Teaser zu »Stirb mit mir«
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Freitag, 20. Dezember 2013 von Ruth Dugdall


Teaser zu »Stirb mit mir«

Er hatte schon so viele Frauen kennengelernt, die meisten davon per E-Mail. Die Liebe zu finden, ist nie einfach. Doch dann traf David auf Alice.

Bei ihrem zweiten Date fuhren sie zum Strand. Schon nach kurzer Zeit rötete sich seine helle Haut, und er hatte Sand zwischen den Zehen, doch das störte ihn nicht. Wie sollte es auch, da doch Alice neben ihm auf dem sanft gewellten, goldglänzenden Sand lag? Der frische Seetang, der sie umgab, krönte ihr blondes Haar, die Muscheln boten sich als Armbänder an, der blaue Himmel war ihr Baldachin. An diesem Tag drehte sich für ihn alles um Alice – allein ihre Präsenz sorgte dafür, dass er sich glücklich und gesegnet fühlte. Ihre Schönheit war berauschend.„Alles ist so perfekt“, sagte sie, während sie sich die Augen mit der Hand beschattete und sich zu ihm umdrehte. „Das hätte ich nie gedacht.“ Sie blickte wieder nach vorn.

Auch er hatte bisher nicht gewusst, dass ein so überschäumendes und beglückendes Gefühl einen Moment wie diesen perfekt erscheinen lassen konnte.
Sie war da. Sie gehörte ihm. Dann und wann zog eine Wolke über die weißglühende Sonne, war wie eine wohltuende kühle Hand. Auch die Sonne liebte Alice. Sie schien nur für sie und schenkte ihr Diamanten, indem sie das Meer glitzern ließ.
David spürte, wie gestärkt sein dünner, kranker Körper plötzlich schien. Es ging ihm wieder besser, er fühlte sich gesund, heil. Er griff nach ihrer Hand, strich über ihre Finger, die gefeilten Nägel, den glatten, blass-rosa Nagellack.
„Ich liebe dich“, sagte er.
Die Schultern immer noch nach vorn gerichtet, wandte sie den Kopf zu ihm um. Für einen Moment wirkte ihr Blick alarmiert, doch dann zogen sich ihre Mundwinkel nach oben, und sie begann zu lachen. Das Sonnenlicht blendete ihn. Er hob den Arm, um seine Augen zu schützen, und betrachtete ihr Gesicht: die mandelförmigen Augen, die feine Nase, den lachenden Mund. Er küsste sie, brachte sie mit seiner Zunge zum Schweigen, spürte ihre Zunge, die forschend vordrang. Ihr Kuss war tief wie das Meer, ein seliges Versinken.

Am Abend, als es kühler wurde, verabschiedeten sie sich. Er sah ihrem davonfahrenden Zug nach. Als er wieder im Bungalow seines Vaters war, bemerkte er, dass er einen Sonnenbrand hatte. Seine rote, gereizte Haut würde sich schuppen und schälen. Die brennende Sonne war zu viel für ihn gewesen. 
Ohne Alice würde es einer jener Abende, an dem die Welt sich abzuwenden und den kleinen Fleck, auf dem er sich befand, zu vergessen schien. Dieses Gefühl hatte er oft, insbesondere seit er in dem Bungalow seines Vaters wohnte, und niemand in der Nähe war, den er anrufen konnte. Er saß da, umgeben von den Dingen, die sein Vater gehortet hatte, in einem Sessel mit ausgeleierten Sprungfedern und abgewetzten Armstützen, und fragte sich, was er in den zwölf Stunden und vierzig Minuten bis zum Beginn seiner Arbeit am nächsten Tag tun sollte. Der Schlaf würde nur wenige Stunden füllen, er war schon immer ein unzuverlässiger Begleiter gewesen und seit der Diagnose noch launischer geworden. Mit einem Seufzer schaltete er den Fernseher seines Vaters ein, der ihm die Wahl zwischen fünf Sendern bot. Es kam der übliche Müll. David ließ den Fernseher laufen und ging in die Küche, um Tee zu kochen.
Es waren nur noch ein paar Tropfen Milch übrig, und der Tee war irgendein billiges Zeug. All diese Dinge musste er in den Griff bekommen, falls er den Bungalow je zu seinem Zuhause machen wollte. Doch ihm fehlte die Kraft. Welchen Sinn hatte es, noch irgendetwas auszusuchen, zu besorgen oder überhaupt in etwas zu investieren, das die Zukunft betraf?
Der Tee hatte die Farbe von Backsteinen angenommen. David kehrte mit der Tasse zum Sessel zurück und zappte sich durch die Sender. Die Gameshow auf dem einen war ihm zu grell, und auf dem nächsten kam die Seifenoper, die seine Mutter so geliebt hatte. Nein, die konnte er nicht sehen. Zu guter Letzt landete er bei einer Reportage, erkannte einen Bahnhof, hörte einen ausländischen Kommentar.
Obwohl er kein Deutsch konnte, stellte David den Ton lauter, war von den gutturalen Lauten und der fremden Sprachmelodie fasziniert, auch von der Landschaft. Jetzt sah man eine Stadt, dann ein Haus. Groß, dunkel und hässlich. Er stellte die Teetasse auf den Teppich und beugte sich vor, um die englischen Untertitel besser lesen zu können. Seine schwachen Augen brauchten eine Weile, um die Sätze zu erfassen, die unten über den Bildschirm liefen. Doch langsam erschloss sich ihm der Sinn.
David spürte die Last der eigenen Sterblichkeit und beugte sich noch weiter vor. Vor ihm entfaltete sich die Geschichte des Kannibalen Meiwes und seines Geliebten. Es ging um die Entscheidung, die diese beiden Männer getroffen hatten – einer von ihnen als williges Opfer. Als der Abspann über den Bildschirm lief, war David weit, weit weg im Reich der Fantasie. Wie im Traum sah er Alice am Strand, bezaubernd und schön, seine neue Liebe.
Was wäre, wenn er sie bitten würde, ihm sterben zu helfen? Was wäre, wenn er ihr Opfer sein würde?


