Wenn Lobbyisten über Leichen gehen: Ein neuer Fall für das OPCOP-Team von Arne Dahl
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Dienstag, 11. März 2014 von Piper Verlag


Wenn Lobbyisten über Leichen gehen: Ein neuer Fall für das OPCOP-Team von Arne Dahl

In »Neid« entführt Dahl in die Welt des politischen Lobbyismus. Dem stetigen Austausch von Wissen und Informationen, zwischen Politik und Konzernen, die Einfluss auf politische Entscheidungen und Gesetzgebungen nehmen wollen. Nicht umsonst gilt der Lobbyismus hinter vorgehaltener Hand bereits als die fünfte Gewalt im Staat.


Dahl erzählt von dieser unbekannten Sphäre stiller Macht, die in den Hinterzimmern des politischen Geschehens ausgeübt wird und in »Neid« zu einem Wechselspiel aus Misstrauen, Korruption, Manipulation und falscher, verhängnisvoller Integritätwird. Mit ihrer kriminellen Energie unterlaufen die Lobbyisten die Politik, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Und sind in letzter Instanz auch dazu bereit über Leichen zu gehen. Um weitere Morde zu verhindern, muss Paul Hjelm die Grenzen der Legalität überschreiten und all seine Prinzipien über Bord werfen.

Doch Dahl wäre nicht Dahl, wenn er nur von den unsichtbaren Kräften schreiben würde, die über die europäische Bevölkerung hinweg politische Entscheidungen beeinflussen. Er erzählt im selben Atemzug auch die Geschichte der Menschen, die Tag für Tag über die A2 von Ost- nach Westeuropa verschleppt und als Bettlersklaven systematisch ausgebeutet werden. Und von Menschenhändlern, die vor den Augen Europas ein Millionengeschäft mit den Bettlersklaven betreiben. 

»Neid« gewährt einen tiefen Einblick in das organisierte Verbrechen, das von seinen weltweiten Netzwerken lebt. Und es zeigt, wie eng kriminelle Kräfte mit politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen kooperieren, die gemeinsam in der Lage sind, einen tödlichen Mechanismus in Bewegung zu setzen. 

Vielleicht verbirgt sich hinter »Neid« mehr Realität, als einem lieb sein kann. Am Ende dieses aufwühlenden, exzellent erdachten Thrillers bleibt die Gewissheit, dass Dahl ein weiteres Mal einen authentischen, großen Thriller geschrieben hat.


Blick ins Buch
NeidNeid

Thriller

Die Sommerhitze lähmt Europa – während das Opcop-Team einem internationalen Menschenhändlerring nachspürt, begegnet Paul Hjelm der attraktiven EU-Kommissarin Marianne Barrière. Die Politikerin hat einen revolutionären Gesetzesvorschlag entworfen, doch sie hat mächtige Gegner, die vor Erpressung ebenso wenig zurückschrecken wie vor Mord. Paul Hjelm sieht keine andere Möglichkeit, als die Grenzen der Legalität zu überschreiten, und schickt seinen Ex-Kollegen Gunnar Nyberg ins Herz der Finsternis ...
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Die Kontaktaufnahme

Den Haag – Amsterdam, 28. Juni

Das grelle Sonnenlicht, das durch die Fenster des Hauptquartiers der Opcop-Gruppe in Den Haag fiel, schien jedes einzelne Staubkorn in Bewegung zu versetzen. Und verursachte merkwürdig fremde Schatten.

Überhaupt war es ein unerwartet einsames Gefühl, durch die Räume der Opcop-Gruppe zu laufen. Es waren dieselben, und doch auch nicht mehr. Dabei war alles wie bisher: die offene Bürolandschaft, die Besprechungsecke, die sie das »Whiteboard« nannten, der Konferenzraum mit dem sakralen Spitznamen »Kathedrale« und Paul Hjelms Chefbüro, mit Blick auf das Großraumbüro und über den Raamweg auf die Innenstadt. Als er in dem leer geräumten Zimmer aus dem Fenster über die Stadt sah, meinte er, die asymmetrischen Konturen des neuen Hauptquartiers von Europol ausmachen zu können, das sich auf der anderen Seite des kleinen Stadtparks Scheveningse Bosjes befand.

