»Tulpen für den Kommissar« ein LandIDEE-Krimi von Susanne Mischke
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Mittwoch, 19. November 2014 von


»Tulpen für den Kommissar« ein LandIDEE-Krimi von Susanne Mischke

Für ihre begeisterten Krimi-Leser hat die Autorin Susanne Mischke noch ein besonderes Extra: einen Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihm macht!

Tulpen für den Kommissar 
Die Morgensonne blinzelt durch die Gardinen und scheint Hauptkommissar Bodo Völxen ins Gesicht. Es ist Samstag, er könnte ausschlafen, aber er hat einen fürchterlichen Brand. Gestern war das Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr, ein Pflichttermin für alle Dorfbewohner, auch für ihn und seine Frau Sabine.  Brummschädelig und etwas kreuzlahm quält er sich die Treppen hinunter und begrüßt den Terrier Oscar, ehe er sich an den Wasserhahn hängt. Schon besser. 
Wie jeden Morgen führt ihn sein erster Gang durch den Garten, der dieses Jahr besonders schön ist, hinüber zur Schafweide. Die Taschen seines Bademantels sind mit Zwieback gefüllt. Unterwegs erleichtert er sich hinter dem Holzschuppen, während Oscar sein Bein an der Regentonne hebt. Auch das gehört zum Morgenritual, doch danach ist plötzlich nichts mehr so wie sonst. Denn als Völxen an der Weide ankommt, steht das Gatter weit offen. Die Schafe haben sich nicht, wie üblich, unter dem Apfelbaum zusammengerottet und sie sind auch nicht im Schafstall. Sie sind weg! Völxen fühlt sich wie vom Blitz getroffen. Hat jemand nachts das Gatter geöffnet? Irren die vier Schafe und Amadeus, der Bock, jetzt im Dorf herum oder, Gott bewahre, auf der Bundesstraße? Panik ergreift ihn, als er plötzlich ein Stück Papier bemerkt, das jemand mit einer Wäscheklammer an den Zaun geheftet hat. Darauf steht eine Handynummer. Sonst nichts. 
So schnell ihn seine Gummistiefel tragen rennt Völxen zurück ins Haus, sucht sein Telefon, wählt die Nummer. „Ja?“ Eine Frauenstimme. 
„Wer sind Sie, wo sind meine Schafe?“
„Wer ich bin, tut nichts zur Sache“, sagt die fremde Stimme. Es scheint eine jüngere Frau zu sein. „Ihren Schafen geht es gut, und Sie bekommen sie zurück, wenn Sie etwas für mich tun.“
„Wie bitte?“
„Es geht um den Überfall auf die Postagentur, letzte Woche. Der, den die Polizei festgenommen hat, ist unschuldig! Ich möchte, dass Sie das beweisen und den wahren Täter finden.“
„Hören Sie mal, junge Frau!“, bellt Völxen in den Hörer. „Ich bin Leiter der Mordkommission und nicht für solche Lappalien …“ Aufgelegt. Völxen flucht, der Terrier verdrückt sich mit angelegten Ohren unter den Küchentisch.
„Was ist denn los?“, fragt Sabine, die leicht verkatert im Türrahmen steht. 
„Was los ist? Jemand hat unsere Schafe entführt!“

Etwa fünfzehn Kilometer weiter nördlich, in einer großen Altbauwohnung in Hannover-Linden, klingelt das Handy von Fernando Rodriguez und reißt ihn aus einem frivolen Traum, in dem seine Kollegin Jule Wedekin eine tragende Rolle spielte. Noch halb im Schlaf nimmt er das Gespräch an. Völxen? Am Samstagmorgen um … halb acht! Sein Chef klingt aufgelöst, faselt etwas von entführten Schafen und einer Handynummer, die er, Fernando, sofort überprüfen soll. 
„Moment!“ Fernando steigt aus dem Bett, taumelt zur Tür und ruft: „Mama! Bring mir sofort einen Stift und Papier!“
„Bin ich dein Dienstmädchen?“, tönt es widerspenstig aus der Küche.
„Es ist der comisario, es ist wichtig!“
„El comisario?“ Schon ist Pedra Rodriguez zur Stelle und reicht ihrem Sohn Block und Kuli. „Was ist denn passiert, wieder ein grässlicher Mord?“
„Sei doch mal still, ich hör ja sonst nichts“, zischt Fernando, während er die Nummer notiert. „Ja, ich kümmere mich darum. – Ja, sofort! – Ehrlich! Ich ruf dich an.“ Er legt auf. „Herrgott noch mal, der und seine verdammten Schafe!“
„Nando! Fluch nicht!“ Pedra Rodriguez bekreuzigt sich und funkelt ihren Sohn böse an. „Denk daran, du hast es dem comisario zu verdanken, dass du als Junge nicht auf die schiefe Bahn …“ Aber Fernando, der diese Leier schon tausendmal gehört hat, knallt ihr die Tür vor der Nase zu. 

„Wenn ich nur wüsste, wie ich heute noch an die Fallakte rankomme“, jammert Völxen, während er ruhelos in der Küche auf und ab tigert. 
„Wozu brauchst du denn eine Fallakte? Frag doch einfach deine Ehefrau!“ Sabine Völxen reicht ihm einen Becher Kaffee und befiehlt ihm, sich hinzusetzen und sich zu beruhigen.
Da ihm im Augenblick auch nichts anderes übrig bleibt, leistet Völxen Gehorsam. 
„Vergangenen Dienstag wurde die Postagentur im Nachbarort überfallen. Du weißt schon, der Schreibwarenladen, der den ganzen Krimskrams führt, den kein Mensch braucht. Diese Agenturen haben meist keinerlei Sicherheitsvorkehrungen, und doch müssen sie Bargeld …“
„Ja, ja, und weiter“, knurrt Völxen gereizt. 
„Die Beute betrug ungefähr neuntausend Euro. Am Donnerstag wurde ein junger Mann verhaftet. Es gab zwei Zeugen. Ein älterer Mann, der gegenüber wohnt und ihn aus dem Laden rennen sah, hat ihn wohl zweifelsfrei anhand der Verbrecherkartei identifiziert. Sein Name ist Buchholz, er war früher der Sargtischler im Dorf.“ 
Völxen nimmt sich vor, seine Kollegin Jule anzurufen und sie zu bitten, dem Herrn einen Besuch abzustatten. 
„Die andere Zeugin ist Frau Lambert, unsere Gärtnerin“, fährt Sabine fort. „Die war dort einkaufen, als es passierte. Sie konnte allerdings nicht viel sehen, weil der Mann eine Maske trug.“
„Was ist mit der Inhaberin des Ladens?“, will Völxen wissen.
„Die hat einen Schock und erinnert sich an gar nichts.“
„Weißt du auch, wer verhaftet wurde?“
„Ja, der Autoschrauber-Alex. Alexander Kreipe. Er hat als Jugendlicher Tankstellen und Kioske überfallen und später eine Filiale der Volksbank. Dafür hat er drei Jahre gesessen. Vor zwei Jahren hat er geheiratet. Er hat einen festen Job in einer Autowerkstatt und eine einjährige Tochter. Es wäre tragisch, wenn er rückfällig geworden wäre.“ Sabine Völxen ist fertig und schaut ihren Mann triumphierend an. „Na, wie war ich?“
„Ich wusste gar nicht, dass du so eine Dorftratsche bist!“
Ehe Sabine ihm sagen kann, was er sie mal könne, klingelt Völxens Handy. 
Es ist Fernando. „Die Nummer gehört zu einer Julia Kreipe, zweiunddreißig, sie wohnt in eurem Kaff, Hinter der Kirche 2. Kann ich jetzt wieder ins Bett?“
„Nein. Finde heraus, ob es in ihrer Verwandtschaft jemanden gibt, der was mit Landwirtschaft zu tun hat.“ Er legt auf und sagt zu Sabine: „Es muss jemand getan haben, der vom Fach ist. Um fünf Schafe zu entführen braucht man einen Transporter, eine Rampe … und außerdem ist mit Amadeus nicht zu spaßen.“
„Wem sagst du das?“, seufzt Sabine. 

