Versicherungsvertreter sind so wichtig wie Herzchirurgen, Beichtväter und Psychologen
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Freitag, 13. September 2013 von


Versicherungsvertreter sind so wichtig wie Herzchirurgen, Beichtväter und Psychologen

Blick ins Buch
Die romantischen JahreDie romantischen Jahre

Roman

Wie kann man die Frauen lieben und keine besitzen? Wie kann man Romantiker sein und doch Versicherungsvertreter werden? Marko Theunissen schafft es spielend – nicht ohne sich auf eine höchst gewagte Affäre einzulassen und eine schmerzliche Erkenntnis zu gewinnen. Mit feinem literarischen Witz erzählt Paul Ingendaay von einem Helden, dem das eigene Leben zum tragikomischen Schadensfall wird.
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Für Sue, Greta und Julián

 

Chantal und Pauline

 

Wenn ich über die Kempener Straße in Kleinhoek einfahre, kurz bevor ich die Niers überquere, denke ich manchmal: Nur tausendfünfhundert Kilometer weiter, und ich wäre in Weißrussland. Und die Verlängerung der Wilhelm-Bolten-Straße in Richtung Nordwesten würde mich irgendwann nach Grönland bringen. Doch am liebsten schaue ich vor meinem Büro die Niederstraße nach Süden hinunter, bis sie beim Schuhhaus Schüth eine leichte Linkskurve macht. Anderthalb Tagesreisen, sage ich mir, und ich bin in der Provence. Und dann denke ich daran, wie mein Kumpel Motte und ich vor fast zwanzig Jahren in Südfrankreich auf Mädchenjagd gegangen sind, mit Pferden, Pistolen und allem. Eine tiefe Enttäuschung, würde Motte sagen. Ich denke an die Villa über den Hügeln, an meinen Vater, der uns in jenem Jahr seine schöne Freundin vorstellte, meinen Bruder Robert, der sich wie ein kleiner Erwachsener benahm, und an den Sommer 1979, meinen ersten Urlaub mit Führerschein.
Vormittags gingen wir zum Strand und brieten in der Sonne. Von der Villa aus sahen wir Palmen mit Stämmen, die aussahen wie Elefantenbeine, und weil sie in einer Doppelreihe gepflanzt worden waren und schnurgerade zum Meer hinunterführten, nannten wir sie Elefantenallee. Das war unser Weg zum Strand, ein staubiger Pfad mit Hundehaufen und verrottenden Früchten, gesäumt von mächtigen Palmen.
Am späten Nachmittag gingen wir zurück in die Villa, mit Sand im Haar, zum Duschen und Eincremen. Wir nahmen uns eine Stunde oder anderthalb, um das Nachlassen der Hitze und die länger werdenden Schatten zu genießen. Jeder von uns muss an etwas anderes gedacht, jeder dasselbe empfunden haben.
Kurz vor dem Abendessen legten Motte und ich unsere Bücher weg, um ein Kronenbourg aufzuknacken. Wir hielten das Bier in die Abendsonne und betrachteten die Welt durch das grüne Flaschenglas. Und tatsächlich schien alles leicht und sommerlich zu werden, nur durch den kurzen Blick durch unser Kronenbourg. Ich sah die Jahreszahl auf dem Etikett dieses alten Bieres, mit dem mein Vater mich ein paar Jahre zuvor hier in La Croix-Valmer bekannt gemacht hatte, und stellte mir die vielen Generationen junger Biertrinker vor, die schon mit einem Kronenbourg in der Hand über das unermessliche Universum nachgedacht hatten, so wie Motte und ich es taten. So deutlich wie kein anderes Geräusch jener Jahre höre ich das Schrammeln der Zikaden, das wie im Western klang, und sehe von der Terrasse der Villa aus, die mein Vater für vier Wochen gemietet hatte, zu den frühen Lichtern unseres kleines Strandes hinunter, ein paar schwach glimmende Punkte, die mit jeder Minute stärker wurden. Es war ein schöner Moment, wenn der Tag zusammengerollt wurde wie ein Segel und sich die Bewohner unserer Bucht auf den Abend vorbereiteten.
