Steffen Möller & Christoph Rehage gewinnen ITB BuchAwards 2013
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Steffen Möller & Christoph Rehage gewinnen ITB BuchAwards 2013


News: Am Mittwoch, 30. Januar 2013

Im Rahmen der diesjährigen ITB BuchAwards werden gleich zwei Malik-Autoren am 8. März 2013 einen Preis entgegennehmen.

Autor und Kabarettist Steffen Möller überzeugte die Juroren in der Kategorie »Humor« im Bereich Reisebuch mit seinem Bestseller »Expedition zu den Polen«. In diesem schildert er eine höchst amüsante Bahnfahrt nach Warschau mit »grandioser Beobachtungsgabe in feinsthumoriger Schreibe«, heißt es von der ITB BuchAward-Jury.

Christoph Rehage wurde mit »The Longest Way«, einer Reisereportage quer durch China, und seinem zeitgleich bei National Geographic erschienen Bildband »China zu Fuß«, zum »Abenteurer des Jahres 2013« erklärt.

Rehage gelinge damit, laut Jury, »ein total verrücktes Unterfangen«, bei dem Leben und Menschen im Reich der Mitte »eindrucksvoll und unverstellt« festgehalten werden.

Die Auszeichnung ITB Berlin BuchAwards wird seit 2002 im Rahmen der ITB Berlin, der führenden Messe der weltweiten Reiseindustrie, jährlich für herausragende publizistische Werke und Leistungen im Bereich Reise und Tourismus verliehen.

Ausgewählt werden die Preisträger von einer unabhängigen und fachkundigen Jury aus Länderexperten, Medien und Buchhandel. Die Messe findet in diesem Jahr vom 6. bis 10. März 2013 in Berlin statt. Die Preisverleihung der ITB BuchAwards 2013 erfolgt am Freitag, 8. März.

Expedition zu den PolenExpedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

Polen, einst Land der Autodiebe und des billigen Wodkas, hat sich zum drittbeliebtesten Auswandererland der Deutschen gemausert. Aber darf man überhaupt mit dem Auto rüberfahren? Wie flirtet man mit einer schönen Polin? Welche Eheprobleme könnte es geben? Welche Überraschungen bei der Schwiegermutter in Krakau oder Danzig? Höchste Zeit für eine vergnügliche Reise ins Nachbarland, wo hinter jeder Türschwelle ein Kulturschock lauert.

Steffen Möller

Expedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

1Vom Gastarbeiter zum Emigration Consultant

»Was willst du denn in Asien?« riefen meine entsetzten Eltern, als ich 1994 nach Polen auswanderte. Auch meine neuen Warschauer Nachbarn runzelten die Stirn: »Sind Sie freiwillig gekommen oder werden Sie daheim per Steckbrief gesucht?«

Immer wieder musste ich erzählen, wie es ein Jahr zuvor begonnen hatte: mit einem Plakat an der Uni, einem zweiwöchigen Sprachkurs in Krakau und einem polnischen Kindergedicht, das den Titel »Samochwała – die Angeberin« trug. Und immer wieder erntete ich ein mitleidiges Lächeln. Den Deutschen galt Polen als Land der Autodiebe und Putzfrauen, Polen dagegen assoziierten Deutsche mit Heimwehtouristen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Viele Jahre später schrieb ich meine Geschichte auf. 2008 erschien sie unter dem Titel: »Viva Polonia – als deutscher Gastarbeiter in Polen.«

Die Reaktion war überwältigend. Ich erhielt fast 3000 Mails von Lesern, die das Buch kommentierten oder Fragen zu Polen stellten. Manchmal bekam ich den Eindruck, dass schon halb Deutschland auf gepackten Koffern saß.

Tatsächlich hatte ich, ohne es zu ahnen, einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Anfang 2010 wurde vom Statistischen Bundesamt bekannt gegeben, dass Polen im Jahr 2009 das drittbeliebteste Auswanderungsland der Deutschen war, hinter der Schweiz und den USA. Fast 13 000 Menschen waren nach Polen gegangen – und nicht nach Italien, Mallorca oder Großbritannien.

Handelte es sich dabei nur um Aus- und Übersiedler, die auf ihre alten Tage nach Oberschlesien und Masuren zurückwollten?

Nein! Die »Bild«-Zeitung, der Polen-Propaganda wahrlich unverdächtig, ging der Sache auf den Grund und bestätigte: sind auch viele richtige Deutsche dabei! Sie berichtete von einem Rentner, der die Pflegerin seiner Mutter heiratete und mit ihr hier nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurückzugehen.«

Doch es kam noch besser.

Polen war im Krisenjahr 2009 das einzige der 27 EU-Länder mit einem positiven Wirtschaftswachstum. Während Deutschland eine Einbuße von fünf Prozent hinnehmen musste, konnte Polen immerhin noch 1,7 Prozent Wachstum verzeichnen. Im Vergleich zu den südeuropäischen Mitgliedsländern ist Polen heute eine Art Musterknabe der EU. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn, der 1989 noch bei 25 Euro im Monat gelegen hatte, betrug 2010 bereits 900 Euro (in Deutschland 2010: 2650 Euro). Die Arbeitslosigkeit hat sich seit dem EU-Beitritt 2004 halbiert und lag im Sommer 2011 bei 11,7 %, also nur knapp über dem EUDurchschnittswert. In Großstädten wie Warszawa, Wrocław und Poznań tendiert sie gegen null.

Zur gewaltigen Dynamik, die durch die EU-Agrarsubventionen und Strukturfonds angestoßen wurde, kam noch die Nachricht, dass die Fußballeuropameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Sie führte in Polen zu einem gigantischen Bauboom. Drei Stadien wurden neu gebaut, ein viertes von Grund auf renoviert. Zählt man die Investitionen in die Infrastruktur des Landes hinzu, kommt man auf ein Gesamtvolumen von fast 20 Milliarden Euro. Wer in den Jahren 2010 und 2011 durch Polen fuhr, sah überall Bahnhofsrenovierungen, Autobahnbagger und nächtlich beleuchtete Gerüste. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es in Europa in keinem Land ähnlich große Baustellen gleichzeitig gegeben. Fazit: Innerhalb weniger Jahre hat sich Polen zu einem stabilen Wirtschaftsstandort in Mittel-Ost-Europa gemausert.

Krönung dieser Entwicklung war für mich eine eher unscheinbare Nachricht. Die Arbeitsämter Brandenburgs starteten 2010 ein Pilotprojekt. Eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen wurde zu Schulungen ins polnische Krosno an der Oder geschickt. Die circa zwanzig Hartz-IV-Empfänger lernten zunächst zwei Monate lang Polnisch, um dann in örtlichen Handwerksbetrieben eine Kurzausbildung zu durchlaufen. Das Ziel bestand darin, sie flexibler für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen.

Als ich diesen Artikel entdeckte, kamen mir endgültig die Tränen. Nun erst glaubte ich an die Trendwende. Fast zwanzig Jahre lang war ich ein Träumer gewesen, ein naiver Idealist. Von nun an durfte ich mich als Pionier der neuen Zeit betrachten. Ach, wie schön, dass sich die Zeiten ändern!

Noch unmittelbar vor meiner ersten Fahrt nach Polen 1993 hatte mir ein lieber Berliner Freund den folgenden Witz erzählt: Eine gute Fee kommt zu einem Ossi, einem Wessi und einem Polen und gewährt jedem einen Wunsch. Der Pole wünscht sich, dass jeder seiner Landsleute einen Porsche bekommt.

»Gut«, sagt die Fee. »Der Wunsch ist erfüllt.«

Der Ossi wünscht sich, dass die Mauer wieder aufgebaut wird.