„Wissen Sie, ich stand zufällig am Wohnzimmerfenster, weil ich die Blumen gegossen habe. Da sehe ich den Typen aus dem Laden rennen, als wäre der Teufel hinter ihm her. Schnäpschen gefällig, junge Frau?“ Schon pirscht sich der Zeuge Helmut Buchholz, achtundsiebzig Jahre alt und verwitwet, heran, in der einen Hand eine Flasche Doppelkorn, in der anderen zwei Gläser. 
„Aber gern doch“, sagt Kommissarin Jule Wedekin. „Es ist ja schon ... zehn Uhr.“
Seine Hände zittern beim Eingießen, sodass die Hälfte auf dem klebrigen Linoleum landet. „Prösterchen!“ Der Alte hebt sein Glas. Seiner Ausdünstung nach ist es nicht der erste Kurze dieses jungen Tages „Nicht lang schnacken, Kopf in‘ Nacken!“
Was sein muss, muss sein, denkt Jule und kippt den Schnaps hinunter. „Herr Buchholz, es hieß, der Täter habe eine Maske getragen. Wo war die denn, als er den Laden verließ?“
„Jedenfalls nicht mehr auf seinem Kopf. Wie hätte ich den Alex, diesen Tunichtgut, denn sonst erkennen können?“
„Stimmt auch wieder“, räumt Jule ein. „Wo lief der noch mal lang?“
„Genau hier, vor der Bushaltestelle, rannte er über die Straße.“ 
„Sie meinen dort, wo gerade der Mann mit der Aktentasche steht?“
Der Alte späht mit zusammengekniffenen Augen durch die staubige Fensterscheibe. „Ja. Dort, wo der Mann steht.“
Jule betrachtet die junge Frau mit dem Schäferhund, die als einzige Person an der Bushaltestelle wartet. 
„Noch ‘nen Kurzen, Frau Kommissarin? Auf einem Bein steht es sich so schlecht.“

Julia Kreipe ist in Tränen aufgelöst. Das mit den Schafen tue ihr leid, es sei eine Verzweiflungstat gewesen. „Der Alex, mein Mann, hat nichts mit dem Überfall zu tun! Aber er hat halt früher viel Scheiß gebaut, und wenn die dem das anhängen, sieht der unsere Sophie erst wieder, wenn sie eingeschult wird.“ 
Die Kleine sitzt auf einer Decke und nagt sabbernd an einem Stofftier. 
„Und wieso ich? Wieso meine Schafe?“
„Weil Sie der Beste sind. Das erzählt man sich zumindest im Dorf.“ 
Völxen fühlt sich wider Willen ein wenig gebauchpinselt. „Nun ja … Ich nehme an, meine Schafe sind auf dem Biobauernhof Ihres Onkels in der Wedemark?“
Die zarte Blondine zuckt zusammen. „Woher wissen Sie das?“
„Ich bin der Beste, bekanntlich“, versetzt Völxen. „Gnade Ihnen Gott, wenn sie traumatisiert sind!“ Anschließend rät Völxen der Frau, den Anwalt ihres Mannes zu bitten, die Sehkraft des Zeugen Buchholz amtsärztlich untersuchen zu lassen. „Danach ist der Staatsanwalt diesen Zeugen los“, prophezeit er.
„Was ist mit der anderen Zeugin?“
„Die übernehme ich“, antwortet Völxen und steht auf. Als sie ihn zur Tür bringt, bemerkt er, dass sie ein wenig hinkt. „War das …“
„Ihr Schafbock. Ein hinterlistiges Biest! Wollen Sie den wirklich zurückhaben?“

Seit Ulla Lampert den Garten der Völxens unter ihren Fittichen hat, grünt und blüht es schöner denn je. Sie und der Hauptkommissar sind etwa gleichalt und haben sich immer gut verstanden. Aber nun, da Völxen die Frau in deren eigenem Garten antrifft, schaltet sie auf stur. Nein, sie habe den Täter in der Postagentur nicht erkannt. Dass Alex Kreipe entlastet sei, freue sie, aber sie könne Völxen nicht mehr sagen, als dass der Täter mittelgroß, von mittlerer Statur und mittelblond gewesen sei.
„Und seine Stimme?“, fragt Völxen. 
„Die war … normal.“
„Ich glaube Ihnen nicht“, bekennt Völxen rundheraus. „Ich glaube vielmehr, Sie haben aus irgendeinem Grund Angst, mir die Wahrheit zu sagen.“
Da irre er sich, behauptet die Gärtnerin. 
Völxen schüttelt enttäuscht den Kopf. „Schade“, verabschiedet er sich. „Dass Sie einen Straftäter decken, hätte ich nicht von Ihnen gedacht.“
  
In den folgenden Wochen kommt es Völxen so vor, als ginge ihm die Gärtnerin aus dem Weg. Schließlich lässt der Hauptkommissar die Sache auf sich beruhen. Was soll er auch tun? Es ist nicht sein Fall, die Schafe sind heil zurück, die Anklage gegen Alex Kreipe wurde fallen gelassen und vom Biohof in der Wedemark kommt ein intensiv duftendes Paket mit einem großen Laib Ziegenkäse darin.
An Weihnachten erreicht Sabine und Bodo Völxen eine Ansichtskarte aus Schottland: eine grüne Wiese mit einer Schafherde, dahinter erstreckt sich der Ozean. Grüße von Ulla Lampert.
„Ist sie ausgewandert?“, erkundigt sich Völxen. 
„Ja. Ullas Tochter hat als Hostess auf der Messe Eurotier gejobbt und dort einen Schaffarmer von den Orkney Islands kennengelernt. Jetzt sind Mutter und Tochter dort hingezogen.“
„War die Tochter nicht mit einem Kerl aus Bothfeld verheiratet?“  
„Ja, war. Ihr Ex scheint ein übler Typ zu sein. Auch gewalttätig, Ulla hat nie gern darüber gesprochen.“

An einem sonnigen Morgen im März, steht Völxen auf dem Balkon vor dem Schlafzimmer und inspiziert den Garten. Die ersten Tulpen spitzeln hervor. Plötzlich brüllt er: „Sabine!“
Erschrocken kommt seine Frau die Treppe heraufgerannt. „Was ist?“
„Hast du einen Liebhaber?“
„Wie bitte?“
„Wer hat die Tulpen hinterm Haus gesetzt?“
„Ulla Lampert, im vergangenen Herbst. Was stellst du für idiotische Fragen?“
Völxen weist stumm nach unten. Beide starren ins Beet, wo die knospenden Tulpen ein Muster bilden. Nein, es sind Buchstaben: Paul.
„Das ist Ullas Ex-Schwiegersohn“, fällt Sabine ein. „Aber wieso …?“
Völxen grinst und sagt: „Mein Schatz, wie wär‘s, wenn wir Ostern auf die Orkneys fahren würden? Meer, Wind und Schafe ... Und ich könnte dort eine Zeugenaussage aufnehmen.“


Blick ins Buch
Einen Tod musst du sterbenEinen Tod musst du sterben

Kriminalroman

Im Schwarzen Moor bei Hannover machen Jäger einen schrecklichen Fund: Inmitten der düsteren Landschaft liegt die grausam zugerichtete Leiche eines Mannes. Dem Toten wurde das Herz aus dem Leib gerissen. Kommissar Bodo Völxen stößt bei den Ermittlungen schon bald an seine Grenzen. Denn erste Spuren führen zu einer Gruppe von Tierschutzaktivisten, der auch seine Tochter Wanda angehört. Kann er gegen seine eigene Tochter ermitteln? Und weshalb hält sich die Witwe des Verstorbenen in ihren Aussagen so bedeckt?
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Kapitel 1


