Urlaubszeit
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Buchtipps für den Urlaub

Mittwoch, 22. Mai 2013 von Piper Verlag


Die schönsten Schmöker für den Sommer

Raus aus dem Alltag und rein ins Lesevergnügen: Einfach entspannen oder ein richtiges Abenteuer erleben – unsere Sommerauswahl hält für jeden Geschmack das passende Buch bereit. Tauchem Sie ein in fremde Kulturen, träumen Sie sich in atemberaubende Liebesgeschichten oder stürzen Sie sich in spannende Krimis!

Blick ins Buch
Die kleine Sommerküche am MeerDie kleine Sommerküche am Meer

Roman

Vom quirligen London zur entlegenen Insel Mure? Nein – nur widerwillig kehrt die junge Flora in ihre schottische Heimat zurück. Weder die unberührte Landschaft noch das glitzernde Meer können sie aufmuntern, während sie ihren geschwächten Vater und ihre Brüder versorgt. Doch dann entdeckt sie das alte Kochbuch ihrer verstorbenen Mutter, und als sie ein Rezept nach dem anderen ausprobiert, öffnet sich ihr Herz: für die Sinnlichkeit des Essens, für die Schönheit der Natur und für einen neuen Anfang …
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 10,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 10,99 inkl. MwSt.
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Kapitel 1

Seid ihr schon mal nach London geflogen? Eigentlich hatte ich hier geschrieben, Ihr wisst ja, wie das ist, wenn man im Anflug auf London ist, aber dann hab ich mir gedacht, das könnte vielleicht anmaßend klingen. So als wollte ich sagen, Hey, ich fliege schließlich dauernd durch die Gegend!, während ich in Wirklichkeit immer diese Billigflüge buche, für die ich dann morgens um halb fünf aufstehen muss. Deshalb finde ich in der Nacht vorher kaum Schlaf, und letztlich kostet die Reise mit der Anfahrt und dem überteuerten Flughafenkaffee dann mehr, als wenn ich von vorneherein einen Flug zu einer vernünftigen Uhrzeit gebucht hätte … aber na ja.

Also.

Falls ihr je im Anflug auf London wart, dann wisst ihr sicher, dass man dort oft in die Warteschleife geschickt wird und dann in der Luft Runden dreht, bis man endlich die Landeerlaubnis bekommt. Mich stört das eigentlich nicht, ich schaue mir gern die riesige Stadt von oben an, voll von unfassbar vielen Menschen, die dort geschäftig hin und her laufen. Ich mag die Vorstellung, dass jeder einzelne von ihnen voller Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen ist, Straße um Straße um Straße voll mit Millionen und Millionen Seelen und Träumen.

Diesen Gedanken finde ich immer auf wohlige Art überwältigend.

Wenn ihr mit dem Flieger über London kreisen würdet, würde sich unter euch eine riesige, endlose Fläche erstrecken. Im von erstaunlich vielen grünen Flecken durchzogenen Westen sieht es fast so aus, als könnte man die ganze Stadt durchqueren, ohne dabei jemals ihre Parks zu verlassen; im engen, dunstigen Osten sind die Straßen und Plätze hingegen verstopfter. Am Fluss glänzt das Riesenrad in der frühen Morgensonne, und die Schiffe ziehen auf dem manchmal schmutzigen, manchmal glitzernden Wasser vorbei. Dort scheinen die riesigen, gläsernen Gebäude fast gegen den Willen der Menschen aus dem Boden geschossen zu sein. Nach und nach verändert sich London unter euch, ihr fliegt am Millennium Dome vorbei, sinkt immer tiefer und entdeckt dann die leuchtende Spitze des Canary-Wharf-Komplexes. Sein Wolkenkratzer war einst der höchste des Landes, und es gibt dort einen Bahnhof mitten im Gebäude, was 1988 wohl ziemlich beeindruckend gewesen sein muss.

Stellen wir uns jetzt mal vor, wir fliegen weiter, und das wäre hier wie bei Google Maps. Mit dem Unterschied, dass sich die Bilder unter uns bewegen und dass wir jetzt mal an alles ranzoomen, nicht bloß an unser eigenes Haus. (Oder mache das nur ich?)

Wenn ihr näher rangehen würdet, würde alles bald nicht mehr so friedlich aussehen, nicht mehr so, als würdet ihr wie ein Gott darauf hinuntersehen. Man würde schnell bemerken, wie schäbig die Stadt wirkt, wie voll es ist und wie sich die Menschen selbst um sieben Uhr morgens schon aneinander vorbeischieben. Erschöpft aussehende Straßenkehrer machen sich nach ihrer Schicht auf den Heimweg und schwimmen gegen den Strom aus eifrigen jungen Anzugträgern mit Stiefeln und ihren weiblichen Pendants. Da drängen sich Büroangestellte und Verkäufer und Handyreparierer und Uber-Fahrer und Fensterputzer und Big-Issue-Verkäufer und viele, viele Männer mit Leuchtwesten, die irgendwas Geheimnisvolles mit Verkehrshütchen anstellen. Jetzt haben wir den Erdboden fast erreicht, sausen um Ecken und folgen den Gleisen der Docklands Light Railway, deren Fahrgäste sich auch durch die morgendlichen Menschenmassen kämpfen müssen, da gibt es leider kein Entkommen. Wenn man die Ellbogen nicht einsetzt, kriegt man keinen Sitz-, womöglich nicht einmal einen Stehplatz. Das mit dem Hinsetzen ist schon bei Gallions Reach utopisch geworden, aber ganz eventuell kann man auf einen Stehplatz in einer Ecke hoffen, wo man nicht in irgendeine fremde Achsel gepresst wird. Auf jeden Fall wabern das Aroma von Kaffee, Mundgeruch und der Atem einer durchzechten Nacht durch den Waggon. Man hat den Eindruck, dass einfach alle viel zu früh aus den Federn gerissen wurden und dass an diesem frühen Frühlingsmorgen selbst der wässrige Sonnenschein wenig Begeisterung für seine Arbeit aufbringt. Aber da muss man jetzt durch, denn Londons stets hungrige Maschinerie ist bereits in vollem Gange und wartet voller Ungeduld darauf, dich zu verschlucken, alles aus dir herauszuquetschen und dich danach wieder auszuspucken, damit du den Prozess in umgekehrter Richtung durchläufst.

Und hier fährt nun Flora MacKenzie die Ellbogen aus und wartet auf den fahrerlosen kleinen Zug, der sie zum absurden Spaghetti-Chaos der Bank-Station bringen wird. Guckt mal, da steigt sie gerade ein. Ihr Haar hat eine merkwürdige Farbe, es ist unglaublich hell. Nicht blond und auch nicht direkt rot, eher so ein Rotblond, aber ganz verblasst. Eigentlich ist es fast farblos. Außerdem ist Flora ein kleines bisschen zu groß, ihre Haut ist weiß wie Schnee, und ihre Augen sind irgendwie wässrig. Manchmal kann man gar nicht recht sagen, welche Farbe sie eigentlich haben. Hier steht die junge Frau nun und drückt ihre Handtasche und den Aktenkoffer fest an sich. Sie trägt einen Regenmantel, bei dem sie nicht sicher ist, ob er für heute zu warm oder zu dünn ist.

In diesem Augenblick am frühen Morgen denkt Flora MacKenzie nicht darüber nach, ob sie eigentlich glücklich oder traurig ist, obwohl genau diese Frage bald furchtbar wichtig für sie werden wird.

