»Unter dem Elbsand« im »Revolverblatt«
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Mittwoch, 01. Oktober 2014 von


»Unter dem Elbsand« im »Revolverblatt«

Trügerische Ruhe ... Bestatter Theo Matthies erzählt die Geschichte seiner Toten

Ein einziger Schuss löschte das Leben der jungen Frau aus, die in der Sturmfl utnacht 1962 auf des Insel Wilhelmsburg spurlos verschwand. Über 50 Jahre später werden ihre sterblichen Überreste in einem Schrebergarten auf dem Elb-Eiland gefunden. Die Tatwaffe, eine Walter PPK aus dem Zweiten Weltkrieg, liegt neben der Leiche vergraben. Doch ihre Identität bleibt zunächst ungeklärt.

Ein Bestatter erteilt sich einen mörderischen Auftrag
Nach drei Wochen ergebnisloser Kriminalarbeit ist es schließlich Bestatter Theo Matthies, der den Auftrag bekommt, das Skelett samt seines dunklen Geheimnisses auf seine letzte Reise zu schicken. Für ihn nicht der erste Kontakt mit der mörderischen Seite des Ablebens: Die junge Frau ist bereits Matthies’ viertes Mordopfer innerhalb weniger Berufsjahre. Erstaunlich: Bislang war es stets der junge Bestatter selbst, der bei seiner Arbeit an den Toten erst die untrüglichen Indizien für ein Verbrechen entdeckte. Ein Zufall – oder seiner besonderen Spürnase geschuldet? Denn Matthies, der vor dem Einstieg ins Bestattungsgewerbe als Chirurg tätig war, sieht die Toten mit anderen Augen als seine Kollegen – mit denen des Mediziners. Als Wilhelmsburger, der viele „seiner“ Toten persönlich kannte, entwickelt er zudem ein Interesse an deren Todesumständen, das ihn nicht mehr loslässt. Doch anders als sonst, fühlt sich Matthies in „seinem“ vierten Mordfall auch persönlich betroffen. Die Tote erinnert ihn seine Tante Marlene, die 1962 spurlos verschwand.

Theo Matthies will es wissen: Welche Geschichte erzählen die Toten?
Gemeinsam mit seiner Freundin, der Polizistin Hadice, seiner 
Lebensgefährtin, der Journalistin Hannah, und seiner Kollegin May, die ihm während seiner Nachforschungen im Bestattungsunternehmen den Rücken freihält, begibt sich der private Ermittler bald immer tiefer in seine Recherche. Diese führt ihn zurück in die 1960er-Jahre, eines nie beseitigten Familienzwists und gefährlicher Affären. Wurde seiner Tante eine geheime Liebe zum Verhängnis? Worum ging es beim Streit zwischen Marlene und ihrer Mutter in der Nacht, in der sie verschwand? Und was, wenn die Tote gar nicht Marlene ist? Gelingt es Matthies in seinem dritten Fall die Geschichte „seiner“ Toten zu erzählen? jfe

Blick ins Buch
Unter dem ElbsandUnter dem Elbsand

Kriminalroman

In einem Wilhelmsburger Schrebergarten finden Kinder beim Spielen das Skelett einer jungen Frau. Die namenlose Tote gibt der Polizei Rätsel auf und landet schließlich bei Theo Matthies. Dem Bestatter kommt schon bald der Verdacht, dass es sich bei der Verstorbenen um die Schwester seines Vaters handeln könnte, die seit der Hamburger Sturmflut 1962 als verschollen gilt. Er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, und stößt auf ein über fünfzig Jahre zurückliegendes tödliches Geheimnis, das tief im Elbsand vergraben war.
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Prolog

Er rammte den Spaten in den Boden, wieder und wieder. Schon bald taten ihm die Hände weh. Trotzdem grub er unverdrossen weiter. Er rückte das Tuch zurecht, das er sich um die Stirn geknotet hatte. Das Blütenmuster darauf war natürlich eigentlich etwas für Mädchen, aber etwas anderes hatte er in der Laube nicht auftreiben können.