Zu viele Menschen in einem kleinen Raum, das klang wie das Brausen eines Feuers – hohe und tiefe Töne, ständiges gewohntes Gemurmel, das lauter wurde, je näher man kam. In den fünf Jahren, die ich als Kellnerin für Chuck und Phaedra Niles in The Bucksaw Café gearbeitet habe, brachten mich die vielen hungrigen, ungeduldigen Leute tagein, tagaus schon dazu, dass ich hin und wieder Lust bekam, das ganze Lokal abzufackeln. Aber ich kam nicht wegen der Gäste zur Mittagszeit zurück, sondern wegen des beruhigenden Summens der Gespräche, der Hitze in der Küche und der süßen Freiheit, nachdem ich die Brücken hinter mir niedergebrannt hatte.
» Falyn ! Verdammt noch mal ! «, fluchte Chuck und ­bemühte sich, nicht in die Suppe zu schwitzen.
Er streckte die Hand aus und rührte die Brühe in
einem großen Topf um. Ich warf ihm einen sauberen Lappen zu.
» Wie kann es in Colorado dermaßen heiß sein ? «, beschwerte er sich. » Ich bin hierhergezogen, weil ich fett bin. Fette Leute haben’s nicht gern heiß. «
» Dann solltest du vielleicht für deinen Lebensunterhalt nicht an einem Herd arbeiten «, meinte ich grinsend.
Das Tablett fühlte sich schwer an, als ich es mit beiden Armen hochhob, aber nicht mehr so schwer wie früher. Inzwischen konnte ich, wenn nötig, sechs volle Teller auf einmal tragen. Ich ging rückwärts auf die Schwingtür zu und schob sie mit meinem Hintern auf.
» Du bist gefeuert «, bellte er, wischte sich mit dem weißen Baumwolltuch über die Glatze und warf es mitten auf den Tisch zum Anrichten.
» Ich kündige «, sagte ich.
» Das ist nicht lustig ! « Er lehnte sich von der Hitze weg, die seine Kochstation ausstrahlte.
Als ich mich zum großen Restaurantbereich umdrehte, blieb ich kurz in der Tür stehen und sah, dass alle zweiundzwanzig Tische und zwölf Barhocker mit Berufs­tätigen, Familien, Touristen und Einheimischen belegt waren. Laut Phaedra saß an Tisch dreizehn sogar eine Bestseller-Autorin mit ihrer Assistentin. Ich beugte mich ein Stück nach hinten, um das Gewicht des Tabletts auszugleichen, und zwinkerte Kirby dankbar zu, weil sie den Ständer neben dem Tisch aufklappte, wo ich gleich meine Bestellung absetzen würde.
» Danke, Süße «, sagte ich und griff schon nach dem ersten Teller.
Ich stellte ihn vor Don, meinen ersten Stammgast und großzügigsten Trinkgeldgeber der Stadt. Er schob seine dicke Brille hoch, setzte sich auf seinem Stuhl zurecht und nahm sein Markenzeichen, den Fedora, ab. Sein
kakifarbenes Jackett war schon ein bisschen abgetragen, genau wie das Oberhemd und die Krawatte, die er täglich trug. Wenn nachmittags nicht viel los war, hörte ich ihm zu, wenn er über Jesus sprach und darüber, wie sehr er seine Frau vermisste.
Kirbys langer dunkler Pferdeschwanz wippte, als sie ­einen Tisch an der Fensterfront abräumte. Sie stemmte eine kleine Wanne voll mit schmutzigem Geschirr gegen ihre Hüfte und blinzelte mir auf dem Weg zurück in die Küche zu. Sie blieb nur so lange weg, um Hector den Haufen schmutziger Teller und Becher zum Abwaschen hinzustellen, dann kehrte sie zu ihrem kleinen Empfangspult zurück. Ihre von Natur aus rotweinroten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als eine leichte Brise durch die gläserne Eingangstür hereinblies, die von einem großen Mineralkristallstein, einer Druse, aufgehalten wurde. Sie war eine von Hunderten, die Chuck im Laufe der Jahre gesammelt hatte.
Kirby begrüßte eine Gruppe von vier Männern, die hereinkamen, während ich Don bediente.
» Würdest du mal eben das Steak für mich anschneiden, mein Schöner ? «, bat ich ihn.
Don brauchte keine Speisekarte. Er bestellte bei jedem Besuch das Gleiche – einen Haussalat, der in Ranch-Dressing schwamm, frittiertes Gemüse, ein New York Strip medium-rare gebraten und Phaedras Schildkröten-Käsekuchen. Und er wollte alles auf einmal serviert ­bekommen.
Don tat, wie gebeten, schob seine Krawatte zwischen die Knöpfe seines Hemds und schnitt mit seinen zitternden mageren Händen in das saftige Stück Fleisch auf dem Teller. Dann schaute er hoch und nickte.
Während er sein Tischgebet sprach, verließ ich ihn nur für einen Augenblick, um den süßen Sonnentee von der Bartheke zu holen. Als ich an seinen Tisch zurückkehrte und mir das Glas nahm, um ihm davon einzugießen, hielt ich den Krug seitlich, damit viel Eis mit in die hellbraune Flüssigkeit fiel.
Don nippte daran und seufzte zufrieden. » Bei meinem Leben, Falyn. Ich liebe es, wenn Phaedra ihren Sonnentee macht. «
Unter seinem Kinn hing viel lose Haut, Gesicht und Hände waren von Leberflecken übersät. Er war Witwer und hatte seit dem Tod von Mary Ann sichtlich abgenommen.
Ich lächelte ihm zu. » Das weiß ich. Ich komme gleich noch mal wieder. «
» Weil du die Beste bist «, rief er mir nach.
Kirby führte die Männer an meinen letzten freien Tisch. Alle bis auf einen waren rußverschmiert und von ihrem Tagwerk verschwitzt. Der Saubere schien nur so mitzukommen. Sein frisch gewaschenes Haar war kaum lang genug, um ihm in die Augen zu hängen. Die anderen wirkten zufrieden mit ihrer Erschöpfung nach einer langen, harten Schicht.
Nur die Touristen starrten die verdreckten Männer an. Die Einheimischen wussten genau, wer sie waren und warum sie sich hier aufhielten. Ihre staubigen Stiefel und drei leuchtend blaue Helme mit dem Abzeichen der Landwirtschaftsbehörde, die sie jetzt auf dem Schoß liegen hatten, ließen die anderen Gäste schnell erraten, was sie von Beruf waren – ein erstklassig ausgebildeter Einsatztrupp, wahrscheinlich aus der Bergabteilung von
Estes Park.
Die Feuer durch Funkenflug waren in diesem Jahr besonders häufig und anscheinend hatte das Forstamt Trupps aus jedem Distrikt, sogar aus dem fernen Wyoming und South Dakota, geschickt. Colorado Springs war seit Wochen diesig. Der Rauch der Feuer im Norden verwandelte die Nachmittagssonne regelmäßig in einen glutroten Feuerball. Sterne hatten wir seit vor meinem letzten Lohnscheck nicht mehr gesehen.
Ich begrüßte die Männer höflich mit einer freund­lichen Miene. » Was trinken wir ? «
» Du hast wirklich schönes Haar «, sagte einer von
ihnen.
Ich senkte das Kinn und hob eine Augenbraue.
» Halt doch verdammt noch mal die Klappe und bestell was, Zeke. Wahrscheinlich werden wir bald wieder weggerufen. «
» O Mann, Taylor «, sagte Zeke. Dann sah er mich finster an. » Bring ihm was zu essen, ja ? Er wird knatschig, wenn er hungrig ist. «
» Kann ich machen «, sagte ich und war bereits genervt von ihnen.
Taylor spähte zu mir hoch und nur für einen Moment war ich gebannt vom warmen Schimmer seiner braunen Augen. In weniger als einer Sekunde hatte ich etwas Vertrautes hinter diesen Augen entdeckt. Dann blinzelte er und schaute wieder in seine Speisekarte.
Obwohl sie meist süß, oft charmant und immer ansehnlich muskulös waren, wurden Typen, die es mit Asche auf ihren Stiefeln in unsere Stadt verschlug, nur aus der Ferne bewundert. Kein einheimisches Mädchen mit Selbstachtung hätte sich bei einem Date mit einem dieser faszinierenden, mutigen, sonnengebräunten jungen Männer erwischen lassen. Aus zwei Gründen: Sie blieben nur für eine Saison und würden dich verlassen, schwanger oder mit gebrochenem Herzen. Ich hatte das schon so viele Male mit angesehen, und nicht nur mit Feuerwehrleuten, sondern auch mit Fliegern, die hier Dienst taten. Für die jungen Kerle, die mein Vater Rumtreiber nannte, war Springs wie ein Buffet aus jungen Mädchen, die verzweifelt genug waren, sich in jemand zu verlieben, von dem sie wussten, er würde nicht bleiben.
Ich gehörte nicht zu ihnen, obwohl ich nach Aussage meiner Eltern die Nutte mit der besten Ausbildung in ganz Colorado Springs war.