An einem dieser südfranzösischen Abende, nach dem Essen, brachen Motte und ich zu den Stranddiskotheken von Cavalaire auf. Mein Vater hatte mir den gemieteten Renault geliehen, und Vera sagte, fahr vorsichtig, als wäre sie meine Mutter. Wir trugen weiße Polohemden, Motte und ich, damit die Mädchen unsere Bräune sahen.
Die Diskotheken waren aus Holz, große Schuppen mit ein paar Pfählen und einem Strohdach darüber, etwas, das sich für die Saison aufbauen und danach leicht wieder abreißen ließ. Ein staubiger Sandweg führte zum Strand hinunter, und links und rechts hatte man die Wahl zwischen Discos, Kneipen und Crêpe- oder Pizzaständen. Wenn wir uns der Diskothekenzone auf einen Kilometer näherten, hörten wir schon das ferne Wummern der Bässe und den scheppernden Refrain der Sommerhits. Ich spürte sofort, wie mir die Musik ins Blut ging. Ich wusste, dass ich bei so einer Musik, selbst beim dümmsten Song, ein Mädchen in einer Ecke stehen sehen könnte, das zu mir herübersah, ein Lächeln andeutete und sich dann wieder ihrer Freundin zuwandte.
Doch irgendetwas schien Motte an diesem Abend nicht zu passen. Er stand da wie einer, der an der Kuchenvitrine entlanggeführt worden ist, einmal hin, einmal zurück, aber nirgendwo die Gabel hineinstecken darf. Vielleicht hatte er seine Gabel auch verlegt. Jedenfalls dauerte es keine zwei Stunden, da wollte er schon in die Villa zurück. Motte ist so. Ein Mann undurchschaubarer Stimmungen.
»Bleib doch noch, die fangen gerade erst an«, sage ich, nachdem eine kleine blonde Holländerin, die wir auf der Tanzfläche beobachtet haben, von einem Franzosen mit weit offenem Hemd abgeschleppt worden ist. Aber ich weiß, dass es keinen Sinn hat, Motte zu etwas zu überreden.
»Ich gehe«, sagt Motte. Er will weg, jetzt sofort, und zieht ab, um sich an die Straße zu stellen, die Cavalaire mit La Croix-Valmer verbindet.
Um diese Zeit ist an der Küstenroute ziemlich viel los, ein großes Kommen und Gehen duftender, vergnügungswilliger Leute, Mitternacht ist gerade erst vorbei. Motte steht also mit gerecktem Daumen da, erzählt er mir am nächsten Morgen, ist immer noch genervt wegen des verschwendeten Abends, vielleicht auch wegen der blonden Holländerin, die er nicht angesprochen hat, aber davon erzählt er mir natürlich kein Wort. Da hält ein kleiner Peugeot. Der Fahrer, ein Typ Anfang zwanzig, beugt sich über das Mädchen auf dem Beifahrersitz und fragt Motte auf Französisch, wohin er will. Motte deutet nach vorn wie ein Trapper, Richtung Sonnenaufgang, und brummt »La Croix«. Eigentlich muss er noch weiter, denn die Villa liegt weit jenseits des Dorfes, kein Mensch fährt da hoch außer den Weinbauern, aber auf den Fußmarsch ist er vorbereitet.
Kaum hat er den Namen des Ortes genannt, steigt das Mädchen aus, klappt den Beifahrersitz nach vorn und lässt Motte auf die Rückbank. Das Mädchen trägt einen knappen Rock und eine rote Bluse. Hinter dem Fahrer sitzt ein zweites Mädchen, nur blasser als das erste und mit feuerrotem Lippenstift, es ruft fröhlich Bon soir! und fragt Motte sofort, ob er Französisch spricht. Motte schüttelt den Kopf und fragt sich, ob diese Leute noch nie einen Touristen gesehen haben. Um höflich zu sein, sagt er: Do you speak English? Doch er hofft, dass niemand ein Wort Englisch kann, damit sie ihn in Ruhe lassen und er einfach nur bis zu unserem Weinberg kommt, wo der Anstieg zur Villa beginnt.