Stirb mit mir

Roman

„Mann sucht schöne Frau für seine letzte Reise: Wirst du mir helfen zu sterben?“ Alice Mariani hat auf das Gesuch geantwortet – und ihr Versprechen eingelöst. Jetzt ist sie als Mörderin angeklagt, und die Gerichtsgutachterin Cate Austin soll das Strafmaß vorgeben. Die attraktive Angeklagte empfindet jedoch keine Reue, denn Smith wollte sterben. Cate fragt sich allerdings, warum Alice ihm dabei so bereitwillig geholfen hat.
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Eins

Auf diesem Bahnhof hielten die Züge zum letzten Mal. Hier war Endstation.

Kurz nach neun Uhr abends wartete ich auf die Einfahrt des letzten Zuges. Der Wind frischte auf. Ich zog meine Jacke enger um mich und stellte den Kragen auf. Ich war allein auf dem Bahnsteig, der im Grunde nur ein lang gezogener Unterstand war. Es gab kein Café, nicht einmal einen Automaten mit Süßigkeiten, nur eine Bank und einen Fahrplan unter einer gesprungenen Scheibe aus Plexiglas, die an die Mauer aus bröckelndem Ziegelstein geschraubt war. Ich stand an der Bahnsteigkante, sah nach unten, und wie es Menschen auf Bahnsteigen mitunter ergeht, musste ich mich gegen den Drang zu springen wehren. Auf den Gleisen lagen weggeworfene Getränkedosen und leere Hüllen aus Zellophan – der Abfall all jener, die hier vor mir auf Züge gewartet hatten. Wie eine Schauspielerin am Rand einer unbeleuchteten Bühne stand ich voller Anspannung da, denn bald würden sich die Zuschauer einfinden. Der Wind steigerte sich zu Böen. Ich drehte das Gesicht von ihm fort und spähte an den Gleisen entlang in den dunklen Tunnel hinein. Zuerst würden die Lichter kommen, dann das Geratter. Dann er.

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Sieben Minuten nach neun. Noch acht Minuten. Nicht mehr lange. Zu lange. Ich stampfte mit den Füßen, war vor Nervosität ganz kribbelig, ballte die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten und löste sie wieder. Beim Gedanken an das, was mich erwartete, durchfuhr mich auch innerlich Kälte. Ich wusste nicht, wie er aussah. Ich hatte zwar ein Bild von ihm, aber wie oft verwenden die Menschen schon ein Foto von sich, das die Wahrheit verrät? Da ich attraktiv war, musste ich keine schmeichelhafte Version von mir präsentieren, und trotzdem war das Foto, das ich ihm geschickt hatte, eine Lüge: Mein Haar wirkte im Sonnenschein zu hell, das Licht glättete meine Gesichtszüge, ich lächelte jemandem außerhalb des Bildes zu. Ich machte einen unbeschwerten Eindruck. Im Nachhinein bereute ich es, ihm dieses Foto geschickt zu haben, und dachte, ich hätte ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angelockt. Ich sorgte mich, dass er enttäuscht sein würde, wenn er feststellte, dass ich nicht so frohgemut war, wie es auf dem Foto den Anschein hatte. Das ist einer der Vorteile von Begegnungen im Cyberspace, dort kann man seine Neurosen verbergen.

Ich versuchte, mich zu entspannen, schließlich hatte er mich auserkoren. Er sagte, die Auswahl sei beträchtlich gewesen; auf seine Annonce hatten sich mehr Bewerberinnen gemeldet als erwartet. Ich schaute in den dunklen Himmel und dachte an all die anderen Frauen da draußen in der Welt, die das Gleiche suchten wie ich. Ich war also nicht die Einzige mit dieser Sehnsucht.

Halt. Ich bin zu schnell. Ehe er eintrifft, muss noch eine andere Geschichte erzählt werden.

Es wird Menschen geben, die über mich richten wollen. Unter ihnen werden Sachverständige sein, die verlangen, dass ich ihnen meine Geschichte erzähle. Doch meine Tat wird mich überleben, ganz gleich, welche Schlüsse sie mithilfe ihres konventionellen Denkens und ihrer mittelmäßigen Erwartungen an die Liebe ziehen. Die Zeit allein wird zeigen, was richtig war. Meine Geschichte können sie mir jedenfalls nicht nehmen, ich werde ihnen nicht trauen. Und jetzt habe ich Sie ausgewählt. Sie werden mir zuhören. Sie sind mein Richter und damit jene Instanz, die das Urteil fällt. Wir haben noch Zeit, ehe der Zug einfährt.

–––

Mein Internetname lautete Robin, das heißt auf Englisch Rotkehlchen, und stand daher einerseits für den Vogel und andererseits für die amerikanischen Cheerleader mit vom Tennisspielen gebräunten Beinen und blondem Haar, an die ich denken musste. Gesunde Menschen eben. Als Robin funkelte meine Welt in neuem Glanz, und ich konnte einiges anders machen. Ich konnte eine andere sein.

