Wissensbücher des Jahres 2017
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»Wissensbücher des Jahres« - Piper dreifach nominiert

Dienstag, 18. Juli 2017 von Piper Verlag


Matthias Thöns, Jussi Valtonen und Charles Foster nominiert für die Longlist der »Wissensbücher des Jahres 2017«

Das Magazin bild der wissenschaft zeichnet in diesem Jahr zum 25. Mal Bücher aus, die über Themen aus Wissenschaft und Forschung besonders kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten.

Der Piper Verlag freut sich, dass auch die Bücher von Matthias Thöns »Patient ohne Verfügung«, Jussi Valtonen »Zwei Kontinente« und Charles Foster »Der Geschmack von Laub und Erde« auf der Longlist der »Wissensbücher des Jahres« zu finden sind. Neben einer Jury aus elf unabhängigen Journalisten können die bdw-Leser vom 18. Juli bis zum 21. August unter www.wissenschaft.de abstimmen, wer die Auszeichnung bekommt.
Das Ergebnis der Wahl wird im Dezemberheft von bild der wissenschaft, das am 21. November erscheint, bekannt gegeben.

Folgende Bücher von Piper sind nominiert:

»Dieses Buch ist überfällig! Unbedingt lesen!«


Deutschlandfunk

Blick ins Buch
Patient ohne VerfügungPatient ohne VerfügungPatient ohne Verfügung

Das Geschäft mit dem Lebensende

In deutschen Kliniken wird operiert, katheterisiert, bestrahlt und beatmet, was die Gebührenordnung hergibt – bei 1.600 Euro Tagespauschale für stationäre Beatmung ein durchaus rentables Geschäft. Dr. Matthias Thöns berichtet aus seiner jahrelangen Erfahrung von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwer Kranke mit den Mitteln der Apparatemedizin behandelt werden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten ist. Nicht Linderung von Leid und Schmerz, sondern finanzieller Profit steht im Fokus des Interesses vieler Ärzte und Kliniken, die honoriert werden, wenn sie möglichst viele und aufwendige Eingriffe durchführen. Thöns' Appell lautet deshalb: Wir müssen in den Ausbau der Palliativmedizin investieren, anstatt das Leiden alter Menschen durch Übertherapie qualvoll zu verlängern.

Begleitwort von Karl Lauterbach

 

Wir können in Deutschland stolz sein auf ein solides Gesundheitswesen, das allen Bürgern eine sichere und zeitgemäße Versorgung garantiert. So steht medizinischer Fortschritt jedermann zur Verfügung, unabhängig vom Geldbeutel.

Wenn ich gefragt werde, wie man dieses Gesundheitssystem humaner gestalten könne, denke ich hauptsächlich an die Hospiz- und Palliativversorgung. Der Aspekt, wie das Lebensende von einem Menschen selbst erlebt wird, wie er auf das Lebensende vorbereitet wird, was er erwarten kann, wie Angehörige es erleben, wenn ein Mensch aus dem Leben geht, ist ganz entscheidend, wenn wir ein menschliches Gesundheitssystem wollen.

Es gibt in der Palliativmedizin – vereinfacht gesagt – vier Bereiche. Da sind zuerst die palliativmedizinischen Leistungen in der Regelversorgung, also bei Ärzten in der Klinik, zu nennen. Hier handelt es sich in der Regel um schmerzstillende Leistungen und Leistungen, die Symptome beseitigen. Der zweite Bereich ist die palliativmedizinische Versorgung in Krankenhäusern, die aber nicht eine eigentliche Palliativleistung, sondern palliativmedizinische Pflege darstellt. Der dritte Bereich sind die gleichen Leistungen in Pflegeeinrichtungen. Der vierte Bereich ist die palliativmedizinische Versorgung durch und in Hospizen oder ambulant durch spezialisierte Palliativteams wie das, in dem Matthias Thöns arbeitet.

Dafür geben wir insgesamt etwa 200 Millionen Euro pro Jahr aus. Das ist weniger als ein Tausendstel der Mittel, die in der gesetzlichen Krankenversicherung für alle Leistungen ausgegeben werden. Ungefähr zwei Prozent aller sterbenden Menschen werden im Rahmen einer dieser Leistungen begleitet. Das steht im Verhältnis zu zehn Prozent der Menschen, die mit Schmerzen sterben und die Symptome haben, die durch diese Leistungen verhindert werden könnten. Nur jeder Fünfte bekommt die Palliativmedizin, die er benötigt. Es sterben 50 Prozent der Menschen unter dem Einsatz von Apparatemedizin im Krankenhaus. Jeder Dritte stirbt im Pflegeheim. Das ist eine völlige Fehlverteilung unserer medizinischen Aufwendungen und Bemühungen am Lebensende des Patienten. Dem wirken wir mit dem am 5. November 2015 verabschiedeten Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland entgegen. Das kann aus meiner Sicht nur ein wichtiger, weiterer Schritt im Aufbau der Palliativmedizin sein.

Die meisten Menschen kennen sich mit der Palliativmedizin nicht aus. Das gilt für Patienten, das gilt für Angehörige, und das gilt auch für viele Ärzte. Hier schließe ich meine eigenen Kolleginnen und Kollegen ein. So ist zum Beispiel sehr wenig bekannt, dass die Palliativmedizin auch lebensverlängernd wirkt. Im Vergleich zu einer Chemotherapie bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung, die bereits metastasiert hat, bewirkt die Palliativmedizin oder auch die Hospizversorgung eine Lebensverlängerung bei Verbesserung der Lebensqualität zu einem Bruchteil der Kosten. Die meisten würden glauben, es sei plausibel, dass vielleicht die Symptome durch die Palliativmedizin besser in den Griff zu bekommen seien, dass aber die Lebensverlängerung durch die Behandlung mit der Chemotherapie erreicht werden könne. Das ist nicht der Fall. Die Lebensverlängerung wird durch die Palliativmedizin und die Hospizversorgung erreicht. Einfach gesagt: Diese Menschen haben von der teuren Therapie möglicherweise mehr Nebenwirkungen als sie Nutzen von der Therapie selbst erwarten können.

Die Tatsache, dass viele der Therapieformen, die am Lebensende zum Einsatz kommen, sehr kostenintensiv sind, setzt leider in vielen Fällen falsche Anreize in unserem Gesundheitssystem. Die allermeisten Ärztinnen und Ärzte, die Schwestern und Pfleger leisten wunderbare Dienste, doch es kommt seit vielen Jahren zu Fehlentwicklungen, wenn sich Ärzte bei der Behandlung von Patienten nicht von ethischen, sondern von ökonomischen Interessen leiten lassen. Das trifft die Menschen besonders hart, die sich voll und ganz auf das System verlassen müssen: die Sterbenskranken.

Dieser Problematik widmet Matthias Thöns in diesem Buch sein Augenmerk. Er und sein Palliativteam versorgen Menschen am Lebensende in der von ihnen gewünschten Umgebung. Damit setzt er den Willen eines 2007 auch von mir auf den Weg gebrachten Gesetzes um, jedem Menschen in unserem Lande eine professionelle Begleitung zu Hause zu ermöglichen (nachzulesen in § 37b »Spezialisierte ambulante Palliativversorgung«, SGB V).

Dr. Thöns berichtet aus seinem Alltag von Fällen, bei deren Schilderung einem der Atem stockt. Da werden Menschen entgegen ihrem Willen teils über Jahre durch Apparatemedizin am Sterben gehindert, oder es wird Chemotherapie mit starken Nebenwirkungen in den letzten Lebenswochen und Tagen verabreicht. Er berichtet auch von Strahlentherapie und Operationen kurz vor dem Lebensende, bei denen schon vor dem Eingriff klar war, dass sie nicht dem Patienten, sondern nur noch der abrechnenden Klinik nutzen würden. Auch in Fällen von Nieren-, Lungen- oder Herzversagen berichtet er vom fragwürdigen Einsatz der Apparatemedizin zulasten schwer kranker Menschen.

Eindrücklich bestätigt er so, dass wir in unserer Gesellschaft ein Problem mit Übertherapie am Lebensende haben. Das hat in vielen Fällen nicht nur die konsequente Missachtung des Patientenwillens zur Folge, sondern auch ausufernde Kosten, die wohl kein Gesundheitssystem auf lange Sicht tragen können wird. Über dieses Problem müssen wir sprechen und vor allem Patienten am Lebensende und ihre Angehörigen aufklären und ein Bewusstsein für das Thema schaffen. Das vorliegende Buch leistet dazu einen wertvollen Beitrag. Ich wünsche ihm deshalb viele Leserinnen und Leser.

 

Prof. Dr. Karl Lauterbach MdB

 

 

Einleitung

 

Als junger Medizinstudent war ich begeistert von der Idee, Menschen das Leben zu retten, also war Notarzt mein Traumberuf. Für diesen Weg ist eine Ausbildung zum Anästhesisten von Vorteil, denn in kaum einem anderen Fachgebiet erlernt man das Handwerkszeug zur Lebensrettung so umfangreich. Während meiner ersten Stelle in der Anästhesie war ich einem sehr menschlichen Chefarzt unterstellt, er verstand sich als Anwalt des Patienten. So weigerte er sich beispielsweise, an riskanten Operationen mitzuwirken, wenn er keine Aussicht auf Besserung mehr sah. Er stärkte damit uns Berufsanfängern das Selbstbewusstsein so manchem Chirurgen gegenüber, der die Grenzen seines Könnens und die Gesetze der menschlichen Natur nicht so richtig einzuschätzen vermochte.

Die nächste Stelle im Rahmen meiner Ausbildung führte mich an eine »Klinik der Maximalversorgung«. Mein Chef dort hatte das junge Fachgebiet der Schmerztherapie in Deutschland etabliert und die Tumorschmerztherapie entscheidend geprägt. Liebevoll nannten wir ihn »godfather of pain therapy«. Allerdings wurde ich in dieser Klinik auch Zeuge unendlich aufwendiger Operationen an teils schwerstkranken alten Menschen. Die auf den Eingriff folgenden langwierigen Intensivbehandlungen erschienen mir nicht selten unangemessen. So oft bestand im Grunde keine Hoffnung mehr auf Heilung, und die endlos anmutende Intensivtherapie war von viel Leid geprägt: Nicht heilende, übel riechende Wunden, Platzbäuche, Verwirrtheitsdelirien, Fixierungen, leidverzerrte Gesichter, dazu die Verzweiflung der Angehörigen und letztlich doch der Tod.

Ein solches Verständnis von Medizin belastete mich zunehmend. Konnte ich als Arzt verantworten, dass Menschen einer riskanten Operation ausgesetzt wurden, um dann während der verbleibenden kurzen Lebenszeit an den Folgen zu leiden? Es schien mir also nur konsequent, dem fremdbestimmten Klinikbetrieb den Rücken zu kehren und selbst eine Praxis zu übernehmen, wozu ich mich vor 18 Jahren entschied. Endlich konnte ich meinen Beruf nach meiner Überzeugung ausüben. Kurz nach der Niederlassung wurde ich zu einem Notfall in das Hospiz in Bochum gerufen. Dem Patienten, der sich vor Schmerzen krümmte, konnte ich mit einer Infusion rasch helfen, doch der Besuch in dieser Einrichtung beschäftigte mich noch lange. Die Atmosphäre dort, die Herzlichkeit der Schwestern und der Blick auf den ganzen Menschen mit seinen Beschwerden und Wünschen beeindruckten mich nachhaltig. Bald schon war ich einer von vier Hospizärzten dort und lernte viel, vor allem von den Schwestern. So begann ich verstärkt, sterbende Menschen auch zu Hause zu begleiten, und wurde dabei zunehmend von Kollegen, Ehrenamtlichen und engagiertem Pflegepersonal unterstützt. Gemeinsam gründeten wir Palliativnetze in Bochum und Witten. In meiner täglichen Arbeit wurde mir klar, wie individuell die letzte Lebensphase ist, wie unterschiedlich die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen sind. Der eine starb ruhig im Gebet unter zärtlichen Berührungen seiner Frau, der andere kämpfte mit aller Kraft gegen den Tod und wurde dabei vom lauten Schluchzen seiner Liebsten begleitet. Es galt zu akzeptieren, dass nicht ich als Arzt, sondern der Patient und sein Umfeld über diesen letzten Weg bestimmen.

 

Viele Kollegen sehen das leider anders, wie der Fall von Gerhard[1] zeigt, zu dem ich im Frühjahr 2008 gerufen wurde. Der einstige Klempner, fast 80 Jahre alt, liebte Angelteiche und endlose Wanderungen in der Natur. Irgendwann bemerkte eine seiner Töchter, dass er die Angel nicht mehr richtig halten konnte. Ein erfahrener Nervenarzt stellte die niederschmetternde Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz: ALS[2], sowie eine mittelgradig ausgeprägte Demenz[3]. Die Beweglichkeit des Patienten nahm ab, immer wieder kam es zu Atemwegsinfektionen mit akuten Erstickungsanfällen.

Meist lehnte Gerhard jede Zuwendung ab, spuckte die ihm verabreichten Medikamente so gut er konnte wieder aus und schlug um sich. Manchmal lag er auch nur hilflos-apathisch in seinem Bett. Er wurde inkontinent.[4] Bald konnte man ihn nicht mehr allein lassen. Er fing an zu schreien, wollte nicht mehr essen und trinken und wurde schwächer und schwächer. Gerhard hatte genug von seinem Dasein auf Erden. Der Neurologe empfahl dringend die Anlage einer PEG-Sonde[5], anderenfalls würde er verhungern. Die Ehefrau stimmte dem ärztlichen Rat zu, denn der Neurologe sagte ja, die Magensonde sei alternativlos.

Als die Sonde[6] angelegt war, versuchte Gerhard immer wieder, sich den Schlauch aus dem Bauch zu ziehen. Daraufhin wurden seine Arme am Bettgitter fixiert, wenig später waren sie wegen der unaufhaltsam fortschreitenden Erkrankung ohnehin kaum mehr beweglich. Mit abnehmender Muskelkraft wurde auch die Atmung schwächer. Eines Tages fand ihn die Ehefrau, nennen wir sie Gisela, blitzeblau[7] und nur noch ruckartig atmend in seinem Bett. Der Notarzt wurde alarmiert. Als das Rettungsteam wenig später eintraf, hatte Gerhards Herz bereits seit einigen Minuten aufgehört zu schlagen. Man kann sagen: Der Mann war klinisch tot. Das kam letztlich einer Gnade gleich.

Doch die Rettungsmannschaft begann mit der Wiederbelebung, der Notarzt legte einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre, Elektroschocks brachten das Herz wieder zum Schlagen. Rasch war eine Infusion gelegt, kreislaufstützende Medikamente wurden verabreicht.[8]

Also musste er weiterleben. Doch trotz umfangreicher Intensivtherapie in der Klinik gelang es nicht, Gerhard von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen. Er wachte einfach nicht mehr auf. Zu lange hatte sein Hirn nach dem Herzstillstand keinen Sauerstoff mehr bekommen. Nach gut zwei Monaten Intensivabteilung ging es mit apparativer Beatmung und Notarztwagen wieder zurück nach Hause.[9]

Fortan saß ein Pflegeteam rund um die Uhr an Gerhards Bett. Das Wohnzimmer glich einer Intensiveinheit: Überall Infusionsständer, Beatmungsgeräte, Sauerstoffflaschen, piepsende Monitore, schlürfende Absauggeräte und die vibrierende Spezialmatratze.

So lag Gerhard über ein Jahr lang zu Hause, viele Male unterbrochen von Noteinweisungen ins Krankenhaus.[10] Diese waren immer wieder nötig, wenn es zu Erstickungsanfällen kam, weil der Beatmungsschlauch durch Schleim verstopft war. Solche äußerst leidvollen Zustände treten bei dauerbeatmeten Patienten nicht nur regelmäßig auf, sie gelten auch als deren häufigste Todesursache: Tod durch qualvolles Ersticken. Auch wurden in der Klinik immer wieder Lungen- oder Nierenbeckenentzündungen bekämpft.

