich machen sollte – aus Ayman wurde Eamonn, damit die Menschen wussten, dass der Vater sich integriert hatte. (Seine irisch-amerikanische Frau galt ihnen als weiteres Indiz für diese Integrationspose und nicht als Erklärung für den Namen des Sohnes.)

Der Sohn stand in Jeans und einer wattierten olivgrünen Jacke am Tresen und wartete.

Sie stand auf, Becher in der Hand, und ging zu ihm. »Dieser Tresen wird nur geöffnet, wenn viel los ist.«

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