Auf der Website benutzten wir unsere richtigen Namen nicht. Das war Teil der stillen Übereinkunft. Abgesehen davon stammten die echten Namen von unseren Eltern, wohingegen die virtuellen, die wir wählten, eine größere Wahrheit enthüllten. Das gefiel mir. Er war Mr Smith.

Für mich klang Smith wunderbar anonym. Ein Jedermann. Ich suchte weder nach Einzigartigkeit noch nach Ausgefallenem, sondern vielmehr nach dem Mittelmäßigen, einen Durchschnittstypen, der sich in der Menge verlor. Ich wollte einen Mann mit einem Schreibtischjob, der Fertiggerichte aus der Mikrowelle aß und über die roten Druckstellen an seiner Nase rieb, die seine Brille hinterlassen hatte. Einen Mann mit undefinierbarer Haarfarbe, der Nylonhemden trug. Merkwürdig, dass ich ausgerechnet das Gewöhnliche suchte, da ich alles andere als das war. Sobald ich mich mit einem Mann traf, begehrte er mich, zumindest anfänglich, doch mein eigener Geschmack war eher bescheiden.

Robin wollte Sicherheit. Das Vorhersehbare war ihr wichtiger als Spaß. Die Annoncen von Männern, die selbstgefällig auf ihren großen Sinn für Humor hinwiesen, löschte ich sofort. Ich lache gern, aber nicht auf Kommando. Mir stand der Sinn nicht nach Kabarettisten.

Seine Anzeige war eher schlicht. Als Teenager hatte Smith für Morrissey geschwärmt, und ich stellte mir einen melancholischen Jungen mit langem Haar vor, der Gras raucht. Er sagte, er sei Katholik und das liege ihm noch im Blut, auch wenn er inzwischen vom Glauben abgefallen sei. Ich vermute, jene zarte Verbindung zur Religion meiner Mutter zog mich ebenfalls an.

Ja, außer mir antworteten auch andere auf seine Anzeige. Männer wie Frauen. Aber er entschied sich für mich.

Ich war auf die Jagd gegangen und hatte mich vor Smith auch mit anderen Männern getroffen. Die Liebe zu finden ist ja nie einfach. Für mich sollte es eine Bindung fürs Leben werden, und so etwas kann man nicht forcieren. Außerdem war ich noch nicht gänzlich bereit. Wäre Smith zu einem früheren Zeitpunkt auf mich zugekommen, hätte ich ihn wie Sand durch die Finger rinnen lassen.

Ich antwortete nicht sofort auf seine Annonce, sah mich zuerst noch ein bisschen um, besuchte einige Chatrooms und surfte im Web. Das alles, ohne einen Ton von mir zu geben, ein echtes Mauerblümchen. Am Computerbildschirm ist so etwas nicht weiter schwer. Dein Eintritt wird erst dann registriert, wenn jemand schreibt:

»Hallo, Robin! Wie ich sehe, bist du gerade zu uns gestoßen. Herzlich willkommen.«

Wenn du dann lange genug schweigst, kümmert sich keiner mehr um dich. Nach ein, zwei belanglosen Zeilen ist deine Ankunft Geschichte, und die Menschen vergessen dich wieder. Mit der Zeit lernte ich, wie Beziehungen durch Wörter hergestellt werden können. Ich ließ mir Zeit und wartete auf den richtigen Augenblick, stöberte auf Facebook und Twitter, suchte nach speziellen Sites, schlüpfte in Chatrooms hinein und wieder hinaus. Ich wusste nicht einmal, worauf ich wartete, bis ich seine Anzeige entdeckte:

»Mann sucht schöne Frau für die Reise eines Lebens: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Wirst du mir helfen zu sterben?«

Ich las die Zeilen ein ums andere Mal, ließ sie auf meinem Bildschirm stehen, ehe ich mich schließlich ausloggte. Vor meiner Antwort brauchte ich Zeit zum Nachdenken.

Aber ich bin schon wieder zu schnell. Das war von jeher mein Fehler, den Gipfel anzustreben, ohne vorher die Strecke festzulegen. Dagegen muss ich unbedingt angehen. Es ist wichtig, alles von Anfang an zu erzählen. Beginnt nicht jede Geschichte eines Menschen mit seiner Mutter?

Der Name meiner Mutter war Matilde Mariani. Das hier ist auch ihre Geschichte.

 

 

 

Zwei

1977 Matilde trottete nach Hause, scheuerte die Spitzen ihrer Lackschuhe an den Pflastersteinen auf und schleifte ihre Schultasche hinter sich her. Sie schlug ihr gegen die Beine und hinterließ auf den weißen Kniestrümpfen staubige Flecken. Es war ein drückend warmer Tag. Der Blazer spannte über ihrer Brust. Sie knöpfte ihn auf und nahm ihren Strohhut ab. Wenn sie zu Hause ankam, würde niemand da sein. Sie konnte allein und glücklich sein. Aber zuvor musste sie es an den Geschäften vorbei schaffen. Der Junge, der das Fleisch auslieferte, lungerte vor dem Metzgerladen herum, sein Fahrrad lag auf dem Bürgersteig. Im Schaufenster hingen Tierhälften. Sie achtete darauf, stur geradeaus zu blicken, und wartete auf seine Sticheleien.

