Wie es zu diesem Roman kam...
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Donnerstag, 17. Oktober 2013 von Martina Kempff


Wie es zu diesem Roman kam...

Den unzähligen Legenden und Geschichten, die sich um Karl den Großen und seine Pfalzkapelle ranken, habe ich mit viel Vergnügen eine weitere hinzugefügt; eine Mär mit einem wahren Kernbau, der auch zwölfhundert Jahre später noch in Aachen zu besichtigen ist. Und mit einer These, die man als höchst abenteuerlich abtun, aber historisch nicht grundsätzlich widerlegen kann: Warum sollte Harun al Raschid, Kalif von Bagdad, dem Frankenherrscher neben vielen anderen großzügigen Gaben nicht auch einen Baumeister geschickt haben?

Karl hätte das Geschenk bestimmt dankend angenommen und es sofort zur streng geheimen Verschlusssache erklärt. Sein Biograf Einhard hätte sich gehütet, der Nachwelt etwas kundzutun, was überhaupt nicht in sein Gesamtkonzept des großen christlichen Kaisers gepasst hätte. Am Bau der Pfalzkapelle soll Einhard selbst ja auch maßgeblich beteiligt gewesen sein, aber den Namen des Baumeisters erwähnt er in seiner Schrift Vita Karoli Magni nur ganz am Rande. Nichts steht darin, was diesen ansonsten gänzlich unbekannten Odo von Metz denn nun befähigt haben sollte, das ehrgeizigste Bauprojekt des Frankenkönigs zu verwirklichen. Eines, das seiner Zeit so weit voraus war, dass unter Historikern immer wieder Gerüchte kursierten, es könne gar nicht aus dem fränkischen Frühmittelalter stammen.

Es bleibt ein Geheimnis, wem es damals gelungen ist, diese steinerne Kuppel zu wölben; zu einer Zeit, da diese Kunst selbst in Byzanz schon Jahrhunderte zuvor in Vergessenheit geraten war. Als ich begann, an diesem Roman zu arbeiten, wurden gerade Eichenhölzer aus einem Ringbalken des Oktogons und einem Fundamentbalken dendrochronologisch untersucht. Dabei wurde zweifelsfrei nachgewiesen, dass die Pfalzkapelle tatsächlich auf der Schwelle zum neunten Jahrhundert gebaut worden ist. Nur wem ist diese Meisterleistung zuzuschreiben? Genau da setzt mein Roman an.

Denn wer unter Karls Kuppel die Atmosphäre auf sich einwirken lässt, kommt unweigerlich ins Grübeln. Die arabische Anmutung ist unübersehbar. Als ich an Die Beutefrau, dem zweiten Band meiner Karolinger-Frauen-Trilogie arbeitete, beschlich mich bei jedem Besuch im Aachener Dom so etwas wie ein schlechtes Gewissen, dass ich diesem Eindruck in jenem Buch keinen Raum geben konnte.

Als wir Jahre später wieder unter der Kuppel standen, erinnerte mich mein Mann an dieses Versäumnis und merkte an, mit einem Roman über den Dombau zu Aachen könnte ich wieder in meine historische Lieblingsepoche zurückkehren, jene Zeit wieder auferstehen lassen, in der auch meine Karolinger-Frauen-Trilogie spielt. Nach meinem Ausflug ins Hochmittelalter mit Die Kathedrale der Ketzerin hatte mich nämlich das Heimweh nach dem Frühmittelalter gepackt – aber was hätte ich noch über Karl den Großen schreiben können, das nicht schon längst zwischen zwei Buchdeckeln zu finden ist? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass in all den Jahrhunderten seit der Errichtung der Pfalzkapelle noch nie jemand in einem Roman versucht haben sollte, das Geheimnis um ihren Bau zu lüften. Immerhin ist der Aachener Dom das erste Denkmal in Deutschland überhaupt, das 1978 in die Liste des Welterbes der UNESCO aufgenommen wurde. Und doch fand ich keinen Roman zum Thema. Dafür stapelten sich bald die Sachbücher und Doktorarbeiten über die Marienkapelle in meinem Arbeitszimmer. Hin und wieder entdeckte ich darin einen kleinen Hinweis auf fremde Hilfe beim Bau. Anja Riedeberger schreibt in ihrer Hauptseminararbeit: „Die sichere Beherrschung der Wölbetechnik bei der Kuppel, für die es im Mittelalter bisher keine Bautradition gab, macht deutlich, dass die Pfalzkapelle nicht allein mit einheimischen Bauleuten entstanden sein kann … Auch die kunstvoll gegossenen Bronzetüren des Münsters können nur mit Hilfe von Handwerkern und Künstlern entstanden sein, die diese Fertigkeit ins Frankreich gebracht haben.“ Die Pfalzkapelle erinnere an „eine im Norden gestrandete orientalische Kathedrale“, fand ich in Will Durants Kulturgeschichte der Menschheit, und Besucher des Doms schwärmen im Internet von „maurisch angehauchten Torbögen“. Selbst der heutige Aachener Dombaumeister Helmut Maintz hielt meine Theorie bei Weitem nicht für so abenteuerlich, wie ich befürchtet hatte, als ich mit ihm Kontakt aufnahm.

Im Gegenteil; er fand meine Idee eines aus Bagdad stammenden Baumeisters „interessant“ und durchaus nicht zu verwerfen. Während der Restaurierungsarbeiten am Aachener Dom nahm er sich viel Zeit, meinem Mann und mir den Kernbau zu erklären. Wir lernten unter anderem, wie karolingischer Mörtel hergestellt wurde, welche Bedeutung die Ringanker haben, wie das Fundament dem Sumpf abgetrotzt wurde und wie man die Risse nach dem Erdbeben 803 mit Blei ausgegossen hatte. Helmut Maintz führte uns im eingerüsteten Wüstenturm bis hinauf unter die Kuppel, wo gerade das Mosaik erneuert wurde, und zeigte uns bei einem späteren Besuch auch das noch erhaltene ursprüngliche Teilmosaik am Boden, in dem man ohne sonderlich viel Fantasie den Mann mit dem Turban erkennen kann.

Mehr als zwei Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet. Für kein anderes Buch habe ich mir so viel Zeit gelassen und mit solcher Lust und Begeisterung solche Mengen an Material gesammelt. Ich baute ältere und aktuelle archäologische Entdeckungen ein; war begeistert, als ich erfuhr, dass zwei komplette Skelette, ein männliches und ein weibliches, im Fundament des Zentralbaus gefunden worden waren. Wie auch die merowingischen Ohrringe, die Bronzefibel und ein karolingischer Silberdenar, dessen Prägung darauf hinweist, dass das Fundament nach 794 gegossen worden sein muss.

Ezra kam ins Spiel, weil ich auch in diesem Roman nicht auf eine weibliche Hauptfigur verzichten wollte. Das aber bedeutete, dass ich mich sehr intensiv mit der Rolle der Frau im Islam des frühen Mittelalters auseinandersetzen musste. Auch dazu fand ich reichlich Rat und Lektüre. Ich las den Koran und mit großem Vergnügen noch einmal Tausendundeine Nacht in voller Länge. Drei deutschsprachige Ausgaben standen mir zur Verfügung; ich entschied mich unter anderem wegen der wunderbaren Gedichte für die Übertragung von Enno Littmann (Insel-Verlag).

Ich möchte mich bei all den vielen Menschen bedanken, die mich bei diesem Werk beraten und begleitet haben, ihr wisst, wer ihr seid. Einige möchte ich trotzdem herausheben: Ohne die Hilfe von Dombaumeister Helmut Maintz hätte ich mich nicht an dieses Thema gewagt, ohne die Aufzeichnungen aus der Studienzeit meiner alten Freundin, der Archäologin Dr. Cornelia Nippe, wäre mir das frühmittelalterliche Konstantinopel fremd geblieben, ohne meinen Nachbarn, den Sternengucker Jürgen Lemke, hätte ich nicht gewusst, wann im Mittelalter Vollmond war, ohne Carolin Gilbaya größere Schwierigkeiten mit Ezras Glauben gehabt, ohne die Kunsthistorikerin Dr. Regina Molden manches ausgelassen und ohne Ermutigung und technische Kenntnisse meines Mannes wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diesen Roman überhaupt zu schreiben. Ohne Michaels Bereitschaft, so viel Zeit mit Ezra, Lucas und ihrem Kuppelproblem zu verbringen, hätte ich wohl kaum bis zum Schluss durchhalten können.