» Fangen wir mit den Getränken an. « Ich bemühte mich um einen fröhlichen Ton und zwang mich, an das anständige Trinkgeld zu denken, das die Feuerwehrleute meistens auf dem Tisch zurückließen.
» Was willst du, Trex ? «, fragte Zeke den Sauberen.
Trex musterte mich mit völlig gefühllosem Blick unter seinen feuchten Locken hervor. » Nur ein Wasser. «
Zeke legte seine Karte weg. » Für mich auch. «
Taylor schaute wieder zu mir hoch, und das Weiße
seiner Augen leuchtete und bildete einen Kontrast zu
seinem schmutzigen Gesicht. Das warme Braun seiner Augen passte zum Ton der strubbeligen Haare auf seinem Kopf. Seine Augen blickten freundlich, doch seine Arme waren von diversen Tattoos bedeckt. Er sah aus, als habe er schon genug erlebt, um jedes einzelne davon zu verdienen.
» Habt ihr süßen Tee ? «, fragte Taylor.
» Ja. Sonnentee. Ist der okay ? «
Er nickte, bevor er erwartungsvoll den Mann betrachtete, der ihm gegenübersaß. » Was nimmst du, Dalton ? «
Dalton schmollte. » Die haben keine Cherry Coke. « Er schaute zu mir hoch. » Warum hat keiner im ganzen gottverdammten Bundesstaat Colorado Cherry Coke ? «
Taylor verschränkte die Arme auf dem Tisch, wobei sich die Muskeln seiner Unterarme unter der von Tinte bedeckten Haut abzeichneten. » Ich hab mich damit abgefunden. Du solltest es auch einfach akzeptieren, Mann. «
» Ich kann eine für dich machen «, sagte ich.
Dalton warf seine Speisekarte auf den Tisch. » Bring mir einfach ein Wasser «, brummte er. » Das ist nicht dasselbe. «
Ich lehnte mich ein Stückchen zu Dalton. » Da hast du recht. Meine ist besser. «
Im Weggehen hörte ich einige von ihnen kichern wie kleine Jungs.
Einer sagte: » Oha ! «
Auf dem Rückweg zum Tresen blieb ich kurz an Dons Tisch stehen. » Alles in Ordnung ? «
Don summte ein » Ja « und kaute auf seinem Steak.
Er war fast fertig. Alle seine Teller, bis auf den mit dem Käsekuchen, waren blitzblank und leer.
Ich klopfte ihm auf die knochige Schulter und begab mich hinter die Bar. Dort füllte ich zwei Becher mit Eiswasser und einen mit süßem Sonnentee. Dann bereitete ich Daltons Cherry Coke zu.
Phaedra schob sich durch die Doppeltüren und runzelte die Stirn, als sie eine Familie in der Nähe von Kirbys Pult stehen sah. » Muss jemand warten ? «, fragte sie und trocknete sich die Hände an dem Geschirrtuch ab, das sie sich als Schürze umgebunden hatte.
Phaedra war in Colorado Springs geboren und auf­gewachsen. Sie und Chuck hatten sich auf einem Konzert kennengelernt. Sie war ein totaler Hippie, und er versuchte, einer zu sein. Sie nahmen an Sit-ins für den Frieden und Anti-Kriegs-Demonstrationen teil. Jetzt gehörte ihnen das beliebteste Café in Downtown. Der Lokalführer Urbanspoon hatte The Bucksaw Café an erster Stelle bei den Empfehlungen für Mittagessen
genannt. Trotzdem betrachtete Phaedra es als persönliche Kränkung, wenn sie merkte, dass Gäste warten mussten.
» Wir können keinen großartigen Service haben und keine Wartezeit. Wenn viel los ist, ist das doch gut «, sagte ich und mischte meinen Spezialsirup in die Cola.
Phaedras langes, schwarz-graues Haar war in der Mitte gescheitelt und zu einem drahtigen Knoten aufgesteckt. Ihre faltige, olivfarbene Haut machte die Augen ein bisschen klein. Sie war eine Bohnenstange, aber man brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass sie eine Bärin sein konnte, wenn man sie ärgerte. Sie mochte Frieden und Schmetterlinge predigen, aber sie ließ sich absolut nichts vormachen.
Phaedra schaute zu Boden, während sie meinte: » Es wird nicht mehr lange viel los sein, wenn die Leute angepisst sind. « Dann eilte sie Richtung Eingang, entschuldigte sich bei der wartenden Familie und versicherte ihr, dass bald ein Tisch frei würde.
Tisch zwanzig hatte gerade bezahlt. Phaedra kam herbeigeeilt, bedankte sich bei den Gästen, räumte den Tisch ab und wischte ihn rasch ab. Dann winkte sie Kirby, die Familie hinüberzubegleiten.
Ich stellte alle Getränke auf ein Tablett und trug sie durchs Lokal. Die Männer schauten immer noch in die Speisekarten. Ich knurrte innerlich, denn das bedeutete, sie hatten sich noch nicht entschieden.
» Braucht ihr noch eine Minute ? «, fragte ich und gab jedem sein Getränk.
» Ich sagte, ein Wasser «, sagte Dalton und hielt stirnrunzelnd seine Cherry Coke hoch.
» Probier doch mal. Wenn’s dir nicht schmeckt, bringe ich dir ein Wasser. «
Er nahm einen Schluck, dann noch einen. Und er riss die Augen auf. » Sie hat keinen Scheiß erzählt, Taylor. Das schmeckt echt besser als das Original. «
Taylor schaute zu mir hoch. » Dann nehme ich auch eine. «
» Kriegst du. Und zum Essen ? «
» Wir nehmen alle die pikanten Truthahn-Panini «, sagte Taylor.
» Ihr alle ? «, fragte ich zweifelnd.
» Wir alle «, sagte Taylor und drückte mir das laminierte Blatt in die Hand.
» Alles klar. Bin gleich mit deiner Cherry Coke zurück «, sagte ich, bevor ich ging, um mich um meine anderen Tische zu kümmern.
Die Dutzenden Stimmen in dem vollen Café hallten von den Scheiben wider und zurück bis zur Bar, wo ich eine weitere Cherry Coke mixte. Kirby kam um die Theke herum und ihre Schuhsohlen quietschten auf dem orangefarben und weiß gemusterten Fliesenboden. ­Phaedra liebte es bunt gemischt – lustige Porträts, Krimskrams, verblichene Schilder. All das war so vielseitig wie Phaedra selbst.
» Gern geschehen «, sagte Kirby und ordnete ihre Bluse, die ihr aus dem Rockbund gerutscht war.
» Wegen des Tablettständers ? Dafür hab ich mich schon bedankt. «
» Ich meine die Schar heißer Feuerwehrmänner, die ich in deinen Bereich gesetzt habe. «
Kirby war gerade mal neunzehn und hatte noch rundliche Wangen mit ein bisschen Babyspeck. Seit der zehnten Klasse ging sie mit Gunnar Mott, weshalb es ihr größten Spaß bereitete, zu versuchen, mich mit jedem halbwegs gut aussehenden Typen zu verkuppeln, der
einen Job hatte und hier durch die Tür kam.
» Nein «, sagte ich bloß. » Ich bin an keinem von denen interessiert, also versuch es erst gar nicht mit deinem blöden Verkuppeln. Außerdem sind das Hotshots, keine echten Feuerwehrleute. «
» Gibt’s da einen Unterschied ? «
» Ja, einen großen. Erstens kümmern sie sich um Feuer in der Wildnis. Dazu wandern sie mit riesigen Ruck­säcken und Ausrüstung meilenweit; sie schuften sieben Tage die Woche und sind vierundzwanzig Stunden täglich im Dienst. Und sie zersägen umgestürzte Bäume und schaufeln Feuergräben. «
Kirby sah mich unbeeindruckt an.
» Sag bloß nichts zu ihnen. Im Ernst jetzt, wirklich «, warnte ich sie.
» Warum denn nicht ? Alle vier sind süß. Damit stehen deine Chancen ziemlich fantastisch. «
» Weil du echt schlecht darin bist. Dich kümmert
es nicht mal, ob sie mein Typ sind. Du verkuppelst mich bloß, damit du deine Bespaßung bei der Beobachtung ­eines fremden Dates haben kannst. Erinnerst du
dich noch daran, wie du das letzte Mal versucht hast, mich mit jemand zusammenzubringen ? Da hatte ich einen ganzen Abend lang diesen schleimigen Touri am Hals. «
» Der war so sexy «, fantasierte sie vor Gott und der Welt.
» Er war langweilig. Er hat nur von sich und dem Fitnessstudio geredet … und wieder von sich. «
Kirby ignorierte meinen Widerstand. » Du bist vierundzwanzig. Da gibt es nichts dran auszusetzen, eine Stunde langweiliger Konversation auszuhalten, um drei Stunden aufregenden Sex zu kriegen. «
» Iih, igitt, nein, hör auf. « Ich rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf, während ich mir unwillkürlich Dirty Talk vorstellte, in dem die Begriffe Wiederholungen und Protein vorkamen. Dann stellte ich Taylors Glas aufs ­Tablett.
» Falyn, du bist dran ! «, rief Chuck aus der Küche.
