Su Turhan Kommissar Pascha
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Donnerstag, 15. März 2018 von Piper Verlag


Bayerische Krimis mit türkischen Wurzeln

Kommissar Pascha – Bücher

Kommissar Pascha - das neue Buch

Mordlust oder Lustmord – das ist hier die Frage!

Eine männliche Leiche in der Nähe von Münchens Erotikmesse bereitet Kommissar Zeki Demirbilek große Kopfschmerzen: Wollte der Täter – in der Art und Weise, wie er das Opfer zurichtete – eine Botschaft hinterlassen? Auch privat stellt sich Kommissar Pascha eine ähnliche Frage. Albträume suchen ihn heim, doch was sie ihm sagen sollen, kann er nicht entziffern. Dabei schwebt einer seiner Liebsten in höchster Lebensgefahr!

Blick ins Buch
Mordslust purMordslust purMordslust pur

Ein neuer Fall für Kommissar Pascha

Ein schrecklicher Anblick bietet sich Kommissar Demirbilek und seinem Migra-Team, als die Leiche eines Mannes in der Nähe der Münchner Erotikmesse entdeckt wird. Da sich weder Papiere noch Wertsachen finden, vermuten sie zunächst einen Raubmord. Doch Faserspuren an den Handgelenken des Opfers weisen darauf hin, dass der Mann vor seinem Tod gefesselt wurde – und zwar mit einem speziell gefertigten Bondageseil. Sofort nehmen sie die Ermittlungen auf der Erotikmesse, wo mehr Schein als Sein herrscht, und im Umfeld auf. Auch im Privatleben stochert Zeki zunächst im Nebel. Albträume suchen ihn heim, er befürchtet Schlimmes. Was er jedoch nicht ahnt: Tatsächlich schwebt einer seiner Liebsten in höchster Lebensgefahr!
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Dreh dich um, zeig dein Gesicht!, schrie Zeki Demirbilek dem Wanderer zu und peitschte die vier Hengste, die schnaubten und galoppierten, als läge es an ihnen, die Welt vor dem Untergang zu retten. Zeki lief der Schweiß über das Gesicht. Er hockte auf dem Bock einer Kutsche und trieb das Gespann auf dem nicht enden wollenden Weg den Hügel hinauf. Doch der Abstand zu dem Verfolgten verminderte sich nicht. Die Entfernung blieb gleich, egal, welches Tempo er mit den Pferden einschlug.
Dön! Yüzünü göster!, wiederholte er auf Türkisch.
Der Wanderer reagierte nicht. Zeki blickte über ihn hinweg zum Gipfel. Der Mann in der Kutte vor ihm war riesenhaft gewachsen, die Silhouette zeichnete sich gegen die brennende Sonne ab. Die Kapuze über dem Kopf hüpfte bei jedem Schritt ein Stück nach oben. Blinzelnd neigte er den Kopf und versuchte mit wachsender Verzweiflung, das Alter des Mannes zu schätzen. Dem Gang nach war er weder ein Greis noch ein Erwachsener, kein Jugendlicher und kein Kind. Er hatte immense Kraft in den Beinen und bewältigte mühelos den steilen Pfad.
Die Gewissheit, die Zeki sodann überkam, schmerzte. Niemals würde er mit der Kutsche oben auf der Prinzeninsel, den adalar, ankommen, würde nicht die traumhafte Aussicht über das Marmarameer auf die Bosporusmetropole genießen. Er sah nach hinten zum Meer, um wenigstens einen flüchtigen Blick auf Istanbul zu werfen. Was er sah, ließ ihn erstarren. Der Wanderer schritt nicht mehr vor ihm, er stand als Riese im Meer, aus seinen Augenhöhlen funkelte ein gleißend roter Strahl. Drohend hielt er den Wanderstab wie ein Schwert über die Millionenmetropole, in der Zeki das Licht der Welt erblickt hatte.
Zeki schluckte, als ihm bewusst wurde, dass sich die Skyline von Sultanahmet verändert hatte. Statt der Hagia Sophia erstreckte sich an demselben Platz Münchens olympische Anlage. Sein Blick folgte dem Stab, den der Riese mit dem Sog eines Taifuns über das Bauwerk schwingen ließ. Wie ein Zahnstocher brach der Olympiaturm entzwei. Entsetzt suchte Zeki nach der Blauen Moschee. Er erkannte Istanbuls beeindruckendes Bauwerk nicht wieder, da statt der Minarette die zwei Türme der Frauenkirche in den Himmel ragten. Durch den Luftzug beim Zurückschwingen des Stabes legte der Riese Münchens Wahrzeichen in Schutt und Asche.
