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„Wir sind dann wohl die Angehörigen“

„Johann Scheerer eröffnet eine Perspektive, wie es sie noch nicht gab: die des Kindes auf die Bedrohung eines Elternteils.
Ein starker neuer Ton, ein ungewöhnliches Debüt.“


Felicitas von Lovenberg, Verlegerin über „Wir sind dann wohl die Angehörigen"

Blick ins Buch
Unheimlich nahUnheimlich nah

Roman

Wie kann man nach der Entführung des Vaters unabhängig werden, wenn man ständig bedroht und bewacht wird?Dieser Coming-of-Age-Roman ist eine Offenbarung: Nie ist auf so selbstironische und komische Art über den Wunsch nach Freiheit und Normalität geschrieben worden. Während zu Hause nichts mehr ist wie früher, aber keiner darüber spricht, kann Johann keinen Schritt vor die Tür tun, ohne ihn vorher anzukündigen. Sobald er im Freien ist, steht er unter Beobachtung. Genau diese Überwachung muss er aber vor Freunden, in der Schule, bei Nebenjobs und Dates und auf Partys verheimlichen. Das scheint sogar zu gelingen, er findet eine Freundin, probt mit seiner Band und bekommt einen Plattenvertrag. Aber er gerät ständig in groteske und peinliche Situationen, weil er gezwungen ist, unehrlich zu sein. Die Ausreden, Halbwahrheiten und Notlügen drohen ihn zu erdrücken. Kann er diesem Lügenleben entkommen?„Berührend und mit lakonischem Witz“ 3SAT "Kulturzeit"„Eindringlich sagt man, wenn ein Buch noch lange nachhallt. Wenn man es nicht fassen kann, was einer da auf 329 Seiten zwischen zwei Buchdeckel packt.“ WDR2 "Themen"

„Das macht 2459,70 Euro.“

Ich sah den Typ im verdreckten Blaumann an. Das gefaltete Papier zog eine Schneise in den dunklen Staub, als er mir die Rechnung über den Tresen schob.

„Das sind dann ja …“, ich überschlug die Zahl und setzte neu an: „Sind das 5000 Mark?“

Ich blickte ungläubig durch die Seitenscheiben des hellblauen Volvos meiner Mutter, der neben uns auf der heruntergefahrenen Hebebühne stand. Die Stelle an der Rückseite der Kopfstütze des Fahrersitzes, die ich bei einem kindlichen Anfall von Wut und Langeweile, weil irgendwas nicht so schnell gegangen war, wie ich es gern gehabt hätte, von der Rückbank aus herausgebissen hatte, war gut zu erkennen. Der Schaumstoff hatte sich über die Jahre gelb verfärbt und bröselte in den Fußraum. Diese Kopfstütze, dachte ich, hatten sie offensichtlich nicht repariert.

„Allein 800 Euro für die Kabel“, der Mechaniker hinter dem Schreibtisch zeigte mit seinen öligen Fingern auf die einzelnen Positionen der Rechnung, „1443 Euro für die Arbeitsstunden“, er betonte das Wort Euro so deutlich und doch so beiläufig, als wäre die Währung schon immer da gewesen und nicht erst wenige Tage alt. „Wir mussten ja die ganze Verkleidung abnehmen, um von der zusätzlichen Batterie von vorne ganz nach hinten durchzukommen.“

Ich wusste überhaupt nicht, wovon er sprach.

„Zwei Knöpfe, eine Birne und Fassung, Ölwechsel, alles einmal durchgecheckt.“ Er zuckte mit den Schultern und deutete auf die Gesamtsumme. „EC oder bar?“ Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte den Volvo meiner Mutter in die Werkstatt gebracht, weil ich übermorgen, wenige Monate nach dem Ende des Zivildienstes, den ich direkt nach meinem Abitur im Jahr 2002 angetreten hatte, von Hamburg nach München fahren wollte und von dort mit der Bahn weiter nach Italien. Mit meinem noch frischen Führerschein wollte ich das erste Mal 1000 Kilometer am Stück fahren. Den endlosen Diskussionen mit meiner Freundin Svenja entkommen und allein, nur in Begleitung eines Stapels CDs, einfach mal weg. Testament der Angst von Blumfeld, Bleed American von Jimmy Eat World, Das grüne Album von Weezer, The Strokes’ Is This It, White Blood Cells von den White Stripes, Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer! von Die Ärzte und natürlich Toxicity von System Of A Down. Und auch wenn ich das Stück Neue Zähne für meinen Bruder und für mich immer skippte, hatte ich noch Wasser marsch! von Superpunk eingepackt.

Ich wollte, begleitet von diesem phänomenalen Soundtrack, im Frühjahr 2003 die Freiheit genießen. Nichts muss, aber alles kann. Meine Mutter fuhr nur noch selten selbst. Seit ein paar Jahren musste sie gefahren werden, und so hatte sie mir erlaubt, ihren Volvo, der die meiste Zeit in der Garage stand, für ein paar Wochen auszuleihen. Sie hatte allerdings darauf bestanden, dass ich ihn vorher durchchecken ließ. Damit er auch bremst, wenn er soll, hatte sie gesagt. Und nun sollte ich 5000 Mark für diesen Check bezahlen? Ich bekam kein Taschengeld mehr. Aber ich konnte von den früheren Einkünften unserer Band ganz gut leben. Trotzdem waren 5000 Mark, ich meine 2459,70 Euro, deutlich mehr, als ich eingeplant hatte.

Ich holte Luft. „Eigentlich wollte ich doch nur die Bremsen checken lassen“, sagte ich vorsichtig und blickte erneut, diesmal aber leicht nach vorn gebeugt, zum Auto, als könnte ich so erkennen, ob die Bremsen neu wären.

„Yo. Steht hier auch: ›Test Bremsbeläge‹ – war alles gut. EC oder bar?“

Langsam richtete ich mich wieder auf und schaute den Mechaniker an. „Wieso mussten Sie dafür die gesamte Verkleidung des Innenraums rausnehmen?“

Er wirkte genervt. „Mensch, Junge, Markus hatte angerufen und gesacht, dass wir die Knöppe hier auch noch machen sollen. Wie bei den anderen Fahrzeugen.“

Ich stand auf dem Schlauch. „Wer ist Markus?“, fragte ich.

„Markus!“ Er sagte den Namen etwas lauter, wohl in der Annahme, er würde den Groschen mittels Schalldruck zum Fallen bringen.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Markus – Mensch, wie heißt der noch mit Nachnamen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Der Mann blätterte in seinen Unterlagen und seufzte. „Da. Markus … Kramer!“

„Ach so. Eine Sekunde bitte.“ Ich zog mein Nokia 3310 aus der Hosentasche. Mit zwei Tastendrücken kam ich zum Adressbucheintrag „aaaaaaaaaaaaa“ und wählte. Mit dem Handy am Ohr ging ich vor die Tür. Es meldete sich sofort jemand. „Zentrale, hallo?“

„Moin, hier ist Johann, ist Herr Kramer da?“

„Der müsste eigentlich direkt bei dir vor der Werkstatt sein.“

Ich blickte mich um. Kramer kam auf mich zu. Er war nur noch wenige Meter von mir weg. „Alles klar. Danke“, sagte ich in den Hörer und legte auf.

„Moin!“, grüßte ich ihn.