Ab und an nahm Gerhards Gesicht Züge einer schmerzverzerrten Grimasse an, ansonsten konnte er praktisch keinen Muskel mehr bewegen.

Durch einen Bericht in der Zeitung wurde Gisela auf die Möglichkeiten einer palliativmedizinischen Versorgung zu Hause[11] aufmerksam. Also trafen wir uns und führten lange Gespräche. Über die noch verbleibenden Therapieziele waren wir uns rasch einig, und vor allem darüber, dass eine Fortführung der künstlichen Beatmung Gerhards Vorstellungen von einer menschenwürdigen Existenz grundlegend widerspräche. Und dennoch, letztendlich über die Einstellung der Beatmung, das Ziehen des Schlauches entscheiden, das wollte Gisela nicht. Ihre Angst war zu groß. Wie oft hatte man ihr im Krankenhaus gesagt: »So etwas darf kein Arzt, das ist Mord!« Immerhin konnten wir uns auf eine Therapiebegrenzung einigen. Künftig kein Krankenhaus mehr und keine Antibiotika bei einer lebensbedrohlichen, Erlösung verheißenden Infektion. Nicht ohne Grund wird die Lungenentzündung als »Freund des alten Mannes« bezeichnet – der Tod findet zumeist leidlos im Koma statt.

Wenige Tage nach der Übereinkunft, es war ein Samstagvormittag, wurde ich zu Gerhard gerufen. Das Beatmungsgerät gebe Druckalarm, auch mit dem Pulsmonitor stimme etwas nicht. Das Bild, das sich bei meinem Eintreffen bot, werde ich niemals vergessen. Gerhard war bereits am Vortag gestorben, die Leichenstarre war vollständig ausgeprägt. Totenflecken am Körper bis zur mittleren Flanke. Niemand hatte seinen Tod bemerkt. Irgendetwas bewegte sich doch noch. Das Beatmungsgerät kämpfte gegen die Leichenstarre an und signalisierte Alarm, weil der Druck in der Lunge zu hoch war. Niemand hatte den bis ultimo verzögerten Tod bemerkt.

Der Intensivpflegedienst konnte der Krankenkasse dann auch noch diesen Tag mit rund 800 Euro in Rechnung stellen. Sinnlose, aber gut bezahlte Übertherapie; Rückfragen der Krankenkasse: keine.

Ein Extremfall, gewiss. Aber vergleichbare Fälle ereignen sich Tag für Tag in Deutschland. Die Übertherapie, das Geschäft mit der systematischen Missachtung des Patientenwillens, mit dem bis ultimo hinausgezögerten Sterben floriert. Der prominente Palliativmediziner Prof. Gian Domenico Borasio schreibt: »Bis zur Hälfte aller Sterbenskranken erhalten Behandlungen wie zum Beispiel Chemotherapie, Bestrahlung, künstliche Ernährung oder Antibiotika, die ihnen nichts bringen.« Es wird also, denke ich, Zeit, die systematischen Missstände detailliert, freimütig und ohne Angst vor der erwartbaren Kollegenschelte zu benennen und in all ihren oft grausigen Konsequenzen aufzuzeigen. Darum habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, dieses Buch vorzulegen.

 

Aufgabe der Medizin ist es, menschliches Leiden zu heilen oder zumindest zu lindern. Dieses Ziel wird ausgerechnet in der schwierigsten Phase des Lebens durch den Einsatz teurer Hightechtherapien oft komplett ins Gegenteil verkehrt. Statt Menschen am Lebensende so viel Lebensqualität wie möglich zu schenken, quält die moderne Medizin sie teilweise sogar gegen ihren Willen mit sündhaft teuren, oft überflüssigen und äußerst belastenden Therapien.

Der Fehler steckt dabei in unserem Gesundheitssystem, das Fehlanreize schafft, um Apparatemedizin anzuwenden, immer neue Chemotherapien einzusetzen und große Eingriffe durchzuführen. Es liegt in der Logik des Systems, wenn Ärzte und die unter hohem Kostendruck arbeitenden Kliniken und Pflegedienste diese Rahmenbedingungen gezielt ausschöpfen. Übertherapie wird hierzulande honoriert und Leidensminderung bestraft – zumindest finanziell. Unser Gesundheitssystem ist krank.

Mit diesem Buch möchte ich einen Beitrag dazu leisten, unseren Blick wieder stärker auf den kranken Menschen zu richten: auf seine wahren Bedürfnisse und auf das medizinisch Sinnvolle. Es soll aufrütteln und den Blick schärfen für die Paradoxien eines Gesundheitssystems, das darauf ausgerichtet ist, menschliches Leben »um jeden Preis« zu verlängern, und dabei viel Leid in Kauf nimmt. Anhand vieler Beispiele aus meiner Praxis als Palliativarzt will ich aufzeigen, wie wir es besser machen können. Dieses Buch richtet sich an Patienten, Angehörige und Mediziner, aber ebenso an wache Bürger, Politiker und insbesondere Juristen. Den Patienten will ich Mut machen, ihren Willen klar zum Ausdruck zu bringen und durchzusetzen. Denn es ist ihr Recht, selbst zu bestimmen, ob, wie und mit welchem Ziel sie medizinisch behandelt werden. Und meinen Arztkollegen[12] soll es als Anstoß dienen, ihr Handeln kritisch zu überdenken, ihren Patienten zuzuhören und dabei nicht auf die Gebührenordnung zu schielen. Anhand von mir begleiteter Schicksale schildere ich die Probleme am Lebensende bei Patienten mit schwersten Hirnschäden nach Krankheit oder Unfall, bei Krebs, aber auch bei Lungen-, Herz- oder Nierenversagen.

Als Palliativmediziner begleite ich zusammen mit meinem Team jährlich 400 Menschen bis zu ihrem Tod. Meine Aufgabe ist es, ihre Schmerzen und Beschwerden in hoffnungslosen Situationen so weit wie möglich zu lindern und ein Sterben in vertrauter Umgebung zu Hause zu ermöglichen. In ihrer Gesellschaft erlebe ich nicht nur viel Tragisches, sondern auch viele berührende und tröstende Momente, in denen es Menschen vergönnt ist, eine friedliche und schöne letzte Lebensphase zu verbringen. Meine Patienten sind meine Lehrmeister. Sie lehren mich, mit den Mitteln der modernen Medizin verantwortungsvoll umzugehen und Demut zu üben gegenüber dem, was unser Menschsein ausmacht: ein selbstbestimmtes und gutes Leben – bis in den Tod.

Leider ist dieser selbstbestimmte Tod in vertrauter Umgebung zu Hause viel zu wenigen Sterbenden vergönnt, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 belegt. Darin wurden die Daten von über 900 000 Verstorbenen ausgewertet. Die Ergebnisse sprechen für sich: Jeder zweite Deutsche stirbt im Krankenhaus. Befragt nach dem gewünschten Sterbeort haben aber nur drei Prozent aller Befragten angegeben, dass sie ihre letzte Lebensphase tatsächlich in die Klinik verlegen wollen.

 

Schuld an dieser Diskrepanz sind die Zustände in allzu vielen deutschen Kliniken, wo operiert, katheterisiert, infundiert, bestrahlt, geröntgt und beatmet wird, was die Gebührenordnung für Ärzte an Heilbehandlungspositionen hergibt.

Deutschland ist Weltmeister, was die Anzahl an Intensivbetten angeht. Während hierzulande 34 Betten pro 100 000 Einwohner belegt werden wollen, sind es in Portugal gerade einmal vier. Für Unfallopfer nach Katastrophen mit vielen Schwerstbetroffenen, so suggeriert diese Zahl, ist Deutschland gut gerüstet. Doch obwohl Katastrophen selten sind, reicht die Bettenzahl für die deutsche Bevölkerung lange nicht aus. Denn immer kränkere und ältere Menschen werden mit immer ausgefeilterer technischer Spitzenmedizin ohne Mitspracherecht und leidend am Sterben gehindert. Und wird das Intensivbett für einen neuen Patienten gebraucht – kein Problem: Man verlegt die Intensiveinheit einfach ins heimische Wohnzimmer oder neuerdings in sogenannte »Beatmungs-WGs«. Acht und mehr Sterbenskranke werden dort rund um die Uhr maximaltherapiert, damit auch im nächsten Monat die 22 000 Euro für die weitere Behandlung fließen. Die Rate heimbeatmeter Patienten hat sich in den letzten zehn Jahren verdreißigfacht. Die Erklärung der zuständigen Fachgesellschaft: »der demografische Wandel« – wir sollen also 30-mal älter und kränker geworden sein. Ich frage mich ja eher, ob heute nicht 30-mal ältere und kränkere Menschen, die früher friedlich gestorben wären, in diesen Betten liegen.

Während Übertherapie friedvolles Sterben hinauszuzögern vermag, führt sie jedoch in vielen anderen Fällen sogar zu einem vorzeitigen Ableben. Denn das Zuviel an Medizin ist keinesfalls gesund. Sowohl in der Notfallmedizin wie auch in der Intensivmedizin ist bekannt: Je mehr Prozeduren bei einem Schwerstkranken durchgeführt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen letalen Ausgang der Krankheit. Und eine weithin beachtete Untersuchung ergab: In Gegenden mit höherer Behandlungskapazität wurden mehr Untersuchungen veranlasst, es erfolgten häufiger kleinere Eingriffe, und die Patienten wurden öfter im Krankenhaus behandelt – vor allem mit Intensivtherapie. Und dies alles führte dazu, dass die Patienten früher starben. Nicht selten quält und tötet Übertherapie.

Fatale ökonomische Anreize führen zu einer qualvollen Fehlversorgung. Dagegen sollten verantwortungsvolle Mitglieder unseres Standes protestieren. Deshalb plädiere ich nicht nur für eine Kurskorrektur bei Kollegen, Kostenträgern und Politikern, sondern erbitte auch die Unterstützung der Leser. Reden Sie mit Ihrer Familie, mit Freunden und Bekannten. Holen Sie sich bei großen bzw. kritischen Eingriffen oder kostspieligen Therapieverfahren stets eine Zweitmeinung! Üben Sie sich in Renitenz gegenüber dem bestehenden System! Denn auch Sie könnten eines Tages Opfer einer dramatischen Fehlentwicklung sein und in dem Intensivbett liegen, an dem sich die folgende Geschichte ereignete, die mir kürzlich zugetragen wurde.

Der Oberarzt steht mit einem Assistenzarzt am Bett eines greisen Mannes. Seine Atmung rasselt, der Puls ist schwach, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Ganz offensichtlich liegt er im Sterben. Ohne den Sterbenden anzusprechen, wendet sich der Oberarzt an seinen Assistenten und sagt: »Hätten wir den doch gestern an die Beatmungsmaschine gehängt, wir hätten den Fall viel besser abrechnen können.« Lachend verlassen sie das Krankenzimmer.[13]

 

[1] Aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht wurden alle im Buch vorkommenden Fallberichte streng anonymisiert, Namen und Umstände verändert.

[2] ALS, auch Immendorfer-Krankheit, geht mit Muskelabbau bis zur völligen Bewegungslosigkeit einher. Die Atemstörung führt letztlich zum Tod.

[3] Hirnabbauerkrankung, 40 Prozent der Pflegeheimbewohner sind dement, Tendenz steigend.

[4] Inkontinenz bezeichnet die Unfähigkeit, Harn oder Stuhl zu halten.

[5] PEG = perkutane endoskopische Gastrostomie = Magensonde durch die Bauchwand

[6] Kostenpunkt für das stationäre Einsetzen einer PEG-Magensonde mit zwei Tagen Klinikaufenthalt: 2297,49 Euro. Bei ambulantem Eingriff in einer Arztpraxis: 105 Euro + Kosten für die Sonde (ca. 90 Euro). Der Eingriff dauert etwa fünf Minuten.

[7] Unter Medizinern geläufige Bezeichnung für eine tiefblaue Hautverfärbung, die schlimmsten Sauerstoffmangel anzeigt

[8] Ein solcher Notarzteinsatz incl. Rettungswagen kostet z. B. im Ennepe-Ruhr-Kreis pauschal 1028 Euro.

[9] Kosten für die dreiwöchige Intensivtherapie incl. Beatmung und Dialyse: 45 561,33 Euro, also 2 169,59 Euro pro Nacht

[10] z. B. zwölftägige Intensivtherapie, Kosten: 22 055,66 Euro

[11] Palliativmedizin = leidenslindernde Medizin. Ein Netzwerk aus Medizinern, Pflegekräften und ehrenamtlichen Helfer versucht, die Situation von Sterbenskranken zu verbessern (»Palliativnetz«).

[12] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

[13] Das Krankenhaushonorar richtet sich im Wesentlichen nach den durchgeführten Prozeduren – hier ist die Beatmung eine Gelddruckmaschine. Der schlimme Aspekt dieses Ereignisses ist aber: Sterbende sind Lebende, sie hören bis zum letzten Augenblick. Unfassbar, wie sich der greise Mann gefühlt haben muss. Mich macht das traurig, aber auch wütend – deshalb gibt es dieses Buch.

»Ein Buch, wie ich noch keines zuvor gelesen habe – voller Weisheit und Empathie«


Peter Wohlleben

Blick ins Buch
Der Geschmack von Laub und ErdeDer Geschmack von Laub und ErdeDer Geschmack von Laub und Erde

Wie ich versuchte, als Tier zu leben

Was fühlt ein Tier, wie lebt es und wie nimmt es seine Umwelt wahr? Um das herauszufinden, tritt Charles Foster ein faszinierendes Experiment an. Er schlüpft in die Rolle von fünf verschiedenen Tierarten: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Er haust in einem Bau unter der Erde, schnappt mit den Zähnen nach Fischen in einem Fluss und durchstöbert Mülltonnen auf der Suche nach Nahrung. Er schärft seine Sinne, wird zum nachtaktiven Lebewesen, beschreibt wie ein Weinkenner die unterschiedlichen »Terroirs« von Würmern und wie sich der Duft der Erde in den verschiedenen Jahreszeiten verändert. In die scharfsinnige und witzige Schilderung seiner skurrilen Erfahrungen lässt er wissenswerte Fakten einfließen und stellt sie in den Kontext philosophischer Themen. Letztendlich geht es dabei auch um die eine Frage: Was es bedeutet, Mensch zu sein.