Wenn man sie jetzt angehalten und auf ihr Befinden angesprochen hätte, hätte sie vermutlich einfach geantwortet, dass sie müde ist. Denn das sind die Leute in London eben. Sie sind irgendwie immer erschöpft oder kaputt oder gehetzt, weil … na ja, das weiß eigentlich keiner so genau, das scheint hier einfach die Norm zu sein. Es gehört zu London wie das schnelle Gehen, die langen Schlangen vor Pop-up-Restaurants und die Tatsache, dass Einheimische nie, nie, nie zu Madame Tussauds gehen würden.

Flora fragt sich gerade, ob sie wohl einen Stehplatz finden wird, an dem sie ihr Buch lesen kann, und ob ihr Rock eigentlich enger geworden ist. Aber wenn man sich das schon fragt, dann ist es wohl so, denkt sie betrübt. Außerdem überlegt sie, ob das Wetter noch wärmer werden wird und ob sie dann mit nackten Beinen aus dem Haus gehen soll. (Die Frage ist aus mehreren Gründen problematisch. Floras Haut ist nämlich schneeweiß, und daran lässt sich selbst mit Bräunungscremes nichts ändern. Als sie so eine Creme mal versuchsweise auf die Beine aufgetragen hat, sah das eher wie Bratensoße aus und führte zu weißen Schlieren, als ihre Kniekehlen dann zu schwitzen angefangen haben. Flora hatte nicht einmal gewusst, dass Kniekehlen überhaupt schwitzen, und musste auf das Desaster erst von ihrem Kollegen Kai aufmerksam gemacht werden, den sie übrigens um seine tolle kaffeebraune Haut beneidet. Und generell ist ihr der Herbst in London viel lieber.)

Jetzt kommt ihr außerdem dieser Typ in den Sinn, mit dem sie sich letztens per Tinder verabredet hat. Im Internet hatte sie ihn doch so nett gefunden, aber dann hat er plötzlich angefangen, sich über ihren Akzent lustig zu machen, so wie das immer alle tun. Angesichts ihrer Irritation hat er schließlich vorgeschlagen, das Abendessen ausfallen zu lassen und direkt zu ihm zu gehen, woran sie nun mit einem Seufzen zurückdenkt.

Sie ist sechsundzwanzig und hat ihren Geburtstag mit einer tollen Party gefeiert, auf der sich alle betrunken und ihr versichert haben, dass sie schon irgendwann einen Freund finden werde. Oder eben gerade, dass man in London einfach nie jemand Nettes trifft, weil die wenigen vorhandenen Männer entweder schwul oder verheiratet oder fiese Typen sind. Gut, alle haben sich nicht betrunken, eine ihrer Freundinnen war nämlich zum ersten Mal schwanger und spielte das offiziell herunter, während sie in Wirklichkeit begeistert war und einen Riesenwirbel darum machte. Flora hat sich für sie gefreut, schließlich will sie selbst ja auch gar nicht schwanger werden. Und dennoch …

Nun wird Flora gegen einen Mann in einem schicken Anzug gepresst und wirft kurz einen Blick nach oben, nur für alle Fälle, was natürlich albern ist: Ihn hat sie noch nie in der DLR gesehen, er kommt immer makel- und faltenlos im Büro an, und sie weiß, dass er irgendwo in der Innenstadt wohnt.

Bei der Geburtstagsparty haben sich ihre Freunde davor gehütet, Flora nach ein paar Glas Prosecco auf ihren Chef anzusprechen. Auf ihren unerreichbaren Chef, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist.

Wenn ihr schon mal einem Schwarm komplett verfallen seid, dann kennt ihr das ja sicher, und Kai weiß genau, wie sinnlos die ganze Geschichte ist. Er arbeitet nämlich auch für den Typen und erkennt ihn als das, was er ist, nämlich ein absolutes Arschloch. Aber es bringt natürlich gar nichts, das Flora zu sagen.

Na ja, der Mann im Zug ist jedenfalls nicht er, und Flora kommt sich bescheuert vor, weil sie sich extra vergewissert hat. Wenn sie auch nur an ihren Boss denkt, fühlt sie sich wieder wie ein Teenager, und selbst leichtes Erröten sieht man ihren bleichen Wangen ja immer sofort an. Sie weiß genau, wie albern und blöd und sinnlos das alles ist, aber sie kann eben nicht anders.

Jetzt holt sie ihren Kindle hervor und fängt halbherzig an, ihr Buch zu lesen, eingezwängt in dem engen Waggon und bemüht, nicht gegen andere Leute geschleudert zu werden. Dabei schaut sie aber immer wieder aus dem Fenster und gerät ins Träumen. Ihr kommen andere Dinge in den Sinn:

 a) Dass bei ihr schon wieder ein neuer Mitbewohner einzieht. Die Leute kommen und gehen in der großen viktorianischen Wohnung mit solcher Regelmäßigkeit, dass sie sie gar nicht richtig kennenlernen kann. Danach stapelt sich dann deren Post im Flur zwischen den Gerippen alter Fahrräder, und Flora findet, dass da mal irgendjemand was machen sollte, nimmt es aber nicht selbst in die Hand.

b) Ob sie vielleicht wieder umziehen soll?

c) Ein Partner? Seufz.

d) Ob sie wohl noch Zeit für ein Sandwich hat?

e) Vielleicht eine neue Haarfarbe, irgendwas, was sie wieder rauswaschen kann? Würde so ein glänzendes Grau wohl zu ihr passen, oder würde sie das einfach nur alt machen?

f) Das Leben, die Zukunft, einfach alles.

g) Ob sie ihr Zimmer in der Farbe ihrer Haare streichen sollte oder ob sie dann auch umziehen müsste?

h) Glück und solche Sachen.

i) Nagelhaut.

j) Vielleicht nicht Silber, sondern Blau? Ein kleines bisschen Blau? Wäre das im Büro akzeptabel? Vielleicht könnte sie sich auch ein blaues Haarteil kaufen, das man wieder rausnehmen kann?

k) Eine Katze?

Sie ist auf dem Weg zu ihrer Arbeit als Rechtsanwaltsgehilfin im Zentrum von London und nicht besonders glücklich, aber auch nicht traurig. Denn das macht hier doch jeder so, oder?, überlegt sie. Alle drängen sich zur Stoßzeit in der Bahn. Essen zu viel Kuchen, wenn im Büro jemand Geburtstag hat. Schwören sich deshalb, dass sie über Mittag ins Fitness-Studio gehen, machen es aber doch nicht. Starren so lange auf den Bildschirm, bis sie davon Kopfschmerzen bekommen. Bestellen zu viel bei ASOS und vergessen dann, es wieder zurückzuschicken.

Manchmal bewegt sich Flora zwischen U-Bahn-Station, Wohnung und Büro hin und her, ohne dabei auch nur mitzubekommen, wie draußen eigentlich das Wetter ist. Und auch heute ist einfach nur ein ganz normaler, nerviger Tag. Obwohl er das in zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten nicht mehr sein wird.

 

Kapitel 2

Fünf Kilometer weiter westlich brüllte in diesem Moment eine blonde Frau laut herum.

Trotz ihrer wirren Haare sah sie einfach umwerfend aus. Selbst jetzt, wo sie nach einer schlaflosen und ziemlich sportlichen Nacht keifte und fauchte, war sie mit ihren endlos langen Beinen und ihrer makellosen Haut immer noch wunderschön.