Der Umzug war praktisch überstanden, nicht zuletzt, weil sich Teile der Gruppe die ganze Zeit in Amsterdam aufhielten, wegen eines sehr personalintensiven Auftrags. Die Räume standen leer. In der Bürolandschaft, wo in den vergangenen Jahren so viele Gedanken gewälzt worden waren, befand sich kein einziger Computer mehr, kein Stuhl, nicht einmal ein Schreibtisch. Das Whiteboard zeichnete sich jetzt in erster Linie durch seine Abwesenheit aus, die elektronische Whiteboard-Tafel war längst umgehängt worden. Die Kathedrale sah aus, als hätte sie schwere Kriegsschäden zu beklagen. An den Wänden gähnten siebenundzwanzig rechteckige Löcher, in denen einst die Bildschirme der siebenundzwanzig EU-Mitgliedsstaaten angebracht waren, mit deren Repräsentanten die Gruppe in Kontakt stand. Und das Chefbüro war so leer, wie Paul Hjelm sich fühlte.

Allerdings fühlte sich das gut an.

Eine Ära war vorbei. Eine neue würde beginnen. Und sie begann auf die denkbar beste Weise.

Er ging auf den Ausgang zu. Als er sich noch einmal umdrehte, wurde ihm bewusst, dass er diesen Raum vermutlich zum letzten Mal sehen würde. Er verharrte für einen Augenblick und sog die Erinnerung an die wahrscheinlich wichtigsten Jahre seines beruflichen Lebens in sich auf.

Und die einsamsten seines Privatlebens.

Allerdings war das nun auch vorbei. Während er Richtung Amsterdam nach Norden fuhr, steigerte sich seine Vorfreude zu einem fast pubertären Gefühl. Ein Glücksempfinden erfüllte seinen Körper während der fünfzig Kilometer auf der Autobahn, und als er die Ausfahrt mit dem eigenartigen rhythmischen Namen Haarlemmermeer nahm, begann sein Herz in einem anderen Takt zu schlagen. Rhythmischer.

In Haarlemmermeer befindet sich der größte Flughafen Europas, und in Schiphol, direkt am Ankunftsgate, wurde ihm bewusst, dass sein Leben noch einmal neu begann. Die zweite Hälfte seiner Lebensphase läutete sich in dem Augenblick ein, als er sie erblickte. Klein, dunkelhaarig, bescheiden, und trotzdem hatte sie eine Ausstrahlung, die ihn überwältigte, als sie ihn erblickte und ihn anlächelte.

Für beide war es ein Gefühl, als würden sie nach Hause kommen, Paul Hjelm und Kerstin Holm.

Sie hatten nie Schwierigkeiten, miteinander zu sprechen, eher damit aufzuhören. Aber dieses Mal fiel es ihnen schwer, die richtigen Worte zu finden. Jede Aussage hörte sich irgendwie platt an. Deshalb schwiegen sie, bis er ihr Gepäck im Kofferraum verstaut hatte und sie im Auto saßen. Dann erst küssten sie sich. Es war ein langer Kuss.

Dann räusperte sie sich und sagte: »Jorge lässt grüßen und dankt.«

»Wofür denn?« Paul Hjelm lachte auf und startete den Motor.

»Dafür, dass er wieder ein bisschen Chef sein darf.«

Hjelm lachte noch lauter. »Du dagegen bist jetzt alles andere als eine Chefin.«

»Damit komme ich für ein paar Wochen klar«, entgegnete Kerstin Holm und lächelte.

Dann schwiegen sie. Es fühlte sich gut an.

