Verliebt in deinen Lehrer?
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Verliebt in meinen Lehrer - und jetzt?!

Autorin Anna Rosina Fischer gibt Dir fünf Tipps!

Autorin Anna Rosina Fischer schreibt in diesem Blogeintrag über die verzwickte Situation, in einen Lehrer verliebt zu sein und gibt Tipps, wie man über diese Schwärmerei hinweg kommt.

So So, du bist also in deinen heißen Lehrer verknallt und auf der Suche nach ein paar wertvollen Tipps, wie du ihn dir am besten aus dem Kopf schlagen kannst?!

Damals… vor langer Zeit… ewig ist's her… also Mitte der Neunziger hatte ich eine Schulfreundin, die war wahnsinnig in unseren Sportlehrer verknallt. Für mich absolut nicht nachvollziehbar, der gute Mann war immerhin bestimmt schon Ende Dreißig oder Vierzig (jedenfalls unfassbar alt), trug jeden Tag den gleichen Jogginganzug, hatte eine Preisboxernase und roch penetrant nach Schweiß.

Für den Fall, dass dein Lehrer allerdings aussieht wie Elyas M'Barek (das soll ja durchaus an den besten Schulen vorkommen), du nur noch an ihn denkst und deine Noten im Keller sind, obwohl du jeden Tag im Unterricht mit deiner Anwesenheit glänzt, hier nun ein paar Vorschläge, wie du dich langsam von ihm entwöhnen kannst:

1. Schwänze!
(Ich gebe zu, dieses Wort wirkt gerade etwas… sagen wir mal deplatziert/ unangemessen/ unvermittelt/ tourettemäßig.) Deine Zensuren sind sowieso gerade unterirdisch schlecht, also was soll's… ein Besuch bei Pr**ark vormittags um zehn Uhr bringt dich mit Sicherheit ganz schnell auf andere Gedanken (z.B. wie schaffen die es, dass dein neues T-Shirt nur zwei Euro kostet???).

2. Folge ihm nicht… 
Ich wiederhole… auf gar keinen Fall auf Instagram oder sonstigen sozialen Plattformen und verbringe deine wertvolle Lebenszeit damit, seinen Beachbody sabbernd anzuschmachten! Ja, es sieht wirklich toll aus, wie er in den Sommerferien so lässig die Wellen reitet und seine Frisur sitzt währenddessen auch perfekt, trotzdem… Finger weg vom Like-Button!

3. Stell dir vor, du wärst mit ihm zusammen und:

- er korrigiert dich permanent, weil du den Genitiv nicht anwendest

- er fragt dich immer, ob du auch alles verstanden hast oder schlimmer, ob du nochmal wiederholen könntest, was er eben gesagt hat

- er ermahnt dich ständig, weil du im Bett zu spät kommst.

 

4. Stell ihn dir älter vor!

Also nicht nur mit so attraktiv angegrautem Haar (Verdammt! Ist das unfair ... warum mag eigentlich niemand bei Frauen graue Schläfen?), sondern viel, viiieel älter! Das sollte in jedem Fall helfen.

5. Sieh dir doch mal den Typen, der links neben dir sitzt, genauer an.

Der schon seit der Grundschule mit dir in eine Klasse geht. Ist der nicht auch irgendwie süß?! Okay … denk dir einfach die Pickel, die Zahnspange und das dusselige Gelaber weg! Ach, und den miserablen Klamotten - und Musikgeschmack natürlich auch noch.

 

Du bist achtzehn, hast deinen Schulabschluss in der Tasche und findest deinen Lehrer immer noch heiß? Schnapp ihn dir! (Vorher aber bitte abchecken, ob er nicht schon längst vergeben ist und drei Kinder hat)

Zu Risiken und Nebenwirkungen wende dich bitte an den Buchhändler deines Vertrauens und lies aufmerksam Songbird!

 

Blick ins Buch
SongbirdSongbird

Roman

Obwohl sie es schon lange ahnte, tief im Innern spürte, traf es sie plötzlich und völlig unerwartet ...Ella und Sam kennen sich schon ewig, als sie sich endlich eingesteht, dass er ihr mehr bedeutet als alles andere. Zu dumm nur, dass Sam der beste Freund ihres großen Bruders ist. Und dass er ausgerechnet jetzt eine Stelle als Referendar fürs Lehramt antritt – an ihrer Schule. Und dann ist da noch diese Sache mit Milo … Völlig überfordert von ihren Gefühlen setzt Ella ihre eigene Gesundheit gefährlich aufs Spiel und verletzt damit nicht nur sich selbst. Songbird ist so romantisch, chaotisch, witzig und tieftraurig wie die echte, ganz große Liebe.

1

Ich musste in der Hölle sein. Ganz klar. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum ich nach Speck roch. Und warum die Spice Girls sangen. Ganz leicht kam noch der Geruch von Zwiebeln durch. Das wunderte mich ein wenig, und ich fragte mich, warum sich die Stimme meiner Mutter zu Mel B dazugesellte. Allerdings sang meine Mutter so falsch und schräg, dass ihr auf jeden Fall schon mal für alle Zeiten ein reservierter Platz im ewigen Fegefeuer sicher war.

Schweißgebadet wachte ich auf. Es war hell, viel zu hell und schon jetzt am frühen Morgen zu heiß, um weiterzuschlafen. Stöhnend wälzte ich mich im Bett herum, denn eigentlich wollte ich mein letztes Ferienwochenende so richtig mit Gammeln und Nichtstun vergeuden. Das hatte ich zwar schon die letzten sechs Wochen gemacht, aber ich fand, wenn man etwas anfängt, sollte man es auch richtig zu Ende bringen. Müde torkelte ich zum Fenster und zog die Gardinen zu, nur um mich dann wieder, völlig erschöpft von der Anstrengung, ins Bett fallen zu lassen.