Die Gabe der ZeichnerinDie Gabe der Zeichnerin

Historischer Roman

Der Dombau zu Aachen: das größte Rätsel, das Karl der Große der Nachwelt hinterlassen hat. Wie konnte es damals gelingen, die mächtige Steinkuppel zu wölben? Den Schlüssel hält die begabte Tochter eines Baumeisters aus Bagdad in Händen. Doch als junge Frau ist es ihr unmöglich, ihren Vater zu unterstützen. Deshalb reist sie als Mann verkleidet an den Hof des großen Karolinger Königs – und lernt den Sohn des königlichen Baumeisters kennen, für den sie bald mehr empfindet, als gut für die gemeinsame Sache ist.
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Bagdad, Spätsommer 794

Hierher, Jude!«

Der scharfe Befehl des Wesirs verhieß nichts ­Gutes. Isaak verfluchte seine Eitelkeit, die ihn am neu angelegten Teich des Kalifengartens hatte stehen bleiben lassen. Nicht etwa, um sich im stillen Wasser zu spiegeln – mit seiner äußerlichen Erscheinung hielt er sich nie über Gebühr auf –, sondern um sich an seinen Kenntnissen der arabischen Sprache zu erfreuen. Die Seerosen im Teich waren nämlich kunstvoll zu Schriftzeichen arrangiert. Sie priesen die Güte des Kalifen, wie Isaak gerade entziffert hatte, als ihn der Wesir aus seiner Betrachtung auf­schreckte.

Für jeden Menschen, nicht nur für einen Juden, war es höchst ungewöhnlich und möglicherweise gefährlich, von Yahya ibn Kalid, dem mächtigen Vertrauten des Kalifen, höchstselbst herbeigerufen zu werden.

Isaak schickte ein stummes Gebet zum Himmel, dass es nicht um seinen Hals gehen möge. Nirgendwo auf der Welt, und er war viel herumgekommen, konnte ein Kopf mit weniger Federlesen vom Rumpf getrennt werden als hier in Bagdad. Die unbestrittene Güte und Großzügigkeit Harun al Raschids, der Sklaven aus dem Nichts in höchste Ämter erhob, konkurrierte nur mit seiner Erbar­mungslosigkeit gegenüber jenen, die sein Missfallen erreg­ten. Ein jeder konnte ohne Verfahren auf der Stelle gnadenlos zerschmettert werden.

Ich hätte die Waren im Palast abliefern und schnell verschwinden sollen, dachte Isaak, als er mit gesenktem Haupt auf Yahya zueilte, darauf achtend, die geometrischen Muster im Kiesel nicht mit seinen Füßen zu verwirren. Er sprach sich Mut zu. Die Pelze aus dem fernen Frankenland waren gewiss nicht räudig gewesen und die Bernsteinstücke aus dem Nordreich von funkelnder Klarheit. Möglicherweise hatten die kruden Verzierungen an den Langsax-Schwertern das Auge eines kunstsinnigen Würdenträgers beleidigt.

»Dir wird große Ehre zuteil, Jude«, verkündete Yahya, als sich Isaak unter dem Juwelen geschmückten Feigenbaum mit den zweifarbigen Früchten tief vor ihm verneigte. »Der Befehlshaber der Gläubigen, der Vater unseres glücklichen Landes, Allah sei gepriesen, gewährt dir die Gnade, dich anzuhören. Er will von dir alles über das barbarische Frankenland und seinen großen König wissen.«

Isaak erstarrte. Nur ein falsches Wort, dachte er, und ich bin erledigt.

»Eine unverdiente Ehre«, stotterte er. »Doch welche Nachrichten vermag ich unserem Herrn, dem edelmü­tigen Kalifen, zu überbringen? Ich bin doch nur ein nichtswürdiger Händler, der stets auf Reisen ist, von Reichsführung nichts versteht und den edlen König Karl nicht einmal von Weitem gesehen hat.«

»Du kennst immerhin seinen Namen«, erwiderte Yahya befriedigt. »Du hast dich in seinem Reich aufgehalten. Das sollte ausreichend sein. Eil dich, wir müssen Vorbereitungen für die Begegnung treffen.«

Frisch gewaschen, in neuer Kleidung und mit Wohlgerüchen besprenkelt, betrat Isaak wenig später an der Seite des Hadschibs, des Kämmerers, den vieleckigen, nahezu runden riesigen Empfangssaal im Palast der Ewigen Selig­keit. Die leisen Gespräche der zahlreichen Höflinge, die in Grüppchen beieinanderstanden, verstummten. Der prunkvoll ausgestattete Saal überwältigte Isaak, aber er gab sich große Mühe, dies nicht sichtbar werden zu lassen. Er warf einen kurzen Blick zu der riesigen Kuppel hinauf, die über ihm zu schweben schien. Zwischen unzähligen durchsichtig schimmernden Alabastersäulen mit kunstfertig gehauenen Kapitellen rankten sich aus großen Glasvasen prachtvolle Blumen empor. Deren Duft vermischte sich mit den Wohlgerüchen, die in dünnen Rauchwölkchen über flachen Schalen aus Achat und Jade aufstiegen. Der goldene Grund der mächtigen Kuppel war mit dem gleichen Bildermuster ausgemalt, zu dem auch der Kiesel vor der Palasttür verlegt worden war und das sich in den mit Glitzerfäden durchwirkten Teppichen wiederfand. An den Wandbehängen der oberen Galerie funkelten Juwelen auf farbenprächtigen Abbildungen, die wilde Tiere und das Leben des Kalifen in dessen früher Jugend illustrierten.

Unterhalb der Kuppel trennte ein Vorhang aus Goldbrokat einen Raum ab.

»Amir al-Mu’minin, Friede sei mit dir, Stellvertreter ­Allahs«, sprach der Kämmerer laut da hinein, wo der Stoff eine halbe Handbreit offen stand. »Ich bringe dir den weit gereisten Dhimmi Isaak. Er wird dir alles über jenen ­König Karl im Norden erzählen, dessen Vater König Pippin bereits mit deinem erlauchten Großvater, dem in unserem Herzen verankerten Dschafar al Mansur, den verderbten Unternehmungen der Omayyaden in Spanien und des Basileus in Konstantinopel Einhalt gebieten wollte.«

Isaaks Entsetzen stieg. Was wurde da von ihm erwartet? Er konnte höchstens vom Ausbau der Königspfalz zu Aachen berichten, von der er allerdings nur das bereits in kurzer Zeit völlig eingerußte Küchenhaus wirklich gut kannte. Darin hatte er sich länger aufgehalten, als er bei seinem letzten Besuch auf der fettigen Türschwelle ausgerutscht war und sich den Fuß verknackst hatte. Er konnte auch von dem derb angelegten Hofgarten erzählen, dessen Pflanzen ungeachtet ihrer Schönheit nur nach reiner Nützlichkeit angeordnet worden waren und die in der Kälte des Winters allesamt starben, von denen aber manche im Frühjahr wundersamerweise wieder aufblühten.

Als Reisender kamen ihm natürlich auch jede Menge Gerüchte zu Ohren, zum Beispiel die vom ausschweifenden Leben der schönen Töchter König Karls, ein wahrlich ungeeignetes Thema im Kalifenpalast. Oder die von Karls Liebe zu einer Gemahlin, die ihn offenbar verhext hatte. Von ihm, dem weit gereisten Juden, hatte sich des Königs Küchenmeister bei seinem letzten Besuch einen wirkungsvollen Fluch versprochen, um der an Zahnschmerzen leidenden verhassten Königin den Garaus zu machen. Isaak konnte es sich nicht leisten, irgendjemanden zu verärgern, und hatte einfach etwas vor sich hingemurmelt.