»He, warum redest du nicht mit mir? Du eingebildete Ziege! Du hochnäsiger Itaker! Bin dir wohl nicht gut genug.«

Sie ließ es über sich ergehen, sagte sich, dass sie es gewöhnt war und es sowieso nur Wörter waren. Sie lief weiter und hielt die Luft an, um den metallischen Geruch des Schweinebluts nicht einatmen zu müssen. Als sie wenig später das Haus betrat, fühlte es sich leer an. Ihr Vater arbeitete meist bis spätabends. Mittlerweile gehörten ihm drei Fabriken, aber da er den Geschäftsführern nicht traute, hielt er sich ständig vor Ort auf, prüfte die Stoffe und Bestellungen, vergewisserte sich, dass ihn niemand betrog. »Für die Leute werde ich immer ein Ausländer bleiben«, sagte er. »Loyalität kann ich von denen nicht erwarten.« Matildes Mutter war die Umstellung besser gelungen. Sie gehörte mehreren Vereinen an, alle von Frauen geleitet, die Beschäftigung suchten, und engagierte sich dort, um der Einsamkeit zu entfliehen. Matty dagegen fand Frieden in den Stunden, die zwischen ihrer Ankunft zu Hause und der Rückkehr ihrer Eltern lagen. Sie war am liebsten allein.

Sie stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Auf dem Weg schüttelte sie den Blazer ab und öffnete die obersten Knöpfe ihrer Bluse.

Die Tür zu ihrem Zimmer war nur angelehnt. Sie wusste genau, dass sie sie am Morgen geschlossen hatte. Mattys Herz verkrampfte sich. Ihr Vater war also zu Hause.

Er saß auf ihrem Bett, ein Walross von Mann, mit schwerer, schwammiger Kinnpartie und Augen, die wie zwei Käfer grünlich-schwarz glänzten. Auf dem Poster hinter ihm war Karen Carpenter zu sehen, Mattys Lieblingssängerin, auf den Lippen ein unsicheres, bedrücktes Lächeln.

»Du bist spät dran. Wo warst du?«

Sie konnte ihn hören, den drohenden Unterton, wusste, dass er da war und unter der Oberfläche lauerte. Karens Lächeln bekam einen hoffnungslosen Beigeschmack. »Ich bin langsam gegangen, Papa. Es tut mir leid.«

»Lüg mich nicht an. Du warst wieder mit einem Jungen zusammen. Sieh nur mal deine Bluse an!« Automatisch hob sie die Hand und bedeckte ihren Ausschnitt. »Komm her.« Sie rührte sich nicht. »Ich habe gesagt, du sollst herkommen.«

Gehorsam trat sie einen Schritt auf ihn zu und richtete ihren Blick auf Karens resigniertes Lächeln, denn die Augen ihres Vaters wollte sie nicht sehen. Wenn sie ihn anschaute, würden die Käfer wieder über ihre Haut kriechen. »Komm näher.« Sie konnte den Alkohol in seinem Atem riechen. Die nächsten Worte spie er ihr entgegen, ein Sprühregen, der auf ihrem Gesicht kribbelte. »Du bist eine dreckige Hure. Eine Schande für die ganze Familie.« Er wartete, bis sie weinte. Dann stemmte er sich hoch und verließ ihr Zimmer.

Karen Carpenter versuchte, munter zu lächeln, doch ihr Blick war verhangen. Es ist meine Schuld, dachte Matty. Sie war zu hübsch. Als sie sich im Spiegel sah, verzog sie das Gesicht. Ihr Haar war viel zu hell. Die Menschen aus den Mittelmeerländern waren dunkelhaarig. Sie dagegen war blond und hatte grüne Augen, wenn auch ohne die schwarzen Sprenkel wie bei ihrem Vater. Es war ein helles Grün, wie frisch gewachsenes Moos, eine Farbe, die zu auffallend war. Sie glaubte, wenn sie nicht so hübsch wäre, würde es nicht geschehen. Aber wie machte man sich hässlich? Sie verstand nicht einmal, weshalb sie hübsch war, da in ihrem Inneren alles hässlich war.

Die anderen Mädchen in der Schule gingen ihr aus dem Weg. Nur der Junge aus dem Metzgerladen zeigte Interesse an ihr. Und Mr Ferris, der Lateinlehrer. Er sprach auf eine Weise mit ihr, die sie frösteln und zurückweichen ließ. Sie hatte Angst, dass er in sie hineinsah und die Wahrheit erkannte, nämlich, dass sie eine Hure war.

Sie war siebzehn und somit noch keine Erwachsene, aber auch kein Kind mehr. Als ihre Periode ausblieb, wusste sie, was das bedeutete. Zwar gab es eine Pille, die Kinder verhütete, aber wie hätte sie an die herankommen sollen? Sie war zu jung und nicht verheiratet. Wie konnte sie einem Arzt ihre Sünde gestehen? Stattdessen versuchte Matilde – oder Matty, wie sie genannt werden wollte, zumindest in ihrer Phantasie, in der sie Freunde hatte, die sie verstanden – zu tun, als wäre nichts geschehen. Es würde ja auch nicht mehr geschehen. Sie gab sich Mühe, ihren Zustand zu ignorieren, und konzentrierte sich auf ihre Bücher. Auf alle möglichen Bücher, vor allem aber auf solche, in denen es um menschliches Verhalten ging.

