Wenn das Leben zur Hölle wird
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Montag, 22. April 2013 von


Wenn das Leben zur Hölle wird

Porträt zu Katja B. : »Am Ende zählt nur das Leben«.


Am Ende zählt nur das Leben

Wie seine Depression meine Familie zerstörte und ich die Kraft fand weiterzumachen

Haben sie nie wirklich zusammengepasst? Oder sich einfach auseinandergelebt? Katja erkennt ihren Mann manchmal gar nicht mehr wieder. Doch in der Enge der Familienwelt wird ihr nicht klar, dass ihr Mann an Depressionen leidet. Als sie nach drei Ehejahren beschließt, sich von ihm zu trennen, weiß sie nicht, welche dramatischen Folgen dieser Entschluss für sie und ihre Tochter haben wird.
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Prolog

 

Meine Tochter wäre jetzt acht Jahre alt. Sie würde in die Schule gehen.
Aber dazu ist es nie gekommen. Von einem Tag auf den anderen war mir das Liebste genommen worden. Ein Leben ohne meine Sarah konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen.
Mein Mann war ein Meister der Verstellung. Wegen seiner Taten bestand mein Leben nur noch aus Leere. Damals war ich vierundzwanzig Jahre alt. Plötzlich Witwe.
Inzwischen habe ich das Schlimmste überwunden, und es geht mir gut. Ich kann mich wieder an den schönen Dingen des Lebens erfreuen.
Ich bin wieder Mutter geworden. Heute bin ich zweiunddreißig.

 

Der Mann meines Lebens

 

Es war Sommer, und ich traf den Mann meines Lebens.
Er saß vor einem Zelt in den Dünen und wäre mir nicht aufgefallen, wenn er meine Freundin und mich nicht begrüßt hätte, als würde er uns kennen.
Die Sonne schien, Sandra und ich waren gerade mit meinem Fiat Punto auf dem Sylter Campingplatz angekommen und hielten Ausschau nach einem Plätzchen für unser Zelt. Ich überlegte noch, ob ich seinen Gruß als aufdringlich empfand, aber da hatte Sandra bereits unser Zelt ausgewickelt, und wir waren Nachbarn geworden.
Hinter den Dünen rauschte das Meer, und die Möwen schrien. Der Geschmack von Salz in der Luft und der endlose blaue Himmel erfüllten gleich zu Beginn meine größten Urlaubswünsche. Ich fühlte mich weit weg von meinem Heimatdorf, als wäre ich auf einer fernen Ferieninsel, dabei waren wir nur dreihundert Kilometer gefahren. Vor Kurzem hatte ich die Schule beendet, und in wenigen Wochen sollte meine Ausbildung zur Arzthelferin beginnen. Bis dahin wollte ich den Sommer genießen.
Unsere Nachbarn drehten am Abend ihren Gettoblaster auf und wippten im Takt der Songs. Sandra und ich hörten Delta-Radio, aber die Anlage des jungen Mannes und seines Freundes war eindeutig lauter als unsere. Als sie einen Hit der Ärzte spielten, sangen Sandra und ich lauthals mit:

 

Oh, ich hab solche Sehnsucht
Ich verliere den Verstand
Ich will wieder an die Nordsee
Ich will zurück nach Westerland

 