Schnell wandte Zeki den Kopf nach vorne, um dem furchtbaren Anblick seiner zerstörten Heimatorte zu entgehen. Er hatte mit der Kutsche keinen Zentimeter gutgemacht, war dem Wanderer, der nun wieder vor ihm den Hügel hochstieg, den zu fassen doch seine Aufgabe war, keinen Deut näher gekommen. Könnte er wenigstens sein Gesicht sehen, Augenfarbe und Nasenform, die Wangenknochen, zumindest das Profil, um zu erahnen, wen er jagte.
In dem Augenblick, als er fester peitschte, die Hengste anfeuerte, um das Letzte an Tempo aus ihnen herauszuholen, weil er erkannte, wie die Kapuze des Gejagten nach hinten abrutschte, wie der Mann ansetzte, den Kopf zu drehen, er endlich sein Gesicht sehen würde, spürte er, wie ihn jemand in die Seite stieß.
»Sie haben geschnarcht, Chef«, sagte Isabel Vierkant am Steuer des Dienstwagens zu ihm. »Schlecht geschlafen letzte Nacht?«
»Hm«, brummte er. »Bin ich eingedöst?«
»Nicht schlimm«, erwiderte sie. »Dauert noch, bis wir am Tatort sind.«
Der türkischstämmige Hauptkommissar umklammerte die blauen und gelben Steine der Gebetskette und ließ das Plastik über den Handrücken gleiten. Aufgeschreckt von seinem Albtraum, dachte er darüber nach, wie er mit den Geschehnissen der letzten Wochen fertigwerden sollte.
Schlechtes Gewissen lastete auf seiner Seele, als hätte er einen Mörder überführt und entwischen lassen, wegen einer Unachtsamkeit, einer Dummheit, zu der er durchaus fähig war, wenn seine Gefühle außer Rand und Band gerieten. Er kam auch bei diesem Versuch, Herr über das Vergangene zu werden, zu verstehen und zu ergründen, warum sein Leben aus den Fugen geraten war, auf keine Lösung. Blinden Auges hatte er eine Entscheidung getroffen. Gesehen hatte er nur sich und seine Bedürfnisse. Er hatte die Beziehung zu Derya Tavuk beendet, weil er glaubte, dass sie ihn unter Druck setzte. In seinem tiefsten Inneren wusste er aber, das sie die Letzte war, die ihn nicht akzeptierte, wie er war. Mit drastischen Worten hatte sie ihm zum Abschied gesagt, wie sehr sie ihn in ihr Herz geschlossen hatte, aus dem er wie ein Gefangener ausgebrochen war.
Mit einem Mal kroch süßlicher Duft in seine Nase. Er wandte sich der Oberkommissarin zu. Er schmunzelte, weil er überlegte, was er alles für die Beamtin tun würde. Lügen und betrügen würde er für sie, sich prügeln und schießen, um sie zu beschützen und in seinem Team zu halten. Ohne Vierkant wäre er ein Münchner Kommissar. Mit ihr an der Seite war er kein Geringerer als Hauptkommissar Zeki Demirbilek, Leiter des Sonderdezernats Migra.
»Blöder geht’s zeitmäßig wirklich nicht«, riss Vierkant ihn aus den Gedanken. Den süßen Duft nach Erdbeere verströmte der Kaugummi, den sie sich in den Mund gesteckt hatte. Ein untrügliches Zeichen, dass die Autofahrt zäh werden würde. Auch dem Kriminalhauptkommissar passte es nicht, sich am späten Nachmittag durch Münchens Innenstadt quälen zu müssen. Dienstfahrten mit dem Wagen waren ihm prinzipiell ein Gräuel.
Sein Blick wanderte zur Blechlawine, die sich vor ihnen bis zum Altstadttunnel hinzog, und zurück zur Oberkommissarin. Er musterte sie, während sie sich auf das Lenken des BMWs konzentrierte.
»Soll ich ans Steuer?«, bot er nach einer Weile an, als er merkte, wie sie mit verklärtem Gesichtsausdruck durch ihre langen schokoladenbraunen Haare strich. Was geht in ihr vor, fragte er sich, irritiert über das stille Genießen, das er in ihrem Gesicht las. In der Regel geizte sie nicht mit Worten über die schändliche Straftat, die es aufzuklären galt, oder drückte ihre Anteilnahme für die Angehörigen des Opfers aus.
»Woran denkst du, Isabel?«, hakte er nach, nachdem er keine Antwort auf seine Frage bekommen hatte. Vielleicht freute sie sich, von der Schreibtischarbeit weg zu sein, konfrontiert zu werden mit Zeugen und Verdächtigen und ihren Aussagen. War ihr nicht klar, überlegte Demirbilek, dass der Fall sie letztlich wieder an den Schreibtisch zurückführte, um Protokolle zu verfassen? Inklusive derjenigen, die sie für ihn schreiben musste?