Dies waren mit Abstand die längsten Sommerferien meines Lebens, und obwohl die Stadt vor lauter Touristen aus allen Nähten platzte, war sie für mich wie ausgestorben. Alle waren weg gewesen. Meine Eltern, meine Freunde, sogar mein Bruder. Nur ich entschied mich dafür, in Berlin zu bleiben. Im Nachhinein eine schlechte Wahl. Die Stadt war stickig und heiß, aber da sowieso niemand da war, musste ich auch nicht oft vor die Tür. Es sei denn, ich ging in die Bibliothek oder hatte Lebensmittel zu besorgen. Doch da kam ich mit weit weniger aus, als meiner Familie lieb war.

Aus dem Wohnzimmer drang Musik, und ich hörte meine Eltern in der Küche herumhantieren. Genervt schob ich den Kopf unter das Kissen, um die widerlich gute Laune meiner Eltern auszublenden. Es half nichts – an Schlaf war nicht mehr zu denken. Mühsam kroch ich aus dem Bett, schlurfte in Unterwäsche ins Bad, wusch mir den Schlaf aus den Augen und versuchte das Chaos auf meinem Kopf zu bändigen. Vergeblich. Zurück in meinem Zimmer, zog ich mir schnell ein viel zu langes und schon völlig ausgeblichenes Tenacious D-T-Shirt von meinem Bruder über und ging in die Küche, wo ich den Auslöser für meinen Albtraum entdeckte. Mein Vater stand am Herd und machte sein obligatorisches Wochenendrührei, während meine Mutter mit der neuen Kaffeemaschine kämpfte, die merkwürdigerweise bei jedem funktionierte – nur bei ihr nicht.

»Morgen, Süße«, sagte sie, als sie mich erblickte, und wandte sich an meinen Vater. »Ist es nicht toll, wie sie es immer wieder hinkriegt, genau dann aufzustehen, wenn das Frühstück fertig ist, Schatz?«

»Ja, Wahnsinn! Ich bin auch immer wieder aufs Neue über so viel Talent erstaunt«, flötete mein Vater, ging mit der Pfanne voll Rührei an mir vorbei und drückte mir einen Gutenmorgenkuss auf die Wange.

»Und ich bin jedes Mal über eure abartig gute Laune am Morgen erstaunt. Die ist echt kaum zum Aushalten.« Ich verdrehte die Augen, holte mir eine Schüssel aus dem Schrank, kippte eine kleine Handvoll Haferflocken hinein, kramte einen sauberen Löffel aus dem Geschirrspüler und setzte mich an den Esstisch.

Nun war es an meiner Mutter, die Augen zu verdrehen. »Du meine Güte, Ella! Wir haben frische Brötchen und Rührei, und du würgst jeden Tag dieses trockene Zeug runter.«

»Ist doch gar nicht trocken, siehst du?«, antwortete ich grinsend, schnappte mir die Frischmilch und ließ sie über mein mageres Frühstück schwappen.

Kaum hatte ich den ersten Löffel in den Mund geschoben, sprang mir auch schon unsere Katze auf den Schoß und versuchte ihre Pfote in die Milch zu tunken.

»Hey, Pixie, hörst du wohl auf!«, stöhnte ich, hob sie auf ihren Hocker neben meinem Stuhl und goss ihr etwas Milch auf eine Untertasse.

Ja richtig, unsere Katze durfte mit uns am Tisch sitzen oder vielleicht eher wir mit ihr. Der Name unserer Katze Pixie war – wie die meisten Namen in diesem Haushalt – auf dem Mist meiner Mutter gewachsen, denn die Pixies zählten schon seit den Achtzigern zu ihren Lieblingsbands. Ich bekam den Namen Ella, weil sie das Lied Ella elle l’à von France Gall liebte und fand, jede Frau müsse ein bisschen so sein wie die Ella im Song. Ich mochte meinen Namen; es hätte mich durchaus schlimmer treffen können. So wie meinen über drei Jahre älteren Bruder. Kurt. Ich meine, was hatten sich meine Eltern dabei nur gedacht? Bloß weil ihr Jugendheld Kurt Cobain war? Obwohl, Kurt konnte wirklich froh sein, dass sie ihn nicht Buzz oder Ozzy oder DeeDee genannt hatten. Bei meiner Mutter war alles vorstellbar. Mittlerweile fand mein Bruder seinen Namen aber doch ziemlich gut. Seitdem er mit seinem besten Kumpel Sam eine eigene Band hatte und Schlagzeug spielte, war er der Meinung, der Name sei so selten und deswegen überhaupt nicht Mainstream, dass er schon wieder cool sei. Ich versuchte ihn immer vom Gegenteil zu überzeugen. Meiner Meinung nach konnten nur dicke, bärtige, schmerbäuchige ältere Männer Kurt heißen.

»Ist denn eigentlich die versprochene Postkarte von Kurt schon angekommen?«, fragte ich kauend meine Eltern.

Mein Vater schmunzelte. »Ja, kaum zu glauben, aber wahr. Er hat tatsächlich eine Karte geschickt. Und obwohl er erst seit einer Woche wieder in Berlin ist, ist sie schon heute angekommen.« Augenblicklich sprang er vom Tisch auf und holte die Karte aus dem Flur.

Das Motiv darauf war wahnsinnig originell. Es zeigte Meer.

Na toll, das konnte doch echt überall sein, und auf der Rückseite stand geschrieben:

Liebe Grüße aus Cold Hawaii sendet euch KURT.

Das sah ihm ähnlich, aber ich musste zugeben, dass es für ihn glatt eine Meisterleistung war, überhaupt eine Karte aus dem Urlaub zu schreiben. Wahrscheinlich hatte er sie persönlich in unseren Briefkasten geschmissen.

