Wie ein rotes Kopftuch zur Entstehung von Gisa Klönnes Roman »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks« führte
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Dienstag, 09. September 2014 von Piper Verlag


Wie ein rotes Kopftuch zur Entstehung von Gisa Klönnes Roman »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks« führte

Kann ein Stück Stoff zur Inspiration für einen Roman werden? Eindeutig ja. Ein rotes Kopftuch stand für Gisa Klönne am Anfang des Romans »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks«. Nachfolgend berichtet die Autorin, welchen Einfluss dieses Symbol auf ihr Buch hatte.

Nach dem Krieg wurde dieses Kopftuch für zwei junge Liebende zum Symbol ihrer Liebe. Ein böser Zufall hatte sie – minderjährig noch - zu Häftlingen des Sowjetischen Speziallagers Nr. 7 im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen gemacht. Als Treueschwur haben sie das Tuch miteinander geteilt, haben die Lagerhaft überlebt und es wieder zusammengefügt. Wer will, kann es unweit von Berlin im Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen besichtigen.

Ein Symbol der Hoffnung

Entdeckt habe ich dieses Tuch jedoch nicht im Museum, sondern bereits als Jugendliche in den 80er Jahren im Haushalt meines Onkels und meiner Tante, bei denen ich damals glücklichste Ferientage verbrachte. Ich weiß noch, wie ehrfürchtig ich dieses Symbol ihrer Liebe bestaunte. Unbegreiflich erschien mir, dass diese beiden so unerschütterlich optimistischen Menschen mit kaum 17 Jahren verhaftet und fünf Jahre lang unter schrecklichsten Bedingungen als zwei von insgesamt 60.000 Häftlingen von den russischen Besatzern in einem ehemaligen Konzentrationslager gefangenen gehalten worden waren.

Was wäre ohne ihre Liebe aus ihnen geworden? Wären sie dann gestorben, wie rund 12.000 ihrer Mithäftlinge, von denen viele wie sie keine Nazi-Verbrecher gewesen sind, sondern eher willkürlich verhaftet oder fälschlich denunziert worden waren? Wären sie lebenslang unglücklich geworden? Verbittert, weil das Unrecht, das ihnen widerfahren war, zu DDR-Zeiten systematisch verschwiegen worden war und auch in der Bundesrepublik kaum thematisiert wurde?

Was wäre wenn?

Mit dieser Frage nahm die Romanhandlung in meinem Kopf Gestalt an und die Geschichte, die ich in »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks« schließlich erzählt habe, wurde zu einer völlig anderen als die des roten Kopftuchs meiner Verwandten. Stattdessen waren Frieda Telling und Arno Rether geboren, die beiden Hauptfiguren dieses Romans: Eine erfolgreiche Astronomin, die alles berechnen will, selbst ihre Gefühle, und ein eher chaotischer Autor von Erotikromanen mit einem Faible für die sinnlichen Seiten des Lebens.

Keiner der beiden glaubt an die große Liebe. Beide interessieren sich nicht für die Vergangenheit ihrer Vorfahren. Doch genau wie reale Menschen agieren meine Romanfiguren nie im luftleeren Raum. Alles, was gewesen ist, prägt uns, davon bin ich überzeugt. Auch wenn wir nichts von der Geschichte unserer Vorfahren wissen (oder wissen wollen) wirkt sie in uns nach – dies bekommen auch Frieda und Arno zu spüren.

Blick ins Buch
Die Wahrscheinlichkeit des GlücksDie Wahrscheinlichkeit des Glücks

Roman

Die Astrophysikerin Frieda Telling glaubt nicht an Schicksal, sie verlässt sich lieber auf ihre Berechnungen. Doch als ihre Tochter Aline am Tag ihrer Verlobung vor ein Auto läuft und ins Koma fällt, wird ihr geordnetes Leben aus den Angeln gehoben. Offenbar hat das Geschenk von Friedas Mutter Aline völlig verstört: ein zerrissenes rotes Halstuch. Kann ein Stück Stoff so viel Macht haben? Gab es eine geheime Liebe im Leben von Friedas Mutter? Um Aline zu retten, muss Frieda über all ihre Schatten springen. Und sich dem Thema Liebe noch einmal ganz neu stellen.
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Henny

In dieser Nacht kommt er zu ihr und er sagt ihren Namen und sie fühlt die Kälte nicht mehr, den Hunger, auch nicht die Angst. Alles, was sie fühlt, ist ihre Hand in der seinen und wie sein Daumen das Grübchen neben ihrem Zeigefinger findet und streichelt, sachte, ganz sachte, damit es nicht kitzelt, also ist er es wirklich und ihre Freude ist unbeschreiblich.