Auf Höhe des Rembrandtparks sagte Kerstin: »Das Ambassade Hotel, oder ...?«

»Herengracht.« Paul nickte. »Eine kleine Suite mit Blick auf den Kanal.«

»Wie feudal!« Kerstin lächelte. »Aber ...?«

»Aber was?«

»Es klang, als hättest du noch ein ›Aber‹ auf der Zunge.«

»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Detektivin zu werden?«

»Also nicht zuerst in die Herengracht, sondern in die Lauriergracht?«

»Hättest du was dagegen? Es ist nur ein paar Hundert Meter vom Hotel entfernt. Bloß kurz vorbeischauen. Dann kannst du das live erleben. Außerdem lernst du unsere Neuen kennen.«

»Wovon der eine verdammt hart arbeitet, wie ich gehört habe.«

»Adrian, ja. Wir sind gerade ungewöhnlich stark auf seine Fähigkeiten angewiesen. Um keine externen Dolmetscher einsetzen zu müssen.«

Kerstin Holm nickte. Sie hatte nichts dagegen. Wie sollte sie das auch? Sie hatte sich nur auf etwas anderes gefreut. Und zwar so schnell wie möglich. Am liebsten in einer extravaganten Badewanne.

In Amsterdam Auto zu fahren war immer ein Wagnis. Es herrschte ein ständiges Verkehrschaos in einem Dschungel aus Einbahnstraßen; wie aus dem Nichts auftauchende Straßenbahnen, Fahrradfahrer, die sämtliche Verkehrsregeln außer Kraft setzten – und dazu die schmalen Straßen entlang der Kanäle, diese vielen Grachten, die kaum voneinander zu unterscheiden waren.

Die Lauriergracht war eine der kürzesten. Und schmalsten. Man konnte ohne Weiteres in seiner Wohnung auf der einen Kanalseite sitzen und in die gegenüberliegende sehen. Zudem befand sich in unmittelbarer Nähe eine Brücke. Bei Bedarf wäre man also innerhalb von Sekunden auf der anderen Kanalseite, um sich dort dem anderen Team anzuschließen, das in einer Wohnung des Hauses gegenüber Position bezogen hatte. Und zwar in der Wohnung, die direkt unter der observierten lag.

Das registrierte Kerstin Holm instinktiv, ehe sie das Gebäude durch einen Seiteneingang betraten und den sträflich falsch geparkten Wagen seinem Schicksal überließen.

Im hochsommerheißen Treppenhaus roch es feucht und leicht nach Schimmel, sie folgte ihrem Lebensgefährten die schmale Treppe aus dem 17. Jahrhundert hinauf bis zu einer Wohnungstür im ersten Stock, auf deren Namensschild »Bezuidenhout« stand. Die alte Frau Bezuidenhout war seit einigen Wochen in einer bedeutend luxuriöseren Wohnung in der Jan Luijkenstraat untergebracht.

Die dreiundachtzigjährige Reederwitwe hätte ihre alte Wohnung nicht wiedererkannt. Sie war übersät mit den unterschiedlichsten Varianten von Überwachungstechnik und Abhörgeräten, die Kerstin Holm gar nicht erst versuchte zu identifizieren. Ihre analytische Energie wurde davon in Anspruch genommen, den kahlköpfigen Mann zu identifizieren, der ausgestreckt auf dem Feldbett lag, das vollkommen unpassend mitten im Wohnzimmer stand. Er trug einen schnurlosen Kopfhörer und riss die Augen auf, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem erwischt. Dann hievte er sich von der schwankenden Pritsche, während Kerstin Holm ihre Aufmerksamkeit zum Fenster richtete. Dort nahm eine sehr große dunkelhäutige Frau ihren Kopf von einem Gerät, das aussah wie ein Teleskop, und sah die Besucher erstaunt an. Dann richtete sie sich auf, lächelte breit und sagte: »Der Chef. Und Kommissarin Holm, nehme ich an?«

»Wir haben uns bisher ja nur digital gesehen«, antwortete Kerstin Holm und streckte ihr die Hand hin. »Corine Bouhaddi, richtig?«

»In ganzer Größe«, sagte Bouhaddi und schüttelte Holms Hand mit einem Händedrück, den man wortwörtlich als eisernen Griff bezeichnen musste.