Vorbemerkung des Autors


Ich wollte wissen, wie es ist, ein Wildtier zu sein.
Möglicherweise kann man das erfahren. Die Neurowissenschaften helfen uns dabei, und ein bisschen Philosophie und eine Menge Lyrik von John Clare tun das Ihre dazu. Aber vor allem muss man den Stammbaum der Evolution gefährlich weit hinunterklettern, bis in ein Loch in einem walisischen Hügel und unter die Steine eines Flusses in Devon, man muss etwas über Schwerelosigkeit lernen, über die Gestalt des Windes, über Langeweile, Mulch in der Nase und das Zittern und Knacken sterbender Wesen.
Im Allgemeinen hieß Schreiben über die Natur, dass Menschen, die wie Kolonialherren durch die Welt stolzierten, schilderten, was sie aus 1,80 Meter Höhe sahen, oder dass Menschen so taten, als würden Tiere Kleider tragen. Dieses Buch ist ein Versuch, die Welt aus dem Blickwinkel unbekleideter walisischer Dachse, Londoner Füchse, Otter im Exmoor, von Mauerseglern aus Oxford und Rothirschen in Schottland und Südwestengland wahrzunehmen; zu lernen, wie es sich anfühlt, sich schlurfend oder gleitend durch Landschaften zu bewegen, die vor allem von Gerüchen und Geräuschen und weniger von visuellen Eindrücken geprägt sind. Es war der Versuch eines literarischen Schamanismus, und es hat sagenhaften Spaß gemacht.
Wenn wir einen Wald betreten, teilen wir die sensorischen Reize, die er bietet (Licht, Farbe, Geruch, Klang etc.), mit allen anderen Geschöpfen, die sich dort aufhalten. Aber würde auch nur eines von ihnen diesen Wald anhand unserer Beschreibungen wiedererkennen? Jedes Lebewesen erschafft in seinem Gehirn eine andere Welt. Es lebt in dieser Welt. Wir sind von Millionen unterschiedlicher Welten umgeben. Sie zu erforschen ist eine aufregende neurowissenschaftliche und literarische Herausforderung.
In den Neurowissenschaften hat es in letzter Zeit beträchtliche Fortschritte gegeben. Wir wissen oder können aufgrund der Arbeiten über ähnliche Spezies intelligent schlussfolgern, was in der Nase und den für den Geruchssinn zuständigen Gehirnregionen eines Dachses vorgeht, wenn er durch den Wald streift. Aber das literarische Abenteuer steckt noch in den Anfängen. Es ist eine Sache zu beschreiben, welche Hirnregionen eines Dachses in einem Kernspintomografen aufleuchten, wenn er eine Nacktschnecke riecht. Eine völlig andere ist es jedoch, das Bild eines ganzen Waldes zu malen, wie er sich dem Dachs darstellt.
Traditionelle Naturschilderungen kranken an zwei Fehlern: Anthropozentrismus und Anthropomorphismus. Die Anthropozentristen beschreiben die Natur, wie Menschen sie wahrnehmen. Da sie Bücher für Menschen schreiben, mag das in kommerzieller Hinsicht recht clever sein. Aber es ist ziemlich langweilig. Für die Anthropomorphisten sind Tiere einfach Menschen in anderer Gestalt: Sie stecken sie in echte (etwa Beatrix Potter) oder metaphorische Kleider (so Henry Williamson) und statten sie mit menschlichen Sinnesorganen aus.
Ich habe versucht, beide Fehler zu vermeiden, und natürlich ist es mir misslungen.
Wenn ich eine Landschaft beschreibe, wie ein Dachs, ein Fuchs, ein Otter, ein Rothirsch oder ein Mauersegler sie wahrnimmt, bediene ich mich zweier Methoden. Erstens vertiefe ich mich in die relevante physiologische Literatur und finde heraus, was man aus dem Labor über die Funktionsweise dieser Tiere weiß. Zweitens tauche ich in ihre Welt ein. Wenn ich ein Dachs bin, hause ich unter der Erde und esse Regenwürmer. Wenn ich ein Otter bin, versuche ich, im Wasser mit den Zähnen Fische zu fangen.
Bei der Beschreibung der physiologischen Erkenntnisse muss man die Aufgabe meistern, nicht langweilig zu sein oder in einen unverständlichen Fachjargon zu verfallen. Bei der Beschreibung, wie es ist, Regenwürmer zu essen, gilt es zu vermeiden, dass man als schrullig und lächerlich abgetan wird.
Die den Tieren zur Verfügung stehenden Sinnesorgane geben ihnen eine viel, viel größere Farbpalette an die Hand, mit der sie das Bild des Landes malen, als sie irgendein menschlicher Künstler je besaß. Dass die Tiere so eng mit dem Land verbunden sind, verleiht ihnen eine weitaus größere Autorität, als selbst ein Farmer sie beanspruchen kann, dessen Vorfahren hier schon seit dem Neolithikum die Scholle bestellen.
Das Buch ist anhand der vier klassischen Elemente aufgebaut, jedes wird durch ein, die Erde durch zwei Tiere repräsentiert: Für die Erde buddeln sich Dachse durch den Untergrund, und der Rothirsch galoppiert darüber hinweg; der Stadtfuchs, der helles Licht kennt, steht für das Feuer; der Otter für das Wasser; und für die Luft der Mauersegler, dieser ultimative Himmelsbewohner, der auf seinen Schwingen schläft, sich nachts von thermischen Strömungen in die Höhe schrauben lässt und kaum je landet. Hinter dieser Aufteilung steht die Vorstellung, dass etwas Alchemistisches passiert, wenn man die vier Elemente im richtigen Verhältnis mischt.
Kapitel 1 gibt einen Einblick in die Probleme meines Herangehens. Es versucht, einige davon durch Vorwegnahme aus der Welt zu schaffen. Wenn Sie keine Probleme sehen, überblättern Sie das Kapitel, und begeben Sie sich ohne Umweg in den Dachsbau von Kapitel 2.
Kapitel 2 handelt von Dachsen. Es spielt in den Black Mountains von Wales, wo ich viele Wochen zu verschiedenen Jahreszeiten verbracht habe. Ich habe etwa anderthalb Monate unter dem Erdboden gehaust, teils in Wales und teils anderswo, allerdings über mehrere Jahre verteilt. Das Kapitel verdichtet diese Aufenthalte auf wenige Wochen und eine Rückkehr und bildet eine Collage aus all diesen Zeitabschnitten.
Es ist ein langes Kapitel, denn es führt in viele Themen und wissenschaftliche Fragen ein, die für die folgenden Kapitel relevant sind – zum Beispiel geht es um die Vorstellung, dass eine Landschaft eher durch Geruchseindrücke als durch visuelle Wahrnehmung konstruiert sein kann. Wegen dieser Ausführungen sind andere Kapitel kürzer, als sie es sonst wären.
Kapitel 3 befasst sich mit Fischottern. Sie sind Wanderer, die weite Strecken zurücklegen, und so sind sie in einem weit größeren Gebiet »daheim« als die anderen Säugetiere in diesem Buch. Sie schlängeln sich die Furchen des Landes entlang; wer ihre Wege kennt, der weiß, wie sich die Erde aufgefaltet hat. Und sie leben in verdünnten Lösungen dieser Erde. Wie auch wir, obwohl wir es normalerweise nicht so sehen. Ihre und unsere Vorfahren kamen aus dem Wasser, und die Otter kehrten später wieder dorthin zurück. Allerdings nicht ganz. Was mir den Zugang zu ihnen leichter macht als zu Fischen.
Dieses Kapitel spielt im Exmoor, wo ich einen großen Teil des Jahres verbringe. Es erstreckt sich über ein weites Gebiet, wie es Ottern entspricht, aber die Ausgangspunkte bilden East Lyn River und Badgworthy Water sowie deren Zuflüsse aus dem Hochmoor und die Nordküste von Devon, in die sich der East Lyn River ergießt.
Kapitel 4 betrachtet den Stadtmenschen mit Nase, Ohren und Augen eines Fuchses.
Es ist im Londoner East End angesiedelt, wo ich viele Jahre gelebt habe. In dieser Zeit streunte ich nachts durch die Straßen und hielt Ausschau nach Fuchsfamilien.
In Kapitel 5 bin ich wieder im Exmoor und in den westlichen Highlands von Schottland, diesmal bei den Rothirschen.
Wir sehen sie vom Auto aus und glauben, wir würden sie besser kennen als die krabbelnden, wühlenden Wesen. Unsere Mythologie unterstützt diese anmaßende Vorstellung und widerspricht ihr zugleich. Gehörnte Götter wandeln anmutig durch unser Unbewusstes. Sie sind groß und sichtbar, aber dennoch Götter und stehlen sich davon, wenn sie uns bemerken.
Viel Zeit meines Lebens habe ich damit zugebracht, dass ich versuchte, Rothirsche zu töten. Dieses Kapitel ist eine andere Art von Jagd – es ist der Versuch, in den Kopf des Hirsches einzudringen anstatt aus zweihundert Meter Entfernung in sein Herz.
Kapitel 6 beschäftigt sich mit Mauerseglern, und der Handlungsort ist die Luft zwischen Oxford und Zentralafrika.
Mauersegler sind mehr als jedes andere Tier Geschöpfe der Lüfte und so schwerelos wie eine mikroskopisch kleine Qualle.
Ich bin von Mauerseglern besessen, seit ich ein kleines Kind war. Wenn ich in meinem Arbeitszimmer in Oxford am Schreibtisch saß, scharrte ein Pärchen in seinem Nest knapp einen Meter über meinem Kopf. Die kreischenden Sommerpartys in unserer Straße wurden genau auf meiner Augenhöhe gefeiert. Ich folgte den Mauerseglern quer durch Europa bis ins westliche Afrika.
Das Kapitel beginnt mit einer Reihe von Fakten, die viele verständlicherweise für umstritten und tendenziös halten. Ja, ich weiß, die Belege für viele dieser Annahmen werden sehr kontrovers diskutiert. Aber haben Sie Geduld mit mir, und lassen Sie uns sehen, wie weit wir damit kommen.
Indem ich mir die Mauersegler vornahm, habe ich mein Scheitern vorprogrammiert. Es war ziemlich dumm. Sie lassen sich nicht ansatzweise in Worte fassen. Man möge es mir als mildernden Umstand für meine Art von Annäherungsversuchen in diesem Kapitel anrechnen.
Im Epilog blicke ich auf meine Reisen in diese fünf Welten zurück. Waren sie vergebliche Liebesmüh? Habe ich etwas anderes beschrieben als das, was sich nur in meinem Kopf abspielte?
Ich hatte darauf gehofft, ein Buch zu schreiben, in dem nichts oder nur wenig von meiner eigenen Person aufscheint. Diese Hoffnung war naiv. Es wurde (viel zu sehr) ein Buch über meine Rückkehr zur Natur, mein Bekenntnis zu meiner vormals ungekannten Wildheit und meine Klage über den Verlust dieser Wildheit. Tut mir leid.
Oxford, Oktober 2015