Das leise Rauschen des Verkehrs draußen war hier im Penthouse durch die Dreifachverglasung der Fenster nur gerade eben noch zu hören. Die Wolken schoben sich an diesem frühen Morgen tief über den Himmel und schienen an den hohen Gebäuden in der City und über der Themse hängen zu bleiben – was ziemlich beeindruckend aussah –, aber die Wettervorhersage prophezeite einen feuchten und schwülen Tag, warm und unangenehm.

Während die Blondine rumkeifte, starrte Joel einfach nur aus dem Fenster, was nicht gerade half. Dabei war sie eben noch so nett gewesen und hatte vorgeschlagen, sich später zum Abendessen zu treffen. Kaum hatte Joel ihr allerdings klargemacht, dass er an einem gemeinsamen Restaurantbesuch nicht sonderlich interessiert sei und ihm drei Verabredungen mit ihr eigentlich fürs ganze Leben reichten, war sie ziemlich schnell zur Furie geworden. Und jetzt brüllte sie, dass sie an so eine Behandlung nicht gewöhnt sei.

»Willst du wissen, was dein Problem ist?«

Nein, das wollte Joel nicht.

»Du glaubst doch, dass du im Grunde ganz in Ordnung bist und dich deshalb ruhig wie ein absolutes Arschloch aufführen darfst. Weil du deiner Meinung nach auch eine sanfte Seite hast, die du nach Belieben ein- und wieder ausschalten kannst. Aber eins sage ich dir: Das kannst du eben nicht.«

So direkt war normalerweise nicht mal sein Psychiater, trotzdem fragte sich Joel eigentlich nur, wie lange das hier wohl noch dauern würde. Er hätte jetzt nämlich einfach gern eine Tasse Kaffee. Nein: Erst sollte die Blonde hier verschwinden, und dann wollte er seinen Kaffee. Er fragte sich, ob es die Dinge wohl beschleunigen würde, wenn er einen Blick auf sein Handy warf. Das tat es.

»Sieh dich doch nur an! Was uns Menschen ausmacht, ist unser Benehmen und sonst nichts. Es interessiert kein Schwein, was in dir vorgeht oder was du vielleicht durchgemacht hast. Man ist das, was man tut. Und das ist in deinem Fall eine absolute Schande!«

»Bist du jetzt fertig?«, hörte Joel sich sagen. Die Blonde sah aus, als würde sie gleich ihren Schuh nach ihm werfen, riss sich jedoch zusammen und zog sich beleidigt an. Joel hatte das Gefühl, dass er dabei eigentlich nicht zusehen sollte, aber er hatte ganz vergessen, wie betörend sie war. Er blinzelte.

»Leck mich!«, fauchte sie ihn an.

Mit diesem kurzen Rock würde die Fahrt nach Westlondon in der U-Bahn für sie wohl kein Zuckerschlecken werden.

»Soll ich dir ein Uber rufen?«, fragte er.

»Nein danke!«, erwiderte sie steif, änderte ihre Meinung aber sofort wieder. »Ja«, sagte sie. »Und zwar schnell.«

Er griff wieder nach seinem Handy. »Wo wohnst du denn?«

»Das weißt du nicht mehr? Du bist doch da gewesen!«

Joel kniff die Augen zusammen. Er kannte sich in London nicht besonders gut aus. »Ja, klar …«

Sie seufzte. »In Shepherd’s Bush.«

»Natürlich.«

Dann herrschte kurz Schweigen. »Alles rächt sich irgendwann, Joel, deshalb kriegst du auch noch dein Fett weg.«

Aber er hatte sich bereits erhoben und auf den Weg zur Kaffeemaschine gemacht, las seine E-Mails und stellte sich auf den neuen Tag ein. Irgendwas arbeitete in ihm, aber er konnte nicht so recht sagen, was. Es war etwas Gutes und hing mit einem seiner Fälle zusammen. Aber was war es nur?

Gut tausend Kilometer weiter nördlich kamen Männer vom Feld und dehnten die Muskeln, während Hunde ihnen vor den Füßen herumsprangen, Kaninchen das Weite suchten und ihnen unter dem leuchtend weißen Himmel der Wind so frisch wie Zitroneneis um die Ohren pfiff.

Die erste Arbeit des Tages war getan, und jetzt freuten sich die Männer aufs Frühstück, während die Fischer ihren Fang auf die Pflastersteine des Hafens zogen und im klaren Morgenlicht sangen. Ihre Stimmen erhoben sich in die Lüfte und wurden bis zu den Hügeln hinaufgetragen:

And what do you think they made of his eyes?

Sing aber o vane sing aber o linn

The finest herring that ever made pies

Sing aber o vane sing aber o linn

Sing herring, sing eyes, sing fish, sing pies

Sing aber o vane sing aber o linn

And indeed I have more of my herring to sing

Sing aber o vane sing aber o linn

 

Kapitel 3

Joel betrat sein Büro mit konzentriertem Gesichtsausdruck. Inzwischen wusste er wieder, was ihm entfallen war: Er hatte ganz früh morgens bereits einen Termin mit Colton Rogers, der ebenfalls Amerikaner war. Rogers war bekanntermaßen stinkreich, er hatte ein Vermögen mit Start-ups im Tech-Bereich verdient. Und wenn er sein Geld jetzt nach London mitbrachte, dann fand Joel das ganz wunderbar. Den unangenehmen Zwischenfall heute Morgen hatte er längst vergessen.

Joel bedeutete seiner Assistentin Margo, Rogers mit seinen Leuten hereinzubringen, und schaute dann zufrieden aus dem Fenster. Sein Büro befand sich im Herzen der City in unmittelbarer Nähe des Broadgate-Komplexes, und er konnte von hier oben über The Circle und die Türme dahinter hinweg bis zum Fluss sehen. In den Straßen da unten drängten sich die Menschen, und selbst so früh am Morgen standen die schwarzen Taxis bereits dicht an dicht. Joel liebte diese Stadt, sie motivierte ihn, und er genoss es, Teil ihrer großen Geldmaschinerie zu sein. Von hier oben fühlte es sich an, als sei das sein Reich, das er beherrschen wollte. Ein kleines Lächeln umspielte seine Züge, als Margo Colton Rogers und sein Team hereinbrachte und ihnen ein Tablett mit Bagels und Teilchen anbot, obwohl natürlich beide wussten, dass da nie jemand zugriff.

»Hey«, sagte Rogers. Er war groß und langgliedrig und trug das für die Tech-Leute der Westküste typische Outfit: Jeans, Polohemd und weiße Turnschuhe. Über seinen Kiefer erstreckte sich ein leicht ergrauter, extrem gepflegter Bart.

Joel fragte sich, ob er mit seinem Anzug in Rogers’ Augen wohl genauso merkwürdig aussah wie sein Klient für ihn.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Rogers.«

»Bitte sagen Sie doch Colton.«

Der Milliardär kam zum Fenster herüber und sah hinaus. »Mein Gott, diese Stadt ist einfach verrückt. Wie halten Sie es hier nur aus? Überall die ganzen Leute, das ist ja wie ein Ameisenhaufen.«

Beide starrten nach unten.

»Man gewöhnt sich daran«, antwortete Joel und deutete auf einen Stuhl. »Was kann ich für Sie tun, Colton?«

Es folgte ein kurzer Moment des Schweigens, und Joel wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie viel dieser Mann wert war. Einen Klienten dieses Formats für die Firma zu gewinnen … Na, es würde ihm nicht zum Nachteil gereichen.

