Stammtafel aus »Friedrich der Große und seine Schwestern« von Karin Feuerstein-Praßer
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Donnerstag, 27. November 2014 von


Stammtafel aus »Friedrich der Große und seine Schwestern« von Karin Feuerstein-Praßer

Die Stammtafel zeigt das königliche Ehepaar Sophie Dorothea und Friedrich Wilhelm I. im Zentrum mit ihren 14 Kindern

Es gab nicht nur die berühmte Wilhelmine von Bayreuth (1709-1758), die meist als "Lieblingsschwester" Friedrichs des Großen bezeichnet wird. Der Preußenkönig hatte noch fünf weitere Schwestern, die unterschiedliche Spuren in der Geschichte hinterlassen haben: Charlotte (1716-1801) wurde schon in jungen Jahren Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel und war eine der Ersten überhaupt, die ihr Interesse der erwachenden deutschen Literatur zuwandten. 

Die ehrgeizige Ulrike (1720-1784) machte eine etwas glücklose "Karriere" als Königin von Schweden, und Amalie (1723-1787), ganz ohne Zweifel das skurrilste Mitglied der preußischen Königsfamilie, war Äbtissin von Quedlinburg. Das wohl traurigste Schicksal aber hatten Friederike (1714-1784) und Sophie (1719-1765): Die "engelsschöne" Friederike, bereits mit 15 Jahren Markgräfin von Ansbach, lebte mit ihrem Gemahl "wie Hund und Katz", und auch Sophies Ehe mit "dem wilden Markgrafen" von Schwedt verlief alles andere als glücklich.


Blick ins Buch
Friedrich der Große und seine SchwesternFriedrich der Große und seine Schwestern
»Gestern ist wieder eine zur Welt gekommen. Ich werde ein Kloster anlegen«, schrieb Friedrich Wilhelm I. anlässlich der Geburt seiner fünften Tochter. Wenn Friedrich der Große der alles überstrahlende Thronerbe war, was prägte dann die Lebenswege der Prinzessinnen? Die sechs Schwestern des Preußenkönigs sind hier zum ersten Mal in einem Band vereint: Wilhelmine (Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth), Friederike (Markgräfin von Brandenburg-Ansbach), Charlotte (Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel), Sophie (Markgräfin von Brandenburg-Schwedt), Ulrike (Königin von Schweden) und Amalie (Äbtissin von Quedlinburg).
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Vorwort


„Gestern ist wieder eine zur Welt gekommen“

 


Die Geburt einer Königstochter galt im Männerstaat Preußen gewissermaßen als „Betriebsunfall“ bei der „Produktion“ von möglichst vielen Söhnen und potenziellen Thronfolgern. Entsprechend unwirsch reagierte daher Friedrich Wilhelm I., als 1720 bereits das fünfte Mädchen zur Welt kam, während es außer dem zarten Kronprinzen Friedrich noch keinen weiteren Sohn gab, der die ersten Jahre überlebt hatte. Mit seinem eigentümlichen Sinn für Humor erwog er, die Prinzessinnen entweder „zu versaufen“ oder „Nonnen daraus zu machen“. Dabei plagte den königlichen Vater vor allem die Sorge, alle Töchter irgendwann einmal gut verheiraten zu müssen. Das mochte dann zwar für Preußen durchaus von Vorteil sein, kostete zunächst einmal jedoch eine Menge Geld, vor allem was die Mitgift der Prinzessinnen betraf.

Gleichgültig waren Friedrich Wilhelm I. seine sechs Mädchen jedoch keineswegs, selbst wenn Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, das so empfunden haben mag. Aber wie in jeder anderen kinderreichen Familie waren auch am Berliner Hof die Sympathien durchaus unterschiedlich verteilt. Während der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. am meisten an August Wilhelm hing, der 1722 zur Welt kam, favorisierte Königin Sophie Dorothea hingegen ganz eindeutig ihren ältesten Sohn Friedrich, in den sie all ihre Wünsche und Hoffnungen hineinprojizierte. Und der Kronprinz wiederum hatte ein besonders enges Verhältnis zu seiner Schwester Wilhelmine.