»Gut«, sagt die Fee, »auch dieser Wunsch wird erfüllt. Und du?«, wendet sie sich an den Wessi, »was willst du?« – »Och«, brummt der Wessi zufrieden, »wenn jeder Pole einen Porsche hat und die Mauer wieder steht … einen Cappuccino bitte!«

Knapp zwanzig Jahre später ist alles anders. Die Autodiebstähle innerhalb Polens sind um etwa 75 Prozent zurückgegangen (in Deutschland um etwa 65 Prozent), und Asien liegt heute an der Wupper. Meine Heimatstadt Wuppertal versinkt in Schulden, 2010 lagen sie bereits bei über zwei Milliarden Euro. Das städtische Theater soll geschlossen werden, die Stadtbibliothek bekommt kaum noch Mittel für die Anschaffung neuer Bücher, der Oberbürgermeister hat in seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal das Geld für eine Fahrt in die polnische Partnerstadt Legnica auftreiben können.

Und das Schlimmste: Seit etwa zehn Jahren verliert Wuppertal jedes Jahr zwischen 2000 und 4000 Bürger. Von den einstmals 400 000 Einwohnern sind 2010 noch 350 000 übrig geblieben. Wo stecken die fehlenden 50 000 Menschen? Häufiger, als man denkt, lautet die Antwort: in Polen.

Angesichts dieser veränderten Lage kam ich auf die Idee, ein neues Buch zu schreiben, einen Polen-Crashkurs für Auswanderer. Während ich mich in »Viva Polonia« noch wie ein Märchenerzähler fühlte, der Geschichten aus einem exotischen Land am Ende der Welt darbot, wollte ich nun konkret werden, mit Tabellen und Statistiken für Sachbuchleser. Um zunächst einmal die Fragen und Nöte meiner Landsleute kennenzulernen, tourte ich als Emigration Consultant durch Deutschland. Zwischen 2008 und 2012 bin ich einige Hundert Mal zwischen Kiel und München aufgetreten. Die Publikumsmischung war hochinteressant. Meinen Ausführungen über Polen, seine Bewohner und die Kulturschocks, die unter jeder Türschwelle lauern, lauschten nicht nur potenzielle Auswanderer, sondern auch viele deutsche Ehemänner, die sich über die Heimat ihrer polnischen Frauen informieren wollten. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie groß die Zahl dieser deutsch-polnischen Paare ist. Wer von »Hunderttausenden« spricht, dürfte nicht übertreiben. Wie ich erfuhr, erwägt auch so mancher Ehemann inzwischen, seinen Job in Reutlingen oder Bremerhaven aufzugeben und ins Land der Schwiegermutter überzusiedeln, wo die Steuern niedrig und die Investitionsanreize hoch sind.

Daneben gab es aber auch Menschen im Publikum, die noch keine Lust oder keinen Mut hatten, nach Polen zu fahren. Sie wollten einfach nur etwas über ihre polnischen Mitbürger erfahren. Denn auch in Deutschland lebt man ja längst »zwischen den Polen«. Bis zu zwei Millionen Menschen sprechen Polnisch als Muttersprache. Von allen Migranten bilden die Polen, nach den Türken, mit etwa 11 Prozent die zweitstärkste Gruppe. Im Jahr 2011 sind nach offiziellen Angaben 115 000 Polen nach Deutschland eingewandert, was mit 17 Prozent aller Einwanderer die bei Weitem stärkste Gruppe ausmachte. Es kann vermutlich nicht schaden, einige Informationen über den Aberglauben, die Schimpfwörter oder die Schulbildung der neuen Nachbarn zu bekommen.

»Zwischen den Polen« – so könnte man auch meine eigene Situation beschreiben. Zwar habe ich meine Rolle als deutscher Kartoffelbauer in der polnischen Telenovela »M jak Miłość – L wie Liebe« inzwischen aufgegeben, doch bewohne ich immer noch meine langjährige Wohnung im Warschauer Stadtteil Muranów. Gleichzeitig miete ich eine Arbeitswohnung in Berlin. So kommt es, dass ich jeden Monat mehrmals zwischen Warschau und Berlin, den beiden Polen meines Lebens, hin und her pendele. Auf einer dieser Reisen, die ich stets im bequemen Eurocity absolviere, kam mir die Idee, das neue Polenbuch in Form einer Zugfahrt zu gestalten.

Erstens ist eine Zugreise die ideale Lösung für alle Skeptiker, die immer noch Angst um ihr Auto haben. Während ihr Liebling in der Garage steht, können sie vom Zug aus die Landschaft genießen. Eine bequemere Art des Erstkontakts gibt es nicht. Vermutlich wäre die Zahl deutscher Polenurlauber doppelt so groß, wenn sich herumspräche, wie preisgünstig und attraktiv der Berlin-Warszawa-Express ist.

Zweitens besticht dieser Zug durch seine einmalig schöne Streckenführung. Die Eisenbahntrasse durchschneidet Polen von der Grenze bis Warschau auf einer Länge von fast 500 Kilometern. Wer aus dem Fenster schaut, gewinnt einen phantastischen Eindruck von den drei großen Landschaften Lubuskie (Lebus), Wielkopolska (Großpolen) und Mazowsze (Masowien). Auch an Rekorden mangelt es nicht. So wird unterwegs die Kleinstadt Świebodzin passiert, die mit Europas höchster Christusstatue aufwarten kann. Und in Poznań, das genau in der Mitte der Strecke liegt, befindet sich ganz offiziell der Welt »schönstes Einkaufszentrum mittlerer Größe«.

Drittens kann man in diesem Zug ganz beiläufig die deutschpolnischen Befindlichkeiten studieren. Zugfahrten zeigen die Menschen von ihrer privaten Seite, über viele Stunden hinweg. Ob sich im Speisewagen ein Ehepaar streitet oder ein melancholischer Heimaturlauber über sein Leben in Deutschland räsoniert – man erfährt hier Dinge, die nicht in der Zeitung stehen. Mit ein bisschen Glück lassen sich sogar tiefere Bekanntschaften anknüpfen. So mancher deutsche Tourist wurde schon von einem polnischen Mitfahrer nach Hause eingeladen und sparte auf diese Weise die Hotelkosten. Es sollen sogar Bundesbürger in Berlin als Single eingestiegen und in Warschau als Verlobte wieder ausgestiegen sein.

Ich lade also herzlich dazu ein, mich auf einer meiner Reisen von Berlin nach Warschau zu begleiten. Unterwegs werde ich versuchen, ein guter Reiseleiter zu sein und die unvermeidlichen Kulturschocks so abzufedern, dass sie einigermaßen erträglich werden. Doch auch nach fast zwanzig Jahren ist immer noch jede Fahrt mit dem Eurocity Berlin-Warschau ein neues Abenteuer. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland einen zweiten Zug mit einer ähnlich prickelnden Passagiermischung gibt. Umso mehr wünsche ich uns, was man sich in Polen vor einer großen Reise wünscht: »Szerokiej drogi – breiten Weg!«

2 Berlin Hbf. – Berlin Ostbahnhof

Entfernung: 6 km

Fahrzeit: 10 Minuten

Kulturschock: noch keiner

Wort der Strecke: Rajzefiber

 

Im Urstromtal

Die letzte Eiszeit in Mitteleuropa war ein Glücksfall für die Eisenbahningenieure. Geologen streiten zwar noch darüber, ob die sogenannte »Weichsel-Eiszeit« schon vor 18 000 oder erst vor 10 000 Jahren zu Ende ging, interessant ist aber auf jeden Fall, welche gigantischen Weichen damals gestellt wurden. Als sich der Kontinent langsam wieder erwärmte, schmolzen einige riesige Gletscher ab. Ihr Schmelzwasser konnte infolge fester Landeismassen im Norden und Süden nur nach Westen, in Richtung Nordsee abfließen. Ein ungeheurer Urstrom entstand und wälzte sich auf einer Breite von zwanzig Kilometern quer durch Mitteleuropa, von der Umgebung des heutigen Warschaus bis in die Gegend des heutigen Berlins. Das ausgetrocknete Bett dieses Stroms wird von Geologen heute als »Warschau-Berlin-Urstromtal« bezeichnet. Hier konnten im Jahr 1870 bequem die ersten Schienen von Berlin nach Warschau verlegt werden, 560 Kilometer naturgegebener Eisenbahntrasse, ohne lästige Gebirge oder Seen. Der Gleisunterboden war zwar, wie in Flussbetten üblich, überaus sandig (daher der berühmte »märkische Sand«), doch boten sich den Ingenieuren auf der exakt gleich langen Westroute von Berlin nach Köln wesentlich unangenehmere Hindernisse, etwa das Harzgebirge. In Richtung Osten waren nennenswerte technische Konstruktionen nur bei der Überbrückung von Oder und Warthe erforderlich.