»Ich hab da ein Grundstück, ein wirklich schönes Grundstück«, erklärte Colton. »Und jetzt wollen sie da Windräder hinstellen oder zumindest in der Nähe. Direkt nebenan. Hm, jedenfalls will ich die da nicht.«

Joel blinzelte. »Okay«, sagte er. »Wo genau?«

»In Schottland«, kam die Antwort.

»Ah«, murmelte Joel. »Dann sollten Sie am besten mit unserer schottischen Zweigstelle sprechen.«

»Nein, das muss jemand von Ihnen sein.«

Joels Lächeln wurde breiter. »Tja, es ist ja schön, wenn man uns empfohlen hat …«

»Himmel, nein, das meine ich nicht. Für mich persönlich sind Sie alle fiese Blutsauger, und glauben Sie mir, ich hab mich schon mit so einigen von Ihnen herumgeschlagen. Nein. Aber ich hab gehört, dass hier eine Anwältin aus der Gegend arbeitet. Jemand, der die Ecke kennt und da hinkommen und sich für mich starkmachen kann.«

Joel kniff die Augen zusammen und zermarterte sich das Hirn. Er war noch nie in Schottland gewesen und hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wovon Colton da sprach. Und seiner Meinung nach hatten sie auch niemanden in der Firma, auf den die Beschreibung passte. Aus Schottland? Aber das wollte er nur ungern zugeben.

»Wir sind ein großes Unternehmen«, begann er nun. »Hat man Ihnen denn einen Namen genannt?«

»Ja«, sagte Colton, »aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Irgendwas schottisch Klingendes.«

Joel blinzelte, dabei zeigte er seine Ungeduld normalerweise nur seinen Mitarbeitern gegenüber.

Als sich Margo in der Ecke des Raumes rührte, drehte Joel sich zu ihr um. »Ja?«

»Meinen Sie vielleicht die Anwaltsgehilfin Flora MacKenzie? Das klingt doch schottisch, oder?«

Der Name sagte Joel überhaupt nichts.

»Die kommt von da oben … aus irgend so einem ganz merkwürdigen Ort.«

»Merkwürdig?«, wiederholte Colton mit einem Lächeln auf den Lippen. Er deutete noch einmal auf die pulsierenden Straßen jenseits der Fensterscheibe. »Für mich ist es viel merkwürdiger, wenn alle an einem Fleck aufeinanderhocken, wo man nicht einmal richtig durchatmen oder Auto fahren oder problemlos die Stadt durchqueren kann.«

»Entschuldigung, Sir«, hüstelte Margo, die tiefrot angelaufen war.

»Wir sprechen hier aber nicht von jemandem aus dem Führungsteam, oder?«, hakte Joel nach.

Colton zog die Augenbrauen hoch. »Das ist schon in Ordnung, schließlich hab ich niemanden umgebracht. Ich brauche einfach nur jemanden aus der Gegend, der sich da auskennt, bevor mir für jede Stunde achthundert Dollar in Rechnung gestellt werden. Sie heißt Mure.«

»Wer bitte?«, fragte Joel.

So langsam wirkte Colton frustriert. »Die Insel, von der ich rede.«

»Ja«, murmelte Margo, »da kommt sie her.«

»Na, dann holen Sie sie schon«, sagte Joel gereizt.

 

»Ja, aber es ist doch ganz egal, wo wir hingehen. Wenn das Wetter schön ist, finden wir sowieso keinen Platz mehr im Freien, und es ist alles reserviert und …«

»So ist das eben in London«, sagte Kai am Schreibtisch neben ihr. »Da muss man draußen zusammenrücken.«

Flora runzelte die Stirn. Sie fand es immer furchtbar anstrengend, eine Verabredung zu organisieren – jedes Mal stieß im letzten Moment jemand dazu oder sprang wieder ab, oder die Leute wollten sich nicht festlegen, falls noch ein besseres Angebot kam.

Aber es war so schrecklich warm, deshalb kam es ihr richtig vor, heute Abend auszugehen und Zeit draußen zu verbringen, statt in ihrem stickigen kleinen Zimmer am anderen Ende der DLR eingesperrt zu sein. Außerdem fand sie bei diesem Wetter sowieso keinen Schlaf, also konnte sie genauso gut was unternehmen … Dann warf sie einen Blick auf ihren riesigen Stapel Akten und seufzte. Um die würde sie sich dann wohl in der Mittagspause kümmern.

Es klingelte, und eine interne Nummer erschien auf ihrem Display; nichtsahnend hob sie ab. »Flora MacKenzie.«

»Ja, das sind wirklich Sie, was?«, meldete sich Margo mit ihrer typischen knappen, stets förmlichen Art. Flora hatte die Kollegin, die so viel Zeit in Joels unmittelbarer Nähe verbrachte, sorgfältig studiert. Die junge Anwaltsgehilfin hatte eine Heidenangst vor Margo mit ihrer stets makellosen Kleidung und dem strafenden Blick für alle, die sich mit Fragen an sie zu wenden wagten. »Sie sind die Schottin.«

Irgendwie klang das so, als hätte sie gesagt: »Sie sind die Außerirdische mit den vier Köpfen.«

Flora schluckte nervös. »Ja?«

»Könnten Sie bitte nach oben kommen?«

»Warum das denn?«, entfuhr es Flora, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte. Sie arbeitete nicht direkt für Joel, sondern für andere Partner weiter unten in der Firmenhierarchie.

Margo verstummte. Offenbar passte es ihr gar nicht, hier von einer Hinterwäldlerin aus dem vierten Stock ausgefragt zu werden, die auch noch relativ neu in der Firma war.

»Kommen Sie, wenn Sie so weit sind«, erwiderte sie schließlich eisig.

Beinahe hätte Flora entgegnet, dass dafür eigentlich erst noch ein Besuch beim Friseur und bei der Haarentfernung nötig wären, außerdem eine Ladung Bräunungscreme und Make-up. Aber sie ging jetzt besser kein Risiko ein.

»Ich bin sofort da«, sagte sie stattdessen, legte den Hörer auf und versuchte, nicht in Panik zu geraten.

 

Bisher hatte Floras Karriere darin bestanden, bei ihrem Studiengang als Anwaltsgehilfin an der H&I, der University of the Highlands and Islands, den Ball flach zu halten und ihren Mangel an Talent durch harte Arbeit auszugleichen.

Danach war sie von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch getingelt, hatte ihre Schuhe und ihren Lebenslauf auf Hochglanz gebracht und war durch das riesige, unfreundliche und ihr so fremde London gestolpert. Sie war sich nie zu schade dafür gewesen, um Rat zu fragen, hatte sich im Networking versucht und war damit gegen Millionen anderer junger Leute angetreten, die genau das Gleiche wie sie wollten. Als sie dann endlich einen Job in einer großen Firma ergattert hatte, sogar mit Aussicht auf Weiterbildung und eventuellen Aufstiegschancen, hatte sie wie ein Schwamm alles aufgesaugt, immer gut zugehört und oft um Hilfe gebeten, um so viel wie möglich zu lernen.

Einen guten Rat hatte ihr dabei aber nie jemand gegeben, nämlich diesen: »Sei nicht bescheuert, verlieb dich bloß nicht in deinen Chef.« Und sie hätte das auch niemals für möglich gehalten, bis es dann passiert war.

Es war so ein kurzes Vorstellungsgespräch gewesen. Während des Auswahlverfahrens hatte ein ganzes Regiment von Furcht einflößenden Frauen Flora in die Mangel genommen und sie mit Fragen überschüttet. Alte Männer hatten geseufzt, so als würden sie es für furchtbar unfair halten, dass die Frage nach einem eventuellen Kinderwunsch verboten war. Flora war bei Leuten aus der Personalabteilung vorstellig geworden und dabei anderen Absolventen über den Weg gelaufen, von denen sie inzwischen viele wiedererkannte, weil sie alle dieselben, entmutigenden Runden drehten – natürlich gab es jedes Mal viel mehr qualifizierte Kandidaten als Stellen.