So unterschiedlich die Sympathien verteilt waren, so verschieden waren auch die Charaktere. Wilhelmine, die älteste und bekannteste der sechs königlichen Schwestern, präsentierte sich von klein auf stolz und selbstbewusst, glaubte sie doch lange Zeit, später einmal Königin von England zu werden. Dass sie schließlich am vergleichsweise bedeutungslosen Bayreuther Hof landete, hat sie niemals richtig verkraftet. Doch sie hatte das Glück – und einen wohlwollenden Ehemann, der ihr in finanzieller Hinsicht freie Hand ließ –, sich in vielfacher Hinsicht kulturell betätigen zu können und durch rege Bautätigkeit zur eigentlichen „Schöpferin“ von Bayreuth zu werden.

Ganz anders erging es der schönen Friederike, die bereits mit 15 Jahren Markgräfin von Ansbach wurde. Sie fand hier kein angemessenes Betätigungsfeld und führte ein eher trostloses Dasein, zumeist fern von ihrem Gemahl. Wie Kronprinz Friedrich seinerzeit richtig beobachtet hatte, hassten die Eheleute einander „wie die Pest“.

Charlotte wiederum, schon bald nach ihrer Heirat Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel, erwies sich bereits als Kind als überaus anpassungsfähig und war wohl diejenige der sechs Königstöchter, die Friedrich Wilhelm I. am liebsten hatte. Anders als ihre mitunter eitlen und kapriziösen Schwestern gab sich Charlotte natürlich und unkompliziert und umschiffte so mancherlei Klippen im schwierigen Gewässer der preußischen Königsfamilie. Sie gehörte zu den Ersten überhaupt, die ihr Interesse der gerade erst erwachenden deutschen Literatur zuwandten und schenkte 13 Kindern das Leben.

Sophies Ehe mit dem „wilden Markgrafen“ von Brandenburg-Schwedt verlief ebenso unglücklich wie ihr gesamtes vergleichsweise kurzes Leben. Sie zog drei Töchter groß, von denen eine ihren Onkel Ferdinand von Preußen heiratete, hinterließ ansonsten aber nur geringe Spuren. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist auch die ambitionierte Ulrike, die eine etwas glücklose „Karriere“ als Königin von Schweden machte. Stolz und Ehrgeiz verstellten ihr den Blick auf die tatsächliche Situation des Landes und ihrer Untertanen, die die Preußin zum Schluss regelrecht gehasst haben.

Weniger verhasst als vielmehr gefürchtet war Amalie, die jüngste der preußischen Prinzessinnen, die nicht heiratete, sondern Äbtissin von Quedlinburg wurde. Wenngleich sie sehr belesen war und sich auch als Musikerin einen Namen machte, so war sie doch ganz ohne Zweifel das skurrilste Mitglied der ganzen Königsfamilie. Das lag zum Teil an ihrer sarkastischen Art, zum Teil aber auch an einer schweren Erkrankung, die ihre zweite Lebenshälfte überschattete.

Die sechs preußischen Prinzessinnen haben qualitativ wie quantitativ unterschiedliche schriftliche Zeugnisse hinterlassen, darunter zahlreiche Briefe an ihren königlichen Bruder, Friedrich den Großen. Während die Korrespondenz Friederikes und Sophies mit ihm von Distanz und Unterwürfigkeit geprägt ist, sind Charlottes Schreiben meist in freundschaftlich-vertraulichem Ton gehalten, obwohl es durchaus zu Spannungen zwischen den Geschwistern gekommen ist. Und Ulrike, wenngleich Königin von Schweden, korrespondierte mit ihrem ältesten Bruder keineswegs „auf Augenhöhe“. Amalie war eher schreibfaul, zumindest was die eigenen Familienmitglieder betraf.

Wilhelmine hingegen hat am häufigsten zur Feder gegriffen. Sie führte nicht nur einen regen und aufschlussreichen Briefwechsel mit ihrem königlichen Bruder, sondern verfasste auch ihre umfangreichen Memoiren, die freilich schon im Jahr 1742 enden. Wilhelmines Lebenserinnerungen sind ein überaus interessantes Zeitdokument, allerdings keineswegs immer glaubwürdig. Der Markgräfin unterliefen nicht nur chronologische Irrtümer, sie neigte auch zu erheblichen Übertreibungen und der Verherrlichung ihrer eigenen Person. Doch gerade damit hat sie sich wohl selbst am besten charakterisiert.

