Wenn Eltern sich trennen
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Montag, 03. Februar 2014 von Piper Verlag


Wenn Eltern sich trennen

Autorin Monika Czernin über Trennungsfamilien und glückliche Scheidungskinder.


    Blick ins Buch
    Glückliche ScheidungskinderGlückliche Scheidungskinder

    Was Kinder nach der Trennung brauchen

    Doch, es ist möglich: glückliche Scheidungskinder. Das ist die ebenso klare wie wichtige Botschaft von Remo Largo und Monika Czernin: Auch nach einer Trennung können die Eltern gut für das Wohl ihrer Kinder sorgen und sie für die Herausforderungen des Lebens stärken. Im Mittelpunkt des Buches steht dabei der Leitgedanke einer »unkündbaren Elternschaft«. Ob getrennt oder zusammen, alleinerziehend oder in einer Patchworkfamilie. Wie eine solche unkündbare Elternschaft gelingen kann, zeigt dieses Buch.
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    Einleitung

    Es war an einem verregneten Sonntag in Zürich vor zwölf Jahren. Remo Largo und ich wollten eine gemeinsame Lesung über die Entwicklung eines Kindes vom Säugling zum Kleinkind vorbereiten, seinen Erläuterungen über die Besonderheiten der kindlichen Entwicklung sollten meine mütterlichen Reflexionen gegenüberstehen. Videosequenzen über wackelige Krabbelversuche und den Triumph der ersten Schritte wurden gesichtet sowie Dias über die ungebremste Forscherlust von Zweijährigen aus Remos reichem Bilderfundus hervorgekramt. Dann, noch bevor wir uns mit den Einzelheiten des Programms auseinandersetzen konnten, platzte es in einer Mischung aus Verzweiflung und eiserner Haltung aus mir heraus.

    »Wir haben uns getrennt!«

    Ich hatte mir vorgenommen, das Gespräch auf meine persönliche Situation zu lenken – allerdings erst nach getaner Arbeit und zu angemessener Zeit. Würde Remo Largo, Entwicklungsspezialist und feinfühliger Kenner der Kinderseele, mir vielleicht sagen können, was nun aus meiner damals dreijährigen Tochter werden wird? Diese Frage lastete schwer auf meinen Schultern.

    »Wenn ihr als Eltern die Bedürfnisse eurer Tochter weiterhin ausreichend abdeckt und es euch selbst nach der Trennung gut geht, wird nichts passieren«, sagte er.

    Meine Tochter war mit nach Zürich gereist. Sie war früh aufgestanden, die ganze Autofahrt über hellwach geblieben und erst kurz vor Zürich eingeschlafen. Wenn sie allerdings einmal schlief, war sie kaum zu wecken, und so hielt ich mein schlummerndes Mädchen im Arm, während ich redete.

    »Du meinst, sie würde keinen Schaden nehmen, wenn wir uns trennten und schließlich auch scheiden lassen würden?« Ich war einigermaßen erstaunt. »Wahrscheinlich meinst du, der Schaden ließe sich begrenzen, könnte – gemessen an dem Schaden, den unglückliche, sich ewig streitende Eheleute anrichten – vielleicht sogar das kleinere Übel sein? Aber kein Schaden?«

    »Trennung und Scheidung sind für die Eltern sehr schmerzhafte Erfahrungen. Aber für das Kind muss eine Trennung nicht zu einer unvermeidlichen und vor allem langfristigen Tragödie werden. Im besten Fall wird das Kind in seinem Wohlbefinden gar nicht oder nur vorübergehend beeinträchtigt. Es erlebt die Trennung dann als negativ, wenn es nicht mehr ausreichend betreut wird, seine Grundbedürfnisse nicht mehr wie bisher befriedigt werden oder das Kind unter den negativen Gefühlen und dem Streit zwischen den Eltern leidet.«