Aber Flora beherrschte ihr Fach, hatte sich gut vorbereitet und war deshalb auf alles gefasst. Das hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, die sie in ihrer Jugend am Küchentisch jahrelang immer wieder angetrieben hatte: »Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Gibt es vielleicht noch Zusatzaufgaben? Bist du auch gut vorbereitet? Hast du die Prüfung bestanden?« Es gab viele Leute, die schlauer waren als Flora, aber nur wenige, die härter als sie arbeiteten.

Ganz am Ende des Auswahlverfahrens war sie in das Büro eines der Partner gebeten worden, und da hatte er dann gesessen.

Er telefonierte gerade und stauchte jemanden am anderen Ende der Leitung zusammen. Dabei sprach er ohne jede Hemmung mit lautem amerikanischen Akzent und fuchtelte mit dem freien Arm herum, während er irgendetwas über die Unbefangenheit der Stadtverwaltung brüllte und darüber, dass sein Gesprächspartner da aber völlig falschliege. Margo, die für Flora damals nur eine namenlose, glamouröse Frau war, wollte ihm kurz die neue Mitarbeiterin vorstellen, er wedelte sie jedoch mit einer wütenden Geste weg. Schließlich verstummte er, knallte den Hörer aufs Telefon und schüttelte Flora die Hand. Während er ihr halbherzig seine Aufmerksamkeit schenkte, legte sich sogar der Anflug eines Lächelns über seine Züge.

»Hi«, begrüßte er sie. »Joel Binder.«

»Flora MacKenzie.«

»Großartig«, murmelte er, »willkommen in der Firma.«

Und das war’s auch schon, das war alles. Sie blieb stehen und starrte ihn an – sein kastanienbraunes Haar, das markante Profil und die seltsam vollen Lippen –, bis Margo sie aus dem Raum scheuchte. Flora bemerkte den Blick nicht einmal, den ihr die Frau beim Verlassen des Büros zuwarf.

»Der scheint ja nett zu sein«, sagte sie und spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen. Er sah gar nicht aus wie die meisten Anwälte, die sie kannte – gestresst, überarbeitet, mit teigiger Wampe, Schuppen auf den Schultern und bleicher Haut, die schon lange keine Sonne mehr gesehen hatte.

Darauf antwortete Margo nicht und gab nur einen Hm-Laut von sich.

In den nächsten sechs Monaten sprach Joel nicht wieder mit Flora.

Manchmal beobachtete sie ihn während eines Meetings, bei dem sie schüchtern dasaß, sich Notizen machte und versuchte, bloß nichts zu verpassen. Er war herrisch, unfreundlich, aggressiv und ein sagenhaft erfolgreicher Anwalt. Flora schämte sich dafür, es war ihr peinlich, aber sie war total verknallt in ihn.

»Sagt mal, was ist eigentlich mit diesem Joel los?«, fragte sie eines Tages betont beiläufig bei einem Feierabenddrink mit ein paar ihrer Mitsklaven – anderen Anwaltsgehilfen, von denen man auch 20-Stunden-Tage für praktisch umsonst verlangte und die deshalb ebenso wenig über ein Privatleben verfügten.

Kai drehte sich zu ihr um und brach in Gelächter aus. »Im Ernst jetzt?«, fragte er.

»Was denn?«, stammelte Flora und spürte, wie sie rot anlief. Sie starrte in ihr riesiges Glas mit einem so hellen Weißwein, dass er fast schon grün aussah. Sie hatte nicht gewusst, was sie nehmen sollte, und deshalb die anderen bestellen lassen. Jetzt fragte sie sich allerdings, wie sie ihr Getränk eigentlich bezahlen sollte. Das Leben in London war selbst für jemanden mit regelmäßigem Gehalt furchtbar teuer.

Kai hatte den Sommer über als Praktikant in der Firma gearbeitet, und weil er jetzt auf dem direkten Weg war, Anwalt zu werden, war er bei Bürotratsch auch immer auf dem neuesten Stand. Nun rollte er mit den Augen. »Himmel, nicht noch eine!«

»Was denn, was meinst du? Ich hab doch gar nichts gesagt!«

Woher hatte der bloß sein Selbstbewusstsein? Das fragte sich Flora bei so vielen Leuten, vor allem bei solchen, die in London aufgewachsen waren. Kam das einfach irgendwie? Sie wusste, dass sie eigentlich weiter studieren und vielleicht sogar versuchen sollte, Anwältin zu werden. Aber nach allem, was passiert war … konnte sie das einfach nicht. Noch nicht.

Und bei der Arbeit lief es ja wirklich … gut. Das war es doch, was sie immer gewollt hatte. Sie wollte einen richtigen Job, was Vernünftiges. Als sie sich dann schließlich an Jahresfahrkarte und Gehalt und schicke Schuhe und Mittagspausen gewöhnt hatte, als der Reiz ein wenig zu verblassen begann, wirkte jedoch alles etwas … hm. Monoton. Die Stapel auf ihrem Schreibtisch wuchsen ständig an, das hörte einfach nie auf. Und jedes Mal, wenn sie das Gefühl hatte, den Papierkram endlich in den Griff zu bekommen, gab es in einem Fall eine Einigung, oder die Verhandlung wurde abgeblasen, und dann ging alles wieder von vorne los. Flora wusste natürlich, dass sie zusätzlich zu allem anderen eigentlich noch lernen sollte, aber sie hatte das Gefühl, bereits mit »allem anderen« zu scheitern.

»Irgendwann packst du das schon, Baby«, hatte Kai ihr versichert, als Flora sich (zum wiederholten Mal) über ihr Arbeitspensum beklagt hatte. Aber irgendwie schien es ganz egal zu sein, wie lange sie abends noch blieb oder wie gut sie beim Abheften war. Eigentlich schade, dachte sie, dass effizientes Managen der Ablage nur wenig Sexappeal hat. Das sollte ich in meinem Tinder-Profil wohl besser nicht erwähnen.

»Mal im Ernst, ist dir noch gar nicht aufgefallen, wie übel der ist?«

O ja, Joel war übel, das rief sich Flora immer wieder in Erinnerung. In schicke Anzüge gekleidet marschierte er – groß, schroff, amerikanisch – stets durch das Gebäude, als würde es ihm höchstpersönlich gehören. Leute auf ihrer Ebene der Firmenhierarchie behandelte er herablassend, er konnte sich keine Namen merken und lobte nie.

»Der ist mit voller Absicht fies zu anderen Leuten, damit sie ihn bemerken und sich dann wünschen, er würde was Nettes zu ihnen sagen. Wie beim Hundetraining oder so.«

Flora blinzelte. »Das verstehe ich nicht.«

Kai sah es als seine Mission an, dieses schüchterne, so seltsam aussehende Mädchen vom Lande über das Leben aufzuklären, und rieb ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit die gesammelte Weisheit und Erfahrung seiner sechsundzwanzig Jahre unter die Nase.