Seit zwei Tagen arbeitete er an dem Loch hinter dem Geräteschuppen nahe dem Zaun. Anfangs hatten er und sein Kumpel unter dem Kirschbaum graben wollen, aber da waren ihnen die Wurzeln dauernd in die Quere gekommen.

Den ersten Tag hatten sie sich noch abgewechselt, Lennard und er, aber Lennard hatte schon bald keine Lust mehr gehabt. »Ist doch Quatsch«, hatte er gesagt und mit einer Fußspitze einen Stein in das Loch gekickt. »Warum sollte der Schatz ausgerechnet in eurem Schrebergarten vergraben sein ?«

» Ich werde nicht mit dir teilen «, hatte Fritz ihm erbost hinterhergerufen, als sein Kumpel abgezogen war. » Memme, Verräter «, knurrte er im Takt der Spatenhiebe. Seine Wut verlieh ihm Kraft. Lennard würde schon sehen, was er davon hatte, wenn er erst einmal mit dem Schatz von Kapitän Störtebeker aufkreuzen würde !

Und da stieß er auf einen Widerstand. Fritz setzte noch mal nach. Es klang hohl. Kein Zweifel, hier war etwas Festes im lehmigen Boden, aber nicht so hart wie die zahllosen Steine, die er schon hervorgeklaubt hatte. Wie ein Fachmann setzte er den kleinen Spaten, den ihm sein Großvater geschenkt hatte, als Hebel ein. Stöhnend förderte er zutage, was die Erde so viele Jahre verborgen gehalten hatte. Er starrte auf das Relikt. Dann lief er zu seiner Mutter.

Wie jeden Tag zwischen April und Oktober lag sie, sobald die Sonne schien, in Jeansshorts und Bikinioberteil auf einem Liegestuhl. Schweiß glitzerte zwischen ihren kleinen Brüsten. Auf der Nase trug sie eine übergroße, weiß gefasste Sonnenbrille, die sorgfältig manikürten Finger ruhten auf einer Zeitschrift, in der Fritz sie niemals lesen sah.

» Mami, guck mal. «

Ihre Augen hinter der Sonnenbrille blieben fest geschlossen.

» Ich habe einen Piraten gefunden. «

» Na toll. « Sie seufzte und zupfte ihr Bikinioberteil zurecht.

Er legte ihr seinen Schatz direkt in den Schoß.

» Einen echten Piraten «, sagte er glücklich.

Sie öffnete die Augen.

Dann schrie sie.

 

 

Der erste Tag

Knapp 23 Billionen Liter Wasser stürzen in den letzten Maitagen des Jahres 2013 auf Deutschland – eine » Jahrhundertflut «. Als Erstes trifft es Passau. Die Stadt wird von den heftigsten Überschwemmungen seit 1501 heimgesucht.

 

Mehr als zweihundert Knochen hat der Mensch. Wie sie heißen, hatte Theo Matthies einst während seines Medizinstudiums gelernt. Inzwischen hatte er das familieneigene Bestattungsunternehmen übernommen. Wenn er seinen Beruf erwähnte, erntete er meist ungläubiges Staunen – einen Bestatter stellten sich die meisten anders vor. Düsterer vermutlich und melancholisch. Durch sein volles dunkles Haar und das anziehende, ein bisschen schiefe Lächeln wirkte er jünger als seine 37 Jahre. Bei Frauen kam er gut an – zumindest, bis er ihre Frage nach seinem Gelderwerb beantwortete. Dann fiel die Klappe. Mit dem Tod wollten die meisten nichts zu schaffen haben.

Nachdenklich betrachtete er das Skelett auf seinem Tisch. Ein erbarmungswürdiger Haufen Knochen, das war alles, was von der jungen Frau übrig geblieben war. Er hatte die teilweise abgelösten Glieder sortiert und anatomisch richtig platziert, ein etwas gruseliges Puzzle. So wie sie da lag, sah die Tote winzig aus, klein wie ein Kind.

» Ganz schön traurig «, sagte Lilly und sprach damit die Gedanken des Bestatters aus. Die zehnjährige Tochter seiner Kollegin May kannte keine Furcht vor den Toten. Im Gegenteil, sie hätte am liebsten immer zugeschaut, wenn Theo und ihre Mutter die Verstorbenen herrichteten. Aber das kam nicht infrage – schon aus Gründen der Pietät.

