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Freitag, 27. November 2015 von Piper Verlag


Caroline verschenkt »Der erste Tag vom Rest meines Lebens« von Lorenzo Marone

»Ich verschenke »Der erste Tag vom Rest meines Lebens«, weil es ein Buch ist, das  Lesern in jedem Alter Freude bereiten wird. Der trotzige Kauz Cesare wächst einem mit seinem schwarzen, schonungslosen Humor und seiner liebevollen Art sofort ans Herz. Dabei zeigt er vor allem, dass es nie zu spät ist, sich aufzuraffen und das Leben mit jeder Faser des eigenen Körpers zu genießen. Dieser Roman macht Mut und schenkt Glück!«


Der erste Tag vom Rest meines LebensDer erste Tag vom Rest meines Lebens

Roman

Cesare ist 77 und zieht Bilanz. Von seinen einst hochfliegenden Träumen ist wenig aufgegangen. Seine Methode, mit den Enttäuschungen des Lebens umzugehen: Ironie und Sarkasmus. Das kommt bei seinen Mitmenschen nicht immer gut an. Bis Emma in die Nachbarwohnung zieht. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr und ihrem Mann. Das sieht Cesare an Emmas traurigen Augen. Und plötzlich mischt sich Cesare ein. Er hat wieder Mut zu kämpfen. Für seine junge Nachbarin. Für die Liebe. Für das Glück, am Leben zu sein ...
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Ich habe so eine Ahnung: Meine Nachbarin Emma wird von ihrem Partner geschlagen. Oder ihrem Ehemann. Von dem Mistkerl jedenfalls, mit dem sie zusammenlebt.
Ich bin alt, und alte Menschen sind Gewohnheitstiere, Neues liegt ihnen nicht. Das hängt damit zusammen, dass sie denken, die Dinge würden immer nur schlechter werden anstatt besser, eine Lektion, die unser Körper uns im Laufe der Jahre erteilt. Deswegen habe ich, als das junge Paar hier einzog, die Nase gerümpft und geglaubt, sie würden meine Ruhe stören, mit Partys, Essenseinladungen, Geburtstagsfeiern und was sonst noch allem. In ihrem Alter genügt doch der kleinste Anlass zum Feiern, und ein Geburtstag wird als Etappenziel angesehen, das man sofort hinter sich lässt, um das nächste anzupeilen. In ihrem Alter hat man noch nicht begriffen, dass es zwar wichtig ist, ein Ziel zu erreichen, dass es dabei aber nicht um Schnelligkeit geht und man keinen Rekord brechen muss. Besser, man kommt langsam an, genießt die Landschaft, bleibt im Rhythmus und atmet schön regelmäßig über die gesamte Strecke, um das Rennen dann so spät wie möglich zu beenden. Denn was die Jugend vielleicht nicht weiß: Beim Zieleinlauf wartet niemand auf dich, um dir eine Medaille umzuhängen.
Doch ich hatte mich geirrt, kein einziges Fest, keine Einladung, kein Geburtstag. Das Pärchen neben mir war stumm wie Fische; kein Wort zu hören, der Fernseher niemals aufgedreht, keine stinkenden Müllbeutel vor der Wohnungstür. Kurz gesagt, ein unsichtbares Paar.
Bis heute.
Vor ihnen wohnte dort eine Familie mit Mann, Frau und drei Kleinkindern. Hölle pur, die Rotznasen haben durchgeheult, die schlimmsten vier Jahre meines Lebens. Ein absolutes Unglück, neben einer Familie zu wohnen, die jedes Jahr einen neuen Säugling ausbrütet: als würde man ein zweites Mal Vater, beziehungsweise Sveva und Dante mitgerechnet ein drittes, viertes und fünftes Mal. Die eigentliche Katastrophe war jedoch, dass ihr Schlafzimmer direkt an meines grenzte. Ich wohne auf dem ­Vomero, ein Wohnviertel auf einem der Hügel von Neapel, wo die Luft halbwegs sauber und im Sommer etwas frischer ist. Hier gibt es nur ein Problem, und zwar ein großes. Unser Mehrfamilienhaus wurde in den Sechzigerjahren gebaut, zur Zeit des Wirtschaftswunders, mit wenig Sorgfalt und viel Eile. Und seine Wände dienen der Abtrennung, nicht dem Schallschutz. Alles teilt man mit den Nachbarn: das Kindergeschrei von nebenan, das Pinkeln und Abspülen der Signora von oben, den Hustenanfall von Marino, dem buchstäblich alten Freund unter meinen ­Füßen. Wer hier einen leichten Schlaf hat, wird vom kleinsten Furz zwei Stockwerke höher geweckt.
Nach den ersten drei durchwachten Nächten habe ich mein Bettzeug gepackt und bin ins Wohnzimmer gezogen. Dann haben die netten Nachbarn mich irgendwann zum Essen eingeladen, vielleicht dachten sie, der Alte ist ganz allein und braucht Unterstützung. Allein war und bin ich ja, aber deshalb brauche ich noch lange keine Unterstützung. Absagen konnte ich aber auch schlecht und verbrachte den Abend deshalb in Gesellschaft der kleinen Nervensägen, die mir den Schlaf geraubt hatten. Die ­Eltern hofften wohl, der Anblick ihrer lieben Kleinen werde mein Herz erweichen und dass ich einer von diesen alten Schwachköpfen bin, die den Gedanken an den Tod nicht ertragen und sich deshalb mit denjenigen anlegen, die das Leben noch vor sich haben. Kurz, sie dachten, ich sei weniger hartherzig. Falsch gedacht. Normalerweise heißt es, der Charakter wird weicher mit der Zeit, vor ­allem bei Männern. Viele strenge Väter sind später liebevolle Großväter. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Engel­zart geboren, sterbe ich als Griesgram.
Doch ich schweife ab. Ich sprach gerade von meinen neuen Nachbarn und davon, dass er sie meiner Meinung nach schlägt. Ich sagte bereits, ich schlafe wenig und unruhig. Vorgestern Nacht wälzte ich mich unruhig zwischen den Laken, da fingen die beiden zu streiten an. Zuerst war nur ihre erregte Stimme zu hören, dann kam sein Geschimpfe hinzu. Nach einer Weile hörte ich einen dumpfen Laut, wie wenn etwas Schweres auf den Boden fällt, dann Stille. Neugierig legte ich das Ohr an die Wand. Ich glaube nicht, mich verhört zu haben, sie weinte, und er redete tröstend auf sie ein. Als ich am nächsten Morgen in den Briefkasten schaute, kam Emma. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille und hielt den Kopf gesenkt. Als sie mich erblickte, drehte sie sich zur Seite und stieg die Treppe hinauf.
»Guten Morgen«, sagte ich noch, aber da war sie schon fast weg.
Ich bin mir sicher, dass ihr Auge blau und geschwollen war, deshalb kam mir oben in den Sinn, zu klingeln und nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte sogar schon die Hand an der Klingel, überlegte es mir aber im letzten Moment anders. Ich habe mich immer nur um mich selbst gekümmert und bin gut damit gefahren, warum sollte ich mich in Sachen einmischen, die mich nichts angehen? Außerdem ist meine Nachbarin alt genug: Wenn ihr Mann sie schlägt, kann sie jederzeit gehen. Danach habe ich die Sache vergessen, bis die junge Frau heute Morgen vor ihrer Wohnungstür stand, mit dem Rücken zu mir, und in ihrer Tasche nach dem Schlüssel kramte. Als sie meinen Gruß mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte, konnte sie die geschwollene, geschundene Lippe nicht verbergen.
Es stimmt, ich bin ein echter Stoffel, und sollte eins meiner Kinder jemals den Mut finden, sich in Lobreden über meine zahlreichen Vorzüge zu ergehen, würden sie mich doch niemals einen umgänglichen Menschen nennen. Es ist nicht so, dass ich die Leute hasse, aber mich mit ihnen zu beschäftigen, ist mir einfach lästig. Auch Caterina hat immer gesagt: »Du bist kein schlechter Mensch, du bist nur ein Egoist.« Damit war ich nie einverstanden. Der Egoist verfolgt das eigene Wohl, koste es, was es wolle, aber ich habe mein Wohl nie erreicht. Selbst als Egoist habe ich versagt.
Aber wir sprachen von meiner Nachbarin. Gewalt gegen Frauen gehört zu den Themen, von denen wir immer nur in den Nachrichten hören, weit weg von uns »normalen Menschen«. Ein bisschen wie Mord, es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis umgebracht wird, eher wird einer beim Justieren seiner Satellitenschüssel vom Blitz getroffen.
Kurz, die gute Frau nervt mich nicht unerheblich, weil ich diesmal nicht so tun kann, als bemerkte ich nichts, vor allem wenn sie nicht aufhört, mit geschwollenem Gesicht durchs Haus zu laufen. Deshalb habe ich beschlossen einzugreifen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie.
Ich werde mal mit Marino darüber reden, vielleicht hat er eine Idee.
Auch wenn es wahrscheinlicher ist, dass morgen die Sonne nicht mehr aufgeht.

 

DAS NICHT-GETANE


Marino gehört zu dem Typ alte Nervensäge, über den Enkel sich so gerne lustig machen. Einer, der ständig dasselbe sagt, nie zuhört, keinen Jugendslang versteht und nicht mit Computern umgehen kann. Aber im Gegensatz zu vielen anderen seiner Altersgruppe hat er immerhin ­einen Computer, der gut sichtbar auf dem Schreibtisch seines kleinen Arbeitszimmers thront. Ich habe mich immer gefragt, wozu er ihn braucht, da schon seine Schreibmaschine ein großer Sprung ins Ungewisse war, doch dann erfuhr ich, dass er seinem Enkel Orazio gehört, der am Nachmittag oft zum Lernen kommt.
Marino ist über achtzig, riecht aus dem Mund, bekommt ohne Gebiss kein Wort heraus und nässt manchmal ein. Kurz, ein Trauerspiel. Dabei ist er ein richtig anständiger Kerl und gesellig noch dazu. Gut, man wirft sich mit ihm nicht gerade weg vor lachen, aber man kann mit ihm reden, er hört trotz einer gewissen Schwerhörigkeit gut zu und gibt manchmal sogar kluge Ratschläge. Marino ist in meinem Leben ein Mittelding aus Therapeut und Priester, dem ich mal meine Ängste offenbare und mal meine Sünden beichte. Das Schöne daran ist, dass beide Berufsgruppen, Psychologen und Geistliche, mir seit jeher auf den Sack gehen.
»Und wenn sie herausfinden, dass wir den Brief geschrieben haben? Wenn sie es an der Handschrift erkennen?«, will mein Freund aufgeregt wissen.
Ich stöhne auf. Ich vergaß zu erwähnen, dass Marino auch ein extrem ängstlicher Typ ist, und ängstliche Typen machen mir Angst. Das führt manchmal zu einem wahren Teufelskreis und einem Erregungslevel, für das es am Ende weder ein reales Motiv noch einen Schuldigen gibt.
»Abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, warum sich die Geheimdienste für unser Schreiben interessieren sollten, habe ich daran auch schon gedacht. Deshalb bin ich heute hier.«
Er sieht mich fragend an, obwohl er an meine sonderbaren Äußerungen gewöhnt ist.
»Wir werden deinen Computer benutzen!«, kläre ich ihn mit schelmischem Lächeln auf.
Er antwortet nicht, wiegt bedächtig den Kopf und schlägt mit den Händen auf die abgewetzten Armlehnen seines Sessels. Ich kenne Marino seit etwa vierzig Jahren, also die Hälfte seines Lebens. Und in all den Jahren habe ich nicht erlebt, dass er je seinen geliebten Sessel ausgetauscht hätte, und sei es auch nur den Bezug.
Nach einer Weile stößt er aus: »Du spinnst ja! Weißt du nicht, dass man bei einem Computer kinderleicht auf den Urheber rückschließen kann? Dann schnappen sie uns doch nach einem Tag.«
Ich überlege. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, doch er wirkt so überzeugt, dass ich ihm fast schon glaube.
»Woher willst du das wissen, wo du doch kaum den Anschaltknopf des Computers findest?«
»Orazio hat es mir erklärt.«
Dann stimmt es wohl. Wir müssen also zum Ausgangsplan zurück, den Brief handschriftlich verfassen und in den Briefkasten werfen. Die Idee kam mir gestern Nacht, als ich mich mal wieder schlaflos im Bett wälzte. Ich dachte, der frauenprügelnde Hundsfott muss wissen, dass jemand Bescheid weiß, damit er es sich zweimal überlegt, wenn er das nächste Mal die Hand hebt.
Die junge Frau habe ich noch einmal von ferne gesehen, im Supermarkt unten im Haus. Ich streifte durch die Gänge, sie stand an der Wursttheke. Als sie mich sah, drehte sie sich schnell um und wandte mir den Rücken zu, wie beim letzten Mal. Ich glaube, sie schämt sich, vielleicht weiß sie, dass ich es weiß.
Jedenfalls durfte ich die Gelegenheit nicht verpassen. Ich nahm eine Packung Thunfisch im Sonderangebot und ging auf sie zu, und als ich hinter ihr vorbeiging, raunte ich in ihre Richtung: »Ich weiß es.« Dann setzte ich meine Runde fort, als sei nichts geschehen, und schaute nicht einmal zurück, ob sie mich gehört hatte.
Ich liebe es, den Geheimnisvollen zu spielen.
»Und außerdem wüsste ich gar nicht, wie man mit dem Ding da einen Brief ausdruckt. Bist du dir deiner Sache denn überhaupt sicher? Man kann doch nicht ohne Beweise einen Mann beschuldigen, seine Frau zu schlagen. Damit könnten wir sein Leben ruinieren!«
Noch so eine Seite von Marinos Charakter, die ich unerwähnt ließ: Er ist einfach zu gut für diese Welt. Manchmal kommt es mir vor, als unterhielte ich mich mit Federico, meinem Enkel. Vielleicht stimmt es ja, dass das Leben ein Kreislauf ist und man am Ende wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt; jedenfalls teilen ein Achtzigjähriger und ein Neugeborenes, wenn man genau hinschaut, dieselben Ängste.
»Wir müssen ihn ja nicht anzeigen. Wir setzen ihn nur ein bisschen unter Druck. Wenn er seine Frau nicht schlägt und ich mir alles nur eingebildet habe, lachen wir darüber und fertig. Wenn er jedoch, was ich glaube, schuldig ist, wird er sich ganz schön umsehen.«
»Cesare, du hast Spaß am Detektivspiel, dich amüsiert das. Mich aber nicht, ich will nur meine Ruhe haben. Kurzschlusshandlungen sind nicht meins.«
Es stimmt, ich spiele gerne den Schnüffler. Und nicht nur den. Ich liebe es, in andere Rollen zu schlüpfen, neue Identitäten anzunehmen, aus der Phantasie zu leben. Bis zu einem gewissen Alter habe ich ein weitgehend »normales« Leben geführt, ohne größere Emotionen. Das Problem ist nur, wenn du langsam auf das Ende zumarschierst, hörst du nachts viele kleine Stimmchen, die hartnäckig in dein Ohr flüstern: Beweg dich, hoch mit dir, nicht auf dem Sofa vermodern, tu was Verrücktes. Mach endlich etwas gegen all das Nicht-Getane in deinem armseligen Leben.
Tja, eben, das Nicht-Getane. Über siebzig Jahre habe ich gebraucht, um festzustellen, dass ich im Nicht-Getanen lebe. Mein wahres Ich, die Sehnsüchte, meine Energien und Instinkte, stecken in dem, was ich hätte tun wollen. Es ist nicht schön, immer wieder zu hören, du hast dein Leben falsch gelebt, hast deine Karten schlecht ausgespielt und bist vom Tisch aufgestanden, bevor die Partie zu Ende war. Egal, ob du dann auch noch die rest­lichen Chips verloren hättest. Es ist nicht leicht, verlorene Zeit wieder aufzuholen, in wenigen Jahren musst du deine gesamte Existenz zurechtrücken. Fast unmöglich. Es ist doch kurios: Gerade wenn du zu begreifen beginnst, wie die Dinge laufen, erklingt der Gong. Als würdest du in ­einem Fernsehquiz nur die letzten dreißig Sekunden nutzen und hättest die drei Minuten davor reglos auf deine Fingernägel gestarrt.
»Marino, du bis jetzt achtzig Jahre alt, und soweit ich
weiß, kam es bei dir noch nie zu einer unüberlegten Handlung. Seit zehn Jahren sitzt du in diesem Sessel, und wenn du aufstehst, bleibt dein Abdruck im Polster zurück. Meinst du nicht, es würde sich lohnen, vor dem Tod noch etwas Unsinniges zu tun?«
Er mustert mich und trommelt mit den Fingern auf die Armlehne. Ich starre zurück, ich weiß ja, dass er zuerst nachgibt. Und wirklich, kurze Zeit später senkt er den Blick und murmelt: »In Ordnung. Aber eins sag ich dir, wenn sie mich holen kommen, behaupte ich, es war deine Idee!«

Sophie verschenkt »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« von Joël Dicker

»Pures Lesevergnügen hat mir Joël Dicker mit seinem so klug konstruierten Roman »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« beschert. Das Buch ist ein Krimi, der weder finster noch blutig ist, eine Liebesgeschichte, die nicht kitschig ist und immer wieder mit seinen ungeahnten Wendungen und Beziehungen innerhalb der Figurenkonstellation verblüfft. Hinzu kommen ein interessanter Blick auf den Literaturbetrieb und humorvolle, emotionale und scharfsinnige Dialoge. Damit hat der Autor alles vereint, was für mich ein originelles und geistreich-unterhaltsames Buch ausmacht.«

Und das Beste: Bald kommt sein neuer Roman »Die Geschichte der Baltimores«! Im nächsten Jahr darf also weitergelesen werden.
 

Blick ins Buch
Die Wahrheit über den Fall Harry QuebertDie Wahrheit über den Fall Harry QuebertDie Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Roman

Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors - und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman - fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln ...
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Der Tag des Verschwindens

Samstag, 30. August 1975

»Polizeizentrale! Sie möchten einen Notfall melden?«

»Hallo? Mein Name ist Deborah Cooper. Ich wohne in der Side Creek Lane. Ich glaube, ich habe gerade gesehen, wie ein Mädchen im Wald von einem Mann verfolgt wurde.«

»Was genau ist passiert?«

»Ich weiß es nicht! Ich habe am Fenster gestanden und in den Wald geschaut, und da habe ich dieses Mädchen gesehen, das zwischen den Bäumen entlanglief … Ein Mann war hinter der Kleinen her … Ich glaube, sie hat versucht, ihm zu entkommen.«

»Wo sind die beiden jetzt?«

»Ich … Ich kann sie nicht mehr sehen. Sie sind im Wald.«

»Ich schicke sofort einen Streifenwagen zu Ihnen, Madam.«

Dieser Anruf war der Auftakt zu den Geschehnissen, die das Städtchen Aurora im Bundesstaat New Hampshire erschüttern sollten. Nola Kellergan, ein fünfzehnjähriges Mädchen aus der Gegend, verschwand an diesem Tag spurlos.

 

 

VORWORT

Oktober 2008

Dreiunddreißig Jahre nach dem Verschwinden

 

Das Buch war in aller Munde. Ich konnte in New York nicht mehr in Ruhe durch die Straßen schlendern oder durch den Central Park joggen, ohne dass Spaziergänger mich erkannten und ausriefen: »He, das ist Goldman! Der Schriftsteller!« Manche hefteten sich mir sogar im Laufschritt an die Fersen, um mir die Fragen zu stellen, die sie so beschäftigten: »Was Sie da in Ihrem Buch schreiben, ist das wahr? Hat Harry Quebert das wirklich getan?« In meinem Stammcafé im West Village schreckten manche Gäste nicht einmal davor zurück, sich an meinen Tisch zu setzen und mir ein Gespräch aufzudrängen: »Ich lese gerade Ihr Buch, Mr Goldman. Ich kann es einfach nicht aus der Hand legen! Das erste war ja schon gut, aber das hier …! Hat man wirklich eine Million Dollar abgedrückt, damit Sie es schreiben? Wie alt sind Sie denn? Knapp dreißig? Dreißig Jahre und haben schon so viel Kohle gescheffelt!« Sogar meinen Doorman hatte ich dabei ertappt, wie er immer dann, wenn er nicht gerade die Tür aufhalten musste, die Nase in das Buch steckte, und kaum hatte er es ausgelesen, nagelte er mich vor dem Fahrstuhl fest, um mir sein Herz auszuschütten: »Das ist also mit Nola Kellergan passiert! Wie grauenhaft! Wie kann man nur so etwas tun? Sagen Sie, Mr Goldman, wie ist so etwas möglich?«

Die New Yorker Society schwärmte von meinem Buch. Es war kaum zwei Wochen zuvor erschienen und versprach bereits der größte Verkaufserfolg des Jahres auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zu werden. Alle wollten wissen, was sich im Jahr 1975 in Aurora zugetragen hatte. Überall wurde darüber berichtet: im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen. Ich war noch nicht einmal dreißig und durch dieses Buch, erst das zweite meines Lebens, zum gefragtesten Autor des Landes avanciert.

Dieser Fall, der Amerika so in Aufregung versetzte und der den Kern meiner Erzählung bildet, war einige Monate zuvor im Frühsommer wiederaufgerollt worden, nachdem man die Überreste eines seit dreiunddreißig Jahren verschollenen Mädchens entdeckt hatte. Damit begannen die Ereignisse in New Hampshire, von denen hier die Rede sein wird und ohne die das Städtchen Aurora im restlichen Amerika mit Sicherheit unbekannt geblieben wäre.

 

 

ERSTER TEIL

Die Schriftstellerkrankheit

Acht Monate vor Erscheinen des Buchs

 

31.

In den Abgründen des Gedächtnisses

»Das erste Kapitel, Marcus, ist entscheidend. Gefällt es den Lesern nicht, werden sie Ihr Buch nicht weiterlesen. Was für ein Einstieg schwebt Ihnen vor?«

»Keine Ahnung, Harry. Glauben Sie, ich schaffe es irgendwann?«

»Was?«

»Ein Buch zu schreiben.«

»Da bin ich mir sicher.«

 

 

Zu Beginn des Jahres 2008, also rund anderthalb Jahre nachdem ich dank meines ersten Romans zum neuen Hätschelkind der amerikanischen Literaturszene geworden war, ereilte mich eine fürchterliche Schaffenskrise, ein Syndrom, das bei Schriftstellern, die einen sofortigen, durchschlagenden Erfolg erlebt haben, offenbar nicht selten vorkommt. Die Krankheit befiel mich allerdings nicht schlagartig, sondern nistete sich ganz langsam ein. Es war, als würde mein Gehirn, einmal befallen, nach und nach einfrieren. Den ersten Symptomen schenkte ich noch keine Beachtung: Ich redete mir ein, meine Inspiration werde schon am nächsten Tag oder am übernächsten oder am überübernächsten wiederkommen. Aber die Tage, Wochen und Monate vergingen, und die Inspiration kehrte nicht zurück.

Mein Abstieg in die Hölle gliederte sich in drei Phasen. Die erste – unabdingbare Voraussetzung für jeden anständigen schwindelerregenden Fall – bestand in einem fulminanten Aufstieg: Mein erster Roman hatte sich zwei Millionen Mal verkauft und mich im Alter von achtundzwanzig Jahren auf den Rang eines Erfolgsautors katapultiert. Das war im Herbst 2006, und innerhalb weniger Wochen war ich wer. Überall war ich zu sehen: im Fernsehen, in den Zeitungen, auf den Titelseiten der Magazine. Mein Gesicht prangte in den U-Bahn-Stationen von riesigen Werbeplakaten. Selbst die gestrengsten Kritiker der großen Tageszeitungen der Ostküste waren sich einig: Der junge Marcus Goldman hatte das Zeug zum großen Schriftsteller.

Ein Buch nur, ein einziges Buch, und mir öffneten sich die Türen zu einem neuen Leben: dem der millionenschweren Jungstars. Ich zog bei meinen Eltern in Montclair, New Jersey, aus und richtete mich in einem schicken Apartment im Village ein. Ich tauschte meinen Ford aus dritter Hand gegen einen nagelneuen schwarzen Range Rover mit getönten Scheiben. Ich verkehrte fortan in feinen Restaurants und nahm die Dienste eines Literaturagenten in Anspruch, der sich um mein Zeitmanagement kümmerte und mit mir in meiner neuen Bleibe auf einem riesigen Flachbildschirm Baseball schaute. Außerdem mietete ich einen Steinwurf vom Central Park entfernt ein Büro an, in dem eine Sekretärin, die ein bisschen in mich verliebt war und auf den Vornamen Denise hörte, meine Post sichtete, mir Kaffee machte und alle wichtigen Unterlagen ablegte.

In den ersten sechs Monaten nach der Veröffentlichung des Buchs genügte es mir vollauf, die angenehmen Seiten meines neuen Daseins auszukosten. Ich schaute morgens im Büro vorbei, um die jüngsten Artikel über mich zu überfliegen und die Fanbriefe zu lesen, die täglich zu Dutzenden ins Haus flatterten und die Denise danach in dicken Ordnern abheftete. Anschließend bummelte ich selbstzufrieden und in dem Gefühl, bereits genug gearbeitet zu haben, durch die Straßen von Manhattan, in denen die Passanten zu tuscheln anfingen, wenn ich an ihnen vorbeiging. Die restliche Zeit des Tages nutzte ich, um die neuen Rechte zu genießen, die der Ruhm mir gewährte: das Recht, mir alles zu kaufen, worauf ich Lust hatte; das Recht auf eine VIP-Loge im Madison Square Garden, wenn ich mir ein Spiel der Rangers ansehen wollte; das Recht, mit Musikstars, von denen ich in jüngeren Jahren sämtliche Platten gekauft hatte, über den roten Teppich zu schreiten; das Recht, mit Lydia Gloor, der umschwärmten Hauptdarstellerin aus der derzeit angesagtesten Fernsehserie, auszugehen. Ich war ein berühmter Schriftsteller und hatte das Gefühl, den schönsten Beruf der Welt auszuüben. In der Gewissheit, dass mein Erfolg ewig währte, hatte ich die ersten Warnungen meines Agenten und meines Verlegers in den Wind geschlagen, die mich drängten, mich wieder an die Arbeit zu machen und mit meinem zweiten Roman zu beginnen.

In den nächsten sechs Monaten merkte ich, dass sich der Wind zu drehen begann: Die Fanbriefe wurden immer spärlicher, auf der Straße wurde ich immer seltener angesprochen. Schon bald konfrontierten mich die wenigen Passanten, die mich überhaupt noch erkannten, mit Fragen wie: »Mr Goldman, worum geht es in Ihrem nächsten Buch? Und wann erscheint es?« Mir wurde klar, dass ich loslegen musste, und das tat ich. Ich hatte bereits Ideen auf lose Blätter notiert und Exposés in den Computer getippt, aber sie taugten nichts. Ich brachte neue Ideen hervor und verfasste neue Exposés. Wieder ohne Erfolg. Schließlich legte ich mir einen neuen Computer zu in der Hoffnung, dass er zusammen mit guten Ideen und hervorragenden Exposés verkauft würde. Fehlanzeige. Also änderte ich die Methode: Ich nahm Denise bis spätnachts in Beschlag, um ihr zu diktieren, was ich für große Sätze, Bonmots und Vorstöße zu außergewöhnlichen Romanen hielt. Doch am nächsten Tag kamen mir die Wörter abgeschmackt, die Sätze holprig und meine Vorstöße wie Rückschläge vor. Phase zwei der Krankheit hatte begonnen.

Im Herbst 2007 war seit der Herausgabe meines ersten Buchs ein Jahr vergangen, und ich hatte noch keine einzige Zeile des nächsten zu Papier gebracht. Als es keine Briefe mehr abzulegen gab, man mich in der Öffentlichkeit nicht mehr erkannte und die Plakate mit meinem Konterfei aus den großen Buchhandlungen verschwunden waren, begriff ich, dass Ruhm vergänglich ist. Er ist eine ausgehungerte Gorgo, und wer sie nicht füttert, wird rasch ersetzt: Angesagte Politiker, das Sternchen aus der jüngsten Reality-Show, eine Rockband, der gerade der Durchbruch gelungen war – sie beanspruchten nun meine Portion des öffentlichen Interesses. Dabei waren seit Erscheinen meines Buchs erst zwölf Monate vergangen, eine in meinen Augen lächerlich kurze Zeitspanne, für den Rest der Menschheit jedoch eine Ewigkeit. Im selben Jahr war allein in den USA eine Million Kinder geboren worden, eine Million Menschen war gestorben, auf gut zehntausend war geschossen worden, eine halbe Million waren drogensüchtig, eine Million zu Millionären geworden, siebzehn Millionen hatten sich ein neues Handy angeschafft, fünfzigtausend waren bei Autounfällen ums Leben gekommen und zwei Millionen bei selbigen mehr oder weniger schwer verletzt worden. Und ich, ich hatte nur ein Buch geschrieben.