Als ihm der Küchenmeister am nächsten Morgen froh gestimmt versicherte, sein Spruch habe bereits Wirkung gezeitigt, da sich der Zustand der bösen Frau erfreulich deutlich verschlechtert habe, hatte sich Isaak schleunigst aus dem Staub gemacht. Auf dem Weg nach Südosten erwog er, als Nächstes das ferne China zu bereisen; ins Frankenreich wollte er vorerst nicht wieder zurückkehren. Legenden waren schnell geboren, und sollte Königin Fastrada wirklich sterben oder gar schon gestorben sein, konnte ein Wort des königlichen Küchenmeisters ihm zum Verhängnis werden. Zwar sterben auch die Katzen nicht daran, wenn die Hunde sie verfluchen, aber dieses Argument würde ihm im abergläubischen Norden kaum helfen. Juden traute man dort alles zu. In Bagdad zwar auch, aber hier wurde vor allem die Weisheit des Volkes geschätzt, das die Schriften besaß. Juden galten im Kalifenreich als Dhimmi, als Schutzbefohlene des Herrschers.

Der von ihm jetzt einen Bericht über das Frankenland erwartete. Doch woher sollte er, der Fernhändler Isaak, wissen, welchen Feldzug König Karl plante, welches Land sich dieser als Nächstes zu unterwerfen gedachte oder wie er über das Kalifenreich urteilte?

In seinem Kopf wollte sich kein einziger sinnvoller Gedanke formen, nicht einmal eine blumige Umschreibung für sein Unwissen. Seine Kehle war staubtrocken. Er wagte es nicht, sich zu räuspern.

»Der Jude sei mir willkommen«, forderte eine weiche Stimme Isaak auf, hinter den Vorhang zu treten.

Mit gekreuzten Beinen saß der junge Kalif auf dem ­Sarir, einer Art Prunkbett, das mit einem perlenbesetzten golddurchwirkten Seidenstoff bezogen war. Um seine zitternden Knie zu entlasten, hätte sich Isaak gern der Länge nach vor Harun al Raschid hingeworfen. Doch den Fußfall habe der Abbasidenherrscher aus dem persischen Hof­zeremoniell noch nicht übernommen, hatte der Kämmerer bedauernd angemerkt und eilig hinzugesetzt, dies werde sich wohl demnächst ändern. Jetzt aber solle sich Isaak nur niederbeugen, dem Kalifen Hände und Füße küssen, danach einen Schritt zurücktreten und regungslos stehen bleiben, bis der erlauchte Herrscher das Wort an ihn richte. Während der gesamten Audienz dürfe er Kopf und Hände keinesfalls bewegen. Er müsse den Blick fest auf den Fürsten gerichtet halten und langsam sprechen, natürlich nur dann, wenn er gefragt werde.

»Nimm Platz«, sagte Harun zu Isaak und des Kämmerers Verblüffen. Nur ausersehenen Gästen wurde die Ehre zuteil, sich so schnell niederlassen zu dürfen. Der Kalif war offensichtlich guter Laune.

Wie hell seine Haut ist, dachte Isaak, als er sich auf den Boden hockte und bang auf die erste Frage wartete.

»Dieser König Karl des Nordens«, begann Harun, »hat er viele Frauen?«

»Nur eine«, antwortete Isaak erschrocken. »Wie der hochherzige Beherrscher des prächtigen Reiches der Abbasiden sicher weiß, ist den Christen nur ein Weib gestattet.«

»Man sollte nicht die guten Dinge, die Gott erlaubt hat, für verboten erklären«, erwiderte der Kalif kopfschüttelnd. »Es ist gewiss ungut, durch solche Auslegung der Schriften einer einzigen Frau so viel Macht zu verleihen.«

Da dies keine Frage war, durfte Isaak dazu schweigen. Wie jeder in Bagdad, so wusste auch er, dass sich Harun durch eine eigene Auslegung des Korans den mäßigen Genuss des Weins nicht entgehen ließ. Und dass seine erste Ehefrau Zubaida, die kleine Butterflocke, allen Neben­frauen zum Trotz über mindestens ebenso viel Macht verfügte wie der Wesir des Kalifen. Oder wie die finstere Königin Fastrada im Frankenreich über König Karl.

Nein, daran durfte er jetzt nicht denken.

»Es gibt drei Arten von Frauen«, dozierte der Kalif. »Erstens die gläubige, treu Liebende, die ihrem Gatten wider das Schicksal, nie aber dem Schicksal wider dem Gatten hilft. Zweitens die Frau, die sich nur um die Kinder kümmert und sonst um nichts. Und drittens schließlich jenes Weib, das eine Fessel ist, die Allah dem Mann auf den Nacken legt.«

Belustigt musterte er das immer bleicher werdende Gesicht seines Besuchers. »Sag mir, Jude, zu welcher Art gehört die Gemahlin König Karls?«

»Zur ersten, wie ich annehme«, brachte Isaak hervor, froh, bei der Beschreibung der dritten Art von Frauen sein Nicken unterdrückt zu haben.

»Erzähle mir von ihr.«

»Sie ist von besonderer dunkler Schönheit und sehr viel jünger als der König«, sprach Isaak. »Es ist seine vierte Ehefrau …« Fastrada war wirklich ein sehr unglückliches Thema. Doch dann kam Isaak die Erleuchtung, wie er mit einer kleinen Verbiegung der Tatsachen auf einen anderen Gegenstand ausweichen und gleichzeitig dem Kalifen würde schmeicheln können, »… und König Karl baut ihr gerade einen Palast.« Er hatte sich in Aachen umgesehen und konnte zumindest die neuen Bauwerke der Königspfalz beschreiben – zu Gunsten der ungleich vornehmeren Architektur der Kalifenresidenz natürlich.

Die Augen des Kalifen begannen zu leuchten. Auch er hatte seiner Zubaida gerade einen neuen Palast errichtet; in Raqqa, wo er sich selbst in absehbarer Zeit niederzulassen gedachte. Gleich nach dem Juden würde er den verantwortlichen Baumeister Yussuf ibn Yakub rufen lassen. Ihn mit unermesslichen Schätzen belohnen, unter der Bedingung, seine beispiellose Kunst nie in den Dienst anderer, etwa wieder in den der Oströmer oder gar der Omayyaden zu stellen. Es gab Grund zu dieser Befürchtung; die Späher des Kalifen hatten im Hause des Baumeisters Vorkehrungen beobachtet, die darauf schließen ließen, dass dieser Bagdad endgültig zu verlassen gedachte.

»Erzähle mir von diesem Palast«, forderte Harun seinen Besucher auf.

»Er soll der Königsfamilie ein Zuhause bieten«, begann der Jude, »und Mittelpunkt der Verwaltung werden. Denn bisher ist König Karl nach Art der Beduinen von einem Ort seines riesigen Reiches stets zum anderen weitergezogen und hat, wie schon sein Vater, vornehmlich vom Sattel aus regiert.«

»Hat er keine Brüder, die ihn entlasten könnten?«

»Sein einziger Bruder ist gestorben.«

»Eines natürlichen Todes wie meiner, hoffe ich«, sagte der Kalif mit plötzlicher Schärfe in der Stimme.

»Genau wie deiner«, bestätigte Isaak. Was keinesfalls gelogen war, wenn man den verblüffend gleichlautenden bösen Gerüchten um die seltsamen Todesumstände der jeweiligen Brüder glaubte. Erst deren frühes und unerwartetes Ableben hatte beiden Herrschern ihre uneingeschränkte Macht beschert.

Der Aufforderung, die Königspfalz in Aachen zu beschreiben, kam Isaak gern nach. Bei seinem Vortrag verließ sein Blick nie das Antlitz des Kalifen. In diesem zeichnete sich angesichts der Schilderung von zwar wuchtigen, aber ansonsten kargen und weitgehend schmucklosen Bauwerken unverkennbar Enttäuschung ab.

Isaak brach der Schweiß aus. Hastig warf er ein, das künftige Prunkstück der Anlage solle ein besonders eindrucksvolles Gotteshaus werden. König Karl scheue weder Kosten noch Mühen, hierfür Baumeister aus allen Himmelsrichtungen nach Aachen zu berufen, um sich ihre Vorstellungen anzuhören.

»Er hat mit dem Bau seiner Moschee noch nicht einmal begonnen?«, fragte Harun ungläubig.