Die Strecke von Cavalaire nach La Croix-Valmer besteht fast nur aus Serpentinen, man muss langsam fahren und die Kurven sauber nehmen, damit die Autos einander passieren können. Nach einem kurzen Austausch der drei auf Französisch und einem abschließenden Witz des Fahrers herrscht Ruhe im Peugeot. Motte schaut nach draußen, ob er irgendwo zwischen den Bäumen den Vollmond entdeckt, der vorher so schön zu sehen war. Aber schon bald kann er den Vollmond vergessen. Immer, wenn der Peugeot eine Kurve nimmt, wird das Mädchen gegen ihn gedrückt. Oder er gegen das Mädchen. Das ist das Muster. Entweder drückt die dünne weiße Bluse sich gegen ihn; oder er sich gegen die dünne weiße Bluse. Das ist ihm unangenehm, denn es sind viele Kurven, sodass er den Haltegriff packt und sich anstrengt, um in Rechtskurven nicht gegen seine Beifahrerin gedrückt zu werden, er spannt den Bizeps an und findet sich heroisch, weil er sich von der Anstrengung nichts anmerken lässt. Er sitzt da wie Lino Ventura, der alte Motte, mit dünnen Lippen und zusammengekniffenen Augen, entschlossen, alle frei fliegenden Gefühle an sich abprallen zu lassen.
Seine Nachbarin scheint von der Idee aber nicht viel zu halten. Nicht nur, dass Motte ihrem betäubenden Parfüm ausgesetzt ist, das ihn in immer neuen Duftwellen umfängt. Sie strengt sich überhaupt nicht an, das Rutschen auf dem Rücksitz zu vermeiden. Jede Linkskurve bringt sie an seine Seite, Motte spürt die Wärme ihres nackten Oberschenkels, dann auch den Arm natürlich, und während sie zuerst noch mit einem überraschten »Oh!« um Verständnis bittet und einen französischen Satz fallen lässt, der mit dem schlechten Straßenbelag oder dem engen Peugeot zu tun haben könnte, lässt sie sich von der dritten Kurve an einfach gegen ihn schieben und scheint es sogar lustig zu finden.
Irgendwann legt sie ihre rechte Hand auf Mottes Oberschenkel und nimmt sie nicht mehr weg.
Motte weiß nicht, was er machen soll. Er kann ja nicht so tun, als bemerkte er die Hand nicht. Wenn er nichts gegen die Hand unternimmt, zeigt er sich mit der Hand einverstanden. Und mit allem, was sie tut. Einen Augenblick fragt er sich, ob die Hand auf seinem linken Oberschenkel als ernsthafter Stabilisierungsversuch gelten kann. Aber dann sagt er sich, dass sein Oberschenkel nicht der geeignete Körperteil ist, um sich festzuhalten. Besser wäre der Arm. Oder die Schulter. Obwohl er zugeben muss, dass eine gewisse Stabilisierung erzielt worden ist. Das Mädchen rutscht jetzt viel weniger auf dem Rücksitz herum und bleibt immer dicht neben ihm, sodass Motte warm wird. Sein Oberschenkel scheint ihr wirklich zu helfen.
Vielleicht hat auch Mottes Körper ohne Mottes Wissen seine starre Distanz aufgegeben, wie es in solchen Situationen vernünftig ist, und geht den Rhythmus der Kurven einfach ein wenig mit. Man kann sich ja schlecht sieben, acht Kilometer hindurch gegen jede Kurve stemmen. Beunruhigend ist etwas anderes. Die Hand des Mädchens ist im Lauf der Minuten höher gewandert, zentimeterweise, aber stetig. Meist hat dafür ein kleiner Griffwechsel genügt, ein abermaliges Zupacken nach einer besonders heftigen Kurve, einmal jedoch handelt es sich unverkennbar um einen Geländegewinn von drei bis vier Zentimetern. Zwar nimmt Motte während der Fahrt (der Mond ist immer noch nicht zu sehen) auch gelegentliche Rückzugsbewegungen der Hand wahr, aber sie sind nicht von Dauer. Im Gegenteil. Mit der größten Seelenruhe steuert seine französische Nachbarin, von der er nicht einmal den Namen kennt, Mottes Körpermitte an.