Daraufhin kamen die beiden zu uns herüber und stellten sich als Robert und Basti vor. Sie wollten alles über uns wissen – so erschien es mir zumindest. Irgendwie fand ich Gefallen an ihrer ausgelassenen Art.
»Katja, nun sag schon, woher kommst du? Aus Hamburg?«, fragte Robert mich, der in seiner weiten Hose, deren Schritt bis zu den Knien reichte, einem schief sitzenden Fischerhut und einem verblichenen Shirt nicht gerade einen attraktiven Eindruck auf mich machte.
»Sehe ich denn so aus?«
»Du siehst toll aus. Bist du nun aus Hamburg?«
»Aber nein, ich bin ein Mädchen vom Lande«, lachte ich und schaute an mir herunter. Ich trug Jeans und ein ärmelloses Oberteil. Meine Füße steckten in Flipflops, und das blonde Haar trug ich offen.
» Aus Schleswig-Holstein ? «
»Nein, aus Niedersachsen.«
»Aha, interessant! Von der Küste?«, wollte er wissen.
»Nein, von ganz woanders. Davon hast du sicher nie gehört. Ein Dorf.«
»Und wo liegt dieses Dorf?«
Ich zögerte mit der Antwort, seine vielen Fragen kamen mir seltsam vor. »Ach, das kennst du garantiert nicht, mitten in der Provinz. Wenn man eine Weile fährt, kommt man nach Hannover.«
»Hm. Ich komme auch aus der Nähe von Hannover.«
Und dann stellten wir fest, dass wir nur vierzehn Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen waren. Wir waren gleichaltrig und hätten uns eigentlich schon längst über den Weg laufen müssen. Genau wie ich ging Robert in der nahen Kreisstadt zur Schule. Er kam in die zwölfte Klasse und hatte bis zum Abitur noch zwei Jahre vor sich.
Robert ließ mich den ganzen Abend über nicht aus den Augen und stellte Fragen nach meinen Hobbys und Interessen. Und dann wollte er wissen, ob er mich nach dem Nordseeurlaub wiedersehen könnte.
Wie Gentlemen verabschiedeten Robert und Basti sich gegen Mitternacht, weil sie merkten, wie müde wir von der Fahrt und der frischen Nordseeluft waren.

 

Am Morgen hing ein Beutel mit frischen Brötchen an unserem Zelt, und bereits am folgenden Abend überraschte Robert mich mit einem Geständnis.
»Ich bin in dich verliebt«, sagte er, und ich glaubte, mich verhört zu haben. Ich wurde nicht einmal rot, denn ich verstand die Bedeutung seiner Worte nicht wirklich. Sie erschienen mir absurd, als hätte er über jemand anderen gesprochen, nicht über mich und seine angeblichen Gefühle mir gegenüber. Wir kannten uns doch überhaupt nicht.
»Wie kann man denn nach einem Tag schon verliebt sein? Woran merkt man das überhaupt? Bist du dir sicher?«, wollte ich wissen, als ich meine Stimme wiederfand.
»Ich bin mir ganz sicher und merke es genau und überall«, sagte er und tat ein wenig geheimnisvoll. Wir saßen abseits der Zelte, und Robert sprach leise. Er schaute mir nur kurz in die Augen und dann wieder zu Boden. Plötzlich wirkte er schüchtern. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Er war doch ein Fremder.
»Schon mal was von Liebe auf den ersten Blick gehört?«, wollte er schließlich wissen.
»So ein Quatsch!«, erwiderte ich. »Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.« Ich nahm seine Worte nicht ernst. Dieser nachlässig gekleidete Schuljunge war ohnehin nicht nach meinem Geschmack. Er wirkte deutlich in sich gekehrter als sein Freund Basti, der mir irgendwie besser gefiel, weil er ein lustiger und offener Typ war. Basti hatte immer einen Spruch auf den Lippen, mit ihm würde es sicher nie langweilig werden. Außerdem war er groß und athletisch gebaut, wenngleich seine Kleidung leider einen ähnlich vernachlässigten Eindruck wie Roberts machte. Er trug sogar den gleichen hässlichen Hut, den ich im Stillen Speckdeckel nannte. Warum nur tragen junge Männer derart geschmacklose Kopfbedeckungen ?
Im Gegensatz zu seinem Freund war Robert den ganzen Tag wortlos um mich herumgeschlichen und hatte mir in regelmäßigen Abständen ein Lächeln zugeworfen. Und dann war aus heiterem Himmel seine Liebeserklärung gekommen, mit der ich nun wirklich nichts anfangen konnte.
»Darf ich mir denn überhaupt keine Hoffnung machen?«, fragte er.
»Nun hör schon auf, und dräng mich nicht so. Warten wir doch erst einmal ab«, sagte ich, um endlich meine Ruhe zu haben.
Sandra und ich genossen unseren Sylturlaub. Die Tage vergingen wie im Flug. Bald waren wir gebräunt, unsere Haare ausgeblichen, und vom vielen Lachen mit unseren Zeltnachbarn bekamen wir Muskelkater im Bauch. Jeden Morgen fanden wir frische Brötchen an unserem Zelt. Am dritten Tag zeigten wir Mitleid, als Robert und Basti eine ihrer Konservendosen öffneten, um zu Abend zu essen. Wir ließen uns erweichen und kochten für uns vier. Ohne es wirklich zu merken, verbrachten wir fast den gesamten Urlaub miteinander.