»Nein. Es heißt, er möchte seinem Gott einen ganz besonderen Tempel errichten, der die anderen Bauten seiner Pfalz in den Schatten stellt, ein so prächtiges Gotteshaus, wie es im Frankenland bislang noch keines gibt!«

Aus Furcht, jetzt zu viel Begeisterung für ein christliches Gebäude in seine Stimme gelegt zu haben, hob Isaak den Blick zur exquisit ausgemalten Kuppel, deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand nach oben und setzte hastig hinzu: »Aber kein Franke wird je eine solche Kuppel wölben können.«

Sein letztes Wort war kaum verhallt, als sich Todesangst in ihm breitmachte. Innerhalb eines Wimpernschlags hatte er die Vorschriften gleich mehrmals übertreten: Er hatte den Blick vom Kalifen abgewendet, den Arm bewegt und die Stimme ungefragt heraussprudeln lassen.

Der Kämmerer neben ihm hielt immer noch die Luft an.

Dem Kalifen jedoch schien diese ungeheuere Verletzung der Etikette entgangen zu sein. Auch sein Blick ruhte auf der Wölbung der Kuppel.

»Da hast du zweifellos recht, Jude«, sagte er nachdenklich. »Aber es muss ja kein Franke sein.«

Der Kalif schwieg eine lange Zeit. Als er endlich wieder sprach, spielte ein Lächeln um seine Lippen.

»Außer dem Pfeil, der den Bogen verlassen hat, sind noch zwei weitere Dinge unwiederbringlich: das zu schnell gesprochene Wort und die verpasste Gelegenheit. Dein zu schnell gesprochenes Wort, Jude, sei dir verziehen, denn es weist mir den Weg zu einer Gelegenheit, die ich nicht verpassen werde.« Er wandte sich an den Kämmerer. »Schaffe sofort Yussuf ibn Yakub herbei.«

Den fragenden Blick Isaaks beantwortete der Kalif mit einer Handbewegung, die ihm bedeutete, hocken zu bleiben.

»Du bist nicht verabschiedet, Jude«, sagte er, »denn du hast mir noch viel über diesen König Karl und sein Reich zu erzählen. Mein treuer Baumeister wird auch zuhören. Er soll alles wissen, was du auch weißt. Stelle dich gut mit ihm, denn ich werde euch auf eine lange gemeinsame Reise entsenden.«

 

KAPITEL 1

Der Auftrag

Konstantinopel, Spätherbst 794

Angesichts seines überaus griesgrämigen Begleiters blieb Isaak nur das Selbstgespräch. Ein geselliger Gefährte hätte mir die Reise auf diesem elendig langsamen Schiff angenehm verkürzt, murrte er also vor sich hin, als die im Mittagslicht glitzernde Kuppel der Hagia Sophia oberhalb der mächtigen Schutzmauern des Hafens auftauchte. Ein Anblick, der jedem Neuankömmling den Atem stocken ließ.

Sogar Yussuf ibn Yakub schien beeindruckt. Das Lächeln, das zum ersten Mal in seinen Mundwinkeln lauerte, ermutigte Isaak zu einer Frage: »Wirst du dem Frankenkönig ein solches Wunderwerk erbauen?«

Der Fernhändler rechnete nicht mit einer Antwort. Er war ein halbes Menschenalter lang durch die Welt ­gezogen, aber noch nie zuvor in derart maulfauler Begleitung. Yussuf hatte in den vergangenen beiden Monaten nur das Notwendigste gesprochen, dabei aber niemals etwas über sich oder seinen seltsamen Sohn verlauten lassen, und der wiederum machte den Mund nur zum Essen auf.

Der Knabe sei ein Jahr zuvor verstummt, hatte Dunja, die bulgarische Haussklavin des Baumeisters, Isaak vor der Abreise zugeraunt. Ezras Stimme sei nicht wie bei anderen Knaben seines Alters gebrochen, sondern von einer zur anderen Stunde gänzlich zerbrochen. Laute könne er zwar ausstoßen, diese aber nicht mehr zu Worten formen. Er verständige sich durch Zeichen und Zeichnungen – Letztere fertige er äußerst kunstvoll für den Vater an, dessen rechte Hand er sei. Dunja hatte bedeutungsvoll zu Yussufs verkrüppeltem Arm hin genickt. Mehr erfuhr Isaak nicht, denn im weiteren Verlauf der Reise gab sich auch die Sklavin jenem Schweigen hin, das den Haushalt des Baumeisters zu kennzeichnen schien.

Der sprach jetzt. Fünf Worte, die Isaak wie ein Peitschen­schlag trafen: »Hier trennen sich unsere Wege.«

Isaak hob entgeistert die Arme.

»Was meinst du damit? Sollen wir hier überwintern? Aber dann erreichen wir Aachen zu spät …«

Mit schiefem Mundwinkel und einem Kopfschütteln gab ihm Yussuf zu verstehen, dass er keinesfalls die Absicht habe, die Reise irgendwann fortzusetzen, da er an seinem Ziel angekommen sei. Er ließ den vor Entsetzen jetzt selbst sprachlosen Juden stehen und begann mit den üblichen Vorkehrungen, um von Bord zu gehen.

Isaak hatte sich geirrt. Nicht der Anblick der Hagia ­Sophia hatte dem spröden Baumeister ein Lächeln ins zerfurchte Gesicht gezaubert, sondern die Aussicht auf Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Dabei hätte ihm niemand ansehen können, wie aufgeregt er war, wie heftig sein Herz pochte. Gleich würde er Konstantinopel wieder betreten, die Stadt, die er zwanzig Jahre zuvor Hals über Kopf hatte verlassen müssen. Schwer an Körper und Seele verletzt, war er damals als junger Mann geflüchtet, nur knapp den Rachesuchenden entkommen.

Wie so viele Oströmer hatte Iosefos, der Sohn des Iacobos, in Bagdad ein neues Leben begonnen – als Yussuf ibn Yakub. Der Ruf seines Lehrers, dessen Tod ihm in Konstantinopel angelastet wurde, hatte ihm in der aufstrebenden kreisrunden Hauptstadt des Abbasidenreiches schnell ein gutes Auskommen verschafft. Haruns Großvater hatte Bagdad zwar erst zwölf Jahre zuvor gegründet, aber schon damals war abzusehen, dass es Konstantinopel den Rang als bedeutendste Stadt der bekannten Welt ablaufen würde. Inzwischen wohnten in Bagdad fast zwei Millionen Menschen; das kränkelnde Konstantinopel brachte es nicht einmal mehr auf fünfzigtausend.

Mit seiner Rückkehr ging Iosefos ein sehr hohes Risiko ein. Sollte ihn jemand erkennen, könnte er immer noch von den Söhnen seines Lehrers verfolgt und ermordet werden. Er fürchtete sich nicht vor dem Sterben, würde es vielleicht sogar begrüßen, in der Heimaterde begraben zu werden, aber er hatte Angst um sein einziges Kind, das nach seinem Tod auf sich selbst gestellt sein würde. Auch wenn ihm das als das kleinere Übel erschien – im Vergleich zu der besonderen Bedrohung, der dieses vierzehnjährige mutterlose Geschöpf in Bagdad ausgesetzt gewesen war. Als Dunja dem Baumeister im Sommer Gerüchte zugetragen hatte, die der Wahrheit gefährlich nahe gekommen waren, sah er hohe Zeit gekommen, mit dem Knaben sein Exil zu verlassen.

Nach der Fertigstellung des Palasts von Raqqa hatte er also um seinen Abschied bitten wollen. Doch dann war er plötzlich zum Kalifen gerufen worden. Inständig hatte er den Allmächtigen Aller angefleht, keinen neuen Bauauftrag annehmen zu müssen. Harun beschäftigte überall seine Späher und hätte ihn nie ziehen lassen, wenn er seine Dienste weiterhin benötigt hätte.