»Nein, lieber nicht, ich meine das Autofahren«, antwortete sie nun doch und trat ein wenig zu fest in die Bremsen, um in der Sonnenstraße an einer roten Ampel zu halten. »Ehrlich gesagt, kann ich mich gar nicht erinnern, Sie jemals am Steuer gesehen zu haben.«
Demirbilek wusste selbst nicht, wann er das letzte Mal einen Wagen gelenkt hatte. »Wenn du in der Lage bist, gleichzeitig zu reden und uns heil zum Olympiagelände zu bringen, lass hören, was mich erwartet.«
»Darf ich vielleicht doch Blaulicht und Sirene einschalten?«, fragte sie und zauberte dabei einen rötlich schimmernden Kaugummiballon aus dem Mund.
»Warum die Menschen aufscheuchen? Und wie soll ich dich verstehen bei dem Lärm? Cengiz ist bestimmt schon vor Ort, die Spurensicherung hoffentlich auch.«
Vierkant ließ den Kaugummi platzen und zwischen den Lippen verschwinden. Die Ampel schaltete um. Sie gab vorsichtig Gas. Die Autokolonne vor ihnen bewegte sich keine zwei Meter. »Klar ist unsere Jale am Tatort, die Gerichtsmedizinerin ist mit dem Spusitrupp auch schon fleißig bei der Arbeit. Was Sie erwartet, ist eine männliche Leiche, etwa dreißig Jahre alt, dem äußeren Anschein nach ausländisch.«
Der Sonderdezernatsleiter blickte zu der monumentalen Brunnenanlage, die sie gerade im Schneckentempo passierten. Vor dem Beckenrand stand ein altes Paar, das offenbar Futter in das Wasser warf.
»Sag mal, gibt es Fische im Wittelsbacher Brunnen?«, fragte er erstaunt.
Sie schien ihn wieder nicht gehört zu haben, jedenfalls antwortete sie nicht, sondern fuhr mit ihrem Bericht fort: »Die Leiche muss ein fürchterlicher Anblick sein. Mit Pius’ Worten recht unappetitlich, er hat mich angerufen.«
Pius Leipold, Leiter der regulären Mordkommission, hatte im Olympiapark, wo die Leiche gefunden worden war, nichts zu suchen. Und zwar absolut nichts, fand Demirbilek, und hatte damit einen triftigen Grund, nicht mehr über den Ausbruch aus Deryas Herzen zu grübeln. »Gib mir dein Handy«, forderte er Vierkant auf.
»Haben Sie Ihres wieder im Büro liegen lassen?«, schnaubte sie. »Sie müssen doch erreichbar sein, Chef!«
»Das neue Ding mag mich nicht! Und ich hasse es«, maulte er. »An meinem Tatort hat Pius nichts zu suchen. Was ist jetzt mit deinem Handy?«
»Es ist in der Umhängetasche«, sagte sie verunsichert, als sie eine Parklücke entdeckte. Sie stellte den Dienstwagen mit laufendem Motor quer, kaute nervös auf dem Kaugummi weiter und griff nach ihrer Tasche. »Wissen Sie, mir ist es nicht recht, wenn Sie sehen, was ich da alles drin habe.« Sie lachte verlegen. »Kusura bakmayın.«
Demirbilek schmunzelte über ihren bayerischen Einschlag bei der auf Türkisch vorgetragenen Entschuldigung. Vierkant die Angewohnheit auszutreiben, ständig um Verzeihung zu bitten, hatte er aufgegeben. »Ich gehe ins Präsidium und hole meinen elektronischen Sklaventreiber«, beschloss er und öffnete die Beifahrertür. »Fahr du vor, ich komme nach.«
»Soll Sie eine Streife abholen?«
»Wie ich dich kenne, würdest du mir sogar einen Helikopter organisieren«, lächelte er ihr zu. »Mit der U-Bahn bin ich bei dem Verkehr schneller.«
»Und die Monatskarte muss sich ja rentieren«, sinnierte Vierkant ihrem Chef hinterher.
Sie wartete, bis er weit genug weg war, und fixierte das Blaulicht auf dem Dach. Mit eingeschalteter Sirene zwängte sie sich weiter durch den Straßenverkehr.
Insgeheim freute sich Isabel Vierkant auf die anstehende Ermittlungsarbeit. In den letzten Wochen hielten hauptsächlich ungelöste Altfälle die Abteilung Migra am Laufen. Kapitalverbrechen mit Opfern und Tätern, die einen Migrationshintergrund aufwiesen und dem Sonderdezernatsleiter schwer genug erschienen, waren rar gesät gewesen. Vierkant genoss das Adrenalin in ihrem Körper, das sich bei dem verwegenen Stop-and-go zwischen den Autoschlangen bemerkbar machte. Langsam, Isabel, beruhigte sie sich. Der liebe Gott hört und sieht nicht nur alles, er merkt auch, wie sehr du dich über eine Leiche freust. Das gehört sich nicht!