Sie liegt sehr still, wagt kaum zu atmen, lauscht seiner Stimme. Ich liebe dich, du bist mein Leben, mein Alles. Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste, du musst an uns glauben, es gibt eine Zukunft für uns, ich weiß es.

»Ich liebe dich auch! Ich warte auf dich!«

Henny erstarrt. Wie laut sie gesprochen hat, das darf sie doch nicht. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und blinzelt. Kommt da wer, sind das schon Schritte dort draußen? Hat sie ihn verraten?

Unter der Tür kriecht ein Lichtfaden hindurch, zitternd wie Espenlaub. Neben ihr auf dem Kissen glimmt ein rotes Auge. Sie wagt nicht mehr, sich zu rühren, wartet mit rasendem Herzschlag. Wo sind die anderen? Wo sind die Wachen? Haben die sie gehört, werden sie ihn jetzt holen?

Du musst an uns glauben, es gibt eine Zukunft. Atem rasselt, es ist ihr eigener, begreift sie nach einer zeitlosen Weile, sie ist alleine. Wenn du Angst hast, kannst du nichts werden. Wenn du Angst hast, bist du verraten. Wer hat das gesagt, der Vater, die Mutter? Nein, er. Diese unerschütterliche Zuversicht, sein Vertrauen in sie und in sich selbst. Ins Schicksal.

Sie setzt sich auf und tastet mit dem Zeigefinger der linken Hand behutsam nach dem Grübchen. Wie sie gelacht hat, als sein warmer Daumen das entdeckte. Wie er plötzlich ganz ernst wurde und ihre Hand hob, sie küsste.

Warum ist sie allein, sind die anderen tot? Und er, wo ist er? Sie steht auf, vorsichtig, stützt sich mit einer Hand auf die Bettkante. Der Boden ist tückisch, das weiß sie, er foppt sie und buckelt gern wie ein störrisches Pferdchen. Sie zwingt sich, stehen zu bleiben, und fixiert den Lichtstreif so lange, bis er nicht mehr zittert. Das ist gar kein Stein unter ihren Füßen, kein krustiger Lehm, sondern etwas Glattes, Warmes. Linoleum heißt das, plötzlich fällt ihr das ein. Gelbes Linoleum, das sie ihr ins Zimmer geklebt haben, weil es freundlich ausssieht und praktisch ist, einfach durchwischen und fertig, nach jedem Malheur, aber sie fand den Perserteppich trotzdem viel schöner.

Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste. Wieder sein süßer Bariton in ihrem Ohr. Er hat recht, sie muss diesen Schrank finden und das, was sie darin verborgen hat, ihr süßes Geheimnis, ganz hinten, wo sonst keiner hinschaut.

Morgen, hat Frieda gesagt. Morgen ist es so weit. Oder nicht?

Was ist heute und wann ist morgen?

Sie muss das herausfinden, jetzt, unbedingt, sie muss wissen, ob es nicht vielleicht schon zu spät ist. Das rote Auge ist der Rufknopf, auch das fällt ihr jetzt wieder ein. Und hier auf dem Nachttisch steht dieser Kasten, aus dem manchmal Musik kommt. Sie neigt den Kopf. Radio. Wecker. An der Vorderseite leuchten Zeichen. Das erste ist ein Kreis. Daneben ist eine Schlange, was mag die bedeuten? Früher hat sie das gewusst. Früher war wann? Aufpassen, Henny, du musst achtgeben auf dich. Nicht den Rufknopf berühren, nur das Licht. Denn wenn nicht die nette Pflegerin kommt, hast du verloren.

Sie schaltet das Licht ein und zuckt zusammen. Möbel und Bilder springen sie an. Der Wandbehang. Sessel und Tisch vor dem Fenster. Die alte Kommode, über die sie sich immer ärgert, weil sie so schwer aufgeht. Jemand hat ihr ein komisches Ding mit Rädern in den Weg gestellt. Ein schwarzer Stock lehnt daran. Sie schiebt sich vorbei, Zentimeter für Zentimeter. Ihre Fußsohlen schaben. Rtsch. Rtsch. Lustig klingt das. Wenn sie keine Angst hätte, würde sie lachen.