Die Beziehung Friedrichs des Großen zu seiner „Lieblingsschwester“ Wilhelmine war nicht immer harmonisch, vor allem dann nicht, wenn die Markgräfin den königlichen Wünschen und Anordnungen zuwider handelte. Gleichwohl hatte er zu keiner anderen seiner Schwestern, vielleicht mit Ausnahme von Charlotte, ein ähnlich vertrauliches Verhältnis. Das galt auch im umgekehrten Fall, sie stützten sich gegenseitig. So etwas wie Nestwärme und Geborgenheit hat es am Berliner Königshof nämlich nicht gegeben.

 

 

„Ich liebe Sie trotz Ihrer Gepflogenheiten“


Das königliche Elternpaar Friedrich Wilhelm I. und Sophie Dorothea

 


Preußische Brautschau


Vierzehn Kinder! Einen besseren Beweis für ein harmonisches Ehe- und Familienleben schien es wohl kaum zu geben. Trotzdem haben Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. und seine Gemahlin Sophie Dorothea sehr eindrucksvoll das Gegenteil demonstriert. Selbst wenn fürstliche Ehen früher nur äußerst selten glücklich wurden, so spielten sich im Berliner Schloss mitunter doch recht drastische Szenen ab.

Eigentlich hatte der junge Kronprinz Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen eine ganz andere heiraten wollen: die schöne Caroline von Ansbach, eine Waise, die am Hof seiner Mutter Sophie Charlotte erzogen worden war. Zwar war sie fünf Jahre älter als er selbst, dafür aber entsprach sie so ganz dem Bild, das er sich von seiner zukünftigen Ehefrau machte: liebenswert, aber durchaus ernsthaft und sittenstreng. Doch mochte er auch heimlich von Caroline schwärmen, über seine zarten Gefühle konnte und wollte der schüchterne 17-Jährige nicht sprechen. Wie groß war deshalb die Enttäuschung, als Friedrich Wilhelm schließlich zu Ohren kam, dass ausgerechnet sein verhasster Vetter Georg August von Hannover der Glückliche sein sollte, der Caroline vor den Traualtar führen durfte! Nun aber war es zu spät. Im September 1705 heiratete die hübsche Ansbacherin den gleichaltrigen Welfenprinzen und nachmaligen König Georg II. von England. Friedrich Wilhelm war zwar ausgesprochen wütend, dass er den Kürzeren gezogen hatte, noch aber ahnte er nicht, wie viel Ärger ihm sein Rivale in Zukunft noch machen würde.

Das Thema „Ehe“ war für den preußischen Kronprinzen damit vorerst erledigt. Sein Verhältnis zu Frauen gestaltete sich ohnehin etwas problematisch, nachdem er am Charlottenburger Hof seiner Mutter allzu viel Koketterie und Frivolität hatte erleben müssen, zumindest nach seinem streng calvinistischen Empfinden. Friedrich Wilhelms eigentliche Leidenschaft galt auch weniger dem weiblichen Geschlecht als vielmehr allem, was mit der preußischen Armee tun hatte, jener Armee, der er sein nahezu gesamtes Leben widmen sollte. Aus guten Gründen wurde er schließlich als „Soldatenkönig“ bekannt.

Wäre es nach ihm selbst gegangen, so hätte er den Gedanken an eine Heirat am liebsten in die ferne Zukunft verbannt. Aber sein kränklicher Vater Friedrich I., Preußens erster König, drängte den einzigen Sohn inständig, eine Gemahlin zu finden und Nachwuchs zu zeugen. Der junge Friedrich Wilhelm spürte, wie ernst es dem Vater mit seinem Wunsch war und ließ sich schließlich erweichen. Eines jedoch stellte er unmissverständlich klar: Wenn er schon heiraten müsse, dann auf keinen Fall irgendeine fremde Prinzessin, sondern nur eine Frau, die ihm schon vorher bekannt war. Der Kreis dieser Kandidatinnen war nicht sonderlich groß. Und so fiel die Wahl schließlich auf seine ein Jahr ältere Cousine Sophie Dorothea von Hannover, die Schwester von Georg August.