Sie setzte sich an einen Schreibtisch, auf dem ein halbes Dutzend Monitore und Tastaturen standen. Dem Kahlköpfigen war es mittlerweile gelungen, sich von dem widerspenstigen Feldbett zu erheben, und er kam auf sie zu.

»Adrian Marinescu«, stellte er sich vor, schüttelte Holms Hand und wandte sich dann Paul Hjelm zu. »Chef, verzeihe, wenn es aussah, als hätte ich geschlafen. Das habe ich nicht.«

»Alles in Ordnung«, sagte Hjelm. »Du hast doch auch hart gearbeitet. Im Moment also keine Aktivität?«

Marinescu schüttelte den Kopf und rückte seinen Kopfhörer zurecht, der ihm auf seinem offenbar spiegelglatten Schädel ein bisschen verrutscht war. Dann antwortete er: »Seit gut einer Stunde nichts mehr.«

»Aber das könnte sich jetzt gleich ändern«, erklärte Bouhaddi und betätigte ein paar Tasten. »Deshalb stand ich auch gerade am Teleskop. Jemand, der definitiv wie ein Fahrradkurier aussieht, ist auf dem Weg ins Gebäude.«

Marinescu seufzte und sagte dann: »Ich bin bereit.«

Bouhaddis Finger flogen über die Tastatur, und auf einem der Monitore war zu sehen, wie der Fahrradkurier eine Treppe hinaufging, in seiner großen schwarzen Umhängetasche wühlte und dann an einer Tür klingelte, an der ein winziges Schild mit der Aufschrift »U.M.A.N. Imports« angebracht war. Auf dem benachbarten Monitor erhoben sich zwei feiste Männer aus einem Sofa und knöpften ihre viel zu dicken Jacketts zu. Ein Dritter glitt zwischen ihnen hindurch und drückte sich neben der Eingangstür an die Wand. Einer der Männer sah durch den Türspion, versteckte dann die Pistole hinter seinem Rücken und öffnete mit der Linken die Tür. Er nahm einen wattierten Umschlag im C5-Format in Empfang und quittierte, ebenfalls linkshändig, den Empfang mit einer elektronischen Unterschrift. Der Fahrradkurier sprang mit der für Kuriere typischen Geschwindigkeit die Treppe hinunter, und der Mann an der Tür reichte dem Kleineren den Umschlag, der damit aus dem Bild verschwand. Sofort betätigte Bouhaddi einige Tasten, und aus der Vogelperspektive war zu sehen, wie der Mann sich an einen Schreibtisch mit mehreren Computern setzte. Dann legte er den Umschlag in einen Apparat. Ein Lichtstreifen wanderte darüber, zweimal, und der Mann studierte aufmerksam die Monitore. Erst dann riss er den Umschlag auf und sagte etwas mit tiefer Bassstimme in einer Sprache, die Kerstin Holm an ein grobes Italienisch erinnerte.

Die Übertragung seiner Stimme war relativ schwach, dafür aber war Adrian Marinescus unmittelbar folgende Simultanübersetzung in einem sorgfältig modulierten Ostblockenglisch umso lauter: »Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob die das hinbekommen haben. Ich habe die Skandinavier so satt. Verdammte Geizhälse. Und in Griechenland hat noch nicht einmal mehr die feine Gesellschaft Kohle.«

Danach waren Grunzlaute im zweistimmigen Kanon zu hören, wahrscheinlich Gelächter. Der Mann faltete das Papier aus dem wattierten Umschlag auf und las es. Er nickte, schwieg aber.

»Die agieren sehr wenig auf digitalem Weg oder via Handys«, sagte Bouhaddi. »Wir sind der Ansicht, dass sie so das Abhörrisiko verringern wollen.«

»Aber sie haben keinen Verdacht geschöpft, oder?«, fragte Holm.