Ich eilte mit dem Tablett zur Durchreiche und sah das Essen für Tisch dreizehn auf dem Brett stehen, das die Bar von der Küche trennte. Die Wärmelampen wärmten meine Hände, während ich die Teller aufs Tablett stellte und damit an den entsprechenden Tisch eilte. Die Autorin und ihre Assistentin nahmen kaum Notiz davon, dass ich das Rindfleisch, den Salat mit Feta und das Clubsandwich mit Huhn servierte.
» Passt das alles so ? «, fragte ich.
Die Autorin nickte nur, während sie sich weiter unterhielt. Ich brachte die zweite Cherry Coke zu den Hot­shots, aber als ich wieder gehen wollte, packte einer von ihnen mich am Handgelenk. Ich schaute über die Schulter und funkelte den Mann wütend an.
Taylor zuckte merklich zusammen. » Ein Strohhalm ? « Außerdem lockerte er seinen Griff. » Bitte ? «, fügte er noch hinzu.
Ich zog langsam einen aus meiner Schürzentasche und gab ihn ihm. Dann wandte ich mich ab und kontrollierte nacheinander meine anderen Tische.
Don aß seinen Käsekuchen auf und hinterließ einen Zwanziger auf dem Tisch, wie er es immer tat. Die Autorin gab mir sogar das Doppelte. Die Hotshots rundeten die Summe auf ihrer Rechnung nur zum nächsten Dollar auf.
Ich musste an mich halten, sie nicht zu zerknüllen und darauf rumzutrampeln. » Scheißkerle «, murmelte ich.
Den restlichen Nachmittag über war nonstop etwas zu tun, wie eigentlich an jedem Nachmittag, seit Urban­spoon beschlossen hatte, The Bucksaw Café zu empfehlen. Ich bediente weitere Feuerwehrleute und Trupps von Hotshots, und alle hinterließen ein ordentliches Trinkgeld, wie auch die Leute an den anderen Tischen, aber ich war trotzdem noch verbittert über Taylor, Zeke, Dalton und Trex.
Einundfünfzig Cents. Ich hätte ihnen nachlaufen und das Kleingeld vor die Füße schmeißen sollen.
Die Straßenlaternen beleuchteten Passanten, die am Diner vorbei und zu der zweistöckigen Westernbar vier Häuser weiter gingen. Junge Frauen, die meisten gerade mal einundzwanzig Jahre alt, spazierten in Gruppen vorbei, mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln, in denen sie die sommerliche Abendluft genossen. Nicht dass der August hier gerade nach leichter Kleidung verlangte, aber die meisten Einheimischen warfen die Schichten ihrer Klamotten ab, sobald es über zehn Grad warm wurde.
Ich drehte das Schild an der Tür um, sodass vom Gehsteig aus Geschlossen zu lesen war. Aber ich fuhr erschrocken zurück, als ich auf der anderen Seite ganz nah ein Gesicht bemerkte. Es war Taylor, der Typ aus der Hot­shots-Truppe mit dem miesen Trinkgeld. Bevor mein Verstand mich daran hindern konnte, wurden meine Augen schmal und ich schnaubte.
Taylor hob die Hände und seine Stimme klang nur gedämpft durch das Glas. » Ich weiß, hey, tut mir leid. Ich wollte was in bar dalassen, aber wir wurden zum Einsatz gerufen, da hab ich es vergessen. Ich hätte es besser wissen und nicht während der Bereitschaft in die Stadt kommen sollen, aber das Essen im Hotel hing mir schon zum Hals raus. «
Ohne die sieben Schichten Ruß erkannte ich ihn kaum. In seinen sauberen Klamotten hätte ich ihn fast für jemand halten können, den ich attraktiv fand.
» Mach dir keine Gedanken drüber «, sagte ich und wollte in die Küche gehen.
Taylor klopfte gegen das Glas. » Hey ! Lady ! «
Betont langsam drehte ich den Kopf und sah ihn an. » Lady ? « Ich spuckte das Wort geradezu aus.
Taylor nahm die Hände runter und vergrub sie in seinen Taschen. » Mach einfach die Tür auf, damit ich dir dein Trinkgeld geben kann. Sonst habe ich ein schlechtes Gewissen. «
» Das solltest du auch haben ! « Schnaubend wandte ich mich wieder um und sah Phaedra, Chuck und Kirby, die sich allesamt zu amüsieren schienen. » Brauchst du Hilfe ? «
Alle hatten dieses anzügliche Grinsen im Gesicht, und ich rollte mit den Augen, bevor ich mich wieder Taylor zuwandte.
» Danke für die Geste, aber wir haben zu «, sagte ich.
» Dann bekommst du eben beim nächsten Mal das Doppelte. «
Ich schüttelte abwehrend den Kopf. » Wie auch immer. «
» Vielleicht könnte ich, äh … dich zum Abendessen einladen ? Das wären dann zwei Fliegen mit einer Klappe. «
» Nein, danke. «
Er lachte schnaubend. » Du tust ja gerade so, als wäre ich ein richtiger Mistkerl. Ich meine – vielleicht bin ich das ja, ein bisschen. Aber du … du … lenkst einen eben ab. «
» Ach, dann ist es also mein Fehler, dass ihr kein Trinkgeld dagelassen habt ? «, fragte ich und legte eine Hand an meine Brust.
» Tja … in gewisser Weise schon «, sagte er.
Ich sah ihn empört an. » Du bist kein Mistkerl. Du bist ein Hurensohn. «
Taylors Mund verzog sich langsam zu einem breiten Grinsen und er legte beide Handflächen an das Glas. » Jetzt musst du aber wirklich mit mir ausgehen. «
» Hau verdammt noch mal endlich ab «, sagte ich.
» Falyn ! «, rief Phaedra. » Du meine Güte ! «
Ich hatte nach oben gegriffen und das Licht draußen ausgeschaltet, sodass Taylor im Dunkeln stand. Der Wischmopp und der gelbe Eimer, den ich gerade mit heißer Lauge gefüllt hatte, als ich gestört worden war, standen noch da.
Phaedra schnalzte missbilligend mit der Zunge, dann trat sie vor die Eingangstür, schloss ab und ließ den Schlüssel in ihre Schürzentasche fallen. Chuck kehrte in die
Küche zurück, während Kirby und ich das Lokal putzten.
Kirby schüttelte den Kopf, als sie gerade unter Tisch sechs durchwischte. » Das wird dir noch leidtun ! «
» Wohl kaum. « Ich griff in meine Schürzentasche, holte einen großen Kaugummi heraus und steckte ihn mir in den Mund.
Kirby fiel die Kinnlade runter. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr leidtat oder ob sie nur keine Lust mehr hatte, mit mir zu debattieren.
Meine vertrauten alten Ohrstöpsel schmiegten sich in meine Ohren, und der Leadsänger von Hinder grölte über das Kabel, das von meinem Handy kam, während ich mit dem Mopp über den Fliesenboden fuhr. Der Holzstiel hinterließ pro Abend für gewöhnlich mindestens einen Splitter in meinen Händen, aber das war mir immer noch lieber als dreimal pro Woche verpflichtender Klavierunterricht. Und auch lieber als alle paar Stunden über meinen Aufenthaltsort Auskunft zu geben, wenn ich keinen öffentlichen Tadel riskieren wollte. Und es war bedeutend besser als ein Medizinstudium.
Mir graute vor dem Kranksein, vor dem Umgang mit kranken Menschen, Körperflüssigkeiten und Körperlichkeit in ihrer ursprünglichsten Form. Die einzigen Menschen, die ein Medizinstudium für eine gute Idee halten würden, waren meine verdammten Eltern.
In den zwei Sekunden, nachdem » The Life « verklungen war, hörte ich jemand an die Fensterscheiben an der Frontseite des Bucksaw Cafés klopfen. Ich schaute hoch und erstarrte, dann zog ich die Stöpsel aus meinen Ohren.
» Oh, Mist, Mist … Falyn «, zischte Kirby.
» Ich sehe ihn … und sie «, sagte ich und starrte auf die zierliche Blondine, die hinter dem beleibten Arzt fast verschwand.
Phaedra war sofort an der Tür, schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete. Allerdings hieß sie die beiden auf dem Gehsteig nicht willkommen. » Hallo, Dr. Fairchild. Wir haben Sie nicht erwartet. «
Er bedankte sich bei ihr und nahm seinen Cowboyhut ab, bevor er versuchte, an ihr vorbei einzutreten. » Muss nur mit Falyn reden. «
Phaedra ließ die Hand auf dem Türknauf liegen und verwehrte ihm so den Zutritt. » Sorry, William. Wie schon gesagt, wir haben nicht mit Ihnen gerechnet. «
William blinzelte und warf dann seiner Frau, die hinter ihm stand, einen Blick zu.
» Falyn «, sagte die und spähte über die breite Schulter ihres Mannes.
Sie trug ein teures graues Etuikleid und passende Schuhe. Ihre Aufmachung und sein Anzug mit Krawatte ließen vermuten, dass sie sich im Zentrum mit jemand zum Abendessen getroffen hatten.