Schmid & Hanson, der einflussreiche New Yorker Verlag, der mir für den ersten Roman ein hübsches Sümmchen offeriert hatte und große Hoffnungen in mich setzte, machte meinem Agenten Douglas Claren Druck, und der wiederum lag mir in den Ohren. Er sagte, die Zeit dränge, ich müsse unbedingt ein neues Manuskript vorlegen. Ich bemühte mich, ihn und damit auch mich selbst zu beruhigen, und beteuerte, dass es mit dem zweiten Roman gut voranginge und er sich keine Sorgen zu machen brauche. Doch trotz der vielen Stunden, die ich mich in meinem Büro verkroch, blieben die Seiten leer: Meine Inspiration hatte sich sang- und klanglos davongemacht, und ich fand sie beim besten Willen nicht wieder. Wenn ich abends schlaflos im Bett lag, überlegte ich mir, dass es den großen Marcus Goldman schon bald, noch vor seinem dreißigsten Geburtstag, nicht mehr geben würde. Diese Vorstellung erschreckte mich dermaßen, dass ich, um auf andere Gedanken zu kommen, Urlaub zu machen beschloss: Ich gönnte mir einen Monat in einem Luxushotel in Miami, sozusagen, um wiederaufzutanken, weil ich zutiefst davon überzeugt war, dass mir die Entspannung unter Palmen zur Wiedererlangung meines vollen kreativen Potenzials verhelfen würde. Doch Florida war natürlich nur ein herrlicher Fluchtversuch, und schon zweitausend Jahre vor mir hatte der Philosoph Seneca dieselbe leidvolle Erfahrung gemacht: Wohin man auch flieht – die Probleme mogeln sich ins Gepäck und folgen einem überallhin. Es war, als wäre mir nach der Landung in Miami ein freundlicher kubanischer Gepäckträger zum Ausgang nachgelaufen und hätte zu mir gesagt: »Sind Sie Mr Goldman?«

»Ja.«

»Dann gehört das hier Ihnen.«

Und er hätte mir einen Umschlag mit einem Papierstoß darin hingehalten.

»Sind das meine leeren Seiten?«

»Ja, Mr Goldman. Sie wollten New York doch wohl nicht ohne sie verlassen?«

Ich verbrachte also einen Monat allein, elend und verdrossen mit meinen Dämonen in einer Hotelsuite in Florida. Das mit »NeuerRoman.doc« benannte Dokument auf meinem Computer, der Tag und Nacht lief, blieb zu meiner Verzweiflung blank. Dass ich mir eine in Künstlerkreisen weitverbreitete Krankheit eingefangen hatte, wurde mir an dem Abend klar, an dem ich den Pianisten der Hotelbar auf eine Margarita einlud. Er erzählte mir an der Theke, dass er in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Song geschrieben habe, aber der war ein Bombenhit gewesen. Er war damit so erfolgreich gewesen, dass er nie wieder etwas hatte schreiben können, und jetzt war er total abgebrannt und unglücklich und hielt sich über Wasser, indem er für die Hotelgäste die Hits von anderen auf dem Klavier klimperte. »Früher habe ich Mordstourneen gemacht und bin in den größten Sälen des Landes aufgetreten«, erzählte er und packte mich am Hemdkragen. »Zehntausend Menschen haben meinen Namen geschrien, die Puppen sind reihenweise in Ohnmacht gefallen, und ein paar haben mir sogar ihr Höschen zugeworfen. Das war was!« Nachdem er wie ein kleiner Hund das Salz rund um sein Glas abgeleckt hatte, fügte er hinzu: »Ich schwör dir, das ist die Wahrheit.« Und das war ja gerade das Schlimme: Ich wusste, dass es stimmte.

Phase drei meines Unglücks begann mit meiner Rückkehr nach New York. Auf dem Heimflug von Miami las ich an Bord einen Artikel über einen Nachwuchsautor, von dem soeben ein von der Kritik beweihräucherter Roman erschienen war, und bei meiner Ankunft am Flughafen LaGuardia starrte mir in der Gepäckhalle von großen Plakaten sein Gesicht entgegen. Das Leben verhöhnte mich: Man vergaß mich nicht nur, sondern, schlimmer noch, man war dabei, mich zu ersetzen. Douglas, der mich am Flughafen abholte, war außer sich: Bei Schmid & Hanson war man am Ende der Geduld, man wollte einen Beweis, dass ich vorankam und imstande war, ihnen bald das fertige Manuskript zu präsentieren.

»Es sieht schlecht aus für uns«, sagte er im Auto auf der Fahrt nach Manhattan. »Sag mir, dass du in Florida Kraft getankt hast und mit deinem Buch ein gutes Stück vorangekommen bist! Da ist dieser Kerl, von dem jetzt alle reden … Sein Buch wird der große Weihnachtsknaller. Und du, Marcus? Was hast du für Weihnachten zu bieten?«

»Ich knie mich rein!«, rief ich in Panik. »Ich krieg das hin! Wir starten eine große Werbekampagne, dann klappt das schon! Die Leute haben mein erstes Buch gemocht, dann werden sie auch das nächste mögen!«

»Marc, du begreifst es nicht: Vor ein paar Monaten hätten wir das noch tun können. Das war ja gerade unsere Strategie: auf der Welle deines Erfolgs reiten, das Publikum bei Laune halten und ihm geben, was es will. Das Publikum wollte Marcus Goldman, aber da Marcus Goldman sich in Florida auf die faule Haut gelegt hat, haben die Leser sich das Buch von einem anderen gekauft. Verstehst du was von Wirtschaft, Marc? Bücher sind ein austauschbares Produkt geworden. Die Leute wollen ein Buch, das ihnen gefällt, sie ablenkt und unterhält. Und wenn du ihnen das nicht lieferst, tut es dein Nachbar, und du bist abgemeldet.«

Douglas’ Orakelsprüche hatten mir einen gehörigen Schrecken eingejagt, und ich stürzte mich in die Arbeit: Ich fing um sechs Uhr morgens an und hörte nicht vor neun oder zehn Uhr abends auf. Im Rausch der Verzweiflung verbrachte ich ganze Tage in meinem Büro, schrieb ohne Unterlass, saugte mir Wörter aus den Fingern, reihte Satz um Satz aneinander und sammelte Einfälle für meinen Roman. Doch zu meinem größten Leidwesen kam nichts Brauchbares dabei heraus. Denise verbrachte ihrerseits die Tage damit, sich Sorgen um meinen Zustand zu machen. Da sie nichts mehr zu tun hatte – kein Diktat, das sie aufnehmen, keine Post, die sie durchsehen, keinen Kaffee, den sie kochen musste –, tigerte sie im Gang auf und ab, und wenn sie es nicht mehr aushielt, trommelte sie an meine Tür.

»Ich flehe Sie an, Marcus, machen Sie auf!«, jammerte sie. »Kommen Sie aus Ihrem Büro, und gehen Sie ein bisschen im Park spazieren. Sie haben heute noch nichts gegessen!«

Ich schrie zurück: »Ich habe keinen Hunger! Kein Buch, kein Essen!«

Sie fing fast an zu schluchzen. »Sagen Sie nicht so schreckliche Sachen, Marcus. Ich gehe zum Deli an der Ecke und hole Ihnen Roastbeefsandwiches, die mögen Sie doch. Ich beeile mich! Bin gleich wieder da!«

Ich hörte, wie sie sich ihre Handtasche schnappte, zur Wohnungstür lief und gleich darauf die Treppe hinunterstürmte, als könnte ihre Eile etwas an meiner Situation ändern. Ich hatte endlich erkannt, woran ich so litt: Aus dem Nichts heraus ein Buch zu schreiben war mir leichtgefallen. Aber jetzt, wo ich mich auf dem Gipfel des Ruhms befand, jetzt, wo ich meinem Talent gerecht werden und noch einmal den beschwerlichen Marsch zum Erfolg antreten sollte – denn nichts anderes ist das Verfassen eines guten Romans –, fühlte ich mich der Sache nicht mehr gewachsen. Die Schriftstellerkrankheit hatte mich erwischt, und niemand konnte mir helfen: Alle, mit denen ich darüber redete, meinten, das sei Kinderkram und bestimmt normal, und wenn ich mein Buch nicht heute schriebe, dann eben morgen. Ich versuchte, bei meinen Eltern in Montclair zwei Tage am Stück in meinem alten Zimmer zu arbeiten, in demselben Zimmer, in dem ich zu meinem ersten Roman inspiriert worden war. Aber dieser Versuch scheiterte kläglich, woran meine Mutter vielleicht nicht unschuldig war, denn sie saß beide Tage neben mir und wiederholte, den Blick fest auf den Bildschirm meines Notebooks geheftet, immer wieder: »Das ist sehr gut, Markie.«

»Mama, ich habe nicht eine Zeile geschrieben«, sagte ich irgendwann.

»Aber ich spüre, dass es gut wird.«

»Mama, wenn du mich eine Weile allein lassen könntest …«

»Allein lassen? Warum? Hast du Blähungen? Musst du furzen? Du kannst in meiner Gegenwart furzen, mein Schatz. Ich bin deine Mutter.«

»Nein, ich muss nicht furzen, Mama.«

»Bist du hungrig? Hast du Lust auf Pancakes? Waffeln? Etwas Herzhaftes? Eier vielleicht?«

»Nein, ich bin nicht hungrig.«

»Warum soll ich dich dann allein lassen? Willst du damit sagen, dass dich die Anwesenheit der Frau stört, die dir das Leben geschenkt hat?«

»Nein, du störst mich nicht, aber …«

»Aber was

»Nichts, Mama.«

»Was du brauchst, ist eine Freundin, Markie. Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, dass du dich von dieser Schauspielerin aus dem Fernsehen getrennt hast? Wie hieß sie noch?«

»Lydia Gloor. Wir waren nicht richtig zusammen, Mama. Ich meine, es war nur eine Affäre.«

»Nur eine Affäre, nur eine Affäre! So halten das die jungen Leute heutzutage: immer nur Affären, und mit fünfzig haben sie eine Glatze und stehen ohne Familie da!«

»Was hat die Glatze damit zu tun, Mama?«

»Gar nichts. Aber findest du es richtig, dass ich aus einer Zeitschrift von deiner Beziehung mit diesem Mädchen erfahre? Welcher Sohn tut seiner Mutter so etwas an, sag? Stell dir vor, da gehe ich kurz vor deiner Abreise nach Florida zu Scheingetz – dem Friseur, nicht dem Metzger –, und dort sehen mich alle so komisch an. Ich frage, was los ist, und da hält mir Mrs Berg mit der Trockenhaube auf dem Kopf die Zeitschrift, die sie gerade liest, unter die Nase. Darin ist ein Foto von dir und dieser Lydia Gloor. Es zeigt euch zusammen auf der Straße, und in der Überschrift steht, dass ihr euch getrennt habt. Der ganze Friseursalon wusste über eure Trennung Bescheid, und ich, ich wusste nicht einmal, dass du was mit diesem Mädchen hattest! Natürlich wollte ich nicht als die Dumme dastehen, und deshalb habe ich gesagt, dass die Kleine bezaubernd ist und oft zum Abendessen bei uns war.«

»Mama, ich habe dir nichts davon erzählt, weil es nichts Ernstes war. Sie war nicht die Richtige, weißt du.«

»Es ist nie die Richtige! Du lässt dich immer mit den falschen Frauen ein, Markie! Das ist das Problem. Oder glaubst du, eine Fernsehschauspielerin könnte dir den Haushalt führen? Stell dir vor, gestern habe ich im Supermarkt Mrs Emerson getroffen. Ihre Tochter ist auch noch ledig. Sie wäre perfekt für dich. Außerdem hat sie sehr schöne Zähne. Soll ich ihr sagen, dass sie uns mal besuchen soll?«

»Nein, Mama. Ich versuche zu arbeiten.«

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür.

»Ich glaube, das sind sie«, sagte meine Mutter.

»Wer sind sie

»Mrs Emerson und ihre Tochter. Ich habe sie für sechzehn Uhr zum Tee eingeladen, und jetzt ist es Punkt sechzehn Uhr. Eine gute Frau ist eine pünktliche Frau. Liebst du sie nicht jetzt schon?«

»Du hast sie zum Tee eingeladen? Wirf sie raus, Mama! Ich will sie nicht sehen! Ich muss ein Buch schreiben, verdammt! Ich bin nicht hier, um Kaffeekränzchen abzuhalten, ich muss einen Roman schreiben!«

»Oh, Markie, du bräuchtest wirklich eine Freundin, ein Mädchen, mit dem du dich verlobst und das du heiratest. Du denkst viel zu viel an deine Bücher und vergisst darüber das Heiraten …«

Niemand begriff, was auf dem Spiel stand: Ein neues Buch musste her, und sei es nur, um die Klauseln des Vertrags zu erfüllen, der mich an den Verlag band. Im Januar 2008 bestellte mich Roy Barnaski, der allmächtige Direktor von Schmid & Hanson, in sein Büro im einundfünfzigsten Stock eines Hochhauses in der Lexington Avenue, um mir ernsthaft ins Gewissen zu reden: »Also, Goldman, wann kriege ich Ihr neues Manuskript?«, polterte er. »Wir haben einen Vertrag über fünf Bücher. Sie müssen sich an die Arbeit machen, und zwar dalli! Wir wollen Ergebnisse sehen! Wir müssen Umsatz machen! Sie sind mit der Abgabe in Verzug! Sie sind mit allem im Verzug! Sie haben ja gesehen, wie dieser Bursche, der vor Weihnachten sein Buch rausgebracht hat, Sie in der Gunst des Publikums verdrängt hat! Sein Agent sagt, dass sein nächster Roman schon fast fertig ist. Und Sie? Durch Sie verlieren wir nur Geld! Also, reißen Sie sich am Riemen, und bringen Sie die Sache in Ordnung. Landen Sie einen großen Coup, schreiben Sie mir ein gutes Buch, und retten Sie Ihre Haut. Ich gebe Ihnen sechs Monate. Bis Juni.«

Sechs Monate, um ein Buch zu schreiben! Dabei war ich seit fast anderthalb Jahren blockiert. Aussichtslos. Aber es kam noch schlimmer: Barnaski hatte mir zwar eine Frist gesetzt, mich aber nicht über die Konsequenzen aufgeklärt, die ich würde tragen müssen, wenn ich es nicht schaffte. Das übernahm Douglas zwei Wochen später bei seiner x-ten Unterredung mit mir. Er sagte: »Du musst das Buch schreiben, Junge, du kannst dich nicht länger verkriechen. Du hast für fünf Bücher unterschrieben! Fünf Bücher! Barnaski ist stinksauer und mit seiner Geduld am Ende. Er hat mir erzählt, dass er dir eine Gnadenfrist bis Juni gesetzt hat. Ist dir klar, was passiert, wenn du es verbockst? Sie lösen deinen Vertrag auf, verklagen dich und saugen dich bis aufs Mark aus. Sie nehmen dir deine ganze Kohle weg, und dann ist Schluss mit dem schönen Leben, dem schicken Apartment, den italienischen Slippern und dem dicken Auto: Dann hast du nichts mehr. Sie werden dich bluten lassen.«

Noch vor einem Jahr war ich als neuer Stern am Literaturhimmel gefeiert worden, und nun galt ich als größte Enttäuschung, als schlimmster Bummelant der nordamerikanischen Verlagsszene. Lektion zwei: Ruhm ist nicht nur vergänglich, sondern hat auch Konsequenzen. Am Abend nach Douglas’ Standpauke griff ich zum Telefon und wählte die Nummer des einzigen Menschen, von dem ich annahm, dass er mir aus dieser Notlage heraushelfen konnte: Harry Quebert, mein ehemaliger Professor und zudem einer der meistgelesenen und angesehensten Autoren Amerikas, mit dem ich seit gut zehn Jahren, seit ich am Burrows College in Massachusetts bei ihm studiert hatte, eng verbunden war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen und fast genauso lange nicht mehr mit ihm telefoniert. Ich rief ihn zu Hause in Aurora, New Hampshire, an.

Als er meine Stimme hörte, meinte er spöttisch: »Ah, Marcus! Sind Sie es wirklich? Kaum zu glauben! Seit Sie ein Star sind, lassen Sie nichts mehr von sich hören. Vor einem Monat habe ich versucht, Sie zu erreichen, aber Ihre Sekretärin hat mich wissen lassen, dass Sie für niemanden zu sprechen sind.«

Ich erwiderte unumwunden: »Mir geht’s schlecht, Harry. Ich glaube, ich kann nicht mehr schreiben.«

Er wurde schlagartig ernst. »Was reden Sie da, Marcus?«

»Ich weiß nicht mehr, was ich schreiben soll. Ich bin erledigt. Schreibhemmung … seit Monaten … vielleicht einem Jahr.«

Er stimmte ein warmes, beruhigendes Lachen an. »Eine geistige Blockade, das ist es, Marcus! Schreibhemmung klingt genauso albern wie Ladehemmung beim Sex. Das Genie kriegt die Panik, genau wie Ihr Schwanz schlapp macht, wenn Sie gerade mit einer Ihrer Verehrerinnen Schubkarre spielen wollen und zu sehr daran denken, wie Sie ihr einen Orgasmus verschaffen, den man auf der Richterskala messen kann. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Genialität, reihen Sie einfach nur ein Wort ans andere. Die Genialität kommt dann von ganz allein.«

»Meinen Sie?«

»Da bin ich mir sicher. Allerdings sollten Sie Ihr mondänes Leben mit den Cocktailpartys ein wenig zurückfahren. Schreiben ist eine ernste Angelegenheit. Ich dachte, das hätte ich Ihnen eingebläut.«

»Aber ich arbeite hart! Ich tue nichts anderes mehr! Und trotzdem kommt nichts dabei heraus!«

»Vielleicht fehlt Ihnen ja nur die richtige Umgebung? New York ist schön und gut, aber viel zu laut. Warum kommen Sie nicht hierher, so wie damals, als Sie noch bei mir studiert haben?«

Raus aus New York und ein Tapetenwechsel! Noch nie war mir eine Einladung ins Exil sinnvoller erschienen. Mich in der amerikanischen Provinz in Gesellschaft meines alten Meisters auf die Suche nach der Inspiration für ein neues Buch machen – das war genau das, was ich brauchte. Und so brach ich eine Woche später, Mitte Februar 2008, nach Aurora in New Hampshire auf, nur wenige Monate vor den dramatischen Ereignissen, von denen ich Ihnen hier berichten werde.

 

Vor diesem Fall, der im Sommer 2008 ganz Amerika erregte, hatte noch nie jemand von Aurora gehört. Es ist eine Kleinstadt am Meer, mit dem Auto etwa eine Viertelstunde von der Grenze nach Massachusetts entfernt. In der Hauptstraße gibt es ein Kino, dessen Programm im Vergleich zum Rest des Landes stets hinterherhinkt, ein paar Läden, ein Postamt, ein Polizeirevier und eine Handvoll Restaurants, darunter das Clark’s, das historische Diner der Stadt. Drumherum friedliche Wohnviertel aus bunt gestrichenen Holzhäusern mit einladenden Veranden, Schieferdächern und tadellos gepflegten Rasen. Es ist ein Stück Amerika, dessen Bewohner ihre Haustüren nicht abschließen, einer von diesen Orten, wie es sie nur in Neuengland gibt, und so beschaulich, dass man meint, hier könnte nichts Böses geschehen.

Ich kannte Aurora gut, weil ich Harry in der Zeit, als ich noch sein Student war, oft besucht hatte. Er wohnte in einem herrlichen Haus aus Stein und massiven Kiefernbohlen außerhalb der Stadt an der Route 1 in Richtung Maine, am Ufer eines Meeresarms, der in den Landkarten als Goose Cove verzeichnet ist. Es war eine wahre Schriftstellervilla, die mit ihrer Sonnenterrasse, von der eine Treppe direkt zum Strand hinunterführte, über dem Ozean thronte. Die Umgebung war wilde Beschaulichkeit pur: der Küstenwald, die Uferstreifen mit ihren Kieseln und riesigen Steinen, die feuchten, farn- und moosbewachsenen Wäldchen, ein paar Spazierwege, die am Strand entlangführten. Man hätte sich am Ende der Welt wähnen können, hätte man nicht gewusst, dass einen nur wenige Meilen von der Zivilisation trennten. Und man konnte sich lebhaft vorstellen, wie der in die Jahre gekommene Autor, von den Gezeiten und Sonnenuntergängen inspiriert, auf der Terrasse seine Meisterwerke verfasste.

Am 10. Februar 2008 verließ ich New York auf dem Höhepunkt meiner Schaffenskrise. Im Land ging es hoch her, denn die Präsidentschaftswahlen standen vor der Tür: Am Super Tuesday (der ausnahmsweise im Februar und nicht im März stattgefunden hatte – ein Beweis dafür, dass dies ein außergewöhnliches Jahr werden sollte) hatte bei den Republikanern einige Tage zuvor Senator McCain das Rennen gemacht, während bei den Demokraten noch immer der Kampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tobte. Ich fuhr ohne Pause bis Aurora durch. Der Winter war schneereich, und unterwegs zogen tiefweiße Landschaften an mir vorbei. Ich liebte New Hampshire.

Ich liebte die Ruhe dort, die riesigen Wälder, die von Seerosen bedeckten Teiche, in denen man im Sommer schwimmen und auf denen man im Winter Schlittschuh laufen konnte, und ich mochte die Vorstellung, dass man hier weder Mehrwert- noch Einkommenssteuer zahlte. In meinen Augen war New Hampshire ein libertärer Staat, und sein in die Kennzeichen der mich auf der Autobahn überholenden Fahrzeuge eingeprägtes Motto FREI LEBEN ODER STERBEN umriss sehr gut das starke Freiheitsgefühl, das mich bei jedem meiner Aufenthalte in Aurora durchdrungen hatte. Und ich erinnere mich noch gut, wie mich bei meiner Ankunft in Goose Cove an diesem kalten, nebligen Nachmittag plötzlich ein Gefühl tiefen inneren Friedens überkam. Harry erwartete mich, in eine dicke Winterjacke gehüllt, unter dem Portalvorbau seines Hauses. Als ich aus dem Wagen stieg, kam er mir entgegen, legte mir die Hände auf die Schultern und schenkte mir ein breites, ermutigendes Lächeln.

»Was ist los mit Ihnen, Marcus?«

»Ich weiß es nicht, Harry …«

»Na, na, Sie waren schon immer ein viel zu sensibler junger Mann.«

Noch bevor ich meine Sachen auspackte, machten wir es uns im Wohnzimmer bequem, um uns ein wenig zu unterhalten. Er schenkte uns Kaffee ein. Im Kamin knisterte ein Feuer. Im Inneren des Hauses war es gemütlich, während ich durch die riesige Panoramascheibe den von eisigen Winden aufgepeitschten Ozean sah und den nassen Schnee, der auf die Felsen fiel.

»Ich hatte vergessen, wie schön es hier ist«, murmelte ich.

Er nickte. »Ich werde mich gut um Sie kümmern, mein junger Freund, Sie werden sehen. Sie werden uns hier einen Mordsroman zusammenschreiben. Machen Sie sich keinen Kopf, alle guten Schriftsteller durchlaufen mal solche schwierigen Phasen.«

Er hatte diese gelassene, zuversichtliche Art, wie ich sie seit jeher von ihm kannte. Ich hatte diesen Mann noch nie zweifeln sehen. Charismatisch und selbstsicher, strahlte er eine natürliche Autorität aus. Obwohl er auf die siebenundsechzig zuging, war er mit seiner vollen, silbergrauen, stets gepflegten Mähne, den breiten Schultern und dem kräftigen Körper, dem man das jahrelange Boxen ansah, eine eindrucksvolle Erscheinung. Harry war Boxer, und durch diese Sportart, die ich selbst fleißig praktizierte, hatten wir uns am Burrows College angefreundet.

Meine Verbundenheit mit Harry, auf die ich in diesem Buch noch eingehen werde, war sehr tief. Er war im Jahr 1998 in mein Leben getreten, als ich ein Studium am Burrows College in Massachusetts aufgenommen hatte. Damals war ich zwanzig, er siebenundfünfzig gewesen. Seit nunmehr fünfzehn Jahren hatte er damals der literarischen Fakultät dieser bescheidenen Provinzhochschule mit ihrer gemütlichen Atmosphäre und netten, höflichen Studentenschar goldene Zeiten beschert. Bis dahin hatte ich den großen Schriftsteller Harry Quebert nur dem Namen nach gekannt. In Burrows begegnete ich »Harry«, kurz und knapp. Trotz des Altersunterschieds sollte er einer meiner engsten Freunde werden und mir das Schreiben beibringen. Er selbst hatte die höheren Weihen Mitte der 1970er-Jahre empfangen, als sich sein zweites Buch, Der Ursprung des Übels, fünfzehn Millionen Mal verkaufte und ihm sowohl den National Book Award als auch den National Literary Award, die beiden angesehensten Literaturpreise des Landes, einbrachte. Seither publizierte er in regelmäßigen Abständen und schrieb eine viel beachtete monatliche Kolumne im Boston Globe. Er zählte zu den Galionsfiguren der amerikanischen Intelligenzija, hielt zahlreiche Vorträge und war ein gefragter Gast bei den wichtigeren kulturellen Veranstaltungen. Seine Meinung in politischen Fragen hatte Gewicht. Er genoss hohes Ansehen, war der Stolz seines Landes und zählte zum Besten, was Amerika hervorzubringen imstande war. In den Wochen, die ich bei ihm verbringen wollte, würde es ihm hoffentlich gelingen, wieder einen Schriftsteller aus mir zu machen und mir zu zeigen, wie ich mich aus dieser kreativen Sackgasse herausmanövrieren konnte. Ich musste allerdings feststellen, dass Harry meine Lage zwar schwierig, aber nicht ungewöhnlich fand. »Autoren haben manchmal einen Blackout, das gehört zum Berufsrisiko«, klärte er mich auf. »Machen Sie sich an die Arbeit, Sie werden sehen, das Problem löst sich von ganz allein.« Er stellte mir sein Arbeitszimmer im Erdgeschoss zur Verfügung, wo er selbst all seine Bücher geschrieben hatte, auch den Ursprung des Übels. Dort brachte ich lange Stunden mit dem Versuch zu, ebenfalls etwas zu Papier zu bringen, doch ich war zu sehr in die Betrachtung des Ozeans und Schnees auf der anderen Seite der Fensterscheibe versunken. Wenn Harry mir Kaffee oder etwas zu essen brachte und meine verzweifelte Miene sah, versuchte er mich aufzumuntern.

Eines Morgens sagte er schließlich zu mir: »Machen Sie nicht so ein Gesicht, Marcus. Man könnte meinen, Sie müssten sterben.«

»Ich bin nah dran …«

»Aber, aber … Zermartern Sie sich von mir aus den Kopf über den Gang der Welt oder den Krieg im Irak, aber doch nicht wegen einem lausigen Buch … Dafür ist es noch zu früh. Sie sind wirklich rührend, wissen Sie das? Sie machen ein Riesentheater, weil es Ihnen schwerfällt, auch nur drei Zeilen zu schreiben. Sehen Sie doch mal den Tatsachen ins Auge: Sie haben ein großartiges Buch geschrieben, Sie sind reich und berühmt geworden, und Ihr zweites Buch hat ein bisschen Mühe, aus Ihrem Kopf herauszukommen. An dieser Situation ist überhaupt nichts Merkwürdiges oder Beunruhigendes …«

»Was ist mit Ihnen? Haben Sie dieses Problem nie gehabt?«

Er lachte schallend. »Eine Schreibblockade? Soll das ein Scherz sein? Mein armer Freund: öfter, als Sie sich vorstellen können!«

»Mein Verleger sagt, wenn ich nicht jetzt sofort ein neues Buch schreibe, bin ich erledigt.«

»Wissen Sie, was ein Verleger ist? Ein gescheiterter Schriftsteller, dessen Papa reichlich Kohle hatte und es ihm ermöglichen konnte, sich das Talent anderer anzueignen. Sie werden sehen, Marcus, alles kommt ganz schnell wieder in Ordnung. Vor Ihnen liegt eine steile Karriere. Ihr erstes Buch war bemerkenswert, Ihr zweites wird noch besser. Kopf hoch, ich helfe Ihnen.«

Ich kann zwar nicht behaupten, dass mir mein Rückzug nach Aurora die Inspiration zurückgab, aber er tat mir unbestreitbar gut. Harry auch, denn er war oft einsam, das wusste ich: Er hatte keine Familie und nicht viel Ablenkung. Wir verlebten glückliche Tage. Genau genommen waren es die letzten glücklichen Tage, die wir gemeinsam verbrachten. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge am Meer, hörten uns wieder einmal die großen Opernklassiker an, zogen auf den Langlaufloipen unsere Bahnen, klapperten die kulturellen Veranstaltungen der Gegend ab und unternahmen Ausflüge in die umliegenden Supermärkte, um nach den kleinen Cocktailwürstchen Ausschau zu halten, deren Verkaufserlös der amerikanischen Armee zugutekam, denn Harry war ganz wild auf sie und meinte, allein diese Würstchen rechtfertigten die militärische Intervention im Irak. Wir aßen auch oft im Clark’s zu Mittag und verbrachten ganze Nachmittage dort, tranken Kaffee und philosophierten über das Leben wie zu der Zeit, als ich noch sein Student gewesen war. Jeder in Aurora kannte und respektierte Harry, und auch mich kannten die Leute von früher. Von allen am meisten lagen mir Jenny Dawn, die Besitzerin des Clark’s, und Erne Pinkas, der ehrenamtliche Gemeindebibliothekar. Er stand Harry sehr nahe und kam abends manchmal auf ein Gläschen Scotch in Goose Cove vorbei. Ich selbst suchte die Bücherei jeden Morgen auf, um die New York Times zu lesen. Am ersten Tag war mir aufgefallen, dass Erne Pinkas ein Exemplar meines Buchs in einem gut sichtbaren Aufsteller platziert hatte. Stolz hatte er es mir gezeigt und gesagt: »Siehst du, Marcus, dein Buch steht in vorderster Reihe. Es ist seit einem Jahr das am häufigsten ausgeliehene Buch. Wann erscheint dein nächstes?« – »Ehrlich gesagt komme ich nicht so richtig in die Gänge. Deshalb bin ich hier.« – »Mach dir nichts draus. Du hast bestimmt bald eine zündende Idee, da bin ich mir sicher.« – »Zum Beispiel?« – »Davon verstehe ich nicht viel, du bist der Schriftsteller. Aber man muss ein Thema finden, das die Leute begeistert.«

Harry saß im Clark’s seit dreißig Jahren am selben Tisch, nämlich an dem mit der Nummer 17, an den Jenny eine Metallplakette hatte schrauben lassen. Sie trug die Aufschrift:

An diesem Tisch verfasste der Schriftsteller Harry

Quebert im Sommer 1975 seinen berühmten

Roman Der Ursprung des Übels.