Einen enormen Kontrast zu den geringen geografischen Hindernissen bilden die kulturellen und sprachlichen Hemmschwellen. Von den neun deutschen Landesgrenzen dürfte die polnische Grenze diejenige mit dem größten Schockpotenzial sein. Mit einem Schlag versteht man gar nichts mehr – und ist auch nicht darauf vorbereitet. Von der Geschichte, Dichtung und Kultur des zweitgrößten Nachbarvolkes wird deutschen Schülern so gut wie nichts beigebracht, sieht man von einigen traurigen Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Bereits der Kniefall Willy Brandts im Jahr 1970 ist nach meiner Beobachtung der jüngsten Generation nicht mehr vertraut, in Polen übrigens noch weniger als in Deutschland. Bei mir selbst war es kaum anders. Bevor ich mit 24 Jahren erstmals nach Krakau fuhr, hatte ich längst das sonnige Paris, das geheimnisvolle Prag und das fröhliche Kopenhagen besucht. Ins »katholische Polen« hätten mich keine zehn Pferde bekommen; das Land erschien mir, ehrlich gesagt, wie eine einzige Karikatur, bewohnt von schlauen Autodieben, pfiffigen Handwerkern, strubbeligen Putzfrauen, billigen Prostituierten und einem schon zu Lebzeiten legendären Lech Wałęsa. (Natürlich wusste ich auch nicht, dass man ihn »Wawensa« ausspricht.)

Trotz der veränderten Faktenlage hat sich an diesem ungünstigen Image in Deutschland bis heute nicht allzuviel geändert. Polen hätte mal eine richtig professionelle Marketingkampagne verdient. Ein bescheidener Anfang dafür könnte die Zauberformel vom »Warschau-Berlin-Urstromtal« sein. Sie macht noch dem letzten Ignoranten klar, dass eine Reise nach Polen zumindest aus geologischer Perspektive nichts anderes ist als ein Spaziergang von einer Ecke des Wohnzimmers in die andere.

 

Der Berliner Hauptbahnhof

Alles beginnt am Berliner Hauptbahnhof einige Jahre nach seiner Einweihung im Jahr 2006. Keine Frage: Mit diesem Bauwerk hat Berlin derzeit den prächtigsten Bahnhof des gesamten Urstromtals zu bieten. Doch das war nicht immer so. Bei seiner Fertigstellung im Jahr 1975 trug noch der Warschauer Zentralbahnhof mit seinem kühn geschwungenen Dach den Sieg davon. Bereits in den Achtzigerjahren verfiel das Wunderwerk, Polen stöhnte unter dem Klammergriff des Kriegsrechts. Bahnhöfe sind das Gesicht einer Stadt, auf dem sich alle ihre Erlebnisse widerspiegeln, und so ergraute der Zentralbahnhof quasi über Nacht. Der sozialistische Alltag machte sich breit, unübertrefflich symbolisiert in den spitzengeklöppelten Gardinchen, die in den Bürofenstern hingen.

Dreißig Jahre später ist Berlin fast uneinholbar in Führung gegangen. Der neue Berliner Hauptbahnhof darf als imposant bezeichnet werden. Weiße Ausflugsdampfer schippern unter ihm hindurch, denn seine Ausläufer schweben auf Riesenpylonen direkt über der Spree, nur einen Steinwurf von Reichstag und Bundeskanzleramt

entfernt.

Die Baumaterialien waren, wie üblich in der jungen Berliner Republik, Beton, Glas und Stahl. Ausdrücklich nicht erwünscht war Holz. Der Architekt verbat sich auch jede frohe Bemalung. Sein Werk sollte cool wirken, so grau wie die rings um den alten Reichstag gesetzten Abgeordnetenbüros, so eckig wie der gigantische Vogelkasten des Kanzleramts. Gilt auch hier die Regel, dass ein Bahnhof die Befindlichkeit seiner Stadt widerspiegelt, ja vielleicht sogar der gesamten Berliner Republik? Wir wollen es nicht hoffen und die Verantwortung für all das kahle Grau allein dem Architekten zuschieben. Wer allerdings seinen wunderbar poetischen Namen hört, kann ihm nicht mehr böse sein, denn man sieht plötzlich Farbe auch dort, wo sie eigentlich nicht ist: Meinhard von Gerkan. Glücklich, wer mit einem solchen Namen gesegnet ist. Ein Klaus Löffelke oder Heiko Schulte hätte die Ausschreibung sicherlich nicht gewonnen.

Hier also, in einer lang gezogenen Kurve direkt am Wasser, einem höchst ungewöhnlichen Ort für Bahnhöfe, fahren im Minutentakt die Züge ein und aus, rote Regionalexpresse mit doppelstöckigen Waggons, weiße ICEs mit aerodynamischen roten Seitenstreifen, dazu kantige beige-rote S-Bahn-Züge und gelegentlich mal eine vereinzelte, verirrte Lok, die zur Wartung nach Rummelsburg eilt, dem nächsten Bahnbetriebswerk.

Im Innern des Bahnhofs wurden auf Geheiß Meinhard von Gerkans fünf Ebenen eingezogen. In den oberen Etagen gibt es große Aussparungen im Boden, sodass man fast vierzig Meter hinab in die Halle schauen kann. Da sieht man ruhige Rolltreppen, auf denen die Reisenden hinab- und hinaufgleiten; man sieht gläserne, runde Aufzüge, in denen Mütter mit Kinderwagen wie in Heißluftballons aufsteigen – und man sieht sogar manchmal noch aus vierzig Metern Entfernung, dass diese Mütter vor Wut kochen, da sie auf die hypermodernen, aber hyperlangsamen Kapseln endlos warten müssen.

Was sieht man noch in der riesigen Halle? Man sieht vor allem Menschen, Menschen, Menschen. Sie schwärmen in die Bäckereien und Zeitschriftenläden, in die Apotheke oder den McDonald’s, in den Burger King oder Drogeriemarkt, in mehrere Souvenirläden oder Modeboutiquen, ja sogar in einen Fanshop des örtlichen Fußballklubs Hertha Berlin – und alle, alle zahlen die überhöhten Bahnhofspreise klaglos gemäß dem uralten Gesetz, dass Reisenden in ihrer Hektik der Sinn für Cent und Euro abhandenkommt.

Spät abends erst beruhigt sich das Menschengewühl. Wenn nach Mitternacht die letzten Züge eingelaufen sind, bleiben nur noch einige Männer übrig, die auf knallbunten Reinigungsmobilen über die schwarzen Marmorböden gleiten. Auch sie verschwinden schließlich schwatzend in der Nacht – »Auf Wiederhörnchen! Bis dannemannski!« –, und dann bricht eine Art Urwaldstille herein. Letzter Mensch im Gebäude ist der Azubi am Servicepoint. Missmutig schiebt er sich eine Haarsträhne unter seine rote Mütze. Erst gegen fünf Uhr morgens kann er wieder »Moin!« rufen.

Dies ist der Ort, von dem aus jeden Tag fünf Eurocity-Züge nach Polen fahren, vier davon nach Warschau, einer nach Krakau.