Sie machte einen Schritt zur Seite, damit sie mich richtig sehen konnte. » Hast du Zeit, mit uns zu sprechen ? «
» Nein. « Ich machte eine große Kaugummiblase und ließ sie platzen.
Da schwang die Doppeltür auf und Chuck erschien aus der Küche, Hände und Unterarme noch nass und mit Schaum bedeckt. » Dr. Fairchild «, sagte er. » Blaire. «
Blaire war nicht begeistert. » Ebenfalls Dr. Fairchild «, sagte sie und versuchte, beiläufig zu klingen, was ihr misslang.
» Bei allem Respekt «, begann Chuck, » aber Sie können nicht unangekündigt herkommen. Ich denke, Sie wissen das. Warum rufen Sie das nächste Mal nicht vorher an ? Das würde allen weniger Stress machen. «
Blaire nahm Chuck ins Visier. Sie schien schon einen Plan auszuhecken, sodass er es noch bedauern würde, sie schwach angeredet zu haben.
» Da draußen ist ein junger Mann. Wartet der auf dich ? «, fragte William.
Ich ließ den Mopp fallen, eilte an Phaedra und meinen Eltern vorbei und sah Taylor mit den Händen in den Hosentaschen an der Hausecke lehnen, direkt neben der Fensterfront.
» Was tust du denn immer noch hier ? «, fragte ich.
Taylor richtete sich auf und wollte eben den Mund öffnen, um etwas zu sagen.
Da deutete William auf ihn. » Ist das einer von diesen verdammten Dreckskerlen vom Landmanagement ? «
Die Röte von Williams Wangen und der plötzliche Glanz in seinen Augen erfüllten mich augenblicklich mit einer Befriedigung, die nur echte Bosheit erzeugt.
Taylor machte ein paar Schritte in unsere Richtung, schien aber von Williams Wut völlig ungerührt. » Das muss dein Dad sein. «
Ich kaute wortlos weiter und ärgerte mich über die unerwartete Vorstellung.
Blaire wandte angewidert den Blick ab. » Also wirklich, Falyn, du siehst aus wie eine wiederkäuende Kuh. «
Eine große Blase zu machen und sie platzen zu lassen, das war die einzige Reaktion, zu der ich fähig war.
Taylor streckte selbstbewusst die Hand aus. » Taylor Maddox, Sir. Von den US-Forest-Service-Dreckskerlen. «
Der Hotshot hob das Kinn und dachte wahrscheinlich, damit würde er das Riesenarschloch vor ihm beeindrucken.
Doch William verlagerte nur sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und kochte. » Ein Rumtreiber. Gerade als ich dachte, du könntest gar nicht tiefer sinken. Mein Gott, Falyn. «
Taylor zog seine Hand zurück und schob sie wieder in die Tasche seiner Jeans. Seine Kiefer mahlten, während er sichtlich gegen das Verlangen ankämpfte, etwas darauf zu erwidern.
» Bill «, mahnte Blaire und blickte um sich, ob sonst noch jemand in Hörweite war. » Das ist weder die rechte Zeit noch der rechte Ort. «
» Ich bevorzuge die Bezeichnung saisonale Kraft «, sagte Taylor. » Ich gehöre zur Alpine Hotshot Crew, die oben in Estes Park stationiert ist. «
Seine breiten Schultern hoben sich, als er die Fäuste noch tiefer in die Taschen schob. Ich bekam das Gefühl, er machte das, um sie daran zu hindern, Bekanntschaft mit Williams Kinn zu machen.
Taylors Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit meines Vaters auf seine Arme. » Hotshot Crew, was ? Und nebenbei Kritzelblock, wie es aussieht. «
Taylor schaute kichernd auf seinen rechten Arm ­hinunter. » Mein Bruder ist Tattookünstler. «
» Du hast doch nicht etwa ein Date mit diesem Tauge­nichts, oder ? « Wie üblich war die Frage meines Vaters eher die Forderung einer Antwort.
Taylor sah mich an, und ich grinste.
» Nein «, sagte ich. » Wir lieben uns. « Ich schlenderte zu Taylor, der ebenso überrascht schien wie mein Vater, und drückte ihm einen leichten Kuss auf den Mundwinkel. » Meine Schicht ist um acht zu Ende. Bis nachher. «
Taylor lächelte, legte einen Arm um meine Taille und zog mich an sich. » Alles, was du willst, Baby. «
William schnaubte, aber Blaire berührte sanft seine Brust, wohl um ihm zu bedeuten, er solle schweigen.
» Falyn, wir müssen uns unterhalten «, sagte sie dann und ihr Blick glitt über jedes einzelne von Taylors Tattoos und über jedes ausgefranste Loch seiner Jeans.
» Wir haben uns schon unterhalten «, sagte ich und fühlte mich in Taylors Arm sicher. » Sollte ich euch noch irgendwas zu sagen haben, rufe ich an. «
» Du hast seit Monaten nicht mit uns gesprochen. Es ist an der Zeit dafür «, sagte sie.
» Warum ? «, fragte ich. » Es hat sich nichts geändert. «
Blaires Blick glitt von meinem Gesicht meinen Körper hinunter und wieder rauf. » Eine ganze Menge hat sich geändert. Du siehst schrecklich aus. «
Taylor hielt mich ein Stück von sich weg, musterte mich und zeigte dann deutlich, dass er anderer Meinung war.
Blaire seufzte. » Wir haben dir Freiraum gegeben und Zeit, um das mit dir allein auszumachen, aber was genug ist, ist genug. Du musst nach Hause kommen. «
» Und sein bevorstehender Wahlkampf hat nichts damit zu tun ? « Ich deutete mit dem Kopf auf meinen Vater, der sich gekränkt aufplusterte.
Dass er es überhaupt wagte, beleidigt zu tun, hätte mich fast aus der Fassung gebracht.
Ich schnitt eine Grimasse. » Ihr sollt beide gehen. Jetzt. «
William drehte sich zu mir und machte eine bedrohliche Bewegung nach vorn. Neben mir richtete Taylor sich ein Stück weiter auf, anscheinend bereit, mich wenn nötig zu verteidigen. Chuck hatte meinen Eltern schon früher die Stirn geboten, aber jetzt so neben Taylor zu stehen, das war anders. Er kannte mich kaum, aber er war da und stand in Beschützerpose vor mir. Er sah meinen Vater finster an, als warne er ihn, noch einen Schritt weiterzugehen. So sicher hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
» Gute Nacht, Docs «, sagte Phaedra mit ihrem weichen Südstaatenakzent.
Taylor nahm meine Hand und führte mich an meinen Eltern vorbei zurück ins Lokal.
Phaedra schlug meinem Vater die Tür vor der Nase zu und schloss entschieden ab, während Blaire ihr zusah. Nachdem Phaedra ihnen den Rücken zugewandt hatte, setzten meine Eltern ihren Weg fort.
Chuck verschränkte die Arme und sah Taylor an.
Der schaute auf mich herab, obwohl ich immerhin eins achtzig groß war. » Das hast du nur gemacht, um deine
Eltern zu ärgern, was ? «
Ich strich meine Schürze glatt und begegnete dann seinem Blick. » Genau. «
» Möchtest du trotzdem, dass ich dich um acht abhole ? «, fragte Taylor. » Oder war das nur Show ? «
Ich warf einen flüchtigen Blick zu Kirby, die voll und ganz zufrieden mit der Situation dreinblickte.
» Das ist nicht nötig «, sagte ich.
» Ach, komm «, Taylor ließ seine Zähne aufblitzen und auf seiner linken Wange wurde ein tiefes Grübchen sichtbar, » ich habe mitgespielt. Das Wenigste, was du tun kannst, um dich zu revanchieren, ist, dich von mir zum Abendessen einladen lassen. «
Ich blies mir den Pony aus den Augen. » Na schön. Morgen. « Ich nahm meine Schürze ab und ließ ihn stehen.
» Hat sie gerade Ja gesagt ? «, fragte Taylor.
Chuck kicherte. » Frag lieber nicht noch mal nach, Junge. Sie hat schon eine Weile zu keinem mehr Ja gesagt. «
Ich joggte die Stufen zu meinem Apartment über dem Café hoch und hörte die Eingangstür wieder ins Schloss fallen, nachdem jemand Taylor hinausgelassen hatte. Nach nur ein paar Schritten trat ich ans Fenster, das zur Tejon Street hinausging, und sah Taylor zu seinem Pick-up-Truck auf dem Parkplatz gehen.
Ein langer Seufzer kam mir über die Lippen. Er war so süß und charmant, und er gehörte zur Hotshot Crew. Ich war schon Teil einer Statistik. Ich würde nicht zulassen, dass er mich zum Bestandteil einer weiteren machte. Ein Abendessen würde mir nicht schwerfallen, und irgendwie schuldete ich ihm das, nachdem er mitgespielt hatte, als ich meine Eltern vor den Kopf stieß.
Ich war ziemlich geübt darin, Schluss zu machen. Ein Abendessen, dann wären wir quitt.