Kurt war mit Sam drei Wochen in Dänemark surfen. Das hatten sie sich vorgenommen, seit wir vor sechs Jahren zusammen mit meinen Eltern auf dem Fahrrad die dänische Nordseeküste abgefahren waren, und diesen Sommer hatten sie endlich nach langem Sparen und einer großzügigen Finanzspritze meiner Eltern ihren Plan verwirklicht. Meine Eltern waren währenddessen wieder auf einer ihrer Rucksacktouren gewesen, und ich hockte hier fest; aber ich wollte es ja eigentlich auch so.

Kopfschüttelnd legte ich die Karte auf den Tisch und beobachtete, wie meine Eltern wieder ihr Lieblingsspiel spielten – Songtitel und Interpret aus dem Radio erraten. Meistens verlor mein Vater, denn meine Mutter hatte ein riesengroßes unnützes Musikwissen angesammelt, das ihr nur beim Wochenendfrühstück etwas brachte.

Auch heute hatte sie wieder haushoch gewonnen.

»Tja, Liebling, mein Gehirn besteht zu drei Prozent aus Namen, zu zwei Prozent aus Telefonnummern, zu fünf Prozent aus Schulwissen und zu neunzig Prozent aus Songtexten«, erklärte sie triumphierend und zog ihn wie üblich damit auf.

Meine Eltern waren schon fast ihr ganzes Leben zusammen und immer noch schwer ineinander verliebt. Ich wusste echt nicht, wie sie das machten, denn mein Bruder und ich waren bis heute nicht fähig, uns richtig zu verlieben, geschweige denn eine Beziehung mit jemandem zu haben. Ich pflegte keine oberflächlichen Freundschaften und ging so gut wie nie auf Partys. Da lernte man nur schwer jemanden kennen. Ich hing lieber mit meinen besten Freunden Emma und Milo ab.

Emma und Ella. Wir zwei waren seit der fünften Klasse praktisch unzertrennlich, und seit vier Jahren gehörte Milo, nachdem er neu in unsere Klasse gekommen war, auch noch mit zu uns.

Leider hatte ich unser unschlagbares Trio in den letzten zehn Monaten irgendwie gesprengt. Zum einen, weil ich nicht genau wusste, wie die Dinge zwischen mir und Milo standen, und zum anderen, weil ich das vergangene Schuljahr in England verbracht hatte. Ermöglicht hatte das Tante Cordula. Genauer gesagt – ihr Ableben und die damit verbundene kleine Erbschaft, die meinen Eltern zugute kam. Und während sie meinen Bruder mit dem Geld in Sachen Wohnung und Urlaub unterstützten, dachten sie sich, ihre Tochter solle ihren Horizont am besten bei einem Auslandsjahr erweitern und so das restliche Geld auf den Kopf hauen. Leider hatte ich, als die Idee Gestalt annahm, G-8 nicht auf dem Schirm und erst mitten in der Planung geschnallt, dass ich die dort erbrachten Leistungen in Berlin nicht anrechnen lassen konnte und somit ein Jahr verlor. Darauf hatte ich überhaupt keinen Bock, doch meine Eltern überzeugten mich, die Chance zu nutzen und das Abenteuer zu wagen. Im Nachhinein konnte ich immer noch nicht sagen, ob ich ihnen für diese Erfahrung dankbar sein sollte. Auf jeden Fall hatte ich gelernt, dass meine Vorstellungen und die des Reiseunternehmens bezüglich sorgfältig ausgewählter Gastfamilien stark voneinander abwichen. In Brighton fühlte ich mich wie Harry Potter bei den Dursleys, und ich merkte genau, dass es dieser Familie einzig darum ging, an mir Geld zu verdienen. Als ich nicht mehr ohne Erlaubnis die Küche nutzen durfte, um mir ab und an einen Tee zu kochen, reichte es mir, und ich setzte alle Hebel in Bewegung, die Gastfamilie zu wechseln. Danach wurde alles besser. Ich fühlte mich willkommen, und die Gegend war traumhaft, nur mein Heimweh ließ sich nicht abstellen.

Ab morgen musste ich also die elfte Klasse wiederholen, während meine Freunde schon ihr Abschlussjahr begannen. Es war eigentlich nicht so schlimm, da wir sowieso nicht so viele Kurse zusammen gehabt hätten, aber ich fühlte mich trotzdem ein bisschen abgehängt.

»Hast du heute noch was Schönes vor, Ella?«, fragte mein Vater. »Triffst du dich endlich mit Emma?«

Manchmal fragte ich mich wirklich, ob sich andere Väter auch so für das Sozialleben – oder besser gesagt, das nicht vorhandene Sozialleben – ihrer Töchter interessierten.

»Nö, Emma ist übers Wochenende bei ihrem Vater, und Milo ist erst heute Nacht mit dem Flieger aus Spanien zurückgekommen. Bestimmt pennt er den ganzen Tag. Ich sehe die beiden also erst übermorgen in der Schule wieder – falls überhaupt.«

Milo … keine Ahnung, wie ich ihm gegenübertreten sollte. Wir hatten uns seit der letzten Silvesternacht nicht mehr gesehen. Und jetzt war Anfang August.

Ich schob meine halb volle Schale beiseite. »Ich bereite heute einfach ganz gemütlich mein Schulzeug vor, nehme ein Bad, und vielleicht kämme ich mir sogar noch die Haare«, antwortete ich breit grinsend.

»Na, wenn das nicht nach einem gut durchdachten und ausgefüllten Tagesplan klingt, findest du nicht auch, Jenny?«, amüsierte sich mein Vater.

