»Weißwurst-Alarm am Alpensee« - Ein Kurzkrimi von Jörg Steinleitner
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Mittwoch, 19. November 2014 von


»Weißwurst-Alarm am Alpensee« - Ein Kurzkrimi von Jörg Steinleitner

Für alle Fans von Anne Loop hat Autor Jörg Steinleitner einen Kurzkrimi geschrieben, indem er selbst mitspielt.

Weißwurst-Alarm am Alpensee
Als ich das Klirren von Glas hörte, dachte ich zunächst, es sei ein Traum. Aber dann polterten mehrere Personen die Holztreppe unseres alten Bauernhauses hinauf. Zuvor hatten die Eindringlinge die Scheibe aus dem Holzrahmen der Eingangstür geschlagen. Sekunden später blendete mir eine grelle Taschenlampe ins Gesicht, das Schlafzimmerlicht ging an. Eine der drei Uniformierten, die nun vor mir standen, war eine Frau. Sie zielte mit einer Pistole auf mich. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich fühlte mich schutzlos. Ausgerechnet heute trug ich den Pyjama mit dem albernen Ernie-und-Bert-Aufdruck. Für einen Moment dachte ich, die Frau könnte Angelina Jolie sein, aber das war ja nicht möglich: Ich war hier in meinem Hof am Alpensee, und Angelina Jolie vermutlich bei Brad Pitt in Hollywood. Ich warf einen Blick auf den Wecker: fünf Uhr. Draußen, vom Seeufer her, war das Geschnatter wilder Gänse zu hören. 
„Hände hoch, aufstehen!“, rief nun der blonde Polizist. Auch er kam mir bekannt vor.
„Jetzt ist aber gut“, erwiderte ich. „Was soll das Theater?“
„Verdächtiger setzt sich zur Wehr“, sagte der bärtige Beamte in breitem Bayerisch. Er war größer als die beiden anderen und kritzelte mit seinen wurstigen Fingern etwas in ein Notizbuch.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Sofort rief die Polizistin: „Halt! Nicht bewegen!“ Und schon machte der Blonde drei Schritte, packte meinen rechten Arm, verdrehte ihn und in der Folge meinen Oberkörper so geschickt, dass ich Sekunden später auf dem Bauch lag, mein Gesicht in das Kopfkissen gedrückt, auf dem ich eben noch geschlafen hatte. Ich hörte es knacken, das war die Schulter. „So, Burschi“, presste mein Peiniger hervor, „jetzt wollen wir doch einmal sehen.“
„Sind Sie allein?“, fragte die schöne Polizistin.
„Ja, meine Frau ist mit den Kindern bei der Oma.“
„Notiere, Verdächtiger lügt“, sagte der Bärtige mit tiefer Stimme: „Behauptet Frau zu haben, ist aber nicht verheiratet.“ Ehe ich erklären konnte, dass ich zwar nicht verheiratet sei, aber eine Lebensgefährtin hätte, die ich der Einfachheit halber als meine Frau bezeichnete, weil sie die Mutter meiner Kinder war, intensivierte der Blonde seinen Polizeigriff. Ich ächzte.
In der Zwischenzeit hatte die Polizistin ein Foto herausgezogen und mit meinem Aussehen abgeglichen: „Er ist es.“ Sie nickte ihren beiden Kollegen zu. „Jetzt müssen wir nur noch das Geld finden.“
Mir wurde heiß. Was ging hier vor? Waren die verrückt geworden? Der Blonde riss mich hoch und schob mich aus dem Zimmer, dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort drückte er mich auf meinen Stuhl an meinem Tisch und die Frau stellte sich vor: „Guten Tag, Herr Steinleitner, mein Name ist Anne Loop, Polizeihauptmeisterin. Das sind …“
„Ich weiß“, sagte ich resigniert, „Kurt Nonnenmacher und Sepp Kastner.“
„Sie kennen uns?“ Die Frage klang tatsächlich erstaunt.
„Wollen Sie mich verarschen?“, fragte ich. Schließlich hatte ich die drei erfunden! 
„Beleidigt Vollzugsbeamte“, konstatierte Nonnenmacher und schrieb es natürlich gleich auf.
Dann trat ein weiterer Mann die Küche. Der Spurensicherer. In seiner rechten Hand hielt er ein silberfarbenes Gewebeklebeband. „Duct Tape“, sagte er. „Es ist identisch mit dem Band, mit dem der Bankchef geknebelt worden ist.
„Wo waren Sie gestern, also Samstagvormittag, Herr Steinleitner?“
„In der Bank“, sagte ich. Anne Loop nickte ihren Kollegen zu: „Immerhin versucht er nicht, uns irgendein schwachsinniges Alibi vorzugaukeln.“
„Sie wissen schon, dass Banken am Samstag geschlossen haben?“, klugscheißerte der Bärtige.