Kapitel 2


Meine Finger flatterten unter dem kalten Wasserstrahl der Dusche. Die Leitungen sangen ein trauriges Lied und erzitterten unter den dünnen, weißen Wänden meines idyllischen Zwei-Zimmer-Apartments über dem Bucksaw Café. Es schien ewig zu dauern, bis heißes Wasser kam.
Die Teppiche waren abgenutzt und es roch nach Fett und Muffigkeit, wenn nicht gerade eine Duftkerze brannte, aber für zweihundert Dollar im Monat war es meins. Im Vergleich zu anderen Wohnungen in Springs war das praktisch geschenkt.
Überschüssige Dekoration aus Phaedras eklektischer Sammlung hing an den Wänden. Ich war mit nichts als den Kleidern, die ich damals anhatte, und meiner Louis-Vuitton-Handtasche von zu Hause aufgebrochen. Und selbst wenn ich ein paar meiner Sachen hätte mitnehmen wollen, hätte mein Vater es nicht erlaubt.
Dr. William Fairchild war im Krankenhaus und zu Hause gefürchtet, aber nicht weil er ausfallend oder cholerisch war – Letzteres war er in der Tat. William war ein im Staate Colorado berühmter Kardiologe und verheiratet mit Dr. Blaire Fairchild, die eine der besten Herz-Lungen-Chirurgen Nordamerikas und außerdem noch meine Mutter war – sowie nach Aussage einiger Krankenschwestern die Königin der Zicken des Universums.
Meine Eltern waren wie füreinander geschaffen. Der einzige Mensch, der nicht in unsere Familie passte, war ich, und ich war ein ständiger Quell der Enttäuschung für sie beide.
Im letzten Jahr an der Highschool lernte ich meinen liebsten Freund kennen, meinen heimlichen Tröster, das Versprechen auf einen stressfreien, guten Zeitvertreib – billiges Bier. Je zwanghafter und berühmter meine Eltern wurden, desto größer wurde meine Einsamkeit und Scham – ohne dass sie etwas davon mitbekommen hätten.
Das Wasser begann, warm zu werden, und meine Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück.
» Endlich «, sagte ich vor mich hin.
Der Knopf meiner Jeans ließ sich leicht öffnen, denn das Knopfloch war schon ein wenig ausgeleiert. Ich öffnete den Reißverschluss, als mir zwischen den Millionen Gedanken, die in meinem Kopf kreisten, einfiel, dass ich einen wichtigen Teil meiner abendlichen Routine vergessen hatte. Ich fluchte laut und lief zum Schrank in meinem Schlafzimmer. Ich holte eine Schachtel für Schuhe in Größe 9 unten heraus und trug sie in die Küche, wo ich sie neben meine Schürze auf die Arbeitsplatte legte.
Ein kleiner Stapel Zwanziger und ein paar kleinere Scheine lugten aus der Schürze, die ordentlich gefaltet auf dem rosa-grau gemusterten Resopal lag. Ich nahm den Deckel von der Schachtel, in der Briefe, Bilder und Bargeld der letzten fünf Jahre und keine Adidas-Turnschuhe lagen. Sorgsam legte ich die Hälfte meines Trinkgelds
hinein, dann versteckte ich den Karton wieder im dunkelsten Winkel meines Schranks.
Danach kehrte ich in die Küche zurück, um das restliche Geld in ein einfaches schwarzes Portemonnaie zu stecken, das ich mir in einem Billigladen gekauft hatte, kurz nachdem ich die Louis-Vuitton-Tasche online verkauft hatte. Einhundertelf Dollar insgesamt. Damit würde ich am Ende meiner Schicht am kommenden Tag die Miete beisammenhaben. Bei dem Gedanken musste ich lächeln und warf den Geldbeutel auf dem Weg zurück ins Bad auf die Arbeitsplatte.
Mein T-Shirt klebte mir vom Schweiß des Tages am Körper. Ich schälte mich heraus und schleuderte die schäbigen hohen weißen Converse von den Füßen. Schließlich schlüpfte ich noch aus meiner Skinny-Jeans und warf sie in die Ecke.
Der große Haufen Schmutzwäsche machte mich glücklich, weil ich wusste, dass es ihn in meinem früheren Leben nie gegeben hätte. In einem Haus voller Personal – der Haushälterin Vanda und den drei Dienstmädchen ­Cicely, Maria und Ann – hätte übersehene Schmutz­wäsche am Ende des Tages die Kündigung für jemand bedeutet. Mein Bett war in dem Moment gemacht worden, in dem ich daraus aufstand, und meine Kleider waren von einem Tag auf den anderen gewaschen, gebügelt und aufgeräumt worden.
Ich ließ meinen Slip zu Boden fallen und zog mir die Socken von den Füßen. Dann trat ich unter den dampfend heißen ungleichmäßigen Wasserstrahl. Zwischendurch wurde das Wasser plötzlich eiskalt, dann kochend heiß, bevor es schließlich wieder die normale Temperatur annahm. Aber das machte mir nichts aus.
Der Mülleimer war voll, mit der Wäsche lag ich eine Woche im Rückstand, und in der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr. Und später würde ich mich schlafen legen, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Keiner da, um mich anzuschreien, sich über die Unordnung aufzuregen oder über meine Blusen, die nicht im Hosenbund steckten, oder meine ungekämmten Haare. Hier musste ich nicht perfekt sein. Ich musste nirgendwo mehr perfekt sein. Ich musste für niemand außer mich selbst existieren und atmen.
Die gelbe Tapete im Bad löste sich von jahrelangem Dampf, der den Raum erfüllte. Die Farbe an den Wänden im Wohnzimmer war gesprungen und abgeblättert. An der Decke meines Schlafzimmers gab es in der Ecke
einen großen Wasserfleck, der jedes Jahr größer zu werden schien. Der Teppich war abgetreten, die Möbel waren
älter als ich, aber es gehörte alles mir, frei von Erinnerungen und Verpflichtungen.
Nachdem ich mir den Dreck und den Schweiß abgeschrubbt hatte, kletterte ich aus der Wanne und wickelte mich in ein flauschiges gelbes Handtuch. Dann begann ich mit meiner Abendroutine – putzte mir die Zähne und cremte mich ein. Ich schlüpfte in ein Nachthemd und sah mir genau sechs Minuten lang die Nachrichten an. Das genügte, um den Wetterbericht zu hören. Dann kroch ich in mein Doppelbett und las vor dem Einschlafen irgendetwas total Trashiges.
Die Frühstücksschicht im Bucksaw würde in zehn Stunden beginnen, und dann würde ich meinen Tag verbringen wie jeden anderen, ausgenommen die Sonntage und hin und wieder ein Samstag, wenn Phaedra darauf pochte, dass ich mir etwas anderes suchte. Der kommende Tag würde jedoch anders werden. Ich würde ein Abendessen mit diesem Typen überstehen müssen, mir wahrscheinlich anhören müssen, wie cool Äxte und Tattoos waren, und gerade zickig genug sein, dass er mich in Frieden ließ, bevor er sich auf den Rückweg nach Estes Park machte.
Ein Klopfen an der Tür irritierte mich, und ich stützte mich auf die Ellbogen, während ich mich im Zimmer umsah, als würde mir das helfen, besser zu hören.
» Falyn ! «, sagte Kirby auf der anderen Seite der Tür. » Gunnar verspätet sich ! Lass mich rein ! «
Stöhnend krabbelte ich von der mitgenommenen Matratze herunter und ging durch das Wohnzimmer zur Wohnungstür. Ich hatte den Riegel kaum geöffnet, als Kirby auch schon die Tür aufstieß, immer noch in ihrer Schürze und mit einem halb vollen Becher Limo zum Mitnehmen in der Hand.
» Ist es möglich, alles an jemand zu lieben, bis auf alles, was er so an sich hat ? «, knurrte sie, knallte die Tür hinter sich zu und verfehlte nur knapp mein Gesicht. Sie nippte an ihrem Getränk und lehnte sich an das Erstbeste neben der Tür, die Seite meines Kühlschranks. » Das ist schon das zweite Mal in dieser Woche, dass er zu spät kommt. «
» Vielleicht solltest du aufhören, ihm dein Auto zu leihen «, sagte ich.
» Sein Truck ist in der Werkstatt – mal wieder. « Kirbys Blick glitt über mein violettes Baumwollnachthemd und sie lachte schnaubend. » Was für ein sexy Nachthemd du anhast, Grandma. «
» Halt die Klappe «, sagte ich und trat vor den großen Spiegel an der Wand. Eigentlich war es ein T-Shirt in Übergröße. Und es hatte überhaupt nichts Omahaftes.
Ich tappte über den abgetretenen Teppich und bot Kirby an, sich zu setzen. Ich nahm eine Strähne meiner noch feuchten Haare in die Hand und zwirbelte die Enden gedankenverloren auf. Mein Haar war meine Tarnung. In weichen Wellen fiel es mir über die Schultern, lang genug, um meine Brüste zu bedecken, sollte ich jemals ohne Kleider in einer Lagune stranden.
Außerdem konnte ich damit meine Hände beschäftigen, wann immer ich nervös war oder mich langweilte.
Außerdem war es auch eine gute Tarnung. Ich musste nur das Kinn ein Stückchen senken, schon fiel ein dunkelblonder Vorhang zwischen mich und den unerwünschten Blick.
Ob ein Mann zuerst meine Haare oder meine Augen
erwähnte, hing vom Zufall ab. Meine Augen standen nicht so dicht beieinander wie Kirbys, aber sie besaßen
die gleiche Mandelform, nur waren sie leicht verschleiert. Ich konnte mir so viele Schminkanleitungen auf YouTube ansehen, wie ich wollte, Eyeliner war und blieb eine Zeitverschwendung. Make-up im Allgemeinen war eine Zeitverschwendung, weil ich diese Kunst nie erlernt hatte, aber aus irgendeinem Grund war die Form meiner Augen und ihr strahlendes Grün etwas, das meine Stammgäste häufig ansprachen. Allerdings nur ein bisschen häufiger als die Sommersprossen auf meiner Nase.
Kirby machte es sich auf meinem Sofa gemütlich und lehnte sich in die Kissen zurück. » Ich liebe dieses alte Ding, wahrscheinlich ist es älter als ich. «
» Älter als wir beide zusammen «, sagte ich.
Die Wohnung war bis auf das Bett komplett möbliert gewesen. Ich hatte viele Nächte lang auf diesem Sofa geschlafen, bis ich genug gespart hatte, um mir ein Bett­gestell und die Matratze leisten zu können. Ein Kopfteil am Bett erschien mir unnötig. Mein Trinkgeld gab ich nur für das Allernötigste aus.
Ich setzte mich auf den kratzigen, orangefarbenen Drehstuhl neben dem Sofa und sah Kirby finster an