Ich kannte diese Plakette seit jeher, hatte ihr aber nie wirklich Beachtung geschenkt. Erst bei diesem Aufenthalt begann ich mich näher für sie zu interessieren und betrachtete sie lange. Schon bald gingen mir die ins Metall gravierten Worte nicht mehr aus dem Kopf: An diesem armseligen, von Fett und Ahornsirup klebrigen Tisch im Diner einer Kleinstadt von New Hampshire hatte Harry also gesessen und sein gewaltiges Meisterwerk verfasst, das ihn zu einer literarischen Legende gemacht hatte. Woher hatte er die Inspiration genommen? Auch ich wollte mich an diesen Tisch setzen, schreiben und darauf warten, dass mich ein Geistesblitz traf. Also ließ ich mich zwei Nachmittage in Folge mit Papier und Stift daran nieder – doch vergebens. Schließlich fragte ich Jenny: »Er hat sich also hier an diesen Tisch gesetzt und geschrieben?«

Sie nickte. »Den ganzen Tag, Marcus, den lieben langen Tag. Pausenlos. Das war im Sommer 1975, daran erinnere ich mich noch gut.«

»Und wie alt war er damals?«

»So alt wie du. Um die dreißig. Vielleicht ein paar Jahre älter.«

In mir wallte ein grimmiger Wunsch auf: Auch ich wollte ein Meisterwerk verfassen, auch ich wollte ein Buch schreiben, das Maßstäbe setzte. Harry begriff das, als er feststellte, dass ich nach fast einmonatigem Aufenthalt bei ihm keine Zeile zu Papier gebracht hatte. Die folgende Szene spielte sich Anfang März in seinem Arbeitszimmer in Goose Cove ab, in dem ich immer noch auf die göttliche Erleuchtung wartete, als er, mit einer Schürze um den Bauch, hereinkam und mir ein paar eigenhändig frittierte Donuts brachte.

»Geht’s voran?«, erkundigte er sich.

»Das wird der ganz große Wurf«, behauptete ich und reichte ihm den Papierstapel, den mir der kubanische Gepäckträger drei Monate zuvor hinterhergetragen hatte.

Er stellte das Tablett ab, um einen Blick darauf zu werfen: »Sie haben nichts geschrieben? Sie sind seit drei Wochen hier und haben nichts geschrieben?«

Ich fuhr aus der Haut: »Nein, nichts! Jedenfalls nichts Brauchbares! Nur Ideen für einen schlechten Roman.«

»Herrgott, Marcus! Wollen Sie einen Roman schreiben oder nicht?«

Ich erwiderte, ohne nachzudenken: »Ein Meisterwerk! Ich will ein Meisterwerk schreiben!«

»Ein Meisterwerk?«

»Ja. Ich will einen großartigen Roman mit großartigen Ideen schreiben! Ich will ein Buch schreiben, das Eindruck macht.«

Harry musterte mich kurz und brach dann in Gelächter aus. »Ihr übertriebener Ehrgeiz geht mir auf die Nerven, Marcus, das sage ich Ihnen schon seit einer Ewigkeit. Sie werden ein ganz großer Schriftsteller, davon bin ich überzeugt. Aber wollen Sie wissen, was Ihr Problem ist? Sie haben es viel zu eilig! Wie alt sind Sie jetzt?«

»Dreißig.«

»Dreißig! Und Sie wollen schon jetzt eine Kreuzung aus Saul Bellow und Arthur Miller sein? Der Ruhm wird schon kommen, immer schön mit der Ruhe. Ich bin jetzt siebenundsechzig, und manchmal wird mir angst und bange, weil die Zeit so schnell vergeht. Jedes Jahr, das vergeht, ist ein Jahr weniger, und ich kann es nicht zurückholen. Was haben Sie geglaubt, Marcus? Dass Sie Ihr zweites Buch einfach so raushauen können? Eine Schriftstellerlaufbahn braucht ihre Zeit, mein Freund. Und um einen großen Roman zu schreiben, braucht man keine großartigen Ideen. Seien Sie einfach nur Sie selbst, dann schaffen Sie es bestimmt, da mache ich mir bei Ihnen keine Sorgen. Ich unterrichte seit fünfundzwanzig Jahren Literatur, seit fünfundzwanzig langen Jahren, und Sie sind der klügste Kopf, der mir dabei untergekommen ist.«

»Danke.«

»Danken Sie mir nicht, es ist schlicht und einfach die Wahrheit. Aber jammern Sie nicht wie ein altes Waschweib, weil Sie den Nobelpreis noch nicht bekommen haben. Himmel noch mal, mit dreißig! Also, wirklich! Schlagen Sie sich das mit dem großen Roman aus dem Kopf. Einen Nobelpreis für den größten Schwachsinn haben Sie verdient!«

»Aber wie haben Sie es angestellt, Harry? Ihr Buch Der Ursprung des Übels aus dem Jahr 1976 ist ein Meisterwerk! Dabei war es erst Ihr zweites Buch … Wie haben Sie das gemacht? Wie schreibt man ein Meisterwerk?«

Er lächelte traurig.

»Marcus, Meisterwerke schreibt man nicht, sie entstehen einfach. Außerdem existiert für viele Menschen nur dieses eine Buch von mir. Damit will ich sagen, dass keines von denen, die darauf gefolgt sind, auch nur annähernd so erfolgreich war. Im Zusammenhang mit mir denken die Leute sofort und nahezu ausschließlich an Der Ursprung des Übels. Das ist traurig, denn wenn man mir mit dreißig gesagt hätte, dass ich den Zenit bereits erreicht habe, hätte ich mich wahrscheinlich ins Meer gestürzt. Also immer schön mit der Ruhe.«

»Bereuen Sie es, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?«

»Ein bisschen vielleicht … Ich weiß es nicht. Reue ist ein Begriff, den ich nicht mag: Er bedeutet nämlich, dass wir nicht zu dem stehen, was wir getan haben.«

»Was soll ich denn jetzt machen?«

»Was Sie schon immer am besten gekonnt haben: schreiben. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Marcus: Machen Sie es nicht wie ich. Wir beide sind uns ausgesprochen ähnlich, wissen Sie, und deshalb beschwöre ich Sie: Wiederholen Sie nicht die Fehler, die ich begangen habe.«

»Welche Fehler?«

»Als ich im Sommer 1975 hierherkam, wollte ich auch unbedingt ein Meisterwerk schreiben. Ich war von der Idee und dem Wunsch besessen, ein berühmter Schriftsteller zu werden.«

»Und Sie haben es geschafft …«

»Sie verstehen nicht: Gewiss, heute bin ich ein ›großer Schriftsteller‹, wie Sie es nennen, aber ich lebe allein in diesem riesigen Haus. Mein Leben ist leer, Marcus. Lassen Sie nicht zu, dass der Ehrgeiz Sie auffrisst. Sonst wird Ihr Herz einsam und Ihre Feder traurig. Warum haben Sie eigentlich keine Freundin?«

»Weil ich keine finde, die mir wirklich gefällt.«

»Ich glaube eher, dass Sie es mit dem Vögeln genauso halten wie mit dem Schreiben: entweder Ekstase oder nichts. Suchen Sie sich ein anständiges Mädchen, und geben Sie der Kleinen eine Chance. Und mit Ihrem Buch machen Sie es genauso. Geben Sie sich selbst eine Chance! Geben Sie Ihrem Leben eine Chance! Wissen Sie, was meine Hauptbeschäftigung ist? Möwen füttern. Ich sammle trockenes Brot in der Blechschachtel, der aus der Küche mit der Aufschrift Souvenir aus Rockland, Maine, und das werfe ich den Möwen hin. Sie sollten nicht immer nur schreiben …«

Trotz der Ratschläge, die Harry mir erteilte, ließ mir ein Gedanke keine Ruhe: Was war bei ihm, als er in meinem Alter gewesen war, der Auslöser gewesen? Welcher Geistesblitz hatte es ihm erlaubt, Der Ursprung des Übels zu schreiben? Ich war wie besessen von dieser Frage, und da Harry mir sein Arbeitszimmer überlassen hatte, nahm ich mir die Freiheit, ein wenig darin herumzustöbern. Nie hätte ich mir vorstellen können, was ich entdecken würde! Alles begann damit, dass ich auf der Suche nach einem Stift eine Schublade aufzog und darin ein handgeschriebenes Heft und ein paar lose Blätter fand: Originale von Harry. Wie aufregend! Hier bot sich mir die unverhoffte Gelegenheit herauszufinden, wie Harry arbeitete, ob es in seinem Heft von Streichungen wimmelte oder ob er einfach wirklich ein Genie war. Begierig machte ich mich in seiner Bibliothek auf die Suche nach weiteren Manuskripten. Um freie Bahn zu haben, musste ich jedoch warten, bis Harry außer Haus war; also auf den Donnerstag, da unterrichtete er in Burrows: Er brach frühmorgens auf und kehrte in der Regel erst am späten Abend zurück. So kam es am Nachmittag des 6. März 2008 zu einer Begebenheit, die ich augenblicklich wieder zu vergessen beschloss: Ich fand heraus, dass Harry im Alter von vierunddreißig Jahren eine Affäre mit einem fünfzehnjährigen Mädchen gehabt hatte. Das war im Jahr 1975 gewesen.

Ich kam seinem Geheimnis auf die Spur, als ich hemmungslos die Regale in seinem Arbeitszimmer durchforstete und dabei hinter ein paar Büchern auf eine große Lackschachtel mit Klappdeckel stieß. Ich witterte Beute, vielleicht sogar das Manuskript von Der Ursprung des Übels. Also nahm ich die Schachtel und öffnete sie, doch zu meinem großen Verdruss enthielt sie kein Manuskript, sondern lediglich ein paar Fotos und Zeitungsartikel. Die Fotos zeigten einen jungen Harry, einen flotten Dreißiger: elegant, stolz, neben sich ein junges Ding. Vier oder fünf Fotos waren es insgesamt, und auf allen war dieses Mädchen zu sehen. Auf einem posierte Harry mit nacktem Oberkörper, braun gebrannt und muskulös am Strand: Er drückte das lächelnde Mädchen an sich; die Kleine hatte sich die Sonnenbrille in ihr langes, blondes Haar geschoben, um es zurückzuhalten, und küsste ihn auf die Wange. Auf der Rückseite des Fotos stand: Nola und ich, Martha’s Vineyard, Ende Juli 1975. Vor lauter Aufregung über meinen Fund merkte ich nicht, dass Harry viel früher als erwartet vom College zurückkam. Ich hörte weder die knirschenden Autoreifen seiner Corvette auf der Kiesauffahrt von Goose Cove noch seine Stimme, als er das Haus betrat. Nichts hörte ich, denn ich entdeckte in der Schachtel unter den Fotos einen undatierten Brief. Auf dem hübschen Papier stand in kindlicher Handschrift:

Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen, Harry, ich schaffe es schon irgendwie zu unserem Treffpunkt. Warten Sie in Zimmer acht auf mich. Ich liebe diese Zahl, das ist meine Lieblingszahl. Warten Sie dort um neunzehn Uhr auf mich. Und dann gehen wir für immer fort.

Ich liebe Sie so!

In Zärtlichkeit,

Nola

Wer war diese Nola? Mit klopfendem Herzen nahm ich mir die Zeitungsausschnitte vor: In allen Artikeln war vom rätselhaften Verschwinden einer gewissen Nola Kellergan an einem Augustabend des Jahres 1975 die Rede, und die Nola auf den Zeitungsfotos sah exakt so aus wie die Nola auf Harrys Aufnahmen. In diesem Augenblick betrat Harry, die Tür mit dem Fuß aufstoßend, das Arbeitszimmer, in den Händen ein Tablett mit Kaffeetassen und einem Teller Kekse, das er fallen ließ, als er mich, den Inhalt seiner geheimen Schachtel vor mir ausgebreitet, auf dem Teppich hocken sah.

»Was … Was machen Sie da?«, brüllte er. »Sie schnüffeln herum, Marcus? Ich lade Sie in mein Haus ein, und Sie schnüffeln in meinen Sachen herum? Was sind Sie denn für ein Freund?«

Ich stammelte ein paar ungelenke Erklärungsversuche: »Ich bin zufällig auf die Schachtel gestoßen, Harry. Ich hätte sie nicht öffnen dürfen … Es tut mir leid.«

»Das hätten Sie tatsächlich nicht! Wer gibt Ihnen das Recht? Wer gibt Ihnen, verdammt noch mal, das Recht?«

Er riss mir die Fotos aus den Händen, raffte hastig die Zeitungsartikel zusammen, stopfte alles mit fliegenden Händen in die Schachtel, verschwand damit in seinem Schlafzimmer und schloss sich ein. So hatte ich ihn noch nie erlebt, und mir war nicht klar, ob es sich um Schrecken oder Wut handelte. Vor seiner Tür stehend, erging ich mich in Entschuldigungen. Ich erklärte immer wieder, dass es nicht meine Absicht gewesen sei, ihn zu kränken, dass ich die Schachtel zufällig entdeckt hätte, doch es half nichts. Erst zwei Stunden später kam er wieder heraus und ging schnurstracks hinunter ins Wohnzimmer, um sich ein paar Gläser Whisky zu genehmigen.

Als ich das Gefühl hatte, dass er sich ein wenig beruhigt hatte, ging ich zu ihm. »Harry, wer ist dieses Mädchen?«, fragte ich leise.

Er senkte den Blick. »Nola.«

»Wer ist Nola?«

»Fragen Sie nicht, wer Nola ist. Bitte!«

»Harry, wer ist Nola?«, beharrte ich.

Er nickte. »Ich habe sie geliebt, Marcus. Ich habe sie so geliebt!«

»Warum haben Sie mir nie davon erzählt?«

»Das ist kompliziert …«

»Unter Freunden ist nichts kompliziert.«

Er zuckte mit den Schultern. »Da Sie ja nun die Fotos gefunden haben, kann ich es Ihnen eigentlich auch erzählen … Als ich 1975 nach Aurora gekommen bin, habe ich mich in dieses Mädchen verliebt. Sie war damals erst fünfzehn, hieß Nola und war die Frau meines Lebens.«

Es folgte ein kurzes Schweigen, dann fragte ich aufgewühlt: »Was ist aus Nola geworden?«

»Das ist eine schlimme Geschichte, Marcus. Sie ist verschwunden. Eines Abends Ende August 1975 ist sie verschwunden. Eine Nachbarin hatte sie zuletzt blutend gesehen. Nachdem Sie die Schachtel geöffnet haben, haben Sie sicher auch die Zeitungsartikel gesehen. Sie wurde nie gefunden. Keiner weiß, was ihr zugestoßen ist.«

»Wie schrecklich!«, stieß ich leise hervor.

Er nickte mehrmals.

»Wissen Sie«, sagte er, »Nola hat mein Leben verändert. Mir hätte es nichts bedeutet, der große Harry Quebert, der bedeutende Schriftsteller zu werden, mir hätten mein Ruhm, mein Geld und mein Erfolg nichts bedeutet, wenn ich nur Nola hätte behalten können. Nichts von all dem, was ich seither zustande gebracht habe, hat meinem Leben so viel Sinn gegeben wie der Sommer, den ich mit ihr verbringen durfte.«

Noch nie, seit ich Harry kannte, hatte ich ihn so erschüttert gesehen. Er blickte mich prüfend an und fügte dann hinzu: »Marcus, niemand hat je von dieser Geschichte erfahren. Sie sind jetzt der Einzige, der es weiß, und Sie müssen dieses Geheimnis für sich behalten.«

»Selbstverständlich.«

»Versprechen Sie es mir!«

»Ich verspreche es Ihnen, Harry. Das ist unser Geheimnis.«

»Wenn in Aurora jemand erfährt, dass ich eine Liebesbeziehung mit Nola Kellergan hatte, wäre das vermutlich mein Untergang …«

»Sie können sich auf mich verlassen, Harry.«

Das war alles, was ich über Nola Kellergan erfuhr. Wir sprachen nie wieder über sie, auch nicht über die Schachtel, und ich beschloss, diesen Vorfall für immer in den Tiefen meines Gedächtnisses zu vergraben, nicht ahnend, dass uns Nolas Geist wenige Monate später durch eine seltsame Fügung abermals erscheinen sollte.

Ende März kehrte ich nach New York zurück, nachdem ich es auch in den sechs Wochen in Aurora nicht geschafft hatte, meinen nächsten großen Roman aus der Taufe zu heben. Nur noch drei Monate bis zum Ende der Frist, die Barnaski mir gesetzt hatte, und mir war klar, dass ich keine Chance mehr hatte, die Sache zu retten. Ich hatte mir die Flügel verbrannt, mein Untergang war besiegelt, ich war der unseligste und unproduktivste aller New Yorker Paradeautoren. Während die Wochen vergingen, arbeitete ich mit Feuereifer daran, meine Niederlage vorzubereiten: Ich verschaffte Denise eine neue Anstellung, nahm Kontakt zu Anwälten auf, falls Schmid & Hanson tatsächlich gegen mich vor Gericht zog, und erstellte eine Liste der Dinge, an denen ich am meisten hing und die ich bei meinen Eltern verstecken musste, bevor die Gerichtsvollzieher an meine Tür klopften. Als der Juni anbrach, der Schicksalsmonat, der Monat des Schafotts, begann ich die Tage bis zu meinem Tod als Künstler zu zählen: dreißig kurze Tage noch, dann eine Einbestellung in Barnaskis Büro und schließlich die Exekution. Der Countdown hatte begonnen. Ich konnte nicht ahnen, dass ein dramatisches Ereignis das Blatt wenden sollte.

Isabel verschenkt »Der Gipfeldieb« von Radek Knapp

»Wie jedes Weihnachten verschenke ich natürlich Unmengen an Büchern. Aber mein absoluter Favorit geht dieses Jahr an meine beste Freundin. Der gebürtige Pole Radek Knapp erzählt im »Gipfeldieb« mit viel Schalk im Nacken und einem sechsten Sinn für die Skurrilität des Alltags. Das nimmt den komplexen Themen - der Menschwerdung des Helden, den Stolpersteinen des Lebens, der Suche nach einer Heimat - die Schwere und man spürt beim Lesen eine wunderbare Mischung aus Melancholie, Leichtigkeit und Ironie. Ein Roman zum Schmunzeln, Nachdenken und Glücklicher werden zugleich. Und wer kann das nicht ab und an brauchen (vor allem an Weihnachten)?«

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Der GipfeldiebDer GipfeldiebDer Gipfeldieb

Roman

Ludwik Wiewurka ist der Melancholiker unter den Wiener Heizungsablesern: Als Mitarbeiter der Firma Wasserbrand & Söhne besucht er die Wohnungen der Stadt und liest dabei nicht nur die Zählerstände ab, sondern widmet sich nebenbei auch der Gemütsverfassung ihrer durchaus seltsamen Bewohner. Ludwik ist gebürtiger Pole, und der innigste Wunsch seiner Mutter ist es, dass er endlich Österreicher wird. Ein Ziel, vor dem ihn sein gesunder Menschenverstand eindringlich warnt: Denn hinter jeder Tür wartet immer die nächste. Doch gegen den Willen einer starken Frau ist Ludwik natürlich machtlos - immerhin aber ist er in der Lage, sein Schicksal in eine günstige Richtung zu lenken. Ein listiger Roman über Menschenkenner und Frauenhelden, über ausgebuffte Wiener und polnische Wunderknaben. Radek Knapp nähert sich seiner hintersinnigen Geschichte mit bestechend leichter Hand.
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1
Niemals hätte ich mich in diesem Sommer als zufriedenen Menschen bezeichnet. Das roch nach Spießigkeit, Anpassung und noch etwas, worüber ich lieber nicht nachdachte. Aber als ich die berühmte Pro-und-Contra-Liste durchging, sah es irgendwie danach aus. Ich mietete zum ersten Mal in meinem Leben eine kleine Wohnung, aus deren Fenstern man keine Autobahn, sondern einen Kinderspielplatz sah, auf dem ein riesiger Marienkäfer aus Holz thronte und wohltuende Zuversicht ausstrahlte. Meine Nachbarn spielten keine klassischen Instrumente, was in Wien einem Lotto­gewinn gleichkam, und sogar privat hatten sich einige Turbulenzen gelegt, sodass ich in den ruhigen Hafen des Alleinseins eingelaufen war. Aber der wichtigste Pluspunkt war der neue Job, den ich kürzlich gefunden hatte. In der letzten Zeit war es diesbezüglich nicht besonders gut gelaufen. Allein im letzten Jahr hatte ich ein paarmal ordentlich danebengegriffen. Ich war zuerst Saunaaufgießer, dann Tierpfleger des Pavian­geheges im Schönbrunner Zoo gewesen, und zuletzt hatte ich als Weihnachtsengel Marzipanbonbons in Form einer goldenen Trompete auf der Straße verteilt.
Das Heizungsablesen gab anfangs auch nicht viel her. Meine Aufgabe bestand darin, mit einer kleinen silbernen Zange bewaffnet durch Wohnungen Wiens zu laufen und den Wärmeverbrauch zu überprüfen, der über den Winter angefallen war. Noch dazu waren es ­keine Villen oder schicke Zinshäuser, durch die ich in meiner blauen Uniform zu laufen hatte, sondern schlichte Gemeindewohnungen, die man auf der Landkarte erst suchen musste. Die Plüschstadt, wie wir Ableser Wien nannten, war wie ein Rosinenkuchen aufgebaut. In der Mitte lag das wohlschmeckende und wohlriechende Zentrum, das sich Reiche und Touristen untereinander aufteilten. Dann kam jene diffuse Schicht aus Studentenlokalen, Wohngemeinschaften und schlüpfrigen Etablissements. Und ganz außen lag der vertrocknete Teigrand aus Tausenden Gemeindehäusern, in denen sich die Arbeiterschaft Tag für Tag schlafen legte. Dort warteten Millionen von Heizungen, die abgelesen und neu verplombt werden mussten.
Anfangs lief ich, so schnell es ging, durch diese Wohnungen, gab mich freundlich, aber wortkarg und sah zu, dass ich keine bleibenden Schäden an Körper und Seele davontrug.
Meine Kundschaft bestand aus schwer arbeitender und neurotischer Bevölkerung, und man vergaß mich auch zu warnen, dass in diesen Gemeindewohnungen mehr exotische Tiere lebten als am Amazonas. Aus meinem Mund kamen entweder Aufforderungen, mir die Tür zu öffnen, oder Komplimente wie : » Ihr Leguan hat die rechteckigsten Schuppen in der ganzen Stiege. « Die erste Probewoche überlebte ich nur, weil ich geistesgegenwärtig genug war, einen Mastiff, der mich bis ins Bad verfolgte, mit einem Fön heiße Luft direkt in die Schnauze zu blasen und ihn so außer Gefecht zu setzen.
Ziemlich bald aber, und zwar schon nach einigen Wochen, wurde mir klar, dass ich trotz dieser Widrigkeiten auf eine Goldader gestoßen war. Ich bekam erstaunlich viel Trinkgeld, legte mir eine erstklassige Beinmuskulatur zu und erweiterte kontinuierlich mein Wissen über die Menschheit, was ich ursprünglich durch ein Universitätsstudium zu erreichen gehofft hatte und leider nie zustande gekommen war. So erfuhr ich zum Beispiel, dass ein physisch schwer ar­beitender Mensch nach Anbruch der Dunkelheit nur ungern über sich spricht und dass in jeder dritten Wohnung ein Bild eines nackten Pärchens hängt, das auf einem überdimensionalen Schwan der untergehenden Sonne entgegenschwebt und an nichts anderes denkt als an sich selbst. Ferner wurde ich nach zweiundzwanzig Jahren endlich so in die Wiener Gesellschaft integriert, wie ich es mir immer gewünscht ­hatte. Niemand brachte seinen Computer in Sicherheit, sobald er meinen polnischen Akzent hörte, nie wurde ich gefragt, warum Polen so lebhaft auf einen Mer­cedes reagieren wie Depressive auf einen Stimmungsaufheller. Ganz im Gegenteil : Man tischte mir Bier auf, und in jeder dritten Wohnung wartete ein dampfendes Mittagessen auf mich, weil ich » durch das Stiegen­laufen so dünn geworden « war. Dass man mich ge­legentlich fragte, » wie man dem Zähler so in den Hintern treten kann, dass er anfängt, sich rückwärts zu drehen «, oder wie viele Plomben ich am Tag eigentlich verlieren dürfe, änderte nichts daran, dass ich durch die tägliche Von-Tür-zu-Tür-Rennerei irgendwie auch selbst wieder in Schwung kam. So manches Rädchen, das all die Jahre stillgestanden hatte, fing sich langsam wieder an zu drehen, und meine Laune besserte sich so, wie sich eben eine Laune bessert, wenn es mit einem aufwärtsgeht : gründlich und häufig dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich schlief sogar besser und bereitete mir nach Jahren wieder ­eine Eierspeise mit Rosmarin zum Frühstück zu. Manchmal, wenn ich nach Feierabend mit der Straßenbahn fuhr, hatte ich sogar den Eindruck, zwischen meinen Händen tauche aus dem Nichts ein Lenkrad auf, das nur mir gehorchte. Ich sah zwar noch keine Richtung, in die ich steuern könnte, aber spätestens dann hörte ich immer meinen Großvater sagen : » Hast du mal ein Lenkrad, wird sich auch die Straße finden. «