 

Auf dem Bahnsteig

Ich persönlich fahre am liebsten mit dem allerersten Eurocity, morgens um 6.40 Uhr. Sechs Stunden später bin ich dann bereits in Warschau und kann mich zum Lunch mit Freunden treffen. Während sie ihren Vormittag im Bett oder bei Ikea vertrödelt haben, bin ich mit Tempo 160 durch die Lande gebraust und konnte mir einbilden, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Außerdem liebe ich die frühmorgendliche Stimmung in Berlin Mitte. Meine kleine Wohnung liegt so nah am Hauptbahnhof, dass ich bequem mit dem Fahrrad hinfahren kann. Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Regierungsviertel sind um diese Zeit noch still und menschenleer. Ein leichter Morgendunst hängt über der Spree, und unter den Riesenpylonen liegen Backpacker in sandigen Schlafsäcken.

Ich stelle das Rad vor dem Bahnhof ab, springe in Gerkans Wunderbau und kaufe mir im DB-Reisecenter die Fahrkarte. Sie kostet (im Jahr 2012) in der zweiten Klasse 48,60 Euro. Davon gehen 19 Euro an die Deutsche Bahn. Mit anderen Worten: Für die 80 Kilometer bis Frankfurt/Oder, etwa 15 Prozent der Fahrtstrecke, müssen 40 Prozent des Preises bezahlt werden.

Wer eine Bahncard 50 besitzt, zahlt für die gesamte Strecke nur 31,70 Euro. Er hat nämlich außer seiner 50-prozentigen Ermäßigung innerhalb Deutschlands auch noch Anrecht auf einen Preisnachlass von 25 Prozent auf dem polnischen Streckenabschnitt (Rail Plus).

Mit der Fahrkarte und meinem Köfferchen in der Hand begebe ich mich über die meist gut funktionierende Rolltreppe zum Bahnsteig 11 hinauf. Oben warten bereits einige Reisende. Viele Jahre lang habe ich mich darüber gewundert, dass die frühe Morgenstunde keineswegs allen Leuten anzusehen ist. Manche haben auch um halb sieben schon normal große Augen und schön gekämmte Haare; kein Vergleich zu meiner Zerknautschheit. Mit um die Angsthasen, die in der Nacht vor der Reise kaum geschlafen haben, aus Angst, den Zug zu verpassen. Für sie ist der Tag deshalb schon mehrere Stunden alt. Sie haben sich den Wecker auf drei Uhr gestellt, anschließend lange geduscht und schön die Haare gekämmt. Ab sechs Uhr stehen sie gestiefelt und gespornt auf dem Bahnsteig und sind so aufgeregt, dass sie ihren verlorenen Schlaf auch auf der Reise nicht nachholen können. Man nennt ihren Zustand Reisefieber, auf Polnisch übrigens ebenfalls: Rajzefiber.

Um mir die Minuten bis zur Einfahrt des Zuges zu vertreiben, mache ich ein kleines Spiel. Ich versuche, die Wartenden in Polen und Deutsche zu sortieren. Noch in den Neunzigerjahren war das ein Kinderspiel. Die Deutschen konnte man an prallen City-Rucksäcken erkennen, die Polen an ausgebeulten karierten Riesentaschen. Deutsche Frauen hatten ihr Haar hochgedreht, abrasiert oder festgesteckt, polnische Frauen trugen es meist offen und lang, oft auch kupferrot gefärbt. Polnische Männer wiederum hatten Schnurrbärte, weil der wild herabgezwirbelte Seelöwenschnurrbart seit Jahrhunderten Erkennungszeichen der polnischen Adligen war.

Mit dem neuen Jahrtausend wurde die Sache komplizierter. Kleidung und Haarmode des Ostens glichen sich der des Westens an. Wie steht es zum Beispiel mit dem jungen Mann da drüben in den hellbraunen Lederschuhen, dem lässigen beigen Cardigan und der schwarzen Designerbrille? Er könnte ein alerter Projektmanager aus Berlin-Mitte sein, vielleicht aber auch ein polnischer Yuppie, der am Freitagabend aus Poznań gekommen ist und sich am Wittenbergplatz ein schönes Wochenende gemacht hat.

In diesem Moment ertönt eine Bahnsteigdurchsage. Der Eurocity verspätet sich um fünf Minuten. Statt mich zu ärgern, nutze ich die Zeit, um noch einmal den modernsten Bahnhof der Welt zu bewundern. Ich beuge mich über das Geländer und spähe adlergleich nach unten. Zwar ist dieser Bahnhof von außen leicht mit dem Hauptsitz der Barmenia-Versicherung in Wuppertal zu verwechseln; von innen aber ist er ein Wunder an transparenter Funktionalität. Ganz unten sehe ich auf der Nord-Süd-Achse einen ICE einfahren, zwei Stockwerke höher eine zierliche Koreanerin, die einen schwarzen Konzertflügel in Stellung bringt, um gleich in der morgendlichen Stoßzeit ein furioses Frühstückskonzert zu geben. Gut möglich, dass heute Abend anstelle der Koreanerin ernste Tänzer in schwarzen Hemden einen argentinischen Tango tanzen werden, auch das ist in diesem Bahnhof schon vorgekommen. Für Berlins drei Komma fünf Millionen Exhibitionisten ist hier wirklich eine schöne neue Bühne entstanden.

Der Zug lässt immer noch auf sich warten. Das gibt mir die Möglichkeit, eine kleine Anekdote loszuwerden, die ich meinen privaten Besuchern gerne erzähle. Nach Abschluss des Bahnhofsbaus klagte der Architekt Meinhard von Gerkan gegen die Deutsche Bahn, weil ihre Ingenieure an der Deckenkonstruktion des Untergeschosses eine von ihm nicht genehmigte Veränderung vorgenommen hatten. Er gewann den Prozess und bekam acht Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Meine polnischen Gäste finden das unerhört spannend und fangen plötzlich an, Deutschland zu lieben. »Wie bitte? Ein Einzelmensch gewinnt einen Prozess gegen den Staat? In Polen würde der Kerl einen Tritt in den Hintern bekommen.«

So, jetzt wird die Warterei allmählich nervig. Ich trete an den Fahrplan und gucke mir die nächsten Züge an. Um 9.35 Uhr wird der Eurocity »Wawel« nach Krakau abfahren. Mit ebendiesem Zug gelangte ich 1993 zum ersten Mal nach Polen. Zwei Wochen lang verbrachte ich in der mittelalterlichen Stadt mit der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität und dem mächtigen Wawel-Burgberg. Dort in Krakau steht meine polnische Wiege, dort habe ich später auch ein ganzes Jahr lang gewohnt. Seitdem ist Krakau kometengleich in die touristische Weltklasse aufgestiegen. Bei einer Abstimmung des Touristenportals Zoover, an der 85 000 Internet-User teilnahmen, landete die Stadt 2011 auf Platz zwei in Europa, direkt hinter Berlin, aber noch vor Barcelona und Rom. In den Kategorien »Atmosphäre« und »Nachtleben« belegte sie sogar Platz eins.

Doch die Fahrt dorthin ist von Berlin aus kein Zuckerschlecken. Die Gleise sind auf dieser Strecke so alt, dass sich der Eurocity im Schneckentempo voranquälen muss. Wer noch nicht wusste, wie groß Oberschlesien ist, wird es auf dieser Reise erfahren. Sie dauert – bei 600 Kilometer Entfernung – ganze zehn Stunden, dazu kommen noch häufige Verspätungen. Dabei geht es unterwegs durch dichte, düstere Wälder, wo jeglicher Handyempfang erstirbt. Die Warschauer Strecke ist fast genauso lang, kostet aber nur sechs Stündlein und führt dabei ganz überwiegend durch lichte Ebenen, und zwar auf einem drei Meter über der Erde schwebenden Bahndamm, sodass die Aussicht hervorragend ist und auch das billigste Handynetz noch perfekten Empfang hat. Nein, wirklich – jedem, der nach Krakau will, kann ich nur freundschaftlich raten, den Zug nach Warschau zu nehmen und dort in den Intercity nach Krakau umzusteigen. Man wird dann immer noch zwei bis vier Stunden eher vor Ort sein als mit dem wälderdüsteren »Wawel«-Express.