„Das, was wir da in der Bank gemacht haben, hätte unter der Woche den Geschäftsbetrieb gestört, wir haben nämlich …“
„Delinquent zeigt keinerlei Unrechtsbewusstsein“, bellte Nonnenmacher. Sein Stift machte ein Kratzgeräusch. Der Spurensicherer hatte kurz die Küche verlassen, betrat jetzt aber schon wieder den Raum, mit einer Pistole: „Tatwaffe gesichert, unter Biedermeierkommode an Haustür.“
„Das ist eine Spielzeugpistole!“ Meine Stimme überschlug sich. „Die gehört meinen Kindern!“
„Herr Steinleitner“, sagte Anne Loop mit einem mütterlichen Tonfall, den ich unverschämt fand, „Ihre Kinder sollten Sie jetzt nicht auch noch in die Sache hineinziehen. Ich bin selbst Mutter …“
„Ich kann das alles erklären“, setzte ich an, doch der saublöde Spurensicherer hielt schon wieder etwas hoch: „Eine Occupy-Maske. Vermutlich genau die, die man auf den Überwachungsvideos der Bank sehen kann! Also für mich ist die Sache eindeutig.“
Die drei Polizisten nickten. Waren die eigentlich komplett bescheuert? 
„Also, Herr Steinleitner“, ergriff Anne Loop nun das Wort. „Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Sie brauchen sich nicht selbst zu belasten und Sie haben das Recht auf einen Anwalt …“
„Ich bin doch selbst Anwalt!“, rief ich hilflos. „Was bilden Sie sich eigentlich ein, bei mir in aller Herrgottsfrühe einzubrechen und hier einen auf Weißwurst-Alarm zu machen …“
„Jetzt einmal halblang, mein lieber Herr Gesangsverein. Du weißt doch ganz genau, warum wir hier sind“, herrschte Nonnenmacher mich an. Und schon stand wieder der idiotische Spurensicherer in seinem Ganzkörperkondom in der Küche. Dieses Mal hielt er in einer triumphierenden Weise, die mich ankotzte, ein Buch in den Händen. „Vabanque – Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte“, rief er. „Das ist die Gebrauchsanweisung für Banküberfälle schlechthin. Und das ist nicht alles! Unser lieber Herr Steinleitner hat eine ganze Bibliothek an Fachliteratur: ‚Bankraub und Sicherungstechnik‘, ‚Bankraub aus Sicht der Täter‘, ‚Phänomenologie des Bankraubs‘ … Sogar Doktorarbeiten zur Erfolgsstatistik von Bankrauben hat der feine Herr!“
Ich schüttelte den Kopf. War ich verrückt geworden? Waren die verrückt? 
„Sie leugnen?“, entfuhr es Kastner. „Verstrickt sich in Widersprüche: Gibt zu, zu Tatzeit an Tatort gewesen zu sein, leugnet aber Beschäftigung mit Bankraubthematik. Steinleitner, Sie reden sich um Kopf und Kragen!“
„Sie lassen mich ja gar nicht reden“, stöhnte ich. „Ich habe doch nur mit meinem Freund, dem Christian …“
„Sehr gut, sehr gut“, freute sich Kastner jetzt vollkommen lächerlich. „Nennt Komplizen – und wie heißt dieser Christian mit Nachnamen?“ 
„Ach, ich sage jetzt gar nichts mehr.“
„Verweigert Aussage“, brummelte Nonnenmacher. „Aber das kann uns jetzt auch wurscht sein, die Beweise sind erdrückend, oder?“ Er suchte Anne Loops Blick. „Ich denke, wir können den Haftbefehl beantragen.“
Als wäre ich ein anderer, hörte ich mich loslachen. Doch sofort riss ich mich zusammen: „Wie kommen Sie denn auf mich? Ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.“
„Herr Steinleitner, Sie als Anwalt sollten wissen, dass Sie uns nichts vormachen können.“ Anne Loop sah mich ernst an. „Natürlich haben wir eine ganze Menge Daten über sie. Sie sind seit Ihrer Jugend polizeibekannt.“ Sie zögerte. „Und da war es natürlich ungeschickt von Ihnen, dass Sie, bevor Sie einen Banküberfall planten, ausgerechnet in der Pressestelle der Kripo anriefen.“
Kastner ergänzte: „Natürlich hat uns der Kollege Waldinger gleich informiert, dass da einer angerufen hat und wissen wollte, ob sich ein Banküberfall in Bayern lohnt. Wie viel da im Schnitt erbeutet wird und so.“
„Aber das wollte ich doch alles nur theoretisch wissen“, brachte ich hervor, „praktisch interessiert mich das überhaupt nicht. Das war Recherche …“
„Herr Steinleitner …“, schaltete sich Anne Loop wieder mit diesem mütterlichen Tonfall ein.
„Wir wirken in unserer bayerischen Art vielleicht manchmal etwas hölzern, mitunter sogar lustig …“, sagte Kastner.