2
Mein Großvater war Schuhmacher gewesen und hatte auf zwei Dinge geschworen : das Schicksal und einen guten Schuhleim. Er glaubte felsenfest daran, dass sich das Schicksal durch ein Zeichen oder Ereignis ankündigte. Als eine Dienstleistung für jene Dummköpfe, die sich für schicksalsresistent und überhaupt für ­etwas Besseres hielten. Als mein Großvater jung war, erschien ihm im Traum ein Mann, der Hitler sehr ähnelte und mit einem löchrigen Reissack durch die Stadt ging und, ohne es zu merken, seinen Reis verlor. Als der Mann zu Hause ankam, war der Sack leer, und er hatte nichts zu essen. Wenig später brach der Zweite Weltkrieg aus, und mein Großvater hatte als Einziger im Dorf einen großen Reisvorrat angelegt, der ihn ein Jahr über Wasser hielt.
Bei mir wusste das Schicksal offenbar, dass ich mir einen Traum kaum merken, geschweige denn ihn deuten konnte. Also schickte es mir einen Abgesandten, um mich zu informieren, dass ich mein Lenkrad bald ziemlich dringend brauchen würde, um nicht von meiner neuen Straße abzukommen.
Es passierte beim Ablesen, was schon ein Wink mit dem Zaunpfahl war, und noch dazu in der Großfeldsiedlung, die für zwei Dinge bekannt war : für Leute mittleren Alters, die die Gabe besaßen, das Arbeits­losengeld in eine Behindertenrente zu überführen, die irgendwann fließend in die Pension überging. Und für vitale Teenager, die ihren Fortpflanzungstrieb überall auslebten, nur nicht im Schafzimmer. Es war schon gegen Ende meines Arbeitstages, als ich an eine Tür klopfte, die verdächtig gut in Schuss war. Als Ableser konnte ich inzwischen eine Tür lesen wie eine Zigeunerin aus der Hand eines verliebten Alkoholikers. ­Diese Tür vor mir war verdächtig sauber und unauffällig, und das sollte schon etwas heißen. Als sie sich öffnete, erblickte ich einen Mann, der nicht zu meiner üblichen Kundschaft passte. Er war normal gekleidet und hatte ein sympathisches Gesicht, das sagte, ich ­habe keine Probleme und werde auch nicht so bald welche haben. Er zeigte mit einer freundlichen Geste in seine Wohnung und sagte : » Wir warten schon auf Sie. Bitte, walten Sie Ihres Amtes. « Ohne darauf ein­zugehen, wer mit dem » wir « gemeint war, bat er mich einzutreten. Sobald ich die Wohnung betreten hatte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Sie war nett und schlicht eingerichtet, aber mein Ableserinstinkt mel­dete mir so etwas wie eine fremde Präsenz, ohne dass ich genau sagen konnte, worin sie bestand. Auch hing ein seltsamer Geruch in der Luft, der nicht in eine Wohnung gehörte. Es roch nach Land und nach etwas, das ich nicht ausmachen konnte. Wie immer fing ich mit der Küchenheizung an und arbeitete mich Richtung Wohnzimmer, wo ich die Ablesung üblicher­weise beendete. Man durfte nie die Ablesung im Bad enden lassen, sondern immer nur im Wohnzimmer. Aus einem unerfindlichen Grund sind die Leute in Räumen, wo es Fliesen gibt, besonders geizig. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals in einem Bad ein Trinkgeld bekommen zu haben.
Während ich mich Richtung Ziel vorarbeitete, schaute ich mich in der Wohnung um. Es gab weit und breit keine Bildschirme, nicht einmal einen Fernseher. Stattdessen standen überall alte Möbel und Glasvitrinen, in denen altes Geschirr lag.
Auf dem Weg zur letzten Heizung fiel mir eine angelehnte Tür auf. Von dort ging der rätselhafte Geruch aus, der in der ganzen Wohnung hing. Der Wohnungs­inhaber war in der Küche, und ohne lange nachzudenken, schlich ich mich zu der angelehnten Tür und öffnete sie. Vor dem Fenster neben einer Vitrine voller Porzellan stand ein lebendiger Esel. Er war nicht größer als ein Pony und hatte eine rötlich schwarze Mähne. Seine Hufe waren mit Tüchern umwickelt.
Ich hatte schon viele Tiere in Kabinetten oder Abstellräumen angetroffen, und es waren weitaus gefährlichere darunter gewesen als ein Esel. Aber dieser hier sah so deplatziert aus wie ein UFO. Er blickte in meine Richtung und betrachtete mich mit einem Blick, als ­wäre endlich das eingetroffen, worauf er schon lange gewartet hatte. Er setzte sich in Bewegung und kam auf mich zu. Die Tücher um seine Hufe verhinderten das Klappern auf dem Parkettboden. Er blieb vor mir stehen und beschnupperte vorsichtig den linken Ärmel meiner Uniform. Genau an der Stelle, wo ich vor ein paar Tagen Orangensaft verschüttet hatte. Ich wusste selber nicht, wann, aber ich legte dem Esel vorsichtig die Hand auf die Flanke. Sein Fell fühlte sich erstaunlich flauschig an. Eine Weile standen wir einfach so da, und dann drehte der Esel den Kopf zum Fenster, als wollte er mir etwas Wichtiges zeigen. Ich folgte seinem Blick, sah aber nur Gemeindehäuser und den ­Supermarkt, wo ich mir in der Früh Mineralwasser gekauft hatte. Der Esel machte eine Kopfbewegung, als würde er mich auffordern, noch einmal genauer hinzusehen. Und da wurde mir klar, dass er nicht auf das gegenüberliegende Haus blickte und auch nicht auf die Stadt dahinter. Sein Blick ging durch die Mauern hindurch, über die Stadt und das Land hinaus, als ­würde er ein Ereignis sehen, das mir bald widerfahren würde.
Mir lief ein Schauer den Rücken herunter, denn ich war mit Tieren aufgewachsen und nahm so etwas sehr ernst. » Was willst du mir sagen ? «, flüsterte ich. » Was ist da drüben ? «
Der Esel sah mich an wie jemand, der seine Botschaft überbracht und seine Sache erledigt hatte. Ich tätschelte ihm die Mähne, und er ließ sich diese Liebkosung gerne gefallen.
In diesem Moment betrat der Wohnungsinhaber das Kabinett. Er erschrak, als er mich bei dem Esel erblickte, und schätzte blitzschnell die Situation ein.
» Alles in Ordnung mit Ihnen ? «, fragte er und kam rasch auf mich zu. » Tut mir außerordentlich leid. Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass ich ein Tier im Hause habe. «
» Es ist nichts passiert «, beruhigte ich ihn. » So etwas sehe ich jeden Tag. «
» Ach wirklich ? «, fragte er und schaute auf den Esel. Er führte ihn vom Fenster weg und erklärte : » Wir wohnen auf dem Land und mussten über das Wochenende wegen der Ablesung in die Stadt. Ich konnte ihn dort nicht so lange allein lassen. «
» Er ist also wegen mir hier ? «
» Das kann man so sehen. «
Der Mann tätschelte dem Esel die Flanke und sagte zu ihm wie zu einem Menschen : » Jetzt haben wir die Sache mit dem Herrn Ableser erledigt, stimmt’s ? Jetzt dürfen wir wieder nach Hause. Freust du dich ? «
Der Esel schloss dankbar die Augen, als würde ihm nicht nur die Liebkosung seines Herrn, sondern auch die menschliche Sprache gefallen.
» Ich muss langsam weiter «, sagte ich. » Begleiten Sie mich noch zur Tür ? «
Ich warf einen letzten Blick auf den Esel und verließ das Kabinett. Als wir die Unterlagen unterschrieben und ich schon mit einem Fuß aus der Tür war, hielt mich der Mann zurück.
» Ich hoffe, Sie erzählen das nicht den Nachbarn. Sie wissen, wie die Leute sind. Eine Anzeige ist bei uns schnell gemacht. «
» Keine Bange, ich werde es niemandem verraten. Außerdem würde es mir sowieso niemand glauben. Auf Wiedersehen. «
» Auf Wiedersehen. «
Als sich die Tür schloss, ging ich zum großen Fenster am Gang. Ich stand eine Weile einfach da und sah hinaus. Mein Blick segelte plötzlich in die Vergangenheit. Ich sah auf einmal meinen Großvater, wie er den Finger hob und zu mir sagte : » Ein Pferd in der Luft sehen heißt, eine wichtige Nachricht bekommen. ­Leider wird sie von einem unzuverlässigen Boten gebracht. «
Spätestens da hätte mir ein Licht aufgehen müssen, dass sich etwas über mir zusammenbraute. Aber was tat ich ? Ich schüttelte den Kopf, als hätte ich noch nie ein größeres Märchen gehört, und klopfte an die nächste Tür.

Victoria verschenkt »Unter Tränen gelacht« von Bettina Tietjen

»In diesem Jahr verschenke ich Bettina Tietjens »Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich«. Als langjähriger Hörer ihrer Radiosendung »Tietjen talkt« wird meiner Mutter dieses sehr persönliche Buch der Hamburgerin Bettina Tietjen sicher gut gefallen und Einblicke über das Thema Demenz gewähren, die es so noch nicht gab.«

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Unter Tränen gelachtUnter Tränen gelacht

Mein Vater, die Demenz und ich

In diesem sehr persönlichen Buch erzählt Bettina Tietjen von der Demenzerkrankung ihres Vaters, vom ersten »Tüdeln« bis zur totalen Orientierungslosigkeit. Sie beschreibt die Achterbahn ihrer Gefühle: den Schmerz, einen geliebten Menschen zu verlieren, aber auch das Glück, ihm in der letzten Lebensphase noch einmal ganz nahe zu sein – und nicht zuletzt die vielen komischen Momente, in denen sie trotz allem herzhaft zusammen lachen konnten. Denn Bettina Tietjen ist überzeugt: Demenz macht oft traurig und verzweifelt, aber sie kann auch Denkanstoß und Kraftquell sein.
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Prolog

 

Als am Sonntagabend gegen 22 Uhr mein Handy klingelt, weiß ich noch nicht, dass dieser Anruf mein Leben verändern wird. Ich bin müde, habe sieben Tage am Stück moderiert und freue mich auf mein Sofa.

Die Mailbox piept. Na und? Wer stört schon um diese Zeit. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, es herauszufinden, greife aber aus Gewohnheit trotzdem nach meinem Handy und höre mir die Nachricht an.

»Guten Abend, Frau Tietjen, hier spricht die Polizei Wuppertal. Wir befinden uns im Haus Ihres Vaters. Es gab einen … Zwischenfall. Wir bitten dringend um Rückruf.«

Ich starre fassungslos mein Handy an. Mein Vater ist zu diesem Zeitpunkt 86 Jahre alt. Er hat Demenz im fortgeschrittenen Stadium, lebt aber noch in seinem Reihenhaus in Wuppertal und wird rund um die Uhr von zwei lettischen Frauen betreut, die sich abwechseln. Zwei Häuser weiter wohnt meine jüngere Schwester Dagmar, die aber momentan in Afrika im Urlaub ist und dort meistens kein Netz hat. Vor einer Woche war ich noch bei ihm, um nach dem Rechten zu sehen. Da war alles noch so weit in Ordnung.

Und jetzt das. Ich rufe zurück. Mein Herz klopft. Ich befürchte das Schlimmste.

»Frau Tietjen? Die Nachbarn Ihres Vaters haben uns benachrichtigt. Wir haben seine Betreuerin hier bewusstlos vorgefunden, sie war volltrunken und hat sich mehrfach im Wohnzimmer übergeben. Sie wurde ins Krankenhaus abtransportiert. Ihr Vater wird gerade von der Nachbarin ins Bett gebracht. Können Sie bitte sofort kommen?«

Gott sei Dank! Er lebt noch.

»Äh, ich wohne in Hamburg, das kann dauern …«, höre ich mich stammeln.

»Das ist schlecht. Die Nachbarn sind alle hier, möchten Sie jemanden sprechen?«

Ich verlange nach dem einzigen Nachbarn, den ich näher kenne. Er erklärt mir, so knapp es geht, was passiert ist: Mein Vater hat gegen 21 Uhr völlig verwirrt bei der Nachbarin zur Linken geklingelt und gesagt, er wolle ins Bett. Als sie ihn zurückbringen wollte, war die Haustür ins Schloss gefallen, und niemand öffnete, obwohl innen alles hell erleuchtet war.

Eine kleine Delegation von eilig zusammengerufenen Nachbarn schlich sich daraufhin durch den Garten an und entdeckte beim Blick durchs Wohnzimmerfenster Fürchterliches. Auf dem Teppich lag ein regloser Frauenkörper. Zu sehen waren nur die Beine – der Rest war vom Sofa verdeckt. Es half kein Klopfen, kein Rufen und kein Hämmern – da regte sich nichts. Nach kurzem Beratschlagen (meine Schwester war ja nicht zu erreichen) wählten sie die 110. Und die Polizei tat, was in so einem Fall getan werden muss.

Eine Viertelstunde später sah die kleine Siedlung aus wie ein Tatort: Polizei, Blaulicht, Feuerwehr, Notarzt. Alle Nachbarn auf den Beinen. Im Handumdrehen wurde die Tür aufgebrochen – und da lag sie. Zum Glück nicht tot, aber so betrunken, dass sie nicht mehr ansprechbar war.

Mein armer Vater war in seiner Verwirrung natürlich als Zeuge völlig ungeeignet. Also wurde getratscht und spekuliert und währenddessen hektisch nach meiner Telefonnummer gesucht.

Ich bitte den netten Nachbarn, so lange bei meinem Vater zu bleiben, bis wir da sind, lasse mir von der strengen Polizistin noch nahelegen, »dieses Arbeitsverhältnis so schnell wie möglich zu beenden …«, und springe mit meinem Mann ins Auto.

Als wir gegen zwei Uhr nachts in Wuppertal ankommen, öffnet uns überraschenderweise die Missetäterin höchstpersönlich die Tür. Anna ist völlig zerknautscht und zerknirscht. Sie hat schon alle Spuren beseitigt. Offenbar hat sie sich aus dem Krankenhaus still und heimlich weggeschlichen. Der Nachbar guckt ratlos, mein Vater schläft.

»Ich nix wissen, was passiert. Haben getrunken Brandy mit Freundin. Ich sonst nie trinken. Ehrlich!« Sie schluchzt. »Nach Trinken ich noch mit Opa spazieren. Danach ich nix mehr wissen.« Ein klarer Fall von Filmriss. Todmüde nehme ich sie in den Arm, dann gehen wir alle schlafen.

Am nächsten Morgen berate ich mich mit meinem Mann. Mein Vater steht seit fast einem Jahr auf der Warteliste eines Hamburger Seniorenheims ganz bei mir in der Nähe. Meine Schwester drängt schon länger darauf, dass ich ihn zu mir hole. Seit dem Tod unserer Mutter vor mehr als 20 Jahren kümmert sie sich um ihn. Die fortschreitende Demenz, das ständige Kontrollieren der sprachlich und fachlich oft überforderten Pflegerinnen, das Gefühl, dass die ganze Verantwortung auf ihren Schultern lastet – all das macht ihr zu schaffen und zehrt an ihren Kräften. Dass sich etwas ändern muss, war schon länger klar. Über den Zeitpunkt hat jetzt der Zufall entschieden.

Ich rufe im Altenheim an und schildere den Fall. Eine Stunde später der Rückruf: »Sie können Ihren Vater mitbringen, wir haben einen Platz zur Kurzzeitpflege für ihn.«

Anna ist fassungslos und kaum zu trösten. Ich erkläre ihr, dass die Situation nach diesem Zwischenfall nicht zu halten und das Vertrauensverhältnis massiv gestört sei. Sie versteht das nicht und will nicht zurück nach Lettland. »Wir uns immer kümmern um Opa. Opa nix Heim. Lieber hier mit Anna bleiben.«

Es bricht mir fast das Herz, aber ich sehe keine andere Lösung. Sympathie hin oder her, ich kann meinen alten orientierungslosen Vater nicht länger mit einer Frau alleine lassen, die mal eben so an einem Sonntagnachmittag eine Flasche Brandy kippt und danach komplett die Kontrolle über sich und ihren Schützling verliert. Ich gebe ihr das Geld für den Bus nach Hause, packe meinem Vater den Koffer und ihn ins Auto.

Bei herrlichem Wetter drehen wir noch mal eine Runde durch das wunderschöne Bergische Land, meine Heimat und auch die meines Vaters. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht. Was wir, mein Mann und ich, in diesem Moment wissen, ahnt mein Vater nicht: All das hier sieht er wahrscheinlich zum letzten Mal. Schluss, aus, vorbei. Zu Lebzeiten wird er hierher wohl nicht zurückkehren. Das hier ist ein Aufbruch ins Unbekannte.

 

Es treibt mir die Tränen in die Augen. Mein Vater dagegen sitzt ganz entspannt auf dem Beifahrersitz neben meinem Mann und betrachtet die grünen Hügel mit den Fachwerkhäusern.

»Schön hier«, sagt er. »Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich hier schon mal war.«

Was ich in diesem Moment noch nicht ahne: Sein Umzug nach Hamburg wird mein Leben nicht nur sehr verändern, sondern auch bereichern. Wir werden eng zusammenrücken, mein Vater und ich, enger als jemals zuvor. Wir werden viel Spaß miteinander haben. Aber mir steht auch eine große Herausforderung bevor. Meine Nerven werden starken Belastungsproben standhalten müssen, mein gewohnter Lebensrhythmus wird aus dem Takt geraten. Und auch für meine Familie wird es keine leichte Zeit werden.

Ein neuer Abschnitt beginnt. Für zwei Jahre und sieben Monate.

 

 

Kommt denn hier keiner?

 

Das Foyer des Seniorenheims ist hell und einladend, durch eine breite Fensterfront sieht man den bunt bepflanzten Garten. »Willkommen bei uns!«, steht auf dem Plakat am Eingang neben dem Zeitungsständer mit der Heimzeitschrift. Tüdelig – na und? heißt das Monatsblättchen. Na, die nehmen es hier offenbar mit Humor.

Wir werden gebeten, in einer Sitzecke Platz zu nehmen. Während wir warten, studiere ich die gerahmten Bilder an der Wand gegenüber. Alle leitenden Angestellten sind dort mit Foto abgebildet, daneben hängen jede Menge Zertifikate, die vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung regelmäßig an alle Pflegeeinrichtungen vergeben werden. Ich sehe nur »sehr gut« in allen Bereichen, was mich in diesem Moment beruhigt. Wie diese Noten zustande kommen und dass sie ihren Zweck, Transparenz zu schaffen, nur bedingt erfüllen, werde ich erst später lernen.

All das hatte ich mir schon einmal aufmerksam angesehen, vor einem Jahr, als ich nach einer Unterkunft für meinen Vater in meiner Nähe suchte. Auf den Internetseiten der Hamburger Gesundheitsbehörde wurden unter der Rubrik »spezielle Demenzbetreuung« in meiner unmittelbaren Umgebung nur zwei Heime aufgeführt, eins davon war dieses hier. Bei der Besichtigung fiel mir neben der angenehmen Atmosphäre vor allem eins auf: Es roch nirgendwo nach Urin. Und das ist in einem Altersheim leider ganz und gar nicht selbstverständlich.

»Kommt denn hier keiner?«, fragt mein Vater leicht ungehalten. Er weiß zwar nicht, wo er ist, erwartet aber, dass sich jemand um ihn kümmert. In seiner Jugend hatte man Personal: Köchin, Kindermädchen, Gärtner, Putzfrau. Die wohlhabenden Eltern machten sich selbst nicht die Finger schmutzig. Den leicht arroganten Befehlston hat er sich wohl schon als Kind angewöhnt. Der Dünkel kam immer mal durch, im Restaurant zum Beispiel rief er gern, noch bevor er sich gesetzt hatte: »Hallo? Bekommt man hier mal was zu essen?« Die Demenz hat ihn zwar sehr viel weicher und nachgiebiger werden lassen, aber ein bisschen Herrenreiter blitzt gelegentlich noch auf.

»Herzlich willkommen in unserem Haus, Herr Schniewind!«

Eine kleine, durchtrainierte Frau um die 40 hat sich neben meinen Vater gehockt. Ihre schwarz gefärbten Haare sind raspelkurz geschnitten, die Schläfen sind rasiert. Sie hat auffällig blaue Augen und einen offenen, klaren Blick. Leise, aber deutlich und freundlich spricht sie meinen Vater an und fragt, wie es ihm gehe. Er sei sicher noch müde von der langen Fahrt und brauche erst mal ein bisschen Ruhe. Sie stellt sich vor als Frau Platt, Heimleitung, und legt ihre Hand auf seinen Arm. Mein Vater lächelt. Er scheint sie sympathisch zu finden. Und das, obwohl ihre Fingernägel schwarz lackiert sind und sie einen dicken silbernen Totenkopfring am Mittelfinger trägt. Eine solche Erscheinung hätte ihn früher gleich skeptisch gemacht.

Frau Platt erklärt kurz, was jetzt auf uns zukommt: Mein Vater bekommt erst einmal ein Doppelzimmer zugewiesen, das er alleine nutzen kann. Für vier Wochen – die sogenannte Kurzzeitpflege.

»Verstehen Sie, Herr Schniewind? Damit Sie erst mal sehen können, ob es Ihnen hier überhaupt gefällt!«

Mein Vater schaut etwas irritiert und nickt. Die Chefin lächelt und stellt uns dann eine attraktive junge Frau vor, die sich gerade zu uns gesellt hat: »Das ist Frau Fedder, unsere Pflegedienstleiterin. Sie ist meine wichtigste Kraft hier und wird Sie jetzt zum Wohnbereich bringen.«

Frau Fedder ist groß und kräftig, hat einen wilden blonden Lockenkopf und fröhliche braune Augen. In der einen Hand hält sie eine Tüte mit Weingummis und ein Handy, mit der anderen schüttelt sie meine Rechte. Ich muss einen Schmerzensschrei unterdrücken, so einen Händedruck haben sonst nur Bodyguards.

»Herzlich willkommen!« Als sie den Blick meines Vaters sieht, der sich an die Weingummis geheftet hat, hält sie ihm die Tüte hin. »Die hab ich immer dabei«, sagt sie grinsend, »kommt super an bei Menschen jeden Alters!«

Wir fahren mit dem Aufzug in die zweite Etage: Wohnbereich 2.

»Das ist der sogenannte beschützte Bereich«, erklärt die Pflegedienstleiterin. »Hier leben 34 demenziell veränderte Menschen in Doppel- oder Einzelzimmern in einer Art Wohngemeinschaft. Der Jüngste ist erst 47 Jahre alt, die Älteste 101.«

Auch hier ist alles modern und geschmackvoll eingerichtet, es gibt zwei große Aufenthaltsräume mit Küchenbereich, Esstisch und Sitzgruppe. Alles ist liebevoll dekoriert im Retrostil: hier ein altes Transistorradio, da ein Herd aus Omas Zeiten, ich sehe auch ein Grammofon, ein Klavier und Blumen auf den Tischen.

Mein erster Blick fällt auf einen alten Mann im Rollstuhl. Er ist an eine Art Tropf angeschlossen, guckt apathisch, sein Mund steht offen. Er sieht aus wie ein Gespenst.

Oh mein Gott, denke ich, hoffentlich bleibt das meinem Vater erspart.

Frau Fedder sieht meinen Blick, streichelt dem Mann liebevoll über die Wange und beugt sich zu ihm hinunter: »Na, Herr Subowski, Sie sehen ja wieder fit aus! Immer schön aufpassen, dass hier kein Unbefugter den Flur betritt.«

Der Mann hebt kurz die Hand und verzieht den Mund zu etwas, das man mit viel Phantasie als Lächeln interpretieren könnte. »Herr Subowski ist schon 92«, sagt sie, während sie mit großen, energischen Schritten den Flur entlanggeht, »er hat vor Kurzem eine PEG, also eine Magensonde, gelegt bekommen. Seit er künstlich ernährt wird, ist er wieder richtig aufgeblüht.« Ich drehe mich vorsichtig noch mal um. Also, wenn so »aufgeblüht« aussieht, befindet sich mein Vater ja offensichtlich noch in Höchstform.

Auf dem Weg zum Zimmer rollt uns ein anderer Mitbewohner entgegen und strahlt mich an.

»Hallooooo!«, ruft er. »Kannst du mir helfen?«

»Was möchten Sie denn?«, frage ich leicht verunsichert.

»Zigaretten!«, ruft er fröhlich und krallt sich an meinem Arm fest.

»Nun lass mal los, Arthur!«, sagt Frau Fedder lachend und schiebt uns weiter den Flur entlang. »Das ist unser Schwerenöter Arthur. Er quatscht jede Frau an, entweder will er rauchen oder heiraten.«

Das Zimmer ist groß und fast leer. Bett, Nachttisch, Kleiderschrank, Stuhl. Na ja, es ist ja nur vorübergehend. Nachdem wir von den Pflegern begrüßt und eingewiesen wurden, kehrt erst einmal Ruhe ein. Ich beobachte meinen Vater. Wie nimmt er das hier auf? Versteht er, was gerade passiert? Ist er traurig, böse, durcheinander? Ist er so weit, den Umzug ins Altersheim zu akzeptieren?

Und »Mein Gott, Walther« von Mike Krüger

»Meiner anderen Tante werde ich die Autobiographie »Mein Gott, Walther« des Showgiganten Mike Krüger zu Weihnachten schenken, da sie den Typen mit der langen Nase sehr lustig findet und gerne die absurden Erlebnisse seines Lebens und hinter den Kulissen des Showbusiness nachlesen möchte.«

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Mein Gott, WaltherMein Gott, Walther

Das Leben ist oft Plan B

»Der Nippel«, »Die Supernasen«, »Vier gegen Willi«, »7 Tage, 7 Köpfe« – Egal, woran Mike Krüger mitwirkte, es hat Fernsehgeschichte geschrieben. Doch mühelos verlief sein Leben vor der Ausnahmekarriere keineswegs. Ähnlich wie im Kultsong »Mein Gott, Walther!« kannte er das Hadern, die Sehnsucht nach Akzeptanz und fühlte sich erst frei, als er begriff, dass es manchmal in Ordnung ist, »unter den Kleinen einer der Größten zu sein«. Anlässlich seines 40. Bühnenjubiläums wirft er einen Blick zurück und erzählt, warum eine einsame Kindheit auch humorbildend sein kann und wie er aus Versehen zu einem der beliebtesten Entertainer der Republik wurde. Denn das Leben ist oft Plan B.
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Wie ich wurde, was ich blieb

 

Es war wohl der größte Fehlstart des Jahrhunderts, wenn man mal von Jürgen Hingsens Hattrick bei den Olympischen Spielen in Seoul absieht. Obwohl, als Sprinter bei Olympia dreimal zu früh aus dem Startblock zu eiern ist vielleicht immer noch besser, als zwei Monate zu früh bei seiner eigenen Geburt zu erscheinen. Halbseitig gelähmt in einem Ulmer Brutkasten zu liegen war in meinen babyblauen Augen kein standesgemäßer Start. Jedenfalls nicht für jemanden, der fest damit gerechnet hatte, im lichtdurchfluteten Kinderzimmer eines Penthouses mit Blick in den Park und der rührenden Unterstützung einer gut aussehenden vierundzwanzigjährigen Hebamme zur Welt gebracht zu werden.

Aber sei’s drum – immerhin hat so der 14. 12. 1951 seine Chance genutzt, ein toller Tag zu werden. Seit Kriegsende waren erst sechs Jahre vergangen, und unser Land war von Wohlstand etwa so weit entfernt wie Karl Lagerfeld von Jack Wolfskin-Trekkingsandalen. 1951 war ein sehr aufregendes Jahr. Unseren Brüdern und Schwestern in der DDR wurde der erste Fünfjahresplan verordnet, und in Frankfurt am Main hatte die erste IAA eröffnet, der Schah von Persien und die schöne Soraya feierten Hochzeit, und im schwedischen Lund war der Öffentlichkeit die erste Tetrapak-Verpackung für Milch vorgestellt worden. Warum ich unbedingt diesem Jahr mit meiner Geburt die Krone aufsetzen wollte und nicht, wie eigentlich geplant, 1952 damit veredeln, ist mir bis heute ein Rätsel. Meine Mutter war 39 Jahre alt und mein Vater 41 – beide waren auf einer Geschäftsreise durch die junge Bundesrepublik zurück in Richtung Hamburg unterwegs, bis meine Geburt die Zwangsrast in Ulm verursachte. Deshalb steht heute in meinem Pass unter Geburtsort logischerweise nicht Hamburg, sondern Ulm. Ein wenig hat mich später darüber hinweggetröstet, dass es bei Hildegard Knef und Albert Einstein genauso ist. Ich hätte auch gerne etwas von der Intelligenz von Einstein und der Schönheit von Hildegard Knef gehabt, aber leider – zuerst leider, heute Gott sei Dank – hatte das Schicksal andere Pläne für mich. Egal – immerhin hat mir der Professor in der Ulmer Kinderklinik das Leben gerettet, und schon nach sechs Monaten Brutkasten wurde ich in einem überhitzten Opel von meinen Eltern nach Hamburg überführt.

 

 

Edel sei der Mensch, Milchreis tut gut

 

Da ich die ersten zehn Jahre meines Lebens kaum erinnern kann, werde ich nur das erzählen, was ich bis heute nicht vergessen habe. Wie ich aus gut unterrichteten Quellen erfuhr, soll meine Mutter mich vergöttert haben und ich sie. Mein Vater war Prokurist der Norddeutschen Treuhand und Kreditgesellschaft und mehr damit beschäftigt, Deutschland wiederaufzubauen, als mich zu vergöttern. Mit dem Wiederaufbau war er anscheinend so erfolgreich, dass er schon bald Geschäftsführer der »Bewobau« (einer Tochtergesellschaft der »Neuen Heimat«) in Hamburg wurde, und wir zogen aus unserer kleinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung in ein Häuschen nach Groß Flottbek.

Mein Vater baute jetzt Wohnungen und Häuser in der ganzen Republik und im verständlicherweise erst seit Kurzem wieder befreundeten Ausland. Anscheinend begleitete ihn meine Mutter öfter auf seinen Reisen, denn sonst kann ich mir nur schwer erklären, warum sie drei Jahre nach meiner Geburt ausgerechnet in einem Hotelzimmer in Paris gestorben ist. Mit meinem Vater konnte ich über dieses Thema leider nie sprechen. Es wurde immer ein großes Geheimnis um den Tod meiner Mutter gemacht. Was vielleicht auch daran lag, dass mein Vater schon ein halbes Jahr nach ihrem Tod seine Sekretärin heiratete. Vielleicht hat er es aber auch einfach nur im Jubeltaumel der gewonnenen Fußball-WM in Bern vergessen.

Ich war zwar damals erst drei Jahre alt, glaube heute aber, dass ich mehr mitbekommen habe, als alle annahmen. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, dass sich die anderen mir gegenüber seltsam verhielten. Vielleicht hatte ich auch deshalb später nie ein wirklich gutes Verhältnis zu meinem Vater, der stets schwieg und das Thema wechselte, wenn ich nach meiner Mutter fragte – bis ich es irgendwann ganz ließ.

 

Bis heute weiß ich leider nicht, woran meine Mutter tatsächlich gestorben ist. Statt einer vernünftigen Erklärung bekam ich als kleiner Junge öfter so merkwürdige Sätze zu hören wie: »Michael – iss bitte keine Pfirsiche mit Schale – denk an deine Mutter!«

Ich habe mir dann natürlich die abstrusesten Todesursachen durch Pfirsichschaleessen ausgemalt und danach panisch alles mit Pfirsichen gemieden, weil ich dachte, meine Mutter sei daran gestorben. Mit viel Geduld und liebevoller Zuwendung meiner Therapeutin Dr. Del Monte ist es mir heute möglich, zumindest eine Dose Pfirsiche »entsteint und geschält« in der hintersten Ecke meines Vorratsschranks zu lagern. Nächstes Jahr gucke ich mir mal das Etikett genauer an. Der Mensch braucht schließlich Ziele.

 

Mit meiner Stiefmutter bekam mein Vater dann eine Tochter, meine Stiefschwester. Zu diesem angeheirateten und mir aufoktroyierten Teil meiner Familie habe ich dann später jeden Kontakt abgebrochen und möchte mich deshalb an dieser Stelle auch lieber wieder meiner selbst widmen, dem kleinen Michael.

Denn das tat damals außer mir selbst kaum jemand. Da meine Eltern mich kaum beachteten, soll ich ein sehr aufsässiges Kind gewesen sein – das sagen zumindest alle Kindermädchen, die ich damals verschlissen habe.

Mit sechs bekam ich trotzdem ohne nennenswerte Komplikationen die Volksschulreife und mit acht ein rotes Rennrad. Das hatte das schlechte Gewissen meines Vaters von einer Geschäftsreise aus Italien mitgebracht. Mir hat dieses Rad mit einem Schlag eine gewisse Prominenz unter den anderen Achtjährigen eingebracht und mich angesehen, mobil und unabhängig gemacht. Wer 1959 als Junge ein rotes Rennrad mit weißen Reifen sein Eigen nannte, der war quasi der König der Neubausiedlung, der Chef an der Schippe, der Eierwart der Osterinsel!