„Alles okay hier bei dir?“, fragte er mich freundlich. Seine schwarze Funktionsjacke, die gerade so seine Hüften bedeckte, trug er offen, obwohl es nur wenige Grad plus hatte. Darunter ein ebenfalls offenes, dickes Karoflanellhemd und darunter eine Schicht, die ich als Skiunterwäsche identifizierte. Das perfekt-unauffällige Outfit, mit dem er für alle Witterungsverhältnisse gewappnet war.

„Ja, alles okay“, antwortete ich beiläufig, „haben Sie mit der Werkstatt irgendwas besprochen?“

Kurz sah er mich an, als wüsste er nicht, was er sagen sollte, doch dann legte er umso schneller los. Seine militärisch gedrillte Sprache, die es schaffte, sogar den unbetonten Wörtern im Satz eine abgehackte Betonung zu geben, schoss auf mich ein. „Du fährst die Woche auf deine Tour, und da wollten wir nur sichergehen, dass wir quasi mit an Bord sind. Wir haben noch zwei Features installiert.“ Er sagte wir, als hätte er die Arbeiten selbst durchgeführt. Deine Tour, hallte es in meinem Kopf nach. Ein Teil meines Privatlebens, ein simples Vorhaben, stand vermutlich schon irgendwo auf einem Plan als übergeordneter Punkt einer langen Liste von kryptischen Unterpunkten. Während er sprach, bewegte er sich zum Eingang der Autowerkstatt. Ich würde es nicht verhindern können, dass wir gemeinsam den Raum betraten und der Mechaniker denken müsste, dass ich mir Hilfe geholt hatte. Peinlich. Leider entsprach es noch dazu der Wahrheit.

Kaum war der Satz gesprochen, waren wir auch schon drin, und Kramer winkte dem Mechaniker freundschaftlich zu. „Moin, Frank, alles im Lack?“

„Klar“, antwortete der Mechaniker, der offenbar Frank hieß, „ich schnurr wie geschmiert. Normalzustand.“

Kramer grinste ihn an und sagte: „Zeig mir doch mal deinen Bierdeckel.“

Mit einem Kopfnicken zeigte Mechaniker-Frank Richtung Tisch, und Kramer nahm die Rechnung. Er fuhr mit seinem Zeigefinger über die aufgelisteten Positionen. „Ach so, ja, genau: Wir dachten, es macht Sinn, wenn wir vorne ’nen Überfalltaster einbauen.“ Ich atmete tief ein, doch mein Magen zog sich trotzdem unangenehm zusammen. „Da kannste dann im Fall der Fälle direkt mit dem Knie gegendrücken. Müsste von der Höhe her hoffentlich passen.“ Hoffentlich?, dachte ich kurz, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen. Verstohlen blickte ich mich in der Werkstatt um. Ich hatte das Gefühl, dass Kramer wahnsinnig laut redete. „Und dann dachten wir, es wäre irgendwie am falschen Ende gespart …“ Auf einmal wirkte es so, als würden die Wände der Werkstatt über mich hinauswachsen. Hoch in den Himmel. Ich fühlte, wie ich immer kleiner wurde und nur noch mein pochendes Herz, groß wie ein aufgeblasener Airbag, zwischen den kilometerhohen schmutzigen Autowerkstattwänden immer stärker und lauter schlug, während die Stimme von Kramer in ohrenbetäubender Lautstärke fortfuhr, als er lachend sagte: „… sozusagen buchstäblich am falschen Ende gespart, wenn du verstehst, was ich meine, wenn wir im Kofferraum nicht auch einen Notfalltaster anbringen.“ Er nickte aufmunternd mit dem Kopf, während er diese letzten Worte sprach, als wollte er mich zum Mitlachen auffordern. Als wäre das alles ein großer Spaß. Ein tolles gemeinsames Hobby, das aber mein Leben war.

Ich sah ihn an. Kniff einmal die Augen zusammen und wischte heimlich meine mittlerweile schweißnassen Handflächen an meiner Jeans ab. Ich blickte hinüber zum hellblauen Volvo. Mein Blick fiel auf den Kofferraum.

Kramer, der meinem Blick folgte, ging ein paar Schritte zum Auto und öffnete die Heckklappe. „Hier.“ Er deutete auf einen schwarzen Knopf in der Verkleidung des Kofferraums und dann zu einem weiteren Schalter. „Und hier haben wir ’ne kleine Lampe eingebaut. Die hat ’ne extra Batterie, dass man die anmachen kann, wenn das Auto nicht läuft. Der Schalter dafür ist hier.“ Er zeigte auf einen weiteren Knopf und schlug dann die Klappe zu. „Kann losgehen, oder? Mensch, ich erinner mich noch dran, als ich jung war. Direkt nach der Schule bin ich auch erst mal weg. Das wird bestimmt ein super Trip. Mit dem Fahrzeug gleitest du jetzt direkt in die Freiheit.“

Ich sah ihn an. Er blickte auf die Tüte von WOM mit den CDs in meiner Hand. „Soll ich die mal in den Wechsler laden, während du zahlst? Ich kann dich echt gut verstehen. Endlich mal richtig weit weg nach dem ganzen Stress. Würd ich genauso machen. Na ja …“, er lachte, „ich komm ja auch irgendwie mit.“ Das Fahrzeug. In die Freiheit gleiten. Der Stress im Zivildienst. Der war vorbei. Da hatte er recht.

Wortlos reichte ich ihm die Plastiktüte. Mechaniker-Frank, der die ganze Zeit in Hörweite von uns gestanden hatte, kam, als hätte er das Stichwort für seinen Auftritt gehört, wieder zum Tisch. „Bar oder EC?“

1.

Wir waren direkt nach der Freilassung meines Vaters im April 1996 nach New York geflüchtet. Amerika bot uns Anonymität und die Gewissheit, nicht verfolgt zu werden. Weder von Verbrechern noch Trittbrettfahrern noch Journalisten. In Hamburg-Blankenese wurden unsere beiden Häuser, die Gärten und die Straße, die diese verband und in der ich aufgewachsen war, auf der ich Fahrrad und später Skateboard fahren gelernt hatte, auf unsere Rückkehr vorbereitet. Ich wusste nicht, was sich verändern würde, geschweige denn wie genau. Meine Eltern hatten von mir gänzlich unbemerkt Pläne gemacht, die in unserer Abwesenheit umgesetzt wurden. Mir war klar, ich fühlte es ja, dass wir alle drei ein, wie es im Fachjargon hieß, erhöhtes Sicherheitsbedürfnis hatten. Mir war nicht klar, wie die Veränderung von Äußerlichkeiten zu einer inneren Ruhe führen sollte. Ich vertraute meinen Eltern und den Menschen, denen sie vertrauten, und war froh, dass ich mich selbst um gar nichts kümmern musste.

„Wir werden erst mal für einige Zeit Sicherheitsleute haben müssen.“ Diesen Satz meiner Eltern, wie nebenbei während einer Taxifahrt in Manhattan geäußert, wälzte ich erst mal in meinem Kopf herum. Meinten sie wirklich Bodyguards? Bruchstückweise erinnerte ich mich an das private Sicherheitsunternehmen, das in den letzten Wochen der Entführung die Geldübergabe erfolgreich an der Polizei vorbei organisiert hatte. „Sind das die Geldübergabeleute?“, fragte ich meine Mutter, während ich weiterhin aus dem Seitenfenster sah, in dem sich verschwommen ihr Gesicht spiegelte. Sie nickte. „Ja, die werden bei uns zu Hause ein paar Kameras und wohl auch einen Zaun aufstellen“, sie holte tief Luft, „müssen. Und dann werden die uns wohl auch erst mal begleiten, wenn wir irgendwo hingehen.“ Meine Mutter atmete hörbar und kontrolliert aus. Ein Seufzer, der keiner werden durfte.