 

Ich versuchte Roberts Liebesgeständnis zu verdrängen. Wenn es nach mir ginge, sollten unsere beiden Urlaubsbekanntschaften nichts weiter als gute Kumpel bleiben. Als Sandra und ich wieder in meinem Fiat saßen, um die Heimfahrt anzutreten, ließen wir Songs von Nirvana aus der Anlage dröhnen. Es war die Lieblingsband meiner Freundin, und ausnahmsweise waren mir die Rhythmen weder zu heftig noch zu laut.
Wir kurvten ausgelassen durch Schleswig-Holstein, durchquerten den Elbtunnel und fuhren weiter in Richtung Süden. Hinter Soltau kannten wir jedes Dorf. Hier begann unsere Heimat. Ich stellte mir vor, dass auch Basti und Robert in einer Woche auf dieser Straße zurück nach Hause fahren würden. Es war wirklich merkwürdig, dass wir uns vorher nie begegnet waren.
Sandra und ich plauderten und lachten so ausgelassen über unsere Ferienerlebnisse, dass wir die richtige Autobahnabfahrt verpassten und beinahe in Hannover landeten. Als wir durch unseren kleinen Abstecher eine Stunde später als erwartet bei meinen Eltern eintrafen, war ich bester Laune. Und als meine Mutter mich dann auch noch mit einer Postkarte aus Sylt begrüßte, die am selben Tag eingetroffen war, kam ich aus dem Dauergrinsen nicht mehr heraus. Die Karte zeigte eine Luftaufnahme der Dünenlandschaft mit dem Campingplatz.

 

Liebe Katja,
schade, dass ihr nicht mehr hier seid. Wir vermissen eure tolle Musik. Es ist langweilig ohne euch.
Eure Jungs

 

Dort, wo unser Zelt stand, hatte Robert ein Herzchen auf die Karte gemalt. Ich lachte laut auf.
»Von wem kommt denn der Urlaubsgruß?«, wollte meine Mutter wissen.
»Von zwei Jungs, die wir auf Sylt kennengelernt haben. Stell dir vor, sie kommen aus unserer Gegend. Der eine ist total lustig. «
Die Karte passte irgendwie zu Robert. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er sie geschrieben hatte. Als ich die Zeilen noch einmal las, vermutete ich, dass es sein letztes Lebenszeichen an mich war. Bestimmt hatten Basti und er inzwischen neue Urlaubsbekanntschaften geschlossen und würden uns vergessen.
Doch da kannte ich sie schlecht. Die beiden brachen ihren Urlaub vorzeitig ab, und Basti rief mich zwei Tage später an, damit wir vier uns verabredeten. Und so trafen Sandra und ich sie schon bald im Kino und immer häufiger in Cafés.
Basti und ich verstanden uns prächtig. Wir konnten über alles reden, und nicht selten blockierten unsere Gespräche über Stunden hinweg das heimische Telefon. Immer häufiger lenkte Basti dabei das Gespräch auf Robert.
»Katja, du kannst mir glauben, Robert ist wirklich ein toller Typ. Er redet nur noch von dir. Und ihr passt perfekt zusammen. Den ganzen Tag hört er die Musik, die dir auf Sylt so gut gefiel. Er würde alles für dich tun. Wirklich, er meint es ernst. Ich kenne ihn. Gib ihm eine Chance.«
»Aber ich bin nicht verliebt in ihn.«
»Weil du es nicht willst. Und weil du denkst, er ist wie dieser andere Typ, von dem du mir erzählt hast. Dieser Macho, der dich enttäuscht hat. Du schaust Robert ja nicht mal an. Dabei habt ihr so viele gemeinsame Interessen. Du tanzt doch gern. Robert auch. Er würde sofort einen Tanzkurs mit dir machen.«
»Und warum sagt er mir das nicht selbst?«
»Weil du immer so desinteressiert bist. Du nimmst ihn doch nicht mal richtig wahr. Außerdem ist er ein wenig schüchtern. «
Vielleicht hatte Basti ja recht, und ich sollte Robert eine Chance geben.