Die Anerkennung durch die Jungs in meinem Alter wusste ich sehr zu schätzen, aber noch mehr liebte ich die Unabhängigkeit, die ich mit diesem rollenden Schatz erlangt hatte. Denn ungefähr eine halbe Stunde Fahrzeit von unserem Haus entfernt lebten Tanta Minna und Onkel Gustaf. Tante Minna war die Tante meiner Mutter und wohnte mit ihrem Mann Gustaf in den sogenannten Nissenhütten. Das waren winzige Wellblechhäuser, die nach dem Krieg Bombenopfer und Flüchtlinge beherbergten. Hunderttausende Hamburger standen nach dem Krieg ohne Wohnung da, und pausenlos kamen Flüchtlinge aus den Ostgebieten an. Die britische Militärregierung hatte im Herbst 1945 Angst, dass die Leute ohne Dach über dem Kopf im Winter erfrieren würden, deshalb wurden überall Siedlungen mit bis zu 130 Nissenhütten aus dem Boden gestampft. Die waren schnell hochgezogen, denn vier Mann konnten die klapprige Konstruktion des Kanadiers Peter Norman Nissen in vier Stunden aufbauen. Doch der Name wurde schnell zum Makel, denn auch die Nissen (Eier) der ortsansässigen Kopfläuse fanden auf den dortigen Bewohnern schnell eine neue Heimat, da es Bad, Toilette oder Warmwasseranschluss in diesen Behelfsbauten natürlich nicht gab. Als einfühlsamer Leser kann sich bestimmt jeder vorstellen, dass der feine Herr Bewobau-Direktor keinen allzu großen Drang verspürte, die Tante seiner Frau in dieser charmanten Blechbude zu besuchen. Sein Glück lag eindeutig im behaglichen Einfamilienhausluxus. Sein Pech war allerdings, dass ich mein Glück ausgerechnet in Tante Minnas hutzeliger »Nissenhütte« fand. Ich zog die Wärme und Geborgenheit in dieser Wellblechhütte bei Weitem der emotionalen Kälte in unserem Direktorenkühlhaus vor. Zum Entsetzen meiner Eltern fuhr ich immer öfter mit meinem Rennrad zu Tante Minna und kam oft erst spätabends wieder nach Hause.

Tante Minna hatte ein riesiges, weiches Bett mit unendlich vielen Decken und Kissen, das mitten im Raum stand. An der Wand wärmten das Zimmer ein großer Bollerofen und ein Herd, die beide mit Holz oder Kohle befeuert wurden. Vor dem Ofen standen der Esstisch, vier Stühle und ein Sessel für Onkel Gustaf – das war’s. Das Plumpsklo war draußen im Garten, und gewaschen wurde sich in einer Schüssel – mit anderen Worten, es war das Paradies für einen acht Jahre alten Jungen. Onkel Gustaf baute mir ein Blasrohr, Tante Minna briet Heringe mit Bratkartoffeln, und zum Nachtisch gab es diesen sensationellen Milchreis mit selbstgemachtem Fliederbeersaft – mehr Glück ging nicht! Tante Minna hatte ein großes Herz, viel Humor und sorgte für mich nach dem Sinnspruch: Edel sei der Mensch, Milchreis tut gut.

Mein Vater sah das nicht so. Da ich, wenn meine Eltern auf Geschäftsreise waren, dort auch gerne übernachtete – allerdings ohne vorher unserem Kindermädchen Bescheid zu sagen –, wurde mir der Umgang mit Tante Minna und Onkel Gustaf irgendwann verboten. Erschwerend kam hinzu, dass mein Vater ein Bauvorhaben in Hamburg-Wellingsbüttel verwirklicht hatte und wir nun in eines dieser neuen Doppelhäuser umzogen, das mindestens 40 Kilometer von Tante Minna entfernt lag. Da sich der Bau der Anlage verzögerte (das gab es auch damals schon), musste ich ein halbes Jahr lang jeden Morgen eine Stunde mit der S-Bahn von Othmarschen nach Wellingsbüttel fahren, denn meine Eltern hatten mich dort auf dem Peter-Petersen-Gymnasium angemeldet.

 

Peter Petersen war ein berühmter deutscher Reformpädagoge, der als Erster den Begriff »Frontalunterricht« geprägt hat. Die »Front« in Frontal bekam ich dann auch jeden Tag im Unterricht zu spüren, und dementsprechend miserabel waren meine Noten. Frontalunterricht – so richtig zärtlich und liebevoll klingt das bis heute nicht. Mich wunderte jedenfalls nicht, dass irgendwann jemand herausfand, dass Peter Petersen nach dem Krieg hauptsächlich durch antisemitische Äußerungen aufgefallen ist. Also wurde die Schule doch schon sehr zügig am 7. November 2010 in »Irena-Sendler-Schule« umbenannt. Der neue Name hatte in einer Kampfabstimmung mit 24% zu 21% gegen »Heinz-Erhardt-Schule« gewonnen. Der war zwar schon zu meiner Schulzeit berühmter als Peter Petersen, aber damals hätte es niemand gewagt, eine Schule nach einem Humoristen zu benennen. Das werden meine alten Comedy-Kollegen und ich wahrscheinlich nicht mehr erleben, dass die ersten Schulen in Otto-Waalkes-Handelsschule, Jürgen-von-der-Lippe-Abendgymnasium oder Mike-Krüger-Universität Quickborn umbenannt werden. Einmal war ich ganz dicht dran, dass wenigstens die Straße am Gymnasium in Quickborn »Mike-Krüger-Weg« heißen sollte. Die Bürgerschaft hätte den Antrag schon genehmigt, aber das »Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium« am »Mike-Krüger-Weg« wurde dann doch noch zum Segen aller in letzter Sekunde von einer Bürgerinitiative verhindert. Was soll’s, denn dass es überhaupt einmal dazu kommen würde, damit hätte damals in Wellingsbüttel wohl niemand gerechnet. Dank meines nicht vorhandenen Fleißes, meiner zeitweise stillgelegten Hochbegabung und der rührenden Unaufmerksamkeit meiner Eltern wurden meine Noten so schlecht, dass mein Vater den Entschluss fasste, seinen Erziehungsauftrag komplett in die Hände des »Nordsee-Internats« in Büsum zu legen. Von da an wurde alles anders.

 

 

Keiner soll hungern, ohne zu frieren

 

Wenn man heutzutage an Internate denkt, dann fallen einem so berühmte Namen wie »Salem« oder »Louisenlund« ein, Eliteschmieden für den bräsigen Nachwuchs unseres nicht mehr vorhandenen Hochadels und der oberen Zehntausend aus Wirtschaft und Gesellschaft. Reich, abgeschoben und abgehoben. Oder man assoziiert den Begriff »Internat« mit Geschichten aus Jugendbüchern, zum Beispiel »Die Jungens von Burg Schreckenstein« oder »Das fliegende Klassenzimmer«. Geschichten, in denen Lehrer immer hart, aber fair und kumpelig sind.

Wer seine Kinder insgesamt nicht so gelungen findet, der kann sie natürlich auch gleich nach England auf ein altehrwürdiges Lehrinstitut schicken: Dann sind sie erstens weiter weg, zweitens rücken sie einem am Wochenende nicht dauernd auf die Pelle, und drittens sind sie später trink- und prügelfest. Und laufen das ganze Jahr – egal, bei welchem Wetter – im T-Shirt rum. Engländer halt. Mit all dem hatte das »Nordsee-Internat« in Büsum, mal abgesehen vom Alkohol und der Gewalt, nichts gemein. Büsum kam auch nur für Kinder infrage, deren Eltern nicht genug Geld hatten, oder nicht mehr ausgeben wollten. Denn mit den 500 D-Mark, die Büsum im Monat kostete, kann man in Internaten wie »Louisenlund« gerade mal den täglichen Wackelpudding bezahlen. Waldmeister statt Weltmeister.

Das Erste, was mir im »Nordsee-Internat« auffiel, als ich durch die Eingangstür trat, war eine unglaublich steile, lange Treppe, die für mich kleinen, zehn Jahre alten Jungen fast senkrecht in das obere Stockwerk zu führen schien. Rechts neben dem Eingang befand sich das »Erzieherzimmer«, und links ging es in einen großen Speisesaal. Davor war eine freie Fläche, an deren Ende eine Tischtennisplatte stand. Von dort aus ging es in den »Schuhraum«, in dem die Schuhe aller Internierten in einzelnen Fächern lagerten. Ein Geruch, den ich nie vergessen werde. Ein leicht entzündliches Gasgemisch aus verqualmter Hornhaut, käsemaukigen, vollgeschweißten Einlegesohlen und Schuhwichse. Jeden Abend war »Schuhappell«, und jedes Zimmer musste seine geputzten Schuhe vorzeigen. Vielleicht war deshalb der Duschraum auch nur durch diesen muffig riechenden Fuß-Parmesan-Verschlag zu erreichen. Der Duschraum roch allerdings auch nicht nach Chanel, eher nach Kamel.

Der erste Stock, in dem sich unsere Aufenthaltsräume befanden, glich einem Kasernenflur, von dem rechts und links die Zimmertüren abgingen. Hinter den vorderen sieben verbargen sich 6-Mann-Zimmer mit einem Tisch und sechs Stühlen in der Mitte. An den Wänden standen Kleiderspinde, wie man sie auch bei der Bundeswehr verwendet. In drei Ecken waren »Doppelschreibtische«, sodass jeder Bewohner eine kleine Ecke »Privatsphäre« hatte, also einen halben Schreibtisch und ein Stück Wand, an dem man Fotos oder Poster anbringen durfte. Hinter einer der Türen war ein riesiger Waschraum, und am Ende des Ganges verbarg sich unser Heiligtum: »der Saloon«. In diesem Zimmer standen zwei heruntergekommene, abgewetzte Sofas, ein paar durchgefurzte Sessel und der einzige Schallplattenspieler im ganzen Haus. Wer jetzt denkt, dass dieser unglaubliche Luxus nicht mehr zu toppen sei, der folge mir noch ein Stockwerk höher in den 42-Mann-Schlafsaal. Hier verbrachten die Insassen des Nobeletablissements ihre Nächte. Natürlich in Etagenbetten, wie es früher in jeder Art Knast so üblich war. Vor dem Schlafsaal gab es ein Krankenzimmer mit zwei Betten und zwei Zimmer für die »Großen«. Das waren die ältesten sechs, die das unglaubliche Privileg genossen, in Dreibettzimmern zu schlafen. Die »ältesten Sechs« waren zwischen 14 und 16 Jahre alt und sehr gefürchtet, denn den Frust, die Wut und die Aggression, die in diesen pubertären Jungs oft wütete, ließen sie gnadenlos an Schwächeren und Neulingen wie mir aus. Sie waren gleich nach den Erziehern die dunkle Seite der Macht im Internat. Die Darth Vaders vom Todesstern Büsum.

Diese Macht bekam ich gleich am ersten Tag zu spüren, denn alle »Neuen« mussten sich am Nachmittag vor der »Vollversammlung« einfinden. Das bedeutete im Klartext: Die mächtigen Sechs saßen hinter einem Tisch aufgereiht wie die Arschgeigen der heiligen Inquisition, und die gesamte restliche Meute stand dahinter. Ich, der kleine Mike, saß auf einem Stuhl davor und musste Fragen beantworten, die dem Intelligenzgrad einer Hirnamöbe zur Ehre gereicht hätten: »Wieso haben dich deine bekloppten Alten denn in diese Drecksbude eingeliefert? Wie siehst du denn aus?« Ich konnte zum Glück die wichtigste aller Fragen: Kannst du Fußball spielen?, mit einem klaren »Ja« beantworten und hatte so bis zum ersten Testspiel schon mal Zeit gewonnen. Ich dachte, wenn ich erst mal einen auf unterwürfig mache, würde ich vorerst am besten durchkommen, und damit sollte ich leider auch recht behalten. Denn mein Nachfolger als Delinquent, ein Junge aus Bochum, war unvorsichtigerweise etwas zu aufsässig cool und wurde gleich zu zweimal »Prügelgasse« verurteilt. Prügelgasse war eine brutale Angelegenheit, zu der sich die 48 Internatler in zwei Reihen aufstellten. Der verurteilte Unglücksrabe musste durch die entstandene Gasse laufen, und jeder versuchte, ihm auf seinem Weg ordentlich eine zu verpassen. Das war echt übel, denn die meisten droschen drauf wie auf »kaltes Eisen«. Aber zweimal Prügelgasse, wie es der Junge aus Bochum bekommen hatte, war kaum zu schaffen, da sich die Großen meistens ans Ende der Gasse stellten, um dem dort schon schwer Angeschlagenen den Rest zu geben. Der arme Kerl schaffte es auch nur anderthalbmal und wurde dann ins Krankenzimmer getragen. So hatte ich schon an meinem ersten Tag meine wichtigste Lektion gelernt: Die Prügelgasse sollte ich auf jeden Fall vermeiden. Heute frage ich mich ziemlich verwundert und entsetzt, wo bei solchen Aktionen eigentlich die Erzieher waren und warum das ganze unmenschliche Szenario nicht unterbunden wurde. Naiv und gutgläubig, wie ich nun mal war, konnte ich ja nicht ahnen, dass die größte Gefahr genau von diesen für uns abgestellten Elitepädagogen ausgehen sollte.

 

Büsum war auch 1962 schon ein verschlafener Badeort an der Nordsee. Es gab eine »Mainroad« mit ein paar Kneipen und Geschäften, einen kleinen Hafen, in dem die Fischkutter bei Ebbe auf dem Trockenen lagen, und einen Strand ohne Sand, aber mit Rasen. Dazu kamen ein Gymnasium und drei Internate. Ich weilte im Haus »Sommerlust«, das war die Abteilung für die Kleinen. Im »Seeblick« wohnten die Jungen aus der Oberstufe, die waren so zwischen 16 und 20 Jahre alt – je nachdem, wie oft ein Schüler seinen Vertrag per Sitzenbleiber-Ehrenrunde verlängerte. Zu unser aller Freude war der dritte Schulknast ein Mädcheninternat ganz am anderen Ende von Büsum. Die »Internatis« wurden von den anderen Schülern gleichermaßen bewundert, bestaunt und beneidet, weil sie ja aus vermeintlich »reichen« Familien kamen. Jeden Morgen gingen wir – wie alle anderen Schüler aus Büsum und Umgebung – ins »Nordsee-Gymnasium«, das heißt, dort trafen sich »Internatis«, Bauernsöhne, Fischköppe und die Söhne und Töchter aller anderen Einwohner, die die Anforderungen dieser Hochbegabtenschmiede erfüllten.

Zu meiner Zeit war natürlich alles besser, denn früher war ja auch alles aus Holz. Im Ernst, der Unterricht wurde damals noch in Holzbaracken abgehalten. In jedem Klassenzimmer stand ein Holzofen, der vor dem Unterricht von nervösen, gewaltbereiten Schülern auch gerne mal mit zertrümmertem Inventar liebevoll ergänzend versorgt wurde.

Da ich leider zum Herbst in diese Einöde gekommen war, lernte ich das Kaff gleich von seiner hässlichsten Seite kennen. Der Winter war nicht nur die Zeit, in der die bitteren, saukalten Winterstürme über das flache Land und die Nordseeküste fegten, sondern auch die Zeit, in der die Internatis versuchten, ihre schlechten Noten vom letzten Halbjahr wieder aufzuholen. Dazu gab es dann alle möglichen Nachhilfe-AGs. Im Speisesaal, der nachmittags zum sogenannten Büffelbunker wurde, versuchte sich jeder verzweifelt an irgendetwas vom morgendlichen Unterricht zu erinnern. Das waren Monate voller Tristesse, die ich noch heute nur zu gerne mental storniere.

Ansonsten war Sport die »Nummer 1« im Internat, besonders und vor allem: Fußball. Gespielt wurde dreimal die Woche, und zwar so lange, bis der Platz gefroren und damit unbespielbar war. Ich hatte schnell spitzgekriegt, dass man als Stammspieler der Schulmannschaften unter dem persönlichen Schutz des Direktors stand, der in einer beleuchteten Vitrine vor seinem Rektorenzimmer voller Stolz die errungenen Pokale zur Schau stellte. Und da ich einen ausgeprägten Überlebenswillen besaß und nach dem Debakel meines Bochumer Mitschülers eine Prügelgassenallergie entwickelt hatte, meldete ich mich umgehend bei der »Fußball AG« an.

Keine schlechte Idee, sich nach einem Protektor umzuschauen. Das bestätigte sich nur wenig später, als eines Morgens ein »Großer« – nennen wir ihn mal Bernd – in unserem Zimmer stand und mir ohne Vorwarnung rechts und links eine Backpfeife gab. Nach dieser herzlich humanen Begrüßung klärte mich Bernd über die edlen Beweggründe seiner Tat auf: »Moin, ich bin Bernd. Du bist ab heute mein Diener. Dafür passe ich ab jetzt auf dich auf.« Halleluja! Bernd, der Retter war mir erschienen! Wie schön! Und wie praktisch, dass er mich gleich schlug! Was für eine gute Idee, dann brauche ich mir morgens nicht mehr selbst eine zu scheuern!

Von da an holte ich morgens für Bernd Kuchen vom Bäcker. Oft auch von meinen eigenen 2 Mark Taschengeld, die wir pro Woche bekamen – aber eigentlich nur, wenn Bernd zufällig sein Geld nicht dabeihatte. Was zufällig natürlich öfter als zufällig passierte. Nachmittags erledigte ich dann für Bernie noch einige Botengänge, und abends putzte ich selbstredend seine Schuhe in der ollen Miefkammer. Dafür stand ich aber unter Bernds persönlichem Schutz, und so konnte mir nicht mehr jeder dahergelaufene Zwölfjährige nachts, wenn ich gerade eingeschlafen war, ohne Vorwarnung in mein tiefenentspanntes Antlitz schlagen. Mittleres Elend hilft gegen übles Elend, eine völlig neue Erfahrung.

Aber kommen wir zur zweiten immer argwöhnisch zu beobachtenden Spezies – den Erziehern. Sie glänzten bei körperlicher Gewalt oder anderen Formen der Erniedrigung durch Mitschüler zu 99 Prozent mit Abwesenheit. Ansonsten aber traten sie immer als Pärchen auf: Es waren immer ein Erzieher und ein Referendar anwesend. Die Erzieher waren fest angestellt, und wer als Referendar irgendwo in Deutschland Mist gebaut hatte, der wurde nach Büsum strafversetzt. Die meisten von dem asozialen Pack sind heute wahrscheinlich schon tot, aber ich werde aus Rücksicht auf ihre Familien ihre wahren Namen verschweigen. Unser Lieblingspädagoge war Herr Schmidt, der praktisch sanft wie Gandhi war, wenn er nicht gerade übel gelaunt war. Natürlich war er immer übel gelaunt, und dann war er eher sanft wie Idi Amin. Schmidt ließ die Jungs der einzelnen Zimmer abends oft zum Schuhappell im Speisesaal antreten. Warum? Aus Boshaftigkeit und Sadismus. Wenn er ein Paar nicht ordentlich geputzter Schuhe fand, mussten wir im Schlafanzug und mit zwei Paar Schuhen in den Händen eine Runde um das winterlich verschneite Gebäude drehen. Manchmal auch zwei oder fünf, wie es Sado-Schmidti gerade in den Sinn kam. Wenn Schmidt Nachtdienst hatte, musste er unten im Erzieherzimmer nächtigen. Also beschlossen einige Schüler, meist so gegen 1:00 Uhr nachts, eine »Randale« zu veranstalten. Eine Randale begann meistens mit einer Kissenschlacht im 42-Mann-Schlafsaal und endete im totalen Chaos, bei dem Doppelbetten umgeworfen, Stühle die Treppe hinuntergeschmissen und – wenn es besonders »lustig« wurde –, »Neue« auf Matratzen gebunden und hinter den Stühlen die Treppe heruntergeworfen wurden, oder umgekehrt. Nach spätestens einer halben Stunde stand dann Sado-Schmidti, den Rohrstock schwingend, im Saal und schrie wie von Sinnen: »Ruhe, ihr Arschlöcher! Die Sextanerecke vortreten!«

Das war schlecht, denn in der Sextanerecke lag auch ich. Die acht Sextaner traten vor Schmidt, der wutverzerrt und wahrscheinlich deshalb sehr lautstark die Zahl »Zehn« in den Saal rief. Das war noch schlechter. Zehn satte Hiebe mit dem Rohrstock. Fünf waren schon schwer zu ertragen, aber zehn waren echt scheiße. Einer nach dem anderen mussten wir unsere Schlafanzughose herunterziehen, uns vor Schmidt bücken und bekamen zehn satte Hiebe mit seinem Rohrstock auf den Hintern. Wer noch nie in seinem Leben zehn harte Schläge mit einem Rohrstock bekommen hat – was hoffentlich auf die meisten zutrifft –, der weiß natürlich nicht, dass man danach mindestens drei Nächte vor Schmerzen nicht mehr schlafen kann und es mindestens eine Woche dauert, bis die Striemen einigermaßen verheilt sind.

 

In diesem ersten Winter in Büsum war ich also hauptsächlich damit beschäftigt, mich an die neuen Mitschüler und Prügelpädagogen im Gymnasium zu gewöhnen, meine Noten in Richtung Versetzung zu trimmen und Massa Bernd zu dienen. Mein Hauptziel blieb aber weiterhin, meine Fähigkeiten im Fußball zu verbessern und zu den wenigen Auserwählten zu gehören, die in der Schulmannschaft spielten. Dieses Ziel sollte ich schon zwei Jahre später erreicht haben. Außerdem erinnere ich mich schon fast etwas wehmütig an die große Sturmflut, die Büsum eines Nachts Mitte Februar bedrohte und in der wir abkommandiert wurden, um mit allen anderen Anwohnern Sandsäcke auf den Deich zu schleppen. Das Schleppen hat geholfen, Büsum blieb verschont.

Aber mit Phantomschmerzen im Allerwertesten denke ich manchmal heute noch, dass es mir um Büsum damals nicht leidgetan hätte.

Christian verschenkt »Das Schiff« von Andreas Brandhorst

»Dieses Jahr bekommt mein technikverrückter Vater einen Roman, der ganz nach seinem Geschmack sein wird. Im Science-Fiction-Epos »Das Schiff« von Andreas Brandhorst bestimmen intelligente Maschinen das Leben auf der Erde – und senden das Bewusstsein der letzten sterblichen Menschen als Datenpakete ins All. Ein Buch voller visionärer Überraschungen und im Zeitalter der Digitalisierung ein ebenso erschreckendes wie fesselndes Zukunftsszenario. Mein Vater wird es lieben!«

Blick ins Buch
Das SchiffDas SchiffDas Schiff

Roman

Gewinner des Kurd-Laßwitz-Preises 2016! Gewinner des Deutschen Science-Fiction-Preises 2016! Der neue Roman des Bestsellerautors von »Das Artefakt« und »Kinder der Ewigkeit«: Seit tausend Jahren schicken die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sind auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Muriah, der einzigen bekannten und längst untergangenen Hochkultur in der Milchstraße. Bei der Suche helfen die Mindtalker, die letzten sterblichen Menschen auf der Erde - nur sie können ihre Gedanken über lichtjahrweite Entfernungen schicken und die Sonden lenken. Doch sie finden nicht nur das technologische Vermächtnis der Muriah, sondern auch einen alten Feind, der seit einer Million Jahren schlief und jetzt wieder erwacht.
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An der Ewigkeit kratzen


Seit tausend Jahren schickten die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sollten Kolonien gründen, die Saat des Clusters ausbringen, des Maschinenbewusstseins, seine Evolution auf der kosmischen Bühne fortsetzen und nach anderen Formen der ­Intelligenz suchen, nach biologischen Zivilisationen und Überlebenden des » Weltenbrands «, der vor einer Million Jahren mehrere hoch ent­wickelte Völker ausgelöscht hatte. Was sie fanden, waren Ruinen, aus Artefakten bestehende Spuren, hinterlassen von den Muriah, der einzigen bekannten Hochkultur in der Milchstraße, vor dem Weltenbrand untergegangen. Dieser Spur folgten sie von Sonnensystem zu Sonnensystem, auf der Suche nach der » Kaskade «, einem von den Muriah geschaffenen System aus Tunneln durch die Raumzeit, das ihnen einst Reisen durch die ganze Galaxis ermöglicht hatte – die Maschinen der Erde, von den Vorfahren der letzten, unsterblichen Menschen geschaffen, strebten das technologische Erbe der Muriah an. Doch sie entdeckten nur verwüstete Welten oder junge Plane­ten mit noch primitivem Leben.
Ihre Suche blieb nicht unbemerkt. In den gewaltigen Abgründen zwischen den Sternen gab es Augen, die beobachteten, und Ohren, die alles hörten, jedes noch so leise elektromagnetische Flüstern in der Leere des interstellaren Raums. Zeit spielte für diese Augen und Ohren kaum eine Rolle. Über Jahrhunderte hinweg begnügten sie sich damit, die vom Maschinen-Cluster der Erde ausgeschickten Sonden zu beobachten und den Signalen der Sonden zu lauschen. Informationen wurden gesammelt und ausgewertet, führten schließlich zu einer Entscheidung.
In der Dunkelheit zwischen den Sternen erwachte etwas und begann sich zu regen.

 

Sie standen im Observatorium: ein Mensch, alt und gebrechlich, von einem Mobilisator getragen, und ein Avatar, ein Repräsentant der intelligenten Maschinen, die die Erde seit Jahrtausenden regierten. Sterne leuchteten über ihnen an einem täuschend echt aussehenden Himmel; farbliche Markierungen hoben jene Systeme hervor, die bereits von Sonden erreicht worden waren.
» Wir haben über Evolution gesprochen «, sagte Adam. Einige der Sterne dort oben hatte er besucht. Er konnte nicht mehr aus eigener Kraft gehen, aber in fremder Gestalt über ferne Welten wandern. Das war sein Privileg als Sterblicher. » Sind wir Menschen nicht eure Götter? «
» Es gibt keine Götter, Adam «, sagte der Avatar namens Bartho­lo­mäus. » Wir haben nirgends welche gefunden. «
» Aber wir Menschen haben euch geschaffen. «
» Das stimmt. «
» Dennoch spielen wir kaum mehr eine Rolle. Alle wichtigen Entscheidungen werden von euch getroffen. «
» Ist es nicht besser so, Adam? Wir kümmern uns um euch.
Wir beschützen euch. Wir sorgen dafür, dass die Menschen ihr unsterbliches Leben in Ruhe und Frieden führen können. «
» Wir haben euch geschaffen «, sagte Adam noch einmal. » Ihr seid unsere Kinder. «
» Treten die Eltern nicht zurück, wenn die Kinder erwachsen werden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen? «
» Diese Eltern werden nicht alt und gebrechlich wie ich «, sagte Adam. » Sie leben ewig und begleiten ihre Kinder durch die Jahrtausende. «
» Manchmal wachsen die Kinder über ihre Eltern hinaus, Adam. Ich nehme an, das ist der evolutionäre Aspekt, den du meinst. «
» Ihr entwickelt euch schneller. «
» Viel schneller, Adam. «
» Wir sind statisch. Ich meine, die Unsterblichen sind es, nicht ich. Nicht wir Mindtalker. Wir entwickeln uns, indem wir alt werden und schließlich sterben. «
Bartholomäus schwieg.
» Evolution «, sagte Adam und lauschte dem Klang dieses Wortes. » Biologisches Leben, das Maschinen schafft und von ihnen überflügelt wird. Steckt ein Naturgesetz dahinter? Ist das ­natürliche Evolution? «
» Niemand hat euch Menschen gezwungen, Maschinen zu bauen. Ihr habt es getan, und wir sind das Ergebnis. «

 

 

Ein Sturm

 