Meine Mutter fand das natürlich überhaupt nicht. Sie konnte nie verstehen, dass ich gern zu Hause blieb. Und noch viel weniger fand sie, dass eine erwachsene Frau Jenny heißen sollte. Nicht mal zu einer Jennifer hatte es gereicht, was sie meiner Großmutter schon seit Jahren immer wieder aufs Butterbrot schmierte. Da mein Vater aber Jens hieß, fand ich, dass das wunderbar zusammenpasste. Jenny und Jens. So wie Susi und Strolch. Romeo und Julia.

Nachdem mein Vater uns noch einen zweiten Kaffee gemacht hatte, der auch trinkbar war, räumten wir zusammen den Tisch ab.

»Weißt du, Süße, wahrscheinlich fällt es morgen gar nicht weiter auf, dass du wiederholst. Es gibt doch in der Kursphase sowieso keine Klassen mehr«, sagte meine Mutter, nachdem sie meine Sorgenfalte auf der Stirn bemerkt hatte.

»Schon möglich, dass es die meisten anderen gar nicht bemerken, aber mir fällt es auf. Immerhin muss ich ein Jahr länger in der Schule sein. Und wenn Emma und Milo fertig sind, bin ich immer noch dort.« Diese Aussicht frustrierte mich.

»Jetzt kommt dir so ein Jahr vielleicht unglaublich lang und vergeudet vor, aber später zählt das nicht mehr, und deine Freunde werden mit ihrem Leben nicht weiter voraus sein, als du es bist.« Sie nahm mich in die Arme und drückte mich ganz fest an sich. Es war in dem Moment genau das, was ich brauchte.

»Okay, ich geh mir mal die Zähne putzen«, sagte ich leise.

Meine Mutter ließ mich los und verfluchte das saubere Geschirr im Geschirrspüler, welches erst noch ausgeräumt werden musste, damit das dreckige reinkonnte. Wäre es nach ihr gegangen, hätte es noch einen Geschirrspülausräumapparat geben müssen.

Nachdem ich mich im Bad fertig gemacht hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück. Tja, was hatte ich zu tun? Stifte anspitzen, zwei Blöcke heraussuchen. Fertig. Das war also meine Tagesaufgabe. Nicht gerade berauschend. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte an die Decke, bis Pixie auf mich draufsprang, an meinen Achseln schnupperte und mich ableckte. Diese Katze kam immer im richtigen Moment. Ich kraulte sie am Ohr, woraufhin sie sich so richtig auf mir niederließ und laut schnurrte. Pixie verstand mich immer und wusste genau, wann es mir nicht gut ging und ich sie brauchte. Obwohl … wahrscheinlich war es ihr egal, wie es mir ging, Hauptsache, sie wurde den ganzen Tag gestreichelt.

»Hey, Ella!« Meine Mutter steckte den Kopf zum Zimmer herein.

O Mann, ich war tatsächlich bei der Hitze und mit der Katze auf dem Bauch wieder weggedöst! Ich musste schon sagen, ich hielt mich sehr gut an meinen Gammeltagplan.

»Hast du Lust, bei Kurt vorbeizufahren und ihm seine frisch gewaschenen Klamotten zu bringen?«

»Was? Warum sollte ich zu so etwas Lust haben? Ich bin doch kein Lieferservice. Wenn er schon nicht selbst wäscht, kann er die Wäsche doch wenigstens abholen.«

Kurt war vor über zwei Jahren ausgezogen und hatte mit Sam eine WG gegründet, aber sie hielten es trotzdem nicht für nötig, sich eine Waschmaschine zuzulegen. Meine Mutter war bestimmt froh darüber; so konnte sie sicher sein, dass er wenigstens regelmäßig vorbeikam.

»Ja, du hast ja recht. Ich dachte nur, falls du nichts zu tun hast, könntest du doch ein bisschen raus an die frische Luft.«

»Frische Luft? Bei der Hitze? In Berlin?«, warf ich ein.

Sie setzte ihren Bettelblick ein.

Leicht genervt gab ich nach. »Meinetwegen. Ich wollte mich sowieso noch um mein Fahrrad kümmern, das kann ja dann Kurt übernehmen.«

»Super! Danke, Liebes. Ich stopfe dir die Wäsche in die Fahrradtasche.«

Damit war sie verschwunden. Lustlos rappelte ich mich auf, was Pixie gar nicht gefiel, denn nun musste sie sich einen anderen Schlafplatz suchen. Ich kramte eine schwarze Jeans und ein T-Shirt, das auch passte, aus meinem Schrank und zog mich an. Im Flur schnappte ich mir die Fahrradtasche, verabschiedete mich kurz von meinen Eltern und rannte die Treppe hinunter. Im Hof schloss ich mein uraltes Rad ab, ein seegrünes Dusika. Mein Vater hatte es mir zum dreizehnten Geburtstag restauriert, nachdem es vier Jahre lang herrenlos in unserem Gemeinschaftskeller herumgestanden hatte. Es klapperte und schepperte und schien jeden Moment auseinanderfallen zu können, aber irgendwie passte es einfach zu mir.

Nicht ein Luftzug erfrischte die Stadt, als ich die sechs Kilometer unter der grellen Sonne zu Kurts und Sams Wohnung fuhr. Das Haus lag in einer abgelegenen Seitenstraße, direkt hinter dem S-Bahnring und war das einzige Mietshaus zwischen unzähligen Autowerkstätten und Garagen. Schräg gegenüber stand ein altes Fabrikgebäude, in dem ihre Band einen Probenraum hatte und dessen Keller einen kleinen Klub beherbergte, der mittlerweile nicht mehr nur Insidern bekannt war. Ich fuhr an den graffitibesprühten Mauern vorbei, unter der S-Bahnbrücke hindurch und geradewegs in den offen stehenden Hauseingang hinein. Nachdem ich die Fahrradtasche umständlich abgezerrt hatte, stieg ich ins erste Obergeschoss. Die Wohnungstür stand wie meistens offen, und laute Musik drang aus ihrem Innern nach draußen. Hier konnte echt jeder ein und aus gehen, wie er wollte. Zumindest hatten Kurt und Sam keine Waschmaschine, die geklaut werden konnte. Und auch sonst nicht viel. Kurt saß auf dem Fensterbrett, rauchte eine selbst gedrehte Zigarette und las ein Buch. Seine langen blonden Locken hingen ihm vor dem Gesicht, und anscheinend ließ er sich einen Bart wachsen. Wie konnte er sich bei der lauten Musik nur konzentrieren?