»Dafür gibt es keine Anzeichen«, erwiderte Hjelm. »Das scheint eher eine allgemeine Vorsichtsmaßnahme zu sein.«

»Könnte man nicht den Fahrradkurier abfangen?«

»Die Lieferungen gehen auf die unterschiedlichsten und absonderlichsten Weisen vonstatten«, sagte Bouhaddi, »außerdem gibt es hier in Amsterdam eine absurd große Anzahl an Fahrradkurierfirmen. Unser waghalsigster Zug war bisher, dass einer unserer Leute auf der anderen Seite den Kurierfahrer angehalten hat und so den Inhalt des Umschlags fotografieren konnte. Das warst du, Marek, oder?«

Auf einem dritten Bildschirm tauchte Marek Kowalewski auf. Er saß an einem bedeutend kleineren Schreibtisch in einem wesentlich kleineren Raum als dem eleganten Wohnzimmer der Witwe Bezuidenhout. Er schob sein breites, rotes Gesicht in die Kamera und sagte erstaunt: »Mann, seid ihr viele.«

»Ein Ehrengast«, erläuterte Hjelm.

Ein weiteres Gesicht schob sich von der Seite in die Kamera, eine Südländerin, die Kerstin Holm aber nicht kannte. Allerdings vermutete sie, dass es sich um Donatella Bruno handeln musste, die ehemalige Chefin der nationalen Opcop-Einheit in Rom. Sie hatte sich dazu überreden lassen, sich von der meteorologischen Hitze Roms in die professionelle Hitze von Den Haag versetzen zu lassen.

Es folgte eine kurze Begrüßung, bevor Marek erzählte: »Ja, das war ich. Ich habe den Fahrradkurier erwischt, ehe er die Eingangstreppe betreten hat. Also habe ich ihn um die Ecke gezogen, den Umschlag geöffnet und seinen Inhalt fotografiert. Ihr habt Kopien auf euren Rechnern. Danach musste ich den Umschlag wieder sehr sorgfältig verschließen.«

»Wir wissen, dass die Umschläge vor dem Öffnen immer erst geröntgt werden«, sagte Bouhaddi. »Wir wissen allerdings noch nicht, wonach die dabei suchen.«

»Meine größte Befürchtung war«, fuhr Kowalewski fort, »dass der Kurierfahrer das große Zittern bekommt, wenn einer der Fleischschränke die Tür öffnet. Aber es ist alles gut gegangen. Die haben keinen Verdacht geschöpft. Aber das ist keine zukunftsträchtige Vorgehensweise. Viel zu riskant.«

»Hier ist das Dokument«, sagte Bouhaddi und öffnete auf einem vierten Monitor eine Aufnahme. »Es handelt sich um einen Code, wie ihr seht. Unsere Experten sitzen schon seit einer Woche daran, ohne ihn knacken zu können. Er besteht aus zwei Teilen, dies hier scheint ein Fließtext zu sein, und das sieht eher aus wie eine Liste.«

»Und was glaubt ihr, worum es sich dabei handelt?«, fragte Holm und betrachtete die handschriftlichen Buchstabencodes.

»Vermutlich handelt es sich um Lageberichte der verschiedenen Niederlassungen in ganz Europa«, erklärte Hjelm. »Ereignisse, Probleme, Einnahmen und natürlich Neuzugänge – die expandieren ja in einer erschreckenden Geschwindigkeit. Vielleicht geht es auch um ein operatives Geschäft.«

»Ich begreife nach wie vor nicht, wie man so viel Geld mit Bettlern verdienen kann«, sagte Kerstin Holm aufrichtig erschüttert.

»Doch, das kann man tatsächlich«, bestätigte Donatella Bruno. »In den katholischen Ländern sind wir mildtätiger, und anders als zum Beispiel in Skandinavien erledigen wir unsere Geschäfte am liebsten noch mit Bargeld.«

»Dann liegt es also doch nicht daran, dass wir Skandinavier so ›verdammte Geizhälse‹ sind?«, warf Hjelm mit stilistisch einwandfreier Selbstironie ein.

»Das liegt eher an eurer tadellosen lutherischen Arbeitsmoral«, entgegnete Kowalewski mit einer wesentlich neutraleren Form der Ironie.