In der Schule kam sie gut voran. Das sagte sogar ihre Mutter. Im Vorjahr hatte sie die Mittlere Reife mit den besten Noten abgeschlossen. Sie war in St. Albans geblieben, zusammen mit den anderen Mädchen, die Strohhüte trugen und unentwegt über Jungen redeten. Aber Matty wollte nur lesen. Und lernen. Sie bereitete sich auf ihr Abitur vor. Latein war eins ihrer Hauptfächer, darauf hatte ihr Vater bestanden. Es sei Teil ihres Erbes, sagte er, und im Übrigen war sie gut darin. Mr Ferris vermutete, dass es ihr wegen ihres italienischen Vaters leicht fiel, eine romanische Sprache zu lernen, aber er irrte sich. Ihr Vater benutzte seine Muttersprache so gut wie nie. Musik war auch eins ihrer Hauptfächer, wie es sich für eine junge Dame gehörte. Doch das, womit sie sich am liebsten befassen wollte, stand nicht auf dem Lehrplan: die Psychologie. Sie las Werke, die es in der Schulbücherei nicht gab und die sie sich in der Stadtbibliothek besorgen musste. Darin suchte sie nach Antworten auf ihre Fragen, denn andere Möglichkeiten, den Gründen auf die Spur zu kommen, hatte sie nicht. Sie las Freuds Klassifikationen der Hysterie, dachte, sie hätte es verstanden, und hasste ihn dafür, dass er dem Ganzen einen Namen gegeben hatte. Dass er es übermächtig gemacht und in vielen Frauen erkannt hatte. Bei der Lektüre wurde ihr übel, trotzdem konnte sie nicht aufhören, über Dora K. zu lesen. Sie fragte sich, ob sie eine war – eine Hysterikerin – und deshalb den Mund halten musste. Ob sie deshalb lernen musste.

Und jetzt, ein Jahr vor dem Abitur, ein Jahr vor den Abschlussprüfungen, hatte sie aufgehört zu bluten.

Seit dem Aufwachen war ihr übel, und der Geruch des Weihrauchs machte es noch schlimmer. Nur zweimal in ihrem Leben hatte sie die Messe versäumt: das erste Mal, als sie die Masern hatte, und das zweite Mal, als sie mit ihren Eltern zum Begräbnis ihres Großvaters nach Italien gereist war. Von diesen beiden Ausnahmen abgesehen, hatte die Familie Mariani Sonntag für Sonntag auf derselben Kirchenbank gesessen und zugehört, wie Pater Michael die Welt verdammte.

Die hölzerne Bank war wie ein Kasten, in den sie nicht passte, und bei der Anstrengung, gerade zu sitzen, brach ihr der Schweiß aus. Der massige Körper ihres Vaters drückte gegen ihre rechte Seite. Er merkte, dass sie zappelte. »Sitz still«, befahl er. Die Frau vor ihnen drehte sich zu ihnen um. Ihr Vater nickte ihr entschuldigend zu. Zu Mattys Linken saß ihre Mutter, steif und reglos wie eine Grabfigur. Sie starrte auf Pater Michael, als kenne er die Antworten auf sämtliche Fragen. Mattys Mutter war perfekt zurechtgemacht und der Inbegriff frommer Konzentration.

Die Stimme des Priesters hob sich, wurde laut und volltönend. Die Kerzenflammen zuckten, als fürchteten sie sich vor der Gewissheit, mit der er verkündete: »Die Sünde ist eine Seelenkrankheit, die nur der Herr heilen kann. Die einzige Medizin gegen die Sünde ist die Reue. Bereut ihr?«, rief er. »Tut ihr das von ganzem Herzen?«

Matty kam es vor, als richte sich sein Blick auf sie. Sie sah zu Boden und wurde von der nächsten Welle der Übelkeit übermannt, ein Schub, der ihr den Magen umdrehte. Sie fühlte sich seekrank und krallte die Hände ineinander, versuchte, sich auf einen Punkt zu konzentrieren, konnte jedoch nur niederknien und sich auf das Kissen des Betschemels sinken lassen. Der rote Wollbezug kratzte an ihren nackten Knien, aber beten konnte sie nicht.

Als sie die Augen schloss, nahm die Übelkeit zu, weshalb sie die Statue der Jungfrau Maria fixierte und die Ironie der Situation erkannte. Da kniete sie vor einer anderen ledigen Schwangeren und starrte sie an, um sich nicht zu übergeben. Sie spürte, wie Galle in ihrem Rachen aufstieg.

»Vater unser«, intonierte die Gemeinde. »Der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name.«

Matty krümmte sich und versuchte, den Brechreiz zu unterdrücken. Als die anderen um Vergebung baten, wie auch sie ihren Schuldigern vergeben wollten, wusste sie, dass sie nicht mehr dagegen ankam. Sie überließ sich der Kraft der Natur und erbrach sich auf den blank polierten Fußboden.

Ihre Mutter nahm an, dass sie von dem Fisch am Vorabend eine Lebensmittelvergiftung hatte, und erlaubte ihr, auf die Beichte zu verzichten. Matty hätte Pater Michael ohnehin nicht die Wahrheit sagen können. Sie kannte die Geschichte der Muttergottes und der jungfräulichen Geburt ihres Sohnes Jesus Christus, wusste jedoch, dass gewisse Handlungen sündhaft waren. Aus den Büchern, die in der Stadtbibliothek unter der Rubrik »Gesundheit« standen und Abbildungen enthielten, hatte sie erfahren, dass ein Kind entfernt werden konnte, dass man es wegmachen lassen konnte wie einen Tumor, der herausgeschnitten werden musste. Einmal hatte ihre Mutter einen Knoten in der Brust gehabt, der herausoperiert worden war, um sie wieder gesund zu machen. Genau das brauchte auch Matty. Sie wollte, dass das Schlechte aus ihr herausgetrennt wurde, wusste jedoch, dass es unmöglich war. Sie hatte gesündigt. Selbst wenn es eine Heilmethode gäbe, würde sie nie mehr genesen. Wie auch, wenn die Krankheit in ihr steckte? Wenn es ihre Schuld war, dass sie zu hübsch war. Zu hinreißend. Sie hasste es, hinreißend zu sein, aber schwangere Frauen waren es ja auch nicht. Womöglich würde das Kind sie dick und hässlich machen. Vielleicht würde es sie schützen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und es gab niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Die Blutungen setzten nicht mehr ein, und sie widmete sich ihren Büchern. Sie war zu hinreißend und deshalb zu früh erweckt worden. Als sie auf den Rücken gezwungen worden war, hatte sie immerzu an den Milchwagen auf der Straße gedacht, an das Klirren der Glasflaschen, die jemand in die Hauseingänge stellte, und hatte ihren Körper verlassen, um in die Höhe zu steigen. Sie hatte versucht, nicht nach unten zu schauen, und sich gewünscht, sie wäre dick und hässlich und überhaupt nicht da.