Das alles wäre schlimm genug, doch Motte spürt, dass er eine Erektion bekommen hat, und das ärgert ihn wirklich. Er hat nicht vor, in diesem Peugeot mit irgendjemandem etwas anzufangen, er ist entschlossen, die Hand seiner Nachbarin so lange zu ignorieren, wie es eben geht. Was aber, wenn die Hand des Mädchens noch zwei, drei Zentimeter höher rutscht? Würde seine französische Nachbarin aus dem, was ihre Hand dort antrifft, nicht unweigerlich falsche Schlüsse ziehen? Während draußen eine Kurve auf die andere folgt, ballt Motte seine Hand, die sich eben noch an den Haltegriff geklammert hat, zur Faust und beißt sich in den Daumenballen, ein kräftiger Biss, der ihm Tränen in die Augen treibt.
Da schmiegt sich seine Nachbarin noch enger an ihn, verstärkt den Druck ihrer Hand auf seinem Oberschenkel und haucht ihm ins Ohr. »Relax.«
Der Schrecken, der ihm in die Glieder fährt, ist schön und beängstigend zugleich. Motte sieht sich kippen, mal zu der einen, mal zu der anderen Seite.
»I’m not relaxed«, sagt er und muss sich räuspern. Er weiß selbst nicht, was er damit meint.
»You don’t like thees?«, fragt das Mädchen so unschuldig, dass Motte sein eigener Auftritt peinlich ist.
Natürlich gefällt es ihm, theoretisch jedenfalls. Aber in der Praxis, das ist etwas anderes. Er ist ein katholischer Junge vom Land, der gerade volljährig geworden ist, er hat noch nie ein Mädchen ausgezogen, geschweige denn, sich von einem Mädchen ausziehen lassen. Ihm kommt die Besenkammer in den Sinn, in die ihn einmal, bei einem sogenannten »Tanztee«, ein Mädchen gelockt hat, um ihn zu küssen. Doch es ist ihr nicht gut bekommen, Motte mag solche Manöver gar nicht. Auch jetzt, in dem viel zu engen Peugeot, gehen ihm die Dinge etwas schnell. Drei Wochen später wird er wieder auf dem Collegium Aureum sein, dem bischöflichen Knabeninternat am Niederrhein, um sein letztes Schuljahr in Angriff zu nehmen, und er wird mit dem Präses über den DKP sprechen, Den Katholischen Pfad, die neue Jugendbewegung, die das moralische Rückgrat der jungen Kirche bilden soll. Der Niederrhein, hat der Präses ihm gesagt, muss die Speerspitze gegen den Bolschewismus werden. Das Collegium Aureum, so der Präses, wird zur moralischen Erneuerung der Welt beitragen. Ob Motte damals noch mit derselben Inbrunst an die Mission des DKP glaubte wie zwei Jahre zuvor, als er auch mich dafür rekrutieren wollte, weiß ich nicht, aber das spielt in diesen Minuten keine Rolle. Es geht ums Prinzip. Um die »inneren Werte«, wie der Präses gern sagt. Motte kann sich doch jetzt nicht von einem französischen Mädchen, mit dem er sich kaum zu verständigen weiß, auf dem Rücksitz in die Hose greifen lassen. Was wären das denn für innere Werte?
»I don’t want to relax. Please. Don’t touch me.«
»Oh«, sagt seine Nachbarin. »Was I touching you? I’m sorry .« Seelenruhig zieht sie ihre Hand zurück.
»My friend«, sagt der Fahrer, der die Zeit für gekommen hält, sich einzuschalten. »Perhaps you have a leetle time for us. We could spend some time together. Have some fun, d’accord?«