 

Die Befreiung Wiens

Und nun ist es so weit. Der Eurocity fährt ein. Da der Berliner Hauptbahnhof, wie schon gesagt, in einer langgestreckten Kurve liegt, biegen sich die Waggons konvex zum Bahnsteig hin, so als würde der Zug mit der Hüfte kreisen. Vorneweg rollt eine hypermoderne blaue Lokomotive, die man in Deutschland nur selten sehen kann.

Doch das ist kein Grund zur Besorgnis! Es handelt sich um eine von der Firma Siemens gebaute Mehrsystemlok vom Bautyp ES64U4. Die polnischen Staatsbahnen PKP (Polskie Koleje Państwowe) führen sie als Baureihe EU 44 und haben Siemens pro Stück 4,5 Millionen Euro gezahlt. Wegen ihrer silbernen, helmartig abgerundeten Front, bei der die Windschutzscheibe wie ein heruntergeklapptes Visier wirkt, hat die Lok von den polnischen Eisenbahnern den Spitznamen »Husarz« (Husar) bekommen. Das ist eine Anspielung auf die schwer gepanzerten Reiter des Königs Jan Sobieski, die 1683 die türkischen Belagerer Wiens hinwegfegten. Charakteristisch für die Husarenrüstung waren die hoch über den Kopf ragenden Rückenflügel, die beim Angriff bedrohlich klirrten. Die Husarenlok existiert auch in einer Version für die Österreichischen Staatsbahnen, heißt dort allerdings »Taurus«, vielleicht, weil man in Österreich die Anspielung auf 1683 nicht mitmachen will. »Jan Sobieski? Wer war Jan Sobieski? Wien wurde doch von unserem Prinz Eugen befreit!« (Haha! Jeder Pole weiß, dass Prinz Eugen 1683 ein gerade mal zwanzigjähriger Oberstleutnant war! Ohne König Sobieski und seine Husaren wäre Wien heute die Hauptstadt der Türkei!)

Die sechs Waggons hinter der Lok sind weiß und erinnern stark an deutsche Intercity-Waggons. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sie von einem blauen statt einem roten Seitenstreifen gesäumt werden. In diesen Streifen eingelassen steht der Name des Zuges: »Berlin-Warszawa-Express«.

Eine Bemerkung zu den Eigentumsverhältnissen: Außer der Lok gehören auch die vier Waggons der zweiten Klasse den Polnischen Staatsbahnen. Der für mich persönlich wichtigste Waggon, der Speisewagen WARS, befindet sich zwischen der ersten und zweiten Klasse und gehört der Deutschen Bahn, wird allerdings von der polnischen PKP bewirtschaftet. Hinter dem Speisewagen kommt dann noch ein Erste-Klasse-Waggon. Er gehört ebenfalls der Deutschen Bahn. Also lautet die Waggonformel: erste Klasse Deutschland, zweite Klasse Polen. Ein Schelm, wer daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ableitet.

Rein technisch gesehen ist die Waggonmischung der Anlass für immer neue Rangeleien zwischen den beiden Bahngesellschaften. Muss das deutsche Bahnbetriebswerk Rummelsburg auch einen polnischen Waggon reparieren? Wer ist schuld, wenn im ganzen Zug die Air-Condition versagt, Berlin oder Warschau? An manchen Tagen rächen sich die Technikerteams an der jeweiligen Gegenseite, indem sie einen defekten Waggon kurzerhand abhängen oder verplomben, statt ihn gutmütig zu reparieren. Ja, dieser Zug ist ein perfektes Abbild der großen Politik, ein fahrendes Symbol der Völkerverständigung.

 

Abschied vom Amtsdeutsch

Ich steige ein und marschiere in den Zweite-Klasse-Waggon, in dem sich laut Platzkarte mein Abteil befindet. Es ist glücklicherweise leer. Ich freue mich auf drei Stunden Schlaf. Die grünlich-türkisfarbenen Polstersitze wirken einladend sauber und weich.

Seltsamerweise geht die Fahrt aber noch nicht los. Ich trete wieder hinaus auf den Gang, um durchs Fenster auf den Bahnsteig zu lugen. Das Fenster lässt sich leider nicht öffnen. Im gesamten Zug können nur im Speisewagen zwei Fensterchen heruntergeschoben werden. Plötzlich ist eine Durchsage der Schaffnerin zu hören: Die Abfahrt verzögere sich leider noch um einige Minuten, da auf Anschlussreisende gewartet werden müsse.

Um noch einmal frische Luft zu schöpfen, gehe ich zur offenen Waggontür und spähe unter die Glaskuppel des Bahnhofs. An der riesigen Querfront der Halle hängt eine Dauerreklame der »Berliner Morgenpost«. Der Werbespruch lautet: »Hier ist die Hauptstadt. Wir sind die Zeitung«. Diese Reklame ist ein frommer Wunsch und sollte lauten: »Wir wären gerne die Zeitung.« In Wahrheit liest der Berliner die »Berliner Zeitung«, den »Tagesspiegel « oder die »B.Z.«. In Polen ist dem Axel-Springer-Verlag mehr Glück beschieden. Seine Tageszeitung »Fakt« beherrscht den Markt.

Ich sehe zwei Tauben nach, die über einem einfahrenden Regionalexpress entlangschweben, längst abgehärtet gegen das nervtötende Quietschen der Bremsen.

Plötzlich werde ich angeschnauzt. »Können Sie mal bitte den Eingangsbereich frei machen?« Eine junge Mutter, die ein puterrotes Kleinkind hinter sich her zieht, springt hektisch in meinen Waggon hinein, als wäre ihr der Exmann auf den Fersen. Offensichtlich gehört sie zu den verspäteten Anschlussreisenden, die eben angekündigt wurden. Sie hat sich die blonden Haare im Knoten zusammengesteckt, trägt einen beigen Cordanzug und darunter eine rote Kapuzenjacke. Ihr Töchterchen hat eine Miniaturausgabe der roten Kapuzenjacke an. An ihrem blauen Rucksäckchen baumelt eine Plüschrobbe.

Wie deutsch von der Mutter, dass sie das bürokratische Wort »Eingangsbereich« benutzt hat! Ich interpretiere das zunächst als perfiden Trick: Wer mit Rechtsanwaltsbegriffen um sich wirft, will den Leuten Angst einjagen. Doch, gerührt durch die Plüschrobbe am Rucksack der Tochter, denke ich: Die gehetzte Mutter hat es gar nicht so böse gemeint. Sie übernimmt einfach die vorgegebenen Stanzformen der Deutschen Bahn. Wer hundertmal »Eingangsbereich« statt Tür oder »Zugbegleiter« statt Schaffner gehört hat, sagt es am Ende selbst.

In Polen weht in dieser Hinsicht glücklicherweise ein anderer, freierer Wind. Die Alltagssprache wird viel weniger von technokratischen oder bürokratischen Wörtern verschandelt. Der Schaffner zum Beispiel ist immer noch der »Konduktor«. Daran konnte noch keine Bahndirektion etwas ändern.

Die hektische Frau mit ihrer völlig ausgepowerten Tochter quetscht sich hinter mir in ein Abteil hinein, aber noch immer geht die Fahrt nicht los. An der Tür des Nachbarwaggons verabschiedet sich eine zierliche Polin von ihrem ältlichen deutschen Freund. Sie lehnt sich hinaus und küsst ihn auf die Stirn, er setzt den Fuß auf die Stufe des Waggons, legt beide Arme um ihre Taille und sieht unglücklich zu ihr auf. Sie sagt mit starkem Akzent: »Ich hab dich lieb, Mensch, pass auf dich auf.« Er reißt sich theatralisch los, geht zur Treppe, dreht sich noch einmal um, ruft irgendwie verzweifelt und viel zu laut: »Komm mich mal besuchen, komm mal nach Berlin, komm mal.« Sie guckt pikiert weg. Kein polnischer Mann würde so gefühlsbehindert in der Öffentlichkeit herumschreien.