»Auf der anderen Seite«, fuhr Donatella Bruno fort, »haben wir wahrscheinlich zum ersten Mal belastbare Indizien für eine Verbindung der Bettelmafia zu einem großen Menschenhändlerring. Und vielleicht sogar zum organisierten Verbrechen.«

»Allerdings wissen wir bisher noch nichts Genaues«, warf Hjelm ein, »und darum sitzen wir hier auch.«

»Wenn ich der Chef wäre«, sagte Corine Bouhaddi mit einem lieblichen Lächeln, »wäre ich ein bisschen vorsichtig mit dem Wörtchen ›wir‹.«

Kerstin Holm musste zu ihrer eigenen Überraschung laut auflachen. Sie versuchte ihren Fauxpas schnell mit einer Frage vergessen zu machen. »Und diese Männer kommen aus Rumänien?«

»Ja, Bukarester Dialekt.« Adrian Marinescu nickte. »Und die Bettler sind auch fast ausnahmslos Rumänen. Vermutlich Roma. Musiker und mehr oder weniger behinderte Roma. Die gibt es zurzeit in jeder europäischen Großstadt. Wir sprechen da von Zehntausenden versklavten Menschen.«

»Roma aus Rumänien«, sagte Holm.

»Ich weiß, was du denkst«, entgegnete Marinescu etwas aufgebracht, »aber wir dürfen nicht vergessen, dass innerhalb Europas in Rumänien mit Abstand die meisten Angehörigen dieser Ethnie leben. Allerdings hängt das davon ab, ob wir die Türkei zu Europa zählen oder nicht. Laut Präsident Ba˘sescu sind es rund eineinhalb Millionen Menschen. Es ist nicht so, dass wir besonders stark rassistisch wären.«

»Wir lassen diese Frage vorerst ruhen«, sagte Hjelm vermittelnd. »Wir müssen los.«

»Hat die Konferenz schon angefangen?«, fragte Bouhaddi.

»Nein«, antwortete Hjelm. »Aber heute Abend findet zum Auftakt ein Bankett hier in Amsterdam statt.«

»Wir übernachten im Hotel«, sagte Holm. »Wahrscheinlich hat euer Chef seine Junggesellenbude seit Monaten nicht aufgeräumt.«

»Konferenz?«, wiederholte Marinescu, der sich wieder beruhigt hatte. »Verzeiht, ich bin hier zwei Wochen vollkommen isoliert gewesen ...«

Paul Hjelm erläuterte: »Vor der offiziellen Einweihung des neuen Hauptquartiers von Europol findet eine dreitägige Konferenz in besagtem Hauptquartier statt, die European Police Chiefs Convention. Sie endet mit der Einweihung am 1. Juli, und dann darf auch die Opcop-Gruppe dazustoßen, also diejenigen von euch, die nicht hier sitzen werden.«

Sie verabschiedeten sich. Als sie auf die Straße traten, sahen sie den Strafzettel hinter dem Scheibenwischer stecken. Paul Hjelm warf ihn ins Handschuhfach, in dem Kerstin Holm eine ganze Reihe ähnlicher Papiere ausmachte.

»Amsterdam«, sagte Hjelm nur und gab Gas.

Die Herengracht befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Es war nur eine sehr kurze Fahrt, und zu Kerstin Holms großen Überraschung fanden sie sogar einen Parkplatz in der Nähe. Ihnen wurde ihr Zimmer zugewiesen, tatsächlich eine kleine, sehr geschmackvoll eingerichtete Suite mit mehreren Fenstern und Blick auf die Herengracht. Sie umarmten einander leidenschaftlich, ohne vorher die schweren Gardinen zuzuziehen. Während die Kleidungsstücke zu Boden fielen, fragte Kerstin Holm: »Was hältst du von einem Bad?«

»Sehr gerne«, antwortete Paul Hjelm.

 

 

Dänisches Tagebuch 1

Chicago, 9. Mai

Energiedichte.

Reichweite.

Ladezeiten.

Umwelteinfluss.