Der Kalif jedoch sprach nicht von Diensten, sondern von einer Vision. Er habe die Absicht, sagte er, dem christlichen Herrscher im fernen Norden ein Gotteshaus zu schenken, an dem Allah selbst dereinst seine Freude ­haben könnte, wenn der einzig wahre Glaube auch dieses Land erobert habe. Er stelle sich vor, wie glücklich es den König einer augenscheinlich recht barbarischen Architektur machen könnte, unter einer Kuppel zu beten, die weder den Vergleich mit oströmischen Bauten noch mit dem Tempel von Jerusalem zu scheuen brauche. Der Orient wünsche diesem freundlichen Teil des Okzidents ein Geschenk zu machen, das jedoch als solches weder offiziell anerkannt noch erwidert werden dürfe. Für die Diplomatie dieser zugegebenermaßen pikanten Angelegenheit sei der weit gereiste Isaak zuständig, für die Ausführung der unübertreffliche Baumeister Yussuf ibn Yakub. Letzterer solle König Karl die Zeichnung eines erhabenen Kuppelbaus mit hohen Fenstern und schön ausgearbeiteten ­Galerien vorlegen – Harun deutete nachlässig nach oben – und ihm darlegen, wie man diesen in die bereits fertige Pfalzanlage harmonisch einfügen könne. Angesichts ­eines solchen Prachtbaus und der entfallenden Kosten für den Baumeister würde der Frankenkönig alle gierigen Antragsteller gröberer fränkischer Fertigung fortschicken.

Der Mann, der sich in Bagdad Yussuf nannte, wartete fassungslos, bis ihm der Kalif das Wort erteilte.

»Beherrscher der Gläubigen«, begann er. »Großzügigkeit ist eine Fürstin unter den edlen Eigenschaften. Doch was soll ich sagen, wenn man mich fragt, welch überaus weitherziger Wohltäter mich entsandt hat?«

»Ein frommer Freund aus feindloser Ferne«, antwortete Harun. Er lachte wie ein Kind, dem ein Streich gelungen war. »So wie man die Strahlen der Sonne nicht zudecken kann, so kann man auch das Licht der Wahrheit nicht auslöschen. Lasse also den König das Rätsel deines Auftraggebers lösen, wenn der Bau fortgeschritten ist. Über den anschaulichen Beweis, welch zuverlässiger Freund der Feind seiner Feinde in Ostrom und Spanien doch ist, wird er sich freuen. Und binnen weniger Jahre mit einer offiziellen Gesandtschaft nach Bagdad unsere Freundschaft sicherlich vertiefen wollen.«

Yussuf solle sich in Aachen als jener Oströmer ausgeben, der er früher gewesen sei.

»Nimm deinen alten Namen wieder an, nenne den deines Lehrers Markarios. Dessen Ruhm wird auch bis ins Frankenland gedrungen sein – schließlich war er der Erste, der sich seit Kaiser Justinians Zeiten in Konstan­tinopel wieder an die Aufgabe gewagt hat, eine Kuppel zu wölben.« Harun machte eine bedeutungsvolle Pause und verzog das Gesicht zu einem gekünstelten Bedauern. »Wie unselig für das stolze Ostrom, dass ausgerechnet dieses unvollendete Bauwerk dem armen Markarios zum Verhängnis geworden ist!«, setzte er schließlich hinzu. »Aber umso erfreulicher für uns. Hättest du deinem Meister nicht zur ewigen Seligkeit verholfen, wärst du in deiner Heimat zu Ruhm gekommen und hättest den Bau von tausend Kuppeln in meinem Land nie überwachen können. Und jetzt wirst du mit einer weiteren den hohen Norden und dessen König glücklich machen.«

In die Augen des Baumeisters trat ein Leuchten.

»Es freut mich, dass dir mein Plan behagt«, stellte ­Harun al Raschid fest. Er beauftragte den Kämmerer, den beiden Reisenden ein Vermögen und zwei wohlerprobte starke Leibwächter mitzugeben.

Hätte der von seiner plötzlichen Idee so begeisterte Abbasidenherrscher die Kunst des Gedankenlesens beherrscht, wäre Yussuf auf der Stelle des Todes gewesen. In ihm keimte nämlich ein anderer Gedanke als der, den König des christlichen Westens mit einer Kuppel zu beglücken. Vom Kalifen höchstselbst mit reichlich Mitteln ausgestattet, gedachte er, die Reise in seiner alten Heimat Konstantinopel zu beenden und sich dort zur Ruhe zu setzen. Vor dem langen Arm des Kalifen fürchtete er sich nicht. Reisen, zumal in große Ferne, waren gefährlich. Es würden Jahre vergehen, ehe Harun erführe, dass sein alter Baumeister bedauerlicherweise schon unterwegs den Strapazen erlegen sei.

Isaak hatte sich überrumpeln lassen. Nachdem sie den Euphrat bis Raqqa hinaufgefahren und über Aleppo am Hafen von Antiochia angekommen waren, hatte er Yussuf auf dessen Wunsch die Verhandlungen mit einem griechischen Bootsführer überlassen. Nach einigen Tagen fielen ihm die vielen seltsamen Inseln auf, die nicht nördlich, sondern westlich und östlich von ihnen auftauchten. Beim Einlaufen in den Hafen der Insel Leros stellte er Yussuf schließlich zur Rede.

Der tat, als sei es völlig selbstverständlich, dass er sich in Konstantinopel mit Material und Mitteln versehen müsse, ehe sie weiterreisten.

Zunächst alles andere als glücklich über den lästigen langen Umweg, überlegte Isaak, wie dieser auch ihm zum Vorteil gereichen könne. Der Kalif hatte auf ihren sofortigen Aufbruch gedrungen, was den Fernhändler daran gehindert hatte, in Bagdad seine beiden Maultiere mit Waren zu beladen. Rosenöl, Weihrauch aus Oman, Perlenmuscheln, bunte Seide, Pfeffer, Zimt, Muskat, Safran und Elfenbein würde er jedoch auch in Konstantinopel erstehen können.

Aber Yussuf wollte nicht nach Aachen weiterziehen. Seine unerwartete Weigerung, dem Auftrag des Kalifen nachzukommen, versperrte Isaak die Möglichkeit, jemals wieder edle Waren nach Bagdad bringen oder sich auch nur in die Nähe des Abbasidenreiches begeben zu können. Verzweifelt sah er sich nach den Leibwächtern um, die ihnen der Kalif in weiser Voraussicht mitgegeben hatte. Doch er musste erkennen, dass von den beiden tapferen Recken keine Hilfe zu erwarten war. Vier Rudersklaven hoben die reglosen Männer wie nasse Säcke auf den Kai an eine Stelle, die ihnen der Baumeister anwies.

»Da können sie ihren Rausch in Ruhe ausschlafen, ehe sie wieder heimkehren«, sagte er mit feinem Lächeln zum Bootsführer, dem er ein kleines Säckchen zusteckte. Dann wandte er sich an Isaak. »Allah wird ihnen gewiss verzeihen, dass sie ihrer Seekrankheit mit solch starkem Wein Herr zu werden versuchten; ob es der Kalif jedoch Allah gleichtut, wage ich zu bezweifeln, weshalb du ihnen raten solltest, anderswo eine Heimstatt zu suchen.«

Das war der längste Satz, den der Baumeister je zu Isaak gesprochen hatte. Er lächelte den Juden freundlich an, half seinem Sohn von Bord und verschwand mit ihm, Dunja und seinem eigenen Lastenträger im Gewühl des Hafens.

Iosefos fand sich erstaunlich schnell in Konstantinopel zurecht. Die Stadt hatte sich nur insofern verändert, als dass ihr Verfall noch deutlicher sichtbar war, als er es in Erinnerung hatte. Einzig die große Mauer schien den Stürmen der Zeit unbeschadet getrotzt zu haben. Wie erwartungsvoll hatte er an der Bordwand des Schiffes gestanden und darauf gewartet, seine Stadt wiederzusehen. Wie glänzend war sie ihm aus der Ferne erschienen mit ihren Kuppeln, Mauern, Türmen und Türmchen, als sie endlich in Sichtweite war. Und wie erschüttert registrierte er jetzt beim Gang durch die engen Gassen die verblassten Fassaden von einstmals bunt bemalten Häusern, an die sich wacklige Holzverschläge lehnten. Dort lärmten schmutzige Männer an Werkbänken, während zwischen ihren Beinen magere Katzen herumhuschten und Hühner im Dreck scharrten. Er sah alte Kirchen, an denen niemand Erdbebenschäden behoben hatte, und nur vereinzelt Hauseingänge, die mit Pflanzen begrünt waren. Iosefos brummte ungehalten über die Wahrsager, die ihn anrempelten, und über die fliegenden Händler, die ihn mit ihrem Tand belästigen wollten. Und die voll neugieriger Begehrlichkeit auf den mit zwei Weidenkörben schwer beladenen Lastenträger zwischen den beiden arabisch gekleideten Männern blickten.