–––

Matty war so zierlich, dass ihre Kleider ihr weiterhin passten, selbst in der Zeit, über die in den Büchern stand, dass einem nichts mehr passe. Ihre zunehmend rundlichen Brüste wertete jedermann, dem es auffiel, als Zeichen ihrer Geschlechtsreife, so auch Mr Ferris, dem sonst ohnehin nichts auffiel. Matty blieb für sich, und die anderen Mädchen stempelten sie als komisch oder eingebildet ab. Abgesehen davon wussten sie nicht, was sie von ihr halten sollten, und versuchten es auch nicht herauszufinden.

Nur ihr Vater hatte erfasst, dass ihr keineswegs der Fisch den Magen verdorben hatte. Er erkannte ihre körperliche Veränderung, so gering sie auch war.

Er brachte sie zu einem Arzt. »Ich möchte nicht, dass ihre Mutter es erfährt. Die Schande würde sie umbringen.«

Der Arzt nickte verständnisvoll und bat Matty, sich auf die Couch zu legen. Es war eine schmale Couch in einem trübe beleuchteten Raum. In dieser Praxis war Matty noch nie gewesen, denn sonst ging sie immer zu einem anderen Arzt. Ihr Vater war mit ihr weit weg von zu Hause gefahren, in eine Stadt, die möglicherweise nicht einmal mehr in Norfolk lag.

Beim Anblick der fleckigen Wände und des gebleichten Haars der Empfangsdame war Matty der Verdacht gekommen, dass sie nicht in der besten Praxis der Gegend gelandet war. Ihr Vater hatte den Arzt bereits bezahlt; sie hatte mitbekommen, wie er seine Brieftasche zückte und Scheine abzählte. Einen falschen Namen hatte er auch genannt, sicherlich vor Scham. Ein billiger Doktor für eine billige Hure.

Der Arzt schob ihre Bluse hoch – ihre Schulbluse – und zog ihren Rock herunter. Matty drehte das Gesicht zur Wand, von der die Farbe blätterte wie bei einer Schlange, die sich häutete. Am Fuß der Couch stand ihr Vater und sah zu.

»Du bist schon ganz schön weit.« Fest drückte der Arzt auf ihren Bauch, zwei Finger stachen ihr ins Fleisch, bis sie sich ihm entwinden wollte. Doch sie blieb still liegen und ließ die Untersuchung über sich ergehen. Zu guter Letzt ließ er sie los und sagte zu ihrem Vater: »Sie ist zu weit fortgeschritten.«

»Das kann nicht sein«, antwortete ihr Vater beinahe flehend. Sein Gesicht war rot, und die Käfer waren schwärzer als jemals zuvor. Er konnte im Nu wütend werden, weshalb sie betete, der Arzt möge ihn nicht provozieren. »Falls es nur eine Frage des Geldes ist …«

Der Arzt zog Mattys Rock herunter und wandte sich zu ihrem Vater um. »Geld ist hier nicht das Problem, Sir. Sondern das Gesetz. Es jetzt noch zu tun, wäre gefährlich. Es könnte zu Komplikationen führen. Ihre Tochter könnte dabei sterben.«

Die flehende Miene ihres Vaters wurde wütend. Er packte Matty am Handgelenk und riss sie von der Couch herunter, als wollte er das Baby aus ihr herausschütteln. »Du dummes Ding. Warum hast du nicht schon früher etwas gesagt? Dann hätten wir es abtreiben lassen können.«

Bei dem Wort »abtreiben« schauderte sie. Abzutreiben war eine Sünde. Aber hatte Pater Michael nicht gesagt, dass eine Sünde zur nächsten führe?

Sie hatte ohnehin keine Wahl mehr. Dazu war es zu spät.

Das Schicksal meiner Mutter war besiegelt und damit auch das meine.

 

 