Und nun endlich ruckt der Zug an. Die Fahrt beginnt.

 

Ausstieg in Fahrtrichtung links

Aber noch gehe ich nicht ins Abteil zurück. Am Gangfenster stehend, verfolge ich die spektakuläre Reise durch die innersten Bezirke der Hauptstadt. Der Zug schiebt sich auf den Spreeviadukt hinaus. Langsam beschreibt er einen Viertelkreis und taucht alsbald in die intime Welt großer Wohnhäuser ein, sodass man in Arztpraxen und Büros hineinschauen kann. Einmal tut sich zwischen den Riesengebäuden eine Lücke auf; man sieht noch einmal das Kanzleramt, schon grünlich-moosig abgewittert, wie eine viereckige Sphinx, die dem Reichstag gegenüber lagert. Im Jahr unserer Reise residiert hier noch Angela Merkel, doch sind die Beliebtheitswerte ihres Kabinetts derartig abgebröckelt, dass sie an diesem schönen Morgen vermutlich gerne mit nach Polen fahren würde.

Der Zug überquert langsam den Viadukt über der Museumsinsel. Und nun macht die Schaffnerin ihre nächste Ansage: »Guten Morgen, meine Damen und Herren. Wir begrüßen Sie im Eurocity nach Warszawa Wschodnia. In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Berlin Ostbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Ladies and Gentlemen, next stop: Berlin Eaststation.«

Diese Ankündigung macht vermutlich kaum jemanden wirklich nervös. Wer wird denn schon gleich am Ostbahnhof wieder aussteigen? Und wer ist, bitteschön, so blöd, dass er bei der Einfahrt in den Bahnhof nicht mitbekommt, auf welcher Seite sich der Bahnsteig befindet? Unzählige Male habe ich schon darüber gegrübelt, welches Motiv sich hinter dieser Durchsage verbirgt. Vielleicht erhalte ich auf der heutigen Fahrt endlich einen Fingerzeig?

Zunächst einmal möchte ich aber die verbleibenden »wenigen Minuten« dazu nutzen, drei konkrete Fragen zu beantworten, die mir von potenziellen deutschen Auswanderern immer wieder gestellt werden. Wer mit meinen Antworten unzufrieden ist, kann am Ostbahnhof brutal die Reißleine ziehen und sich aus dieser ganzen Polennummer verabschieden – auch auf die Gefahr hin, dass ich ihn als Feigling beschimpfen werde. Lieber Feigling als Romantiker.

Die erste konkrete Frage lautet: Wo liegt Polen eigentlich?

Ich bin weit davon entfernt, über Leute zu lächeln, die mir diese Frage stellen, denn ich habe es selbst nicht gewusst. Als ich vor vielen Jahren am Schwarzen Brett der Berliner FU-Mensa ein Plakat entdeckte, das einen Polnischkurs in Krakau ankündigte, war meine erste Assoziation: An den Ural wolltest du immer schon mal!

Erst vor Ort erfuhr ich dann: Der Ural liegt von Krakau noch etwa 3000 Kilometer entfernt. Polen ist nämlich eins von neun deutschen Nachbarländern. Es hat über 38 Millionen Einwohner und ist mit 312 000 Quadratkilometern flächenmäßig um 14 Prozent kleiner als Deutschland. Damit ist es das siebtgrößte Land Europas.

Sieben ist auch die Zahl der polnischen Nachbarländer. Im Nordosten liegen Litauen und Russland, genauer gesagt: die kleine russische Exklave Kaliningrad; im Osten Weißrussland und die Ukraine; im Süden Tschechien und die Slowakei. Die längste Grenze hat Polen überraschenderweise mit Tschechien (800 km), da sie sich durch das Sudetengebirge hoch und runter zieht. Im Westen grenzt Polen an Deutschland, und zwar auf

Einer Länge von etwa 470 Kilometern. Damit ist die deutschpolnische Grenze länger als die deutsch-französische Grenze (446 km).

Die zweite Auswandererfrage lautet meistens: Ist das Leben in Polen billiger als in Deutschland? Meine Antwort: Ja, ist es, aber nicht so sehr, wie man glauben würde. Das zeigt die folgende Preistabelle. Ich habe die polnischen Preise bereits in Euro umgerechnet. Die polnische Währung »Sloti« wird übrigens im Original »Złoty« geschrieben. Man spricht das ungefähr »Swote« aus. Seit einigen Jahren gilt zwischen Złoty und Euro ein Wechselkurs von 4:1, in Zeiten der Eurokrise tendiert er allerdings in Richtung 5:1

Preisvergleich Sommer 2011

1 l Benzin: Deutschland € 1,62 Polen € 1,37

1 l Diesel: Deutschland € 1,42 Polen € 1,28

1 Packung Marlboro: Deutschland € 4,90 Polen € 2,95

1 l Cola: Deutschland € 0,99 Polen € 0,99

1 Hamburger bei McDonald‘s: Deutschland € 1,00 Polen € 1,00

1 kg Weißbrot: Deutschland € 3,60 Polen € 1,00

1 l Milch: Deutschland € 0,60 Polen € 0,60

1 kg Zucker: Deutschland € 1,00 Polen € 0,86

250 g Butter: Deutschland € 1,15 Polen € 1,10

1 Ei: Deutschland € 0,23 Polen € 0,11

1 Brief Porto: Deutschland € 0,55 Polen € 0,39

Tageskarte öffentlicher Nahverkehr: Berlin (BVG) € 6,30 Warschau € 2,25

Flasche Wodka 0,7 L: Deutschland € 5,00 Polen € 7,50

 

Fazit: Lebensmittel sind in Polen etwas billiger als in Deutschland, ebenso Benzin und Dienstleistungen. Alkohol und Drogeriewaren sind hingegen in Deutschland günstiger. Alles in allem liegen die polnischen Preise etwa auf 80 Prozent des deutschen Niveaus.

 

Und damit zur dritten Frage: Wie hoch sind die Steuern in Polen? Das polnische Steuersystem ist angenehm einfach. Unternehmer können sich für eine 19-prozentige Pauschalsteuer entscheiden. Außerdem gibt es in Polen keine Gewerbesteuer. Diejenigen, die sich mit ihrer Gemeindeverwaltung gutstellen, bekommen fünf Jahre lang Steuererleichterungen bei der Immobiliensteuer, in einigen Gemeinden sogar zehn Jahre lang. Alles hängt von der Anzahl der Mitarbeiter und dem Stand der Arbeitslosigkeit in der jeweiligen Region ab.

Die Einkommensteuer für Privatpersonen hat nur zwei Steuersätze. Wer pro Jahr weniger als 85 528 Złoty brutto verdient (ca. 21 000 Euro), zahlt 18 Prozent Steuern. Wer über dieser Schwelle liegt, zahlt 32 Prozent Steuern, aber zu dieser Gruppe zählen nur knapp zwei Prozent der polnischen Bevölkerung. Praktisch ganz Polen zahlt pro Jahr also 18 Prozent Steuern.

Zum Vergleich: In Deutschland gelten progressive, also stufenweise anwachsende Steuersätze. Besserverdienende müssen mühelos bis zu 30 Prozent, Spitzenverdiener sogar 48 Prozent ihres Einkommens abgeben.

Zum Schluss noch eine besonders erfreuliche Nachricht. Die Zinsen für Sparguthaben liegen in Polen zwischen vier und acht Prozent pro Jahr. In Deutschland bekommt man kaum zwei Prozent.

Schluss mit Monaco, auf nach Polen!

Wer dennoch enttäuscht ist, kann jetzt aussteigen beziehungsweise das Buch zuklappen. In diesem Moment läuft nämlich die letzte Bedenkfrist ab. Der Zug rollt in den ersten Bahnhof ein.

 

Die Leseprobe hat Ihnen gefallen?