Diesmal hatte er eine Ausnahme gemacht. Die fleischlose Tote hatte mit dem Menschen, der sie einst gewesen war, nur noch wenig gemein. Und eine Seuchengefahr ging von den blanken Knochen auch nicht aus. Lilly strich prüfend mit dem Finger über die skelettierte Hand. » Traurig «, sagte sie noch einmal, » dass keiner weiß, wer sie ist. «

» Jedenfalls war sie noch ganz schön jung. Anfang 20 «, sagte Theo.

» Woher willst du das wissen ? «

» Weil ich mich mit Gerippen ganz gut auskenne. Säuglinge zum Beispiel haben noch eine ganze Reihe von Fugen zwischen den Knochen, insbesondere am Schädel, aber auch anderswo. Die verschließen sich erst nach und nach in der Jugend. Bei der Frau hier ist das sternale Ende der Clavicula noch nicht ganz verschlossen. « Er deutete auf die Schulter des Skelettes, wo Schlüsselbein und Brustbein aufeinandertreffen. » Diese Fuge ist eine der letzten, die sich schließt. Das passiert mit Anfang 20. «

Lilly legte die Hand flach auf ihr eigenes, noch unverwachsenes Schlüsselbein. » Und wenn sie 40 gewesen wäre ? «

» Na, dann hätten die Experten bei der Polizei wohl ziemliche Schwierigkeiten, ihr Alter einzuschätzen. Im Grunde geht’s da nur noch nach den Abnutzungserscheinungen der Knochen – und die können, wenn ich die Lebensumstände mal beiseitelasse, ganz schön unterschiedlich ausfallen. «

Lilly nickte. » Du stöhnst manchmal auch wie ein Opa, wenn du vom Joggen kommst. «

› Na, herzlichen Dank ‹, dachte Theo. Noch keine vierzig und schon altes Eisen.

Er zog die Bahre mit dem schlichten Kiefernholzsarg neben seinen Arbeitstisch. Er hatte ihn bereits am Vortag ausgepolstert und den weißen, billigen Satin innen festgetackert. Sargausstattungen wurden zwar oft teuer verkauft, waren aber aus dem billigsten Material gefertigt. Zum Verfall und nicht für die Ewigkeit bestimmt. Behutsam bettete er die gelblich verfärbten Knochen für ihren letzten Ruheort. Lilly nahm den Schädel und bohrte ihren Zeigefinger in das Loch, das die Kugel bei ihrem Austritt am Hinterkopf hinterlassen hatte – und das Theos Freundin Hadice einiges Kopfzerbrechen bereitete.

» Nicht nur, dass wir eine namenlose Tote am Hals haben, sie ist auch noch ganz eindeutig erschossen worden «, hatte die junge türkischstämmige Kommissarin ihrem einstigen Schulfreund erzählt und sich in komischer Verzweiflung die kurzen schwarzen Haare gerauft. » Und das möglicherweise schon während des Zweiten Weltkriegs. « Sie hielt ihr leeres Bierglas hoch, um bei der Frau hinter der Bar wortlos ein weiteres Getränk zu bestellen.

Theo hob die Brauen. » Wie kommst du darauf ? «

» Wir haben nicht nur die Kugel, sondern auch die Waffe gefunden. « Sie nahm das Bier in Empfang und trank einen großen Schluck. Das war ungewöhnlich. Hadice trank nur selten. Und zwar nicht, weil sie Muslimin war. In ihrem Job hatte sie einfach zu oft gesehen, was Alkohol aus den Menschen machen konnte. » Offenbar stammt sie aus Wehrmachtsbeständen. Eine Walter PPK. «

» Steht für Polizeipistole Kriminal «, mischte sich Lars in das Gespräch ein und demonstrierte einmal mehr seinen unerschöpflichen und breit gefächerten Wissensfundus. Lars Hansen, Doktor der Philosophie, Entrümplungsunternehmer und Künstler in Personalunion, war Theos bester Kumpel. » Ziemlich populär damals, auch weil sie diesen kurzen Lauf hat. Die kann man gut unter der Jacke verstecken. Die hat nicht nur die SS getragen, die war in ganz Europa bei der Polizei beliebt. «