Den Schrank kennt sie nicht, aber das, was darin ist, ist wohl doch ihres, denn es kommt ihr bekannt vor. Sie sinkt auf die Knie und langt hinein. Ein Stapel Tischwäsche quillt in ihren Schoß. Dicker Leinenstoff mit Fransen und schön geklöppelten Borten. Aber das ist nicht, was sie sucht. Sondern was? Es ist da, irgendwo hier ganz in ihrer Nähe, sie weiß es. Es muss einfach da sein. Sie muss es nur finden.

Brottücher sind das, was da vor ihr liegt, die breitet man über den Korb, wenn man die Jause hinaus auf die Felder trägt oder zum Kirchfest. Und hier sind auch die größeren Tücher, die über die Türen gelegt werden und über die Spiegel und Möbel. Wann macht man das noch? Wenn jemand gestorben ist. Alles weiß, alles verhängt, nicht nur in der guten Stube, das ist sehr wichtig.

›Wasch dich oft und kalt, bleibst gesund, wirst alt.‹ Sie kichert, das ist lustig und es reimt sich sogar. Bei einer Hochzeit dürfen die Schmucktücher auch bunt sein. Eine Hochzeit, genau, darum geht es. Eine Hochzeit, eine Liebe. Nur eine große in jedem Leben. Du bist mein Leben, mein Alles. Aline. Aline wird heiraten.

›Wer in Frieden sterben will, der dulde viel und schweige still.‹ Noch so ein Reim, woher ist der gekommen? Buchstaben tanzen vor ihren Augen, während sie weitere Fächer durchwühlt. Was war es gleich, was sie sucht, was war so wichtig? Wenn sie sich nur erinnern würde. Wenn nicht diese grausige Macht jeden Tag etwas anderes verschwinden ließe. Dinge und Zeiten und Menschen.

Du darfst jetzt nicht aufgeben, Liebste. Sie nickt, heftig, ein stummes Versprechen, und dann, endlich, findet sie die Schachtel aus Spanholz, und sie weiß, dass es das ist, was sie gesucht hat, und dass nun alles gut wird.

 

1.

Frieda

Die Illusion war perfekt, im Nachhinein konnte Frieda nicht mehr sagen, wann genau oder wie ihre Tochter überhaupt auf die Bühne gekommen war. Als habe Aline sich aus dem Nichts materialisiert, schritt sie in einer Wolke silbrigen Nebels die Treppe hinab, schmolz in eine Arabesque und sprang im nächsten Moment in einen aberwitzigen und dennoch völlig schwerelosen Luftspagat. Als gäbe es weder physikalische Grenzen noch Gravitation für sie, als wäre sie überhaupt nicht von dieser Welt und könnte tatsächlich fliegen.

Niemand klatschte jetzt noch, niemand hustete mehr. Knapp 2000 Zuschauer waren von einer Sekunde auf die andere völlig in Alines Bann geraten. Doch sie blieb nicht allein, ein weiterer Tänzer erschien jetzt, verharrte, glitt näher. Jan, das also musste er sein, dachte Frieda. Ihr künftiger Schwiegersohn, von dem sie vor zwei Wochen noch nicht einmal etwas gewusst hatte. Auch er war barfuß und seine Haut schimmerte so hell wie Alines. Trotzdem wirkte er keineswegs verletzlich, und seine Sprünge und Pirouetten hatten nichts Selbstvergessenes an sich, sie hatten ein Ziel: Aline zu beeindrucken und zu erobern.

Langsam, unendlich langsam wandte sich Aline zu ihm um und streckte die Arme aus, jede Faser ihres Körpers war nun Verlangen, schien ihrem Partner förmlich entgegenzufließen. Und dann griff er zu, ließ sie an seiner Hand Pirouetten drehen, wirbelte sie auf seine Schulter und zurück auf den Boden, und schon flogen die beiden ein paar schnelle Schrittfolgen lang in vollkommener Harmonie über die Bühne.