    Das saß. Ich hatte schon etliche Bücher zum Thema durchgepflügt, mich auf mein Wissen als Pädagogin konzentriert, aber eine derart radikale Antwort hatte ich bisher nicht gefunden. Stattdessen wurden Schuldgefühle geschürt. »Scheidungskinder machen in der Schule Schwierigkeiten.« »Sie verlieren einen Elternteil und dann auch noch den anderen, wenn er sich wieder verliebt.« »Sie wollen um jeden Preis, dass ihre Eltern wieder zusammenfinden.« »Als Erwachsene sind sie weniger bindungsfähig.« Und nun also das: kein bleibendes Trauma? Keine Kindheit zweiter Klasse? Sondern eine Kindheit wie jede andere? Möglicherweise sogar eine glückliche Kindheit? Darüber wollte ich mehr erfahren, herausfinden, worauf es dabei ankommt, und diese Erfahrungen schließlich mit anderen Menschen teilen. Zwei Jahre lang führten Remo Largo und ich damals Gespräche über die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die Kinder und entwickelten dabei unsere Vorstellungen, die wir zu Papier gebracht und für das Buch aus Überzeugung den Titel »Glückliche Scheidungskinder« gewählt haben.

    Oft half mir Remo während dieser Zeit, »das Problem Trennung« richtig zu analysieren, falsche Schuldgefühle zu zerstreuen und den Blick für die tatsächliche Verantwortung meinem Kind gegenüber zu stärken. Einmal, als ich beruflich verreisen wollte, obwohl meine Tochter mich gerade sehr brauchte, redete er mir derart ins Gewissen, dass ich auf der Stelle einen Bandscheibenvorfall bekam und zu Hause blieb. »Kann es sein, dass du zu wenig Zeit für deine Tochter hast und sie dich deshalb nicht loslassen will? Ich denke nicht, dass die Scheidung daran schuld ist!«

    Das war einer jener Schlüsselsätze. Nicht die Scheidung, nicht die Familienform bestimmt, ob es einem Kind gut geht, sondern ob und wie wir seine Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen. Das ist einerseits die befreiende Nachricht für alle Eltern, die Angst haben, ihre Kinder würden durch Trennung und Scheidung Schaden nehmen. Andererseits fordert dieser Satz die Eltern heraus, die Erziehungsaufgabe, die sie mit der Geburt ihrer Kinder übernommen haben, auch wirklich zu erfüllen – in welcher Familienform sie auch leben.

     

    Die Überarbeitung

    Das ist jetzt zwölf Jahre her, und seitdem hat sich vieles verändert, weshalb wir unser Buch komplett überarbeitet und in eine neue Form gebracht haben. Während wir 2003 mit unserem durchaus provokativen Titel »Glückliche Scheidungskinder« oft aneckten, setzte sich die Sicht, dass Scheidungskinder genauso glücklich aufwachsen können wie Kinder aus sogenannten Kernfamilien, in den folgenden Jahren immer mehr durch. Trennungen sind heute kein Tabu mehr, und Scheidungskinder gibt es in jeder Schulklasse. Vieles von dem, was wir als kindgerechten Weg im Umgang mit Trennung und Scheidung für wichtig halten, wird heute von Erziehungsberatungsstellen und Familientherapeuten ähnlich gesehen. So herrscht Einigkeit darüber, dass die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern nach der Trennung entscheidend dafür ist, ob die Kinder mit der neuen Lebenssituation zurechtkommen oder nicht. Andererseits bleibt gerade die Trennung der Paar- von der Elternebene für viele Mütter und Väter eine große und oftmals schwierige Herausforderung.

    Mit der Überarbeitung des Buches wollen wir auch dem sozialen Umbruch, der in unserer Gesellschaft gegenwärtig stattfindet, Rechnung tragen. Dabei geht es in erster Linie um die neuen Formen des familiären Zusammenlebens. 2011 bestanden in Deutschland 20 Prozent der Familien aus einem alleinerziehenden Elternteil mit Kind oder Kindern, 15 Jahre zuvor waren es noch 14 Prozent (Familienreport 2012). 2012 kamen in der Schweiz 82164 Kinder auf die Welt; 14268 waren Kinder lediger Mütter (17,5 Prozent). Immer mehr Paare entscheiden sich bewusst dafür, nicht zu heiraten und trotzdem eine Familie zu gründen. Diese und andere neue Formen des Zusammenlebens bekräftigen uns in der Grundhaltung, die wir bereits in der Erstausgabe dieses Buches eingenommen haben: Entscheidend für das Kindeswohl ist nicht die Familienform, sondern die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen.