»So betteln ihn alle um ein einziges nettes Wort, einen winzigen Krümel Anerkennung an, und deshalb verfallen ihm die Leute. Also, Leute mit wenig Selbstbewusstsein.«

Flora runzelte die Stirn. »Vielleicht finden sie ihn ja auch einfach nur sexy.«

»Klar. Ätzend und sexy, darauf sollte man sich nie einlassen. Außerdem ist er auch dein Oberboss, säg nicht den Ast ab, auf dem du sitzt. Und außerdem …«

»Noch ein Außerdem? Ich glaube, das brauche ich echt nicht.«

»Nein, jetzt hör mir mal zu, Flors, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob du sein Typ bist. O Gott, wenn man vom Teufel spricht … und vielleicht ist er der sogar leibhaftig. Na ja, ich lass dich selbst deine Schlüsse ziehen.«

Flora schaute hoch, und tatsächlich, da überquerte Joel gerade zwischen all den Anwaltskanzleien der City den Broadgate Circle – selbstbewusst und souverän. Sein kastanienbraunes Haar glänzte in der Sonne, und er führte am Arm eine Giraffe von einer blonden Frau auf klappernden Absätzen mit sich. Seine Begleitung war in leuchtendes Pink gekleidet, das bei allen anderen wohl grotesk ausgesehen hätte, ihr aber fantastisch stand.

Und an diese Frau würde Flora eben in einer Million Jahren nicht herankommen, die war ein Paradiesvogel, eine komplett andere Spezies.

Flora schaute den beiden hinterher. »Nein«, stöhnte sie, »du hast ja recht.«

»Dafür bist du wirklich gut beim Abheften«, sagte Kai zur Aufmunterung. »Ich meine, das ist doch auch was wert.«

Sie grinste, und dann bestellten sie sich noch eine Flasche.

 

Das war vor ein paar Jahren gewesen, und seitdem war Kais Karriere mal zum Stillstand gekommen, mal hatte sie sich rasant weiterentwickelt. Floras hingegen … nicht. Natürlich hatte sie sich mehr und mehr an London gewöhnt und war zynischer geworden, was ihren Bürojob anging. Es hatte hier und da Verabredungen und Tändeleien und einige ziemliche Tiefschläge mit verschiedenen Typen gegeben, von denen sie sich nicht alle ohne Schamesröte in Erinnerung rufen konnte. Tatsächlich hatte sie sogar mal einen sehr netten festen Freund namens Hugh gehabt, mit dem sie ein Jahr lang zusammen gewesen war und der gerne einen Schritt weiter gegangen wäre. Aber ihr hatte da einfach etwas gefehlt, Es, was auch immer das sein mochte. Flora war nicht mit ganzem Herzen dabei gewesen. Als sie sich getrennt hatten (und zwar im Guten, Hugh war nämlich ein echter Schatz), da war ihr schon klar gewesen, dass sie diese Entscheidung bestimmt irgendwann mal bereuen würde. Spätestens in zehn Jahren, wenn alle anderen um sie herum sesshaft geworden waren und ein glückliches Familienleben führten, sie aber immer noch Single war. Trotzdem hatte sie die Sache beendet und seitdem tatsächlich lange Durststrecken gehabt, aber es ging ihr doch gut.

Zumindest weitestgehend. Das mit Joel war ja nur eine Schwärmerei, so eine alberne Geschichte. Und das Thema war ohnehin nach und nach in den Hintergrund getreten, während sich Flora in dieser riesigen Maschinerie von Stadt ihr Leben aufgebaut und sich damit von allem entfernt hatte, was zuvor geschehen war.

 

Aber jetzt, um 10:45 Uhr an einem brütend heißen Tag im frühen Mai, wollte ihr großer Schwarm sie plötzlich zum ersten Mal in seinem Büro sehen.

Blick ins Buch
WellenbrecherWellenbrecher

Ein Sylt-Krimi

Mamma Carlotta freut sich, als ihre Enkelin Carolin eine Ausbildung als Hotelkauffrau beginnt. Das neue Hotel in Wenningstedt, »Frangiflutti«, ist aber auch eine besonders feine Adresse. Als ein Kellner des Hotelrestaurants spurlos verschwindet, übernimmt Kriminalhauptkommissar Erik Wolf den Fall. Dabei stößt er auf eine unglaubliche Geschichte. Seine Schwiegermutter entdeckt derweil eine Spur, die nach Italien führt. Dabei geht es um Wein, einen großen Betrug, eine Million, und um die Staatsanwältin ...
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 9,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Carlotta Capella duckte sich hinter einer großen Palme, griff nach einer Zeitung, faltete sie auseinander und versteckte sich dahinter. Wenn sie sich unauffällig verhielt, würde niemand auf sie aufmerksam werden. Diskretion war zwar nicht gerade ihre Stärke, aber in diesem Fall musste sie wenigstens so tun, als kümmerte sie sich nur um das, was sie etwas anging. Niemand sollte merken, worauf es ihr wirklich ankam.

Sie lugte über den Rand des Zeitungsblatts auf die Menschen in ihrer Nähe. Zwei Männer in Business-Anzügen, mit gelangweilten Gesichtern und wichtig aussehenden Aktentaschen neben sich, zwei weitere mit einem Laptop auf dem Schoß und eine Dame in ihrem Alter, die auf jemanden zu warten schien. Sie blickte immer wieder zu den Aufzügen und dann auf ihre Armbanduhr. Unter anderen Umständen hätte Mamma Carlotta sie angesprochen, hätte im Nu herausgefunden, mit wem die Dame verabredet war, und ihr geraten, sich an das junge Mädchen an der Rezeption zu wenden, das sicherlich gern für sie in dem Hotelzimmer anrufen und nachfragen würde, wann der Gast in die Lobby kommen wolle, der die Dame warten ließ. Bis dieser endlich erschienen wäre, hätte Carlotta einen kurzen Überblick über ihr Leben gegeben, hätte von ihrem Heimatdorf in Umbrien erzählt, von ihren sieben Kindern, ihrem verstorbenen Mann und der Familie ihrer Tochter auf Sylt. Aber sie hielt sich zurück. Schon nach dem ersten Satz wäre es ja mit der Unauffälligkeit vorbei gewesen. Carlotta Capella konnte unmöglich leise reden, konnte nicht auf große Gesten verzichten, lachte gern laut heraus und verhielt sich mit Vorliebe so, dass alle Anwesenden sich nach ihr umdrehten.

Und das wäre in diesem Fall natürlich genau das Falsche gewesen.

Also beließ sie es dabei, am Zeitungsrand vorbeizuschauen, die Rezeption im Auge zu behalten und dort das junge Mädchen in der Uniform des Hotels Frangiflutti zu beobachten. Wie eifrig sie ihre Arbeit verrichtete! Welche Mühe sie sich gab, alles richtig zu machen! Sogar die Augen des Chefrezeptionisten ruhten wohlwollend auf ihr, wenn sie einen neuen Gast mit großer Freundlichkeit begrüßte und dafür sorgte, dass sein Gepäck ins Zimmer gebracht wurde. Erst vor ein paar Tagen hatte sie in dem neuen Hotel von Wenningstedt angefangen, und schon präsentierte sie sich, als stünde sie bereits seit Jahren an dieser Hotelrezeption. Der Stolz weitete Mamma Carlotta das Herz. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer Strickjacke, als brauchte es mehr Platz, als könnte es aus ihrem Brustkorb springen. Für dieses wunderbare Gefühl, von dem nur Menschen etwas wissen, die sich selbst in einem Kind wiedererkennen, lohnte es sich, etwas zu tun, was ihr Ärger einbringen würde, wenn sie dabei erwischt wurde.