» Du bist wirklich ein wandelndes Lexikon. « Hadice zwinkerte Lars zu. » Also diese Waffe stammt jedenfalls aus Wehrmachtsbeständen. « Sie kraulte Paul-Mops den dicken Schädel. Der Hund, den Lars bei einer Entrümplungsaktion gerettet hatte, wurde seinem Herrchen untreu, sobald Hadice auftauchte. Wie üblich saß er auch heute zu ihren Füßen und verfolgte jede ihrer Bewegungen anbetend mit seinen Glotzaugen. Theo konnte Paul verstehen. Hadice sah aus wie eine moderne Reinkarnation von Emma Peel.

» Hmm «, machte Theo.

» Was › Hmm ‹ ? «

» Die Dinger sind doch immer noch im Umlauf. So als Kriegsmemorabilien. Mein Großvater hatte auch noch eine Wehrmachtswaffe. Die lag immer griffbereit in der Schublade in der Diele, hat mein Vater erzählt. Ich weiß gar nicht, was daraus geworden ist. «

» Na, dann hätten wir ja schon unseren ersten Verdächtigen. « Hadice klatschte mit der Hand auf den Tresen.

Theo knuffte sie auf den Oberarm. » Nix gegen meinen Opa. «

» Sag ich doch, der Fall ist zum Heulen. Wir haben einen Zeitraum von 1940 bis etwa 2000. Sie hat da mindestens rund zehn Jahre lang gelegen. « Geistesabwesend tätschelte sie den Hund. » Von der Kleidung ist auch nicht mehr viel übrig. Darum kümmern sich jetzt die Experten. «

» Wo hat man sie überhaupt gefunden ? «, wollte Lars wissen.

» In einem Schrebergarten. Da hat ein achtjähriger Knirps ihren Schädel ausgebuddelt. Er hat nach dem Schatz von Störtebeker gesucht, hat er erzählt. «

» Kinder «, sagte Theo nur.

Das war jetzt fast drei Wochen her. Nach Abschluss der Untersuchungen hatte die Polizei die Tote freigegeben. Hadice hatte dafür gesorgt, dass sie in Wilhelmsburg beigesetzt werden würde. Immerhin hatte man sie dort gefunden. Der Bestatter breitete eine weiße Satindecke über das Skelett. Entschlossen stopfte er sie fest. » Wir wollen ja nicht, dass alles wieder durcheinanderpoltert, wenn man sie transportiert «, sagte er zu Lilly.

Lilly kräuselte die Nase. » Nee, das wollen wir nicht. «

Theo wuchtete den Deckel auf den Sarg und zog die Schrauben an. Dann trat er an den kleinen Tisch, auf dem die schmale Mappe mit den Unterlagen der unbekannten Toten lag. Er zog einen Computerausdruck hervor, auf dem das Gesicht einer jungen Frau zu sehen war, und reichte ihn seiner kleinen Assistentin. Es war schmal, mit hohen Wangenknochen, einer markanten Kinnlinie, einem breiten Mund und leicht schräg stehenden Augen. Ein bisschen slawisch, fand Theo, der immerhin einmal mit einer Halbrussin verheiratet gewesen war. Ihre aus Plastilin gefertigten Gesichtszüge wirkten seltsam unfertig, der Gesichtsausdruck war neutral. » So ungefähr hat sie wohl ausgesehen «, sagte Theo.

Lilly starrte fasziniert auf das Bild in ihrer Hand. » Was ist das denn ? «

» Das hat eine Expertin aus Plastilin auf einen Abguss des Schädels modelliert «, erklärte er.

» Is’ ja gruselig «, sagte Lilly und hielt sich das Bild dichter vor die Augen.

 

Hadice hatte den Schädel der unbekannten Toten an Sabine Ohlrogge geschickt, einer Koryphäe für Gesichtsrekonstruktionen im norddeutschen Raum. Unter anderem hatte sie der Moorleiche » Moora « ein Gesicht verliehen – eine junge Frau, die vor 2600 Jahren in Niedersachsen ums Leben gekommen war.