Motte weiß nicht, ob er das richtig versteht. Aber der Franzose kann nur das eine meinen, und Motte schluckt. Dann spürt er ein Zittern in den Schultern, das sich bis in die Brust, den Bauch, ja selbst in die so stark in Unruhe gebrachten niederen Regionen fortsetzt. Ihm wird kalt.
»I want to go home.« In seinen eigenen Ohren klingt er wie ein verängstigter kleiner Junge.
Der Fahrer sagt zu den Mädchen etwas auf Französisch, dann: »My friend, you misunderstand me. I mean, spend some time with friends. Nice people. All together in one big bed. You have met Chantal. And by my side, this is Pauline.« Pauline dreht sich um und lächelt ihn an.
Der Fahrer lacht leise, als kämen ihm romantische Erinnerungen. »We have drinks, too. All in one clean bed in a nice house. Over there.« Er zeigt nachlässig nach vorn, in die Dunkelheit. »What do you think, my friend?«
»Jetzt reicht’s«, sagt Motte. »Stop the car. Let me out. Do you hear ? «
»I’m sorry, my friend«, sagt der Fahrer. »There must be a misunderstanding. «
»Das glaube ich auch«, sagt Motte. »Ein fettes misunderstanding, würde ich sagen. Da vorne, siehst du? Over there, the corner. Let me out.« Mit Erleichterung hat Motte bemerkt, dass seine Erektion abklingt. Na also, geht doch. Er erkennt auch die kleine Kreuzung wieder, der sie sich nähern. Seine Nachbarin hat sich in ihre Ecke gedrückt und betrachtet den Mond. Motte sieht aus dem Augenwinkel ihr Profil mit dem schmollenden Mund.
Der Peugeot hält. Das Mädchen mit dem roten Rock lässt ihn aussteigen.
»Nice to meet you«, sagt Motte. »Macht eure Schweinereien ohne mich. «
»Salut«, sagt das Mädchen auf dem Beifahrersitz mit leisem Spott, dann folgt ein Wort, das Motte nicht versteht, und die Autotür wird zugeknallt. Der Peugeot wendet und verschwindet in der Dunkelheit.
Motte läuft eine halbe Stunde, bevor er den Anstieg zum Weinberg erreicht. Am Anfang rennt er, um die irren Gedanken in seinem Kopf zu beruhigen. Je länger er läuft, desto besser fühlt er sich. Erst auf den letzten paar Hundert Metern wird er langsamer und fängt an, in Ruhe über alles nachzudenken. Als er das Gartentor der Villa erreicht, fragt er sich, was passiert wäre, wenn er das Angebot der Franzosen angenommen hätte.
Die sind ja nicht mehr ganz bei Trost, sagt er sich. Er riecht an seinem Polohemd, ob das Parfüm des Mädchens mit der weißen Bluse – Chantal – noch daran wahrzunehmen ist. Ein wenig, vielleicht eine Spur. Er schnüffelt noch einmal. Die spinnen ja, diese Französinnen! Doch er weiß schon jetzt, dass er in Gedanken noch oft zu den Minuten voller Herzklopfen zurückkehren wird.
Plötzlich bleibt er stehen und begreift, wer er in diesem Augenblick ist. Einer, der nichts versteht. Das Vergangene ist vergangen und bleibt zurück wie ein Findling im Feld. Und wie schnell Mottes Leben auch immer voranrasen wird, wie viele Bilder und Eindrücke sich auch über diese verrückte Heimfahrt mit Chantal und Pauline und dem jungen Fahrer ohne Namen legen mögen, bis sie das Erlebnis in einen Schemen verwandelt haben, die Intensität dieser Minuten werden sie nicht auslöschen können, weil Motte niemals erfahren wird, wie die andere Seite jener Wirklichkeit ausgesehen hätte, die er gewählt hat. Der andere Weg. Die Verheißung, von der er nichts wissen wollte. Die Option, die er brüsk ausgeschlagen hat. Und in diesen Minuten ist ihm wohl klar, dass Chantal und Pauline, die beiden Mädchen, mit denen er nichts »gehabt« hat, dauerhafter in seiner Erinnerung verankert sein werden als manche zukünftigen Mädchen, denen er viel näherkommen wird. Würde Motte darüber nachdenken (später wird er es tun), wüsste er sogar, dass er für den Rest seiner Tage nie wieder französischen Boden betreten wird, ohne an Chantal und Pauline zu denken, ihm wäre klar, dass die stärkste Erinnerung an dieses Land in einem Ereignis besteht, das nicht stattgefunden hat.