Wie sollte das denn funktionieren? Welche Frage stellte ich jetzt am besten? Ich war hin und her gerissen zwischen Panik und einer sich unangemessen anfühlenden Vorfreude. Eine sich in meinen Magen fressende brennende Unsicherheit wich einer aufgeregten Mischung aus Angst und unterdrückter Hysterie. Ich würde jemand mit Bodyguards sein.

Ich schaute aus dem Fenster des Taxis auf die langsam grün werdenden Bäume des Central Park. „Was haben die denn dann an?“, fragte ich in die Stille. „Und wie …?“ Ich brach die Frage ab, weil ich vergessen hatte, wie sie weitergehen sollte. Aus den Augenwinkeln erkannte ich meine Eltern. Wir saßen alle drei auf der Rückbank. Sie sahen sich an. Dann sah meine Mutter zu mir, und ich drehte den Kopf auch in ihre Richtung. Sie sagte nichts. Schüttelte fast unmerklich den Kopf und zuckte kurz mit den Schultern. „Ich glaub, ganz normal.“

2.

Vom Flughafen in Hamburg holten uns einige Wochen später zwei fremde Männer ab. Daraus, dass sich die Männer und meine Eltern vor dem Flughafen zielsicher aufeinander zubewegten, schloss ich, dass sie sich schon mal gesehen hatten. Die beiden Männer nickten mir zu, und ich streckte ihnen die Hand hin. „Moin, Johann.“ Sie kannten also meinen Namen. „Moin“, nuschelte ich. Soweit ich das beurteilen konnte, sahen sie wirklich ganz normal aus. Um nicht zu sagen unauffällig. Der eine trug einen Anzug ohne Krawatte mit einer leichten schwarzen Jacke darüber und stellte sich als Herr Jürgens vor. Den Namen des anderen hatte ich nicht verstanden und traute mich nicht nachzufragen.

Als wir in unsere Straße einbogen, waren die Autos mit den Journalisten verschwunden. Stattdessen standen hier, Stoßstange an Stoßstange, Autos von Objekt- und Personenschützern.

Im Auto hatte ich dem Gespräch von Jürgens mit meinen Eltern gelauscht, während ich so tat, als ob mich das alles gar nichts anginge. „Der Umbau des Gästehauses ist in vollem Gange. Die Kameras sind großteilig gestellt, und der Zaun ist auch in Arbeit. Bis die Einsatzzentrale fertiggestellt ist, wird es allerdings noch ein paar Wochen oder schlimmstenfalls Monate dauern. Bis dahin stehen die Herren mit ihren Privatwagen an der Straße.“

„Haben Sie eigentlich mit den Nachbarn gesprochen?“, fragte meine Mutter, während mein Vater nervös an seinem Daumennagel kaute.

„Nein, Frau Scheerer. Wir wollten niemanden aufschrecken. Ich dachte, es ist angemessener, wenn Sie das übernehmen.“

Meine Mutter nickte. Ich blickte zu meinem Vater und wartete, dass dieser Jürgens fragte, ob jemand schon mit dem Sohn gesprochen habe. Aber den wollte vermutlich auch niemand aufschrecken. Er blickte nur nach vorn. Für den Rest der Fahrt wurde kein Wort gesprochen. Weder wusste ich, welche Fragen zu stellen waren, noch hätte ich sie stellen wollen, während jemand Fremdes dabei zuhörte.

Ich wusste, wie sehr meinen Vater der Anblick dieser vielen Autos in unserer Straße schmerzte. Ich blickte auf die Einfahrt zu unserem Grundstück. Seinen Volvo hatte er bis vor Kurzem immer in die Garage gestellt. Nicht, um ihn zu schonen, sondern um ihn nicht sehen zu müssen.

Als wir aus dem Auto ausstiegen, sagte Jürgens schnell: „Vielleicht ist es eine gute Idee, einen Teil Ihres Gartens, Herr Reemtsma, um einen Carport zu ergänzen. Die Kollegen haben mir berichtet, dass ein Nachbar in den letzten Tagen Schwierigkeiten hatte, aus seiner Ausfahrt herauszukommen.“

„Einen Carport?“ Mein Vater betonte das Wort, als würde es sich um einen eiternden Abszess handeln, den man nicht ergänzen, sondern ganz sicher entfernen sollte. „Sie meinen einen Parkplatz, oder was? In meinem Garten?“

Jürgens schien das Problem nicht sofort zu erkennen. „Wir würden diesen Hang hier“, er zeigte auf einen verwilderten Abhang, ein paar Meter von uns entfernt, hinter dem Gartentor, „begradigen, diese Bäume wegnehmen und ein Gitter auf Stahlstelzen in den Hang bauen. Ein einfaches Dach sollte ausreichen. Dann wäre da Platz für sechs Pkw. Die Stahlkonstruktion hält ewig. Da muss man dann nie wieder ran. Nicht in den nächsten hundert Jahren zumindest.“

Er lachte. Ich erinnerte mich an den Satz meiner Mutter. „Wir werden für einige Zeit erst mal Sicherheitsleute haben müssen.“ Einige Zeit. Hatte sie den Zeitrahmen unbewusst offen gelassen, oder kannte sie ihn nicht? Bestand die Möglichkeit, dass das hier für immer würde bleiben müssen? Dass man auch an diese Konstruktion nie wieder ranmüsste?

Als mein Vater nichts weiter erwiderte als ein gequältes, aber gerade noch freundliches Lächeln, reagierte Jürgens sofort: „Aber kommen Sie erst mal an. Die Kollegen sind darauf eingestellt, hier bis auf Weiteres am Straßenrand zu sitzen. Das ist kein Problem. Die haben alle schon Schlimmeres erlebt.“ Wieder lachte er.

Dadurch erschien er mir ganz sympathisch. Er schaute mich an und zwinkerte mir zu. Dann schloss er die Tür auf und bedeutete uns hereinzukommen. Woher hatte er den Schlüssel? Wir waren Gäste im eigenen Haus.