»Hey, Kurt, Wäscheservice!«, rief ich und ließ die Tasche auf den Boden fallen.

»Schwesterherz, super! Mir mangelt es an frischen Boxershorts.«

»Ja, das dachte sich unsere Mutter auch schon. Wir wissen ja, dass du clever bist, aber unfähig im Lösen von Alltagsproblemen«, stichelte ich lachend und ließ mich in den abgeranzten alten Sessel plumpsen. »Und deswegen kommt der Pöbel mit deiner Wäsche zu dir.«

»Ich glaube eher, unsere alten Herrschaften wollten dich nur loswerden, damit sie die Bude endlich mal für sich allein haben«, konterte er, und ich schätzte, dass er damit gar nicht so unrecht hatte.

»Ich finde, zur Wiedergutmachung und damit du dich nicht völlig nutzlos fühlst, darfst du mir mein Rad aufpumpen und die Bremsen nachziehen, damit ich Montag unbeschadet zur Schule komme.«

»Stets zu Diensten«, kommentierte er geschwollen. »Was würdest du nur ohne mich machen, Ella?«

»Dito. Und wann hast du zum letzten Mal was Nahrhaftes gegessen und nicht nur Tiefkühlpizza?«, meinte ich mit Blick auf seine hängenden Jeans.

»Ich glaube, das war in Dänemark. Hotdogs.«

»Ich sagte, was Nahrhaftes und kein labberiges Fast Food. Apropos Dänemark! Da du immer noch so blass bist wie an Weihnachten, nehme ich mal an, dass Cold Hawaii seinem Namen alle Ehre gemacht hat.«

»Jip, wir haben uns echt den Arsch abgefroren, aber so bleich wie du bin ich nicht. Hast wohl den Sommer hinter zugezogenen Gardinen verbracht.«

Obwohl er damit voll ins Schwarze getroffen hatte, streckte ich ihm die Zunge raus und marschierte zum Kühlschrank. Gähnende Leere. Nichts außer einem seit drei Wochen abgelaufenen Becher Joghurt, einer Milchtüte und einer braunen Banane. Na, wenigstens kauften sie sich Obst. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich zu Kurt hinüber.

»Ist ja schon gut«, entschuldigte er sich. »Bender ist gerade zum Späti.«

Ich konnte einfach nicht verstehen, warum sich Jungs ständig mit dem Nachnamen anreden mussten. Für mich jedenfalls blieb Sam Sam und Kurt Kurt. In diesem Moment polterte Sam auch schon mit seiner dümmlich kichernden Freundin Sarah zur Tür herein. Wir zwei hatten das unangenehme Vergnügen gehabt, uns bei einem Familienessen zwischen den Feiertagen kennenzulernen, bei dem Sam wie immer nicht fehlen durfte. Damals hatte er sie zum ersten Mal mit angeschleppt.

»Hi, Ella«, sagte er schon fast schüchtern.

Sarah und ich nickten uns nur stumm zu. Wir konnten uns nicht leiden. Ich fand sie einfach nur oberflächlich und langweilig und viel zu hübsch. Einfach öde perfekt. Bis auf ihre Augenbrauen. Die sahen so aus, als seien sie von Nike gesponsert worden. Sie fand mich anscheinend auch nicht besonders toll, und so beruhte unsere Ablehnung auf Gegenseitigkeit.

»Okay«, sagte sie an Sam gewandt. »Ich mach mich los, aber keine Sorge, ich komme heute Abend noch mal vorbei.« Sie zog ihn an sich und küsste ihn. Sehr intensiv.

Mussten sich die Leute eigentlich immer in aller Öffentlichkeit so abschlabbern? Ich drehte mich weg und sah Kurt an, der die Augen verdrehte.

»Alter, wenn ich jetzt was im Magen hätte, müsste ich glatt kotzen«, unterbrach er die beiden ungeniert.

Sarah bedachte ihn noch mit einem giftigen Blick, bevor sie endlich die Wohnung verließ.

Nachdem sie gegangen war, kratzte sich Sam verlegen am Hinterkopf.

»Und, Alter, was gibt’ s zu futtern?«, fragte mein Bruder.

Sam packte seine Beute aus dem Späti auf den Küchentisch. »Hm … Also, wie wär’s mit Spiegelei auf Salami mit Schmelzkäsescheiben?«

»Igitt!«, entfuhr es mir. Es war Samstag, alle Geschäfte waren geöffnet, und die zwei schafften es trotzdem tatsächlich meistens nur bis zum Spätkauf um die Ecke. Ich kramte im Küchenschrank herum und fand eine volle Packung Mehl. Neben dem Herd stand noch eine Flasche Öl. »Okay, Jungs, wie wär’s damit? Ihr pfeift euch die Wurst und den Käse so rein oder wartet, bis noch ein Brot den Weg in eure Bude findet, und ich hau euch ein paar Eierkuchen in die Pfanne.« Ich kochte und backte ziemlich gern. Das Essen überließ ich den anderen.

Mein Bruder kam zu mir und verstrubbelte mir das Haar. »Super Idee. Ist sie nicht wie eine Mutter zu uns?«

»Ja, ist sie«, sagte Sam knapp und suchte mir eine Schüssel heraus.

Kurt rollte die Salami- und Käsescheiben zusammen und schob sie sich so in den Mund. Dann setzte er sich wieder aufs Fensterbrett und widmete sich seinem Buch.