Drei

Cate Austin schob den Kopf aus dem warmen Kokon ihrer Daunendecke hervor und blinzelte in dem grellweißen Licht ihres Schlafzimmers. In der Kälte stieg ihr Atem wie Rauch in die Luft. Vor dem Fenster fiel Schnee, schwerfällig tanzende Flocken, die auf die Glasscheibe trafen, daran herunterrutschten und auf dem Sims landeten. Als sie die Augen schloss, konnte sie die Helligkeit noch unter den Lidern sehen und wusste, dass die Welt draußen frisch und sauber wirkte. Lange würde diese Illusion jedoch nicht anhalten. Nur ein paar Regentropfen oder ein Sonnenstrahl, und der Erdboden würde zu Matsch aus geschmolzenem Schnee, Eis und Splitt werden. Schlamm und Dreck würden wieder die Oberhand gewinnen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch früh. Also kuschelte sie sich wieder unter die Decke und spürte den warmen Körper ihrer Tochter an ihrer Seite. Ohne dass sie es gemerkt hatte, war Amelia in der Nacht zu ihr ins Bett gekrochen. Im Grunde störte es Cate nicht, aber hier und da fühlte sie sich doch bemüßigt, Amelia ausführlich zu erklären, dass sie nachts in ihrem eigenen Bett bleiben musste. Ihre Tochter war ein entzückendes kleines Mädchen, erst recht, wenn sie schlief, die langen Wimpern auf ihrer blassen Haut ruhten und ihr Gesicht entspannt und friedlich war. Mit sanfter Hand zog Cate die Kleine an sich und küsste ihre Schulter. Amelia rührte sich nicht. Cate spürte, wie Groll in ihr aufstieg. Wieder einmal hatte Tim das Kind am Abend zu spät zurückgebracht, als könne er nicht begreifen, dass sie dann am nächsten Tag völlig übermüdet in der Vorschule saß. Cate durfte sich nicht einmal lauthals darüber beschweren, denn ohne Tims Freundin Sally wäre sie gezwungen, sich nach einer Kinderfrau umzusehen. Außerdem hasste sie es, ausgerechnet der Frau dankbar sein zu müssen, die ihr den Ehemann gestohlen hatte. Aber bitte, so war das Leben.

Am Küchentisch spielte Amelia mit den Coco Pops in ihrer Müslischale. Cate schlang eine Scheibe Toast herunter. An den Schränken klebten noch die Weihnachtskarten, und an der Fensterscheibe lehnte der vergessene Adventskalender, an dem sämtliche Türchen geöffnet waren. Amelia hatte rosige Wangen und plapperte munter drauflos. Sie hatte ihre Müdigkeit schneller abgeschüttelt als ihre Mutter.

»Mummy, gehe ich heute wieder zu Daddy?«

»Ja, mein Schatz. Aber jetzt beeil dich, und iss deine Cornflakes.«

»Holt Sally mich von der Schule ab?

»Ja. Bitte trink auch deinen Saft.«

»Kommt der Weihnachtsmann heute Abend wieder?«

»Nein, Amelia. Er kommt nur einmal im Jahr. Gott sei Dank.«

»Aber es ist doch noch Weihnachten.«

»Nein, nicht mehr richtig.«

Amelias Blick wanderte zu dem Weihnachtsbaum im angrenzenden Wohnzimmer. Die Süßigkeiten in Glitzerpapier, die daran gehangen hatten, waren längst aufgegessen, und von den abgestorbenen Zweigen rieselten die Tannennadeln zu Boden. Cates Staubsauger taugte nicht viel, deshalb würden etliche Nadeln noch monatelang am Teppich haften. Im Geiste notierte sie sich, im nächsten Jahr einen künstlichen Weihnachtsbaum zu besorgen.

»Der Weihnachtsbaum kommt heute Abend weg.«

»Och. Ich mag den Baum.«

Cate schaute auf ihre Uhr. Sie hätten gar nicht mehr in der Wohnung sein dürfen. Wie jeden Morgen suchte sie erst mal nach den Wagenschlüsseln und fragte sich, warum sie die nie in die Schublade des Küchenschranks legte, wohin sie gehörten. Dann klingelte das Telefon. Amelia ließ die unangerührten Cornflakes stehen, sprang auf und rannte hin.

»Hallo? Daddy?«

Cate lauschte den eifrigen Antworten ihrer Tochter, sah ihr glückliches Lächeln und wunderte sich, dass Tim sich schon so früh bei ihnen meldete.

»Mum, Daddy will dich.«

Nicht mehr, dachte Cate und nahm den Hörer aus Amelias ausgestreckter Hand entgegen.

»Cate, bitte reg dich jetzt nicht auf, aber das Baby macht Sally fix und fertig. Es wäre besser, wenn Amelia an diesem Wochenende nicht zu uns kommt.«

Amelia hatte die Wagenschlüssel aus ihrem Puppenwagen hervorgekramt und ließ sie wie ein Glockenspiel klimpern.

»Hast du es ihr gesagt?«

Tim räusperte sich. »Ich dachte, es ist besser, wenn sie es von dir erfährt. Aber sag es nicht so, dass sie glaubt, ich wollte sie nicht dahaben, ja? Tu mir den Gefallen, und erzähl ihr, dass du mit ihr irgendwohin willst oder so.«

Amelia schien mit gespitzten Ohren zu lauschen.

»Na schön«, sagte Cate und dachte, dass ihr mieser Exmann Amelia wieder einmal enttäuschte. Aber er hatte ja auch eine neue Familie und ein neues Kind, das sie im Hintergrund quäken hörte.

»Ich rufe am Wochenende mal an, okay? Also dann, ich muss jetzt los.«

Das Baby fing an zu schreien. Cate wollte fragen, wie es ihm ging, doch Tim hatte bereits aufgelegt.

»Guten Morgen, Süße. Wie war dein Weihnachten?«

Cate fuhr herum. Paul Chatham lehnte am Türpfosten. Er trug eine rote Weste und eine Novelty-Krawatte, beides offenbar Gaben des Weihnachtsmanns.

»Nicht so toll. In diesem Jahr war Tim an der Reihe, mit Amelia zu feiern. Für mich gab es daher nur einen Fertigsonntagsbraten für eine Person, die Ansprache der Queen und zum Nachtisch Selbstmitleid. Wie war’s bei dir?«

»Wundervoll. Sam hat eine fabelhafte Gans gebraten, leider ein schlimmer Dickmacher.« Paul hob seine Weste und kniff in die Speckrolle, die zum Vorschein kam. »Sei’s drum, davon wollte ich gar nicht reden. Ich bin dienstlich hier. Das Los eines Managers ist es nämlich, Aufgaben zu verteilen.«

Schwungvoll zog er eine Akte hinter dem Rücken hervor und wedelte damit.