Hadice hatte es sich nicht nehmen lassen, das Konterfei ihrer unbekannten Toten höchstpersönlich abzuholen. Vierzehn Tage hatte die Forensikerin daran gearbeitet. In einem ersten Schritt hatte sie Augen in den Gipsabguss des Schädels gepflanzt, was einen einigermaßen schaurigen Effekt hatte. Dann hatte sie Markierungsstäbchen, die die Gewebedicke kennzeichneten, auf die verschiedenen Kopfpartien geklebt. » Dazu nehme ich gewöhnliche Schaschlikspieße «, hatte sie Hadice mit verschmitztem Lächeln erzählt. Abhängig davon, wie dick die Gewebeschicht an der betreffenden Stelle gewesen wäre, hatte sie sie unterschiedlich lang zurechtgestutzt. An ihnen orientierte sich die Expertin, wenn sie schichtweise das Plastilin auftrug.

Am Ende hatte sie den Kopf bemalt und mit Haaren bestückt.

» Ich hätte gedacht, so was macht man heute per Computer «, hatte Hadice gesagt. » Einscannen und : Hokuspokus erscheint das Gesicht. «

Die Forensikerin lachte. » Das wäre natürlich super, und erste Schritte in die Richtung gehen wir schon. Aber die Computerprogramme sind einfach noch nicht präzise genug. Für so eine Rekonstruktion brauchen Sie jemanden mit Erfahrung und Intuition. Momentan können das Menschen immer noch besser. « Sie strich dem Plastilinkopf liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht. » Ich habe sie › Wilhelmine ‹ genannt – weil sie doch in Wilhelmsburg gefunden wurde. «

Hadice blickte mit gerunzelter Stirn in das Plastilinantlitz. Ihr schien es zu roh, zu unvollkommen. » Hmm «, machte sie, » entschuldigen Sie die Anmerkung, aber das Gesicht von Richard III., das man unlängst rekonstruiert hat, das war irgendwie ein bisschen … « Sie suchte nach Worten.

» Lebendiger ? « Ohlrogge nickte. » Wissen Sie, bei historischen Rekonstruktionen, da können wir unserer Phantasie mehr Raum geben. In dem Bereich ist das nicht so kriegsentscheidend. «

» Und das heißt ? «

Die Forensikerin nahm den Kopf in beide Hände und bettete ihn in eine mit Holzwolle ausgefüllte Kiste. » Wenn wir nur die Knochen haben, tappen wir in vieler Hinsicht im Dunklen. Die Form von Ohren und Nase beispielsweise wird ja überwiegend von der Knorpelstruktur bestimmt. Wenn die fehlt, können wir nur grobe Annahmen machen. Haar- und Augenfarbe sind natürlich auch eher ungewiss. Und auch wie dick oder dünn ein Mensch zu Lebzeiten war, können wir nicht sagen. Und was den Gesichtsausdruck betrifft – den Charakter eines Menschen kann man nicht am Schädel ablesen, so gern die Nazis das auch getan hätten. «

» Aha. « Hadice spähte skeptisch in die Kiste.

» Also halten wir uns zurück und gestalten Details, bei denen wir uns nicht einigermaßen sicher sind, möglichst neutral. «

» Und wie ähnlich ist dann so eine Rekonstruktion dem lebenden Menschen ? «

Ohlrogge stülpte den Deckel auf die Kiste. » Das ist schon ein bisschen Glückssache. Aber wissen Sie, wenn ein Mensch noch von irgendjemandem vermisst wird, der springt dann häufig drauf an. «

» Na, dann versuch’ ich mal mein Glück «, seufzte Hadice und dachte dabei mit leisem Schauder an Schaschlikspieße.

 

Auch Theos Freundin Hanna war fasziniert von der Geschichte des namenlosen Mädchens. Sie lag bäuchlings auf dem Sofa und hielt das Bild von » Wilhelmine « in den Händen. Wie immer, wenn sie sich konzentrierte, wickelte sie eine ihrer schwarzen Locken um den Zeigefinger.