Friedrich Wilhelms Mutter Sophie Charlotte, eine geborene Prinzessin von Hannover und Tante der Auserwählten, erlebte die Hochzeit ihres einzigen Sohnes nicht mehr. Die preußische Königin war bereits 1705 im Alter von nur 36 Jahren gestorben. Und doch schien ihr Geist über dieser Verbindung zu schweben, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter, Kurfürstin Sophie von Hannover, noch zu Lebzeiten angebahnt hatte, um die Achse Berlin–Hannover auch in Zukunft zu stärken.

Es war also keine Liebesheirat, die da stattfinden sollte. Die künftige Braut Sophie Dorothea wurde erst gar nicht nach ihrer Meinung gefragt. Das war auch nicht üblich. Hätte man es getan, wäre die Antwort wahrscheinlich „Um Gottes Willen! Nein bloß nicht“ gewesen. Denn der preußische Vetter Friedrich Wilhelm entsprach nicht gerade dem Traumbild der verwöhnten Welfenprinzessin. Er brachte nicht nur gut zwei Zentner auf die Waage, sondern lief auch aus Protest gegen die ihm verhasste höfische Etikette wie ein einfacher Bauer herum. Entgegen den Gepflogenheiten seiner Zeit und Umgebung ließ er sich das Gesicht von der Sonne bräunen, trug keine Perücke, dafür vorzugsweise grobe Stiefel. Zudem hatte er einen regelrechten „Sauberkeitsfimmel“ und legte größten Wert auf körperliche Hygiene, was in einer Zeit, in der Parfum und Puder die Rolle von Wasser und Seife übernommen hatten, als höchst ungewöhnlich galt.

Doch nicht nur das Äußere des Kronprinzen war gewöhnungsbedürftig. Viel schlimmer sah es in seinem Inneren aus. Von klein auf hatte er die höfische Gesellschaft mit fürchterlichen Wutausbrüchen malträtiert, Mutter und Erzieherinnen bisweilen zur Weißglut gebracht, seine Lehrer verprügelt und besonderen Spaß an derben Scherzen gehabt. Einmal erschreckte er einen Kammerherrn, der gerade aus dem Fenster guckte, so sehr, dass dieser das Gleichgewicht verlor und hinausstürzte, was der junge Kronprinz dann jedoch gleich zutiefst bereute. Denn in Friedrich Wilhelms Brust rangen gewissermaßen zwei Seelen um die Vorherrschaft, und eine davon war höchst empfindsam. Diese Seite jedoch offenbarte er nur ganz wenigen Menschen und wusste sie gut vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Das Bild des polternden Friedrich Wilhelm, des preußischen „Prügelprinzen“, erscheint daher ungleich größer als das eines kompromisslos ehrlichen, gottesfürchtigen und sittenstrengen jungen Mannes, der die gleichen Eigenschaften auch von seiner künftigen Frau erwartete.

Und hier lag bereits das erste Problem. Sophie Dorothea war nämlich die Tochter des Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, der 1714 als Georg I. den englischen Thron besteigen sollte. Von seiner Gemahlin, die wie die Tochter Sophie Dorothea hieß und unter dem Namen „Prinzessin von Ahlden“ zu trauriger Berühmtheit gelangte, hatte er sich schon vor Jahren getrennt. Nachdem die Prinzessin nämlich lange genug unter der notorischen Untreue ihres Gemahls gelitten hatte, war sie zu dem Entschluss gekommen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und hatte eine Affäre mit dem attraktiven Grafen Philipp Christoph von Königsmarck begonnen. Die Liebesgeschichte flog natürlich auf, die Ehe wurde geschieden und Mutter Sophie Dorothea aus Hannover verbannt. Sie verbrachte die vielen Jahre bis zu ihrem Tod 1727 unter strengster Bewachung auf dem Wasserschloss Ahlden und durfte ihre beiden Kinder Georg August und Sophie Dorothea nicht mehr wiedersehen.