Im Lauf der Jahre kamen wir auf seine Fahrt in dem kleinen Peugeot immer wieder zu sprechen, und wir tun es bis heute. »Weißt du noch, der Peugeot?«, sage ich zum Beispiel, wenn wir in Köln, Wuppertal oder Kleinhoek bei einem Bier zusammensitzen.
Und er: »Erinnere mich nicht daran, Blödmann!«
Doch eigentlich bin ich mir sicher, dass Motte genauso gern an die Fahrt im Peugeot erinnert wird, wie ich davon spreche. Irgendwann gingen wir dazu über, von seinem »Abend mit Chantal und Pauline« zu sprechen, ein Euphemismus, wie wir beide wissen, eine Übertreibung, doch es ist das Mindeste, was wir tun können, um die Erinnerung an diesen Abend wachzuhalten. Welches der beiden Mädchen wohl für ihn bestimmt gewesen wäre? Vielleicht beide? Dem alten Motte hatte sich eine sehr interessante Möglichkeit eröffnet, und er hatte sie ausgeschlagen, ob aus Unsicherheit, Schrecken oder Prinzipienfestigkeit, wusste er selbst nicht mehr. Das Ereignis jenes Abends blieb etwas Unfertiges, Unabgeschlossenes, und manchmal kommt es mir so vor, als riefe Motte in seiner Phantasie den kleinen Peugeot zurück, um dem jungen Franzosen am Steuer zu sagen, er habe es sich anders überlegt, er wolle jetzt doch ein geistiges Getränk mit ihnen teilen, einen leichten Weißwein vielleicht, ein kühles Kronenbourg, und hätte nichts dagegen, sich danach mit Chantal und Pauline auf ein sauberes Bett zu legen, a clean bed in a nice house.
Ich glaube, er stellt sich immer wieder dieses Haus in der Provence vor, in welchem Chantals oder Paulines Eltern wohnen, vielleicht auch die Eltern des jungen Mannes. Oder es sind Verwandte, bei denen sie den Sommer verbringen, großzügige, aufgeschlossene Menschen, die genau wissen, dass sich Chantal, Pauline und der junge Mann ihre Sommerferien redlich verdient haben, und was wäre gegen ein wenig Vergnügen einzuwenden? Man macht Sommerbekanntschaften, von denen jeder weiß, dass sie selten den folgenden September überdauern.
So, wie ich mir Mottes Gedanken dazu vorstelle, hat er schon vor Langem damit begonnen, sich das Innere dieses Hauses auszumalen – ich nenne es »das Haus auf dem Hügel« –, den alten Steinboden, die hellen, schlicht möblierten Räume, durch die am frühen Abend eine Brise aus den umliegenden Weinbergen geht, den Blick auf das Meer, ideale Bedingungen, um sich bei Freunden auf ein Bett sinken zu lassen und ein wenig die Augen zu schließen. Bis eine Berührung den Träumenden weckt, vielleicht ein Finger, der seine Wange nachzeichnet, oder langes Haar, das wie ein Vorhang über seine Augenbrauen streicht. Er kommt zu sich, während sich jemand neben ihn aufs Bett legt und sein Körper durch das hinzukommende Gewicht leicht zur Mitte gezogen wird. Er schließt aus dem Atem des Mädchens auf eine Absicht, von der er noch nicht weiß, wie weit sie geht, und jetzt muss er nur noch den Kopf langsam nach rechts drehen und die Augen aufschlagen, um zu erkennen, wer neben ihm liegt, Chantal oder Pauline.