Zum Tier werden


Ich bin ein Mensch. Jedenfalls insofern, als meine beiden Eltern Menschen waren.
Das hat gewisse Konsequenzen. Beispielsweise kann ich keine Nachkommen mit einer Füchsin zeugen. Damit muss ich mich abfinden.
Aber Artengrenzen sind, wenn nicht illusionär, so doch zumindest vage und manchmal auch durchlässig. Das kann Ihnen jeder Evolutionsbiologe und jeder Schamane bestätigen.
Es ist kaum dreißig Millionen Jahre her – gerade einmal ein sachter Lidschlag in der Existenz unseres Planeten, auf dem sich vor 3,4 Milliarden Jahren Leben entwickelt hat –, dass die Dachse und ich gemeinsame Vorfahren hatten. Gehen wir noch läppische vierzig Millionen Jahre weiter zurück, teile ich meine Ahnentafel nicht nur mit Dachsen, sondern auch mit Silbermöwen.
Alle Tiere, mit denen ich mich in diesem Buch beschäftige, gehören zu unserer näheren Verwandtschaft. Das ist eine Tatsache. Wenn uns unsere Gefühle etwas anderes sagen, liegt das daran, dass sie von Biologie keine Ahnung haben. Hier ist Umerziehung gefragt.
Im Buch Genesis finden sich zwei Schöpfungsgeschichten. Wenn man sie strikt historisch betrachten will, sind sie völlig unvereinbar miteinander. In der ersten Version wird der Mensch als Letztes erschaffen. In der zweiten zuerst. Beide Darstellungen geben jedoch aufschlussreiche Hinweise auf unsere Verwandtschaftsbeziehungen zu den Tieren.
Nach der ersten Schöpfungsgeschichte ist der Mensch zusammen mit allen landlebenden Tieren am sechsten Tag erschaffen worden. Es verbindet uns also einiges durch unsere Herkunft. Wir haben denselben Geburtstag.
Im zweiten Schöpfungsbericht wurden die Tiere eigens geschaffen, um Adam Gesellschaft zu leisten. Allein zu sein tat ihm nicht gut. Doch Gottes Strategie ging nicht auf: Die Gesellschaft der Tiere genügte Adam nicht. Also erschuf Gott Eva, was Adam sehr freute. »Endlich!«, seufzte er. Diesen Seufzer haben wir alle schon einmal ausgestoßen oder hoffen, es eines Tages zu tun. Es gibt Einsamkeit, die eine Katze nicht lindern kann. Allerdings bedeutet das nicht, dass Gottes Plan völlig fehlgeschlagen wäre – dass Tiere als Gefährten des Menschen nicht taugen. Wir wissen, dass das nicht stimmt. Der Markt für Hundekekse ist riesig.
Adam gab allen Säugetieren und Vögeln Namen – und stellte damit eine Verbindung zu ihnen her, die in die Tiefen seiner und ihrer Existenz reichte. Seine allerersten Worte waren ihre Namen. Wir werden geprägt durch das, was wir sagen, und wie wir Dinge bezeichnen. Also wurde Adam durch seine Interaktion mit den Tieren geprägt. Diese Interaktion und diese Prägung unseres Bewusstseins ist schlicht ein historischer Fakt. Als Spezies sind wir mit Tieren als unseren Kindergärtnern aufgewachsen. Sie brachten uns das Laufen bei, gaben uns Halt, wenn wir, Hand in Huf, dahinwackelten. Und die Bezeichnungen – mit denen Herrschaft einherging – prägten die Tiere ebenfalls. Auch diese Prägung ist eine offensichtliche Tatsache, mit oftmals verheerenden Folgen (zumindest für die Tiere). Mit den Tieren haben wir nicht nur die genetische Herkunft und einen hohen Anteil an DNA gemeinsam, uns verbindet zudem die Geschichte. Wir waren alle auf derselben Schule. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass wir einige sprachliche Gemeinsamkeiten haben.
Ein Mensch, der mit seinem Hund redet, weiß um die Durchlässigkeit der Artengrenzen. Er hat den ersten und entscheidendsten Schritt auf dem Weg zum Schamanen getan.
Bis in die jüngste Vergangenheit genügte es den Menschen nicht, Doktor Dolittles zu sein. Ja, sie sprachen zu den Tieren, und die Tiere sprachen zu ihnen. Aber das reichte nicht. Es wurde der Intimität der Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht gerecht. Und man konnte zu wenig damit anfangen. Denn manchmal wollten die Tiere ihre kostbaren und überlebenswichtigen Geheimnisse nicht preisgeben, etwa wohin die Herde zog, wenn der Regen ausblieb, oder warum die Vögel das Marschland am Nordende des Sees verlassen hatten. Um diese Informationen zu erlangen, musste man die Realität der gemeinsamen Abstammung auf ekstatische Weise heraufbeschwören. Man musste zum Rhythmus der Trommel um ein Feuer tanzen, bis man so dehydriert war, dass einem das Blut aus den geplatzten Nasenkapillaren schoss, oder singend in einem eiskalten Fluss stehen, bis man spürte, dass einem die Seele wie Erbrochenes in die Kehle stieg, oder Fliegenpilze essen und sich selbst beim Fliegen über das Blätterdach des Waldes zusehen. Dann konnte man die dünne Membran durchstoßen, die diese Welt von anderen Welten und die eigene Spezies von anderen Spezies trennt. Während man sich mühsam zur erleuchtenden Erkenntnis hindurchquälte, umhüllte einen die Membran wie einst die Fruchtblase im Mutterleib. Und man ging als Wolf oder Gnu daraus hervor.
Diese Transformationen sind Gegenstand der frühesten Kunst des Menschen. Im Jungpaläolithikum, als das im Lauf der Evolution entstandene Neuronengestrüpp erstmals von menschlichem Bewusstsein erhellt zu sein schien, kroch der Mensch in kalte Höhlen und begann Therianthropen zu zeichnen – Mischwesen aus Mensch und Tier: Menschen mit Tierköpfen oder Hufen, Tiere mit Menschenhänden und Speeren.
Sogar in den urbanisierten und reglementierten Kulturen Ägyptens und Griechenlands beherrschten Therianthropen die Religion. Die griechischen Götter verwandelten sich ständig in Tiere, um die Sterblichen auszuspähen; die religiöse Kunst Ägyptens ist eine Collage aus menschlichen und tierischen Körperteilen. Und im Hinduismus setzt sich diese Tradition unverkennbar fort. Während ich diese Zeilen schreibe, blickt mich das Abbild des elefantenköpfigen Gottes Ganesha an. Für Millionen Menschen sind die einzigen anbetungswürdigen Götter diejenigen mit einer zwitterhaften Natur: Wesen, die zwischen den Welten pendeln können. Und die Welten werden durch menschliche und tierische Formen repräsentiert. Anscheinend gibt es ein uraltes und tief empfundenes Bedürfnis, die Welt der Menschen und die der Tiere zu vereinen.
Kinder, die noch urtümlicher sind als die Erwachsenen, wissen um dieses Bedürfnis. Sie verkleiden sich als Hunde. Sie malen sich die Gesichter an, damit sie wie Tiger aussehen. Sie nehmen Teddybären mit ins Bett und möchten in ihrem Zimmer Hamster halten. Bevor sie einschlafen, lassen sie sich von ihren Eltern Geschichten über Tiere vorlesen, die wie Menschen sprechen und angezogen sind. Peter Hase und Jemima Pratschel-Watschel sind die neuen schamanischen Therianthropen.
Bei mir war das nicht anders. Ich sehnte mich verzweifelt danach, Tieren nahe zu sein. Teilweise rührte dies daher, dass ich davon überzeugt war, sie wüssten etwas, was ich nicht wusste, was ich aber aus irgendwelchen Gründen unbedingt wissen sollte.
Es gab da eine Amsel in unserem Garten, deren gelb-schwarze Augen so wissend aussahen. Das machte mich ganz verrückt. Sie protzte mit ihrem Wissen, und ich war so ahnungslos. Das Blinzeln dieser Augen war für mich wie ein flüchtiger Blick auf eine zerknitterte Piratenschatzkarte. Ich konnte sehen, dass ein Kreuz eingezeichnet war und eine Stelle markierte. Kein Zweifel: Was da vergraben lag, musste etwas Atemberaubendes sein, das mein Leben verändern würde, wenn ich es fand. Aber ich kam beim besten Willen nicht dahinter, wo dieses Kreuz zu finden war.
Ich probierte alles aus, was mir und jedem, den ich fragte, nur einfiel. Ich hatte buchstäblich »einen Vogel«. Stunden über Stunden saß ich in der örtlichen Bücherei, las jeden Absatz, in dem Amseln erwähnt wurden, und machte mir dazu Notizen in einem Schulheft. Ich kartografierte die Nester in der Umgebung (vor allem in vorstädtischen Ligustergehölzen) und suchte sie täglich auf, ausgerüstet mit einem Hocker, um mich draufzustellen und hineinzuspähen. Sämtliche Vorkommnisse hielt ich minutiös in einem zweckentfremdeten Ausgabenbuch fest. In meinem Zimmer hatte ich eine Schublade voller Amseleierschalen. Morgens schnupperte ich daran, weil ich in den Kopf eines Nestlings vordringen wollte, damit ich an diesem Tag etwas amselartiger aufwuchs, und abends, weil ich hoffte, in meinen Träumen als Amsel geboren zu werden. Ich besaß mehrere getrocknete Amselzungen, die ich überfahrenen Tieren mit der Pinzette entfernt und auf Wattebäusche in Streichholzschachteln gelegt hatte. Tierpräparation war meine zweite große Leidenschaft: Über meinem Bett kreisten, an Drähten von der Decke hängend, Amseln mit ausgebreiteten Flügeln; einige ihrer Artgenossen lugten ziemlich deformiert von Sitzstangen aus Sperrholz herab. Neben meinem Bett bewahrte ich ein in Formalin eingelegtes Amselhirn auf. Immer wieder drehte ich das Glas hin und her, versuchte, mich in dieses Hirn hineinzudenken, und hielt es oft noch in der Hand, wenn ich einschlief.
Aber es funktionierte nicht. Die Amsel entzog sich mir ein ums andere Mal. Ihre verlockende Rätselhaftigkeit ist eines der großen Vermächtnisse meiner Kindheit. Hätte ich auch nur einen Moment lang geglaubt, ich hätte das Mysterium gelöst, wäre das eine Katastrophe gewesen. Womöglich wäre ich dann Ölarbeiter oder Banker oder Zuhälter geworden. Wer in jungen Jahren zu der Überzeugung gelangt, etwas vollkommen beherrschen oder geistig durchdringen zu können, wird später ein Monster. Diese geheimnisvollen Amseln halten mein Ego auch heute noch im Zaum und beglücken mich mit der Erkenntnis, wie unzugänglich alle Geschöpfe sind – und vielleicht besonders der Mensch.
Was aber nicht heißt, dass wir es nicht besser machen können als ich damals mit den Amseln. O ja, das geht durchaus.
Für mich steht völlig außer Frage, dass durch Schamanismus eine echte Verwandlung möglich ist. Tatsächlich habe ich es selbst erlebt: Ich könnte Ihnen dazu eine Geschichte über eine Rabenkrähe erzählen, aber davon ein andermal mehr. Allerdings ist diese Methode beschwerlich und für mich auch schlicht zu beängstigend, als dass ich sie regelmäßig anwenden würde. Und was dabei herauskommt, ist so bizarr, dass es die meisten wenig ansprechend finden. Es mag eine Menge Gründe dafür geben, warum man ein Buch über das Dasein als Dachs liest, das jemand geschrieben hat, der in seinem Wohnzimmer halluzinogene Drogen genommen und geglaubt hat, sich in einen Dachs zu verwandeln. Aber das Bedürfnis, mehr über Dachse oder Laubwälder zu erfahren, steht dabei wohl nicht im Vordergrund.
Ebenso verhält es sich mit dem Quasischamanismus von J. A. Baker, von dessen gefeiertem Werk »Der Wanderfalke« man sagen könnte, es leiste für eine Spezies das, was ich hier für fünf versuche. Baker folgte seinen Wanderfalken bis zu dem Punkt, da er mit ihnen eins wurde. Sein ausdrückliches Ziel war es, sich selbst aufzulösen. »Wohin er (der Wanderfalke) diesen Winter auch gehen mag, ich werde ihm folgen. Ich werde die Furcht und Freude seines Jagens teilen, und auch die Langeweile. Ich werde ihm folgen, bis meine bedrohliche Menschengestalt das wirbelnde Kaleidoskop, das die Sehgrube seiner glänzenden Augen füllt, nicht mehr in Angst verdunkeln lässt. Mein heidnischer Kopf soll im Winterlandboden versinken, auf dass er rein werde.«
Wenn man Baker Glauben schenken kann, hat es funktioniert. Er ertappte sich dabei, wie er unbewusst die Bewegungen eines Falken nachahmte, und seine Pronomina wechseln von »ich« zu »wir«: »In diesen Tagen im Freien leben wir dasselbe rauschhafte, angsterfüllte Leben.«
Niemand bewundert Baker mehr als ich. Aber sein Weg ist nicht der meine. Er kann es nicht sein: Ich bin nicht so tief verzweifelt und unglücklich wie er und teile weder seine Sehnsucht nach Selbstauflösung noch seine Überzeugung, dass eine genickbrechende und Jungtiere ausweidende ruchlose Natur eine Moral verkörpert, die besser ist als alles, was der Mensch ersinnen oder woran er sich orientieren kann. Zudem ist die Selbstauflösung als literarisches Mittel eine ziemlich heikle Angelegenheit. Wenn J. A. Baker wirklich verschwindet, wer erzählt dann die Geschichte? Und wenn nicht, warum sollten wir die Geschichte dann ernst nehmen? Wie Robert Macfarlane bemerkte, versuchte Baker, dem Problem mit der Entwicklung einer neuen Sprache beizukommen: Flügellose Substantive stürzen und gleiten, erdhöhlenbewohnende Verben trudeln am Rand der Atmosphäre, Adverbien benehmen sich abscheulich. Ich liebe diese Fremdartigkeit, aber sie lehrt mich mehr über Sprache als über Wanderfalken. Und stets bleibt die Frage: Wer spricht hier? Ein Wanderfalke, der in Cambridge studiert hat? Oder ein zum Wanderfalken mutierter Baker? Weil wir das nie genau wissen, funktioniert die Methode nicht so recht. Es liegt in der Natur der Dichtkunst, dass sie ihren Urheber nie ganz offenbart.
Sieht man von schamanischer Transformation ab, wird immer eine Grenze zwischen mir und meinen Tieren bestehen bleiben. Also bekennt man sich am besten gleich dazu und versucht, den Grenzverlauf möglichst exakt zu beschreiben – und sei es nur um der Stimmigkeit willen. Es mag ziemlich prosaisch wirken, wenn man von jeder Passage des vorliegenden Buchs sagen kann: »Hier schreibt Charles Foster über ein Tier« anstelle von: »Das könnte die mystische Äußerung eines Dachsmenschen sein«, aber es schafft doch weitaus mehr Klarheit.
Meine Vorgehensweise besteht daher schlicht darin, mich so nahe wie möglich an die Grenze vorzuwagen und mit allem, was mir an Hilfsmitteln zur Verfügung steht, ins unbekannte Terrain hinüberzuspähen. Dieser Prozess unterscheidet sich grundlegend von reiner Beobachtung. Der klassische Beobachter hockt mit seinem Fernglas in einem Versteck und schert sich nicht um Anaximanders schwindelerregende Frage: »Was sieht ein Falke?«, ganz zu schweigen von der modernen, weiter gefassten neurobiologischen Variante dieser Frage: »Welche Art von Welt konstruiert ein Falke, indem sein Gehirn die Reize seiner Sinnesrezeptoren verarbeitet und sie vor dem Hintergrund seiner genetischen Prägung und individueller Erfahrung interpretiert?« Diese Fragen stelle ich mir.

»Noch nie habe ich ein Buch gelesen, das so leicht und spannend zugleich ist. Valtonen erzählt vom Gefühl fundamentaler Heimatlosigkeit, das Freundschaften und Familien spaltet.«


Jan Brandt

Blick ins Buch
Zwei KontinenteZwei Kontinente

Roman

Joe Chayefski hat das Leben, das er immer wollte: er ist einer der renommiertesten Neurowissenschaftler der USA, führt eine erfüllende, gleichberechtigte Ehe und hat zwei wunderbare Töchter. Doch als Joes Labor - und ganz besonders er persönlich - in das Visier von militanten Tierschützern gerät, ist das Idyll bedroht. Überraschend meldet sich da Alina, seine finnischen Ex-Frau, und deutet an, dass die stetig wachsende Bedrohung von Samuel ausgehen könnte, dem gemeinsamen Sohn, den Joe vor 20 Jahren bei ihr in Finnland zurückließ - und damit sein berufliches Fortkommen über das Wohl seines Kindes stellte ... Jussi Valtonen schildert Joes, Alinas und Samuels Versuche, sich in unserer schönen neuen Welt zurechtzufinden, mit durchdringender psychologischer Einsicht und mit einem gesellschaftskritischen Furor, der ihn zum wichtigsten finnischen Autor der Gegenwart macht.

Wie hypnotisiert von dem Sirren starrte er auf den Fernseher, den irgendjemand angestellt hatte. In dem alten Haus knisterte und knackte es wie immer, sodass er fast glaubte, sie seien auch schon hier, dabei befand man sich am Pazifik noch in Sicherheit.

Sie sangen.

Bisher hatte er nichts von ihrer Existenz gewusst. Doch sie waren da gewesen, jahrelang, in der Erde, von allen unbemerkt, hatten aus den Tracheen der Baumwurzeln Nahrung gesogen und auf den richtigen Moment gewartet.

Sie kamen auch in den Nachrichten vor. Einer der Portland-Aktivisten tapste mit einer Tasse Kombucha-Tee aus der Küche herüber, ließ seinen Joint kreisen und sagte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hier wären. Dieses Jahr noch nicht, vielleicht auch noch nicht nächstes, aber ein Mechanismus werde dafür sorgen, dass sie sich von der Ostküste her ausbreiteten. Die anderen konnten das nicht glauben, es müsse einen Grund geben, weshalb sie nur im Osten vorkämen, doch dem Portland-Mann zufolge war es eher erstaunlich, dass der Mechanismus hier noch nicht gegriffen hatte.

Er sah wieder zum Bildschirm, wo eine frisch geschlüpfte Nymphe auf einem Fächerahorn saß, ihre noch unterentwickelten Flügel glänzten in der Sonne. Sie wartete, dass ihr Chitinpanzer fest wurde. Gegen das kräftige Laubgrün war sie weiß wie Milch und erinnerte an eine Leichenmade. Laut dem Biologen im Studio konnte sie auch als ausgewachsenes Insekt weder stechen noch beißen noch Krankheiten übertragen, war für Mensch und Tier vollkommen ungefährlich, zum größten Teil auch für Pflanzen. Der Portland-Mann zog an seinem Joint und meinte, dass die Unfälle nur durch unnötige Panik entstünden : Die Leute machten beim Autofahren die Augen zu oder fuchtelten auf Kreuzungen und Autobahnauffahrten mit den Händen. Das sei alles harmlos, sagte jetzt auch der Biologe im Fernsehen, wenn die Leute ruhig blieben.

Irgendetwas daran war faszinierend, dachte er, während seine Beine über die Lehne des abgewetzten Sessels baumelten : Die ganze Zeit hatten sie im Verborgenen gewartet. Fast zwanzig Jahre lang.

Das also sah er sich zusammen mit den anderen an, die meisten auf dem Fußboden, ein paar auf dem Sofa, als es auf einmal an der Tür hämmerte. Durch das beständige Sirren der Zikaden hindurch hörte man, wie jemand auf die Holztür eindrosch, als wollte er sie aus den Angeln schlagen.

Sie blickten einander an. War das Klopfen erst normal gewesen, und sie hatten es wegen des Fernsehers nicht gehört ? Die dröhnenden Schritte auf der Holzterrasse verrieten, dass es sich um mehrere Personen in schweren Stiefeln handelte.

Der Fernseher lief noch immer, als endlich einer der Leute aus Eugene aufstand. Ja-a ! Verdammt, jetzt tretet uns doch nicht das Haus kaputt ! Bevor die Tür aufging und er in die erschrockenen, ungläubigen Gesichter der anderen sah, hörte er den Biologen sagen : Es hilft, sich vorzustellen, dass sie ganz genauso zur Natur gehören wie wir selbst, dass sie ein Wunder sind.

 

Die andere

Helsinki, Finnland 1994

Es sei nur vorübergehend, alles würde wieder werden wie vorher.

Genaue Zeiten ließen sich dem Elternratgeber zufolge nicht festlegen, worin das Buch sich aber sofort selbst widersprach : ungefähr drei Monate bei über der Hälfte aller Paare. Doch man dürfe nicht vergessen, dass das letztlich individuell sei, schließlich gehe es um eine sensible Angelegenheit. Der Neuanfang sei nach einer so einschneidenden Veränderung immer heikel, für alle.

Es wäre falsch zu denken, dass mit einem von beiden was nicht stimmte.

Alina hatte den Ratgeber schon vor einer Woche auf dem Nachttisch liegen lassen. Sie wusste selbst nicht, ob sie sich davon irgendeine Veränderung versprach. Doch als sie sah, dass er noch immer da lag, unberührt, fühlte sie etwas in sich untergehen.

Als der Zustand weitere drei Monate anhielt, sprach sie das Thema an. Joe schien überrascht.

» Ich dachte, es ist noch … «, er suchte nach dem richtigen Wort, » schwierig. «

» Glaube ich nicht. «

» Wirklich ? Hm. «

Und nach einer Pause : » Okay. «

Das erste Mal hatten sie es drei Monate nach Samuels Geburt versucht. Es wurde eine Rückkehr in unbeholfene Pubertätsjahre. Man musste wieder ganz von vorn anfangen, sich auf die Technik konzentrieren statt auf das innere Empfinden, herumraten, was sich wie anfühlen und was funktionieren würde. So war es vielleicht auch für jemanden, der nach einem Schlaganfall wieder neu laufen lernte, hatte sie gedacht.

In einer Elternzeitschrift in der Bibliothek hatte sie mehr darüber gelesen. Der niedrige Östrogenspiegel war ganz natürlich und konnte die Lust mindern.

Hatte sie Lust ? Ihr Körper kam ihr fremd und rätselhaft vor. Sie mussten neuen Anlauf nehmen, aber würde es diesmal besser klappen ? Wenn nicht, würde die Hürde nur größer werden.