»Ich weiß, in Bagdad riecht es besser«, sagte er zu Ezra, der angeekelt und nicht immer erfolgreich Schweinen, ihren Treibern und stinkenden Kothaufen auszuweichen versuchte. »Aber hier sind wir zu Hause. Wo du endlich so wirst leben können, wie es die Natur für dich vorgesehen hat.«

Erleichtert atmete er aus, als sie nach Stunden das enge Gassengewirr hinter sich gelassen hatten und in ein Viertel mit sauberen breiteren Straßen gelangten, in denen ihnen nur wenige Menschen begegneten und wo die Häuser einander nicht stützten, sondern einzeln in ummauerten Gärten standen. Doch auch hier hatte man der Zeit vielerorts zu wüten erlaubt. Voller Trauer blickte Iosefos auf bröcklige Säulen und zerfallende Bogenhallen an ehedem stolzen Villen. Er sah fleckige und gerissene Marmorstufen, schiefe Pergolen, die nur noch von dichten vertrockneten Weinranken zusammengehalten zu werden schienen, und vermooste Skulpturen in Gärten, die kein Bewohner der gepflegten Stadt Bagdad als solche bezeichnet hätte.

Sein Gesicht erhellte sich, als sie um eine Ecke bogen und vor einem sauber mit Marmorstaub geweißten Steinpalais mit einer kecken kleinen Kuppel auf dem Vordach stehen blieben. An den Eingangssäulen rankten sich blühende Pflanzen empor.

»Wir sind am Ziel«, sagte er. »Warte hier.«

Wie ein junger Mann sprang er die acht breiten Marmorstufen hinauf, die zu einer prächtig geschnitzten Holztür führten. Er sah zu Ezra hinab.

Jetzt würde sich alles entscheiden.

Und da verließ ihn der Mut. Sowie alle Kraft, die er für die Rückkehr aufgebracht hatte. Er begann zu zittern.

Zwanzig Jahre waren vergangen, Konstantinopel war alt geworden und so müde, wie er sich mit einem Mal fühlte. Seine Schwester konnte längst tot sein, das Haus, das er seiner Familie selbst erbaut hatte, Fremden gehören, das letzte bisschen erinnerte Heimat endgültig verschwunden sein.

Doch noch bevor er den riesigen Klopfer in Form eines Löwenhauptes betätigen konnte, wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Ein großer nubischer Sklave musterte den fremdartig aussehenden Mann mit freundlichem Argwohn und fragte nach seinem Begehr.

»Ich bin Iosefos, der Sohn des Iacobos, und möchte meine Schwester Theodora besuchen«, brachte der Baumeister hervor.

Kurz schloss er die Augen, als der Sklave die Tür daraufhin weit aufstieß. Er hörte das Echo seines Namens im ­Inneren des Hauses, dann schnelle Schritte auf dem Steinboden, ein Rascheln, einen Schrei, einen Jauchzer.

»Iosefos! Du bist es wirklich! Du lebst!«

Tränen liefen der zierlichen grauhaarigen Frau die Wangen hinunter, als sie auf ihren Bruder zustürzte und ihn in die Arme schloss.

»Bagdad also«, stellte sie mit erstickter Stimme fest, nachdem sie den Baumeister losgelassen und genauer gemustert hatte.

Er nickte.

»Zwanzig Jahre im Dienste des Kalifen«, murmelte er. »Ach, Theodora, das ist jetzt vorbei. Ich bin wieder zu Hause. Und ich möchte dir jemanden vorstellen.«

Er winkte Ezra zu sich. Der kam zögerlich die Stufen ­hinauf und rückte an seinen Vater heran. Theodora streckte einen Arm aus, strich dem Knaben das lange schwarze Haar, das ihm wie immer wirr ins Gesicht hing, sanft aus der Stirn und sah von einem zum anderen.

»Dein Sohn?«, fragte sie flüsternd.

»So kann man das nicht sagen«, erwiderte Iosefos. »Auch deshalb sind wir hier.«

Nach dem ersten Schreck setzte sich Isaak auf die Kaimauer. Er mühte sich, den Gestank, der vom brackigen Hafenwasser zu ihm aufstieg, zu ignorieren und dachte angestrengt nach. Es gab Ostrom, Westrom, das Frankenland, Spanien und zudem das ferne reizvolle China, das er noch nie aufgesucht hatte, aber gerne einmal bereisen wollte. Zwar beherrschte er die Sprache nicht, war aber zuversichtlich, in Konstantinopel einen Lehrer finden zu können, der ihm in wenigen Monaten das für seine ­Arbeit Erforderliche beibrachte. Wer sich, wie Isaak, in neun Sprachen verständigen konnte, hatte keine Angst, eine weitere zu erlernen. Nur die ersten beiden hatten ihm Mühen bereitet; auf deren Flügeln schienen die nachfolgenden schwerelos mitzuschwingen.

Nein, es war keine Katastrophe, dass ihn der Baumeister sitzen gelassen hatte. Er konnte sein Geld überall verdienen. Er brauchte Bagdad nicht, auch wenn ihm die schönen Frauen, die schönen Gärten und die schönen Diskurse im Tempel der Weisheit fehlen würden.

Aber er ärgerte sich maßlos. Yussuf hatte ihn übertölpelt. Das zehrte an seinem Stolz. Außerdem war er ein Mann, der zu seinem Wort stand. Und er hatte dem Kalifen versprochen, den Baumeister nach Aachen zu führen.

Genau das würde er auch tun, beschloss er schließlich. Er zweifelte nicht daran, Yussuf in der riesigen Stadt aufspüren zu können, aber er musste mehr über den Baumeister in Erfahrung bringen, um ihn zur Erfüllung ihrer Mission nötigen zu können.

Als Führer zwischen vielen Welten wollte und musste er verstehen. Nicht nur die Sprachen, sondern vor allem Menschen und ihre Beweggründe. Weshalb hatte Yussuf nach Jahrzehnten erfolgreichen und würdigen Lebens in Bagdad das Heimweh nach einer Stadt gepackt, die ihn in früheren Zeiten offenbar verstoßen hatte?

Er rief sich Haruns Andeutungen ins Gedächtnis, wonach der Baumeister seinem ehemaligen Lehrer einst zur ewigen Seligkeit verholfen habe, ein kaum verhüllter ­Hinweis auf Mord. Also hatte Yussuf damals in Bagdad Zuflucht gesucht, weil er diesen Markarios ums Leben gebracht hatte. Warum? Schwer vorstellbar, dass jemand dem peniblen Baumeister einen Fehler nachgewiesen haben könnte und es darüber zum Streit gekommen war. Vielleicht war es um eine Frau gegangen? Oder um Geld? Einzelheiten konnte Isaak später herausfinden; zunächst war vorrangig, den Baumeister zu finden.

Isaaks einzige Spur waren die Nachfahren des Markarios. Möglicherweise sannen sie immer noch auf Rache, ein Gefühl, das dem Fernhändler selbst fremd war, weil so uneinträglich, zeitraubend und gänzlich sinnlos. Aber unter Umständen konnte er sich jetzt die offene Rechnung anderer zunutze machen.

Er sprang von der Kaimauer und beorderte Lastenträger zu sich. In seinem Kopf arbeitete es unaufhörlich weiter. Er wusste sich Informationen zu beschaffen, kannte sich nicht nur auf Märkten aus und war mit der Innenstadt von Konstantinopel recht vertraut. Es dürfte ihm also nicht allzu schwerfallen, die Nachkommen eines berühmten toten Baumeisters namens Markarios zu finden.

Isaak deutete auf die bewusstlosen Leibwächter.