 

Wenige Wochen später war es um mich geschehen. Ich verliebte mich tatsächlich in Robert. Basti sei Dank: Es war perfekt! Plötzlich gab es kein Halten mehr, und meine Gefühle überrollten mich förmlich. Ich dachte nur noch an ihn und zählte die Tage und Stunden bis zum nächsten Beisammensein. Robert war lustig, aufmerksam und romantisch. Wenn er mich anschaute, dann kribbelte es in meinem ganzen Körper. Ich wollte keine Sekunde mehr ohne ihn sein.
An den Abenden standen unsere Telefone kaum noch still. Er lud mich zu seinen Eltern ein, wo ich feststellen musste, dass Basti dort ein Ersatzzuhause gefunden hatte. Der Freund kam jedes zweite Wochenende aus Bremen zu Besuch, wo er eine Ausbildung machte. Meistens waren wir von Freitagabend bis Sonntag unzertrennlich. Anfangs fand ich es lustig, wie eng Robert und Basti zusammengluckten, und da ich nun mit von der Partie war, verbrachten wir meist kurzweilige Tage zu dritt. Wie in meinem eigenen Zuhause standen auch bei Robert die Türen für Besucher weit offen. Das harmonische Familienleben bei seinen Eltern war ganz nach meinem Geschmack.
Schon bald meldeten Robert und ich uns zu einem Tanzkurs an und genossen unser gemeinsames Hobby. Wir waren beide keine Anfänger mehr, sondern stiegen in den Bronze-Kurs für Geübte ein. Robert war geschickt und galant, aber zunächst wollte ich mich seiner Führung nicht gänzlich ergeben. Erst als ich am zweiten und dritten Abend meine Verweigerung aufgab und mich von ihm lenken ließ, verschmolzen wir zu einem ansehnlichen Tanzpaar. Sobald der Discofox auf dem Programm stand und aus den Lautsprechern Love is in the Air erklang, schwebte ich förmlich dahin. Davon hatte ich geträumt: einem Mann, der mich liebt, und dazu noch ein Leben im vertrauten Umfeld.
Ich war glücklich im Hier und Jetzt und strebte weder nach der großen weiten Welt noch nach irgendwelchen Abenteuern. Der Nachbarort war mir genug, denn dort lebte mein Liebster mit seiner Familie. Immer häufiger war ich bei ihnen zu Besuch, selbst wenn Robert mal nicht zu Hause war. Ich verstand mich prächtig mit seiner Mutter und ging ihr in der Küche und im Garten zur Hand. Seinem Vater half ich beim Pflastern des Hofes. Es war beinahe so, als gehörte ich zur Familie.
Als Roberts Eltern mich an Heiligabend einluden, war ich gerührt. Nachdem zunächst in meinem Elternhaus gefeiert worden war, fuhr ich später am Abend noch für eine Stunde zu ihnen. Das erschien mir als schönstes Zeichen für die Zukunft.
Auch meinen Eltern gefiel Robert auf Anhieb. Wann immer er wollte, war er ein willkommener Gast in unserer Familie. Meine beiden älteren Schwestern waren bereits von zu Hause ausgezogen, nur unser Bruder lebte noch hier. Als Jüngste von vier Geschwistern war ich das Nesthäkchen.
Oft versammelte sich die Großfamilie bei meinen Eltern, und im Sommer war unsere Terrasse ein beliebter Treffpunkt für uns alle. Meine älteste Schwester Anja war Mutter eines Jungen und eines Mädchens. Im Stillen malte ich mir aus, dass auch Robert und ich eines Tages heiraten und eine eigene Familie gründen würden.
Als unser erster Bronze-Tanzkurs beendet war, meldeten wir uns sofort zum Silber-Kurs an. Unser gemeinsames Hobby schweißte uns noch enger zusammen. Wir verpassten keine Stunde.