Die zwei wuchsen nun bei ihrer Großmutter Sophie in Hannover auf, die auch gleichzeitig die Großmutter des preußischen Kronprinzen war. Deshalb war schon der kleine Friedrich Wilhelm oft in Hannover zu Besuch gewesen und hatte so Cousin und Cousine mit der Zeit recht gut kennen gelernt. Während er den fünf Jahre älteren Georg August seit Kindertagen aus tiefstem Herzen hasste und ihm von daher so manche Tracht Prügel verabreichte, stand er Sophie Dorothea eher indifferent gegenüber. Sie hatte sich mit der Zeit zu einem recht hübschen jungen Mädchen entwickelt, das freilich nach seinem Geschmack ein wenig zu viel Wert auf Äußerlichkeiten legte, auf Kleidung, Schmuck und Schminke ebenso wie auf aufwändige höfische Feste – lauter Dinge also, die dem schlichten und sparsamen Friedrich Wilhelm zuwider waren. Hinzu kam ein gewisser Hang zur Koketterie, den er bei ihr zu erkennen glaubte, möglicherweise ein Erbteil ihrer – aus seiner Sicht – liederlichen und sittenlosen Mutter. Alles in allem aber erschien ihm die junge Frau im Vergleich zu einer völlig unbekannten Prinzessin offenbar als das „kleinere Übel“. Der Hochzeit stand damit nichts mehr im Wege.

Vater Friedrich I. und Großmutter Sophie von Hannover freuten sich ganz besonders, als der 18-jährige Friedrich Wilhelm und die 19-jährige Sophie Dorothea am 28. November 1706 im Berliner Schloss vor den Traualtar traten. Bereits ein Jahr später brachte die Kronprinzessin den erhofften Thronerben zur Welt, der nach seinem stolzen und überglücklichen preußischen Großvater den Namen Friedrich erhielt. Doch der kleine Prinz wurde nur ein Jahr alt und starb ausgerechnet im Mai 1708, als sich die jungen Eltern gerade zu einem Besuch in Hannover aufhielten. Schon bald zeigte sich zudem, dass diese Verbindung nahezu eine einzige Katastrophe werden würde. Der unerfahrene Ehemann, von zwiespältigen Gefühlen gequält, verfolgte seine Frau mit rasender Eifersucht und es kam zu allerlei hässlichen Szenen, obwohl sich Sophie Dorothea offenbar keiner Schuld bewusst war. Friedrich Wilhelm schmollte und tobte, wenn „sein Fiekchen“, wie er Sophie Dorothea zu nennen pflegte, scheinbar mit anderen Männern flirtete. Einmal schnitt er ihr im Zorn sogar die Haare ab, damit sie sich nicht mehr aufreizend-modisch frisieren konnte. Ein klärendes Gespräch aber war unmöglich, denn Friedrich Wilhelm zog es vor, seiner Frau wortlos den Rücken zu kehren und tagelang kein Wort an sie zu richten, bis endlich der Zorn verraucht war. Die Kronprinzessin sah schließlich nur noch eine einzige Möglichkeit für ein gemeinsames Zusammenleben: das ständige Heucheln von Liebe und Zuneigung und gemeinsamen Überzeugungen. „Ich liebe Sie trotz Ihrer Gepflogenheiten“, schrieb sie ihrem Gemahl am 16. September 1710, „ich liebe Sie viel zu sehr, ich bin überzeugt, dass Sie Ihr Benehmen einmal bitter bereuen werden.“ Doch zu einer ehrlichen Aussprache zwischen den Ehepartnern ist es niemals gekommen. Beide verharrten in einem Zustand der Sprach- und Hilflosigkeit und Sophie Dorothea versuchte fortan, alles hinter dem Rücken ihres Gemahls durchzusetzen, Liebe und Loyalität vorzugeben, tatsächlich aber ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Das sollte fatale Folgen haben.

Schauplatz: Das Berliner Schloss

Leider gibt es den Schauplatz des königlich-preußischen Ehe- und Familiendramas heute nicht mehr: das Berliner Schloss. Es wurde am 3. Februar 1945 beim schwersten Bombenangriff auf die Stadt von zahllosen Spreng- und Brandbomben getroffen und brannte vier Tage lang, ohne dass Löschversuche unternommen werden konnten. Obwohl ein Wiederaufbau möglich gewesen wäre, schließlich waren die Hauptmauern noch gut erhalten, beschloss der Ministerrat der DDR im Juli 1950, die Schlossruine zu sprengen und abzutragen. Das wichtigste Andenken an das alte Preußen sollte radikal ausgemerzt werden. So ging die wechselvolle 500-jährige Geschichte des Berliner Stadtschlosses zu Ende, vorläufig zumindest.