Als Samuel am Abend endlich eingeschlafen war, legte Joe sich im Flanellpyjama ins Bett und klappte gewohnheitsmäßig seine Schachweltmeister auf. Das Buch über die größten Schachgenies aller Zeiten las er in den letzten Wochen immer so lange, bis er das Licht ausmachte. Manchmal baute er sogar sein Schachbrett auf, spielte einen Zug aus dem Buch nach und starrte mit vorgeschobenen Lippen auf die Figuren, als erwartete er sich von ihnen eine Antwort. Früher hatten sie sich vor dem Einschlafen geküsst ; manchmal war daraus Sex geworden, manchmal nicht.

Sie wartete. Joes Pupillen hüpften konzentriert von Zeile zu Zeile. Irgendwann bemerkte er ihren Blick.

» Was ist ? «

» Wir hatten doch über was geredet. «

Joes Augen blieben leer.

» Heute Mittag. «

» Ach ja. « Er sah aus, als würde er sich noch immer nicht richtig erinnern. » Stimmt. «

Er legte das Buch auf den Nachttisch. Vorsichtig wandten sie sich einander zu und lagen nun beide auf der Seite, warteten jeder auf irgendein Zeichen des anderen. Die Situation, alles, was sie beinhaltete, schien ihnen vollkommen fremd. Joe berührte ihre Hüfte, sachte, als fürchtete er, ihr wehzutun.

Seine Lippen waren ihr dann wieder vertraut und fühlten sich richtig an, trotzdem wirkte alles leicht mechanisch. War so Sex mit jemandem, den man nicht liebte ? Doch dann spürte sie Joes warme Finger über ihren Körper wandern, ließ sie gehen, wohin sie wollten, erkannte selbst die Route wieder, die Täler und Hügel, all das, was ihnen beiden so gut bekannt war.

Joes Finger hielten kurz inne, kehrten um in die Gegenrichtung, bewegten sich auf eine neue Weise. Alina spürte seinen Berührungen nach und wusste, dass etwas fehlte. Sie sah, dass auch Joe es wusste.

» Willst du … ? « Joe sprach den Satz nicht zu Ende.

Sie wusste, was Joe meinte : Sie wollte.

» Hm-m. « Sie nickte mit geschlossenen Augen. » Ja. «

Doch auf einmal war da die andere Frau, das Mädchen.

Sie saß auf der Bettkante und beobachtete sie beide vollkommen ausdruckslos, als hätte sie schon immer dort gesessen.

Alina schreckte auf.

» Hat es wehgetan ? «, fragte Joe besorgt.

» Nein. «

» Was dann ? «

Sie glaubte, in Joes Stimme eine Spur Erleichterung zu hören, jetzt mussten sie es doch nicht tun.

» Vielleicht ist es noch zu früh «, sagte sie.

» Ja. «

Sie sahen einander an. Alina hatte Joes Augen von Anfang an gemocht ; es waren die Augen eines freundlichen Mannes. Joe strich ihr über die Haare.

» Nichts überstürzen. «

» Nein. «

Sie drehten sich voneinander weg, und wenig später hörte Alina an Joes Atemzügen, dass er eingeschlafen war.

 

Die Sache mit dem Mädchen hatte letzten Herbst im Büro angefangen.

Alina hatte sie auf den Bildschirm starren sehen, an einem Schreibtisch neben der Tür, wo vorher kein Arbeitsplatz gewesen war. Sie hatte ein Bein angewinkelt und unter ihren Po gezogen, die Schultern vornübergebeugt. Die Haltung wirkte unbequem, so, als wisse das das Mädchen noch nicht, ob sie in typischer Büromanier zusammensacken oder doch irgendwann wie eine Katze aufspringen wollte. Sie hatte pechschwarze Haare, betont streng geschnitten, ihre Stirn war vor Konzentration gerunzelt, ihr Mund stand offen.

Während Alina darauf wartete, dass das Mädchen die Arbeit unterbrach und sich ihr und dem Kinderwagen zuwandte, wurde ihr Blick von dem silbernen Armreif angezogen, den das Mädchen um das schmale Handgelenk trug. Du sitzt also den ganzen Tag im Büro herum, und nach Feierabend ziehst du durch die Läden und kaufst Schmuck, dachte sie.

» Entschuldigung «, sagte sie schließlich.

Das Mädchen sah zu ihr herüber, als habe sie die ganze Zeit gewusst, dass jemand wartete.

Alina hatte angenommen, dass das Mädchen beim Anblick des Kinderwagens, eigentlich ohnehin in Anwesenheit von Besuch, ihren Fuß vom Stuhl nehmen und sich normal hinsetzen würde. Aber sie blieb unverändert in ihrer Position, lehnte den Oberkörper sogar noch ein Stück weiter auf die Tischplatte.

» Wir hatten vereinbart – Joe und ich hatten vereinbart … «, setzte Alina an.

Das Mädchen hob die Augenbrauen, als würde sie Alina nicht glauben oder als würden ihre Worte jedenfalls nicht genügen.

» Er arbeitet da drüben «, sagte sie schließlich und deutete mit dem Kopf Richtung Fenster.

» Ich weiß «, erwiderte Alina knapper, als sie beabsichtigt hatte.

» Er kommt bestimmt gleich «, sagte das Mädchen.

Wusste die Schwarzhaarige wirklich nicht, wo Joe war, oder wollte sie es nicht erzählen ? Alina war nicht sicher. Sie stand mit dem Kinderwagen an der Tür, und das Mädchen saß weiter in dieser merkwürdigen Körperhaltung im Büro ihres Mannes.

» Bestell ihm bitte, dass ich auf der Toilette bin, wenn er wieder da ist. «

Alina verließ das Zimmer und schob den Kinderwagen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war, mit dem allzu deutlichen Gefühl, dass das Mädchen den ganzen Flur einsehen konnte und sie selbst ein schlampiges Bild abgab, aussah wie eine nachlässige Hausfrau – vermutlich, weil sie genau das war. Hätte sie von dem Mädchen gewusst, sie hätte sich anders angezogen. Warum ? Sie ärgerte sich über den Wunsch, eine fremde Person zu beeindrucken. Für wen hielt das Mädchen sie eigentlich ? Selbstverständlich wusste Alina, an welchem Tisch Joe arbeitete, sie selbst hatte ihren Mann hier eingeführt und ihm alles gezeigt, schon lange gehörten Joe und sie hierher ; eigentlich war es das Mädchen, das als Außenstehende sie hätte ansprechen müssen.

Samuel drehte im Schlaf den Kopf und stieß einen ulkigen Laut aus. Der Kinderwagen, die Situation, überhaupt dass sie hierhergekommen war, auf einmal war ihr alles peinlich. Trotzdem, wieso benahm sie sich, als müsste sie sich für etwas entschuldigen ? Während sie über diese Frage nachdachte, stieß sie mit dem Kinderwagen geräuschvoll gegen einen Tisch. Ihr wurde heiß, vermutlich lief sie sogar rot an. Sie begann, ein Lied zu summen, und streckte ihren Rücken durch. Als sie sich verstohlen umdrehte, saß das Mädchen da wie zuvor und starrte auf den Bildschirm. Als würde es Alina und ihren Kinderwagen nicht geben.

 

Zu Hause hatte sie das Mädchen erwähnen wollen. Im Vorübergehen. Einfach sagen, dass es offenbar eine neue Mitarbeiterin am Institut gab, mit einem eigenen Arbeitsplatz. In einem so kleinen Fachbereich hatte es doch wohl eine Bedeutung, wer da noch so jeden Tag den Flur entlangging. Wahrscheinlich würden sie und Joe dem Mädchen in Zukunft öfter begegnen, vielleicht bei dem Fest, das sie geben wollten.

Das Fest, dachte sie. Es würde nicht stattfinden. Joe hatte es mehrmals vorgeschlagen, doch Alina hatte Angst vor einem Spießrutenlauf. Die Gäste würden sich überall in der Wohnung umsehen, würden Speisen und Getränke, das Baby und die Babykleidung begutachten, das Spielzeug und das Gitterbettchen, das CD- und Schallplattenregal, den Wohnzimmerteppich : So also hatte Joes Frau es gewollt.

Doch wenn sie sich umsah, gab es kaum Gegenstände, die sie wirklich gewollt oder bewusst ausgesucht hatte. Und im Wohnzimmer funktionierte die Stehlampe nicht, der Schalter hatte einen Wackelkontakt. Joe hatte versprochen, sich darum zu kümmern. Wahrscheinlich trug er das Kabel mit dem kaputten Schalter täglich in seinem Arbeitskoffer mit sich herum. Sie hatte ein paar Mal nachgehakt, aber immer im falschen Moment, und sie wollte keine große Sache daraus machen. Im Grunde waren Samuels Babyklamotten auf dem Wäscheständer das beherrschende Einrichtungselement. Ein Teil entstammte dem staatlichen Mutterschaftspaket, ein Teil kam von ihrer Freundin Julia beziehungsweise deren Kindern, der Rest war vom Flohmarkt. Die Vorstellung, dass Joes komplette Kollegenrunde in der nach Milch riechenden Wohnung zwischen Schmutzwäschehaufen herumspazierte, stresste sie.

» In Finnland ist es nicht üblich, Arbeitskollegen nach Hause einzuladen «, hatte sie gesagt, als Joe das Thema ein weiteres Mal auf den Tisch brachte.

» In den Staaten schon. «

» Das stimmt «, sagte sie, » ich meine ja nur, dass hier … «

» Ich weiß, ich weiß «, sagte Joe und ging ins Schlafzimmer, um sich für eine Partie Squash umzuziehen. Ob Joe wirklich wusste, war ihr wie immer unklar.

Vor allem hätte sie das Wohnzimmer gern noch mal gestrichen und ihre Fehlentscheidung korrigiert. Die Wände waren zu weiß geworden. Auf dem Musterkärtchen hatte der Ton frisch ausgesehen, aber auf den großen Flächen war er fast aggressiv und ließ die anderen Farbtöne ungesund wirken. Außerdem hob sich jeder noch so winzige Fleck deutlich ab.

Joe hatte ihren Vorstoß mit dem Satz kommentiert, es lohne sich nicht, neu zu streichen, bevor die Situation klar sei. Bei dieser Formulierung hatte Alinas Herz einen Schlag ausgesetzt.

» Welche Situation ? «, hatte sie gefragt.

» Na, wo wir uns niederlassen und … «

Sie wartete darauf, dass er zu Ende sprach, bis sie begriff, dass er das bereits getan hatte. Dann ließ er sich doch zu einer Fortsetzung herab : Sie würden ja sicher nicht bis an ihr Lebensende in dieser Wohnung bleiben.

» Bis an unser Lebensende bestimmt nicht. Aber erst mal. «

» Lass uns trotzdem schauen. «

» Was schauen ? «

» Ob wir nicht … auch zu Hause eine Chance haben. «

Back home.

Wie leicht es war, das so nebenbei zu sagen, home, dieses weiche Wort, sein warmer, sympathischer Klang, als wäre es in allen Sprachen der Welt dasselbe Wort. Sie starrte Joe an, schluckte und sah woanders hin.

» Komm schon «, sagte Joe und umfasste ihren Arm, den sie ihm sofort entzog.

Er versuchte es ein zweites Mal : Come on, Alina. So, wie Joe ihren Namen aussprach, landete die Betonung immer auf der zweiten Silbe, und das A vorne verschwand beinahe. Liina. Sie hatte das gemocht, als sie sich kennengelernt hatten, sie wollte eine Frau sein, deren Name noch über eine zweite, kosmopolitische Variante verfügte.

» Hast du gerade tatsächlich gesagt, ob wir nicht auch zu Hause eine Chance hätten ? Wir ? «

» Du weißt, wie ich das meine. «

» Weiß ich nicht. «

Abends wickelte Joe Samuel, übernahm das Füttern und machte den Kleinen bettfertig, schwieg aber die ganze Zeit.

Nachdem Alina Samuel später noch einmal gestillt hatte, lag sie mit dem Rücken zu Joe im gemeinsamen Bett. Wusste er, dass sie weinte ?

» Hast du gedacht, dass wir das ganze restliche Leben in Finnland verbringen ? « Joe sprach langsam und leise und wie in das Buch hinein, das er gerade las.

Alina suchte nach der richtigen Antwort, sie sollte genauso selbstverständlich klingen und genauso neutral daherkommen wie seine Frage, aber in ihrem Innern fand sich nur das Schlagen hoher Wellen. Irgendwann hörte sie Joe laut seufzen, seine Brille auf den Nachttisch legen und das Licht ausknipsen.

» Wann hättest du mir deine Pläne von dir aus erzählt ? «, fragte sie.

» Meine Pläne ? «

Alina schwieg.

» Ich dachte «, sagte Joe, » dass wir gemeinsam darüber reden können. Ist das zu viel verlangt ? «

Seine Stimme klang heiser. Du benutzt deine Stimme falsch, dachte Alina. Eine ihrer Freundinnen war Logopädin und machte ihr Umfeld gern auf verkrampftes Sprechen oder eine schlechte Körperhaltung aufmerksam ; Alina hatte diese Angewohnheit übernommen.

» Wir haben doch früher schon darüber gesprochen, dass wir verschiedene Möglichkeiten haben. «

Das hätte sie ernst nehmen sollen ?, fragte Alina sich irritiert. Sie hatten in Gedanken alle Länder durchgespielt, in denen sie gemeinsam leben könnten, abends in dem kleinen Hotel am Piccadilly Circus, lange bevor alles real geworden war. Auf ihrer Liste standen sogar Ghana und Polen.

» Hat das vielleicht damit zu tun, dass du den Job nicht bekommen hast ? «, fragte sie. » Hast du nicht gesagt, du wolltest ihn sowieso nicht haben ? «

Schlagartig war Joe gereizt, Alina konnte das tief im Magen spüren. Warum nur hatte sie nicht die richtigen Worte gefunden ?

» Erzähl’s mir doch «, sagte sie und berührte Joes Wange.

Joe sah an die Decke, als würde er Alinas Hand nicht bemerken. » Es ist, als würde man überall gegen Mauern stoßen. «

» Meinst du sozial oder beruflich ? «

» Beides. «

Joe war der Meinung, dass die Finnen keine neuen Leute in ihre Kreise reinließen. Niemand lud einen zum Kaffee ein, geschweige denn zu sich nach Hause. In diesem kleinen Land war privat wie im Job alles abgezirkelt, Außenstehende hatten keinen Zutritt. Und wenn man abends nicht von zu Hause wegkonnte, hatte man erst recht keine Chance.

Wenn man abends nicht von zu Hause wegkann. Gefangen halte ich dich hier ja wohl nicht, dachte Alina. Wenn du kein Baby willst, hättest du es vorher sagen müssen.

Jedenfalls wollte Joe kein zweites Kind. Alina wünschte sich sogar drei. Sie hatten mehrmals darüber gesprochen, jedes Mal war die Stimmung sofort extrem angespannt gewesen. Bei Alina blieb der Eindruck zurück, dass sie etwas von Joe wollte, was er nicht geben konnte.

» Was denkst du ? «, fragte Joe jetzt. » Sag doch was. «

Alina dachte an ihren Vater. Beinahe wöchentlich brauchte er ihre Hilfe bei der Bank und auf Ämtern. Er konnte nicht mit Geldautomaten umgehen und keine Rechnungen bezahlen, obwohl Alina schon zehn Mal mit ihm in der Bank gewesen war und ihn Schritt für Schritt angeleitet hatte. Wie sollte sie das von den USA aus anstellen ? Und was, wenn er krank wurde, Hilfe beim Einkaufen brauchte oder bei der Medikamenteneinnahme ? Seit dem Tod ihrer Mutter war ihr Vater antriebslos und zerstreut. Auch sie selbst tat sich schwer zu begreifen, dass eine Frau, die ihr ganzes Leben lang Tatkraft und Vitalität ausgestrahlt hatte, nur wenige Monate nach dem Krebsbefund tot sein konnte.