    Auch die gesellschaftlichen Institutionen haben auf die neue familiäre Wirklichkeit reagiert, und ein ganzes Heer von Hilfs- und Beratungseinrichtungen ist entstanden. Das Bewusstsein, dass Trennung und Scheidung nicht nur das Paar, sondern vor allem deren Kinder betrifft, ist gewachsen, das Kindeswohl ist zu einem großen Wort geworden. Nur – und das ist der zweite Grund für diese Neubearbeitung – ist deshalb schon alles gut? Werden die Kinder mit ihren Bedürfnissen stärker berücksichtigt? Zwar richtet sich heute der Blick öfter auf die Kinder, doch was genau sie für ihr Wohl wirklich brauchen, scheint nach wie vor unklar zu sein. Wie erleben die Kinder den Alltag in Trennungs- und Scheidungsfamilien? Wie viele pendeln zwischen ihren Eltern hin und her, und unter welchen Umständen ist das Pendeln für die Kinder tragbar, wann hingegen eine zu große Belastung? Wie lebt es sich in so komplexen sozialen Gebilden wie der Patchworkfamilie? Was an der neuen Familienwelt ist wirklich kindgerecht und was nur elterngemäß? Wie sehr erschweren die ungünstigen Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Wirtschaft Eltern in ausreichendem Maße für ihr Kind zu sorgen?

    Wie bereits bei der ersten Ausgabe des Buches stellte sich auch bei der Überarbeitung immer wieder heraus, dass viele der angesprochenen Probleme nicht spezifische Scheidungsprobleme sind, sondern auch die sogenannten Normalfamilien belasten und zu den »großen« Problemen und Ungereimtheiten unserer Zeit gehören. Allen voran das Thema Zeit, Zeit für Kinder, Zeit für Familie, Zeit für individuelle Bedürfnisse und Interessen. Zeit ist zu einem der kostbarsten Güter geworden, die Eltern ihren Kindern geben können.

     

    Der Aufbau des Buches

    Das Buch besteht aus sechs überarbeiteten Teilen. Jeder Teil kann für sich gelesen werden. In Teil 1 geht es um die Zeit vor und nach der Trennung. Alle Eltern fragen sich, wie sie ihren Kindern die Trennung erklären sollen. Worauf kommt es dabei an, und was davon verstehen Kinder überhaupt? In welchem Alter reagieren sie besonders empfindlich und warum? Ausführlich wird auf eine vorausschauende, möglichst bereits vor der Trennung vorgenommene, umsichtige Planung und Organisation des Kinderlebens, insbesondere der zukünftigen Kinderbetreuung, hingewiesen.

    In Teil 2 befassen wir uns mit dem Alltag nach der Trennung. Wer wohnt wo, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Kind? Woran erkennen wir, ob es ihm gut geht, und woher wissen wir, ob es mit der neuen Lebenssituation zurechtkommt? Welche Herausforderungen haben die Eltern nach der Trennung zu meistern? Wie kann man als Paar getrennt leben, aber dennoch als Eltern die Kinder gemeinsam erziehen?

    Teil 3 widmet sich den Gefühlen und Emotionen aller Beteiligten. Hier versuchen wir zu klären, warum Streit für Kinder so schädlich ist, was Kinder in hochkonflikthaften Fällen durchleiden und wie Eltern trotz großer Schwierigkeiten zu einer konstruktiven gemeinsamen Haltung finden können.

    In Teil 4 wenden wir uns der Vielfalt des Zusammenlebens zu. Ob Stief- oder Patchworkfamilie, Living-apart-together- oder Einelternfamilie: Die Familie muss sich wandeln, Stief- und Halbgeschwister müssen integriert und der anspruchsvolle Alltag gemeistert werden – eine große Herausforderung für alle.