„Wieso sollte man sich ein Auto in den Garten stellen?“ Mein Vater hatte die Tür hinter uns geschlossen und blickte meine Mutter an, als könnte sie darauf eine Antwort geben. „Wozu hat man denn eine Straße?“ Sie schmunzelte. „Vielleicht gehört das irgendwie zu deren Job? Nicht nur auf Menschen, sondern auch auf deren Sachen aufzupassen?“ Aus ihrem Schmunzeln formte sich ein vorsichtiges Lächeln, das mein Vater nicht erwiderte. „Die wollen das für deren Autos bauen! Ich besitze nur ein einziges Auto, und das passt wunderbar auf den Parkplatz vor dem Tor oder ganz profan in die dafür vorgesehene Autogarage. Und jetzt sollen wir einen Zaun bauen lassen, damit deren Autos sicher in meinem Garten stehen können?“ Ich seufzte hörbar, und meine Eltern blickten mich sofort beide an. „Meint ihr nicht, die wissen, was sie tun?“, fragte ich vorsichtig. Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht meiner Mutter, und vorsichtig griff sie die Hand meines Vaters, der sie fest drückte. „Vielleicht muss man die jetzt einfach mal ihr Ding machen lassen?“ Ich versuchte, meine Meinung als Frage zu betonen, und fast lautlos ergänzte ich: „Hat doch schon mal ganz gut geklappt.“

 

Am nächsten Morgen wurde ich von einem fremden Mann zur Schule gefahren. Wir wechselten kein Wort miteinander. Er aus Professionalität, das reimte ich mir zusammen. Ich aus Unsicherheit. Die fast schon freudige Aufregung der ersten Stunden wich einem seltsamen Unbehagen. Kein Gefühl, das einer Angst oder gar Panik ähnelte, mehr ein Gefühl, das meinen Körper in eine ständige angespannte Alarmbereitschaft versetzte. Mein Bauch war immer hart. Meine Kiefermuskeln immer zusammengepresst. Hier im Auto fühlte es sich an, als hätte ich Hemmungen, etwas anzufangen, für das es keinen Abschluss gab. Wenn ich jetzt begann, mit dem Mann, den ich nicht kannte, zu reden, was würde er mir mitteilen? Was könnte ich machen, wenn ich ihn nicht mögen würde? Hätte ich die Möglichkeit, ihn abzuwählen? Und selbst wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich es mich trauen? Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?

 

Ein paar Tage später saßen meine Eltern, Jürgens und ich in der Küche meiner Mutter, die noch vor ein paar Monaten eine verkabelte Einsatzzentrale gewesen war, und sprachen darüber, wie wir nun leben sollten. Immer wenn ich in die Ecken der Wohnküche schaute, erinnerte ich mich an die provisorischen Schlaflager der Angehörigenbetreuer.

„Ich weiß noch, wie ich einmal die schwarze Sporttasche mit dem Lösegeld versehentlich unter der Küchenbank hervorgezogen hab, weil ich dachte, es wäre mein Ranzen.“ Ich versuchte, die Stille vor dem anstehenden Gespräch zu durchbrechen, und zeigte auf die Aktentasche von Jürgens, die jetzt an der gleichen Stelle stand. „Ich dachte grad, die steht da noch. Voll das optische Déjà-vu.“ – „Na ja!“, fiel mir mein Vater fast ins Wort. Und etwas zu laut fuhr er fort: „Die ist jetzt ja eindeutig weg. Dafür bin ich hier.“ Unter seinem Bart, der ihm in den 33 Tagen gewachsen war, zeichneten sich seine Kieferknochen ab, die fest aufeinanderbissen. Keiner lachte. Keiner sagte ein Wort. Würden wir ihm jemals von den manchmal heiteren, nahezu albernen Abenden, die sich auf bizarre Weise mit den scheußlichen, angsteinflößenden, grauenerregenden Abenden und Nächten abgewechselt hatten, erzählen können? Wie unplanbar, spontan und unerwartet immer alles gewesen war?

Nun war es wieder so schnell gegangen, wie es damals über uns hereingebrochen war. Wie wir mit Jürgens am Tisch saßen, fühlte sich das Haus schreiend leer an. Nur der zynische Satz meines Vaters hallte noch nach. Immer wieder fragte ich mich, ob mein Vater eigentlich wusste, wie es uns hier ergangen war, während er im Keller gefangen gehalten worden war. Ich wusste bislang kaum etwas über seine Situation. Es schien, als ob keiner von uns wüsste, wie man den Anfang machen könnte. Ich hoffte nur, dass Jürgens irgendeinen Plan hatte.

Als einer der beiden Chefs der privaten Sicherheitsfirma, wie es immer im Fernsehen hieß, stellte er uns anhand von Fotos die neuen Mitarbeiter vor und erzählte ein bisschen was über ihren Werdegang: Bundeswehr, Schießausbilder, Bombenkommando, Rettungssanitäter, Sonderkommando, Mossad, Auslandseinsatz, Personenschützer bei Familie XY. Seine Worte vermischten sich mit den Geräuschen der Baustelle um das Haus meiner Mutter.

„Das ist Herr Kramer. 34 Jahre alt. War lange bei der Bundeswehr.“ Ta-ta-ta-ta-ta-ta!!! Mit Presslufthämmern wurden tiefe Löcher in den Boden gerammt, um den neuen zweieinhalb Meter hohen engmaschigen Zaun zu befestigen. „Herr Schmitt hier“, er tippte auf ein weiteres Foto, „war lange Zeit beim MEK. Danach Sonderkommando für …“ Rattattattatta!! Die Straße und der Garten wurden aufgebrochen, um Kabel für die Kameras zu verlegen. „Die Herren werden zukünftig immer auch da sein, wo Sie sind. Bestenfalls teilen Sie ihnen vorher mit, was Sie vorhaben, damit sie sich darauf einstellen und entsprechende Maßnahmen ergreifen können.“ Ich konnte dem Vortrag nicht mehr folgen. Ich hoffte, dass meine Eltern fragen würden, was für Maßnahmen das wohl sein würden, aber sie schwiegen, genau wie ich. Die Typen auf den Fotos sahen für mich alle gleich aus. Kurze Haare, ernster Blick. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Am Rande bekam ich ein paar Wortfetzen mit, die ich mir in den kommenden Tagen zusammenreimte.

Die Bewachungsmaßnahmen folgten einem ausgeklügelten und ineinandergreifenden System von etwa einem Dutzend Sicherheitsleuten, die abwechselnd für die Vor- und Nachaufklärung sowie die Begleitung von uns dreien zuständig waren. Das System basierte auf der Annahme, dass ein Entführer vor einer potenziellen Entführung das Opfer auskundschaften musste, um seine Gewohnheiten herauszufinden, so wie es die Entführer meines Vaters mit unserer Familie über Monate gemacht hatten. Man folgerte, es wäre nicht völlig unwahrscheinlich, dass wir beispielsweise morgens auf dem Weg zu meiner Schule in einen Hinterhalt geraten könnten. Diese Gefahr sollte mit der Voraufklärung – einer Person, die schon eine gewisse Zeit vorher „guckte, ob einer guckte“ – und der Nachaufklärung, die sicherstellte, dass uns keiner hinterherfuhr, ausgeschlossen werden.

Es dröhnte in meinem Kopf. Ich dachte an die vielen Bandproben, die ich verpasst hatte. Kurz vor der Entführung hatte Daniel mich gefragt, ob ich nicht als Sänger und Gitarrist in die Band einsteigen wolle, die er mit Lenny und Dennis gegründet hatte. Das war fast ein Vierteljahr her. Ein Vierteljahr, in dem die drei wahrscheinlich schon zwanzig Mal geprobt hatten und ich meine Versuche, Gitarre zu üben, an einer Hand abzählen konnte. In den fünf Wochen der Entführung meines Vaters hatte ich natürlich nicht zur Bandprobe kommen können. Hatte sagen müssen, dass ich krank war. Hatten sie mich überhaupt vermisst? Danach flohen wir nach Amerika, und als ich wiederkam, war es schwierig, dort anzusetzen, wo ich meine Freundschaften verlassen hatte. Wie sollte ich ein Gespräch beginnen? Unsere Gemeinsamkeiten schienen angesichts der Unterschiedlichkeiten, die uns nun ausmachten, zu verblassen.