» Fühlst du dich schon lange so außen vor ? «, fragte sie Joe schließlich. » Du hättest was sagen sollen. «

» Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. «

Er streichelte ihre Hand, seine Stimme war tief und ruhig. Sie könnten doch beide in Ruhe darüber nachdenken, falls er etwas Passendes finde, schlug er vor. Es sacken lassen und überlegen, ob eine kurze Phase in den USA für sie infrage komme. Solle er nicht einfach die Augen aufhalten ? Vielleicht würde sich ja eine interessante Gelegenheit bieten. » Natürlich nur, wenn das für dich okay ist. «

Alina dachte an ihren Vater. Wer würde mit ihm Weihnachten feiern ? Sie musste schlucken und wandte sich ab ; sie wollte nicht, dass Joe ihre Tränen sah.

» Heißt eine kurze Phase wirklich eine kurze Phase, oder wird sie mit der Zeit länger und länger werden ? «, brachte sie hervor.

» Du kannst nicht immer alles vorab kalkulieren «, erwiderte Joe, und Alina fühlte sich wie ein schwieriges Kind.

 

» Wir ziehen in die USA «, sagte sie zu Julia, während die Babys auf dem Teppich herumkrabbelten. Julias Wohnzimmer war hell erleuchtet, die DVD im Hintergrund leise gestellt. Sie aßen Kekse und sahen kaum hin ; nicht einmal die zwei Singles selbst, um die es in der Serie ging, kriegten mit, dass sie füreinander bestimmt waren.

Wann ?, wollte Julia wissen. Und wohin ? Für immer ? Werde Alina dort arbeiten ? Und auf was für eine Schule sollte Samuel gehen ?

» Ich weiß es nicht «, gestand Alina. Julias fragender Gesichtsausdruck war ihr unangenehm.

Jeden Tag wartete sie darauf, dass Joe von der Arbeit nach Hause kam und verkündete, dass ihm eine Stelle in San Diego oder Austin oder Santa Barbara oder Albuquerque angeboten werde, und sie mit » Ja « oder » Nein « reagieren müsste. Sie fürchtete sich vor der Diskussion, die ein Nein nach sich ziehen würde, vor den Argumenten, die sie formulieren müsste, den Gegenargumenten, die Joe auffahren würde. Ein Kuhhandel, ein Stellungskampf, der über ihre Ehe entscheiden würde, darüber, in welchem Land Samuel zur Schule ginge und welche Sprache er spräche, welche Form ihr Leben annähme.

» Das ist noch offen «, sagte Alina, wich Julias Blick aus und schob hinterher, dass sich schon alles finden werde.

Julia nickte und wechselte ihrem Sohn Jimi, der wie Alfred Hitchcock aussah, die Windel. Im Hintergrund lief schon die dritte Folge der Staffel.

» Ja, alles findet sich irgendwie. «

» Letztlich hängt es von Joes Arbeit ab. «

» Ich bewundere dich «, sagte Julia. Alina würde einfach so an einen fremden Ort ziehen, noch mal ganz von vorn anfangen. Wie mutig !

Alina betrachtete sich mit den Augen ihrer Freundin und verspürte zum ersten Mal Lust wegzugehen, als eine abenteuerlustige Frau, die auf eigenen Beinen stand.

Sie gestand, dass es ihr um ihren Vater leidtat, der dann allein zurechtkommen müsse. Andererseits würde er sich in letzter Zeit mehr und mehr auf sie fixieren und immer passiver werden, vielleicht würde er nach ihrem Umzug neue Inhalte finden, außerdem könne sich ihr Leben nicht ewig um ihren alten Vater drehen. Irgendetwas daran stellte sie nicht zufrieden, aber trotzdem : Die Option eines neuen, unerschrockenen Lebens war verlockend, womöglich beneidenswert, und da Julia nickte und keine neuen Fragen aufwarf, wuchs Alinas Überzeugung, dass ihr Leben jetzt eben so sei und dass diese neue Perspektive vielleicht nicht die beste, aber definitiv nicht die schlechteste war. Ja, das war nun mal ihr Leben, sie hatte es sich selbst ausgesucht, und für jede Entscheidung musste man einen Preis zahlen, auch dafür, dass man womöglich gar nichts entschieden hatte. Meist musste man gerade dafür einen hohen Preis zahlen.

Doch als sie wieder zu Hause waren und sie in Samuels pausbäckiges, fröhliches Gesicht sah, musste sie weinen. So ein süßes kleines Gesicht. Sie weinte noch immer, als Joe nach Hause kam. Er spülte unaufgefordert das Geschirr, sah aber enttäuscht aus. Alina wusste, dass ihre Stimmungswechsel, überhaupt ihr übergroßer Wunsch, in Finnland zu bleiben, ihn belastete.

Bei ihrem nächsten Treffen fragte Julia, ob die Umzugspläne Form angenommen hätten. Alina gab zur Antwort, dass die Details noch offenstünden. Sie unterhielten sich eine ganze Weile über das Auswandern, womit keine von ihnen Erfahrung hatte, und über die Amerikaner, die sie beide nicht kannten, von Joe einmal abgesehen, und kamen zu dem Ergebnis, dass das Leben drüben vollkommen anders und am Ende doch wieder genauso sei wie zu Hause.

 

Als Julia sich das nächste Mal mit ihr verabreden wollte, erfand Alina eine Ausrede. Sie mochte nicht zugeben, dass die Pläne noch immer in der Luft hingen und sie nicht einmal wusste, warum. Allmählich hatte sie das Gefühl, sich die ganze Geschichte mit dem Umzug in die USA nur ausgedacht zu haben.

Seit der Geburt ihrer Kinder waren sie etwa alle zwei Wochen essen gegangen. Das hatten sie sich schon während der Schwangerschaft vorgenommen. Julia rief ein weiteres Mal an und schlug ein Treffen vor, doch nachdem Alina wieder gesagt hatte, der Tag passe ihr schlecht – was er tatsächlich tat –, blieb das Telefon still, und sie sahen einander nicht mehr.

Die Kohlmeisen zwitscherten. Die Februarsonne ließ den Schnee in sich zusammenfallen, dieser bestimmte Geruch lag in der Luft. Alina stand auf dem Balkon, schuckelte Samuels Kinderwagen und überlegte, ob Joe einfach noch keine passende Stelle ausfindig gemacht hatte. Oder war er besonders wählerisch, nachdem er sich wegen Alina empfindlich geirrt hatte und nach Finnland geraten war ? Ging die Sache ohne ihr Wissen längst ihren Gang, und Joe würde ihr eines Tages einfach den Ort und das Flugdatum nennen ? Studierte in diesem Moment ein ihr unbekannter Wissenschaftler in Buffalo, NY, Joes Lebenslauf ? Gab es vielleicht mehrere gute Optionen, die Joe sorgsam abwog, überlegte er, was ihn am ehesten weiterbrachte, wollte er sich nicht zu früh festlegen ? Wie viel Zeit würde man ihnen für den Umzug einräumen ?

Sie versuchte, sich an den Ablauf des Gesprächs mit Joe zu erinnern. Hatte sie möglicherweise längst eingewilligt oder zumindest in Aussicht gestellt, dass sie höchstwahrscheinlich mitgehen würde ? Und was, wenn sie sich weigerte ? Müsste sie sich dann von Joe trennen und ihr Leben als Alleinerziehende weiterleben ? Würde sie das ertragen ?

Eigentlich hatte sie den Eindruck gehabt, dass Joe so gut wie jeden Job annehmen würde, um aus Finnland wegzukommen. Dennoch hatte er das Thema seit jenem Abend nicht mehr angeschnitten. Hieß das, es würde alles weitergehen wie bisher ? Dass vielleicht gar nichts in Aussicht stand ?

Jeden Abend, wenn Joe von der Uni nach Hause kam, holte Alina Luft und wollte nachfragen, tat es dann aber doch nicht. Vielleicht war die Angelegenheit stillschweigend begraben worden, oder Joe hatte sie schlicht vergessen. Das durfte sie auf keinen Fall kaputt machen. Schon der Flügelschlag eines Schmetterlings konnte eine unumkehrbare Reaktionskette in Gang setzen, da durfte sie Joe nicht an seine Leiden in diesem kalten, unfreundlichen Land und die leuchtenden Möglichkeiten in der Ferne erinnern.

 

Alina hatte Mühe, den Kinderwagen mit auf die Toilette zu nehmen. Als sie ihn endlich durch die schmale Türöffnung bugsiert hatte, stand sie tatenlos im Neonlicht. Sie wusch sich die Hände und wartete. Als sie glaubte, die Schritte des Mädchens auf dem Flur zu hören, wartete sie noch ein paar Sekunden und schob den Wagen dann genauso mühsam wieder raus.

Joe saß allein im Zimmer. Ihre Umarmung war verhalten ; Alina hatte den Eindruck, dass Joe Zärtlichkeiten nicht mochte, wenn er in seiner Arbeitsrolle steckte, überhaupt wenn sie an der Uni waren. Obwohl ihnen hier niemand zusah, im Gebäude herrschte eine Ruhe wie in einer stillgelegten Fabrik.

Sie schaute sich um. Unfassbar, dass Joes Zimmer, abgesehen vom Arbeitsplatz des Mädchens, noch immer dasselbe war. Bei ihnen zu Hause sah nichts mehr aus wie vorher. An der einzigen freien Wand im Schlafzimmer stand jetzt das Gitterbett, das Ehebett hatten sie verrücken müssen, ins Badezimmer hatten sie die Wickelkommode gequetscht und dafür einen der zwei Schränke rausgestellt. Im Wohnzimmer dominierten das Babytrapez und der große Stoffkorb mit dem Spielzeug, vermutlich dauerhaft, obwohl das so ursprünglich nicht geplant gewesen war.

Selbst wenn das Mädchen die Hälfte von Joes Arbeitszimmer einnahm, so, wie Samuel daheim mindestens die Hälfte der Wohnung einnahm, war Joes eigener Bürobereich davon vollkommen unberührt. Sein Schreibtisch, seine Pinnwand, sein Regal waren exakt dieselben.

» Was schaust du so ? «, fragte er.

» Ich hatte nur vergessen, wie es hier aussieht. «

Joe korrigierte den Sitz seiner Hose und legte die Stifte auf seinem Tisch ordentlich zurecht. Als habe er Angst vor der kleinsten Unordnung. Auf einmal hatte Alina das Gefühl, sie sei gekommen, um eine schmerzliche, aber unvermeidliche Regelung mit Joe zu treffen.

Früher war sie hier selbst ein und aus gegangen, hatte hier studiert, auch wenn sie das heute kaum glauben konnte. Sie versuchte, sich an die Inhalte der Lehrbücher zu erinnern, an Details, über die engstirnige Typen mit Pferdeschwanz aufgeregt in der Mensa diskutiert hatten und die im Nachhinein völlig bedeutungslos waren.

» Und ? «, fragte sie nach einem Moment des Schweigens.

Joe lächelte sie erwartungsvoll an : » Was › und ‹ ? «

» Sind hier keine Leute ? «

Außer dem Mädchen, ergänzte sie still und sah zu ihrem Stuhl. Wie viele Monate oder Jahre in dieser ungesunden Sitzposition brauchte es, bis man orthopädische Schäden bekam ? Welche Körperteile, welche Gelenke würde es treffen ?

» Ja, ziemlich ruhig heute «, sagte Joe und dehnte sich. Wie jemand, der ungezwungen wirken wollte.

Im Kinderwagen wimmerte Samuel leise, dann atmete er gleichmäßig weiter. Alina hatte ihm die gefütterten Wintersachen übergezogen, die Außentemperaturen lagen unter null. Nicht mehr lange, und er würde schwitzen und aufwachen, dann wären auch schon die nächste Mahlzeit und die nächste Windel dran. Das war’s dann also mit dem Besuch in der Fakultät.

» Ähm. Bleiben wir jetzt hier drinnen ? «, fragte sie und meinte Joes Zimmer.

» Wo willst du denn hin ? «

» Hin ? « Sie starrte Joe an. Sie war davon ausgegangen, dass Joe den Kollegen seinen kleinen Sohn zeigen wollte, ein paar von den Mitarbeitern waren auch alte Bekannte von ihr, jedenfalls früher einmal. War das nicht der Grund für ihren Besuch heute ? Oder nahm Joe an, dass sie mitten am Tag ein bisschen Zeit im Arbeitszimmer ihres Mannes verbringen wolle ? Wartete er darauf, dass Samuel aufwachte ? Sie überlegte, ob sie das, was sie wirklich meinte, tatsächlich so oft ungesagt ließ.

Eine undefinierbare Welle ging über sie hinweg, für die sie keinen Namen fand, die aber zu stark war, um gegen sie anzukämpfen. Alina hätte sich hinsetzen müssen, doch der einzige freie Stuhl gehörte dem Mädchen.

» Was ist los ? «, fragte Joe.

» Mir ist nur ein bisschen flau. «

Wahrscheinlich bin ich mal wieder dehydriert vom Stillen, wollte sie gerade hinzufügen, da stand auf einmal das Mädchen im Türrahmen.

Sie hielt eine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger und drehte sie hin und her, als sei dies ein Zeichen. Alina dachte schon : Will die etwa hier drin rauchen, mit einem Baby im Zimmer ?

» Oh. Verzeihung «, murmelte sie auf Englisch und hörte mit der Drehbewegung auf. » Ich wusste nicht, dass du noch hier bist «, fügte sie auf Finnisch hinzu, schaffte es aber irgendwie, Alina dabei nicht anzusehen.

» Ich wollte nur eine rauchen gehen «, sagte sie zu Joe und warf einen beiläufigen Blick auf die Zigarette, als wäre allein die für ihre Idee verantwortlich. Ihre Lippen leuchteten in frischem Rot, die kleine blasse Stelle, die Alina vorhin aufgefallen war, hatte sie korrigiert.

» Aber du rauchst doch gar nicht ! «, entfuhr es Alina.

Die schwarz nachgezogenen Augenbrauen des Mädchens zogen sich bedeutungsvoll nach oben – ahaaa ? –, ihr Blick wanderte wieder zu Joe. Einen kurzen Moment befürchtete Alina, das Mädchen würde loslachen.

» Er kommt nur zur Gesellschaft mit «, sagte sie, allerdings in einem Ton, als habe sie einen Witz gemacht, zumindest kam es Alina so vor.

» Heute ist ein bisschen viel zu tun «, wiegelte Joe ab, seine Stimme klang eigenartig offiziell.

Das Mädchen hob wieder die Augenbrauen, als wollte sie sagen : Wir reden weiter, wenn die da drüben weg ist, machte kehrt und verschwand. Die Absätze ihrer schwarzen Schuhe hallten im Flur.

Alina sah Joe an.

» Ich habe mir manchmal die Füße vertreten «, sagte er und hustete. » Wenn’s gepasst hat und ich selbst eine Pause brauchte. «

» Meinetwegen kannst du gerne rauchen «, sagte Alina, » ich war nur überrascht. «

» Ich rauche aber nicht. «

» Es würde mich aber nicht stören, falls doch. Mehr meinte ich gar nicht. « Sie versuchte, gut gelaunt zu klingen. Joes Gesicht blieb ernst.

» Wie heißt sie eigentlich ? «

» Aleksandra. «

 

Alina war mit nach Italien gefahren, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Die Erinnerung daran trieb noch immer ihren Puls nach oben. Immer wenn sie mal wieder das Gefühl hatte, im Leben nichts erlebt zu haben, musste sie an diese Reise denken.

Sie war so jung gewesen. Zwar lag Italien erst eineinhalb Jahre zurück ; trotzdem, sie war so jung gewesen.

Eigentlich wollte sie niemandem Einblick in ihre miese Diplomarbeit gewähren, geschweige denn mit ihr an die Öffentlichkeit treten. Aber Wallenberg hatte die Geschichte runtergespielt und ihr zu verstehen gegeben, dass so eine Konferenz nun mal dazugehörte.