Sam half mir unterdessen und schlug die Eier auf, während ich das Mehl abwog. Wir kannten uns jetzt schon so lange, und im Prinzip war er fast wie ein Bruder für mich. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, schwärmte ich für ihn, seit ich zwölf war. Und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Seit der siebten Klasse waren Kurt und er die besten Freunde, und Sam ging fast täglich bei uns ein und aus. Mein Bruder war schon immer total lebhaft gewesen und in Sam hatte er irgendwie seinen Ruhepol gefunden. Sie ergänzten sich einfach super, hatten aber auch wahnsinnig viel gemeinsam.

Ich kippte die Eier, die Milch und das Mehl zusammen, gab noch einen Löffel Zucker und einen großen Schluck Öl hinzu und streckte die Hand nach Sam aus. »Schwester, den Mixer bitte!« Gehorsam reichte er mir den Schneebesen.

Ich rührte wie eine Besessene, und weil es sowieso schon so heiß war, geriet ich dabei richtig ins Schwitzen. »Tupfer, bitte!«, scherzte ich.

Sam nahm ein Küchenhandtuch, strich mir die langen Haare aus dem Gesicht und tupfte mir sanft die Stirn ab. Ich vergaß völlig, den Teig weiterzurühren.

»Äh, danke«, sagte ich leise.

»Keine Ursache, Doktor.« Er trat ein Stück zurück und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. »Ella …«, druckste er herum. »Du weißt doch, dass ich im Zuge meines Studiums ein Referendariat absolvieren muss, oder?«

Klar wusste ich das. Was ich jedoch nicht wusste, um genau zu sein, überhaupt nicht verstehen konnte … wieso übersprang Sam eine Klasse, besuchte währenddessen als Schülerstudent die Uni und ließ sich seine Leistungen anrechnen, absolvierte mit siebzehn sein Abi mit Eins, nur um dann wieder auf einer Schule als Lehrer zu enden? Irgendwie dachte ich immer, er habe Größeres vor.

»Ja, und?« Ich zuckte mit den Achseln.

»Es kann sein, dass du dieses Jahr ein paar Kurse bei mir hast.«

»Oh.« Ich hielt mit dem Rühren inne. »Du hast dich an deiner alten Schule beworben? Muss ich dich dann siezen?«

Mehr fiel mir dazu im Moment nicht ein.

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, und er hob die Schultern. »Ich weiß nicht, darüber habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht.«

Natürlich nicht. So etwas Profanes konnte auch nur mir einfallen.

»Aber ich denke schon. Du kannst mich ja in den Pausen duzen.«

»Als ob ich in den Pausen mit Lehrern rumhänge!« Ich schluckte.

Das klang jetzt wahrscheinlich fieser, als ich es beabsichtigt hatte, aber ehrlich gesagt, ich war fassungslos. Ich hatte bisher noch nie darüber nachgedacht, doch jetzt fand ich es irgendwie erniedrigend, dass er als Lehrer vor mir stehen sollte und mich anhand meiner Leistungen bewertete. Das wollte ich nicht. Ich wusste nicht weshalb, aber es war mir total unangenehm. Plötzlich hatte ich das dringende Bedürfnis, auf der Stelle abzuhauen. Nur noch raus und so schnell wie möglich verschwinden. Warum ich stets so handelte, konnte ich nicht einmal genau sagen, aber meistens ging ich Konflikten aus dem Weg und machte mein Gefühlschaos mit mir selbst aus.

Nervös wischte ich mir die Hände an der Hose ab. »Kurt, kannst du mal bitte mein Rad flott machen? Ich muss langsam nach Hause.«

Kurt blickte abwesend von seinem Buch hoch, stand dann aber doch auf und schlurfte zur Tür. Ich setzte mich auf den Tisch, knabberte an meinen Fingernägeln und beobachtete schweigend, wie Sam den Teig in die heiße Pfanne goss. Wie konnte jemand wie er nur Lehrer werden? Wenn ich den Querschnitt meiner Lehrer betrachtete, dann fiel mir nur alt, unattraktiv, uncool und langweilig ein. Okay, mein Vater war auch Lehrer, und auf ihn trafen die meisten Punkte in meinen Augen natürlich nicht zu, aber erst recht nicht auf Sam. Er war gerade mal zweiundzwanzig, schlank und muskulös, und seine zerzausten braunen Haare fielen ihm auf die Schultern. Er war Musiker, und ich konnte ihn mir absolut nicht als öden Lehrer vorstellen. Aber das passte gut zu seiner öden Freundin. Wahrscheinlich hatte ich auch einfach ein falsches Bild von ihm.

Wir schwiegen uns weiter an. Vielleicht hatte er ja mit einer anderen Reaktion gerechnet. Hatte er wirklich gedacht, ich sei über seine Neuigkeit begeistert? Möglicherweise verwirrte ihn meine Reaktion genauso wie mich; er wollte mich nur informieren, und ich verhielt mich wie eine Grenzdebile.

»So, erledigt«, sagte Kurt, als er wieder zur Tür hereinkam und sich die dreckigen Hände an der Jeans abwischte. »Wann gibt’s was zu futtern?«

»Ehrlich, Kurt, es ist einfach unfassbar! Wie konnten wir nur bei den gleichen Eltern aufwachsen, und trotzdem hast du keine Ahnung, was zu tun ist, um nicht zu verhungern?«

»Tja, mir haben unsere alten Herrschaften eben Talent, Intelligenz und gutes Aussehen mit auf den Weg gegeben und dir das Wissen darüber, wie man ein Ei in die Pfanne schlägt.« Er grinste und legte mir einen Arm um die Schultern.

Ich kniff ihn in die Seite, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ging zur Wohnungstür.

»Isst du nicht mit uns?«, fragte Sam.