Es war Daniel, der schließlich den Kontakt suchte. „Ey, Digga. Wir wollen bald das erste Mal ins Studio gehen. Der Kumpel von Lenny, dieser Bela, hat doch so ein Studio in Langenhorn.“

„Bela?“ Ich war gleich hellwach gewesen. „Bela von …“

„Jetzt flipp nicht gleich aus. Nein, natürlich nicht Bela B. von Die Ärzte, sondern Bela, der Freund von Lenny aus Langenhorn. Der heißt halt einfach Bela. So wie du Mongo heißt.“

Es war mir ein bisschen peinlich. Die anderen Jungs ritten immer wieder darauf herum, dass ich ausschließlich Die Ärzte hörte und nicht wie sie Tool, Pearl Jam, Rage Against The Machine oder zumindest Tocotronic. „Wenn wir das durchziehen wollen“, fuhr Daniel fort, „brauchen wir noch ein paar Songs. Bist du eigentlich noch am Start?“

Das war die Frage, die mich selbst umtrieb: War ich eigentlich noch am Start?

Wie sollte ich in all diesem Gedröhne eigentlich Songs schreiben?

„Hast du noch Fragen?“, durchbrach die Stimme von Jürgens das Wummern in meinem Kopf.

Ich blickte zu meinen Eltern und dann zu ihm. „Nö. Ich glaube nicht. Ist alles klar, glaube ich.“

„Okay“, erwiderte er freundlich lächelnd, „ansonsten habe ich dir meine Telefonnummer in das Handy eingespeichert.“

Als ich an das graublaue Nokia 1630 dachte, das er mir gestern gegeben hatte, und versuchte, mir ein Gespräch mit ihm vorzustellen, merkte ich, dass ich seinen Namen vergessen hatte. Ich nickte. „Alles klar. Ich ruf Sie an, wenn was ist.“

3.

Von diesem Tag an verwandelte sich jede bekannte Situation in eine völlig neue Erfahrung.

Sobald ich das Haus verließ, fuhr ein Auto vor. Als es das erste Mal passierte, erschrak ich noch über das schnell heranfahrende Auto in unserer sonst so ruhigen Straße. Aufgeregt öffnete ich die Beifahrertür. Der Mann am Steuer des schwarzen BMWs stellte sich mir vor: „Moin, Johann, ich bin Herr Schmitt. Nicht etwa Schmitts, wie manche denken.“ Damit überreichte er mir eine Visitenkarte, auf der „Schmitts Sicherheit“ stand. „Die Leute rufen mich immer an und begrüßen mich mit ›Hallo, Herr Schmitts‹, weil die nicht verstehen, dass der deutsche Genitiv keinen Apostroph hat. Die denken, ich heiße Schmitts. Dann erkläre ich denen immer ganz geduldig, dass Schmitts Sicherheit die Kurzform ist für Schmitt seine Sicherheit. Dann fällt der Groschen.“ Ich blickte auf die Karte. Meine Aufregung war verflogen. Schmitt fuhr fort: „Kannst auch Holger sagen.“

„Guten Morgen, Herr Schmitts“, sagte ich und grinste ihn an. Ich wusste nicht, was ich mit der Karte machen sollte. Ich war vierzehn Jahre alt und hielt das erste Mal eine Visitenkarte in der Hand. Ich stellte mir vor, wie Schmitt in einem dunklen Büro für Privatdetektive sitzt und Anrufe entgegennimmt. „Schmitt seine Sicherheit“ steht auf der Milchglasscheibe seiner Bürotür.

Ich reichte ihm die Visitenkarte unsicher zurück, er nahm sie und steckte sie wieder in sein Portemonnaie. „Das ist meine alte Firma. Ich arbeite jetzt ja für eure.“ Ich erinnerte mich dunkel an eines der Fotos, das Jürgens uns gezeigt hatte. Schmitt. Selbstständig im Sicherheitsgewerbe. Ja, da war doch was. Aber ging es hier nicht um unsere Sicherheit und nicht um Schmitt seine? Ich war verwirrt.

 

Wenn ich mich nachmittags mit Freunden traf, gab ich vorher an, wo das passieren würde, und verbrachte die Zeit vorwiegend damit, mich regelmäßig umzuschauen, ob die Personenschützer nicht zu auffällig irgendwo rumstanden und meine Freunde mitbekamen, dass nun auf mich aufgepasst werden musste. Wir wollten möglichst wenig mit unseren Eltern zu tun haben, obwohl wir alle noch zu Hause wohnten. Und sowenig die Personenschützer meine Eltern waren, so sehr waren sie Erwachsene. Überall, sei es im Kino, im Block House am Othmarschener Bahnhof, wo wir uns nach der Schule regelmäßig Pommes und Knoblauchbrot holten, im Park oder nachts in den Straßen von Klein Flottbek, an all den Orten, an denen wir waren, weil unsere Eltern dort nicht waren, waren nun wieder Erwachsene bei mir. Superuncool.

Ich beschloss, es erst mal nicht anzusprechen. Es war mir unangenehm. Keiner von uns kam aus irgendwie prekären Familienverhältnissen. Wir wohnten mehr oder weniger in Hamburgs reicherem Westen. Trotzdem wurde Lenny regelmäßig von uns aufgezogen, weil er als Einziger in unserer Band Seglerschuhe trug. Es gab auf unserer Schule diese Gruppe von Jungs und vereinzelt auch ein paar Mädchen, die in einer Art Uniform von kurzer blauer Polohose, roséfarbenem Poloshirt und Seglerschuhen ohne Socken auftraten. Und zwar so ziemlich zu jeder Jahreszeit. Sie spielten Polo, so wie Lenny auch, und segelten vermutlich. Ich wusste es nicht, weil ich nur an Lennys Schlagzeugspiel interessiert war. Das war erstaunlicherweise ganz phänomenal. Lennys Vorbild war Dave Lombardo, der Drummer von Slayer. Er hatte sich sogar eine Doppelfußmaschine für sein Drumset gekauft, um extra schnelle Doublebass-Figuren spielen zu können. Die passten zwar nicht zu unserem Stil, machten aber trotzdem ziemlichen Eindruck im Proberaum. Er gehörte nicht zu den Trommlern, die ständig mit ihren Fingern irgendwo drauftippten und mit diesen angedeuteten komplizierten Rhythmen alle in den Wahnsinn trieben. Er war eher ruhig, und ich hatte ihn im Verdacht, dass sein eigentliches Hobby das Polospielen war. Dennis und Daniel spielten ihre Instrumente – Dennis Bass und Daniel Gitarre – beide länger und besser als ich. Dennis machte zu Hause laut Eigenaussage nichts anderes als Daddeln und Zocken. Was so viel hieß wie Videospiele und Bass spielen. Ich war also der schlechteste Musiker unserer Band, was bei Proben sehr stressig wurde. Ich verbrachte viel Zeit damit, meinen Verstärker einzustellen, weil er nicht so klingen wollte, wie ich es mir vorstellte, und weil ich versuchte, von meiner Unzulänglichkeit abzulenken. Noch dazu hatte ich die Befürchtung, dass der einzige Grund, warum sie mich nicht rauswarfen, der war, dass sie nach dieser ganzen Entführungsgeschichte schlicht Mitleid mit mir hatten. Entsprechend souverän versuchte ich mich täglich zu geben. Ich traute mich auch nicht, über Lennys Seglerschuhe zu lachen, hatte ich doch das Gefühl, dass ich selbst viel mehr Angriffsfläche bot als irgendwelche geschmacklosen Schuhe. Immerhin erledigten Dennis und Daniel das für mich, und ich fummelte einfach endlos an meinem neuen Marshall JTM 60 Röhren-Combo-Amp herum.