 

So gern ich Basti auch mochte, so wurde es mir nach einer Weile dann doch zu viel mit seinen Wochenendbesuchen bei Robert. Die beiden waren beinahe unzertrennlich, und sobald sein Freund da war, teilte Robert seine Aufmerksamkeit auf ihn und mich auf. In gewisser Weise musste ich zurückstecken, denn die beiden waren wie Kletten, die nicht voneinander ließen. Es gab Momente, in denen ich mir fast wie eine Nebenbuhlerin vorkam. Wenn wir gemeinsam ausgingen, hieß es nur noch: Katja mit ihren beiden Männern. Anfangs amüsierte ich mich darüber, aber irgendwann hatte ich genug von unserer Dreierkonstellation. Ich stellte Robert zur Rede, und seine Antwort schockierte mich.
»Wie soll ich mich zwischen meinem besten Freund und meiner Freundin entscheiden? Das geht nicht. Wenn Basti aus Bremen zu Besuch kommt, will ich selbstverständlich etwas mit ihm unternehmen. Ich kenne ihn schon ewig, viel länger als dich. Er ist mein bester Freund, verstehst du ? «
»Das heißt, du entscheidest dich für ihn?«
»Ich entscheide mich für euch beide. Das muss doch möglich sein. «
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu fügen und zu gedulden.

 

Allerdings gab es da noch die vielen Mädchen aus Roberts Schule, die mir Sorgen bereiteten. In seinem Leistungskurs Deutsch waren über ein Dutzend Mitschülerinnen und nur ein Mitschüler. Für Klausuren und Referate übte er tagelang mit den Mädchen, und mir platzte manches Mal der Kragen, so eifersüchtig war ich. Weshalb er ständig mit den Tussis beisammenhockte, wollte ich von Robert wissen, und ob es keine Jungen gebe, mit denen er lernen könne. Immer häufiger kam es zu Streitereien zwischen uns, und Robert reagierte zunehmend genervt auf meine bohrenden Nachfragen und Spekulationen.
Unsere Auseinandersetzungen liefen meistens nach dem gleichen Muster ab. Ich ging ihm auf die Nerven, obwohl ich eigentlich nur meine Liebe beweisen wollte.
»Aber ich liebe dich, Robert. Da ist es normal, dass ich immer mit dir zusammen sein möchte und keine Lust auf deine Klassenkameradinnen habe.«
»Ich habe doch auch nichts dagegen, wenn du andere Jungen triffst. In deinem Job hast du auch mit Männern zu tun. Darüber habe ich mich nie beschwert.«
»Dazu hast du auch keinen Grund. Ich bin dir absolut treu. Ich denke nicht mal an andere Männer. Und du sollst mir auch treu sein. Nichts weiter.«
»Das bin ich doch. Ich habe überhaupt kein Interesse an anderen Mädchen. Aber ich möchte mich auch in Zukunft mit meinen Mitschülerinnen treffen.«
»Du und deine blöden Mädchen, alle blond, schlank und ach so schlau und so lustig. Was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn ich bei der Arbeit bin und daran denke, wie du mit einer Horde Tussis zusammen bist?« Ich steigerte mich in meine Eifersucht hinein, als wäre es das Schlimmste auf der Welt, dass Robert mit seinen Mitschülerinnen Zeit zum Lernen verbrachte. Wie naiv ich doch war.
»Was ist nur in dich gefahren, Katja?«, wehrte sich Robert. »Ich will mein Abitur machen. Dafür gehe ich zur Schule und teile das Klassenzimmer mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Und ja! Wir lernen zusammen. Daran kann ich absolut nichts falsch finden.«
»Und wenn du fremdgehst?«
»Gehe ich aber nicht.«

 