Das neue Buch von Steffen Möller – »Expedition zu den Polen – Meine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express « – finden Sie überall im Buchhandel.

 

Mehr Informationen zu Steffen Möller und weiteren Büchern aus dem Piper Verlag unter

www.piper-verlag.de.

Blick ins Buch
The Longest WayThe Longest WayThe Longest Way

4646 Kilometer zu Fuß durch China

Zu seinem 26. Geburtstag macht sich Christoph Rehage selbst das schönste Geschenk: In Beijing bricht er auf zu einer Wanderung, die bis ins heimatliche Bad Nenndorf in Norddeutschland führen soll. Sein Weg ist gesäumt von Wunderwerken wie der Großen Mauer und der Terrakottaarmee. Aber es sind die kleinen Wunder, die seine Reise unvergesslich machen: die Hilfsbereitschaft der chinesischen Dorfbevölkerung, die Begegnungen mit Mönchen und Wahrsagern, Beamten und Prostituierten und seine Gefühle für die Sichuanesin Juli, die ihn – so die schwebende Verabredung – bei seiner Ankunft in Deutschland erwarten wird …

STECKBRIEF
Wovor hast du am meisten Angst?
Wespen.

 

Wenn du unterwegs bist, was vermisst du da am meisten?
Meine Freundin.

Was ist dein großes Ziel?
Samarkand – Istanbul.

 

Was hast du durch deine Abenteuer gelernt?
Ich weiß, was ich will.

Hast du jemals etwas gesehen, von dem du hoffst, dass niemand sonst es sehen wird? Was ist es?
Einige Toiletten in China.

Was isst oder trinkst du am liebsten, wenn du von einer Wanderung nach Hause kommst?
Deutsches Brot.

Was machst du am liebsten, wenn du zu Hause bist?
Lesen.

Dein Lifestyle in zwei Worten?
Suchend und festhaltend.

Was bedeutet für dich Glück?
Das Gefühl zu haben, auf nichts zu warten.

Was macht dich ungeduldig?
Die Uni.

Natur bedeutet für mich …
… etwas, das man zu oft vergisst.

Sicherheit ist …
… wenn man weiß, was man will.

Wer ist für dich der größte Abenteurer der Geschichte?
Scott, trotz allem …

Es war eine spontane Entscheidung. Als Christoph Rehage eines Morgens im Jahr 2002 in Paris aufwachte, war ihm klar, dass er heute loslaufen würde. Er hatte ein Jahr in Paris gelebt und bei einer Fast-Food-Kette und im Louvre gejobbt. Das Abitur lag bereits ein Jahr zurück, nun rief die Pflicht: das Studium. Lust hatte er zwar keine, und eilig hatte er es auch nicht – doch es musste angegangen werden. Also packte er seinen Rucksack voll mit Raviolidosen und brach zu Fuß von der französischen Metropole zu seinem Elternhaus in Niedersachsen auf.
Der Fußmarsch war hart und kräftezehrend. Obwohl er schnell an Gewicht verlor, fuhr er nicht per Anhalter und übernachtete oft unter freiem Himmel. Später würde er sagen, dass es mit Abstand seine anstrengendste Wanderung war, auch wenn sie nur 23 Tage dauerte. Doch das Laufen ließ ihn nicht mehr los.
Nachdem sich das in München begonnene Studium wie erwartet als theoretisch und monoton entpuppte, stand für Christoph Rehage fest: nur noch die Zwischenprüfung und dann nichts wie weg! Da er sich neben Politik und Geschichte auch für Sinologie immatrikuliert hatte, kam ihm China als Ziel in den Sinn. 2005 verlegte er sein Studium nach Peking. Dort absolvierte er neben einem Sprachkurs auch ein Kamerastudium an der Pekinger Filmakademie. In dieser Zeit unternahm er eine Wanderung auf der Chinesischen Mauer und fasste erneut den Entschluss, die Heimreise nach Bad Nenndorf wieder zu Fuß anzutreten.
Nach einem Jahr Planung war es soweit. Im Herbst 2007 lief Christoph Rehage los. Drei Jahre hatte er für die Reise geplant. Sie sollte ihn durch China, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Armenien, Türkei und Europa bis ins heimische Niedersachsen führen. Auf seinem »Heimweg« durchquerte er die Gobi, erklomm Bergpässe und begegnete, wo immer er auf Einheimische stieß, einer großen Offenherzigkeit. Da er Mandarin beherrscht, kam er mit vielen Menschen ins Gespräch, schloss Freundschafen und wurde vielerorts – trotz seines mittlerweile recht bärtigen und struppigen Äußeren – zum Übernachten in den eigenen vier Wänden eingeladen.
Unterwegs traf er auch auf Xie Jianguang, einen Wanderer, der seit 1983 durch China läuft. Er wurde zu einem Meister und Mentor für Christoph Rehage. Der Chinese gab ihm unter anderem den wertvollen Tipp, seine Habseligkeiten nicht auf mühevolle Weise in einem Rucksack mit sich zu schleppen, sondern in einem Wagen hinter sich herzuziehen. In einer chinesischen Werkstatt ließ sich Rehage deshalb für den Rest seines Weges einen Wagen auf den Leib schneidern, den er als Hommage an einen großen Reisenden und Narren »Rosalinde« taufte.
Doch letztlich kam der Langstreckenwanderer nicht bis nach Deutschland. Als er nach einem Jahr und 4646 Kilometern in Ürümqi, am anderen Ende der Volksrepublik, ankam, hörte er auf zu laufen. Die Freiheit des Aufbrechens und Unterwegsseins, die als Idee am Anfang seiner Wanderung stand, drohte dem Zwang zu weichen, das »Projekt erfolgreich abzuschließen«. Auch belastete ihn die Einsamkeit, all die vielen Eindrücke mit niemandem teilen zu können. Und ein Mensch fehlte ihm besonders.
Die einzige Möglichkeit, anderen Menschen von seinen Erlebnissen zu berichten, bot ihm ein Weblog, auf dem er regelmäßig von unterwegs Fotos, Filme und Texte postete. So entstand eine Unmenge an Material, das er zu Hause in mühevoller Kleinarbeit zu seinem Film »The Longest Way« zusammenschnitt. Im Internet machte ihn dieser Film innerhalb kurzer Zeit bekannt.
Christoph Rehage ist kein Extremsportler. Er ist auch kein Naturfreak. Er ist ein Typ wie du und ich, der einfach nur besonders gerne läuft. Es sind die Kleinigkeiten am Wegesrand, die ihn faszinieren und die man mit dem Auto oder Fahrrad nicht erblicken würde. Mit seinen eigenen Worten: »Hinter jedem Horizont entfaltet sich eine neue Welt.«
Selbst wenn nach Tausenden Kilometern die Füße schmerzen; die Euphorie des ersten Schritts vergisst man nie. Christoph Rehage beweist, dass es nicht von der Disziplin abhängt, ob man schließlich doch losgeht, sondern vielmehr von der Begeisterungsfähigkeit und Neugier. Wenn man möchte, wartet das Abenteuer schon hinter der Haustür.
Im Frühjahr 2012 erscheinen sowohl ein Erlebnisbericht als auch ein Bildband, in denen der
Bemerkenswerte Langstreckenwanderer seinen »Longest Way« in Wort und Bild nachzeichnet. In einem Auszug
aus seinem Bericht erzählt er von einem entscheidenden Tag seiner Wanderung: dem ersten.