Ich unterbrach ihn wütend: „Mein lieber Kastner“, schrie ich, „ohne mich gäbe es Sie gar nicht!“
„Das müssen Sie unbedingt notieren, das ist für den Psychologen wichtig“, forderte Anne Loop Nonnenmacher hastig auf, und diktierte: „Täter halluziniert, überschätzt sich maßlos selbst, hat Allmachtsphantasien.“
Nonnenmacher nickte: „Täter hält sich für Sepp Kastners Vater.“ Völlig blöde lachte er in seinen Bart und meinte dann: „Wobei, vielleicht sollten wir das Psychologische lieber unter den Tisch fallen lassen, weil das könnte sich strafmildernd auswirken.“ 
Ich schluckte. Damals, als ich den ersten Band der Krimiserie um die alleinerziehende Polizistin Anne Loop schrieb, hatte ich mir eingebildet, das könnte lustig sein: ein bärbeißiger Urbayer mit Magenproblemen, eine Hollywoodschönheit aus dem Rheinland und ein nervöser Hektiker, der in sie verliebt ist, lösen Kriminalfälle. Jetzt gerade ärgerte ich mich, diese Idiotentruppe erfunden zu haben. Aber nicht lange, denn da stand schon wieder der Spurensicherer im Raum. Dieses Mal mit meinem Laptop.
„So“, sagte er in einem Tonfall, dass ich ihm am liebsten einen Magenschwinger verpasst hätte, „dann hätten wir das auch. Auf dem Computer sind Fotos der Bank. Außerdem Infos über ihre Geschichte. Wir haben auch die Anfragen, die er in der letzten Zeit in Suchmaschinen eingegeben hat, gecheckt: Er hat sich wirklich akribisch mit dem Tatobjekt auseinandergesetzt.“
„Ja, das habe ich“, sagte ich trotzig. „Das gehört zu meinem Beruf.“
„Ein schöner Beruf!“ Nonnenmacher gab mir mit seinen Wurstfingerpranken einen groben Schubs. 
„Herr Steinleitner, Sie sind doch ein intelligenter Mensch“, wandte sich nun Anne Loop eindringlich an mich. „Bankräuber ist doch nun wirklich kein Beruf. Und warum denn auch? Ich meine, Sie sind Anwalt, Sie haben Kinder, Familie …“ Sie blickte sich um. „Sie haben doch alles, was Sie zum Leben brauchen?“ Sie zögerte. „Oder verbergen sich da dunkle Wünsche in den Tiefen Ihrer Seele, Obsessionen, die Sie sich mit dieser Tat zu erfüllen gedachten?“ Ich starrte sie entgeistert an. 
„Haben Sie vielleicht ein geheimes Gschpusi? Gehen‘S in den Puff? Spielen Sie?“, fragte jetzt Nonnenmacher mit einer öligen Freundlichkeit, die mir widerwärtig war.
„Nehmen Sie Drogen?“, setzte Kastner die Inquisition fort. „Kokain, Amphetamin, Crystal Meth?“
„Wissen Sie“, sagte Anne Loop, „wir haben alles, was wir brauchen, um Sie für Jahre hinter Gitter zu bringen. Auf den Mitschnitten der Überwachungskameras kann man Sie wirklich gut erkennen. Warum haben Sie eigentlich die Occupy-Maske immer wieder ausgezogen? Ungeschickter kann man es wirklich nicht angehen!“ Sie dachte kurz nach, ich bewunderte ihre vollen Lippen. „Und – was war Ihr Motiv?“
„Ich wollte halt ein gutes Buch schreiben, über einen Banküberfall“, stammelte ich. „Über einen Banküberfall von zwei jungen Leuten – einen Franzosen und eine Ostfriesin, beide jung, ein Liebespaar, die kämpfen für eine bessere Welt … sowas halt.“
„So ein Schmarren“, mümmelte Nonnenmacher und Kastner fügte an: „Steinleitner, Sie verstricken sich in Widersprüche – erstens sind Sie mit Ihren einundvierzig Jahren nicht mehr so ganz jung und zweitens kein Franzos‘. Drittens war Ihr Komplize keine hübsche Frau, sondern ein Mann! Und schließlich ging es Ihnen ja wohl überhaupts nicht um eine bessere Welt, sondern nur um Geld.“ Er überlegte kurz. „Apropos: Wo ist das eigentlich?“ Diese Frage irritierte mich nun mehr als alles, was zuvor geschehen war. Welches Geld meinten die? 
Eine halbe Stunde später saß ich in der Zelle der Polizeiinspektion am Milliardärssee und ordnete die Fakten: Ja, ich war an besagtem Samstag in der Bank gewesen. Aber nicht, um sie auszurauben, sondern um einen Kurzfilm zu meinem neuen Roman zu drehen. Anscheinend hatten direkt nach den Dreharbeiten echte Verbrecher die Bank überfallen. Und Nonnenmacher, Kastner und Anne Loop, diese nichtsnutzigen Polizisten, die ich selbst erfunden habe, behaupteten nun, ich hätte eine Million Euro erbeutet. Schön wär’s, kann ich da nur sagen. Aber eines schwöre ich: Sobald ich Schreibwerkzeug in der Zelle habe, schreibe ich den nächsten Anne-Loop-Band. Einen eiskalten Thriller – in dem Sepp Kastner und Kurt Nonnenmacher nach Preußen versetzt werden. Und Anne Loop wird eine Tofu-Weißwurst essen müssen. Oh ja, das wird sie.


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