    Teil 5 beschäftigt sich mit der Frage, was aus Scheidungskindern wird, wenn sie erwachsen werden. Wie wirken sich die oftmals Jahre zurückliegende Trennung und Scheidung auf ihre Beziehungsfähigkeit aus? Welche Erwartungen und Befürchtungen haben sie bezüglich Partnerschaft und Elternschaft?

    In Teil 6 werfen wir einen Blick auf den Wandel, den die Familie in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, und fragen uns, welche Auswirkungen dieser Wandel auf Eltern und Kinder hat und in Zukunft haben wird. Gesetzgeber, Gerichte und Fürsorgestellen haben sich in den letzten Jahren sehr bemüht, Anpassungen – beispielsweise beim gemeinsamen Sorgerecht – an die veränderten Lebensweisen vorzunehmen. Die familienergänzende Kinderbetreuung hat weiter an Bedeutung gewonnen. Uns geht es bei den ganzen gesellschaftlichen Veränderungen darum, die Elternschaft als eine unkündbare Verpflichtung fest im Bewusstsein aller zu verankern.

    In allen Teilen des Buches begegnen wir Kindern und ihren Eltern, Stiefeltern, Großeltern und Geschwistern. Anna zum Beispiel. Die Geschichte des Mädchens, ihrer Mutter Valerie und ihres Vaters bildet den roten Faden des Buches. Valerie ist bestimmt keine perfekte Mutter. Ihre Lebensumstände sind glücklich und ihre Beziehung zu Anna innig. Ihre größte Stärke liegt darin, dass sie Anna gut »lesen« kann. Die beiden schaffen es immer wieder, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Mit Anna und ihren Eltern wollen wir einen positiven Verlauf von Trennung und Scheidung nachvollziehbar machen. Dazwischen gibt es viele andere Lebensgeschichten von Kindern und den dazugehörigen Erwachsenen. Manche dramatisch, andere haben wir wegen ihrer aufschlussreichen Details ausgewählt. Wir haben uns bemüht, die ganze Breite der Lebenswirklichkeiten von Scheidungskindern abzubilden. Alle Geschichten basieren auf Interviews, den Ergebnissen diverser empirischer Studien, Forschungsarbeiten und unseren eigenen Erfahrungen. All jenen, die uns Einblick in ihr Leben gewährt haben, danken wir an dieser Stelle.

    In der Überzeugung, dass jedes Kind einmalig ist und jede Lebenssituation nur aus sich heraus beurteilt werden kann, versuchen wir verallgemeinernde Ratschläge zu vermeiden. Stattdessen haben wir uns einer dialogischen Wahrheitssuche verschrieben, die unsere persönlichen Auffassungen und Erfahrungen mit Kindern und Scheidungskindern am besten wiedergibt.

    Durch unseren Ansatz entsteht – so hoffen wir – ein korrigiertes Bild der Lebenswirklichkeit von Scheidungskindern, ein besseres Verständnis der Kinder und neue Handlungsmöglichkeiten für Eltern, Großeltern, Kindergärtner, Lehrer, Fachleute und Anwälte. Wir beide, Remo Largo und Monika Czernin, sind überzeugt, dass Kinder auch als Trennungs- und Scheidungskinder glücklich aufwachsen können. Ihre Bedürfnisse nach Geborgenheit, sozialer Anerkennung und Entwicklung wahrzunehmen und zu erfüllen ist nicht eine Frage des Familienmodells, sondern der Beziehungsbereitschaft und Erziehungshaltung der für sie verantwortlichen Erwachsenen. Deshalb heißt der Schlüssel zu einem glücklichen Aufwachsen nicht: Scheidung ja oder nein?, sondern: Wie können wir als verheiratete oder geschiedene Eltern das Verhalten unserer Kinder richtig lesen und auf ihre Bedürfnisse angemessen eingehen.