»Komm, Sybille! Warum zeigst du mir das?«, schrie Hauptkommissar Pius Leipold im breitesten Münchnerisch und drehte sich abrupt weg. Die Lederjacke über den Schultern flog zu Boden, Flyer von Ausstellern der Erotikmesse, die nicht weit vom Fundort der Leiche entfernt stattfand, segelten aus der Innentasche. Ohne sich zu scheren, wie sein wohlgenährter Bauch zum Vorschein kam, tupfte er mit dem T-Shirt die verschwitzte Stirn trocken, ehe er Jacke und Flyer aufhob. Dann sah er abermals ungläubig auf das Tablet der Kollegin, die einen Ausschnitt der Tatortfotos heranzoomte. »Was ist denn mit dem geschehen?«
Gerichtsmedizinerin Ferner lächelte über Leipolds Solidarität mit dem bedauernswerten Opfer. »Genickbruch vermutlich. Sieht aus, als hätte ihn der Täter mit beiden Händen gepackt und mit einem kräftigen Ruck ins Himmelreich oder in die Hölle befördert. Zack, und tot.«
Sybille Ferner war eine attraktive, blondhaarige Frau Anfang vierzig. Mittlerweile länger geschieden, als sie verheiratet gewesen war, und hatte in ihrem Berufsleben manche Gewaltopfer untersucht, deren Anblick ein dezentes Würgen verursachten, ähnlich wie beim Wechseln der Windeln ihrer Söhne. Mehr körperliche Reaktion zeigte sie vor Kollegen nicht. Unter keinen Umständen, selbst nicht bei dem sportlichen Mann, dessen Tod sie gerade untersuchte.
»Pius, Pius, wenn das deine Frau sieht! Hast du dich auf der Erotikmesse herumgetrieben?«, tadelte sie den Urmünchner, den sie weniger gut leiden konnte, als sie ihm vormachte.
Männer wie Leipold, zu dick und Frauen gegenüber zu borniert, hatte sie gedanklich auf eine schwarze Liste in Grabmarmor gemeißelt. Beruflich war sie verpflichtet, mit dem Kriminalhauptkommissar zu sprechen. Privat würde sie nicht daran denken, ihm gute Ratschläge zu geben. Dennoch ließ sie sich dazu verleiten, schließlich wollte sie nicht von ihm für dumm verkauft werden. »Die Sexflyer lässt du lieber im Büro.«
»Hör sofort auf, so boshaft zu sein, Sybille«, ärgerte sich Leipold. »Das sind Beweismittel, ist doch klar. Die Mitarbeiter der Firmen werden befragt. Das Opfer muss identifiziert werden.«
Sie schnappte einen Prospekt aus seiner Hand, der mit anschaulichem Bildmaterial für ein Bondage-Event in Salzburg warb. »Machst du eine Dienstreise nach Österreich?«
Leipold holte sich den Prospekt zurück. »Wenn’s der Aufklärung des Falles dient.«
»Natürlich, verstehe schon. Genauso wie die Beweismittel mit deinen Fingerabdrücken darauf. Dich können wir ja als Verdächtigen ausschließen, haben ja den Satz deiner Wurstfinger in der Datenbank hinterlegt«, ließ sie sarkastisch fallen. »Was machst du eigentlich hier? Wird deinem Türken nicht gefallen, dass du dich an seinem Tatort herumtreibst.«
»Das Plastikding in seinem Mund ist doch ein Dildo, oder?«, lenkte er vom Thema ab.
»Ein Fachmann erkennt das sofort«, stachelte sie weiter. »Und was an seinem besten Freund baumelt, kennst du auch?«
Wie einen Segen empfand Leipold das Läuten des Mobiltelefons in der Lederjacke, um sich von Ferners Unterstellungen zu drücken. Er nickte der Gerichtsmedizinerin zu, die ihm, wie er spürte, dermaßen auf die Nerven ging, dass er ihr am liebsten den Hintern versohlt hätte. Überrascht über diese Fantasie kehrte er schnell den leitenden Ermittler hervor: »Jetzt mach weiter mit der Arbeit. Bericht geht direkt an mich. Du weißt ja, wie schwer sich der Zeki mit dem Lesen tut.«
Während er nach dem Telefon in der Jacke suchte, schielte er auf den Prospekt mit den Sonderangeboten einer Ausstellerin, die er befragt hatte. Ein ledernes, knapp geschnittenes Dessous konnte er sich an seiner Ehefrau gut vorstellen. Natürlich würde Elisabeth ihm den Gefallen nie erweisen, etwas derart Sündiges für ihn anzuziehen, seufzte er innerlich, nachdem er den Fußweg weit genug entlanggegangen war, um in Ruhe zu telefonieren.
»Dachte mir, dass du dich meldest, Zeki! Kannst dir den Weg hier raus sparen, habe alles im Griff. Ein Höllenverkehr ist das heute. Massenkarambolage auf dem Frankfurter Ring«, sagte er in den Apparat und hörte eine Weile zu, bis er wutschnaubend rief: »Weißt du was, du Türkenfuzzi, so redest du nicht mit mir! Schleich dich aus der Leitung, du Pascha, du elendiger, ich bin mitten in einer Ermittlung!«
Keinen Deut besser ist es mit ihm geworden, obwohl ihn die Sanftmut hätte ereilen müssen, seit er vor eineinhalb Jahren Großvater geworden war, ärgerte sich Leipold. Was für ein eingebildeter Hansdampf er doch war! Statt sich zu bedanken, dass er ihm die Arbeit abnahm, scheißt er ihn zusammen. Ja, wo sind wir denn? Sind wir in München oder in Istanbul, wo er ihn am liebsten hinverflucht hätte? Soll er verflixt noch mal am Tatort einmarschieren mit seiner Migrantenbrigade, schimpfte er weiter, ohne zu merken, dass er vor lauter Anspannung zu fest am Ring im rechten Ohr zupfte.
Unter Schmerzen drehte er den Kopf zum Tatortzelt an der Böschung, wo sich die Kollegen der Kriminaltechnik und Ferners gerichtsmedizinische Crew zu schaffen machten. Leichen, das wussten alle, waren nicht seins. An einem Tatort mehr als Präsenz zu zeigen war ihm nicht möglich, weil ihm beim Anblick der entstellten Opfer nach kürzester Zeit speiübel wurde. Bei der Vorstellung, in welch grauenhaftem Zustand die Leiche von den Skatern gefunden worden war, spürte er, wie sich das Mittagessen aus deftiger Blutwurst, Sauerkraut und Kartoffelpüree im Magen bemerkbar machte.
Er spähte über den olympischen Park zu der Halle, in der er die ersten Befragungen durchgeführt hatte. Dort, wo die Erotikmesse untergebracht war, gab es Toiletten, und eine solche brauchte er ganz dringend.