»Nein, ich glaube, ihr braucht es dringender. Ihr seht schon ganz unterernährt aus.« Dass dies eher auf mich zutraf, verschwieg ich lieber. Außerdem war mir jetzt wirklich nicht mehr nach Gesellschaft zumute und erst recht nicht nach den überheblichen Sticheleien meines Bruders. Meine Laune war schon ganz tief im Keller und mein Ego sowieso.

»Okay, dann bis morgen«, sagte er.

»Ja«, antwortete ich knapp und rannte die Stufen hinunter.

Als ich auf meinem Rad die Straße entlangfuhr, kramte ich umständlich mein Handy aus der Jeans und wählte Emmas Nummer. Die Mailbox ging ran. »Ruf mich an!«, sagte ich nur und legte auf.

 

Erst am Abend, nachdem ich aus der Dusche herauskam, klingelte endlich das Telefon.

»Hi, Em«, sagte ich, kaum dass ich den Hörer in der Hand hielt.

»Hi, El, wie geht’s dir? Nicht zu fassen, dass die Ferien schon wieder vorbei sind. O Gott und Montag wieder Scheißschule, und du verlässt mich einfach so, ich meine, ich hab mich immer noch nicht dran gewöhnt, dass du im Unterricht nicht neben mir sitzt, und nun soll es so weitergehen? Wie soll ich das bloß ohne dich aushalten?« Sie redete mal wieder ohne Punkt und Komma. »Und jetzt das Neueste, halt dich fest! Mein Vater kriegt ein Baby.«

»Dein Vater ist schwanger?«, lachte ich los. Ich spürte durch den Hörer, wie Emma tief durchatmete, und sah förmlich, wie sie mit den Augen rollte.

»Nein, natürlich nicht. Seine Freundin ist schwanger, im vierten Monat. Sie hat schon fünf Kilo zugenommen und betet, dass sich alles auf ihre Brüste verteilt.«

»Und? Wie fühlst du dich damit?«, fragte ich vorsichtig.

»Eigentlich ganz gut. Ich bekomme ja keine geschwollenen Füße und eine Riesenwampe.«

»Emma, du weißt schon, wie ich das meine.«

Emmas Familienverhältnisse waren nicht ganz so geordnet wie meine. Ihre Mutter verliebte sich vor vielen Jahren auf einer langen Reise Hals über Kopf in einen Thailänder. Normalerweise war es ja eher umgekehrt, deutsche Männer schnappten sich thailändische Frauen. In diesem Fall war die Liebe aber auch nicht von Dauer und endete mit dem Datum auf dem Rückflugticket. Zu Hause angekommen, stellte Emmas Mutter fest, dass sie schwanger war, und fand, dass dies das beste Souvenir aller Zeiten war. Irgendwann heiratete sie, und ihr Ehemann adoptierte Emma; sie war für ihn wie die eigene Tochter. Zwar hatten sich ihre Eltern mittlerweile scheiden lassen und neue Partner, aber er blieb Emmas Vater, und sie besuchte ihn regelmäßig.

Emma seufzte. »Ich finde es schon toll, ich wollte doch schon immer Geschwister haben, aber es hätte ruhig ein bisschen eher sein können. Am liebsten wäre mir ja, wenn ich auch so einen heißen älteren Bruder hätte wie du.«

Ich schüttelte mich. »Mein Bruder ist absolut nicht heiß!«, erwiderte ich mit gespielter Entrüstung, denn Emma schmachtete Kurt schon seit Jahren an.

»Ja, und das ist auch eine absolut gesunde Einstellung«, kicherte sie.

Wir alberten noch eine Weile herum und verabredeten uns dann für Montag in der ersten großen Pause an unserer üblichen Stelle. Ich hatte völlig vergessen, mit ihr über Sams Referendariat zu sprechen, aber es kam mir auch nicht mehr so wichtig vor. Wahrscheinlich hatte ich einfach überreagiert. Stand es mir überhaupt zu, seinen Weg zu kritisieren, nur weil ich mich bei der Vorstellung, er würde mein Lehrer, unwohl fühlte? Ich beschloss, der Sache nicht so viel Platz einzuräumen.

 

Am letzten Abend der Ferien veranstalteten meine Eltern immer ein opulentes Familienmahl. Das hatte schon lange Tradition bei uns und fand wahrscheinlich auch noch statt, wenn keins ihrer Kinder mehr zur Schule ging und mein Vater längst Rentner war. Sie hielten an ihren Ritualen fest, und ich musste zugeben, dass ich einige davon sehr genoss.

Ich half meiner Mutter schon am frühen Nachmittag bei den Vorbereitungen. Sie hatte sogar einen richtigen, echten Lachs besorgt. Nicht in Blöcken tiefgefroren, sondern frisch. Der musste ein kleines Vermögen gekostet haben. Mein Vater hatte sich warmen Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern zum Dessert gewünscht; dafür war ich zuständig. Ich hackte die dunkle Schokolade und schmolz sie, zusammen mit unfassbar viel Butter, über dem Wasserbad, während meine Mutter mit einer Pinzette über dem toten Fisch hing. Ich ahnte schon, dass es die gleiche war, mit der sie uns sonst die Splitter aus den Fingern zog.

Der Teig war schnell vorbereitet, und ich füllte ihn in Souffléförmchen, die am Abend nur noch in den Ofen geschoben werden mussten.

»Mach eins mehr!«, bat mich meine Mutter, nachdem ich den gesamten Teig auf fünf Schälchen verteilt hatte.

»Das sagst du mir erst jetzt? Wieso denn das?«

»Sam bringt Sarah mit.«

Leicht genervt knallte ich ziemlich unsanft die große Plastikschüssel auf die Arbeitsplatte. »Sie kann meins haben.«

Meine Mutter musterte mich vorwurfsvoll. Ich wusste genau, was dieser Blick zu bedeuten hatte, aber ich wollte nicht darauf eingehen. Ich aß zu wenig. Definitiv.