    Niemand kann über ein solch anspruchsvolles und vielschichtiges Thema wie »Scheidungskinder« schreiben, ohne seine ganz persönlichen Erfahrungen und Werthaltungen in die Texte einfließen zu lassen. Bei Monika Czernin liegt die Scheidung zwölf, bei Remo Largo 28 Jahre zurück. Unsere Kinder sind als Scheidungskinder großgeworden. In einem Nachwort geben wir den Lesern und Leserinnen Einblick in unser eigenes bisheriges Familienleben.

     

    Unser Anliegen

    Die Grundaussage der Erstausgabe haben wir vollumfänglich übernommen: Nur die Eltern können es richten. Darauf werden wir in diesem Buch immer wieder zurückkommen. Wir möchten die Eltern im Umgang mit ihren Kindern möglichst kompetent machen. Unser erstes Anliegen, das auf dem Fit-Konzept (Largo 1999) beruht, geht von folgender Annahme aus: Damit sich ein Kind gut entwickeln kann, müssen seine drei Grundbedürfnisse ausreichend befriedigt werden:

    Geborgenheit: Jedes Kind will sich geborgen fühlen. Dazu braucht es vertraute und verfügbare Bezugspersonen. Die bedingungslose Bindung des Kindes an seine Eltern und andere Bezugspersonen sorgt für jene emotionale Sicherheit, die für sein Wohlbefinden und seine Entwicklung notwendig ist. Eltern und Bezugspersonen sollen dem Kind auch nach Trennung und Scheidung möglichst erhalten bleiben, dann wird es sich auch weiterhin geborgen fühlen.

    Soziale Anerkennung: Mit seinen sozialen Kompetenzen, seinem Wesen und seinen Begabungen erobert sich das Kind einen Platz in der Gemeinschaft der anderen Kinder. Von diesen angenommen, wegen seiner Fähigkeiten und seinem sozialen Wesen geschätzt zu werden, wird für jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr immer wichtiger. Gleichaltrige und Freunde sind von elementarer Bedeutung. Bei Trennung und Scheidung sollten seine Beziehungen zu den Gleichaltrigen möglichst erhalten bleiben.

    Entwicklung: Jedes Kind hat einen genuinen Drang, seine Fähigkeiten möglichst gut auszubilden. Ihm die einzelnen Entwicklungsschritte zu ermöglichen ist die Aufgabe der Eltern, der Schule und der Gesellschaft. Trennung und Scheidung sollten sich als emotionale Krisen auf die Entwicklung und Leistungsbereitschaft des Kindes möglichst wenig auswirken.

     

    Die wohl größte Herausforderung in Betreuung und Erziehung besteht darin, dass jeder dieser drei Lebensbereiche von Kind zu Kind und je nach Alter unterschiedlich bedeutungsvoll ist. Es gibt richtige Mama-Kinder. Sie hängen noch beim Schuleintritt am Rockzipfel der Mutter. Andere Kinder hingegen gleiten schon mit drei Jahren ihrer Mutter immer wieder von der Hand, weil sie emotional bereits etwas unabhängiger sind. Manche Kinder brauchen ausgedehnte Kontakte zu anderen Kindern, andere wiederum können gut allein spielen. Im Schulalter ziehen einige Kinder ihre Befriedigung vor allem aus ihren schulischen und sportlichen Leistungen, andere lesen gern Bücher, können stundenlang für sich die Welt erforschen und sind wenig auf die Bestätigung durch ihre soziale Umwelt angewiesen. Wieder andere suchen vor allem Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich und tauschen sich rege mit Freunden und Gleichaltrigen aus.

    Erwachsene, Eltern, Erzieherinnen, Lehrerinnen und Fachleute im Sozialwesen sollten sich um eine möglichst gute Übereinstimmung zwischen den individuellen Bedürfnissen und Entwicklungseigenheiten des Kindes und seinem Umfeld bemühen. Wenn es dem Kind in diesen drei Grundbereichen gut geht, fühlt es sich wohl, ist aktiv und kann ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln. In Krisensituationen wie Trennung und Scheidung kann dieses Gefüge ins Wanken geraten, was zu Verhaltensauffälligkeiten sowie körperlichen und psychosomatischen Störungen führen kann. Gelingt es den Erwachsenen auch in für sie schweren Zeiten, ausreichend auf die Grundbedürfnisse des Kindes einzugehen, wird es die Trennung und die Zeit danach ohne größere Verunsicherung und Beeinträchtigung seiner Entwicklung überstehen.