Mit Übermut im Herzen schaltete Oberkommissarin Vierkant Sirene und Blaulicht aus und riss auf dem Mittleren Ring das Lenkrad herum, um die Ausfahrt zum Olympiagelände nicht zu verpassen. In der einsetzenden Dämmerung erreichte sie das zahlungspflichtige Parkplatzareal und folgte der Beschilderung zum olympischen Stützpunkt.
Auf dem Vorplatz reihten sich Einsatzfahrzeuge aneinander. Sie parkte und betrachtete den Tatort. Von ihrem Standpunkt aus – gegenüber dem Eingang zur Erotikmesse – war die Böschung nicht einzusehen. Der helle Schein der Arbeitsleuchten wies ihr den Ort, wo der Tote gefunden worden war. Luftlinie rund zweihundert Meter, schätzte sie und machte eine Notiz in ihr Büchlein. Dann stieg sie aus dem Wagen und rückte die Umhängetasche zurecht.
»Servus, Pius, alles klar?«, bedachte sie Leipold mit einer kurzen Begrüßung, der gerade die Halle verließ und ihr entgegenschritt. Den verklärten Gesichtsausdruck verstand sie falsch, als sie ihn entsetzt fragte: »Du hast doch nicht etwa mit einer der Frauen …«
»Du bist ja schlimmer als die Ferner!«, unterbrach er sie wütend. »Sag mal, was denkt ihr Weibsbilder von mir? Bin doch kein Akkordfremdgänger! Ich bin glücklich verheiratet!«
»Nichts für ungut, Pius, wirklich«, entschuldigte sie sich schnell. »Was ist dann los? Hat dich der Heilige Geist erwischt?«
»Von wegen. Auf dem Klo war ich! Habe gekotzt, jemand musste das Opfer ja in Augenschein nehmen. Und die Ferner, die Sadotante, hat mich mit Tatortfotos malträtiert.«
»Der Chef wird bald da sein«, sagte sie mitfühlend und schritt weiter zum Eingang.
Aus der Glastür trat eine uniformierte Kollegin und gierte auf die Zigarette in der Hand.
Vierkant erkannte sie. »Grüß dich, Sabine! Du hier?« Sie umarmte die Streifenpolizistin, mit der sie die Polizeiausbildung absolviert hatte.
»Servus, Isa. Schon wieder mal Spätdienst. Ich habe Jale bei den Befragungen unterstützt. Nichts Relevantes bislang.« Sie senkte die Stimme. »Nicht, dass du rot anläufst. Da drin gibt’s Sachen, die hast du noch nicht gesehen.«
»Woher willst du das wissen?«, erwiderte Vierkant amüsiert. »Ist Jale in der Halle?«
Sabine zündete die Zigarette an und nickte. Gleichzeitig bedeutete sie ihr, sich umzudrehen.
Leipold war ihr nachgekommen und stand breitbeinig hinter ihr. Vierkant kannte den Urmünchner seit Jahren und schätzte ihn als erfahrenen Polizeibeamten, der auf münchnerische Art genauso eigenwillig wie ihr paschahafter Vorgesetzter war.
»Ja, Pius?«, fragte sie ihn ruhig. »Hast du was auf dem Herzen? Du siehst aus, als würdest du mich gleich hochkant ins Olympiastadion schießen wollen.«
»Dein Chef hat mich angerufen«, murrte er und zog sie am Unterarm weg, um unter vier Augen mit ihr zu reden. »Was ist mit ihm? Der ist ja nicht zum Aushalten.«
Vierkant seufzte. »Stimmt, zurzeit ist es nicht einfach mit ihm. Er ist mit seinen Gedanken oft woanders«, gab sie ihm recht. »Aber er hat dich ja wohl nicht angerufen, um mit dir sein Privatleben zu besprechen, oder?«
»Ach was! Hat rumgebrüllt wie ein Obersultan, in welchen Zuständigkeitsbereich der Tote gehört. Kennst ihn ja. Dabei ist die Identität noch gar nicht geklärt. Nur weil er aussieht wie ein Auswärtiger, muss er noch lange keiner sein. Wahrscheinlich hat er einen deutschen Pass.«
Mit einem Lächeln hakte sich Vierkant bei ihm unter. »Ist das am Ende nicht völlig egal, welche Staatsangehörigkeit eine arme Seele hat? Du und der Chef arbeitet doch so schön zusammen.« Sie klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Da hast du ja wieder einen Volltreffer gelandet mit deiner Spürnase. Wie bist du darauf gekommen, dass das Opfer hier auf der Messe gewesen sein konnte?«
»Jahrzehntelange Erfahrung als Mann und Polizeibeamter. Ein Toter mit Dildo im Mund? So schwer war das nicht, Isabel. Danke trotzdem für die netten Worte.«
Vierkant lächelte. »Komm, ich wollte zu Jale, sie befragt die Händler.«
Leipold blieb stehen. »Geh du ruhig, ich habe den Veranstalter einbestellt. Er müsste jeden Moment da sein. Vielleicht weiß er etwas über die arme Seele.«
Vierkant konnte sich den Kommentar nicht verkneifen, der ihr auf der Zunge lag: »Was Interessantes gefunden? Irgendwelche Empfehlungen?«
»Was meinst du?«
»Vom Sortiment her. Werden auf Messen nicht die neuesten Produkte vorgestellt? Du bist schon länger hier, hast du dich nicht über das Angebot informiert?«
»Nicht du auch noch, Isabel!«, stöhnte Leipold.
»Komm, verstehst du keinen Spaß mehr?«, entgegnete sie und ließ ihn mit diesen Worten stehen.