P. Wallenberg würde sich freuen, Sie in seiner Riege begrüßen zu dürfen, hatte Wallenberg gesagt, was für sie unweigerlich auf eine Promotion hinauslaufen würde. Er drückte sich auch in informellen Situationen förmlich aus und wollte damit vermutlich witzig sein. Alina fand das rührend : sechzig Jahre alt, Professor, und doch unsicher. Zu Wallenbergs » Riege « gehörte außer ihr derzeit niemand. In Studentenkreisen war bekannt, dass Wallenberg in jedem Jahrgang aufs Neue versuchte, jemanden als Nachfolger zu rekrutieren für seine Arbeit, an deren Zukunft er wohl selbst kaum glaubte ; das hoch spezialisierte Forschungsgebiet drohte künftig brachzuliegen.

Die Teilnahme an der Konferenz war Alinas Selbstbestrafung für ihr Unvermögen, Wallenberg direkt zu sagen, dass sie weder promovieren noch sein Lebenswerk vor dem Untergang retten werde, und stattdessen sogar den Anschein erweckte, sie würde ernsthaft über die Sache nachdenken.

Und dann drängten sich Hunderte Konferenzteilnehmer in den Ausstellungsraum und begutachteten die riesigen Infoplakate. Alina stand allein an ihrem Stand und betete, dass niemand zu ihr käme. Jeder würde sofort erkennen, was für eine Schwindlerin sie war. Sie schämte sich für ihre Abschlussarbeit, ihre Schlussfolgerungen und wie sie diese in der Eile auf dem Poster arrangiert hatte. Die Maße der Ausstellungsplakate waren auf den Millimeter genau vorgegeben gewesen ; die gigantische Größe schien Alina prahlerisch, und sie konnte noch immer nicht glauben, dass das schwarz-weiße Monstrum hinter ihr extra in der Unidruckerei angefertigt worden war, damit sie ihre Diplomarbeit hier in Italien vorstellen konnte. Das musste richtig viel Geld gekostet haben. Sie gab ihr Bestes, um gedankenverloren und abwesend auszusehen, und zu ihrer Erleichterung gingen die Leute schnell an ihr vorbei. Als an den Ständen um sie herum angeregt über die Forschungsergebnisse der anderen diskutiert wurde, verschmolz Alina mit ihrem farblosen Plakat und spürte, wie ihr Herzschlag sich allmählich beruhigte.

Nur noch fünfzehn Minuten, dachte sie und versuchte, nicht so schnell wieder auf die Uhr zu sehen. Am Nebenstand führte eine spanische Studentin ihre Arbeit zum dreißigsten Mal vor. Sie tat das stets gleich, bis aufs Wort, sogar die Witze waren dieselben, inzwischen konnte Alina sie auswendig. Falls du mal aufs Klo willst, ich kann für dich einspringen, dachte sie, während sie der Spanierin mit dem leuchtenden Gesicht zuhörte. Auch alle anderen hörten ihr zu und lachten an den richtigen Stellen.

Sie beneidete das Mädchen um alles : um ihre Versuchsanordnung, die simpler war als ihre eigene, um ihre Schlussfolgerungen, die gemessen an der Ausgangsbasis kühn waren, um ihre Englischkenntnisse, die theoretisch dürftiger waren als ihre eigenen, und um die sympathische Art, mit der das Mädchen die Arbeit vorstellte. Inzwischen hatte sich eine ganze Horde von Leuten um sie geschart, und alle, besonders die Männer, lauschten der Spanierin, als hätten sie ein Leben lang nur auf diesen Moment gewartet.

Als jemand an Alinas Stand trat und ihr Plakat studierte, schreckte sie auf. Ein Mann mit braunen Augen und einem freundlichen, ausländischen Aussehen fragte, ob sie ihm ihre Forschungsarbeit vorstellen könne. Mich da hindurchführen, so drückte er sich aus. Die Formulierung berührte Alina, und auf einmal hatte sie keine Lust mehr auf ihre nervöse Gehemmtheit und das Unbehagen, mit dem sie ihr lachhaftes Diplom und überhaupt alles betrachtete, und so erzählte sie dem Mann von ihrer Arbeit – was sie mit ihr beabsichtigt hatte und was sie über die Ergebnisse dachte –, als wäre es ihr egal, welchen Eindruck er von ihr bekam oder ob sie gerade ihre letzte Chance auf akademische Glaubwürdigkeit verspielte, und das Beste : Es war ja tatsächlich egal. Am Ende, um es dem Mann abzunehmen, wies sie schnell selbst auf die vielfältigen Fehler hin, die sie auf allen Ebenen ihres Experiments gemacht hatte, weshalb sich auch keine vernünftigen Ergebnisse ableiten ließen.

Der Mann runzelte die Stirn und widersprach : Aber so ist es doch gar nicht. But listen, mit dieser Formulierung begann sein Satz, und auf einmal hatte sich das Setting komplett gedreht. Sie war es, die einem international erfolgreichen Konferenzgast, einem echten Wissenschaftler gegenüber ihr Diplom kritisierte, während er es verteidigte und ihren Ansatz sogar für sinnvoll hielt.

Das Wichtigste sei, die richtigen Fragen zu stellen, sagte der Mann und hörte sich so überzeugend an, dass Alina ihm gern geglaubt hätte. Neben ihnen standen Dutzende Wissenschaftler um die fünfzig und älter, alle in Anzugjacken, und lachten über den Spruch der hübschen Spanierin, den Alina zum einunddreißigsten Mal hörte – der Mann mit den braunen Augen zum zweiten Mal, wie sein Blick verriet. Beide unterdrückten sie ein Grinsen, der Mann verdrehte die Augen und zeigte damit, dass er den Spruch lahm fand, und plötzlich hoffte Alina, dass er ein bisschen stehen bliebe.

Der Mann dankte ihr und setzte seinen Weg zum nächsten Stand fort – an dem ein dicklicher Junge in erbärmlicher Kleidung asthmatisch schnaufte ; so jemand konnte nur ein Wunderkind sein –, doch Alina stand jetzt anders vor ihrem Plakat, wie sie sofort selbst bemerkte. Jetzt sah sie den Vorbeikommenden in die Augen und lächelte sie an, die Leute blieben stehen, was wiederum weitere Leute an ihren Stand zog. Alina stellte ihnen allen ihre Ergebnisse vor, als wäre ihre Arbeit ernst zu nehmen und Alina sogar stolz auf sie, und zu ihrer Überraschung stellte niemand sie infrage. Interesting, sagten ihre Zuhörer, und thank you. Und : Haben Sie vor, die Ergebnisse zu veröffentlichen ? Wenn ja, könnten Sie mir Ihren Artikel vielleicht zuschicken ? Alina ärgerte sich, dass sie keine A4-Zettel mit einer Kurzzusammenfassung dabeihatte so wie die anderen, viele ihrer Zuhörer fragten danach. Sie überraschte sich selbst mit dem Wunsch, die Vorstellungsrunde möge länger dauern, gerade erst war sie in Fahrt gekommen. Die Einladung in Wallenbergs Riege sah sie nun in einem neuen Licht, zum allerersten Mal, und sie spielte tatsächlich kurz mit dem Gedanken einzuwilligen ; so könnte das Leben sein.

Während sie die Reißzwecken von der Pinnwand löste und ihr Plakat abnahm, dachte sie an den Mann mit den braunen Augen, seinen freundlichen Blick. An die Worte, die er im Zusammenhang mit ihrer Arbeit benutzt hatte, methodically sound – methodisch solide, von Bestand. Hatte er es wirklich so gemeint ? Oder war das nur die typisch amerikanische Art, etwas Nettes zu sagen, auch wenn man es nicht so meinte ? Sie dachte an den Namen des Mannes, Joe, und die Universität, an der er arbeitete ; sogar ihr war sie bekannt, aus Zeitungen und Filmen. Sie überlegte, was für ein Leben der Mann wohl führte, und dachte an das Leben, das sie selber führte, und für einen Moment war sie traurig, dass sie keine Doktorarbeit schreiben und nicht mehr zu solchen Konferenzen reisen und damit auch nie wieder so höfliche, intelligente Männer aus dem Ausland treffen würde.

Sie hatte ihr Plakat zusammengerollt, es in die extra für die Konferenz gekaufte Transportrolle geschoben und sich die Rolle am Trageband über die Schulter gehängt. Dann sah sie den Mann zurück in den Raum kommen, er wirkte verloren ; als er sie entdeckte, schien er erfreut.

Sie hatte nie herausgefunden, ob Joe ihretwegen zurückgekommen war oder aus einem anderen Grund, und als er sie zum Mittagessen einlud, nahm sie gerne an.

 

Sie müsste das Thema wieder anschneiden, dachte Alina, als ein weiterer Versuch zwei Wochen zurücklag. Vielleicht würde es inzwischen gehen. Sie mussten es auf jeden Fall versuchen, ob es klappte oder nicht.

Doch als sie abends erneut daran dachte und der Moment günstig schien, lag das Mädchen bereits zwischen ihnen im Bett, träge auf dem Rücken, mit einer Zigarette in der Hand, und Joe legte sein Schachbuch weg und nahm die angebotene Zigarette entgegen. Das Mädchen schlug die Decke beiseite, stützte sich träge auf die Ellenbogen und ließ den Kopf nach hinten fallen, reckte sich Joe entgegen, bot sich ihm an.

Alina machte die Augen zu und versuchte zu schlafen, doch das Klacken des silbernen Armreifens, der im Rhythmus des Stöhnens gegen das Kopfende des Betts stieß, an dem das Mädchen sich festhielt, ließ sich nicht überhören. Dann wieder räkelte sich das Mädchen im Bett eines fremden Innenstadt-Apartments, über ihr kniend Joe, auf den Tischen lagen keine Kinderklamotten, sondern Architektur- und Designzeitschriften. Auf einem schmuddeligen Tankstellenklo hielt Joe den festen Hintern des Mädchens umfasst und presste sie an die Wand. Dieselbe Stellung im leeren Vorlesungssaal, als alle Kollegen nach Hause gegangen waren. In einem stickigen Hotelzimmer hockte das Mädchen mit wackelnden Brüsten auf Joe und bewegte sich genau so, wie Joe es sich immer von Alina gewünscht hatte, ohne es je zum Ausdruck zu bringen – wie eine Katze.

Manchmal erschien das Mädchen auch tagsüber, einmal kam sie direkt vom Frisör und trug ein Cocktailkleid mit Rückenausschnitt fast bis zum Steiß, der auch ein dezentes Tattoo auf ihrem Schulterblatt freigab. Alina kannte Tätowierungen zu dieser Zeit nur von Matrosen und Kriminellen. Das Mädchen setzte sich neben sie in den Sessel, Alina schaute sich gerade eine englische Krankenhausserie an, in der die Ärzte sich mehr um die schmachtenden Krankenschwestern als um die Patienten kümmerten, Samuel machte Mittagsschlaf. Das Mädchen sah erst zum Bildschirm, dann zu ihr. Gefällt dir das etwa ?, fragte ihr Blick auf eine gehässige Weise.

Alina wusste, was das Mädchen dachte.

Joe und ich haben so viele gemeinsame Themen, sagte ihre souveräne, siegesgewisse Körperhaltung. Ihr Blick und ihr ganzes Wesen verströmten die Gewissheit, dass die Sache längst entschieden sei. Die praktischen Regelungen schleppten nur wie immer den Gefühlen hinterher.

Alina spürte einen Stich im Herz.

Das Mädchen betrachtete sich längst als Joes wahre Gefährtin, als diejenige, die ihn von seiner kosmischen Einsamkeit erlöste. Das sah man an ihrer gelassenen Art, an ihrer selbstgewissen sexuellen Energie. Du begreifst anscheinend noch nicht, wie du im Vergleich mit mir abschneidest, hatten ihre gehobenen Brauen schon bei Alinas Besuch im Büro gesagt. Ich bin diejenige, mit der Joe über seine Interessen sprechen kann, hatte ihr abschätziger Gesichtsausdruck gesagt, die ihn herausfordern, mit der er sein Leben teilen kann. Deshalb will er nicht mehr weg aus Finnland, hatten ihre bebenden Wimpern gesagt, wie Alina jetzt im Nachhinein verstand.

Es geht ihm so gut mit mir.

Manchmal kam sie ganz ohne Schmuck und Make-up, manchmal spazierte sie im Zwanzigerjahrekleid und mit Schleierhütchen durchs Wohnzimmer, hielt eine Zigarettenspitze und rauchte Filterlose. Sie sah sich gründlich um, befingerte ihren Vorhangstoff und warf ihr einen gönnerhaften Blick zu : ganz okay – wenn man bedenkt, dass. Oder sie lächelte sie an wie ein Kind, das über seine eigenen Füße gestolpert war. Einmal empfing das Mädchen Alina schon im Flur, als sie mit schweren Einkaufstaschen und einem heulenden Samuel atemlos und verschwitzt nach Hause kam. Alina versuchte, so zu tun, als sähe sie das Mädchen nicht, trotzdem spürte sie die mitleidigen, verächtlichen Blicke. Einmal, Joe war auch zu Hause, kniete das Mädchen in nichts als halterlosen Strümpfen in ihrem Schlafzimmer. Als Alina reinkam, nahm sie weder den Zeigefinger von ihren leicht geöffneten Lippen noch korrigierte sie ihren lasziven Blick aus halb geöffneten, rauchig geschminkten Augen.

Wenn Alina nicht auf den Namen eines Politikers oder einer Künstlerin kam, stand das Mädchen neben ihr und blickte spöttisch. Wenn Alina zu einer wichtigen aktuellen Frage keine Meinung hatte, spürte sie den bohrenden Blick in ihrem Nacken. Wenn ihr mühsames, nuancenloses Englisch Joe ermüdete, wartete das Mädchen frisch und jugendlich auf seinen Einsatz, stand für komplexe akademische Gesprächsthemen mit einem flüssigen und humorvollen Englisch bereit, von dem eine stillende Mutter mit chronischem Schlafmangel nur träumen konnte. Wenn sie mit Joe eine Auseinandersetzung hatte, setzte sich das Mädchen mit an den Tisch, wenn Alina Joe beschimpfte, setzte sie sich auf Joes Schoß und tröstete ihn.

Das Mädchen hatte Alinas Diplomarbeit in einem staubigen Winkel der Fakultätsbibliothek gefunden und las Joe jeden Abend die dümmsten Stellen daraus vor. Sie lachten so sehr, dass das Mädchen sich die Tränen abwischen und Joe sich auf dem Fußboden liegend den Bauch halten musste.

Irgendwann begegnete Alina dem Mädchen auch außerhalb von zu Hause, einmal beim Spaziergang mit Samuel im Kinderwagen, sie saß mit einer lässig aussehenden, garantiert ebenfalls kinderlosen Freundin auf der Terrasse eines angesagten Restaurants. Ich sehe dich ja eher nicht als Blondine, du bist immer schon dieser dunkle Typ gewesen, aber warum nicht. Du, und dann hat der Typ gesagt … ich war so was von baff. Ach ja, am Samstag … da habe ich es auch nicht mehr hingeschafft, ich war total k. o.

Warum nur lauerte das Mädchen überall, warum ? Sie hätte alles getan, um sie loszuwerden, wirklich alles.

Das ist lächerlich, sagte Alina sich und schob den Kinderwagen entschlossen weiter, doch das Mädchen winkte ihr nach und lächelte breit, hinter ihren vollen Lippen strahlten perfekte Zähne. Ich bräuchte professionelle Hilfe, dachte Alina, eine Psychoanalyse, möglichst hart und lang. Soll ich dir auch eins mitbringen ?, hörte sie die Freundin des Mädchens fragen, endlich drehte sich das Mädchen weg.

Ja, gerne.

Das ist lächerlich.