Genauso hatte auch Nadeshda immer auf der Couch gelegen, die Nase in irgendeinem Krimi vergraben. Theo lächelte. Äußerlich hatten die beiden Frauen wenig miteinander gemein. Nadeshda war groß und schlank gewesen, sportlich mit kurzem blondem Haar, Hanna hingegen war rundlich, fand Sport überflüssig und besaß eine wilde schwarze Mähne. Vom Charakter her stellte Theo aber immer wieder große Überschneidungen fest : Beide waren willensstark, begeisterungsfähig und temperamentvoll. Und vor allen Dingen enorme Dickschädel. › Das musst ausgerechnet du sagen ‹, hörte er Nadeshdas Stimme in seinem Kopf. Es war ihr Tod gewesen, der ihn vom Arztberuf weg und in das familieneigene Bestattungsinstitut gebracht hatte. In den ersten Jahren nach ihrem Tod hatte er seine Frau häufig zu sehen geglaubt. Inzwischen beschränkten sich die Erscheinungen auf ihre Stimme und – immer seltener – auf das Gefühl ihrer unmittelbaren Anwesenheit.

» Hadice gibt das Bild morgen an die Presse weiter «, sagte Theo.

» Ich bin die Presse «, entgegnete Hanna. Ihre Stimme war so tief, dass Theo sie bei ihrem ersten Telefonat für einen Mann gehalten hatte. » Und ich hab’ Zugang zu den Top-Quellen in diesem Fall. « Sie zwinkerte ihm zu.

Die Journalistin und der Bestatter hatten sich kennengelernt, als Theo den Mord an einer alten Frau aufklärte, deren Todesursache ihm zweifelhaft erschienen war. Seither verband die beiden eine zwar leidenschaftliche, aber ziemlich komplizierte Beziehung.

» Ich versuche mal, Hadice für ein Interview zu kriegen. « Und schon tippte Hanna auf ihrem Mobiltelefon herum. Sie lauschte mit gerunzelter Stirn und sprach eine kurze Bitte um Rückruf auf die Mailbox der Kommissarin. Dann griff sie erneut nach dem Konterfei der Toten.

» Hoffentlich erkennt sie jemand. «

» Nach so langer Zeit ? « Theo setzte sich neben Hanna auf die Couch. Sie drehte sich auf den Rücken, legte ihre Unterschenkel auf seinen Knien ab und betrachtete das Bild.

» Warum nicht ? Ich glaube, wenn man so lange nicht weiß, was aus jemandem geworden ist, dann lässt das einem doch keine Ruhe … «

Theo nahm die Fernbedienung zur Hand und schaltete die Tagesthemen ein. Sie wurden dominiert von den Bildern der » Jahrhundertflut «, wie die Zeitungen bereits titelten. Nach tagelangen Regenfällen stand Passau bereits unter Wasser – das Hochwasser drohte aber auch Regensburg und allen Städten flussabwärts von Donau und Elbe. Die Tagesthemen zeigten Bilder von überfluteten Straßen, von Helfern, die Sandsäcke stapelten, von Bundeswehrsoldaten in Schlauchbooten und immer wieder von Menschen, die fassungslos auf die Wassermassen in ihrer überfluteten Stadt starrten.

Derweil wälzte sich die Scheitelwelle der Flut in gemächlichem Tempo elbabwärts Richtung Hamburg.

» Na hoffen wir mal, dass die Deiche halten. «

Theo schwieg. Er wollte nicht zugeben, dass ihm mulmig zumute war. Wer auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg aufwuchs, dem waren die Folgen eines Deichbruchs bewusst. An den Häusern markierten Messingtafeln die Pegelstände der Sturmflut von 1962, und überall auf der Insel gab es Sammelstellen für eine mögliche Evakuierung. Bei Sturmflutwarnung wurden die Schulkinder nach Hause geschickt – eine Situation, die Theo als Kind ebenso faszinierend wie gruselig gefunden hatte. Sein reetgedecktes Elternhaus, in dem er heute wieder lebte, lag kurz hinter dem Moorwerder Hauptdeich. Damals hatte nur noch das Dach aus dem Wasser geschaut. Zwar waren die Deiche nach jeder Sturmflut höher aufgeschüttet worden, doch die Pegelstände zogen nach und erreichten alle paar Jahre wieder neue Rekordstände.