Mit geradem Rücken in den Sitz gepresst, ordnete er die langen Haare und steckte die Hörer in die Ohren. Prompt setzte eine gelangweilt wirkende Vorlesestimme ein, ergoss sich plätschernd in sein Gehirn und führte ihn in Orhan Pamuks historisches »Istanbul«.
Es war früher Abend, er würde pünktlich zu Schichtbeginn ankommen, dachte er müde. Nur wenige Fahrgäste befanden sich mit ihm in dem Waggon der U3. Passend zu Pamuks Beschreibungen entdeckte er einen Mann in hellgrauem Anzug, der lieber stand, als sich auf einen der freien Plätze zu setzen. Er schien Türke zu sein, vielleicht Italiener. Der Mann neigte den Kopf zu Boden. Die dunklen Augen zuckten hin und her. Er war wohl in Gedanken vertieft, die ihm zusetzten, bis er ein Stofftaschentuch aus der Anzughose holte und die wulstigen Augenbrauen abtupfte.
Auf der anderen Seite des Waggons erblickte er eine verlebt wirkende Frau mit sonderbarem Hut. Sie kruschte in ihrer Handtasche, schien bester Laune zu sein, suchte und kramte, bis sie einen Lippenstift hervorholte und ein kräftiges Rot auftrug. Er dachte an seine Mutter, die bis zu ihrem Lebensende kein Make-up aufgetragen, kein Parfüm oder Deo benutzt hatte. Er wandte sich von der Frau weg zur Fensterscheibe. Die Leuchtstoffröhren der Tunnelbeleuchtung zogen an ihm vorüber. In der Spiegelung sah er sich, als wäre er sich fremd. Er fuhr sich mit der Hand über den Schnauzbart. Er trug ihn noch nicht lange, er kratzte, war ungewohnt. Eine Bewegung in der Spiegelung ließ ihn den Kopf wenden. Einige Reihen vor ihm saß sich ein Paar auf den Sitzbänken gegenüber. Beide in schwarzer Kleidung, beide kicherten.
Die stark geschminkte Frau lächelte den entspannt schmunzelnden Mann an. Er konnte sich ausmalen, was ihnen durch den Kopf ging, als er beobachtete, wie sie sich zu ihm beugte und ihre Zunge in seinen Mund steckte. Wahrscheinlich hatten sie dasselbe Ziel. Sie, um sich zu vergnügen, er, um zu arbeiten. Als bestätigte die Frau seine Vermutung, nahm sie auf seinem Schoß Platz. Der Mann umfasste ihre Pobacken mit beiden Händen. Ihr langes Haar fiel ihm über die Schultern, als sie ihm etwas ins Ohr flüsterte.
Verlegen sah er weg und konzentrierte sich wieder auf Orhan Pamuks episches Werk in seinen Ohren. Dem Text war schwer zu folgen. Er schloss die Augen und ließ die fein konstruierten Sätze auf sich wirken.
Zwei Stationen Fahrt lagen noch vor ihm. Er strich sich über den Bart und schleckte mit der Zunge über die Fingerkuppen. Eine Angewohnheit, die er nicht loswurde, seit er festgestellt hatte, dass Feuchtigkeit beim Rollen und Eindrehen von Zigarettenpapier Halt gab. Er rauchte nicht mehr. Der Tick war geblieben. Mit benetzten Fingern war er bei der Verabschiedung durch Nilays Haare gefahren. Durch den schwarzen, langen, unzähmbaren Schopf. Was war sie für eine Augenweide gewesen, eine wunderschöne Frau, die anzusprechen er niemals gewagt hätte.
Mit Frauen hatte er wenig Erfahrung. Mit Männern gar keine, obwohl er eine Zeit lang geglaubt hatte, schwul zu sein. Auf Sexseiten für Homosexuelle hatte er im Internet Fotos und Videos betrachtet. Nach stundenlangem Sichten lutschender und kopulierender Männer hatte er nichts entdeckt, was ihn erregte.
Dennoch passierte an demselben Tag etwas, was ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Er bekam die realen Beine und die rot gefärbten Fußnägel einer Frau zu Gesicht. Allein durch diesen Anblick war er sich sicher, nicht schwul zu sein. Das Begehren hatte die neue Nachbarin aus dem dritten Stock entfacht, die in sein Mietshaus in der Nähe des Josephsplatzes gezogen war. Der heimliche Blick auf die glatt rasierten Beine unter ihrem Rock hatte seine Fantasie angestachelt.