»Schafft sie in die Herberge des Damianos«, sagte er zu den Lastenträgern. Als er seine beiden Maultiere von den Pfeilern losbinden wollte, an denen auch die Seile ihres kleinen Schiffes noch vertäut waren, fiel ihm erstmals die schon fast winterliche Farbe des Meeres auf. Er rief den Bootsführer und trat mit ihm in eine neue Verhandlung ein. Die ihn nicht nur aus Gründen der Zeitnot teurer zu stehen kam, als er sich sonst hätte bieten lassen. Nie zuvor hatte er so viel Geld für die Mitnahme seiner Maultiere zahlen müssen. Doch er hatte keine Wahl. Es wäre nahezu aussichtslos gewesen zu versuchen, einen anderen Kapitän aufzutreiben, der sich um diese Jahreszeit mit einem kleinen Schiff auf eine lange Fahrt über das unberechenbare Mittelmeer eingelassen hätte. Kopfschüttelnd dachte Isaak an die Nordmänner, die der Winter nicht davon abhielt, sich und ihren Schiffen mit dem einen störrischen Segel eine weitaus rauere See zuzumuten. Und die erheblich weniger Möglichkeiten hatten, schützende Inselhäfen anzulaufen als Schiffe auf dem Mittelmeer. Nachdem Isaak mit dem Kapitän handelseinig geworden war, nahm er nur eines seiner Maultiere mit in die Stadt.

Bereits wenige Stunden später erfuhr er, wo der älteste Sohn des Markarios wohnte. Schon früh am nächsten Morgen sprach er in dessen Haus mit ein paar Waren vor, die er schnell auf dem Basar erstanden hatte.

Das Glück war ihm hold. Die Geschichte über den verlorenen Sohn der Stadt, der als Baumeister in Bagdad zu großem Ruhm gekommen und just zurückgekehrt war, konnte er sich ersparen. Denn noch während er der Hausherrin eine Reihe von angeblich aus Syrien stammenden Halbedelsteinen vorlegte, wurde ein aufgeregter halbwüchsiger Knabe vorgelassen, dem seine Herkunft aus ­einem Elendsviertel deutlich anzusehen war.

»Der Mörder ist gekommen!«, erklärte er atemlos und hielt zitternd die Hand auf. »Ich habe ihn gesehen. Er sieht aus wie ein edler Herr aus Syrien. Er hat einen Spießgesellen bei sich, einen jüngeren Araber. Und einen Lastenträger und eine Sklavin.«

»Wie kannst du so sicher sein, dass er es tatsächlich ist?«, fragte die Frau und verabschiedete Isaak mit einem eindeutigen Blick. Der ließ sich beim Einsammeln seiner Steine Zeit.

»Er ist es. Ganz sicher! Gebt mir die Belohnung!«, keuchte der Knabe aufgeregt. »Er hat einen verkrüppelten Arm, genau, wie Ihr gesagt habt. Und Frau Theodora hat geweint und ihn geküsst.«

»Sie wird noch sehr viel mehr weinen«, murmelte die Hausherrin, gebot dem Knaben zu schweigen, rief nach ihrem Gemahl und scheuchte Isaak aus dem Haus.

Der hatte genug gehört.

Er passte den Knaben auf der Straße ab und bot ihm ebenfalls eine reiche Belohnung, wenn er ihn zu dem Haus führe, wo der Mörder eingekehrt sei.

»Ich habe es geschafft!«, jubelte das Kind und plapperte unterwegs munter weiter. Wie stolz seine Mutter auf ihn sein würde! Sein Großvater und sein Vater hätten nahe dem Haus jahrelang vergeblich auf der Lauer gelegen. Sie seien dafür nur mit kleinem Wachgeld abgefunden worden und als arme Leute gestorben. Jetzt aber habe die Not der Familie ein Ende.

Voller Stolz zeigte der Knabe Isaak den winzigen Ziegenstall hinter der Mauer des verlassenen Nachbargrundstücks, von dem aus Generationen seiner Familie seit Jahrzehnten die Tür des weißen Hauses im Auge behalten hatten.

Isaak konnte von dem Knaben nicht in Erfahrung bringen, wie der alte Markarios zu Tode gekommen war, aber er wusste, dass sich auch die Oströmer bei ihrer Rache gern an alttestamentarische Vorgaben hielten. Yussufs Schicksal war besiegelt, wenn er länger in der Stadt verweilte. Natürlich könnte er ihn warnen, aber wenn der Mann danach einfach wieder verschwand, war ihm und der Sache des Kalifen wenig gedient. Der störrische Baumeister musste zu seinem Glück schon gezwungen werden.

Bei der Rückkehr in die Herberge des Damianos hielt der schmächtige Fernhändler den inzwischen ernüchterten Männern des Kalifen vor, der ihnen anvertraute Yussuf ibn Yakub sei einzig durch ihre Fahrlässigkeit in große Schwierigkeiten geraten. Er sei von bösen Männern entführt worden. Um ihn zu befreien und den gleichfalls geraubten Bagdader Schatz wiederzubeschaffen, müssten sie augenblicklich die Herberge verlassen und ihm zu ­einer anderen etwas weniger behaglichen Unterkunft folgen.

»Wir warten hier auf die Entführer«, sagte er zu den beiden Männern, als er sie in den engen Ziegenstall lotste. »Die werden in der nächsten Zeit das Haus da drüben aufsuchen. Tut dann genau, was ich euch sage.«

Fragend sahen ihn die Männer an, als wenig später zwei Menschen, die einen Karren zogen, vor dem weißen Haus stehen blieben. Ein schmaler Mann und eine sehr kräftige Frau.

Isaak schüttelte den Kopf.

»Stoffhändler«, sagte er verwundert. Er glaubte nicht, dass sich der Sohn des Markarios einer solchen Tarnung bedienen würde. Wahrscheinlicher war, dass sich Yussuf und sein Sohn angemessene Kleidung für ihr künftiges Leben in Ostrom schneidern lassen wollten.

Er hatte recht. Die beiden Besucher wurden ohne Umstände ins Haus gelassen. Während der dünne Händler unentwegt verschiedene Stoffrollen, Bänder und teils auch fertige Gewänder aus dem Karren holte und andere wieder zurücklegte, blieb die Haustür offen stehen.

Isaak beobachtete das Hin und Her interessiert. Für das Geld des Kalifen war Yussuf das Beste offensichtlich gerade gut genug. Der Jude wunderte sich über ein feines Seidenkleid, das der Händler mit hoch über den Kopf gehaltenen Armen die sechs Stufen hinauftrug. Dessen Goldfäden und das leuchtend rotgelbe Muster passten so gar nicht zu der ältlichen Frau Theodora, aber vielleicht wollte sie außer ihrem Bruder und ihrem Neffen auch noch eine Tochter neu einkleiden.

Isaak fiel fast vornüber, als ihn einer der beiden Leibwächter plötzlich anstieß und die Straße hinunterdeutete.

Es näherte sich ein kleiner Zug. Zwei kräftige Männer mit finsteren Gesichtern und Dolchen an ihren Gürteln trugen eine gedeckte, aber offensichtlich leere Sänfte. Sie waren von zwei jüngeren in üppige Gewänder gekleideten Männern auf Pferden flankiert. Die Söhne des Markarios verlieren keine Zeit, dachte Isaak dankbar, als die Vierergruppe kurz vor der weißen Villa stehen blieb und zur offenen Tür des Hauses hinaufblickte.

Die beiden Männer sprangen von ihren Pferden, banden sie aber nirgendwo fest, sondern hielten sie am Zügel. Isaak schloss daraus, dass Yussuf nicht im Haus seiner Schwester niedergestreckt, sondern rasch fortgeschafft werden sollte, um anderswo den Tod zu finden. Wahrscheinlich auf die gleiche Weise wie der Mann, dem er vor so vielen Jahren zur ewigen Seligkeit verholfen hatte.

Die Söhne des Markarios warteten, bis ein Schäfer mit einer kleinen Herde an ihnen vorbeigegangen und um die nächste Ecke gebogen war. Jetzt war keine Menschenseele mehr auf der Straße zu sehen.

»Hinein, ergreift ihn! Aber lasst ihn unbedingt am Leben!«, rief einer der Männer den Sänftenträgern zu. Die lehnten das lange Gestell an die Grundstücksmauer und stürzten auf den Eingang des weißen Hauses zu.