1
Die Wolken hingen tief und schwer über dem grauen, auf­gewühlten Ozean. Vom Wind gepeitscht türmten sich die Wellen höher, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen, schmetterten gegen die Klippe und zerstoben an hartem Fels. Böen nahmen die Gischt und warfen sie nach oben, dorthin, wo Adam stand, drei Dutzend Meter weiter oben, sein schwacher Körper gehalten von seinem Mobilisator, der ihn wie ein Exoskelett umhüllte. Er hatte darauf verzichtet, den Schild zu aktivieren; nichts schützte ihn vor Wind und Regen.
» Oh, hier bist du, Adam «, erklang eine Stimme hinter ihm. Es war eine ruhige Stimme, aber sie übertönte mühelos das Donnern der Brandung. » Ich habe dich gesucht. «
» Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch ­immer genau wisst, wo ich bin? «
Der Mobilisator half Adam, den Kopf zu drehen. Ein Mann stand neben der Kapsel, die ihn hierher gebracht hatte. Er sah anders aus als bei ihrer letzten Begegnung, die nur ­wenige Tage zurücklag, aber das war bei den Avataren der Maschinen oft der Fall. Trotzdem erkannte er ihn: Bartholomäus, sein Mentor und Mittler, der Mann, dessen ruhige Weisheit ihn all die Jahre begleitet hatte. Er war mit einem MFV des Clusters gekommen, einem Multifunktionsvehikel, silbern wie er selbst: ein käferartiges Gebilde, das wie ein zum Sprung bereites Insekt neben Adams Kapsel stand.
Dahinter erstreckte sich eine Ebene, die einst – vor der großen Flut, von der ihm Bartholomäus vor einigen Wochen erzählt hatte, oder vielleicht vor Jahren, er wusste es nicht mehr genau – ein Hochplateau gebildet hatte. Bäume duckten sich dort im Wind, und für einen Moment erschien zwischen ­ihnen etwas Unerwartetes: eine Gestalt, die cremefarbene Kleidung trug. Adam blinzelte überrascht und sah genauer hin, doch zwischen den Bäumen gab es nur die dichter werdenden Schatten des Abends.
Bartholomäus kam näher. » Warum benutzt du einen ­Mobilisator und kein Faktotum? «
» Ich wollte das Meer erleben «, sagte Adam und richtete den Blick wieder nach vorn. » Ich wollte es sehen, hören und fühlen. «
» An diesem Ort ist es kalt und nass, und du bist nicht mehr jung «, sagte Bartholomäus. » Du könntest krank werden. «
» Ihr könntet mich heilen. Es wäre nicht das erste Mal. «
» Auch unsere Möglichkeiten sind begrenzt, Adam. Du bist nicht wie die anderen Menschen. Du bist alt. «
Ein hässliches Wort, alt. Adam rang sich ein Lächeln ab und spürte, wie ihm Regen ins Gesicht schlug. » Die anderen sind viel älter als ich, manche von ihnen sogar älter als du. « Neugier erwachte in ihm. » Wie alt bist du, Bartho? «
» Tausend Jahre «, sagte Bartholomäus. Er stand jetzt neben Adam vor dem Rand der Klippe. » Ich habe gesehen, wie die erste Sonde zu den Sternen aufbrach. «
» Na bitte. Einige der Unsterblichen sind viel älter. Manche von ihnen stammen aus der Zeit der großen Flut, als alles auf der Erde überschwemmt wurde. Wie lange ist das her? «
» Fast sechstausend Jahre. «
Unterstützt vom Mobilisator hob Adam die Hand, wischte sich Regen aus den Augen und schaute wieder übers Meer. In der Ferne flackerte ein Blitz, grell und schön, und in seinem Licht rollten Hunderte, Tausende von Wellen heran. Er verglich sie mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, Wellen eines geistigen Ozeans, die meisten flach, vom Alter müde. Manchmal versuchte er sie festzuhalten, doch sie entglitten ihm wie Wasser den Fingern, die es zu ergreifen trachteten. Es erstaunte ihn ein bisschen, mit welcher Klarheit er jetzt darüber nachdachte. Vielleicht lag es an Ozean, Wind und Regen, dachte er. Vielleicht hatten sie den Nebel aus seinem Schädel vertrieben.
» Warum kann ich nicht sein wie die anderen? «, fragte er. » Warum musste ich alt werden? Warum muss ich schließlich sterben? «
» Wir haben oft darüber gesprochen, Adam. Ich habe es dir erklärt. «
Hatte er das? In seinem Gedächtnis gab es viele Lücken, von den Jahren geschaffen. Bartholomäus hingegen vergaß nie etwas. Er erinnerte sich an alles, an jede noch so kleine Kleinigkeit seines tausend Jahre langen Lebens. Dort stand er, ein Mann mit silberner Haut, kurzem Haar, großen grauen Augen und einer auffallend langen Nase, kein Mensch, sondern ein Avatar, ein Faktotum der intelligenten Maschinen, des Clusters, der sich auch hier unter Adams Füßen erstreckte, beziehungsweise unter der Klippe und dem aufgewühlten Meer. Der Regen perlte an ihm ab, schien ihn kaum zu berühren.
» Bei manchen Menschen versagt die Behandlung «, sagte Bartholomäus. » Es tut mir leid. Wir arbeiten daran. «
Der Moment der Klarheit dauerte an. » Seit sechstausend Jahren? «
» Das Problem ist kompliziert, selbst für uns. Der Omega-Faktor widersetzt sich unseren Bemühungen, alle Menschen unsterblich zu machen. Noch haben wir keinen Weg gefunden, ihn zu überlisten. Er macht sich in einem von tausend Neugeborenen bemerkbar. Wir können nichts dagegen tun «, betonte Bartholomäus. » Noch nicht. «
» Ich bin einer von tausend «, sagte Adam und beobachtete das Meer.
» Ja. «
» Bin ich wichtig? «
» Du bist sogar sehr wichtig, Adam. Deshalb bin ich hier. Wir haben eine Aufgabe für dich. Eine neue Mission. «
Eine Windbö heulte lauter als die anderen und war kräftig genug, die Krone einer großen Welle bis zum Rand der Klippe emporzutragen. Schaumiges Wasser klatschte gegen Adam, so heftig, dass selbst der Mobilisator Mühe hatte, ihn aufrecht zu halten. Er schmeckte Salz und dachte: Wie viel Kraft in Wind und Wasser steckt. Was ich hier oben fühle, ist nur ein winziger Teil davon. Wie stark müssen die Wogen dort ­unten sein, jede von ihnen mit der Kraft eines ganzen Ozeans im Rücken, und der Sturm, der sie auftürmt.
» Meine letzte Mission liegt nur zwei Tage zurück. « Der Wind nahm seine Worte und trug sie fort. Adam stellte sich vor, wie sie sich mit Regen und Sturm vereinten. Vielleicht lebten sie weiter, auch wenn niemand sie hörte. Gesprochene Worte, die länger lebten als ihre Sprecher, die irgendwann in Regentropfen gefangen auf den Boden fielen oder, sich an Wolken festklammernd, um die Welt zogen. Es war ein selt­samer Gedanke, fand Adam. Vielleicht war es sogar einer der dummen Gedanken, die durch seinen Kopf wanderten, wenn es ihm schlechter ging. Neurodegeneration. So nannten Bartholomäus und die anderen Avatare es manchmal.
» Eine Woche «, sagte der silberne Mann an seiner Seite. » Du bist seit einer Woche wieder bei uns. «
» Tatsächlich? Schon eine Woche? Mir kommt es kürzer vor. «
» Du hast die meiste Zeit geschlafen. Wir haben uns um dich gekümmert und dich behandelt, damit es dir wieder besser geht. « Bis hierher klang die Stimme des silbernen Mannes sanft, aber in den nächsten Worten lag eine gewisse vorwurfsvolle Schärfe. » Andernfalls könntest du jetzt nicht hier sein und Leib und Leben bei etwas riskieren, das keinen Sinn hat. «
Bartholomäus bewegte sich nicht, die Arme blieben an seinen Seiten und die Hände unten, aber plötzlich war ein Schild da, ein dünner Vorhang aus Energie, die Adam vom Sturm trennte, Wind, Regen und Kälte von ihm fernhielt. Das Fauchen der Böen wurde leiser, so leise, dass er das Summen der Servomotoren hörte, als er erneut die Hand hob, sich Nässe von der Stirn wischte und die Finger an den Mund hielt, um das Salz des Meeres zu schmecken.
» Ich bin als Kind am Meer gewesen «, sagte er. » Ich bin mit Wind und Wellen aufgewachsen. Dies ist nicht sinnlos, sondern Teil meines Lebens. « Fast trotzig fügte er hinzu: » Die Jahre sind nicht gnädig mit mir gewesen, aber sie haben mir nicht alle meine Erinnerungen genommen. «
» Bitte entschuldige «, sagte Bartholomäus wieder sanft. » Ich verstehe. Vielleicht kannst du auch mich verstehen. Du bist wichtig, ja. Wir brauchen dich. Es gibt nicht viele wie dich. « Ein weiterer Blitz flackerte, viel näher diesmal, und fast sofort rollte Donner über Meer und Land. » Lass uns ­gehen. Wir sollten nicht riskieren, dass du von einem Blitz getroffen wirst. Es wäre vielleicht zu viel für den Schild. «
Adam wandte sich vom Meer ab, oder vielleicht war es der Mobilisator, der die Zeit für gekommen hielt, zur Kapsel ­zurückzukehren. Sein suchender, neugieriger Blick ging an ihr vorbei zu den vom Wind geschüttelten Bäumen, doch zwischen ihnen blieb alles dunkel.
» Suchst du etwas? «, fragte Bartholomäus und folgte Adams Blick.
» Nein. « Wahrscheinlich hatte er sich die cremefarbene Gestalt nur eingebildet. Adam öffnete die Luke der Kapsel, und der Mobilisator erweiterte den energetischen Schild auf das kleine, zerbrechlich wirkende Fluggerät, das ihn zum Ozean gebracht hatte. Er stieg ein und fühlte sich plötzlich müde, wie nach einem anstrengenden Marsch.
Bartholomäus befand sich bereits im Cluster-Vehikel, das auf einem rubinroten Gravitationskissen über dem regennassen Boden schwebte. » Ich habe eine Verbindung hergestellt und steuere uns beide, Adam. Ich möchte dich nicht noch einmal verlieren. « Er lächelte, und es sah seltsam aus, dieses Lächeln, es schien nicht in das silberfarbene Gesicht zu passen, auch nicht zu den analytisch blickenden grauen Augen. » Bald schicken wir dich wieder hinauf. « Er deutete nach oben. » Zu den Sternen. «
Als ihn die Kapsel durch die Nacht trug, dachte Adam daran, dass Bartholomäus seine ursprüngliche Frage nicht beantwortet hatte. Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch immer genau wisst, wo ich bin? Die Maschinen wussten immer, wo er und die anderen hundertdreißig Mindtalker sich aufhielten, denn sie trugen etwas in sich, das Signale sandte und die ganze Zeit über zu ihnen sprach.
Adam schloss die Augen, schlief ein und träumte von ­einem Jungen, der im Regen über feuchten Sand lief, vorbei an Wellen, die seine flinken Füße zu erreichen versuchten.

 

2
Evelyn, seit zweiundzwanzig Tagen vierhundertneunzehn Jahre alt, stand in Nacht und Regen und fühlte sich dumm wie ein Kind. Der Scrambler schützte sie vor den Ortungs­signalen der Maschinen, konnte sie aber nicht vor einfacher visueller Entdeckung bewahren. Hinter einem Baum, tiefer im Innern des kleinen Waldes, duckte sie sich unter den im Wind rauschenden und knackenden Wipfeln in die Schatten, die rechte Hand so fest um den Scrambler geschlossen, als könnte er sie unsichtbar machen.
Sie hatte sich zu sehr auf das kleine Gerät verlassen, auf ­einen der vielen Tricks, über die die Gruppe verfügte und mit denen sie dem Cluster der Maschinen immer wieder ein Schnippchen schlug. Ein zweiter Scrambler befand sich an Bord der Kapsel, die in einer Senke auf sie wartete, etwa ­einen Kilometer entfernt. Evelyn hatte geglaubt, dass diese Vorsichtsmaßnahme ausreichte, und unter normalen Umständen wäre die Kontaktaufnahme mit dem greisen Mindtalker möglich gewesen. Wer hätte damit rechnen können, dass hier ein Avatar erschien, mit scharfen Maschinensinnen und der unermüdlichen Aufmerksamkeit des Clusters?
Der alte Mann im Mobilisator, der gebrechliche Greis, der doch viel jünger war als sie … Er hatte sie gesehen, für einen Moment nur, als sie unachtsam gewesen war. Aber die ­Augen des Avatars, seine visuellen Sensoren, waren nach vorn gerichtet gewesen. Er konnte sie nicht gesehen haben, und der Scrambler schützte sie auch vor seinen Signalen.
Blitze flackerten und erhellten die Nacht, rissen die Dunkelheit für einen Sekundenbruchteil fort, selbst hier unter den dichten Baumkronen. Evelyn wartete, den Rücken an ­einen Stamm gelehnt, die Beine angezogen, ihre Arme um die Knie geschlungen. Es war kalt, aber eine Zeit lang hätte sie die Kälte selbst nackt ertragen können, ohne das cremefarbene Gewand, das sich nun an sie schmiegte und sie wärmte. Wenn sie den niedrigen Temperaturen nicht zu lange ausgesetzt blieb, gab es nichts zu befürchten. Die Behandlung, die ihr vor dreihundertneunundachtzig Jahren, an ihrem dreißigsten Geburtstag, Unsterblichkeit geschenkt hatte, bewahrte ihren Körper nicht nur vor dem Altern, sondern auch vor Krankheiten.
Eine halbe Stunde verging, ohne dass ein Avatar erschien und sie fragte, was sie an diesem Ort zu suchen hatte. Als Evelyn zum Rand des Waldes zurückkehrte, waren die Kapsel des Mindtalkers und das Multifunktionsvehikel des Avatars verschwunden. Es erleichterte sie, dass die Maschinen sie nicht entdeckt hatten, aber sie war auch enttäuscht. Dies wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mit dem Mindtalker zu sprechen und damit zu beginnen, sein Vertrauen zu gewinnen.
Sie machte kehrt und schritt durch den Regen, vorbei an den schwankenden, knarrenden Bäumen, bis sie die Senke erreichte, in der ihre Kapsel ruhte, im dunklen Modus, nur ein Schatten in der Nacht. Die Luke öffnete sich, als Evelyn vor ihr stehen blieb, und zwanzig Sekunden später saß sie im Pilotensessel.
Ein Rückschlag, tröstete sich Evelyn, als sie die Kapsel durch den Sturm steuerte. Mehr nicht. Sie kannte die Datensignatur des Lokalisators, den der Mindtalker in sich trug. Es sollte also ohne großen Aufwand möglich sein, ihn erneut zu finden und eine günstige Gelegenheit abzuwarten.

Julia verschenkt »Der schmale Pfad durchs Hinterland« von Richard Flanagan

»Der schmale Pfad durchs Hinterland« erzählt von Geschehnissen, die jegliche Menschlichkeit vermissen lassen, und trotzdem ist der Roman voller Poesie und Hoffnung. Flanagan schafft einen unglaublichen literarischen Spagat, der ihm 2014 den Booker Preis eingebracht hat. »Der schmale Pfad durchs Hinterland« ist allen LeserInnen zu empfehlen, die sich sowohl vom Schlimmsten als auch vom Schönsten, was Menschen füreinander sein können, berühren lassen möchten.

Blick ins Buch
Der schmale Pfad durchs HinterlandDer schmale Pfad durchs Hinterland

Roman

Preisgekrönt entfachte Richard Flanagans Roman weltweit einhellige Begeisterung: Sein Held ist Dorrigo Evans, ein begabter Chirurg, dem eine glänzende Zukunft bevorsteht. Als der Zweite Weltkrieg auch Australien erreicht, meldet er sich zum Militär. Doch der Krieg macht keine Unterschiede, und während Dorrigo in einem japanischen Gefangenenlager mit seinen Männern gegen Hunger, Cholera und die Grausamkeit des Lagerleiters kämpft, quält ihn die Erinnerung an die Liebe zu der Frau seines Onkels. Bis er einen Brief erhält, der seinem Leben eine endgültige Wendung gibt.
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1

Warum ist am Anfang immer das Licht? Dorrigo Evans’ erste Erinnerungen handelten von Sonnenstrahlen, die einen Kirchensaal durchfluten, einen hölzernen Kirchensaal, in dem er mit seiner Mutter und seiner Großmutter sitzt. Er wankt in gleißend helles Licht, hinein in das übersinnliche Willkommen und wieder hinaus, in die Arme der Frauen. Der Frauen, die ihn lieben. Als wage er sich auf See und kehre an den Strand zurück, wieder und wieder.
Gesegnet seist du, sagt seine Mutter, während sie ihn umarmt und wieder loslässt. Gesegnet seist du, Junge.
Das musste 1915 oder 1916 gewesen sein. Er war damals ein oder zwei Jahre alt. Die Schatten kamen erst später hinzu, in Gestalt eines Unterarmes, dessen schwarzer Umriss sich im trüben Licht der Petroleumlampe hob. Jackie Maguire saß in der kleinen, dunklen Küche der Evans’ und weinte. Damals weinte niemand, außer Babys. Jackie war ein alter Mann, vierzig vielleicht oder noch älter, und er versuchte, sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem pockennarbigen Gesicht zu wischen. Oder mit den Fingern?
Unveränderlich war in Dorrigo Evans’ Erinnerung nur dieses Weinen. Es klang, als würde etwas zerbrechen. Der schleppende Rhythmus ließ Dorrigo an ein Kaninchen denken, das seine Hinterläufe auf den Boden schlägt, wenn es in der Schlinge erstickt. Es war das einzige vergleichbare Geräusch, das er je gehört hatte. Er war neun, er war ins Haus gelaufen, um seiner Mutter die Blutblase an seinem Daumen zu zeigen, und er hatte keine Vergleichsmöglichkeiten. Nur ein Mal hatte er einen Mann weinen sehen, eine wunderliche Szene war das gewesen, als sein Bruder Tom nach dem Ersten Weltkrieg aus Frankreich zurückgekehrt war. Er war aus dem Zug gestiegen, hatte seinen Seesack in den warmen Staub neben den Bahngleisen fallen lassen und war unvermittelt in Tränen ausgebrochen.
Beim Anblick seines Bruders hatte Dorrigo Evans sich gefragt, was einen gestandenen Mann zum Weinen bringen könn­­te. Später dann hatten Tränen einfach als die Bestätigung von Gefühlen gegolten, und Gefühle waren der einzige Kompass im Leben. Gefühle waren in Mode und Emotionen ein Theater, die Leute traten als Schauspieler auf und wussten nicht mehr, wer sie abseits der Bühne waren. Dorrigo sollte lange genug leben, um all diese Veränderungen zu sehen. Und er konnte sich an eine Zeit erinnern, als man sich schämte zu weinen. Als man sich vor der Schwäche fürchtete, die sich durch Tränen offenbarte. Vor den Problemen, die man dann unweigerlich bekommen würde. Dorrigo sollte lange genug leben, um zu sehen, wie Menschen gelobt wurden für Taten, die wenig löblich waren, allein, weil die Wahrheit eine Katastrophe gewesen wäre für ihre Gefühle.
Am Abend von Toms Heimkehr verbrannten sie den Kaiser in einem Freudenfeuer. Tom sprach nicht über den Krieg, die Deutschen, das Gas, die Panzer und die Schützengräben, von denen sie gehört hatten. Er sprach gar nicht. Die Gefühle eines Mannes stimmen nicht immer mit dem Leben überein. Manchmal stimmen sie mit gar nichts überein. Tom starrte einfach nur in die Flammen.

 

2

Ein glücklicher Mann hat keine Vergangenheit, ein unglück­licher Mann hat nichts anderes. Im hohen Alter wusste Dorrigo Evans nicht mehr, ob er den Satz gelesen oder selbst ersonnen hatte. Ersonnen, verwechselt, in kleine Teilchen zerbrochen. Unermüdlich in kleine Teilchen zerbrochen. Stein zu Kies zu Staub zu Schlamm zu Stein, so geht es in der Welt, pflegte seine Mutter zu antworten, wenn er Gründe oder Erklärungen verlangte, warum die Welt so war oder so. Die Welt, sagte sie. Sie existiert einfach so, Junge. Er hatte beim Spielen versucht, eine Festung zu bauen und einen Stein von unter einem Findling auszugraben, als ein zweiter, größerer Stein auf seinen Daumen fiel und sich unter dem Nagel eine pochende Blutblase bildete.
Seine Mutter setzte Dorrigo auf den Küchentisch, wo das Lampenlicht am hellsten war, wich Jackie Maguires seltsamen Blicken aus und hielt den Daumen ihres Sohnes ins Licht. Durch Dorrigos Schluchzer hindurch sagte Jackie Maguire dies und das. Seine Frau war eine Woche zuvor mit dem jüngsten Kind in den Zug nach Launceston gestiegen und nicht zurückgekommen.
Dorrigos Mutter griff zum Fleischmesser. An der Klinge klebte erstarrtes Hammelfett. Sie hielt die Messerspitze in die glühenden Herdkohlen, ein Rauchkringel stieg auf und erfüllte die Küche mit dem Geruch von verbranntem Hammelfleisch. Sie zog das Messer heraus, und die glutrote Spitze war von leuchtend weißem Staub bedeckt, ein Anblick, den Dorrigo gleichermaßen faszinierend wie entsetzlich fand.
Nicht bewegen, sagte sie und hielt seine Hand so fest, dass er erschrak.
Jackie Maguire erzählte, wie er mit dem Postzug nach Launceston gefahren war, um sie zu suchen, doch er hatte sie nirgends finden können. Vor Dorrigo Evans’ Augen berührte die glühende Messerspitze den Daumennagel, er fing zu qualmen an, als seine Mutter ein Loch in die Nagelhaut brannte. Dorrigo hörte Jackie Maguire sagen –
Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, Mrs Evans.
Dem Qualm folgte ein kleiner dunkler Blutschwall aus Dorrigos Daumen, und dann waren der Schmerz und die Angst vor dem glutroten Fleischmesser verschwunden.
Los, sagte seine Mutter und schob ihn vom Küchentisch. Los jetzt, Junge.
Verschluckt!, sagte Jackie Maguire.
In jenen Tagen war die Welt noch weit und die Insel Tasmanien die ganze Welt. Und von ihren vielen abgelegenen und vergessenen Außenposten waren nur wenige noch vergessener und abgelegener als Cleveland, das Dorf von etwa vierzig Seelen, in dem Dorrigo Evans lebte. Die ehemalige Sträflingskolonie und Postkutschenstation, erst in schlechte Zeiten und dann in Vergessenheit geraten, bestand nun als Rangierbahnhof fort; eine Handvoll baufälliger Gebäude im georgianischen Stil und ein paar vereinzelte Holzhäuser mit Verandagesicht, deren Bewohner seit einem Jahrhundert in Verbannung und Verfall lebten.
Die Kulisse bildete ein Wald aus gekrümmten Eukalyptusbäumen und Silberakazien, die sich in der flimmernden Hitze wiegten. Die Sommer waren heiß und hart und die Winter einfach nur hart. Elektrischer Strom und Radioempfang ließen auf sich warten, zwar lebten sie in den 1920ern, doch hätten es genauso gut die 1880er oder 1850er sein können. Viele Jahre später beschrieb Tom, der kaum zu Allegorien neigte, jedoch von seinem, wie Dorrigo meinte, bevorstehenden Tod und den damit einhergehenden Altersängsten geprägt war, jene Zeit als den langen Herbst einer sterbenden Welt.
Ihr Vater war Eisenbahnarbeiter, und die Familie bewohnte ein holzverkleidetes Häuschen, das der Eisenbahngesellschaft gehörte und direkt an den Bahngleisen stand. Im Sommer, wenn das Wasser knapp wurde, holten sie es eimerweise aus dem Stelzentank, der die Dampflokomotiven versorgte. Sie schliefen unter den Fellen der Possums, die ihnen in die Falle gegangen waren, und ernährten sich hauptsächlich von selbst gefangenen Kaninchen, selbst geschossenen Wallabys, selbst angebauten Kartoffeln und selbst gebackenem Brot. Ihr Vater, der die Depression der 1890er überlebt und gesehen hatte, wie Männer auf den Straßen von Launceston verhungert waren, konnte sein Glück nicht fassen, in diesem Arbeiterparadies gelandet zu sein. Lediglich in seinen weniger heiteren Momenten pflegte er noch zu sagen: »Man lebt wie ein Hund, und man stirbt wie ein Hund.«
Dorrigo Evans kannte Jackie Maguire, weil er seine Ferien manchmal bei Tom verbrachte. Um zu Tom zu gelangen, fuhr er hinten auf Joe Pikes Pferdewagen mit, von Cleveland bis zur Abzweigung im Fingal Valley. Während das alte Zugpferd, Joe Pike nannte es Gracie, friedlich dahintrottete, lehnte Dorrigo sich zurück und träumte davon, sich zwischen die Äste der wild gekrümmten Eukalyptusbäume zu schmiegen, die zitternd am weiten, blauen Himmel vorüberzogen. Er roch feuchte Borke und trockenes Laub und hörte die glucksenden Schwärme der grün-roten Moschusloris hoch oben. Er lauschte dem Gesang von Zaunkönigen und Honigfressern und dem Peitschenknallruf der Joe Wittys, durchsetzt von Gracies Hufgeklapper und dem Knarren und Klirren der Ledergurte, Holzachsen und Eisenketten des Pferdewagens. Ein Universum aus Sinneseindrücken, das in seinen Träumen wiederauferstand.
Auf dem alten Kutschenpfad passierten sie die Postherberge, aus dem Geschäft gedrängt von der Eisenbahn und mittlerweile zu einer Ruine verfallen, in der mehrere verarmte Familien hausten, auch die von Jackie Maguire. Alle paar Tage kündete eine Staubwolke das Herannahen eines Automobils an, dann sprangen die Kinder aus dem Busch und jagten die lärmende Wolke, bis ihre Lungen brannten und ihre Beine sich anfühlten wie Blei.
An der Abzweigung im Fingal Valley ließ Dorrigo Evans sich vom Pferdewagen rutschen, winkte Joe und Gracie zum Abschied und machte sich auf den langen Marsch nach Llewellyn, einen Ort, der sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, dass er noch kleiner war als Cleveland. Hinter Llewellyn lief er in nordöstlicher Richtung über die Koppeln, orientierte sich an den schneebedeckten Gipfeln des Ben-Lomond-Massivs und schlug sich durch den Busch bis zur Schneelandschaft hinter dem Ben durch, wo Tom als Fallensteller auf Possumjagd ging. Er arbeitete jeweils zwei Wochen am Stück und hatte dann eine Woche frei. Am frühen Nachmittag erreichte Dorrigo Toms Zuhause, eine Höhle, die unterhalb eines Gebirgskamms am Ende eines Canyons lag. Die Höhle war nur wenig kleiner als ihr Küchenanbau zu Hause, selbst an der höchsten Stelle konnte Tom nur mit gebeugtem Kopf aufrecht stehen. Wie ein Ei verjüngte die Höhle sich zu den Enden hin, und der Eingang wurde von einem Felsvorsprung überragt, was bedeutete, dass das Feuer die ganze Nacht hindurch brennen und die Höhle wärmen konnte.
Manchmal ließ Tom, inzwischen war er Anfang zwanzig, Jackie Maguire für sich arbeiten. Tom hatte eine gute Stimme und sang abends gern das eine oder andere Lied. Danach las Dorrigo Jackie Maguire, der nicht lesen konnte, und Tom, der es angeblich konnte, im Schein des Feuers aus alten Ausgaben des Bulletins und aus Smith’s Weekly vor, die den Bibliotheksbestand der beiden Possumjäger bildeten. Besonders gern hörten die Männer Aunty Roses Ratgeberkolumne und die Buschballaden, die sie clever fanden und manchmal sogar sehr clever. Irgendwann fing Dorrigo an, ihnen auswendig gelernte Gedichte aus The English Parnassus vorzutragen, einem Buch aus seiner Schule. Ihr Lieblingsgedicht war Tennysons »Ulysses«.
Dann hielt Jackie Maguire sein lächelndes, pockennarbiges Gesicht, das glänzte wie ein frisch gestürzter Plumpudding, in den Feuerschein und rief: Ach, unsere Vorfahren! Die haben die Wörter noch fester zusammengeknüpft, als ein Fallstrick ein Kaninchen würgt!
Dorrigo verriet Tom nicht, was er eine Woche vor Mrs Jackie Maguires Verschwinden beobachtet hatte: Toms Hand unter ihrem Rock, während sie, eine kleine, doch unübersehbare
und aparte Frau, am Hühnerschuppen hinter der Post­herber­­­ge lehnte. Tom vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Dorrigo wusste, sein Bruder küsste sie.
Viele Jahre noch dachte Dorrigo an Mrs Jackie Maguire, deren richtigen Namen er nie erfuhr, deren richtiger Name so war wie das Essen, von dem er im Kriegsgefangenenlager täglich träumte – ob nun wirklich existent oder nicht, es drängte sich in seinen Schädel, es verschwand, sobald er danach greifen wollte. Nach einer Weile dachte er weniger an sie, und noch eine Weile später gar nicht mehr.


3
Als Einziger in seiner Familie bestand Dorrigo nach der Dorfschule die Eignungsprüfung, und so erhielt er im Alter von zwölf Jahren ein Stipendium und durfte die Launceston High School besuchen. Er war groß für sein Alter. In der Mittagspause des ersten Schultages fand er sich auf dem sogenannten oberen Feld wieder, einer staubigen Fläche mit abgestorbenem Gras, Baumrinde und Blättern, die zu einer Seite von hohen Eukalyptusbäumen begrenzt wurde. Er beobachtete die großen Jungen aus der dritten und vierten Klasse, Jungen mit Koteletten, Jungen mit Muskeln wie erwachsene Männer, die sich in zwei ungeordneten Reihen aufstellten, sich anrempelten und schubsten wie bei einem Stammestanz. Dann begann die Magie des Kick-to-Kick. Einer trat den Football über das Feld zu den Jungen der anderen Reihe hinüber, die sich auf den Ball stürzten oder, kam er hoch herein, in die Luft sprangen, um ihn zu fangen. Wie brutal der Kampf um die Beute auch sein mochte – wer immer sie ergatterte, war plötzlich unantastbar. Ihm gebührten der Sieg und das Privileg, den Football zur anderen Reihe hinüberschießen zu dürfen, wo sich der Vorgang wiederholte.
So ging es die ganze Mittagspause hindurch. Die älteren Jungen dominierten das Spiel zwangsläufig, sie holten die meisten Punkte und traten den Ball am häufigsten. Einige jüngere schafften wenige Punkte und Tritte, viele nur einen oder keinen.
Dorrigo schaute die ganze erste Pause zu. Ein anderer Neuzugang erklärte ihm, man müsse mindestens in der zweiten Klasse sein, um beim Kick-to-Kick mitspielen zu dürfen – die Großen waren zu stark und zu schnell, sie dachten sich nichts dabei, den anderen ihre Ellenbogen gegen die Schläfen zu rammen, die Faust ins Gesicht, das Knie in den Rücken. Dorrigo bemerkte ein paar kleinere Spieler, die in geringem Abstand hinter der eigentlichen Meute lauerten, um jene Bälle abzustauben, die zu hoch getreten wurden und über das Gedränge hinwegsegelten.
Am zweiten Tag gesellte er sich zu den Kleineren dazu. Und am dritten, er hatte sich bis dicht an den Rand der Meute herangewagt, sah er über die vielen Schultern einen zitternden Volley aus großer Höhe auf sich zukommen. Eine Sekunde lang hing der Football vor der Sonne, und da begriff Dorrigo, dass dieser Ball von ihm gepflückt werden wollte. Er roch die Pissameisen im Eukalyptus und spürte die flackernden Schatten der Äste über sich hinweggleiten, als er in die Meute hineinrannte. Die Zeit verlangsamte sich, und er fand im Gedränge der größten, stärksten Jungen gerade so viel Platz, wie er brauchte. Er begriff, dass der Ball, der dort oben vor der Sonne hing, ihm gehörte, er brauchte nichts weiter zu tun, als aufzusteigen. Sein Blick war starr auf den Ball gerichtet, er spürte, dass er es in diesem Tempo nicht schaffen würde, und so setzte er zum Sprung an; seine Füße fanden den Rücken eines Jungen und seine Knie die Schultern eines anderen, und so stieg er über alle anderen hinweg ins blendende Sonnenlicht auf. Auf dem Höhepunkt der Schlacht reckte er den Arm weit über den Kopf, spürte den Ball in seiner Hand und wusste, nun konnte er sich wieder aus der Sonne herausfallen lassen.
Er presste sich den Football an die Brust und landete auf dem Rücken, mit solcher Wucht, dass es ihm den Atem verschlug. Unter bellendem Keuchen kam er auf die Beine, richtete sich im Licht auf, den ovalen Ball in seinen Händen und bereit, in eine neue, größere Welt einzutreten.
Während er rückwärtstaumelte, hielt die Meute respektvollen Abstand.
Wie zum Teufel heißt du?, fragte ein älterer Junge.
Dorrigo Evans.
Das war sensationell, Dorrigo. Du bist dran.
Der Duft der Eukalyptusborke, das unverfroren fahle Licht der tasmanischen Mittagsstunde, so gleißend hell, dass er die Augen zukneifen musste; die warme Sonne auf der gespannten Haut, die schwarzen, kurzen Schatten der anderen, das Gefühl, auf einer Schwelle zu stehen, frohlockend in ein neues Universum hinüberzugleiten, während das alte bekannt und greifbar blieb und noch nicht ganz verloren ging – all dessen wurde er sich bewusst. Der heiße Staub, der Schweiß seiner Mitspieler, das Gelächter, das unbekannte, reine Glück, in Gesellschaft von anderen zu sein.
Dein Kick!, hörte er jemanden rufen. Tritt das Ei, bevor es klingelt und alles vorbei ist!
Und in den abgelegensten Winkeln seines Wesens wusste Dorrigo Evans, dass sein ganzes bisheriges Leben eine Reise zu diesem Moment gewesen war, als er in die Sonne flog, und von nun an würde die Reise ihn von hier fortführen. Nichts würde ihm je wieder so real erscheinen, nie wieder würde das Leben so bedeutungsvoll sein.