 

Erster Teil

 

Alles fesselt mich und nichts hält mich.
Fernando Pessoa

 

EINES TAGES WACHTE ICH AUF und fand mich in einen Versicherungsvertreter verwandelt. Ich reiche die Vorgeschichte nach, die Leute wollen ja immer wissen, wie man zu so einem unmöglichen Beruf kommt. Jetzt will ich nur erzählen, was der Auslöser war. Ich fragte mich, wie ich Geld verdienen könnte, ohne etwas Richtiges gelernt zu haben. Ich hatte mein Literaturstudium in Köln hingeworfen, Anglistik, Germanistik, Philosophie, wirklich, ich warf alles in die Tonne und sagte mir: Macht den Kram ohne mich. Ich sah mich einfach nicht den Rest meiner Tage in Bibliotheken sitzen und sogenannte Forschungsliteratur verdauen. Ich hatte so viel mittelmäßige Forschungsliteratur gelesen, dass es mich traurig gemacht hatte, genauso, wie ich traurig werde, wenn ich im Sommer auf einem Feldweg eine lange Ameisenstraße sehe und irgendetwas daherkommt, ein brutaler Schuh, der Reifen eines Traktors, um die Kette zu unterbrechen. Ich weiß, dass Ameisen darüber nicht traurig werden können. Sie räumen nicht einmal die toten Krieger weg.
Wenn ich vor meinem Bürofenster die grün-weiße Fahne der Rheinischen sehe und mir das unentwegte Verrinnen der Zeit vorstelle – Blätter, die der Wind durch die leeren Straßen von Kleinhoek fegt, Staub, der sich auf uns alle niedersenkt und sogar in die Vitrine des Schützenvereins am Marktplatz kriecht –, könnte ich trübsinnig werden. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, und das soll schon die Hälfte meines Lebens gewesen sein? Von uns wird nichts bleiben außer Kreditkarten, alten Socken und einer versifften Fernbedienung. Weg damit.
Genauso wird es uns ergehen. Wenn es so weit ist, wird man uns wegpacken, und auch wenn dem einen oder anderen Freund etwas auffällt und er sagt: Schade, dass ich kein Bier mehr mit ihm trinken kann, er war so ein lieber Kerl, können wir den Verlust sehr niedrig ansetzen. Wir haben angefangen zu existieren, ohne dass man uns gefragt hätte. Wir hören auf zu existieren, ohne dass man uns fragen würde. Wir haben nicht den Mut, es selbst in die Hand zu nehmen und den passenden Zeitpunkt zu bestimmen, weil es den passenden Zeitpunkt nicht gibt. Also müssen wir nehmen, was kommt, für unsere Lieben eine gute Versicherung abschließen und uns für das letzte Gefecht rüsten. Aber wie gesagt: Den Verlust setze ich ziemlich niedrig an.
Der Tag, an dem ich mich in einen Versicherungsvertreter verwandelte, liegt sieben Jahre zurück. Ich lebte noch mit Martina zusammen, in Köln, obwohl es sich nicht mehr lohnte, für beide nicht, nur dass Martina es noch nicht wusste. Da kam dieser Mann bei ihr vorbei und sagte, es gäbe wichtige Neuigkeiten zu Martinas Versicherungsverträgen, Anton Orzegowski, er hatte sie schon beraten, als sie im ersten Semester Pädagogik studierte.

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