Aus dessen Tür trat gerade der Stoffhändler. Er hatte den Kopf gesenkt, da er in seinen Armen ein riesiges ­Knäuel bunter Seidenbänder balancierte, das er offensichtlich beim Karren entwirren wollte. Die Schergen rannten den kleinen Mann um, bevor er den Kopf heben konnte. Laut schreiend, kugelte er die Stufen hinunter, über die sich nun ein Meer von vielfarbigen Seidenschlangen ergoss.

»Los!«, zischte Isaak den Männern im Ziegenstall zu. »Wenn ihr mit den beiden Herren fertig seid, vergesst nicht, die Pferde anzubinden! Die brauchen wir noch.«

»Was ist mit Yussuf ibn Yakub?«, fragte einer der beiden hastig.

»Wird gleich aus dem Haus geführt werden. Dann knöpft ihr euch die anderen vor. Wenn möglich, ohne folgenreiches Töten. Macht schnell!«

Aus dem Haus waren Schreie, Geklirr und Gerumpel zu hören.

Der Stoffhändler rappelte sich auf. Beim Sturz hatte er sich in einige seiner bunten Bänder verheddert. Flatternde Stoffstreifen von sich abschlagend, rannte er jetzt hinunter auf die Straße.

»Überfall!«, schrie er keuchend den Söhnen des Markarios zu und deutete wild gestikulierend zum Haus. »Helft uns, Ihr Herren!«

»Geh weg!«, forderte ihn barsch der Kräftigere der beiden auf und stieß ihn vor die Brust. »Du hast hier nichts zu suchen. Hier wird Recht gesprochen.«

Danach konnte dieser Sohn des Markarios nichts mehr sagen, da ihn ein gewaltiger Schlag zu Boden streckte. Zeitgleich sank auch sein Bruder nieder.

Die wiehernden Pferde scheuten. Das erschwerte es den arabischen Leibwächtern, sie im Zaum zu halten und an den dafür vorgesehenen Eisenhaken an der Mauer festzubinden.

An allen Gliedern zitternd, rupfte der Stoffhändler verzweifelt an einem teuren Band aus verbotenem Purpur, das sich in den Anhängern seiner langen Silberkette verfangen hatte und ihm die Luft abzuschnüren drohte. Da legte sich sanft eine Hand auf seine Schulter. Entsetzt fiel er auf die Knie, offensichtlich sein letztes Minütlein erwartend.

»Ganz ruhig, hab keine Angst«, sagte Isaak, half ihm auf, löste geschickt das Band und fesselte damit rasch den Sohn des Markarios, der bereits zu stöhnen angefangen hatte.

»Das ist verboten gutes Material. Und das sind trotz ­ihrer Erscheinung böse Männer.«

Er nickte dem Stoffhändler freundlich zu.

Der konnte endlich tief ein- und wieder ausatmen. Bestürzt blickte er auf die Fesseln des niedergeschlagenen Mannes.

»Der ist doch außer Gefecht gesetzt«, keuchte er. »Was braucht der meinen teuren Stoff?«

»Bring mir mehr davon!«, forderte Isaak und nickte zum Haus hin, wo auf der Marmortreppe ein Reichtum an farbenprächtigem Seidenband raschelte.

Der Stoffhändler vergaß den Todesschreck der vergangenen Minuten. Jetzt beseelte ihn nur noch die Angst um sein Kapital. Er rannte zur Treppe, um es vor Isaak und dem Wind zu retten.

»Schneller!«, rief Isaak von unten. »Du musst nicht alles aufsammeln. Ein paar Bänder genügen.«

»Hol dir doch feste Stricke aus dem Haus«, versetzte der Stoffhändler, die Arme schon wieder voller Stoff. Doch er kam nicht dazu, das erste Bündel in den Karren zu werfen. Isaak war herbeigeeilt und zerrte so heftig an einem langen türkisgrünen Streifen, dass der Stoffhändler abermals ins Taumeln geriet und einen Teil seiner rasch eingesammelten Ware wieder opfern musste.

Er ließ sich auf die Treppe fallen und brach in Tränen aus, als der Fernhändler unbekümmert den anderen Mann mit prächtiger Seide fest verschnürte.

Nach getanem Werk klopfte Isaak dem untröstlichen Stoffhändler auf die Schulter.

»Nie sind Strolche in feinere Fesseln geschlagen worden«, sagte er begütigend und sah sich nach den arabischen Leibwächtern um. Denen war es endlich gelungen, die Pferde zu bändigen. Gerade noch rechtzeitig, denn jetzt wurde der Baumeister von den beiden Schergen aus dem Haus geschleift. Der Stoffhändler sprang entsetzt zur Seite.

Mit lautem Geheul und erhobenen Krummsäbeln stürzten die Männer des Kalifen auf die Treppe zu. Augenblicklich ließen die Entführer den Baumeister los, zückten ihre Dolche und setzten zum Sprung von der Treppe an. Dabei glitt einer auf einem Bündel safrangelben Seidenbandes aus. Er suchte im Fallen Halt an seinem Kumpanen und riss ihn mit sich die Stufen hinunter. Die Männer des Kalifen ließen ihre Säbel fallen, fingen die Herunterstürzenden geschickt auf und schlugen mit den Fäusten auf sie ein, bevor sie sich erheben konnten. Eingedenk Isaaks Auftrags »wenn möglich, ohne folgenreiches ­Töten« packten sie die ihnen zugeflogene menschliche Beute mit den herumflatternden Stoffstreifen umstandslos und geschwind ein.

Isaak blickte auf die Schergen, die wild an den bunten Bändern zerrten und Verwünschungen ausstießen, die denen des Stoffhändlers in nichts nachstanden.

»Das könnt ihr besser«, sagte er zu den Leibwächtern. »Und stopft ihnen den Mund. Da, der Mann hat noch viel mehr Seide. Nehmt sie euch.«

Der Stoffhändler warf ihm einen tödlichen Blick zu und er dem Mann einen schweren Lederbeutel voller ausgesuchter Halbedelsteine. »Das dürfte dir dein Ungemach mehr als nur vergelten«, sagte er. »Jetzt hör endlich auf zu jammern. Siehst du denn nicht, dass es um Leben und Tod geht?«

Er forderte die Leibwächter auf, die vier Gefesselten so schnell wie möglich in den Ziegenstall zu schaffen. Da traf ihn plötzlich selbst ein Schlag am Kopf. Er taumelte.

»Nein!«, rief der Stoffhändler entsetzt. Er fiel seiner fülligen Begleiterin in den Arm, entriss ihr die Schneiderelle und drückte ihr den Beutel in die Hand. »Du kannst doch unseren Kunden nicht niederschlagen!«

Benommen rieb sich Isaak die Stirn. Mit beiden Händen stützte er sich an einer Stufe ab und blickte hinauf zur immer noch offenen Tür.

»Wo ist Yussuf ibn Yakub?«, brachte er hervor. »Der war doch eben noch hier.«

»Wer?«, fragten der Stoffhändler und die Frau zugleich.

Mit offenem Mund sah Isaak an den beiden über ihn Gebeugten vorbei. Er hatte eine Erscheinung.

Eine wunderschöne sehr junge Frau von hohem Wuchs. Wie aus dem Nichts gekommen, stand sie engelsgleich in einem schlichten weißen Kleid in der Türöffnung. Auf ihrer Stirn prangte unter dem streng zurückgekämmten glatten Schwarzhaar ein feines dunkles Mal wie ein Moschuskorn auf einer Lilienblüte. Es wird wohl der Erdkrumen sein, dachte Isaak, der an ihr haften blieb, nachdem der Himmel sie zu uns Sterblichen hinabgeschickt hat. Aus mandelförmigen Augen, graugrün wie das winterliche Mittelmeer, schaute die Erscheinung auf den Fernhändler, hob die Arme und verkündete mit einer Stimme, die zwar heiser klang, der aber dennoch ein heller Glockenton innewohnte: »Wie gut, dass du gekommen bist, Isaak! Jetzt bring uns schnell von hier fort!«

Auf deinen Schwingen fliege ich überall hin, wollte der Fernhändler sagen und wurde vor Verzückung ohnmächtig.

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