 

Erst hatte sie in Italien noch gezögert. Lieber Nein sagen, jedenfalls am Anfang. Das hatte sie in Gedanken auch getan – zumindest so lange, bis die Kellnerin beim Abendessen, ihrer zweiten Verabredung, die Gläser wieder vollschenkte und fragte, ob sie einen Nachtisch wollten. Je länger sie im Restaurant saßen, desto schlechter konnte sie der schummrigen Beleuchtung, der Wirkung des Weins und Joes anerkennenden Blicken widerstehen.

Entgegen allem, was sie von sich selbst dachte, hatte sie sich ihm in ihrer Fantasie bereits im Taxi hingegeben. Und sie wusste genau, was sie tat, als sie ihn nach einem Calvados an der Hotelbar mit möglichst unschuldiger Stimme und klopfendem Herzen auf ein Getränk mit in ihr Zimmer bat.

Als sie am nächsten Tag Julia anrief und mit heißen Wangen von Joe erzählte und dass Weiteres für sie nicht infrage komme – erst wenige Stunden, nachdem sie im rotweingedimmten Morgenlicht überraschend selbstverständlich das Kondom auf Joes Penis abgerollt hatte –, erwiderte Julia, ja, in jedem Leben sollte es eine Urlaubs- oder Konferenzromanze geben.

Die nächsten und letzten zwei Nächte der Konferenz verbrachte sie in Joes Bett. Der September war in Italien so heiß, dass sie das Fenster offen lassen mussten ; das Zirpen der Grillen drang zart und fremd ins Zimmer. Morgens hastete sie über den weichen Teppich im Flur in ihr Zimmer hinüber, für den Fall, dass Wallenberg noch vor dem Frühstück bei ihr anklopfte.

Auf dem Rückflug fragte Wallenberg, ob Alina zufrieden sei mit ihrer Teilnahme an der Konferenz. Alina lief rot an, musste an das denken, was passiert war, und dass es ihr passiert war, dass sie diesmal nicht nur diejenige war, die es von anderen hörte.

Alina hatte nie vorher One-Night-Stands gehabt, trotzdem wusste sie, was von ihr erwartet wurde, und darauf war sie stolz : Sie machte die Geschichte nicht größer, als sie war, ließ die Sache auf sich beruhen und widerstand der Versuchung, Mängel in ihrem Leben mit irgendwelchen Projektionen zu füllen. Sie wusste, dass sie Joe nicht wiedersehen würde. Männer musste man ziehen lassen. Das war Teil des Spiels, das Männer so gern spielten.

Als Joe im Herbst ein verlängertes Wochenende in London vorschlug – er wollte zu einer Konferenz –, willigte sie ein. Schon wieder ?, hatte sie zuerst überrascht gefragt ; Joe hatte gelacht und das für einen frechen Witz gehalten, dabei war ihre Frage ernst gemeint gewesen.

Für die Reise nahm sie das Studiendarlehen in Anspruch, zum ersten und einzigen Mal ; zu ihrem eigenen Erstaunen zögerte sie mit dieser Entscheidung keine Sekunde. Anfangs wollte sie nicht einmal Julia, der sie sonst alles erzählte, in ihre Pläne einweihen, denn damit hätte sie offenbart, wie sie in ihrem Innersten tatsächlich war : absolut blauäugig, vielleicht sogar auch eine lüsterne Schlampe. Aber in Julias Stimme lag dann gar keine Missbilligung, im Gegenteil, alles, was Alina hörte, war freudige Überraschung, wie bei einer Mutter, deren überängstliches Kleinkind sich endlich traut, am Badestrand schon mal die Zehen ins Wasser zu tauchen. Sie dachte darüber nach, ob es tatsächlich schon immer möglich gewesen wäre, mit dem eigenen Leben zu machen, was man wollte, doch die Begeisterung, die dieser Gedanke freisetzte, führte auch schnell zu der Frage, ob Julia sie in all den Jahren ihrer Freundschaft für unsinnlich und verklemmt gehalten hatte.

In London begegnete Joe ihr ausgesprochen aufmerksam und warmherzig, Alina beneidete sich beinahe selbst ; eine Frau, die ohne um Erlaubnis zu fragen für vier Tage nach England reiste, um mit einem ihr nahezu fremden Amerikaner Sex zu haben. Die Intimität zwischen ihr und Joe war viel authentischer als die mit ihrem Exfreund Joni Hakalainen, dessen Wünsche für sie den Beigeschmack unbequemer Akrobatik gehabt hatten ; sie war sich ferngesteuert und unerotisch vorgekommen, hatte jeden unauthentischen Augenblick übergroß wahrgenommen. In London schien es auf einmal möglich, viele der Dinge, die Joni im Bett gewollt hatte, selbst zu initiieren, mit Joe fühlten sie sich nicht peinlich, sondern himmlisch an, und das bestärkte sie in ihrem Eindruck, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben versehentlich auf einer seltsamen Nebenstrecke verlaufen war – und das auch noch in einem zu niedrigen Gang – statt auf der ihr bestimmten Hauptstraße.

Erst glaubte sie es nicht so richtig, als Joe von Finnland zu reden begann, doch als er kurz vor Weihnachten mit zwei großen Taschen durch die Automatiktür am Flughafen Helsinki-Vantaa spazierte und sie lange und besitzergreifend küsste, fühlte sich alles vollkommen klar und selbstverständlich an, als wüssten sie genau, was sie taten. Klar und selbstverständlich fühlten sich auch ihre langen Nachmittage im Dezember an, an denen vor den Fenstern ihrer dämmrigen Einzimmerwohnung der Schnee fiel und an denen Samuel entstanden sein musste. Als die Schwangerschaft bestätigt wurde, wunderte sie sich ; so leicht ging das ? Doch selbst wenn Joe und sie die Sache in diesen letzten Tagen des Jahres nicht bis ganz zu Ende gedacht hatten und wohl auch keiner von ihnen damit rechnete, dass wenige unvorsichtige Momente sofort zu diesem Ergebnis führten, so hatten sie es doch gemeinsam getan, in dem Glauben, dass es, falls es einträte, nun mal so sein sollte.

Der lange einsame Frühling nach Joes Abreise Anfang Januar machte Alina nichts aus. Neugierig beobachtete sie die Veränderungen ihres Körpers, ihrer Brüste, ihres Bauchs, der ihr gehörte und ihr trotzdem auf eine aufregende Weise fremd wurde. Nie zuvor war sie so körperlich, so strahlend in die Straßenbahn gestiegen : Seht mich an ! Dabei hatte sie sich bis dahin nie in den Vordergrund gespielt. Doch letztlich ging es auch jetzt nicht um sie, sondern um etwas Größeres ; es war, als würde ihr Körper eine allumfassende, bleibende Wahrheit verkünden.

Ein Großteil ihrer Zufriedenheit bestand in dem vorweggenommenen Gefühl der Erfüllung, in der Vorfreude auf einen herrlichen gemeinsamen Sommer, der Woche für Woche näher rückte. So konnte sie auch den vorsichtigen Fragen der Gynäkologin nach Alinas Partner und den sorgenvollen Blicken ihrer Bekannten auf ihren vaterlos wachsenden Bauch mit amüsierter Gelassenheit begegnen, denn sie wusste, wenn Joe im Sommer endgültig nach Finnland zog, würde sich alles finden, auf noch tollere Weise, als sie es sich hätte wünschen können, und zwar für immer.

 

Wie gern wäre sie an den Anfang zurückgekehrt. Sie hätte alles anders gemacht, wollte sämtliche Erinnerungen korrigieren : Italien und London, das Grillenzirpen, den Akzent der Spanierin, ihre eigene Präsentation, das Hotel am Piccadilly Circus, Joe und sogar sich selbst, alles, was zu diesem Anfang gehörte.

Diese wankenden, irrealen ersten Wochen und Monate, in denen sie schneller atmete und eine elektrisierende Ausgefülltheit verspürte – sie mochte nicht einmal mehr daran denken. Und wenn sie doch daran dachte, an das italienische Hotel im September und die Grillen, dann setzte kein Herzrasen mehr ein, sondern eine leichte Übelkeit, wie von Unterzuckerung.

Aber sie war diese Frau, die während einer Auslandsreise mit einem Fremden geschlafen, sich gleich am ersten Abend dargeboten und alles mitgemacht hatte, die, ohne jedes Sicherheitsversprechen, eine Fernbeziehung eingegangen war. Eine Beziehung, die nur beginnen konnte, weil eine andere Beziehung kaputtgemacht wurde.

So jemand war sie doch gar nicht.

Sie wollte die Dinge so ändern, dass sie ihr entsprachen, dass sie Joe entsprachen, dem, was sie waren : ein Ehepaar, Eltern eines kleinen Kindes. Vertrauenswürdige, verantwortungsbewusste Menschen mit Herz und Verstand.

Wenn sie nachts aufstand, um Samuel zu beruhigen, schaute sie zu dem schlafenden Joe auf der anderen Seite des Betts. Joe war doch gar nicht der Typ Mann, der so etwas tat, dachte sie, mit einer Frau ins Bett gehen, die er gerade erst getroffen hatte, und damit alles aufs Spiel setzen, die eigentliche Partnerin verraten, das ganze Leben für eine wildfremde Frau über den Haufen werfen. So einer war Joe doch nicht.

Doch, genau so einer war Joe.

Es war die Wahrheit : Genau das hatte Joe mit ihr getan, ohne dabei an seine Freundin zu denken, eine Amerikanerin, die Alina nicht kannte. Eine Frau namens Hannah, die sie grob beiseitegeschoben hatte, als sie im Hotelzimmer erschienen war und sich traurig und verletzt zwischen sie und Joe hatte legen, hatte schreien wollen : Wir sind verlobt, kapierst du das nicht, verlobt !, die Alina hatte an den Haaren ziehen wollen, aber Alina hatte dieser amerikanischen Freundin das Maul gestopft und sie zum Fenster rausgestoßen, und deshalb standen sie jetzt da, wo sie standen, als die Menschen, zu denen sie geworden waren. Lag deshalb dieses Mädchen aus der Fakultät auf Alinas Platz neben Joe im Bett, kaum dass sie aufstand und zu Samuel rüberging ? Alina musterte ihr Gesicht. Ohne Make-up sah sie weicher aus, sanfter.

Nachdem Alina Samuel zurück ins Bettchen gelegt hatte, schaute das Mädchen sie fragend an :

Hat der Kleine sich wieder beruhigt ?

Alina ignorierte sie. Sie wusste, wie das Mädchen tickte. Jeder war für sich selbst verantwortlich, so dachte diese Aleksandra. Und sie hatte sich bestens angepasst an das, was heutzutage von allen erwartet wurde. War zu einer jungen Frau geworden, die sich nahm, was sie kriegen konnte. Wenn sowieso auf nichts mehr Verlass war, musste man wenigstens Spaß haben. Was nicht weiter schwerfiel, jung und selbstbewusst und mit einem knackigen Hintern ausgestattet. Wenn man keine Kinder hatte, konnte man tun, was man wollte, mitten am Tag eine Erdbeer-Margarita trinken, einen extravaganten Haarschnitt tragen, sich den Mann einer anderen schnappen.

Alina zuckte zusammen, als das Mädchen sich aufrichtete, sie wütend ansah und den Kopf schüttelte. Sie verstand sofort, was das bedeutete : dass sie in Wirklichkeit absolut nichts über das Mädchen wusste. Ihre festen runden Brüste schimmerten milchweiß im Dämmerlicht. Alina verspürte einen Stich, doch gleich darauf meldete sich eine vorgezogene Schadenfreude : Wir sprechen uns wieder, wenn du stillst.

Aha, so also funktionieren Verbitterung und Missgunst, dachte sie als Nächstes und fühlte sich traurig und schuldbewusst.

Ich sehe, wer du bist, sagte sie dem Mädchen in Gedanken, ich erkenne das an dem, was du tust.

Das Mädchen hob die Augenbrauen, gab sich amüsiert. Ihre schwarzen Brauen waren sogar im Dunkeln gut zu sehen. Sie schüttelte den Kopf : Nie würde sie sich auf eine Beziehung mit einem gebundenen Mann einlassen, schon aus Prinzip nicht. Dann zeigte sie auf Alina : Und du auch nicht.

Das stimmte, dachte Alina und musste husten ; sie wollte nicht glauben, was sie getan hatte. Schon beim Gedanken an Italien und die Grillen glühten ihre Wangen.

Das Mädchen runzelte die Stirn und sah sie fragend an : Wo kommen wir hin, wenn wir Frauen nicht zusammenhalten, nicht aneinander denken ?

Die Wahrheit war : Alina hatte es gar nicht gewusst. Vor London hatte Joe seine Freundin mit keinem Wort erwähnt. Woran hätte sie es erkennen sollen ? An seiner Stimme, kam die Antwort prompt aus ihrem Inneren. An der kurzen Stille, die Joes Antwort vorausging, als sie ihn nach seinen früheren Beziehungen fragte. Außerdem erinnerte sie sich an die große Sicherheit in seinem Werben, ja, und auch das, an eine Souveränität, die sie als Selbstvertrauen hatte deuten wollen, die eine andere Frau aber sofort durchschaut hätte. Als sie später nachhakte, hatte er, als wäre dies ein unwichtiges Detail, in einem Nebensatz erwähnt, dass er liiert und in der Tat auch verlobt gewesen sei und die Beziehung erst nach London beendet habe.

Das ganze verlängerte Wochenende hindurch, bei allem, was sie im Hotel am Piccadilly Circus teilten, war eine Frau namens Hannah mit Joe verlobt gewesen.

Woher hätte sie wissen sollen, was richtig gewesen wäre ? Und wäre es richtig gewesen, sich zu versagen, was sie doch unbedingt wollte ?

Alina warf einen Blick auf Samuel. Er atmete leise schnaufend vor sich hin, friedlich. Auch sie fühlte sich auf einmal friedlich und gelassen, zum ersten Mal seit Langem.

Sie versetzte sich in das Mädchen hinein, überlegte, wie es wohl war, Joes Kollegin zu sein, mit ihm zusammenzuarbeiten. Vielleicht interessierte sie sich gar nicht weiter für ihn ? Könnte das tatsächlich sein ?

Erst wollte sie diese Möglichkeit nicht zulassen, denn mit solch einer Offenheit schien sie dem Mädchen erst recht freie Hand zu geben, dabei fand ja ohnehin alles in ihrem Kopf statt. Doch zu ihrer Überraschung nickte das Mädchen ihr zu : Alina hatte recht. Das Mädchen interessierte sich nicht für Joe.

Alina sah ihr lange in die Augen. Dann legte sie sich neben sie und fühlte ihren Herzschlag ruhiger werden. Sie stellte fest, dass sich neben Erleichterung auch Enttäuschung in ihr regte. Offenbar wollte sie insgeheim doch, dass das Mädchen Joe begehrte. Ja, sie wollte, dass das Mädchen ihn begehrte – und nicht bekam. Am liebsten hätte Alina sie zur Versöhnung umarmt. Sie wusste, wie ihr Körper sich anfühlen würde, fest und warm, angenehm klein. In diesem Moment wünschte sie ihr das Allerbeste.

Endlich war sie bereit einzuschlafen und schloss die Augen. Noch ein paar Stunden, bis Samuel lautstark seinen ersten Brei einfordern würde. Sie glitt gerade ins tiefe, warme Dunkel, als ein Rascheln sie zurückriss und sie gleich wieder diese Enge im Hals spürte.

Sie machte die Augen auf. Joe und das Mädchen lagen dicht nebeneinander und flüsterten leise, wollten Alina nicht wecken. Nicht lange, und das Mädchen küsste Joes Ohr, Joe antwortete mit langen, sehnsüchtigen Küssen, wie er sie Alina am Flughafen gegeben hatte, und als Nächstes zog das Mädchen Joes Decke weg und küsste mit ihrem feuchten kleinen Mund seine Brust ab. Ganz langsam wanderte sie an seinem Körper hinunter, schob ihre zierlichen Mädchenhände in den Bund seiner Unterhose, Joe schloss die Augen und stöhnte, und Alina wusste, dass sie wieder die ganze Nacht wach liegen würde.

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