Seine Lippen bewegten sich bei der Einfahrt in die nächste U-Bahn-Station. Er ignorierte Pamuks Worte in seinen Ohren und wiederholte, was er gedacht und zu ihr im Stillen gesagt hatte. Bei der zufälligen Begegnung an der Müllcontaineranlage fragte er sie um Rat wegen eines türkischen Rezeptes. Sie bot ihm Hilfe an, er lud sie zu sich nach Hause ein. Kaum war die Wohnungstür hinter ihnen geschlossen, kniete sie im Flur nieder und verschaffte ihm Befriedigung.
Die Fantasie mit der neuen Nachbarin erschien ihm realer als die U-Bahn-Gäste und die monotone Stimme des Vorlesers. Istanbul war nicht monoton. Ihn als Neuankömmling hatte die Metropole mit tosender Energie und einer Mischung aus Meeresluft und Abgasgestank empfangen und beflügelt. In seinen Ohren erzählte Pamuk vom alten Istanbul, von den engen, hügeligen Gassen Sultanahmets. Er selbst spazierte in Gedanken, wie vor ein paar Wochen, durch die Straßen von Ortaköy, einem ehemaligen Fischerdorf am Ufer des Bosporus.
Dorthin hatte ihn Nilay bestellt, um sich mit einem kumpir für seine Hilfe zu bedanken. Er war der Einladung gefolgt, obwohl er sich lieber mit ihr in ein Dachrestaurant gesetzt hätte, um sie nach dem gemeinsamen Erlebnis besser kennenzulernen. Er hatte seinen Fotoapparat mitgebracht, doch hatte sie ihn gebeten, keine Fotos von ihr zu machen. Sein Magengrummeln übertönte die Fahrgeräusche der U-Bahn, als er in seiner Erinnerung die Riesenkartoffel befüllte. Zu Käse und Butter in der aufgeklappten Kartoffel hatte er sucuk, Maiskörner und Oliven, gehäuft. Dazu hatte er, wie Nilay es ihm vormachte, etwas Ketchup und viel Mayonnaise gegeben. Nilays mitleidiges Lächeln kam ihm in den Sinn, als er versuchte, mit der Plastikgabel das in Alufolie gewickelte Fast-Food-Gericht in den Mund zu befördern. Ketchup war auf sein T-Shirt getropft. Wie aufmerksam von ihr, hatte er gedacht, als sie ihm Papiertücher reichte. In ihrem Rücken glänzte die Medschidiye-Moschee mit den Minaretten wie ein Versprechen auf eine gemeinsame glückliche Zukunft. Den malerischen Blick über die Meerenge hatte er als Fotografie bereits in seiner Sammlung abgelegt. Nachdem er den Fleck abgewischt hatte, verabschiedete sie sich plötzlich. Bei der kurzen Umarmung war er mit den Fingern vorsichtig durch ihre Haare gefahren. Er hatte ihr ein Unglück erspart, sie aber ließ ihn einfach alleine zurück.
Bald darauf betrat Nilay einen Hauseingang. Er war ihr durch Gassen und Häuserschluchten gefolgt und musste nicht lange warten, bis sie ein Fenster des abbruchreifen Gebäudes öffnete. Sie hatte ein Kissen auf das Fensterbrett gelegt und zu den Hausfassaden gegenüber geschaut, die ihr den Ausblick zum Meer verstellten. Er hatte sich hinter einem Lastwagen versteckt und fotografierte sie, als eine zwischen den Häusern gespannte türkische Fahne an ihrem Gesicht vorbeiwehte. Dabei hatte er nachempfunden, wie einsam sich die junge, freundliche Türkin fühlte. Und trotzdem hast du mich verlassen, hatte er ihr zum Abschied zugeflüstert.
Die U-Bahn hielt mit quietschenden Bremsen. Er befreite sich von Pamuks gebetsmühlenartigen Sehnsuchtsattacken und stieg am Olympiastadion aus. Während hinter ihm der Mann in hellgrauem Anzug ebenfalls den Waggon verließ, überlegte er, was er anstellen könnte, um die neue Nachbarin kennenzulernen. Ob ihre Scham glatt und sauber rasiert war wie die von Nilay? Er würde es herausfinden. Er musste es herausfinden.