Liebe – das große Thema eines jeden Balletts, das einzige vielleicht. Das Werben, die Sehnsucht, die Hoffnung. Etwas stach in Friedas Brust, drückte ihr in die Kehle. Weil dieser Tanz zu zweit so perfekt war? Weil ihre Tochter ihn tanzte, so zuversichtlich und voller Hingabe? Oder weil sein Ende unweigerlich nahte?

In unserer neuen Show prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander und buhlen darum, wer der Stärkere ist, hatte Aline am Telefon geschwärmt. Und Jan und ich, wir haben diesen Auftritt im Gestern, ganz puristisch, fast klassisch. Das ist ein solcher Glücksfall, Mama, dass gerade Jan und ich dieses wichtige Pas de deux tanzen dürfen. Du musst unbedingt zur Premiere kommen, ich hab dir ein Ticket in der besten Reihe reserviert. Jans Eltern sind auch da. Und im Anschluss feiern wir unsere Verlobung.

Wieder hob Jan Aline auf seine Schultern, noch einmal wirbelten die beiden wie ein einziger Körper über die Bühne. Aber etwas in ihrer Energie begann sich zu verändern, ganz allmählich zunächst, nicht dramatisch. Wie in einer in die Jahre gekommenen Ehe wurden die Soli länger und intensiver und den Zusammentreffen danach fehlte die Leidenschaft und die Freude, es ging eher ums Festhalten. Was war das für ein Quatsch, warum dachte sie das? Vielleicht weil Paul in Amerika war. Und weil sie ihn bestärkt hatte dortzubleiben. Und das war auch gut so. Vernünftig. Alles andere wäre Irrsinn. Sie steckte ja selbst mitten in den letzten Vorbereitungen für die Reise nach Chile.

Floh Aline jetzt vor Jan? Fast wirkte es so. In drei langen Sätzen eilte sie ihm voraus, aber er war doch schneller, holte sie wieder ein. So viel blindwütiges Verlangen. So viel Sehnsucht. Einmal vielleicht hatte sie das so erlebt, nicht mit Paul, sondern ganz am Anfang mit Graham. Aber Graham war ihr nicht gefolgt, als sie gehen musste. Sie hatte Aline bekommen, allein, ohne ihn, ihre Tochter, die sich nun ein weiteres Mal aus Jans Armen befreite und lossprang. Und diesmal landete Aline nicht wieder auf den Füßen, sondern flog in die Höhe, stetig und unaufhaltsam. Fort von Jan, immer höher und höher. Ein Stahlseil, das beinahe perfekt kaschiert war, zog sie empor, erkannte Frieda. Aber genau in dem Moment, in dem ihre Tochter im Dunkel verschwand, kam es ihr plötzlich so vor, als habe es diese Hilfskonstruktion vielleicht doch nicht gegeben, ja, als habe sie eben überhaupt nicht die erwachsene Aline bewundert, sondern das Mädchen, das sie einmal gewesen war. Ihre kleine, vollkommene Tochter, wie sie in diesen glückstaumeligen Sommernächten im kretischen Idagebirge barfuß um die Kuppel des Skinakas-Observatoriums gehüpft war, mit weit ausgebreiteten Armen und leuchtenden Augen. Ich fliege, Mama! Ich fliege direkt in den Himmel zu deinen Sternen! Ich kann das wirklich! Siehst du? Siehst du?

Der Applaus riss Frieda zurück in die Gegenwart, wummernde Beats und Lichtorgeln leiteten die nächste Shownummer ein, 20, nein, mehr Tänzer und Tänzerinnen stürmten auf die Bühne. Frieda schloss die Augen, versuchte noch einmal Alines Tanz heraufzubeschwören, die Leichtigkeit ihrer Sprünge und ihre Pirouetten, die sich mit jeder Umdrehung mehr nach innen konzentrierten und beschleunigten. Ein junger Stern leuchtet heller und rotiert schneller als ein alter. Für Astronomen ist ein junger Stern deshalb leichter zu beobachten, denn er überstrahlt viele andere. Doch je heller und heißer ein Stern brennt, desto früher vergeht er auch wieder, er zerfrisst sich quasi selbst, seine Energie verpufft vorschnell.