ihrem Strohhalm saugen.
Dann drehte sie ihr Handgelenk, um auf die elegante Uhr mit dem schwarzen Lederarmband zu schauen, und stieß einen dramatischen Seufzer aus. » Ich hasse ihn. «
» Tust du nicht. «
» Ich hasse es zu warten. Und ich habe das Gefühl, es ist der Inbegriff meiner Beziehung zu Gunnar – Warten. «
» Er betet dich an. Er besucht all diese Kurse, um ­einen guten Job zu kriegen, damit er dir alles bieten kann, was du willst, sobald du seine Frau bist. Es könnte echt schlimmer sein. «
» Da hast du recht. Er ist auch der schärfste Typ in der Stadt – abgesehen von deinem neuen Spielzeug. Wirst du dich von ihm wirklich zum Abendessen einladen lassen ? «
» Ein Gratis-Abendessen ? Na klar. «
» Du kannst unten auch gratis essen «, erwiderte Kirby trocken, und der kleine Diamantstecker in ihrer Nase glitzerte.
Kirbys niedliche Nase passte zum Rest ihrer zierlichen Erscheinung von gut einem Meter sechzig. Sie besaß die Figur eines Cheerleaders und lächelte wie Miss America. Sie hätte Model oder Schauspielerin sein können, stattdessen kellnerte sie hier in Springs.
» Warum bist du immer noch hier ? «, fragte ich und überging ihr Argument.
Sie verzog das Gesicht. » Meine Güte, Falyn, tut mir leid. Dann warte ich eben unten. «
Ich streckte die Hand nach ihr aus, als sie aufstand, um zu gehen. » Nein, Dummerchen ! «
Ich zog sie wieder auf die Couch und sie blieb mit finsterer Miene sitzen.
» Ich meine doch, warum du nicht schon längst die Stadt verlassen hast. «
Ihre Züge entspannten sich. » Mir gefällt’s hier «, meinte sie achselzuckend. » Und Gunnar ist noch in der Ausbildung. Seine Eltern übernehmen die Kosten, solange er noch zu Hause wohnt und auf der Ranch hilft. «
» Will er sich immer noch für das Arztassistent-Studium in Denver bewerben ? «
» Deshalb bleibt er so nah bei Zuhause. Bereitet sich für die Aufnahmeprüfung an der University of Colorado in Colorado Springs vor, damit er dann superleicht an die University of Colorado Denver wechseln kann. «
» Du meinst wohl, er bleibt nah bei dir. «
» Nur um Geld zu sparen. Dann werden wir nach Denver ziehen. Hoffentlich finde ich da was, das genauso
flexibel ist wie dieser Job hier, dann kann ich arbeiten, während er studiert. «
» Ich wette, das schaffst du. Denver ist … tja, Denver eben. Da wirst du Möglichkeiten haben. «
Ihre Augen weiteten sich hoffnungsvoll. » Wo warst du denn ? Doch nicht hier in der Gegend. «
Ich merkte, wie mein Gesicht unwillkürlich einen verschlossenen Ausdruck annahm. » Ich hab die vormedizinische Ausbildung in Dartmouth gemacht. Das war jedenfalls die angedachte Richtung. «
» Hat’s dir nicht gefallen ? «
» Es war ein tolles Jahr. «
» Nur ein Jahr ? Du tust, als wäre das schon ein Lebensalter her. «
» Nur eins. Und ja, so fühlt es sich an. «
Kirby spielte am Rand ihres To-go-Bechers herum. » Wie lange bist du jetzt schon weg ? Zwei Jahre ? «
» Vier. «
» Jetzt arbeite ich schon das ganze Jahr über mit dir, aber du hast nie darüber gesprochen. Es hat was mit deinen Eltern zu tun, oder ? «
Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. » Mich wundert, dass du erst jetzt danach fragst. «
» Bis ich das Gefühl hatte, wir würden uns gut genug kennen, sodass ich das Thema anschneiden könnte, fürchtete ich mich davor, was du sagen würdest. «
» Da gibt es nichts zu sagen. «
» Sagst du das nur, damit ich mich besser fühle ? «, fragte sie. » Weil, wenn dir da etwas zugestoßen ist, kannst du es mir erzählen. Du weißt, ich würde es keinem weitererzählen, nicht mal Gunnar. « Ihr perfektes Gesicht sah sogar noch hübscher aus, wenn sie traurig war. Ihre Unterlippe wirkte noch voller, wenn sie ein wenig schmollte.
» Nichts ist mir in Dartmouth zugestoßen. Ich habe dir doch gesagt, dass es mir da gefallen hat, aber die Begleichung meiner Studiengebühren war an Bedingungen geknüpft, die ich nicht mehr akzeptieren konnte. «
» Oh «, sagte sie ein wenig erleichtert. » Deine Eltern. «
» Ja, genau. «
Es klopfte.
Kirby rief so laut, dass ich zusammenzuckte: » Komm rein ! «
Der Türknauf drehte sich und herein kam ein Mammut von einem Mann-Kind mit dem süßesten Babyface und mehr Muskeln, als unter seinem T-Shirt Platz fanden. Mit einer schnellen Bewegung drehte er seine Trucker-Kappe nach hinten und karamellbraune Locken quollen widerspenstig in alle Richtungen unter dem schwarzen Netzstoff hervor. Schnell setzte er sich neben Kirby aufs Sofa. » Verdammt, Baby, tut mir leid. Verdammter Abendkurs und verdammter Verkehr. «
Sie beugte sich mit ungerührtem Gesicht zu ihm und ließ ihn ihre Wange küssen. Dann klimperte sie mit ihren langen Wimpern.
Sie konnte niemand etwas vormachen. Längst war ihm verziehen.
Er schielte zu mir rüber. » Entschuldige meinen Ton. «
Ich winkte ab. » Hier gibt’s keine Regeln. « Grinsend ließ ich die Augen durch mein Apartment gleiten. » Das ist ein Teil des Charmes. «
» Wie war die Arbeit ? «, fragte Gunnar und sah zwischen mir und Kirby hin und her. Seine Zunge stieß beim Sprechen ein bisschen an, sodass er ein ganz klein wenig lispelte, was ich absolut unwiderstehlich fand.
Gunnar war von Natur aus höflich und besonnen, aber wenn ich mit ihm und Kirby zusammen ausging, hielt sein warnender finsterer Blick jede unerwünschte männliche Aufmerksamkeit fern. Bei vielen Gelegenheiten hatte Kirby schon erwähnt, wie es sich anfühlte, im Mittelpunkt der liebevollen Aufmerksamkeit eines
Superhelden zu stehen und sich nie fürchten oder Sorgen machen zu müssen, weil Gunnar immer alles
im Griff hatte. Obwohl er seine Freizeit im Fitnessstudio verbrachte, wenn er nicht lernte oder mit Kirby zusammen war, hatte Gunnar nicht die Figur eines Body­builders. Aber er war groß und muskulös genug, um einschüchternd zu wirken. Sein einziger Fehler war, dass er zu nett war und immer versuchte, für alle da zu sein, sodass er oft zu spät kam und zu viel um die ­Ohren hatte.
Kirby atmete tief aus und streckte ihre Beine über den Schoß ihres Freunds. » Wundervoll. Und Falyn hat ein Date. «
Gunnar sah mich an und wartete auf meine Bestätigung.
Ich zuckte mit den Schultern. » Meine Eltern sind aufgekreuzt. Sie waren da, als er mich gefragt hat. Ich musste also quasi zusagen. «
Er schüttelte lächelnd den Kopf, weil er schon wusste, worauf das hinauslief. » Armer Kerl. «
» Er weiß Bescheid «, sagte Kirby.
» Oh, na dann ist er verdammt noch mal selber schuld «, sagte er.
Ich griff nach einem Sofakissen, das in meinem Rücken lag und drückte es an meine Brust. » Es ist doch nur ein Abendessen und nicht so, als würde ich ihm das Herz brechen. «
» Das habe ich auch gesagt, als Kirby mich um unsere erste Verabredung gebeten hat «, sagte er und lachte glucksend.
Kirby riss mir das Kissen aus den Armen und schlug es auf Gunnars Kopf. » Hör auf, das überall rumzuerzählen ! Die Leute glauben sonst, dass es stimmt ! «
Gunnar grinste immer noch, als er das Kissen vom Boden aufhob und es zu ihr zurückwarf. » Vielleicht möchte ich ja, dass du es auch glaubst. Bei der Version wirkt es wenigstens nicht so, als wäre ich schon immer hinter dir her gewesen. «
Kirby schmolz dahin.
Mühelos zog Gunnar sie auf seinen Schoß und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Dann stand er auf, hob sie mit hoch und stellte sie auf ihre Füße.
» Ich bin froh, dass ihr geht «, sagte ich mit gespieltem Ernst, » von Rumgeknutsche in der Öffentlichkeit wird mir schlecht. «
Kirby streckte mir die Zunge raus und ließ sich von Gunnar an der Hand zur Tür führen. Dort blieben beide stehen.
» Viel Glück morgen «, sagte er.
Kirby verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Grinsen. » Der Typ ist derjenige, der Glück braucht. «
» Raus hier «, sagte ich.
Ich streckte den Arm nach dem Kissen aus und schleuderte es in Richtung Tür. Im selben Moment zog Gunnar Kirby nach draußen und schloss die Tür hinter ihnen. Das Kissen prallte von dem alten Holz ab und landete auf dem hellbraunen Teppich davor.
Mein Körper fühlte sich schwer an, als ich mich aus dem Sessel hochdrückte und zum Bett tappte. Die
Decken waren bereits zurückgeschlagen, weil ich ja schon gelegen hatte. Ich setzte mich, zog die Beine nach und die Decke bis ans Kinn, bevor ich mich in die Leere, die mich umgab, kuschelte.
Ich holte tief Luft und atmete meine Freiheit nach ganzen fünf Jahren, in denen ich mit meinem Kummer und meinen Schuldgefühlen gerungen hatte. Ich hatte meine Eltern wohl eine Entscheidung zu viel für mich treffen lassen, aber gegen jede Vernunft und allen Ängsten zum Trotz hatte ich mich befreit. Obwohl meine
Eltern gelegentlich vorbeikamen, konnten sie mich nicht mehr verletzen.
Meine Augenlider wurden schwer und ich blinzelte ein paarmal, bevor ich in einen Schlaf ohne Albträume von grellen Lichtern, weißen Wänden und Fremden, die mich packten, oder ferne Schreie fiel. Einen Monat nachdem ich in meine winzige Wohnung gezogen war, hatten sie aufgehört. Jetzt stellte ich mir höchstens Omeletts und Käsekuchen und Sonnentee vor, dazu Chucks Schimpfworte am Ofen und Phaedras Beharren auf Sitzplätze für Stammgäste. Sobald die erstickenden unmöglichen Erwartungen weg waren, stellte sich Normalität ein.
Ich holte tief Luft und atmete aus, träumte aber nicht vom Bucksaw.
Ich träumte von Taylor.

Krimis von Susanne Mischke

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