Als dann noch eine Klassenfahrt anstand, wurde ich verrückt vor Eifersucht. Robert fuhr mit seiner gesamten Oberstufe nach Italien. Ich drehte durch, und schon beim ersten Telefonat kam es zum Knall.
»Na, bist du schon fremdgegangen?«
»Katja!? Wir saßen vierundzwanzig Stunden im Zug und sind grad angekommen! Wie kann ich da … Ach, was soll’s, hat ja doch keinen Zweck«, sagte er und legte auf. Meine Verzweiflung war unermesslich.
Als er endlich zurückkam, schien der Ärger vergessen, und wir erlebten eine harmonische Zeit. An einem schönen Spätsommerabend im September erzählte ich ihm von meinem Traum, eines Tages eine Familie mit ihm gründen zu wollen. Er streichelte meine Hand und sagte nichts dazu.
Wenig später gingen wir gemeinsam mit seinen Eltern essen. Das taten wir häufiger, und ich hatte das Gefühl, alles sei wunderbar und könne immer so bleiben. Ich griff nach Roberts Hand und hielt sie ganz fest. In letzter Zeit lief es wirklich gut zwischen uns. Ich lächelte und fühlte mich glücklich. Doch dann kam ein Mädchen aus Roberts Jahrgang ins Lokal. Während sie zu einem der Nachbartische ging, entdeckte sie uns und warf meinem Freund einen vielsagenden Blick zu.
»Das ist doch die Tussi, die so scharf auf dich ist. Jetzt rennt die dir schon hinterher«, zischte ich.
»Katja, du spinnst.«
»Warum ist sie wohl sonst hier und starrt dich an? Merkst du das denn nicht? Sie will was von dir!«
»Sie starrt nicht, sondern sie schaut herüber, weil sie mich kennt. Wir besuchen seit zwei Jahren denselben Leistungskurs, und jetzt weiß ich kaum, ob ich sie in deiner Anwesenheit überhaupt grüßen darf. Das ist doch nicht normal. «
Seine Eltern schauten erschrocken auf.
»Und genau dazu habe ich keine Lust mehr«, legte er nach.
»Glaubst du etwa, mir macht es Spaß, meinen Freund mit einer Horde Mädchen zu teilen?«
»Jetzt hör endlich auf!«
Da war sie wieder, eine unserer Auseinandersetzungen um andere Frauen. Meine Angst vor potenziellen Nebenbuhlerinnen lauerte permanent unter der Oberfläche. Ich hatte ja keine Ahnung, welcher Horror und welches Leid in meinem Leben noch auf mich zukommen würden. Und so saß ich da und drehte fast durch, wenn ich mir vorstellte, wie Robert als Hahn im Korb in seinem Leistungskurs saß.
»Jetzt glotzt sie schon wieder zu dir herüber.«
»Komm mal bitte mit mir nach draußen«, sagte er. Als er aufstand, ging ich ihm nach. Draußen zeigte er eine ernste Miene und holte tief Luft.
»Das geht so nicht weiter. Ich habe wirklich keinen Bock mehr, mir überlegen zu müssen, ob ich eine Klassenkameradin grüße oder besser nicht, ob ich mit ihr sprechen darf oder nicht. Oder ob ich damit sofort riskiere, eine deiner schnippischen Bemerkungen einzufangen. Es nervt nur noch. Wie oft haben wir diese Diskussion schon geführt ? «
»Aber ich liebe dich doch und du mich auch. Oder etwa nicht?« Plötzlich wurde mir kalt. »Robert, bitte sag etwas. «
»Katja, ich habe dich lieb, aber ich kann nicht mehr. Ich fühle mich eingeengt und kontrolliert, dabei gibt es überhaupt keinen Grund für deine Eifersüchteleien. Wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich lieber wieder allein sein. Wir sollten uns trennen. Es funktioniert nicht mehr.«
»Wir uns trennen? Aber nein! Nur wegen der Mädchen und wegen Basti? Du kannst ihn so oft treffen, wie du möchtest. Das schwöre ich dir«, schluchzte ich.
»Mit Basti hat es nur am Rande zu tun. Ich brauche meine Ruhe. «

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