Lange hatte Carolin gezögert. Sollte sie Lehrerin werden und ein Studium auf dem Festland beginnen oder sich fürs Hotelfach entscheiden? Erik hatte seine Tochter von dem Studium überzeugen wollen, aber Mamma Carlotta war froh gewesen, als die Entscheidung für die Ausbildung in einem Hotel gefallen war. So blieb ihre Enkelin fürs Erste auf Sylt, in der Obhut der Familie, und musste sich nicht den vielen Gefahren einer Großstadt aussetzen, in der sie niemanden kannte und sich womöglich einsam fühlen würde. Carolin war ja anders als ihre italienischen Verwandten. Die machten dort, wo sie fremd waren, so lange auf sich aufmerksam, bis sie bekannt waren wie bunte Hunde, was meistens nicht lange dauerte. Carolins verstorbene Mutter war so gewesen, ihr Bruder Felix war so, und sie selbst, die Nonna, natürlich auch. Aber Carolin kam ja ganz nach Erik, war ruhig, besonnen, gewissenhaft und leise.

Sie hatte es schwerer, Anschluss zu finden und sich in fremder Umgebung einzuleben. In Gedanken nannte Mamma Carlotta das Friesisch-Herbe von Schwiegersohn und Enkelin manch- mal sogar steif und humorlos, aber das hätte sie niemals laut ausgesprochen.

Gerührt betrachtete sie Carolin. Wie groß sie geworden war! Gestern noch ein Kind und heute eine junge Dame. Seit sie ihr Abitur bestanden und den Führerschein gemacht hatte, war sie mit einem Mal erwachsen geworden. Sogar das hochtoupierte Haarnest hatte sie aufgegeben, das sich während des Abiballs noch auf ihrem Kopf getürmt hatte, und die Haarspiralen vor ihren Augen gab es auch nicht mehr. Carolin achtete mittlerweile auf eine seriöse Wirkung und verzichtete nun auch auf das, was ihr Vater Kriegsbemalung nannte. Der Hotelbesitzer hatte während des Bewerbungsgesprächs ohne jedes Zartgefühl darauf hingewiesen, dass er an seiner Rezeption niemanden zu sehen wünsche, der in einer Parfümerie als lebende Werbefläche für auffällige Kosmetika noch gerade so durchging. Das hatte gereicht, während zuvor keine einzige familiäre Ermahnung gefruchtet, sondern nur dazu geführt hatte, dass der Lidstrich noch dicker wurde, der Lippenstift von knallrot zu dunkellila und der Teint zu einem kränklichen Puderweiß wechselte. Eriks Hinweis, Carolin habe Ähnlichkeit mit der Wasserleiche, die kürzlich aus dem Lister Hafen gezogen worden war, hatte leider auch nicht zum gewünschten Ergebnis geführt.

Mamma Carlotta duckte sich tiefer, als ihre Enkelin in ihre Richtung sah. Nachdem sie ein einziges Mal während des Frühstücks vernehmbar darüber nachgedacht hatte, wie schön es wäre, Carolin einmal in ihrem neuen Wirkungsfeld zu erleben, um stolz auf sie sein zu können, war sie gewarnt worden. »Wehe, jemand von der Familie taucht in der Lobby des Frangiflutti auf! Das wäre ja so was von peinlich.«

Aber konnte man einer Nonna verbieten, an einem neuen Lebensabschnitt ihrer Enkelin teilzuhaben? Nein! Mamma Carlotta wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, wie Carolin zurechtkam, und sich nicht auf ihre viel zu knappen Berichte verlassen müssen.

Bestens kam sie zurecht, das war unschwer zu erkennen. Mamma Carlotta war sehr beruhigt, dass ihre Enkeltochter weder durch besondere Schüchternheit noch durch Einsilbigkeit auffiel, wie ihre Nonna befürchtet hatte. Ja, Carolin hatte sich für die richtige Ausbildung entschieden! Mamma Carlotta war sich nun ganz sicher. Sie konnte wieder nach Hause gehen, voller Stolz auf ihre Enkelin und angefüllt mit den schönen Erinnerungen an die Zeit, als sie ein Baby gewesen war.

Sie erhob sich vorsichtig, ließ sich aber gleich wieder zurücksinken, als sie merkte, dass Carolins Blick durch die Lobby wanderte. Besser noch ein paar Minuten warten, bis Carolin abgelenkt war. Dann würde Carlotta zum Strand gehen, dort in den Himmel blicken und Lucia sagen, dass aus ihrer Tochter eine angehende Hotelkauffrau geworden war, auf die sie sehr stolz sein konnte. Vielleicht würde sie dort Fietje Tiensch, dem Strandwärter von Wenningstedt, begegnen und könnte ihm von ihrer Enkeltochter erzählen, die mit einem Mal erwachsen geworden war und auf dem besten Weg, im Hotelfach Karriere zu machen. Anschließend würde sie natürlich noch in Käptens Kajüte einkehren und dort ebenfalls zum Besten geben, was sie zurzeit am meisten bewegte: der Stolz einer Großmutter. In der Imbissstube würde sie auch zur Diskussion stellen, ob eine Enkelin das Recht hatte, ihrer Oma einen wichtigen und noch dazu brandneuen Teil ihres Lebens vorzuenthalten, indem sie ihr verbot, sich dort blicken zu lassen, wo sich dieses neue Leben abspielte. Carolin wusste doch, dass es für ihre Nonna nichts Schlimmeres gab, als von Neuigkeiten in der Familie ausgeschlossen zu werden. Was ihren Nachkommen wichtig war, hatte auch für Mamma Carlotta allergrößte Bedeutung. Und dass man ihr ständig unterstellte, Einfluss nehmen zu wollen...Mamma Carlotta wollte gerade in Gedanken diesen Verdacht empört zurückweisen, da kamen ihr die Worte ihres verstorbenen Mannes in den Sinn. »Misch dich nicht in alles ein, Carlotta. Die Kinder müssen auf ihre Art glücklich werden.«

Hatte sie etwa jemals etwas anderes im Sinn gehabt? Selbstverständlich wollte sie nur, dass die Kinder glücklich wurden. Notfalls auch auf ihre eigene Art, wenn es gar nicht anders ging. »Ich möchte lediglich an ihrem Leben teilhaben. Als Zaungast!«

Dino war damals schon sehr krank gewesen und hatte nicht mehr oft gelacht. In diesem Augenblick jedoch war das Lächeln kurz zurückgekehrt. »Zaungast? Du bist immer mittendrin im Spiel, und im Nu rennst du als Mittelstürmer aufs Tor los.«

Sie erinnerte sich noch, dass sie diesen Vergleich sehr unpassend gefunden hatte und froh gewesen war, lang und breit darüber lamentieren zu können, dass Dino das Leben mit einem Fußballspiel verglich. Erst recht, dass er sich seine Frau in einem Trikot, mit einem Ball vor den Füßen und im Sturm aufs Tor vorstellen konnte. Darüber hatte sie so lange geredet, bis der eigentliche Gesprächsgegenstand vergessen und Dino eingeschlafen war. Von einem Problem mit vielen Worten abzulenken, gehörte zu Carlottas Spezialitäten, das war damals schon so gewesen und heute nicht anders.