Frieda öffnete die Augen wieder und versuchte sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Hier im Friedrichstadt-Palast strebte man nach immer neuen Rekorden und Superlativen. Aline war Teil einer riesigen Maschinerie im Dienste der Illusion, mit jährlich Hunderttausenden Zuschauern. Wir sind die größte Showtheater-Bühne der Welt – immer wieder hatte Aline das betont, und wie stolz sie darauf war, dazuzugehören. Tänzer von den renommiertesten Ballettschulen und Bühnen der Welt bewarben sich schließlich um einen der Plätze im Ensemble. Und nun, mit dem Pas de deux der heutigen Premiere, war Aline wohl endgültig am Ziel ihrer Träume angekommen, und mit Jan hatte sie einen ebenbürtigen Partner gefunden. Aber musste sie ihn deshalb wirklich gleich heiraten?

Ich fliege, Mama, ich fliege direkt in den Himmel. Wie alt war Aline in jenem ersten Sommer auf Kreta gewesen? Gerade einmal fünf, noch nicht in der Schule. 1995 war das, Frieda hatte ihre Doktorarbeit vollendet, sich habilitiert und die Chance erhalten, beim Aufbau des Skinakas-Observatoriums mitzuwirken. Und dann hatten Mayor und Queloz den ersten Planeten außerhalb des Sonnensystems entdeckt: 51 Pegasi b – ein Meilenstein in der Astronomie, Frieda war elektrisiert gewesen. Denn dieser Gasball, der etwa 50 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt stoisch um seinen Stern kreiste, gab der uralten Suche nach fremdem Leben im All neuen Auftrieb. Fortan galten Forscher, die daran glaubten, dass sich irgendwo in den unendlichen Tiefen des Universums der Schlüssel zum Leben, ja womöglich sogar ganze Planetenverbände wie das Sonnensystem und eine zweite Erde verbargen, nicht mehr als von Science-Fiction-Fantasien verblendete Spinner.

Natürlich war das Teleskop auf Kreta zu schwach gewesen, um die Beobachtung der beiden Schweizer Astronomen nachzuvollziehen. Aber sie konnte das Sternbild des Pegasus klar erkennen, sogar mit bloßen Augen, und den Stern 51 Pegasi, um den der neu entdeckte Planet seine Bahn zog. Und mit jeder Stunde in der sie den Nachthimmel studierte, wuchs ihre Überzeugung, dass 51 Pegasi b unmöglich der einzige extrasolare Planet sein konnte, und dass sie dazu beitragen würde, weitere zu finden.

Sommer 1995: Eine wilde Zeit war das gewesen, eine Art Taumel. Sie war – wie damals fast immer – die einzige Frau im Forschungsteam und die einzige Deutsche und sie brachte Aline mit, aber nach ein paar Tagen beruhigten sich die Gemüter. Denn sie konnte schneller programmieren als die anderen, und ihre Berechnungen und Theorien stimmten. Außerdem erlagen die Kollegen allesamt Alines Charme, was Aline hemmungslos ausnutzte. Nie fehlte es ihr an Gesellschaft zum Spielen und Malen, wenn Frieda selbst keine Zeit dafür hatte. Außerdem wich die struppige grau-bunte Katze Kassiopeia, die sich eines Tages zum Forschungsteam gesellt hatte und Dosensardinen und Vanillewaffeln der Marke Papadopoulos fraß, nur selten von Alines Seite.

Sie lebten leicht in diesem ersten Sommer, nach ihren eigenen Regeln. Sie machten die Nächte zum Tag und verschliefen die Mittagshitze in den Steinbaracken, die ihnen als Unterkunft dienten, den Geschmack von Schafskäse, Oliven und süßen, überreifen Tomaten auf der Zunge. Wenn die Hitze unerträglich wurde, fuhren sie in dem klapprigen R4 der Forschungsstation ans Meer und kehrten erfrischt zum Observatorium zurück, wo der Wind manchmal wie ein heißer Föhn blies. Doch in den Nächten vergaßen sie das, dann wandten sie kaum den Blick von den Monitoren ihrer Computer, in denen sich die Bilddaten des Teleskops in Myriaden von Zahlenkolonnen verwandelten. Und Aline schlief unterdessen. Oder sie stand wieder auf und tanzte ihre selbstvergessenen Choreografien, den Blick wie in Trance auf die Sterne gerichtet. Ein exotisches Leben war das gewesen, wohl nicht optimal für ein kleines Mädchen. Aber Aline hatte es nichts ausgemacht, zumindest nicht in diesem ersten Sommer.

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