Im Jahr 1443 hatte der Brandenburger Kurfürst Friedrich II. „Eisenzahn“ (1440–1470) direkt an der Spree eine Burg anlegen lassen, im cöllnischen Teil der bis dahin eher unbedeutenden märkischen Doppelstadt Berlin-Cölln. Von dort aus konnten die Hohenzollern nun einen wichtigen Handelsweg kontrollieren, der über die damals noch hölzerne Lange Brücke führte. Die mittelalterliche Burg wich einem Renaissanceschloss, das jedoch keine wirkliche Bedeutung erlangte. Erst der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1640–1688), der Großvater des „Soldatenkönigs“, machte das Schloss zum Mittelpunkt der Stadt Berlin. Der während des 30-jährigen Krieges ziemlich zerfallene Prunkbau wurde zunächst gründlich restauriert. Die größten und wichtigsten Umbauten aber erfolgten während der Regierungszeit Friedrichs I. (1688/1701–1713). 1699 wurde der bedeutendste deutsche Barockarchitekt Andreas Schlüter zum Schlossbaumeister ernannt. Unter ihm wurde das Berliner Schloss zur großartigsten Barockresidenz Deutschlands. Nach seiner Krönung zum ersten König „in“ Preußen 1701 hielt Friedrich I. feierlichen Einzug. Damals gab er auch jene kunstvolle Arbeit in Auftrag, die später als „Bernsteinzimmer“ bekannt werden sollte. Während seines Krönungsaufenthalts in Königsberg hatte er die Kunst der Bernsteinverarbeitung eingehend bewundert und einen bekannten Bernsteinschneider beauftragt, großformatige Paneelen herzustellen, gewissermaßen die Keimzelle des späteren Bernsteinzimmers. Sie wurden zur Täfelung eines Raumes im Berliner Stadtschloss verwendet, dem „Tabakskollegium“. Friedrich Wilhelm I. schätzte den Bernsteinschmuck aber so gering ein, dass er nicht lange zögerte und die wertvollen Paneelen 1717 Zar Peter dem Großen zum Geschenk machte – wofür er im Gegenzug 55 „lange Kerls“ bekam.

Auf Andreas Schlüter folgte Eosander von Göthe als neuer Architekt, der den Umfang des Schlosses mit einem Erweiterungsbau nach Westen hin verdoppelte. Er konnte sein Werk jedoch nicht vollenden, weil sein königlicher Auftraggeber 1713 starb und dessen Sohn und Nachfolger den verschwenderischen Baumeister umgehend entließ. Trotz aller Sparsamkeit aber ließ Friedrich Wilhelm I. das Schloss doch noch vollenden. Allerdings verzichtete er dabei auf jeglichen Prunk im Inneren. Viele prächtige Deckengemälde ließ der nüchterne Preußenkönig sogar weiß übertünchen. Sie wurden erst bei Restaurierungsarbeiten 1850 zufällig entdeckt und wieder freigelegt. Im Jahr 1715 war der Schlossbau weitgehend vollendet. 1728 erfolgte allerdings aufgrund eines Staatsbesuchs des sächsischen Königs Augusts des Starken der Einbau der prunkvollen „Polnischen Kammern“. Der preußische Hofmaler Antoine Pesne hat zu diesem Anlass eine Ölskizze angefertigt, auf der die gesamte, damals noch nicht ganz komplette, Familie des Preußenkönigs zu sehen ist. Noch aber lag das Ereignis in weiter Ferne. Ein Jahr nach dem Tod des kleinen Kronprinzen brachte Sophie Dorothea zunächst einmal ihr zweites Kind zur Welt. Es war ein Mädchen, das man Wilhelmine nannte und das es später als Markgräfin von Bayreuth zu einiger Berühmtheit brachte.

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