»Kannst du nicht bei jedem etwas rausnehmen, damit es für sechs reicht?«

»Nein, außerdem haben wir seit dem letzten Mal nicht mehr genügend Förmchen.«

Damals hatte ich mir so die Finger verbrannt, dass ich alles fallen gelassen hatte und nur noch zusehen konnte, wie das Förmchen in tausend Stücke zerbrach. Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Entweder sie bekommt meins, oder wir müssen die dreizehnte Fee wieder ausladen.«

Meine Mutter lachte. »Das wäre ein schlechtes Omen, Dornröschen.«

»Warum muss Sarah – die Augenbraue – überhaupt mitkommen?«

»Ich weiß, du kannst sie nicht leiden.« Sie seufzte. »Ich finde Sarah auch nicht so prickelnd, aber sie ist Sams Freundin, und er gehört schließlich zur Familie.«

Sie hatte recht. Sam gehörte zu uns. Schon seit Langem. Er war Kurts bester Freund und im Lauf der Jahre für meine Eltern wie ein zweiter Sohn geworden. Mir stand er fast so nahe wie ein echter Bruder. Obwohl er mich – im Gegensatz zu Kurt – nie bevormundete oder über mich herzog.

Am frühen Abend deckten wir den Tisch auf dem Balkon. Es war heute zum Glück nicht ganz so heiß wie die letzten Tage, und man konnte es draußen ganz gut aushalten. Meine Mutter sorgte dafür, dass alles so perfekt wie im IKEA-Katalog aussah. Außerdem hatte mein Vater einen grünen Daumen, sodass unser Balkon einer kleinen grünen Oase glich. Der Oleander wucherte, und unsere Klematis kletterte schon zu den Nachbarn. Leider hatte ich nichts von diesem Talent geerbt. Bei mir starben sogar Kakteen.

Irgendwann kam mein Vater aus seinem Arbeitszimmer geschlurft. Er war schon wieder voll im Schulmodus, da er bereits seit Mittwoch mit seiner Anwesenheit glänzen, an irgendwelchen Konferenzen teilnehmen und den Unterricht vorbereiten musste. Er übernahm eine neue siebte Klasse als Klassenlehrer. Gerade erst hatte er seine Zehnte in die Kursphase entlassen und erlebt, wie aus einer wilden Horde denkende Menschen wurden. Nun ging das Ganze wieder von vorn los. Müde rieb er sich die Augen, hatte die Brille in die Haare geschoben und legte meiner Mutter die Hände um die Hüften.

»Mmh, das riecht aber lecker! Ich hoffe, es gibt heute kein Schwein oder so, sonst würde mich der Fischgeruch jetzt etwas verunsichern.«

Mit zwei Fingern tauchte er in die Salatschüssel ein und angelte sich ein Stück Mozzarella.

Meine Mutter gab ihm einen Klaps auf die Finger. »Aus! Jens! Die Jungs sind noch nicht mal da.«

»Aber ich hab Hunger«, maulte er. »Wann kommen sie denn?«

Sie sah auf die Uhr. »Vor zehn Minuten. Aber wir räumen unserem Klugscheißer mal das akademische Viertel ein.«

In dem Moment klingelte es auch schon an der Tür. Obwohl mein Bruder immer noch einen Schlüssel hatte, ließ er sich trotzdem fast jedes Mal persönlich empfangen. Mein Vater stürmte zur Tür – er musste echt tierischen Hunger haben –, während ich die letzten Gläser auf dem Tisch verteilte. Ich vernahm, wie sich alle fröhlich begrüßten und sich freuten, vor allem mein Vater, dass es endlich was zu essen gab. Kurt kam durchs Wohnzimmer raus auf den Balkon. Meine Mutter stürmte hinterher und wollte den Tisch abdecken.

Ich sah sie fragend an. »Was machst du da? Passt dir meine …«

»Mehr Dessert für alle!«, flötete sie.

Aah, ich verstand. Sarah war also nicht mitgekommen.

Irgendwie freute mich das.

Das Essen war einfach nur lecker; obwohl meine Mutter und ich etwas fassungslos mit ansehen mussten, wie das Ergebnis unserer fast vierstündigen Arbeit in der Küche von den drei ausgewachsenen Männern in weniger als fünfzehn Minuten weggeputzt wurde.

»Ich dachte, du bist aus dem Fressalter raus«, sagte ich und schob meinem Bruder meinen Nachtisch herüber.

»Ich brauche eben nicht nur geistige Nahrung«, sagte er mit vollem Mund.

»Also gut, wer ist dafür, dass Kurt den Abwasch macht?«

Alle hoben ohne Zögern die Hand und grinsten ihn breit an.

»Warum ich?«, fragte er voller Entrüstung.

»Na, weil du der Einzige bist, der morgen nicht früh rausmuss und noch schön seine Semesterferien genießen kann.«

1980 in Ostberlin geboren, erhielt Anna Rosina Fischer im Lesen und Schreiben stets die Note Eins. Irritiert durch die ein oder andere Rechtschreibreform, ist ihr davon allerdings nichts mehr anzumerken. Nach einer missglückten Leistungssportkarriere im Eiskunstlauf gönnte sie sich eine ausgiebige Erholungsphase, bekam zu Entspannungszwecken zwei Kinder, heiratete (in genau dieser Reihenfolge) und schrieb anderthalb Bücher. Den Großteil ihres ersten Romans verfasste sie handschriftlich im Wartezimmer (nicht auf der Couch) einer Psychologin, da in ihrer sonnigen Wohnung im hippen Berlin-Friedrichshain die Notebooktastatur permanent von einer übergewichtigen Katze belegt ist.

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