Loslassen
9. November 2007, Peking

Ein Kreischen reißt mich aus meinen Träumen. Ich schiebe die Schlafmaske von den Augen und bin für einen Moment geblendet: Die Sonne wirft helle Muster an die Wand meines Zimmers, und mir ist warm, obwohl ich mich in der Nacht von der Bettdecke freigestrampelt habe. Es muss schon fast Mittag sein, beinahe hätte ich mein eigenes Geburtstagsgeschenk verschlafen.
Ich springe auf, renne zum Fenster und blicke in einen blauen Himmel, den nur zwei zarte Kondensstreifen durchziehen: ein seltener Anblick im ewigen Grau dieser Riesenstadt. Zwanzig Stockwerke unter mir rattert ein Passagierzug durch die Flachdachsiedlungen, und wieder ertönt das schrille Geräusch, das sich zwischen den Hochhäusern zum tausendfachen Echo bricht. Ich beobachte, wie unten an den Gleisen jemand schnell die Wäsche von der Leine nimmt, ehe der Zug herandonnert. Heute werde ich sechsundzwanzig, eigentlich wollte ich schon längst zu einer Wanderung um die halbe Welt aufgebrochen sein.

 

»Vor sieben Uhr werde ich das Haus verlassen, solange die Sonne noch nicht aufgegangen ist und die Stadt noch schläft«, hatte ich gestern Abend feierlich verkündet, in dem Gefühl, dass ein Aufbruch im Morgengrauen die einzig passende Weise wäre, um Abschied von meinem Leben in Peking zu nehmen.
Dann aber war ich mit meinem Nachbarn Xiaohei und ein paar anderen Freunden bis in die frühen Morgenstunden im Feuertopfrestaurant geblieben, weil niemand so richtig Lust gehabt hatte, nach Hause zu gehen. Essen türmte sich auf unserem Tisch, und überall standen Bier- und Colaflaschen.
»Wenn du nicht schnell genug läufst, dann komm ich mit dem Auto vorbei und treib dich ein bisschen an!«, sagte Xiaohei irgendwann und hob lachend den Zeigefinger: »Pass auf dich auf, ja Alter?«
Es ist kurz nach elf, die anderen schlafen wahrscheinlich noch ihren Rausch aus, und ich stehe in meiner Unterhose am Fenster und fühle mich müde und aufgekratzt zugleich. Heute soll es endlich losgehen, nach so vielen Monaten des Wartens und Planens. Ich beschließe, den Tag wie jeden anderen mit einer Dusche zu beginnen.
Im Wohnzimmer liegen meine Sachen auf dem Fußboden verteilt: der große Rucksack, die Packtaschen mit der Kleidung, die beiden Schlafsäcke, das Zelt, die Isomatte, der kleine Rucksack mit dem Laptop, die beiden Kamerataschen, die Wanderstöcke und der Beutel mit Batterien, Medikamenten und dem restlichen Kleinkram. Ich hänge mein nasses Handtuch an den Haken und stelle mich auf die Waage, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft habe.
Der Zeiger schlägt weit aus, schwingt wieder zurück und pendelt sich bei rund hundert ein. Habe ich es doch noch geschafft? Bin ich zum wandelnden Doppelzentner geworden? Ich beuge mich nach unten, um das Ergebnis genauer ablesen zu können. Exakt 99 Kilo bringe ich auf die Waage. Was für eine Enttäuschung! Kurz spiele ich mit dem Gedanken, eine große Menge Tee zu trinken, doch dann verwerfe ich die Idee als billige Schummelei. Außerdem habe ich gar keine Zeit für solche Albernheiten, mein Geschenk wartet auf mich.
Ich schlüpfe in Unterhose und T-Shirt, glätte sorgfältig alle Falten und ziehe dann Pullover und Hose darüber. Dann kommen die Socken, die mit dem »R« für rechts und dem »L« für links. Ich schnüre die Schuhe fest zu, damit sie gut sitzen und ich mir nicht zu schnell die Füße wund laufe. Der Schmerz wird schon noch früh genug kommen.
Nachdem ich den Rucksack gepackt habe und noch zweimal durch die Wohnung gegangen bin, um sicherzugehen, dass auch wirklich nichts fehlt, ziehe ich meine Jacke an, streiche noch einmal alle Falten glatt und hänge
mir die beiden Kamerataschen rechts und links über die Schultern. Jetzt der Rucksack, an dem Zelt, Wanderstöcke und eine dünne Isomatte hängen. Die Matte ist uralt und sieht schon ziemlich mitgenommen aus. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass ich noch bereuen werde, keine neuere, dickere gekauft zu haben.
Ich stapfe ein paarmal probehalber durch den Raum und bleibe am Kühlschrank stehen, um Wasserflaschen, Schokoriegel und Bananen herauszunehmen und in die Außentaschen des Rucksacks zu stecken. Dann stelle ich mich noch einmal auf die Waage: 127 Kilo. Ach du Scheiße! Ich fange an zu schwitzen. Sollte ich vielleicht doch erst einmal auf der Couch Platz nehmen und in Ruhe ein paar Bananen essen, bevor ich mich auf die Reise begebe? Doch gerade als ich den Rucksack abstreifen will, wird mir klar, dass ich ernsthaft Gefahr laufe, heute überhaupt nicht mehr loszugehen.
Mein Bart und meine Haare sind frisch rasiert. Ich bilde mir ein, dass meine Augen voll freudiger Erwartung glänzen müssten, und verdränge, dass ich vorhin im Spiegel die Angst aus ihnen habe hervorlugen sehen. Ich kann es nicht länger aufschieben. Es muss sein, jetzt.
Große Schritte tragen mich zur Wohnungstür, meine Hand drückt den Griff hinunter. Noch einmal drehe ich mich um und betrachte die Wohnung, in die bald jemand Fremdes einziehen wird: die rote Couch mit den Spuren kulinarischer und erotischer Höhepunkte, den Fernseher, den Kühlschrank mit dem Wasserspender obendrauf, den leeren Schreibtisch, auf dem der Wohnungsschlüssel blitzt.
Ein Schritt, und ich stehe im Flur. Eine Handbewegung, und die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich gehe um die Ecke zum Fahrstuhl, vorbei an der Wand, an die jemand vor einiger Zeit riesengroß auf Chinesisch geschrieben hat: »Billige Schlampen für Leike!« Und daneben: »Fotzen, die es mit Ausländern treiben!«

 

Leike, das ist mein chinesischer Name. Meine Sprachpartnerin Kati aus Taiwan hatte ihn mir damals in München herausgesucht, bevor ich zum ersten Mal nach China gefahren bin. Ich wollte etwas, das sich männlich anhört, und einfach zu schreiben sollte es sein. »Also, am besten wir machen es folgendermaßen«, sagte Kati. »Dein Nachname ist Rehage, davon nehmen wir die erste Silbe und suchen ein chinesisches Zeichen, das sich so ähnlich anhört.
›Lei‹ zum Beispiel, das heißt Donner.« Ich war begeistert. Kati fuhr fort, indem sie aus der ersten Silbe meines Vornamens ein chinesisches »Ke« machte, das so vielwie »erobern« oder »überwinden« heißen konnte. So bekam ich meinen chinesischen Namen, bestehend aus zwei Zeichen: Leike, Eroberer des Donners.
Jetzt stehe ich vollbepackt in der Stille des Treppenhauses und lese unweigerlich noch einmal die beleidigenden Zeichen an der Wand: »Billige Schlampen für Leike!«
Xiaohei hatte damals vergeblich versucht, den Satz mit einer Spraydose unleserlich zu machen: »Eine Frau würde nie das Wort ›Fotze‹ benutzen«, erklärte er mir. »Das muss ein Mann geschrieben haben. Vielleicht ein gehörnter Ehemann oder ein eifersüchtiger Verehrer? Du solltest ein bisschen vorsichtiger sein!«
Mit einem Bing öffnet sich die Fahrstuhltür, und ich zwänge mich in den Aufzug. Ich drücke die 1 für Erdgeschoss, die Tür schließt sich. Ein letztes Mal lese ich das Wort »Ausländer«, dann rumpelt der Fahrstuhl das Gebäude hinunter. Ich werde wohl nie erfahren, von wem die Beleidigungen stammen, denke ich, als ich aus der Haustür in den Sonnenschein trete. Ich muss die Augen zusammenkneifen, so strahlend hell und schön ist mein Geschenk an mich selbst: der erste Tag meiner Wanderung nach Hause.

 

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