„Digga, lass mal spielen. Hast du’s gleich mal?“

„Yo, gleich. Vielleicht brauch ich auch ’n anderes Kabel.“

„Was du brauchst, ist ’ne andere Technik. Die gibt’s nicht im Laden.“

„Ach, halt’s Maul und spiel!“

Nach den Bandproben gingen wir meistens noch rüber ins Block House. Wir bestellten immer ein paar Block-House-Brote und viel Sour Creme zum Mitnehmen und aßen sie auf irgendeinem Mauervorsprung. Doch die Unbeschwertheit meiner Freunde fühlte ich nur oberflächlich. Ich alberte mit und suchte gleichzeitig mit den Augen die Männer, die irgendwo in unserer Nähe herumliefen und uns beobachteten. Sobald wir aus dem Keller von Lennys Eltern ans Tageslicht kamen, schrieb ich schnell eine SMS. Manchmal gab ich vor, noch pinkeln zu müssen, um das heimlich auf der Toilette zu machen, manchmal ging ich einfach als Letzter aus dem Haus. „Gehen zum Block House.“

Immer bevor ich das Haus verließ, musste ich eine SMS schreiben, dass ich gleich das Haus verlassen würde. Nach einigen Wochen wurde ich gebeten, den Personenschützern doch bitte mindestens drei Minuten Zeit zu lassen, bevor ich die Tür öffnete. Diese Zeit bräuchten sie, um sich vorzubereiten und den Weg von der Zentrale bis zu unserer Haustür zu schaffen. Wenn meine Eltern mich mal wieder zwingen wollten, mit unseren Hunden spazieren zu gehen, und ich nach zähen Verhandlungen nachgegeben hatte, zückte ich mein Telefon und schrieb eine SMS oder rief, wenn mir das zu umständlich war, einfach kurz drüben an. „Zentrale, hallo?“ – „Moin. Ich geh mal mit den Hunden raus.“ Dann wartete ich. Irgendwann fingen die Hunde an, jaulend und japsend vor Vorfreude an mir raufzuspringen, sobald ich nur den Hörer vom Telefon anhob oder mein Handy zückte. Diese Pfoten-auf-Parkett-klackernde Nerverei ließ die drei Minuten wie eine Unendlichkeit wirken. Jeder Vorgang meines neuen Lebens, jede Idee musste nun vorbereitet, mitgeteilt und gemeinsam erlebt werden. Meine gerade aufkeimende Freiheit als vierzehnjähriger Jugendlicher fühlte sich erdrückend an. Jeder Hundespaziergang, jeder Nachmittag mit meinen Freunden war eine Aufgabe mit Anleitung. Und dieses neue Leben beängstigte mich. Sollte ich mich nicht eigentlich sicher fühlen? Dass ich überhaupt ein bewusstes Gefühl zu meinem Leben hatte, nervte mich. Meine Freunde waren alle so wahnsinnig gedankenlos und übermütig, dass ich mir immer vorkam wie der Bedenkenträger. Gleichzeitig versuchte ich in der Art und Weise, wie ich mich ihnen gegenüber verhielt, besonders krass zu sein, um sie meine innere Verkrampftheit bloß nicht spüren zu lassen.

Die Kellner und Kellnerinnen im Block House waren oft extrem genervt von uns. Nie setzten wir uns rein, immer wollten wir irgendwelche Extrawünsche, und jedes Mal sammelten wir all unser Kleingeld zusammen, bis es genug war für die gewünschte Mahlzeit oder zumindest einen Kompromiss. Allerdings wollte ab und zu einer von uns doch nur sein eigenes Essen bezahlen, und somit musste die Bedienung diverse Miniaturrechnungen ausstellen, während wir ihr die Mark- und Pfennigmünzen in die Hand rieseln ließen. Draußen vor der Tür schmissen wir dann gern mal die Überreste hinter die Hecke und rannten weg. Ab und zu schrie uns jemand vom Personal hinterher, und wenn wir Pech hatten, schimpfte bei unserem nächsten Besuch jemand mit uns. Wir ließen uns nicht beirren und fragten sogar dreimal nach einer weiteren Extraportion Eis für unsere Apfelschorle.

Sichtlich genervt machte uns einmal ein älterer Gast im Block House an: „Ihr Bengel habt wohl keine Erziehung genossen. Wenn ich euch das nächste Mal mit euren Eltern hier sehe, dann könnt ihr aber was erleben.“

Wir grinsten ihn nur an. „Oooohhhhhh“, sagte Daniel und tat so, als ob er sich alle Fingernägel gleichzeitig abkaute.

„Pass bloß auf!“, schrie der Alte, „so einer wie du wär früher ins Umerziehungslager gekommen!“

„Uuuhhh.“ Daniel wackelte mit den Händen, als würde er vor Angst zittern. „Komm, Digga“, sagte Dennis, „lass mal abhauen. Der Nazi soll mal chillen.“ Aufgekratzt verließen wir mit einem Becher Eiswürfel das Restaurant. Lenny war nicht dabei, weil er noch Hockey oder Polo oder irgendwas spielen wollte. „Alter, voll der Nazi!“, rief ich Daniel und Dennis zu.

„Ja, echt ey. Voll krass.“

„Ey“, sagte ich, „ich hab ’ne Idee.“ Wir liefen um die nächste Ecke, und ich bedeutete Daniel und Dennis, sich mit mir hinter einer Hecke zu verstecken. „Gib mal deine Apfelschorle“, sagte ich zu Dennis.

„Digga – meine Apfelschorle? Bist du behindert? Die hab ich extra für mich gekauft.“

„Alter, trink sie halt aus. Ich brauch nur den Becher.“ Dennis sah mich an. „Ex mal“, forderte ich ihn auf.

„Ex ex ex!“, stimmte Daniel an. Dennis ließ sich nicht lange bitten und trank die Schorle in wenigen Schlucken aus.

„Dreht euch mal um.“ Dann nahm ich den Becher, öffnete meinen Hosenstall und pinkelte ihn bis drei Finger breit unter den Rand voll. „Gib mal die Eiswürfel.“ Ich füllte die Eiswürfel in den Becher und wartete, bis er abgekühlt war. Der gelbe Urin mit dem weißen Schaum sah ziemlich genau aus wie das Getränk, das Dennis gerade geext hatte. „Lass mal zurück.“

Dennis und Daniel grinsten mich an. „Auf jeden, Digga!“

Als wir wenige Minuten später beim Block House ankamen, saß der ältere Herr immer noch in Begleitung einer Frau direkt am Eingang des Restaurants. Wir atmeten kurz durch, dann gingen wir rein.

„Entschuldigung“, sagte Daniel und tippte dem Mann auf die Schulter.

„Mein Freund wollte sich bei Ihnen entschuldigen“, ergänzte ich, ohne dass wir uns vorher abgesprochen hatten.