4
Du bist ein cleverer Schlingel, was?, sagte Amy. Sie lag auf dem Hotelbett neben ihm, achtzehn Jahre nachdem er Jackie Maguire am Küchentisch der Mutter hatte weinen sehen, und sie drehte seine kurz geschnittenen Locken mit dem Finger auf, während er »Ulysses« für sie rezitierte. Das Zimmer lag im dritten Stock eines heruntergekommenen Hotels und ging auf eine weite Veranda hinaus, die ihnen, indem sie jede Sicht auf die Straße unten und den Strand gegenüber versperrte, die Illusion vermittelte, auf dem Indischen Ozean zu treiben. Pausenlos krachten und schäumten die Wellen unter ihnen.
Es ist eine Finte, sagte Dorrigo. Wie wenn man jemandem eine Münze aus dem Ohr zieht.
Nein, das stimmt nicht.
Nein, sagte Dorrigo. Es stimmt nicht.
Was ist es dann?
Dorrigo war unschlüssig.
Und die Griechen, die Trojaner … was soll das? Wo ist der Unterschied?
Die Trojaner waren eine Familie. Sie sind die Verlierer.
Und die Griechen?
Die Griechen?
Nein, die Spieler der Port Adelaide Magpies. Natürlich die Griechen. Wofür stehen sie?
Für die Gewalt. Aber die Griechen sind für uns die Helden. Sie gewinnen.
Warum?
Er wusste es nicht genau.
Zunächst einmal hatten sie dieses Pferd, sagte er. Das Trojanische Pferd, ein Geschenk der Götter, in dem sich der Tod der Menschen verbarg, das eine im anderen.
Warum verabscheuen wir sie nicht dafür, diese Griechen?
Das wusste er nicht genau. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger konnte er sagen, warum eigentlich Troja dem Untergang geweiht war. Er ahnte, dass die Götter und das Schicksal einfach nur eine andere Bezeichnung für die Zeit waren, aber das auszusprechen wäre töricht gewesen, hätte es doch bedeutet, dass gegen die Götter niemand bestehen konnte. Doch bereits im Alter von siebenundzwanzig, fast achtundzwanzig Jahren war er so etwas wie ein Fatalist, wenn es um sein Schicksal ging (nicht unbedingt um das der anderen). Als hätte man das Leben einander zeigen, aber niemals erklären können, und als wären Worte – alle Worte, die nichts direkt benannten – für ihn das Wahrhaftigste gewesen.
Er schaute über Amys nackten Körper hinweg, über die sichelförmige Einbuchtung zwischen Brustkorb und Hüftknochen, über die winzigen Härchen darauf, und sah durch die verwitterten Balkontüren mit der abgeplatzten weißen Farbe. Draußen zeichnete das Mondlicht einen schmalen Pfad auf das Meer, der vor seinem Blick zu fliehen schien und in ausgebreiteten Wolken endete.
Denn meine Bestimmung ist es,
hinter den Sonnenuntergang zu segeln und das Bad
aller Sterne des Westens, bis zu meinem Tod.
Warum liebst du die Wörter so?, hörte er Amy sagen.
Seine Mutter starb an Tuberkulose, als er neunzehn war. Er war nicht dabei. Er war nicht einmal in Tasmanien, sondern auf dem Kontinent, denn er hatte ein Stipendium bekommen und studierte Medizin an der Universität von Melbourne. In Wahrheit trennte ihn noch weit mehr als ein Meer von seiner Mutter. Am Ormond College hatte er Studenten aus bedeutenden Familien kennengelernt, die sich großer Taten rühmten und eines Stammbaumes, der weit über die Entdeckung Australiens hinaus bis ins noble England reichte. Über Generationen war die Geschichte ihrer Ahnen beurkundet, welche politischen Ämter sie bekleidet und welche Unternehmen sie besessen, welche Eheschließungen die Dynastie gestärkt hatten, welche Herrenhäuser und Schaffarmen ihnen gehört hatten. Erst im hohen Alter wurde Dorrigo klar, dass vieles davon reine Fiktion gewesen war, gewagter als alles, was Trollope je versucht hatte.
Einerseits fand er diese Leute phänomenal öde, andererseits faszinierend. Nie zuvor waren ihm so selbstsichere Menschen begegnet. Juden und Katholiken waren minderwertig und Iren hässlich, Chinesen und Aborigines durften nicht einmal als menschlich gelten. Das sagten sie nicht, das wussten sie. Ihre skurrilen Gewohnheiten verwunderten ihn. Ihre Häuser aus Stein. Das Gewicht ihres Tafelbestecks. Ihr Unwissen über das Leben der anderen. Ihre Blindheit für die Schönheit der Natur. Er liebte seine Familie, aber stolz war er nicht. Die größte Leistung seiner Familie war es gewesen, dass sie überlebt hatte. Er sollte ein ganzes Leben brauchen, um anzuerkennen, wie groß diese Leistung war. Damals jedoch – im Vergleich zu den Würden, dem Wohlstand, dem Besitz und Ruhm, mit dem er sich zum ersten Mal im Leben konfrontiert sah – erschien ihm das reine Überleben wie ein Versagen. Und anstatt sich zu schämen, hielt er sich von seiner Familie fern, bis zum Tod seiner Mutter. Bei der Beerdigung hatte er nicht geweint.
Komm schon, Dorry, sagte Amy. Warum? Sie strich ihm mit dem Finger über den Oberschenkel.
Später fürchtete er sich vor beengten Räumen, Menschenmengen, Straßenbahnen, Zügen und Tanzveranstaltungen, vor allem, was ihn einwärtsdrängte und ihm das Licht abschnitt. Er bekam Atemnot. Im Traum hörte er sie rufen.
Junge, rief sie, komm her, Junge.
Doch er kam nicht. Er fiel beinahe durch die Prüfungen. Er las »Ulysses« und las es dann noch einmal. Er spielte wieder Football, immer auf der Suche nach dem Licht, nach der Welt, die er in der hölzernen Kirche kurz erahnt hatte, er stieg höher und höher der Sonne entgegen, bis er Captain war, bis er Arzt war, bis er Chirurg war, bis er dort im Hotelbett neben Amy lag und der Mond über dem Tal ihres Unterleibs aufging. Er las »Ulysses«, und dann las er es noch einmal.
Der lange Tag flieht. Langsam steigt der Mond, die Tiefe
Rings klagt mit vielen Stimmen. Kommt, ihr meine Freunde!
’s ist nicht zu spät, eine neure Welt zu suchen.
Er suchte das Licht, das am Anfang war.
Er las »Ulysses«, wieder und wieder.
Er sah Amy an.
Worte waren das erste Schöne auf der Welt, dem ich begegnet bin, sagte Dorrigo Evans.

Lisa verschenkt »Age of Iron. Der Krieger« von Angus Watson

»Angus Watsons »Age of Iron. Der Krieger« muss man einfach lesen! Der actionreiche Roman bietet alles was das Herz eines Fantasy-Lesers begehrt .. und noch viel mehr: Eine packende Story, blutige Schlachten, tödliche Kämpfe und mutige Helden werden gemixt mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor. In Age of Iron sind es vor allem die Protagonisten, die das Buch zu etwas ganz Besonderem machen. Der brummige, etwas in die Jahre gekommene Söldner Dug, die freche, kleine Spring mit ihren magischen Fähigkeiten und die attraktive Bogenschützin Lowa bilden das wohl verrückteste Kämpfertrio der Eisenzeit – das den Leser nicht nur mitnimmt auf einen spannenden Rachefeldzug, sondern ihn bei all dem Blut und Gemetzel mit spritzigem Galgenhumor und bissigem Spott auch gehörig zum Lachen bringt.«

 

»Bring me my hammer, bring my beer, bring it on«

[John Rivers, SF Crowsnest]

Blick ins Buch
Age of Iron Age of Iron

Der Feldzug

König Zadar ist besiegt und Burg Maidun eingenommen – doch schon müssen sich Dug und seine Freunde neuen Herausforderungen stellen. Vor allem Lowa schlägt sich mit allerlei Problemen herum – Feinde von außen, Rivalen von innen und unfähige Spione machen der Kriegerin ihren Karrierestart als neue Königin von Maidun nicht gerade leicht. Und während Dug versucht, sich auf einer kleinen Farm doch endlich mal von den Strapazen seines Söldnerlebens zu erholen, hat Spring alle Hände voll damit zu tun, mit ihren magischen Fähigkeiten zurechtzukommen. Dem verrücktesten Kämpfertrio der Eisenzeit wird es auch in diesem Band sicher nicht langweilig...
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Kapitel 1

 

Königin Lowa Flynn von Maidun wusste in dem Augenblick, dass ihr eine Schlacht bevorstand, als sie König Samalur den Harten von Dumnonia das erste Mal sah. Sie war sich ziemlich sicher, dass es zu Kampfhandlungen kommen würde, als sie hörte, dass er sich als der »Harte« bezeichnete. Wenn man mal von Aussehen und Namen absah, war die Tatsache, dass er eine Armee auf ihr Territorium führte, die fünfmal so groß war wie ihre eigene, wohl kaum ein Hinweis auf ein Treffen unter Freunden.

Der Kindkönig blickte von der niedrigen Festungsmauer der verlassenen Wallburg auf sie herab, die er zum vorübergehenden Hauptquartier der Armee Dumnonias gemacht hatte. Er saß auf dem vorderen Rand eines aufwendig gestalteten Holzthrons und wirkte weder hart noch wie ein König. Vielmehr erweckte er den Eindruck eines verwöhnten Kindes, auf das eine Menge andere Leute Zeit und Mühe verwendet hatten, um es majestätisch aussehen zu lassen. Hinter und über seinem Thron fächerte sich eine geradezu lächerliche, muschelförmige Holzverzierung auf, in die auf doppelter Mannshöhe Jagdszenen geätzt und aufgemalt worden waren.

Lowa dachte sich nur, wie viele unglückselige Bauern es gebraucht hatte, dieses riesige, sinnlose Ding den ganzen Weg von Dumnonia hierher zu transportieren.

Die dünnen Beine des Königs, die in einer teuren, schottengemusterten Hose steckten, baumelten vom riesigen Thron herab. Die Stiefel, die sich einen guten Fuß über der Plattform befanden, waren mit polierten Ochsenhörnern bestückt.

Seine knochigen, nur aus Ellbogen bestehenden Arme stachen aus einer schimmernden braunen Otterfellweste hervor. Er war vermutlich nicht viel älter als Spring, besaß eine knollenförmige Nase und tief liegende Augen und ein unerschütterliches, selbstgefälliges Lächeln, das Männer normalerweise erst in wesentlich höherem Alter zustande brachten. (Und Frauen fast nie; Lowa kannte einige Frauen, die das versuchten, aber es wirkte nur selten überzeugend.)

Um seinen Thron standen Wachen, die nicht nur die Eberketten ihres Kriegerstands trugen, sondern auch den knallharten Gesichtsausdruck, den ihr Beruf zwingend vorschrieb. Zwischen ihnen tummelten sich junge und hübsche Diener beiderlei Geschlechts. Die Krieger betrachteten Lowa mit geringem Interesse, die Diener bedachten ihren Herrscher mit unterwürfigem Lächeln, Lowa hingegen mit verächtlichen, zornigen Blicken, mit denen sie sonst einen Exhibitionisten anblickten, der für sein Hobby ein wenig zu alt war.

Lowa seufzte. Sie war erst seit drei Tagen Königin und hasste es schon.

Zu ihrem Treffen mit Samalur hatte sie nur Carden Nancarrow und Atlas Agrippa mitgenommen, um ihm zu zeigen, wie wenig Beachtung sie dieser riesigen Armee auf ihrem Territorium schenkte. Doch jetzt, wo sie Samalur und seine Truppe erblickte, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. In ihren überheblichen Augen wirkte sie zweifellos schäbig, was ihre Verhandlungsposition schwächte. Von ihrem Pferd aus musste sie zu dem Kindkönig auf seiner Festungsmauer hinaufblicken, was andeutete, dass sie ihm auch körperlich unterlegen war, und das machte es nicht besser. Hätte sie vielleicht eine Art Plattform mitbringen sollen? Ein größeres Pferd nehmen? Sie war sich ziemlich sicher gewesen, dass Diplomatie nicht zu ihren Talenten gehörte, und damit hatte sie recht behalten. Das hier lief gar nicht gut.

»Ich liege nicht im Streit mit dir, Samalur«, versuchte sie es trotzdem. »Ganz im Gegenteil. Es wäre gut für unsere beiden Stämme, wenn wir uns gegen die Römer zusammenschließen.«

»Die Römer?« Seine hohe Stimme troff vor Überheblichkeit. »Weißt du, wo der nächste Römer steckt? In Iberien. Sollen wir uns etwa gegen die Fische im Meer zusammenschließen, bloß weil sie uns viel näher sind?« Samalur kicherte wie ein Teenager (der er nun mal war) und sah sich zu beiden Seiten zu seinem Hofstaat um, der seine Worte mit kriecherischem Lachen quittierte. Seine aus Kriegern bestehende Leibwache lächelte, wie nur Männer und Frauen lächelten, die den Befehl dazu erhalten hatten, sich aber nicht sonderlich begeistern konnten.

Einer aber lachte oder lächelte nicht. Samalurs persönlicher Berater Bruxon, der als Einziger im gesamten Gefolge namentlich vorgestellt worden war, sah mit finsterem Blick auf die Graslandschaft zu seinen Füßen. Er war im selben Alter wie Dug und trug Wollkleidung mit schwarzen Flecken. Sein schwarz gefärbtes Haar hatte er zu einem kurzen Pferdeschwanz nach hinten gebunden, und er war frisch rasiert. Sein ernstes Wesen wirkte im Vergleich zu seiner Umgebung fast schon lächerlich. Vielleicht, weil er seinen eingebildeten Herrscher nicht leiden konnte? Möglicherweise wäre er ja von Nutzen, um den jungen König umzustimmen oder ihn sogar zu entmachten.

»Glaub bloß nicht, Bruxon würde dir helfen, nur weil er ein Gesicht zieht, als ob ihn jemand mit einem Trick dazu gebracht hätte, Pisse zu trinken!« Samalur kicherte. Er hatte ihren Blick bemerkt und ihre Gedanken gelesen. Lowa war beeindruckt, wenn auch widerwillig. »Der sieht immer so aus, aber er ist mir treu ergeben. Es war Bruxons Plan, dass ich meinen Vater töte und an seiner Stelle König werde! Er hat versucht, mich glauben zu lassen, es wäre meine Idee gewesen, aber ich bin zu schlau dafür, nicht, Bruxon?« Der Berater nickte schicksalsergeben. »Daher bin ich auch zu schlau, um diesen Mist zu glauben, den die Druiden über die römische Invasion erzählen. Das tun sie nur, um sich wichtig zu machen. Und deswegen gibt es in meiner Nähe auch keine Druiden. Weißt du, was wirklich witzig ist? Sie schwafeln die ganze Zeit, dass sie die Zukunft voraussehen können, aber keiner von ihnen hat mich kommen sehen.«

Samalurs Truppe brach in schallendes Gelächter aus.

»Man braucht keine Druiden«, fuhr der Junge fort, »man kann selbst mit den Göttern reden. Ich tue es. Aber ich bin ja auch ein Halbgott, das macht es bestimmt leichter … Ich würde dir ja empfehlen, all deine Druiden zu töten, aber du wirst nicht die Zeit dazu haben, weil ich dich töten und mir dein Territorium einverleiben werde. Aber weißt du was? Wenn ich dich und deine Armee vom Schlachtfeld gefegt habe, werde ich dir den Gefallen tun und alle deine Druiden töten.«

Lowa ballte ihre Hände zu Fäusten. »Samalur, vor nicht allzu langer Zeit hätte ich deine Ansichten zu Druiden geteilt, aber ich habe meine Meinung geändert. Ich kenne mindestens eine Druidin, die mit derselben Gewissheit die unbesiegbaren Streitkräfte der Römer unser Land erobern sieht, wie wir einen Regenschauer über einen See auf uns zukommen sehen, in dem Wissen, dass wir gleich nass werden. Ich habe sie Dinge tun sehen, die mich von ihren Kräften überzeugt haben.«

»Nein, tut mir leid, funktioniert nicht. Ich glaube weder dir noch ihr.«

»Samalur, wenn unsere Armeen aufeinandertreffen, dann werden Tausende sterben. Wer immer auch gewinnt, wird erheblich geschwächt, und wir werden einer Invasion leichter zum Opfer fallen. Und damit meine ich nicht nur die Römer, sondern auch die Murkaner und wer immer Lust hat, uns anzugreifen.«

»Dann ergib dich doch einfach. Meine Bedingungen habe ich dir genannt.« Samalur grinste.

Selbst wenn diese Bedingungen vernünftig gewesen wären, hätte Lowa sich niemals diesem kleinen, eingebildeten Scheißer ergeben.

»Du bist uns vielleicht zahlenmäßig überlegen, Samalur, aber wir sind kampferfahrener und besser. Wir werden deiner Armee die Eingeweide herausreißen, wie Wölfe sich an einem frisch erlegten Auerochsen laben.«

»Nimm dir ruhig die Eingeweide. Bleibt ja immer noch eine Menge übrig. Gewinnen werden wir auf jeden Fall.«

»Selbst wenn, so werden doch unsere Leute in Scharen sterben. Dein Volk wird auf mehrere Generationen geschwächt sein.«

»Wofür hat man Armeen, wenn man sie nicht benutzt? Ich habe eine riesige Armee, ich werde sie einsetzen, und niemand kann mich daran hindern. Du schon gar nicht. Du bist ja nicht meine Mutter. Kannst du auch gar nicht sein, ich habe sie nämlich umgebracht.«

Lowa legte eine Hand an ihren Bogen.

»Lowa«, sagte Atlas leise neben ihr, »wir können nicht …«

Sie gebot ihm mit erhobener Hand zu schweigen. »Na gut, Samalur. Ich werde gegen deine Armee antreten, und ich werde dich höchstpersönlich töten. Warte hier, wir werden nach Anbruch der Dämmerung da sein.«

Das Gelächter der Elite Dumnonias ließ Lowa innerlich kochen, als sie ihr Pferd wendete, ihm die eisernen Absätze in die Flanken trieb und davongaloppierte.

»Lowa«, brüllte Atlas, um das Pferdegetrappel zu übertönen. »Wir müssen zurück. Das sind einfach zu viele. Wir müssen uns mit ihnen arrangieren. Es ist noch nicht zu spät …«

»Es ist zu spät. Wenn wir zurück sind, berufst du sofort den Rat ein. Wir müssen eine Schlacht planen.«

 

 

Kapitel 2

 

»Ich kann nicht«, sagte sie, schüttelte den Kopf und sah dann auf. Lowa wirkte wirklich wütend. Spring konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals jemand so wütend angesehen hatte, abgesehen vielleicht von ihrem Vater, König Zadar. So war Lowa doch normalerweise gar nicht. Menschen schienen sich zu verändern, wenn sie Macht besaßen, und es machte sie nicht zu besseren Menschen.

»Spring, was immer du auch mit Dug und mir in der Arena angestellt hast, du wirst dasselbe mit uns beiden noch mal tun und bei so vielen anderen Kriegern Maiduns, wie du nur kannst. Dann werden wir die Armee der Dumnonier in Stücke reißen.«

»Lowa, nein. Ich kann das nicht.« Spring sah auf die Schleuder in ihren Händen herab. Sie war in den Wald gegangen, um Wild zu jagen, zumindest hatte sie das gesagt. Aber eigentlich wollte sie nur allein sein. Die Erkenntnis, dass sie Magie verwenden konnte, hatte sie fasziniert, verwirrt und bestürzt. Dass sie diese Magie nach dem Tod ihres Vaters verloren zu haben schien, hatte sie auch nicht aufmuntern können. Sie hatte gehofft, dass durch den Wald zu spazieren und den Lärm Maiduns hinter sich zu lassen, ihr dabei helfen würde, die Dinge klarer zu sehen. Aber das war bis jetzt nicht eingetroffen. Sie hatte außerdem gehofft, dass sie keine Spur hinterlassen hatte, aber Lowa hatte sie trotzdem gefunden.

»Du wirst es versuchen«, sagte Maiduns neue Königin. »Das ist kein Spiel. Die Dumnonier sind uns zahlenmäßig weit überlegen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie uns alle töten werden, einschließlich Dug. Willst du, dass das passiert? Ich weiß nicht, was für Kräfte du besitzt oder woher sie stammen, aber ich weiß, was du mit ihnen machen kannst. Du musst sie einsetzen, um uns zu helfen.«

Spring wollte sich tief in der Erde vergraben, um dieser Situation zu entkommen. Wenn sie noch ihre Magie besessen hätte, dann hätte sie viele Meilen entfernt auf der anderen Seite des Meers eine Insel entstehen lassen, auf der sie und Dug auf ewig leben konnten und vielleicht noch ein paar andere nette Leute, aber ganz bestimmt niemand, der sich in Schlachten stürzen wollte.

»Kann Drustan nicht helfen?«, fragte sie.

»Er wird tun, was er kann, aber er sagt, dass er im Vergleich zu dir gar nichts kann.«

»Ich will ja helfen, aber ich kann nicht. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, damit du und Dug stark werden konntet, ich habe es einfach getan. Dasselbe ist auch in der Nacht passiert, als ich Chamancas Kleidung genommen habe. Ich wusste, dass ich sie ihr wegnehmen sollte und dass ich das Leder durch meine Berührung stärker machen konnte, damit es dich beschützte, und ich wusste auch, dass ich es in deine Zelle legen sollte. Aber ich weiß nicht, warum ich das wusste. Und ich bin mir sicher, dass ich meine Magie nicht gegen die Dumnonier einsetzen kann, ganz sicher – so sicher ich mir bin, dass ich nicht alles Wasser im Meer trinken kann. Es hat keinen Sinn, es zu versuchen, ich kann es einfach nicht.« Tränen ließen Lowa vor ihren Augen verschwimmen.

»Aber in der Arena …«

»Ich weiß! Es tut mir leid!«

Lowas Mund wurde zu einem dünnen weißen Strich. Einen Augenblick lang hatte Spring Angst, sie würde sie schlagen.

»Also, als du damals deine Magie auf Chamancas Kleidung gewirkt hast – ich nenne das jetzt so in Ermangelung eines besseren Wortes – und damit verhindert hast, dass mich die Klingen des Streitwagens in kleine Stücke schneiden, das war das erste Mal, dass du Magie eingesetzt hast?«

»Ich weiß nicht, ob das Magie war oder was genau das war.«

»War es das erste Mal?«

»O nein. Das ist mir schon häufig passiert. Als ich Dug das erste Mal gesehen habe, da wollte er mich töten, also musste ich dafür sorgen, dass er seine Meinung ändert. Aber davor wollte Ulpius mich umbringen, also musste ich Dug aufwecken, indem ich in seinen Traum gegangen bin und ihn geholt habe. Manchmal weiß ich Dinge einfach. Ich weiß zum Beispiel, dass die Römer kommen, und kurz bevor ich dich getroffen habe, wusste ich, dass Weylin einen Karren brauchte und ich dich und Dug retten könnte, wenn ich einen besorge. Manchmal kann ich Dinge tun, wie damals, als Juniper, die Hündin, mich angriff, da habe ich ihr Herz angehalten, und manchmal kann ich Leute dazu bringen, dass sie Dinge wissen, wie zum Beispiel, als ich den Mädchen beigebracht habe, wie man mit Schleudern umgeht, und dann, wie auf Mearhold, da kann ich Leute dazu bringen, dass sie …«, Spring lief hochrot an, als ihr einfiel, dass Lowa das nicht wissen durfte, »… aus Booten kippen, wie ich das mal bei einem der Jungs gemacht habe …«

»Moment mal.« Lowa nahm Springs Kinn sanft in ihre Hand und sah ihr tief in die Augen. »Du wolltest etwas anderes sagen.« Spring versuchte sich aus dem Griff zu befreien. Lowa packte fester zu.

Sie beugte sich vor und durchbohrte Spring mit ihrem Blick, als ob sie in ihre Seele zu sehen trachtete. »Du hast etwas weggelassen, nicht wahr?«, sagte sie sanft.

»Nein.«

»Nein?«

»Nein.«

»Auf Mearhold. Du hast deine Magie zu etwas benutzt, das du mir nicht erzählst.«

Spring versuchte sich zu befreien, doch Lowas Griff war eisern.

»Nein, habe ich nicht!«, wiederholte sie. Da Lowas starke Finger ihre Lippen zusammendrückten, klang sie wie jemand, dem man für seine Lügen die Zunge gespalten hatte. »Wofür hätte ich sie denn benutzen sollen?«

Sie hatte ihre Magie auf Mearhold genutzt, damit Lowa sich von Dug entliebte. Damals hatte das durchaus einen Sinn ergeben. Sie und Dug waren glücklich gewesen, bevor Lowa aufgetaucht war. Ihre Anwesenheit hatte dazu geführt, dass Dug von einem schrecklichen Tier beinahe zu Tode gebissen worden wäre, mal ganz abgesehen davon, dass Spring selbst vom furchtbaren Oger mit einem Messer angegriffen und von ihm entführt worden war, und wer hatte damals schon gewusst, wie viel Ärger ihnen die blonde Bogenschützin noch eingebracht hätte? Also hatte Spring sich eingemischt, um Dug zu retten, und wenn sie ganz ehrlich mit sich selbst war, auch weil sie Dug für sich allein haben wollte. Doch als sie erkannt hatte, wie sehr ihre Einmischung Dug verunsichert hatte und Lowa auch, da war ihr klar geworden, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte versucht, ihren Zauber, oder was immer das auch sein mochte, wieder aufzuheben, wusste aber nicht, ob sie damit erfolgreich gewesen war. Außerdem konnte sie jetzt ohnehin nichts mehr tun, da sie ihre Magie verloren hatte. Selbst wenn sie sie zurückbekam, so hatte sie doch ihre Lektion gelernt und verstanden, dass es falsch war, mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, und sie würde das nie wieder tun. Sie hätte Lowa also erzählen können, was sie getan hatte, aber dadurch würde sie auch nichts gewinnen, konnte aber verdammt viel verlieren.

Spring richtete ihren Blick auf Lowa und sagte so ernst und entschlossen, wie man es mit zusammengequetschtem Mund konnte: »Ich habe meine Magie auf Mearhold nicht eingesetzt.«

Lowa ließ sie los, aber ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Spring wand sich innerlich und kämpfte gegen den Wunsch an, ihr alles zu erzählen, nur damit diese Augen nicht mehr in ihrem Kopf herumgeisterten.

»Es reicht«, sagte Lowa. »Ich muss eine Schlacht planen.«

»Ich komme zur Schlacht. Ich werde tun, was ich kann, um dir zu helfen. Ich kann gut mit meiner Schleuder umgehen! Aber ich werde meine Magie nicht einsetzen können. Ich werde es versuchen, wirklich, aber ich weiß, dass es nicht funktionieren wird.«

»Tu, was immer du willst.« Lowa ließ sie einfach stehen und ging.

Spring sah ihr hinterher. Sie war in den Wald gegangen, um sich endlich wieder besser zu fühlen, doch jetzt fühlte sie sich so schlecht wie nie zuvor.