Su Turhan auf Lesereise

Su Turhan ist mit seinem neuen Krimi »Mordslust pur« auf Lesereise. 
>> Hier geht es zu den Lesungsterminen

Su Turhan zu Gast in der »BR Abendschau«

(ab Minute 23:00)

Giesing - Von Menschen und Löwen

Dokumentation über das Münchner Viertel, in dem Su Turhan lebt

Su Turhan zu Gast bei »BR Heimat - Habe die Ehre!«
»Das Sonntagsgespräch«

Su Turhan zu Gast in BR Bayern Plus

Orte in »Mordslust pur«

Jeden Fall seines bayrisch-türkischen Ermittlerpaars Zeki Demirbilek und Pius Leipold siedelt Autor Su Turhan in einem Münchner Stadtviertel an. Sein neuester Krimi »Mordslust pur« spielt in Schwabing.

Turhan nimmt seine Leser mit zu den wichtigsten Orten aus »Mordslust pur« und erklärt, was dort passiert, ohne jedoch zu viel zu verraten.

Su Turhan und sein Münchner Kommissar Demirbilek

Woher haben Sie die Ideen zu Ihren Romanen?

Das ist sehr unterschiedlich bei mir. Das kann ein müder Blick einer Frau in der U-Bahn sein, der mich unvermittelt trifft. Oder ein Bauchtanzkurs, den meine Tochter in der Schule besucht hat, der mich auf die Idee zu »Kruzitürken« führte. Ein Foto. Ein Albtraum, ein schöner Traum. Bewusst herbei geführt habe ich eine Idee, als ich auf der Wiesn bei den Abräumarbeiten stundenlang einfach nur da saß und nachdachte, bis ich in Gedanken jemanden mit Kaftan über die Theresienwiese laufen sah. Daraus entstand »Anstich«.

Doch mit Ideen alleine komme ich nicht weit. Sie sind meist Startpunkt für eine Geschichte, nicht mehr. Meine schriftstellerische Aufgabe ist es, genau diese Idee zu verstecken, den Leser mit den Figuren und der Handlung zu packen. Ideen begreife ich als den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.


Sie sind ja Regisseur - warum bzw. wann haben Sie damit angefangen, Bücher zu schreiben?

2013 erschien mein erster Kriminalroman »Kommissar Pascha«, etwa ein Jahr vorher habe ich mit dem Schreiben begonnen. Angefangen hat es in Mumbai, wo ich mit meinem Kinofilm »Ayla« auf einem Festival zu Gast war. Im Hotelzimmer entstand mein erstes Romanexposé mit der Hauptfigur Zeki Demirbilek. Was mich dabei faszinierte, war, dass ich mit der Romangeschichte nicht an ein Budget oder an Drehtage gebunden war. Ich war frei, künstlerisch frei, zu erzählen, was für mich wert war, Lesern anzuvertrauen.


Ihre Protagonisten, der bayerische Leipold und der türkische Demirbilek, sind sehr unterschiedlich, aber auch sehr ähnlich. Wo sind die Gemeinsamkeiten zwischen Türkei und Bayern?

Für mich als Melangeist, als jemand, der zwei Kulturen in sich trägt, ist das eine Frage, die einfach scheint, aber richtig schwer zu beantworten ist. Mir wird hie und da gesagt, dass ich gerne Klischees nutze. Das stimmt sicher. Wobei ich eher aufzeige, welche Gemeinsamkeiten in den Kulturen stecken. Wie auf verquere Weise in »Bierleichen«, Bier mögen Zeki und Pius gleichermaßen.
Als Schriftsteller erlaube ich mir zu überhöhen und zu vereinfachen. Am Ende läuft es auf das Menschsein hinaus. Ob sich ein Türke mit einem Bayern oder ein Japaner mit einem Preußen trifft, ist das nicht einerlei, sobald es um Emotionen, Wünsche und Sehnsüchte geht? Familie ist jedenfalls ein solcher gemeinsamer Nenner und spielt deshalb in meinen Romanen neben der Krimihandlung eine außerordentliche Rolle. Väter sind beide, Zeki Demirbilek und Pius Leipold. Beide lieben – allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Alle Fälle von Zeki Demirbilek

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