„Ja, es tut mir leid, dass ich vorhin so laut und ungezogen war, und deshalb“, jetzt stellte ich dem Mann den Becher neben seinen Teller, „möchte ich Ihnen als Wiedergutmachung meine Apfelschorle schenken. Ich habe auch noch nichts davon getrunken.“

Das stimmte sogar, denn Dennis war es ja, der alles geext hatte. Wir konnten uns kaum noch zusammenreißen.

Der ältere Mann schaute uns skeptisch an, aber die Frau legte ihre Hand auf seine. „Komm, Harald, sag was Nettes.“

„Ja, sagen Sie bitte was Nettes“, überspannte ich vorsichtig den Bogen. Harald wusste nicht so recht, wie ihm geschah, und so langsam kriegte ich Angst. Ich hatte den Plan nicht zu Ende gedacht und wollte nicht unbedingt dabei sein, wenn Harald den ersten Schluck nahm.

„Jetzt sag schon was Nettes, Digga!“, rief auf einmal Dennis, der etwas abseits stand, und rannte dann weg. Daniel und ich sahen uns an.

„Egal. Guten Appetit noch“, sagte Daniel und drehte sich um. Er zog mich am Ärmel, und ich bewegte mich auch gen Ausgang.

„Warten Sie nicht so lange mit dem Trinken“, sagte ich, „sonst wird der Apfelsaft warm.“

„Wieder!“, ergänzte Daniel noch, und wir rannten beide prustend bis in den nahe gelegenen Park und schmissen uns dort auf die Wiese.

„Digga, was für ’ne heftige Aktion“, keuchte Dennis.

„Geschieht ihm doch recht, dem Nazi“, prustete ich. Dann erinnerte ich mich, dass ich gar nicht mehr auf mein Handy geschaut hatte. Heimlich fummelte ich es aus der Tasche. Eine neue Nachricht. Ich öffnete sie. „Alles klar. Sehen euch schon. Bleiben in der Nähe.“

Wie kann man nach der Entführung des Vaters unabhängig werden, wenn man ständig bedroht und bewacht wird?

Der zweite Roman von Johann Scheerer

Szenen eines permanenten Ausnahmezustands: Ein Leben ohne Geheimnisse dank permanenter Beobachtung,ein Leben mit unterschwelliger Angst und vordergründigem Zorn, ein Leben voller Misstrauen und Unterstellungen.

Dieser Coming-of-Age-Roman ist eine Offenbarung. Nie ist auf so selbstironische und ehrliche Art über den Wunsch nach Freiheit und Normalität geschrieben worden.

Die Suche nach Selbstbestimmung, die jeden Heranwachsenden erfüllt, verläuft hier unter Extrembedingungen. Es gibt eine reale Bedrohungslage, die aber im Alltag nicht zu existieren scheint, denn es passiert: nichts.

Doch während zu Hause nichts mehr ist wie früher, aber keiner darüber spricht, kann Johann keinen Schritt mehr vor die Tür tun, ohne ihn vorher anzukündigen. Sobald er im Freien ist, steht er unter Beobachtung. Genau diese Beobachtung muss er in der Schule, bei Partys, Dates und Nebenjobs verheimlichen.

Das scheint sogar zu gelingen, er findet eine Freundin, bekommt einen Plattenvertrag, aber er gerät ständig in groteske und peinliche Situationen, weil er unehrlich sein muss. Die Ausreden, Halbwahrheiten und Notlügen drohen ihn zu erdrücken. Kann er diesem Lügenleben entkommen?

Blick ins Buch
Wir sind dann wohl die AngehörigenWir sind dann wohl die Angehörigen

Die Geschichte einer Entführung

Johann Scheerer erzählt auf berührende und mitreißende Weise von den 33 Tagen um Ostern 1996, als sich sein Vater Jan Philipp Reemtsma in den Händen von Entführern befand, das Zuhause zu einer polizeilichen Einsatzzentrale wurde und kaum Hoffnung bestand, ihn lebend wiederzusehen.„Es waren zwei Geldübergaben gescheitert und mein Vater vermutlich tot. Das Faxgerät hatte kein Papier mehr, wir keine Reserven, und irgendwo lag ein Brief mit Neuigkeiten.“ Wie fühlt es sich an, wenn einen die Mutter weckt und berichtet, dass der eigene Vater entführt wurde? Wie erträgt man die Sorge, Ungewissheit, Angst und die quälende Langeweile? Wie füllt man die Tage, wenn jederzeit alles passieren kann, man aber nicht mal in die Schule gehen, Sport machen, oder Freunde treffen darf? Und selbst Die Ärzte, Green Day und die eigene E-Gitarre nicht mehr weiterhelfen?

28.4.1996 New York, Central Park

Die Eisbahn ist voll, die Vögel zwitschern, der Frühling liegt in der Luft, aber wir können die Schönheit nicht erkennen. Nicht spüren. Nicht genießen. Wir sind nicht hier, weil wir etwas erleben wollen. Wir können nicht nach Hause. Die Journalisten vor, hinter und über unserem Haus, in Autos und Hubschraubern, die Berichte auf den Titelblättern sämtlicher deutschen Zeitungen. In Deutschland können wir jetzt nicht sein.

Noch Wochen nach unserer Rückkehr nach Hamburg würden sie nach Benni rufen, damit ich mich auf unseren täglichen Spaziergängen nach ihnen umdrehte, unter der Kapuze hervorlugte und sie ein Foto schießen konnten. Keine Fragen, kein Verstehenwollen, keine Kommentare. Nur ein Pfiff, ein Blick und ein Klicken. Erst mal sollte New York uns davor schützen. Uns durchatmen lassen.

Wir atmen die Luft des Parks, hören die Menschen, spüren aber die Stadt nicht. Wie fühlt es sich an, wenn man nichts fühlt? Registrieren wir, dass die Sonne scheint? Dass wir dort leben, wo andere Urlaub machen? New York – für viele ein Traum, für uns nur eine Kulisse, durch die wir miteinander gehen, ohne uns zu begreifen.

Mein Vater ist nicht sicher auf seinen Füßen, die sich während der letzten 33 Tage immer nur zwei Meter vor und zurück an einer Kette in einem Keller bewegen konnten. Meine Mutter stützt ihn am linken Arm, ich am rechten. So gehen wir durch den Park, in dem uns keiner kennt und niemand etwas von uns weiß, und versuchen herauszufinden, ob wir noch wissen, wer wir sind, ob mein Vater noch vollständig ist und wir noch die sind, von denen er sich am 24. März verabschiedete. „Ich geh noch mal kurz rüber . . .“

 

Ich wollte nicht nach New York, ich wollte nach Hause. Man hatte mir meinen Vater entrissen, unser Zuhause angegriffen, und dann gab es diese Idee, erst einmal wegzubleiben. Ich wäre am liebsten einfach zurückgekehrt in mein altes Leben, in unser Zuhause, das noch nicht zerstört war von diesen langen, zehrenden fünf Wochen.

New York. Die Stadt der Albträume. Ein Fluchtkurort.

„Nach New York? Na toll – dann werden wir da alle drei entführt!“

Ich hatte Angst vor einem weiteren Schritt ins Unbekannte, ins Unberechenbare. Ich sehnte mich nach der Normalität, die mir genommen worden war. Sollte es nie mehr werden, wie es vorher war? Von hier aus, das spürte ich, führte jedenfalls kein Weg zurück.