Cate unterdrückte ein Stöhnen. »Nicht noch einen Fall, Paul. Bei mir ist jetzt schon Land unter.«

»Na, dann ist doch sowieso alles egal. Einen Monat, Cate, länger dauert es nicht. Es geht um ein vorgerichtliches Gutachten, das bis zum siebenundzwanzigsten Januar erstellt sein muss. Ein psychiatrisches Gutachten haben sie ebenfalls angefordert.«

»Ein Verrückter also, wie schön.«

»Genau genommen ist es eine Sie. Alice Mariani. Über ihren Geisteszustand bin ich mir noch nicht ganz im Klaren. Aber wenn du den Fall nicht übernimmst, weiß ich nicht, wem ich ihn sonst geben soll. Er ist eigenartig.«

»Und da hast du an mich gedacht?«, fragte Cate mit honigsüßem Lächeln. »Wie reizend.«

»Ich habe daran gedacht, was du bei Rose Wilks geleistet hast. Dieser Fall ist dir wie auf den Leib geschnitten.«

Cate erstarrte und spürte, dass sich ihr Herzschlag beschleunigte, wie jedes Mal, wenn sie den Namen dieser Frau hörte. »Wenn du mich für so fähig hältst, warum darf ich Rose dann nicht beaufsichtigen, wenn sie auf Bewährung freikommt?«

Paul seufzte, lehnte sich wieder an den Türpfosten und mimte den Entnervten. »Cate, darüber haben wir schon zigmal gesprochen. Außerdem wird sie erst in einem Jahr entlassen.«

»Ein Jahr, das im Nu verstreichen wird. Ich kenne sie, Paul. Ich weiß, wozu sie imstande ist. Wenn ich sie im Auge behalten könnte …«

Paul hob die Brauen. »Ich glaube, es ist besser, wenn ihr euch so weit wie möglich aus dem Weg geht. Können wir jetzt bitte über den neuen Fall reden?«

Ihr Herz begann wieder, in seinem normalen Rhythmus zu schlagen. Sie deutete ein Nicken an. »Na schön, schieß los.«

»Alice Mariani ist in den Dreißigern. Akademikerin. Unterrichtet englische Literatur am Essex College.«

»Also keiner unserer üblichen Kandidaten.«

»Nein. Auch ihr Fall ist eher unüblich. Sie hat ihrem Geliebten geholfen, Selbstmord zu begehen. Er hat eine Nachricht hinterlassen, die besagt, dass er sterben wollte. Das Gericht weiß nicht, was es mit dieser Frau machen soll. Er hat eine Überdosis geschluckt und daraufhin einen Herzinfarkt bekommen. Alice Mariani hat die Polizei erst verständigt, als es schon zu spät war. Sie wurde der Sterbehilfe schuldig gesprochen.«

»War das so etwas wie Euthanasie? War er krank? Tödlich krank?«

Paul zuckte mit den Schultern. »Darüber steht hier nichts, aber die Unterlagen der Anklage haben wir noch nicht. Er war erst siebenundzwanzig. Hatte irgendeinen Schreibtischjob.«

»Klingt nach einer traurigen Geschichte.«

»Vielleicht, allerdings kommt das Schlimmste noch. Wappne dich. Vor seinem Tod hat sie von seinem Fleisch gegessen.«

»Was soll das heißen?«

Vielsagend steckte Paul eine Hand in die Hosentasche und pfiff durch die Zähne. »Schmeckt wahrscheinlich wie Hühnchen.«

»Igitt, Paul. Jetzt will ich diesen Fall definitiv nicht. Warum hat darüber nichts in der Zeitung gestanden?«

»Hat es. Liest du keine Nachrichten?«

»Wenn ich es verhindern kann, nicht.«

»Im letzten Sommer waren die Zeitungen voll davon.«

Cate dachte zurück. Im vergangenen Sommer hatte sie sich mit Rose Wilks und den Problemen beschäftigt, die es im Gefängnis gab. Kein Wunder, dass sie über diesen Fall nichts gelesen hatte.

»Noch etwas. Alice Mariani hat die Aufmerksamkeit einer dieser Gruppen erregt, die für die Legalisierung von Euthanasie plädieren. Die Hemlock Society. Sie haben eine Petition abgefasst und pochen darauf, dass sie unschuldig ist.«

»Na super. Also werde ich vor Gericht auch noch angegriffen.«

»Übernimmst du den Fall?«

Cate sah Pauls erwartungsvolles Gesicht und die dünne Akte in seiner Hand. »Nein, Paul. Tut mir leid, das schaffe ich nicht. Ich stecke schon bis zum Hals in Fällen, für die ich Gutachten schreiben muss, und so etwas möchte ich nicht annehmen. Gib den Fall wem anders, jemandem, der eine Herausforderung sucht, und lass mich damit zufrieden.«

Paul tänzelte auf sie zu, ließ die Akte auf ihren Schreibtisch fallen und entfernte sich auf Zehenspitzen. »Ich fürchte, das geht nicht. Ich kenne dich, Cate, und für diese Sache hier brauche ich dich. Für dich ist das ein Klacks. Wahrscheinlich dreht es sich um irgendein abartiges Sexspiel, das aus dem Ruder gelaufen ist.«

Berühmte letzte Worte, dachte Cate und schaute auf die Akte, aus der ein Zeitungsartikel gerutscht war. Die Schlagzeile lautete: Die Kannibalin von Suffolk: »Mein Opfer hat das Sterben genossen.«

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