Lizza verschenkt »Die Expedition« von Jason Lewis

»Ich schenke meiner Schwester Jason Lewis, »Die Expedition. In 13 Jahren um die Welt«. Eine Wahnsinnstour, die es ins Guinness-Buch geschafft hat: rund um die Welt, nur mit eigener Muskelkraft. Im Tretboot über den Atlantik, auf Inlineskates durch die USA, mit dem Fahrrad durchs Outback – Piraten- und Krokodilattacken inbegriffen. Sehr mitreißend erzählt, gleich zwei Bände im Schuber!«

Blick ins Buch
Die Expedition

In 13 Jahren um die Welt

Allein mit Muskelkraft 74842 Kilometer: Jason Lewis umrundet auf einer epischen Reise in mehr als 13 Jahren den Globus. Sein Abenteuer führt ihn im Pedalboot über den Atlantik und auf Inlineskates durch die USA, mit dem Fahrrad ins Outback und im Kajak auf den Nil. Weder Piraten noch Krokodile, Krankheiten oder schwere Unfälle können ihn dabei stoppen. Packend und mit brillantem Humor erzählt der sympathische Brite von seiner Rekordexpedition, dem Leben jenseits gesellschaftlicher Tretmühlen und einem bewussten Umgang mit unserem Planeten. Ein Meilenstein der Reiseliteratur in zwei attraktiven Bänden.
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13. Mai 2005, 17.17 Uhr,
Halbinsel Cape York, Australien

Als ich die Südspitze des Lookout Point umrundete, sträubten sich mir die Nackenhaare, so wie wenn man sich beobachtet fühlt. Ich warf einen Blick über die Schulter. Zwei starre Augen und eine stumpfe Schnauze glitten hinter meinem Kajak durchs Wasser. Augenblicklich packte mich die Angst. Nicht diese kribblige Angst, die einen überfällt, wenn man im Badezimmer einer großen Spinne begegnet, sondern die seit Urzeiten tief in uns sitzende Panik, gejagt, als Beute betrachtet zu werden. Die letzten fünfzig Meter bis zur Küste, die ich mir als gemächliches Ausgleiten in stillen Erinnerungen an meine Pazifiküberquerung ausgemalt hatte, wurden auf einmal zu einer adrenalingetriebenen Explosion fliegender Armbewegungen, begleitet von wummerndem Herzschlag. Wenn mich das Ding ins Wasser zieht, ist es aus … Ich ruderte wie besessen. Das Raubtier holte spielend auf, wie mir ein gelegentlicher Blick nach hinten bestätigte. Das Blatt meines Paddels stieß auf Sand. Blitzschnell riss ich die Klettverschlüsse der Spritzdecke auf, sprang aus dem Boot und wirbelte herum, um mich meinem Verfolger zu stellen. Nichts zu sehen. Das Vieh war verschwunden. Meine geschwollenen, mit Blasen übersäten Hände zitterten, und ich war nahe daran, mich zu übergeben. Der Schock. Ja, das muss der Schock sein … Fünfunddreißig Kilometer in fünfeinhalb Stunden, das war auch eine beachtliche Leistung gewesen, zumal mich ein Leck in der Bespannung des Boots des Öfteren zum Schöpfen gezwungen hatte. Die Sonne, die mir ihre Strahlen erbarmungslos über die Spiegelfläche des Korallenmeers entgegenschickte, hatte das Ihre dazu beigetragen, meinen überanstrengten, rebellierenden Muskeln das letzte Quäntchen Kraft auszusaugen. Aber jetzt, hier am Strand, war ich erst einmal in Sicherheit. Wenigstens solange es noch hell war. Die erste Ladung Ausrüstung ließ ich gleich hinter der Flutlinie fallen – das hölzerne Doppelpaddel, die Spritzdecke und ein paar wasserdichte Taschen – und drehte mich um, um mehr zu holen. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Das fünf Meter lange Ding schoss aus der spritzenden Gischt heran, ein pechschwarzer Rammbock, der durch einen unheilvollen Fluch zum Leben erwacht war. Wie in einem billigen Horrorstreifen stapfte das Reptil zielstrebig auf mein noch halb im Wasser liegendes Kajak zu. Ich ergriff das Paddel und rannte zum Boot. Keine Ahnung, was ich mir dabei dachte. Nur eines wusste ich, dass meine Wasser- und Lebensmittelvorräte sowie mein Satellitentelefon im Begriff waren, ins Meer gezerrt zu werden. Das wäre es dann gewesen. Aus und vorbei. Ich befand mich an einem abgelegenen Abschnitt der Nordostküste von Queensland, ungefähr 200 Kilometer nördlich von Cooktown, der letzten Küstensiedlung auf der Halbinsel Cape York. 650 Kilometer weiter im Norden, jenseits des Meeres, liegt Papua-Neuguinea. Ich wusste natürlich, dass in diesen Gewässern Salzwasserkrokodile lauern. Es war auch kaum möglich, das nicht zu wissen, denn in jedem zweiten Satz aus dem Mund eines Einheimischen kam das Wort »Krokodil« vor. »Da draußen sind ein paar wirklich große Echsen unterwegs, mein Freund«, hatte mich noch am Morgen Russell Butler gewarnt, ein Aborigine-Führer, als ich am Strand vor dem Lizard Island Research Centre aufgebrochen war. »Pass auf dich auf, ja?« Das schien mir nun schon eine Ewigkeit her zu sein. Als ich losrannte, ging in meinem Kopf die Melodie eines Disco-Schlagers los, den ich den ganzen Nachmittag über vor mich hingesummt hatte. Last night a deejay saved my life … Last night a deejay saved my life from a broken heart. Solche Streiche spielte mir mein Hirn oft, wenn es richtig dicke kam. Es versuchte mir dann mit rabenschwarzem Humor vorzugaukeln, alles wäre in bester Ordnung. Ein Abwehrmechanismus, der mir die Handlungsfähigkeit erhält. Nun war ich fast beim Boot. Das Krokodil befand sich auf der anderen Seite, nur ein paar Meter entfernt. Ein riesiges Vieh. Es war gar nicht einmal so lang, aber sehr kräftig, mit schwarzen, länglichen Schuppen, die auf dem Rücken einen mit Zacken besetzten Panzer bildeten. Der Bauch war glatt und milchig-hell. Aus der Deckung des Kajaks heraus hieb ich dem Tier mit dem Paddel auf die Schnauze. »Gsch, hau ab, verpiss dich …« Das Reptil klappte zur Antwort sein Maul auf und enthüllte Reihen porzellanweißer, spitzer Zähne und eine tiefe Rachenhöhle. Leise zischte es mich an. Bisher hatte es sich nur für mein Kajak interessiert. Nun machte es mit erhobenem Schwanz und weit aufgerissener Schnauze einen Satz in meine Richtung. Im selben Augenblick stieß ich zu. Das Fangeisen seiner Kiefer schnappte über dem Blatt des Paddels zu.[1] Es begann eine Art Tauziehen. Je mehr ich zerrte, desto fester verbiss es sich. Mit seinen gut und gerne 750 Kilo Gewicht hätte das Tier nur einmal den Kopf schütteln müssen, um mir das Paddel aus den Händen zu reißen. In meiner Verzweiflung stieß ich es vorwärts, tiefer in seinen Rachen hinein. Auf einmal kam das Paddel frei. Sofort schlug ich zu, so fest ich nur konnte. Das trockene Geräusch von splitterndem Holz. Ich stand mit einem halben Paddel da. Verdammt! Vielleicht hatte ich tatsächlich das Auge getroffen, auf das ich gezielt hatte. Vielleicht hatten nach mehr als 10.000 kräftezehrenden Seemeilen in aufgewühlter See und bei peitschenden Winden, einer Blutvergiftung, Wahnvorstellungen und Gegenströmungen, die mich im Handumdrehen um Wochen zurückwarfen, die Meeresgötter ein Einsehen und Erbarmen mit mir. Das Krokodil machte kehrt und glitt ins Wasser zurück. Mein Adrenalinpegel schoss in die Höhe, mein Magen hob sich. Ich kotzte im hohen Bogen. »Weg vom Strand, sofort!«, befahl mir eine gebieterische Stimme. Ich hatte mein Satellitentelefon aus dem hinteren Stauraum des Kajaks gefischt und meinen australischen Outback-Spezialisten John Andrews in Cairns angerufen. »Diese Viecher sind teuflisch schlau. Nur klettern können sie nicht. Am besten suchst du dir eine höher gelegene Stelle. Wenn du am Strand kampierst, wartet es, bis du eingeschlafen bist, und dann holt es dich.« Das war keine übertriebene Warnung. Ein paar Monate zuvor war der vierunddreißigjährige Andrew Kerr, der mit seiner Familie 150 Kilometer weiter im Nordwesten in der Bathurst Bay zeltete, am frühen Morgen aufgewacht, weil ihn ein mehr als vier Meter großes Salzwasserkrokodil ins ungefähr zehn Meter entfernte Meer zu schleifen versuchte. Alicia Sorohan, eine sechzigjährige Großmutter, war dem Tier beherzt auf den Rücken gesprungen, woraufhin es sein Opfer losgelassen hatte. Zum Glück war in diesem Augenblick ihr Sohn herbeigelaufen und hatte es mit einem Revolver erledigt – ich hatte natürlich keinen dabei. Es war schon dunkel, als ich mit den letzten Ausrüstungsgegenständen den steilen, schmalen Pfad bis zum höchsten Punkt der Landspitze hinaufhumpelte. Meine Füße waren geschwollen. Wie dumm von mir, meine Sandalen auf der Veranda von Bob und Tanya Lamb vergessen zu haben. Völlig ausgelaugt ließ ich mich in das vom Wind platt gedrückte Gras fallen. Mein Kopf sank auf ein Grasbüschel. Der nachlassende Südostpassat war nur noch als Flüstern zu vernehmen, dafür summten nun Scharen von Moskitos in meinen Ohren, die von wer weiß wo heranschwirrten. Na schön. Ich wollte sowieso nicht einschlafen. In einiger Entfernung unter mir leuchteten im Schein meiner Stirnlampe ein paar schlaflose, orangefarbene Augen auf, die suchend auf- und abwanderten. Ich tastete nach meinem Ozeanring. Er saß fest an meinem linken Ringfinger. Ich dachte an den Tag, an dem ich ihn mir kurz hinter der Golden Gate Bridge angesteckt und meinen Eid auf das Meer geleistet hatte: Von nun an sind wir eins … Hatte es geholfen? Vielleicht. Jedenfalls hatte mich der Pazifik von einem Ende zum anderen getragen. Ich ließ meine Gedanken weiter zurückschweifen und blinzelte in den Nachthimmel der Südhalbkugel, versuchte mich zu erinnern … Wie war ich hier gelandet, 14.300 Kilometer von der Heimat entfernt, zerstochen von Moskitos, auf dieser gottverlassenen Klippe, an deren Fuß ein Raubtier auf seine Gelegenheit lauerte, mich aufzufressen?

[1] Seit die Jagd auf die Tiere 1974 verboten wurde, hat sich der Bestand der Salzwasserkrokodile in Australien gut erholt, besonders im dünn besiedelten Norden des Landes. Entsprechend haben auch Revierkämpfe zugenommen, und mein Kajak, das ungefähr die Größe und Form eines jungen Männchens hatte, konnte von einem dominanten Tier leicht für einen Eindringling gehalten werden.

 

 


PARIS
Große Pläne

Die meisten Menschen … haben sich mit einem Leben in Mittelmäßigkeit abgefunden, mit Tagen voller Verzweiflung und Nächten voller Tränen. Sie sind nichts als lebende Tote, die aus ihrem selbst gewählten Friedhof nicht herausfinden.

– Og Mandino, The Greatest Miracle in the World

 


Dreizehn Jahre zuvor,
Paris, August 1992

»Unglaublich, was?«, rief Steve. »Dass da noch niemand drauf gekommen ist!« Wie er mir gerade erläutert hatte, war die Welt schon mit praktisch allem umrundet worden, mit dem Segelschiff, dem Flugzeug oder einem Heißluftballon. Doch die einfachste, ökologischste Methode, die schon zu allen Zeiten möglich gewesen wäre, ohne Einsatz von fossilem Treibstoff, war noch unversucht geblieben. »Das wird eine echte Premiere, bestimmt!«, stellte er aufgekratzt fest. Mein alter Studienfreund Steve Smith und ich hockten um zwei Uhr morgens in der Küche seiner Pariser Wohnung auf dem Fußboden über einer Weltkarte und tranken Kronenbourg 1664. Der Schatten eines dekorativen Deckenventilators, der einen Hauch von französischem Kolonialstil verbreitete, wischte langsam über die Karte hinweg. »Und du bist dir wirklich sicher, dass alle anderen Möglichkeiten, echte Abenteuer zu erleben und etwas ganz Neues zu entdecken, ausgeschöpft sind?«, fragte ich. Steve hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er spulte einige der Großtaten des vergangenen Jahrhunderts herunter: Amundsen, der 1911 gegen Scott das Rennen zum Südpol gewann; Hillary und Norgay, die 1953 den Mount Everest bezwangen; Armstrong, der 1969 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. Jetzt, 1992, waren nicht mehr viele Rekorde zu brechen, wenn man von der Tiefsee und dem Weltraum absah. Über nahezu jeden Quadratmeter der Erdoberfläche war schon mal jemand gelatscht, gesegelt, geflogen oder gefahren. Entdecker und Abenteurer waren eine vom Aussterben bedrohte Zunft. Kein Wunder, dass sie sich zunehmend mithilfe von fantasievollen Erklärungen abmühten, irgendeinen Schnickschnack oder die Variante eines abgenudelten Themas zur Erstleistung hochzujubeln. »Früher oder später werden wir vom ersten Transsexuellen im Tanga hören, der mit verbundenen Augen auf einem Snowboard den Mount Everest runtergesaust ist.« Ich lachte. »Na, das ist doch bestimmt auch schon abgehakt.« »Aber nicht auf einem Mülltonnendeckel!« Ich war am Nachmittag aus London eingeflogen. Steve hatte mich eingeladen, »mal wieder richtig einen draufzumachen – so wie in der guten alten Zeit«. Wieso hatte ich nicht gleich Lunte gerochen? Wir hatten kaum Kontakt gehabt, seit wir die Uni abgeschlossen hatten. Warum ausgerechnet jetzt ein Treffen, so ganz ohne Anlass? Doch schon kurz nachdem er mich am Flughafen Charles de Gaulle eingesammelt hatte und wir langsam mit der Métro Richtung Innenstadt zuckelten, kam die Erklärung. Steve, die Haltestange fest umklammert, verkündete mir über die rumpelnden Räder hinweg den genialsten, hirnrissigsten, aufregendsten und unverantwortlichsten Plan, der je einer Mutter einen Herzinfarkt beschert hat: Eine Reise rund um den Globus nur mit der eigenen Muskelkraft … Diese Worte schwebten wie ein Zauberspruch eine Weile im U-Bahn-Waggon und machten mir Gänsehaut. Das hieß … die denkbar weiteste Reise, über Land und über Meer, zu allen Winkeln der Erde, und das nur aus eigener Kraft. Keine Motoren, keine Segel. Einmal rundherum, ohne anderen Antrieb als die eigenen Muskeln. Die ultimative Herausforderung schlechthin. Während mir Steve diesen Plan noch erläuterte, stiegen in meinem Kopf bereits wildromantische Bilder auf: mit dem Fahrrad die kargen Steppen Zentralasiens durchqueren, mit dem Rucksack über die eisigen Einöden des Himalaja wandern, nach einem harten Tag, an dem ich mir mit der Machete meinen Weg durch den Regenwald am Amazonas gebahnt hatte, an einem flackernden Lagerfeuer sitzen. Aber die Ozeane?, fragte ich mich. Rudern? Schwimmen? Auf einem Bodyboard paddeln? Und wie war Steve ausgerechnet auf mich als Begleiter verfallen? Ich hatte absolut keine Erfahrung als sogenannter Abenteurer. Sicher, ich hatte ein paar Reisen gemacht, aber nichts, das aus dem Rahmen fiel: drei Monate Kenia nach der Schule, Zypern während meiner Collegezeit und danach noch ein bisschen USA. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war ich hauptsächlich Sänger einer Grunge Band, die durch die üblichen Londoner Spelunken tingelte: das Falcon in Camden, das Half Moon in Putney, das Bull and Gate in Kentish Town. Daran hatten wir in der Anfangszeit, als wir uns noch nicht ganz so ernst nahmen, Spaß gehabt. Unsere erste Formation, Dougal Goes to Norway, war eine reine Coverband gewesen. Von den zahllosen anderen unterschieden wir uns lediglich durch Wikingerhelme und Kilts – unter denen wir natürlich nichts trugen. Später wurden wir etwas ehrgeiziger und brachten eine eigene EP heraus. Aber irgendwann – die ganze Band, fünf Leute, dazu zwei Hunde und drei Katzen, hauste in einer Zweizimmer-Doppelhaushälfte in Staines, die weithin nur als »das Scheißhaus« bekannt war – ließ der Reiz der Sache nach. Ich finanzierte meine Musiksucht mit »Ballistic Cleaning Services Inc.«, einer Fensterputzfirma, deren Auftraggeber hauptsächlich Restaurants und Hotels im Londoner Westen waren. Wenn wir nicht auf einer Leiter standen und Fensterscheiben wienerten, waren mein Partner Graham und ich üblicherweise auf der Autobahn zwischen Egham und Bracknell in einem klapprigen Kombi Marke Morris Marina unterwegs, den wir für 50 Pfund auf einem Schrottplatz an der Old Kent Road erstanden hatten. Dieses Firmenvehikel war mit dem Spraydosenslogan »Get Realistic! Go Ballistic!« verziert, aber weder zugelassen noch versichert. Immerhin lief es zuverlässig. Nur einmal löste sich ein Hinterrad und überholte uns auf der Ascot High Street, sonst hat es uns nie im Stich gelassen. Aber das war doch sicherlich keine einschlägige Qualifikation für ein solches Unterfangen? »Bist du dir sicher, dass du mich als Partner für diese Expedition haben willst?«, fragte ich Steve mit einem Seitenblick. Er nickte. »Und es wird ungefähr drei Jahren dauern, meinst du?« »Wenn wir einen Sponsor finden.« Ich nahm einen Schluck und musterte meinen alten Freund kritisch. Wie die meisten aus unserem Abschlussjahrgang, die nun ihre Tage an einem Schreibtisch verbrachten, sah er ziemlich blass aus. Etwas Sonne hätte ihm nicht geschadet. Aber während andere langsam ihren Bauchansatz entwickelten, war Steve immer noch schlank und sportlich. Kein Gramm Fett zu viel. Und er hatte immer noch seine strahlend blauen Augen und einen festen Blick. Bei unserer ersten Begegnung lag ich auf dem Rücken in einem fremden Bett im Studentenwohnheim, einen Arm um ein Mädchen geschlungen, in der freien Hand eine Flasche Wodka. Die Party war in vollem Gang, und ich hatte eine vage Ahnung, dass der Typ, der mich von der Tür aus wütend anstarrte, der Besitzer des Betts war. Steve, wie ich dann erfahren sollte. Ihm war der »Bauerntölpel ohne Manieren«, der seine Matratze mit Wodka tränkte, auf den ersten Blick unsympathisch. Trotzdem wurden wir später in gemeinsam besuchten Biologie- und Geografieseminaren dicke Freunde. Nach einem Wochenende beim Forellenfischen in Dartmoor, das wir eigentlich mit tödlich langweiligen Vorträgen über die Entstehung der dortigen Tors – flacher Wiesenhügel mit Granitfelsen – hätten zubringen sollen, unternahmen wir öfter Ausflüge in die Umgebung von London. Einmal brachen wir zu einer dreitägigen Wanderung durch die Chiltern Hills im Süden von Oxfordshire auf. Als wir in Princes Risborough aus dem Zug stiegen, stellten wir fest, dass wir beide weder Schlafsack noch Zelt mitgenommen hatten. Es war Mitte Januar, die Temperaturen lagen unterhalb des Gefrierpunkts. Die erste Nacht verbrachten wir auf dem Fußboden einer Kneipe, in die wir durch ein heimlich geöffnetes Klofenster eingestiegen waren, nachdem man uns rausgeschmissen hatte. In der zweiten Nacht hatten wir pures Glück und fanden einen Heuschober. Andernfalls wären wir vermutlich einfach erfroren. Solche jugendlich-ungestümen Kamikazeaktionen, je unüberlegter, desto besser, in denen wir dem Schicksal immer wieder ein Schnippchen schlugen, festigten unsere Freundschaft. Gefördert wurde sie außerdem durch unsere Neigung zu Bier, Unfug und Respektlosigkeit, ein Trio, das uns zu einer ganzen Reihe pubertärer Collegestreiche anstiftete. Der Höhepunkt war ein fünf Meter großer Penis aus Pappe, Luftballons und einem rosafarbenen Bettlaken, den wir vom Giebeltürmchen eines Unigebäudes baumeln ließen. Dieser jämmerlich schlaffe Protest, zu dem ein leichter Nieselregen das Seine beitrug, richtete sich gegen den Besuch eines Politikers und war zu dieser Zeit der Gipfel dessen, was uns gegen das Establishment einfiel. Schließlich gingen wir beide unserer Wege: Steve startete eine Karriere als Ökologe, ich als Fensterputzer und Sänger in schummrigen Spelunken. »Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?«, fragte ich. Steve schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Weile für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gearbeitet, die OECD. Anfangs dachte ich, jetzt kann ich endlich etwas bewirken, indem ich Studien für Politiker ausarbeite, die sie zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit in ihrer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik bewegen.« Wie viele seiner Kollegen machte sich Steve Sorgen wegen der wachsenden Weltbevölkerung. Für das Jahr 2050 gehen die Prognosen von zehn Milliarden Menschen aus, die alle den Wohlstand westlicher Prägung anstreben, wie er ihnen im Fernsehen vorgeführt wird. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wären acht weitere Erdplaneten nötig, um diese Konsumansprüche zu befriedigen und dabei den Ressourcenverbrauch und die biologische Vielfalt auch nur auf dem Stand von 1994 zu halten. »Aber all unsere Studien trafen auf taube Ohren«, fuhr er fort. »Die Bewohnbarkeit des Planeten für künftige Generationen zu erhalten ist eine noble Idee, sagten uns die Ökonomen, aber wir können uns das einfach nicht leisten.« Anstatt sich damit abzufinden, die Stufen der Karriereleiter zu erklimmen und einen immer höheren Gehaltsscheck einzustreichen, entschloss sich Steve dazu, ein Zeichen zu setzen. »Am liebsten hätte ich eine dieser Pfeifen, die noch nicht mal bis übermorgen denken können, am Schlips gepackt und ihm ins Gesicht gebrüllt: ›Hast du denn die Daten über die Klimaentwicklung und das Artensterben nicht gesehen? Wenn wir uns was nicht leisten können, dann ist es Nichtstun. Wir sind die Nächsten, die es erwischt!‹« Kein Wunder, dass man bald ein anderes Betätigungsfeld für ihn fand: die Untersuchung der Umweltauswirkungen von kreosothaltigen Holzschutzmitteln in Leitplanken. Der Plan ging auf. Steve verlor seine Illusionen, starrte nur noch aus dem Fenster, träumte vor sich hin … »Da dachte ich: Wie wäre es, wenn ich mal tun und lassen könnte, was ich will, was würde ich dann mit meinem Leben anfangen?« Klar, dass es nur etwas sein konnte, das mit Reisen und Abenteuer im ganz großen Stil zu tun hatte. »Und was könnte großartiger sein als eine Weltreise?« Stellte sich nur die Frage nach der Fortbewegungsart. Sie durfte weder teuer sein noch die Umwelt belasten. »Motoren und ich stehen miteinander auf Kriegsfuß. Und Tiere würden den ersten Monat nicht überleben.« Da kam ihm die rettende Idee. Sein Heureka! Die billigste, technisch anspruchsloseste, umweltfreundlichste Fortbewegungsart überhaupt: die eigene Muskelkraft! »Also, was hältst du davon, Jase? Bist du dabei?« Ich ließ den Blick aus dem Küchenfenster über das schmiedeeiserne Balkongitter hinweg in die Pariser Nacht schweifen. Die Stellen auf den Karten, auf denen weit und breit keine Straßen und Städte zu sehen waren, übten einen starken Reiz auf mich aus. Und eine kreative Auszeit würde mir sicher ein paar neue Songs bescheren. Wenn wir bald aufbrachen, dann entging ich vielleicht sogar dem Gerichtsverfahren, das mir drohte, weil ich den Ballistic-Lieferwagen der Fensterputzfirma auf der Fulham Road in einen Rolls-Royce geknallt und anschließend Fahrerflucht begangen hatte. Aber da war noch etwas. Ich ließ meine Gedanken zurückschweifen und sah mich als Sechzehnjährigen in dem verstaubten, überheizten Büro des Berufsberaters. »Für welche Berufe interessiert du dich denn so?«, hatte er mich gefragt. »Wozu?«, hatte ich zurückgefragt. »Wozu? Was meinst du damit?« »Wozu einen Beruf?« Der Berater hatte mich ungläubig angestarrt. »Jeder ergreift einen Beruf. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.« »Schön. Aber wozu das alles? Was ist der Sinn?« Ich hätte ihn auch fragen können, ob es denn nichts auf der Welt gäbe als »Job, Familie, pervers großer Fernseher, Waschmaschine, Auto, CD und elektrischer Dosenöffner, Gesundheit, niedriger Cholesterinspiegel, Krankenversicherung, Eigenheimfinanzierung …«[1] Hatte das Leben denn sonst nichts zu bieten? Offensichtlich nicht, denn der Berufsberater hatte nur geseufzt und mich ins Leben hinausgeschickt. Ich hatte einfach Angst, in die Mühlen der zunehmend materialistischen Gesellschaft zu geraten, Angst vor all der Mittelmäßigkeit und dem leeren Luxus, deren einziger Sinn und Zweck der Konsum von irgendwelchem Krempel war. Ich wollte nicht bloß ein menschliches Batteriehuhn sein. Die industrielle Revolution hat uns Menschen – insbesondere im Westen – einen enormen technischen Fortschritt beschert. Die medizinische Versorgung, der Wohlstand, die Bildung, all das hat ohne Zweifel die Lebensqualität massiv erhöht. Aber wo blieb der entsprechende moralische Fortschritt? Wo blieb die Philosophie, die all den Verbesserungen Bedeutung und Wert verschaffte? Mit unseren einzigartig großen Gehirnen haben wir Systeme und Maschinen erdacht, die unser Leben sicherer und bequemer machen, aber das ist auch schon alles. Die menschliche Existenz, all diese Technik, scheint auf nichts anderes hinauszulaufen, als sich immer mehr Macht und Ressourcen anzueignen. Und der Schlüssel zum Erfolg für den Einzelnen liegt in der Manipulation und Ausbeutung seiner Mitmenschen, mit denen er im endlosen darwinistischen Wettstreit steht und gegen die er genau jene Fähigkeiten einsetzt, die uns gegenüber der Natur in die Poleposition brachten. Aber wenn Darwin richtiglag und die natürliche Auslese der blinde Chauffeur am Lenkrad der Evolution ist, der die menschliche Existenz auch ohne Plan und Ziel voranbrachte, warum suchen die Menschen dann ständig nach etwas »anderem«, um ihrem Leben Sinn zu geben? Nach einem Gott oder einer verborgenen Kraft, die nach einem klugen Plan die Fäden zieht und uns mit einem moralischen Kompass und einer höheren Aufgabe versieht? Leben. Aber wie? Jahre nach meinem Gespräch mit dem Berufsberater schien mir das immer noch die drängendste aller Fragen zu sein, jedenfalls drängender als die, welchen ausgetretenen Berufsweg ich mir aus dem Karriereautomaten der Wirtschaft ziehen sollte. Dagegen schien es mir alle Gefahren und Mühen wert zu sein, in diesem unserem 21. Jahrhundert, in dem die Menschen so achtlos der Katastrophe entgegentaumeln, nach der großen, alles umfassenden Philosophie des Lebens zu suchen, einer, die die Perspektive dafür öffnet, wie es sich auf diesem überfüllten Planeten nachhaltig leben lässt. »Okay, ich bin dabei.« Steve grinste. »Prima!« »Bloß noch eine Frage, bevor ich meine Unterschrift unters Kleingedruckte setze.« Ich tippte mit dem Finger auf die Karte, wo der Atlantik und der Pazifik eingezeichnet waren. »Diese blauen Flecken da …« »Ja! Ja! Die großen Pfützen!«, unterbrach mich Steve. »Ja, genau, ähm … die großen Pfützen. Wie kommen wir da rüber?« »Ganz einfach. Mit dem Kajak von Schottland nach Grönland, dann quer durch Kanada und dann …« »Du spinnst. Keiner von uns hat je in einem Kajak gesessen!« »Herrgott, Jase. Was soll daran so schwer sein? Du machst einfach so, und irgendwann bist du da.« Mit diesen vertrauenerweckenden Worten sprang er auf und fuchtelte mit den Armen herum, als würde er ein Paddel durchs Wasser ziehen. Ich lachte schallend. »Ich habe mich geirrt. Du spinnst nicht. Du bist total irre!« Um die Wahrheit zu sagen, wir beide hatten nicht die geringste Ahnung, worauf wir uns da einließen. Aber wie wir noch oft Gelegenheit haben sollten festzustellen, Mangel an Erfahrung ist kein Grund, etwas nicht zu versuchen. Und hatte Hägar der Schreckliche, der weise Wikinger aus dem Comic, nicht einst gesagt: »Ahnungslosigkeit ist die Mutter aller Abenteuer«? Trotzdem, hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, ich hätte vermutlich niemals Ja gesagt.

[1] Aus dem Film Trainspotting (1996) von Regisseur Danny Boyle.

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