In der Nacht schlief Theo unruhig neben Hanna. In seinem auf Alpha-Wellen wabernden, träumenden Hirn verknüpften sich die Eindrücke des Tages auf nicht vorhersehbare Weise mit längst verschütteten Erinnerungen. Er träumte von Wassermassen, die sich durch die Wilhelmsburger Straßen wälzten und Autos, Bäume und Unrat mit sich rissen. In einem offenen Sarg trieb eine junge blonde Frau an ihm vorbei. Er wusste mit der Gewissheit eines Schlafenden, dass es die namenlose Tote war, deren Knochen er wenige Stunden zuvor für ihre letzte Ruhe vorbereitet hatte. Die Tote öffnete die Augen und sah ihn an. » Theo ! «, sagte sie, ohne die Lippen zu bewegen.

Er erschrak so sehr, dass er erwachte.

 

 

Der zweite Tag

Halle ruft den Katastrophenalarm aus : » Wir haben es mit Wassermassen zu tun, die wir noch nie zu bewältigen hatten «, verkündet Ministerpräsident Reiner Haseloff ( CDU ).

 

» Das Verrückte ist, dass ich das sichere Gefühl hatte, sie zu kennen «, sagte Theo, als er am nächsten Morgen mit Hanna am Frühstückstisch saß.

» Unwahrscheinlich. « Hanna gähnte. Sie war ein ausgesprochener Morgenmuffel. » Wie es aussieht, ist die Dame doch wohl schon länger tot, als es dich gibt. «

» Vermutlich. « Theo rührte nachdenklich in seinem Kaffee, bis Hanna ihm den Löffel aus der Hand nahm. » Wenn du so weitermachst, hast du bald ein Loch im Tassenboden. «

Er trank einen Schluck.

» Ich hab’ da eine ziemlich verrückte Idee «, sagte er dann.

» Erzähl. « Sie blickte ihn erwartungsvoll an.

» Später. «

Kaum hatte Hanna sich verabschiedet, um in ihrer Wohnung an einer Reportage zu feilen, stieg er ins Obergeschoss des Hauses, in dem er aufgewachsen war, und angelte mit einem Haken die Luke zum Dachboden herunter. Dort lagerten noch immer die Relikte früherer Matthies-Generationen : alte Seekarten seines Urgroßvaters, der erst als Kapitän die Weltmeere bereist und dann das auf Seebestattungen spezialisierte Beerdigungsinstitut gegründet hatte ; stockfleckige Leinentücher mit erbaulichen Sprüchen, die seine Großmutter mütterlicherseits gestickt hatte, die Kinderbücher seiner jung verstorbenen Mutter. Und natürlich die Fotoalben der Bestatterdynastie.

Er zog die Leiter zu sich herunter und kletterte die steilen Stiegen empor. Oben angekommen überfielen ihn Erinnerungen : wie er als kleiner Junge mit seiner besten Freundin Nele zwischen den staubigen Schachteln, Truhen und Möbeln » Gespenst « gespielt hatte. Er hatte sich immer deutlich mehr gegruselt als sie, ein Umstand, den er auch unter Folter niemals zugegeben hätte. Was wohl aus ihr geworden war ? Er sah sich kurz um und zog dann einen Koffer aus altersmürbem Leder hervor. Die rostigen Schnallen klemmten, sodass er Mühe hatte, ihn zu öffnen. Darin befand sich ein Sammelsurium von Fotoalben mit Bildern der Familie seines Vaters. Auf den Rücken der Alben waren Jahreszahlen vermerkt, die ein ordentlicher Mensch mithilfe eines Prägegeräts angebracht hatte. » 1945–47 «, las er. Sogar direkt nach dem Krieg hatte die Familie sorgsam ihre Feste und Ausflüge dokumentiert. » 1953–57 «. Und schließlich » 1960–62 «. Er schlug es auf und blätterte zügig die von raschelndem, halbtransparentem Spinnenpapier geschützten Seiten um. Schließlich stieß er auf das gesuchte Gesicht. Jung und schmal, mit hohen Wangenknochen und einem überbreiten Mund. » Marlene, Juni 1960 « stand darunter. Es war das Gesicht der sprechenden Toten aus seinem Traum.

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