Seit zehn Jahren dreht sich mein Leben beständig um diese Begriffe. Um nichts anderes. Damit diese einzigartige Effektivität erzielt werden kann, die plötzlich alles freisetzt und alle Bedingungen von Grund auf verändert.

Bisher ist das unmöglich gewesen. Bisher hat es nur Theorien darüber gegeben. Aber jetzt sehen wir Licht am Horizont, und zwar aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig, das hat mir diese Konferenz gezeigt. Aber ich habe noch etwas anderes erkannt, daher schreibe ich auch diese Zeilen – obwohl ich sonst nie schreibe. Ich hatte ein merkwürdiges, beunruhigendes Erlebnis. Ich werde später darauf zurückkommen, »liebes Tagebuch«.

Konferenzen dieser Art sind, ehrlich gesagt, total nutzlos. Man hält seine Zunge im Zaum, spricht nur so viel, wie man muss, hört seiner Konkurrenz zu, die sich ebenfalls bedeckt hält, man versucht, die Bedeutung hinter den Worten auszumachen und den unvermeidlichen Augenblick nicht zu verpassen, in dem der andere sich verplappert. Spitzenforschung, eingehüllt in nichtssagende Floskeln bei grotesker Wachsamkeit.

In gewisser Hinsicht ist die Konferenz in Chicago genau so abgelaufen. Die verschiedensten Forschungsgruppen haben wie Habichte über ihre Worte gewacht. Aber die Stimmung war anders als sonst, der Geist der Konferenz. Es herrschte nahezu Erfindergeist wie in alten Zeiten. Wie in einem alten Dampfkochtopf. Der Druck steigt, die Temperatur ebenfalls, die Kochzeit halbiert sich, und wenn alles fertig ist, wird das kleine Ventil geöffnet, und aus ihm entweicht zischend Dampf, der heißer ist als gewöhnlicher.

Es scheint, als würden alle auf dieses Zischen warten.

Als könnte es jeder Beliebige von uns erzeugen.

Wir sind wie immer Außenseiter. Hier sind Forscher von den großen amerikanischen Universitäten und zum Teil auch von kleineren Instituten aus aller Welt. Aber die Gesandten der kleineren Universitäten kommen, um zu lernen, und die der großen arbeiten ganz bestimmt nicht frei und selbstständig. Die haben ihre etablierten Geschäftspartner in der Auto- und Ölindustrie. Und die allermeisten Anwesenden sind natürlich Forscher, die für Unternehmen mit rein kommerziellen Interessen arbeiten. Virpi und ich haben gestern beim Abendessen festgestellt, dass wir unter den größeren Akteuren wahrscheinlich die einzigen unabhängigen sind.

Aber so sieht die Welt von heute nun einmal aus.

Und niemand rechnet mit uns. Das ist ganz angenehm, vor allem im Hinblick auf Jovans Nachricht von heute Morgen. Ich wäre am liebsten ins erstbeste Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen.

Das ist nur ein weiterer Grund, warum ich dies hier schreibe. Aber der Hauptgrund ist ein anderer. Ich bin gezwungen, noch darauf zurückzukommen.

Dennoch ist es spannend, von den Fortschritten der anderen zu erfahren. Tesla Motors scheint nach wie vor führend in der Fahrzeugentwicklung zu sein, IBM setzt weiterhin heldenhaft auf die Lithium-Luft-Akkumulatoren, und Envia Systems scheint kurz vor einem Durchbruch bei den guten alten Lithium-Ionen-Akkumulatoren zu stehen. Und doch hat die Forschergruppe vom MIT die meiste Aufmerksamkeit für ihre »semi-solid flow cell« erhalten. Während des Vortrags der Vertreter vom Massachusetts Institute of Technology, dem MIT, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt: Da habt ihr aber erst die Hälfte des Weges hinter euch.