Carolin nahm gerade ein Telefongespräch an. Carlotta hörte ihre Stimme, die nicht leise und unbeholfen klang, sondern kräftig und selbstbewusst. »Hotel Frangiflutti, buon giorno. Sie sprechen mit Carolina. Was kann ich für Sie tun?«

Mamma Carlotta traten Tränen der Rührung in die Augen. Ihre kleine Bambina! Gestern noch hatte sie Carolin die Schuhe geschnürt und die Nase geputzt, und heute repräsentierte sie erfolgreich ein großes Hotel! Ein italienisches Hotel wohlgemerkt, mit einem Namen, der italienisch war, in der Übersetzung aber sehr gut nach Sylt passte. Wellenbrecher! Hier sollten die Gäste am Telefon mit ein paar italienischen Ausdrücken empfangen werden, das erwartete der Hotelbesitzer, dem es um eine besondere Note ging. Carolin hatte den Ausbildungsplatz auch deswegen bekommen, weil sie die Tochter einer italienischen Mutter war und Grundkenntnisse in der italienischen Sprache besaß. Vor allem aber, davon ließ Mamma Carlotta sich nicht abbringen, weil sie jemand war, der die Fähigkeiten für einen Job im Hotelgewerbe mitbrachte und es dort zu etwas bringen würde.

An dieser Überzeugung änderte auch der ratlose Gesichtsausdruck nichts, den Carolin nun aufsetzte. Dass ihre Enkelin eine Frage nicht beantworten konnte und den Hörer an ihren Chef weiterreichte, war völlig normal. Schließlich hatte sie ihre Ausbildung erst vor ein paar Tagen begonnen.

Aber dass aus der Unsicherheit in ihrer Miene nun schlagartig blanker Zorn wurde, ließ sich nicht einfach beiseiteschieben. Wütend starrte Carolin zur Eingangstür. Mamma Carlotta fuhr herum. Was war da los?

Ein sechzehnjähriger Junge betrat das Hotel, der nicht hierher passte. Er trug durchlöcherte Jeans, ein T-Shirt, das aussah, als hätte er darin gerade ein Fußballtraining absolviert, und eine Gitarre auf dem Rücken. Seine langen dunklen Locken waren im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden, in seinen Ohren blitzten mehrere Stecker und Ringe, in seinem Gesicht ein spitzbübisches Lächeln. Das wurde noch breiter, als er Carolins wütendes Gesicht sah.

»Können Sie mir sagen, wie das Kulturprogramm von Wenningstedt aussieht? Gibt’s heute Abend ein Konzert, eine Lesung oder ...«

Zum Glück telefonierte Carolins Chef immer noch, so hörte er hoffentlich nicht, dass die neue Auszubildende eine Frage mit den Worten unterbrach: »Zieh Leine, und zwar ein bisschen dalli, du Schietbüdel!«

Felix’ Grinsen wurde noch eine Spur breiter. »So springt man hier mit den Gästen um?«

»Du bist kein Hotelgast. Also verschwinde!«

Mamma Carlotta sah sich heimlich nach einem Fluchtweg um. Sie hatte sich zwar vorgenommen, sich wie eine vornehme Dame zu verhalten, die es sich leisten konnte, im Frangiflutti zu logieren, und dafür extra das dunkle Kleid angezogen, das sie vorsichtshalber in den Koffer gepackt hatte. Man wusste ja nie, ob es während ihres Aufenthalts auf Sylt eine Beerdigung geben würde, zu der sie passend gekleidet sein musste. Dieses Kleid hatte zum Glück einen weiten Rock, der große Schritte zuließ. Gut, dass sie sich nicht für das schwarze Kostüm mit dem unbequemen Rock entschieden hatte. In diesem Kleid würde ihr die Flucht gelingen. Hinter der Palme hervor und dann nichts wie weg! Ehe sie von ihrer Enkelin ebenfalls Schietbüdel genannt wurde! Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber dass es sich nicht um ein Kompliment handelte, konnte sie sich denken.

Carolin würde sich, wenn sie zum Abendessen heimkam, schrecklich über ihren Bruder aufregen, der sich unterstanden hatte, sie an ihrem Ausbildungsplatz in Verlegenheit zu bringen. Da durfte nicht auch noch ihre Großmutter in der Nähe der Rezeption erwischt werden. Mamma Carlotta versuchte sich verzweifelt einzureden, dass es weit weniger unpassend sei, sich hinter einer Palme zu verbergen, wenn man sich still verhielt und lediglich Beobachter bei der Arbeit der Enkeltochter war, als wie Felix in das neue Leben seiner Schwester zu platzen und sie sogar unter Druck zu setzen. Aber die Angst, von Carolin ertappt zu werden, wurde nicht geringer. Sie musste hier weg! Sobald Carolin ihr den Rücken zudrehte, würde sie so schnell wie möglich zum Ausgang huschen und verschwinden. Und am Abend würde dann nur Felix im Kreuzfeuer von Carolins Empörung stehen, und sie selbst konnte ihren Enkel sogar dafür tadeln, dass er seiner Schwester und ihrer neuen Arbeit nicht mit dem nötigen Respekt begegnete.

Mit zornbebenden Händen und sprühenden Augen händigte Carolin ihrem Bruder einen Veranstaltungsplan aus und zischte ihm etwas zu, was die anderen Gäste in der Lobby hoffentlich nicht verstehen konnten. Mamma Carlotta glaubte, »Verpiss dich!« vernommen zu haben, und blickte sich erschrocken um, doch zum Glück entdeckte sie kein entrüstetes Gesicht unter den Hotelgästen.

Sie duckte sich tiefer, als Felix an ihr vorbei Richtung Ausgang schlenderte, feixend, aufreizend langsam. Erst als er wieder auf der Straße stand, erhob sie sich vorsichtig, ließ Carolin nicht aus den Augen, die von ihrem Vorgesetzten angesprochen wurde und abgelenkt war . . . doch bevor sie zum Ausgang huschen konnte, ertönte eine Stimme.

»Carlotta? Incredibile! E’ davvero?«

Hauptkommissar Erik Wolf schlug die Akte zu, stand auf und reckte sich. Dann zog er den Bund seiner Jeans an die richtige Stelle, dorthin, wo er im Sitzen gekniffen und gedrückt hätte, und versuchte, sein Hemd weiter hineinzustopfen, was aber nicht gelang, weil die Jeans zu eng war. Wieder mal dachte er sehnsüchtig an seine alten Breitcordhosen, deren Bund er so weit vom Körper abziehen konnte, dass noch eine geballte Faust in die Hosen passte, und an seine Pullunder, vor allem an die, die seine verstorbene Frau selbst gestrickt hatte. Das waren noch gemütliche Zeiten gewesen! Aber nun war er mit einer Frau zusammen, die es nicht unbedingt gemütlich, aber ganz sicher schick haben wollte. Für Svea waren Passform und Design nicht nur wichtig, sondern sogar unentbehrlich. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Cordhosen und Pullunder verbannt wurden und stattdessen knappe Kleidung angeschafft worden war, die sie gut sitzend und Erik unbequem nannte. Jeans, deren Verschluss drückte, und Hemden, deren Knopfleisten verrieten, wenn seine Schwiegermutter mal wieder besonders gut gekocht hatte. Svea glaubte, seine alte, bequeme Ausstattung sei in der Kleidersammlung gelandet. Wie gut, dass sie keine Ahnung hatte! Alles, was Erik lieb und wert, jedoch nicht gerade modisch war, hatte er im Wäschekeller untergebracht. Und gelegentlich, wenn er ganz sicher sein konnte, dass Svea nicht zu Besuch kam, holte er die älteste und weiteste seiner Cordhosen heraus, lümmelte sich aufs Sofa und erfreute sich daran, dass es nirgendwo kniff.

Sommer-Lieblingsbücher
Die schönsten Krimis für den Urlaub
eBooks Preishits

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.