    Unser zweites Anliegen ist es, Eltern deutlich zu machen, dass sie schon im Vorfeld der Trennung ihr Kind in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen sollen. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, dass je früher sich Eltern, die auf eine Trennung zusteuern, mit den möglichen Auswirkungen auf ihre Kinder beschäftigen, desto besser gelingt es ihnen, die Kinder während der Krise im Blick zu behalten. Doch dazu brauchen wir ein neues gesellschaftliches Bewusstsein. Ohne Einigung keine Trennung, könnte es, knapp gesagt, lauten. Damit sind nicht nur die organisatorischen Belange gemeint, sondern vor allem das emotionale und zeitliche Engagement der Eltern. Und es gibt Länder, die das so handhaben. In Norwegen können Paare erst vor den Scheidungsrichter treten, wenn sie eine gemeinsame Vereinbarung zur weiteren Erziehung und Betreuung ihrer Kinder vorzuweisen haben.

    Die rechtlichen und erzieherischen Vorstellungen hierzulande gehen immer noch zu sehr vom Recht der Eltern an ihren Kindern aus und zu wenig von ihrer Verpflichtung den Kindern gegenüber – oder anders gesagt vom Recht der Kinder auf Eltern, die auf ihre Bedürfnisse eingehen und für ihr Wohl Sorge tragen. Deshalb unterscheiden wir nach wie vor nicht trennscharf zwischen Besitzrechten und Verantwortungsverpflichtungen den Kindern gegenüber. »Ist es nicht schön, ein eigenes Kind zu haben«, sagte eine Bekannte zu mir, als meine Tochter zur Welt kam. »Am Wochenende hat der Vater die Kinder«, ist die allgemein übliche Sprachweise für den Umstand, dass die Kinder am Wochenende bei ihrem Vater sind, leben, von ihm betreut werden und sich dort hoffentlich wohl fühlen. »Die Ferien teilen wir auf, sodass wir die Kinder gleich viel haben.« »Hast du in den Ferien das Kind oder der Vater?« und so weiter. Diese uns oftmals gar nicht bewusste, aus einer tausendjährigen Geschichte stammende Grundhaltung, dass Kinder ihren Eltern gehören, ihr Eigentum sind, spukt in zahlreiche Regelungen und Verhaltensweisen hinein und wird oft erst bei der Trennung und Scheidung offensichtlich. Viele Vereinbarungen sehen dann zwar so aus, als wären sie kindgerecht, entpuppen sich bei näherem Hinsehen jedoch vor allem als elterngemäß.

    Um diesen notwendigen Paradigmenwechsel hin zu einer umfassenden Wahrnehmung der Kinder geht es in dem Buch. Außerdem geben wir den Eltern im Anhang Fragebögen zur Hand, die es ihnen erleichtern sollen, einen kindgerechten Blick auf ihre Familiensituation zu werfen und das eigene Verhalten danach abzuklopfen, ob die Bedürfnisse der Kinder ausreichend wahrgenommen werden.

    Im Mittelpunkt unseres Buches steht der Leitgedanke der »unkündbaren Elternschaft«. Stellen Sie sich einmal vor, es wäre verpflichtend, sich schon bei der Eheschließung darauf zu einigen, dass auch im Falle einer Trennung das Paar in gemeinsamer Verantwortung die Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen und erfüllen wird. Also zu einem Zeitpunkt, an dem man dies gern und leicht unterschreibt. Die Kirche könnte, wie auch die Standesbeamten, diesen Paragrafen in ihre jeweiligen Zeremonien aufnehmen. Wie eine solch unkündbare Elternschaft – in ihrer ganzen Vielfalt möglichen Zusammenlebens – gelebt werden kann, wollen wir in unserem Buch aufzeigen.

     

    Remo Largo • Monika Czernin

    November 2013

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