Wie die Gruppe vom MIT haben auch wir die beiden grundlegenden Funktionen der Batterie voneinander getrennt: das Speichern der Energie, bis sie benötigt wird, und das Freisetzen der Energie, wenn sie eingesetzt werden soll. Und auch unser größtes Hindernis dabei war natürlich die Lagerung. Es fehlte die durchschlagende Idee. Aber nun wird man hoffentlich in naher Zukunft ein Elektroauto nicht mehr langwierig aufladen müssen – was die allermeisten Forscher weiterhin hartnäckig verfolgen –, sondern die entladene Batterieflüssigkeit an jeder beliebigen Tankstelle gegen geladene austauschen können. Die entladene Flüssigkeit wird unterdessen wieder aufgeladen, chemisch, ohne Stromverbrauch, nur mit Restprodukten. Ganz umweltfreundlich. Dann kann sie wieder getankt werden.

Jovans Nachricht heute Morgen war zwar nicht gerade die durchschlagende Idee, aber wir kommen voran. Bald wird das Lagerungsproblem aus der Welt sein.

Ich bin nicht stolz darauf, muss aber zugeben, dass ich dem Vortrag der Leute vom MIT mit so etwas wie Schadenfreude zugehört habe.

Als hätte es dieser Journalist mir angesehen – direkt nach dem Vortrag kam der auf mich zugeschossen. Es war eher eine Attacke. Ich habe ihn sofort nach seiner Akkreditierung gefragt. Er hielt mir etwas unter die Nase, aber das ging so schnell, dass ich keinen Buchstaben lesen konnte. Und dann kamen seine Fragen, Schlag auf Schlag. Wie weit eigentlich das gesamteuropäische Projekt gediehen sei? Wie nah wir am Ziel seien? Ob wir der Ansicht seien, dass die mit Benzin betriebenen Autos bald ausgedient hätten? Und wann das denn so weit sei?

Und dann hat er tatsächlich folgende Frage gestellt: Warum der Professor so ironisch gelächelt habe, während die Vertreter des hochkarätigen MIT ihren Vortrag gehalten hätten? Und er fügte noch hinzu: »Worum ist es in dem Telefonat gegangen, das der Herr Professor beim Frühstück geführt hat?«

Ich empfinde mich als einen ungewöhnlich rationalen Menschen. Dennoch ist es mir unmöglich, die Kräfte zu erklären, die mich dazu gebracht haben, nach seiner Akkreditierung zu greifen, die ihm um den Hals hing. Ich wollte unbedingt sehen, wie er hieß, wer diese Person war. Seine Reaktion war, gelinde gesagt, ungehobelt. Hatte ich zwar mit großer Kraft, aber unüberlegt gehandelt, so reagierte er mit noch größerer Kraft und äußerst überlegt. Die Kraft, mit der er mir seine Plastikkarte aus der Hand riss, passte nicht zu einem normalen Wissenschaftsjournalisten, das kann ich versichern.

Ich hatte keine Gelegenheit, seinen Namen zu lesen. Aber wenn ich mir jetzt im Hotelzimmer den Schnitt in meiner Handfläche ansehe, sagt der mehr als jeder Name. Das Blut, das mir über den Handrücken heruntertropfte, hat mich dazu gebracht, dieses Tagebuch zu schreiben. Unter einem bestimmten Gesichtspunkt war das nicht mehr als ein unbedeutendes Ereignis während einer medial aufgeladenen Energiekonferenz. Vor einem anderen Hintergrund betrachtet, scheint es mir, dass es nicht länger ausschließlich um Energiedichte, Reichweite, Ladezeiten und Umwelteinfluss geht. Hier geht es um die Zukunft, und das setzt ganz andere Kräfte in Bewegung.

Es ist durchaus möglich, dass ich übertreibe. Es ist sogar äußerst wahrscheinlich, dass es sich bei diesem Mann nur um einen Wissenschaftsjournalisten handelte, der dachte, er hätte einen riesigen Fisch am Haken, und der deshalb übereifrig war. Aber ich weiß es eben nicht. Meine Gefühle sind gemischt. Einerseits freue ich mich darauf, unsere Arbeit zu Hause fortzusetzen; wir sind kurz vor dem Ziel.

Andererseits habe ich tatsächlich ein bisschen – Angst.

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