 

Eine Pferdekutsche trabt vorbei. Mein Vater zuckt zusammen und erstarrt. Saugt die Luft ein, als wäre er die letzten Wochen unter Wasser gewesen und gerade erst in diesem Moment aufgetaucht, und doch scheint die Luft sein Gesicht, seinen ganzen Körper verkrampfen zu lassen. Das Kettenrasseln der Kutsche geht ihm durch Mark und Bein. Ein Griff meiner Mutter unter seine Achsel, um seinen Arm, ihr Blick zu mir. Für ein paar Sekunden sehen wir einander an, wissen, was der andere denkt, wissen, was der andere fühlt. Kurz wieder verbunden im Schmerz der Ungewissheit, der Erinnerung, der Angst.

Sein Blick nur starr geradeaus.

 

 

Meine Mutter öffnete die Tür und betrat, energischer als sonst, mein Zimmer. Hatte mein Wecker schon geklingelt? Normalerweise weckte mich meine Mutter nicht mehr. Ich überlegte kurz, ob es mir unangenehm sein sollte, dass sie so unangekündigt hereinkam, war aber zu müde und ließ die Augen geschlossen und meine Gefühle im Dämmerschlaf. Ohne ein Wort lief sie die paar Schritte zum halb geöffneten Fenster und zog die Vorhänge auf.

Vogelgezwitscher.

Hätte ich gewusst, dass diese Frühlingsatmosphäre, dieser Klang der erwachenden Vögel, gepaart mit den ersten vorsichtigen Sonnenstrahlen des Jahres, bis heute eine Art wiederkehrenden Soundtrack, einen Schlüsselreiz meiner Erinnerung darstellen wird, hätte ich meine Mutter bestimmt gebeten, das Fenster zu schließen und die Vorhänge zuzuziehen, bevor sie sich zu mir ans Bett setzte.

Ich tat, als ob ich noch schliefe, ließ sie meinen Rücken streicheln und genoss die paar Sekunden, die ich noch hatte, bevor ich mich anziehen und in die Schule musste. Ich war Ende des vergangenen Jahres dreizehn geworden, Körperlichkeit zwischen meinen Eltern und mir war selten. Der Dämmerschlaf dieser morgendlichen Augenblicke erlaubte es mir, mich nicht gegen die Hand meiner Mutter zu wehren. Langsam kamen die Gedanken.

Eine Lateinarbeit, für die ich mit meinem Vater die Tage zuvor noch gelernt hatte, stand an. Latein lernen mit meinem Vater. Er war nicht der Geduldigste, ich nicht der Begabteste und diese Kombination nicht die beste. Ich sog den Geruch des Kissens ein, streckte mich ein wenig, versuchte, mir die Geborgenheit des Betts, die Besonderheit dieses Moments zu bewahren.

„Johann, ich muss dir etwas sagen.“ Der Klang der Stimme meiner Mutter war nicht wie sonst.

Ich kannte diesen Eröffnungssatz von früheren Situationen. Er verhieß nichts Gutes. Das war mir schlagartig klar. Behutsam schien meine Mutter den nächsten Satz vorbereiten zu wollen.

„Wir müssen jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen. Jan Philipp ist entführt worden. Die Entführer wollen zwanzig Millionen Mark. Die Polizei hat einen Krisenstab eingerichtet. Christian Schneider ist auf dem Weg hierher. Ich weiß ganz sicher, dass es gut ausgehen wird, aber bis dahin wird es schwer für uns werden.“

 

Es war der 25. März 1996, es war Frühling, und mein Leben sollte von da an ein anderes sein. Es sollte keinen unbeschwerten Frühling mehr für mich geben, kein Vogelgezwitscher ohne diesen Satz in meinem Kopf, ohne meinen ersten Gedanken an die Lateinarbeit, die ich hätte schreiben sollen und die ich, das war mir in diesem rasenden Chaos sofort klar, verpassen würde. Meine Mutter sah mich an, als wolle sie mit ihrem Blick in meinem Kopf die Gewissheit einbrennen, dass wir es schon schaffen würden, dass mein Vater nicht ermordet würde, dass alles – was auch immer das sein mochte – gut ausgehen werde.

 

Die Lateinarbeit. Das war der erste Gedanke, der mir kam. Erleichterung über die Möglichkeit, diesen Schultag zu umgehen, und eine Sekunde danach ein brennendes Feuer, als würde das gesamte Römische Reich in meinem Brustkorb lichterloh in Flammen stehen. Ein Gefühl, als ob mein Magen zerquetscht und meine Eingeweide zerrissen würden. Ein heißer Stich, der quer durch meinen Körper fuhr. Ein Gefühl, das mich und mit mir meine Mutter von diesem Planeten, aus dieser Galaxie zu katapultieren schien. Hinein in eine Welt, von der wir noch nicht mal wussten, ob wir dort würden atmen können.

Ich schämte mich in Grund und Boden, dass mein erstes Gefühl die Erleichterung darüber war, die Lateinarbeit nicht schreiben zu müssen. Es war so profan, unwichtig, absurd, so gemein und dumm, aber es war auch wahr. Mein Vater wurde entführt, und ich hatte erst mal keinen anderen Gedanken als den an die Lateinarbeit.

Warum war ich am Tag zuvor nur so genervt gewesen von meinem penetrant schlauen Vater? Das schlechte Gewissen sollte über Jahre anhalten. Wie wenig ich in diesen ersten Sekunden des Schocks meine Gefühle unter Kontrolle hatte. Von der Sekunde der Erleichterung herab zum Gefühl des rücklings Hinunterfallens ins bodenlose Schwarz des zwitschernden Frühlingserwachens.

 

Mein Vater wurde entführt. Ohne Fragezeichen. Krisenstab. Dieses Wort schien mir plötzlich gar nicht mehr wie ein Fremdkörper in meinem Leben.

Krisenstab: runder Tisch, Zigarettenrauch, Computer, Papiere, helles künstliches Licht in einem Raum tief unter der Erde. Und dort: Experten.

War keine schlechte Vorstellung. Kannte ich abstrakt aus Filmen. Wie abstrakt eigentlich? Ich erinnerte mich an den legendären „War Room“ mit rundem Tisch, Männern, ausschließlich Männern, die unter einer riesigen Neonröhren-Ellipse sitzen. Es würde sich noch zeigen, wie verdammt konkret meine Vorstellungen in diesen ersten Sekunden des Schocks waren und wie abstrus die Realität war.

Ich vergaß zu atmen. Bemerkte einen Druck in der Brust. Sog schnell Luft ein. Mir wurde kurz schwindelig. Meine Gedanken begannen zu rasen, um dann unvermittelt zu stoppen.

Ich war mir sicher, dass mein Vater sterben würde. Vielleicht sogar bereits gestorben war.

Genauer: ermordet. Zu Tode gefoltert oder, noch schlimmer: gefoltert, ohne bislang daran zu sterben. Gestorben zu sein.

Die Entführer werden das Geld bekommen, und dann werden sie ihn ermorden. So läuft das immer, wieso sollte es diesmal anders sein? Das Ende war also klar. Nur wie würde der Anfang sein?

 

Aus der spontanen Reaktion wurde wenige Tage später der Überlebensplan meiner Mutter und mir. Ohne Hoffnung, so der Plan, auch keine Enttäuschung. Vor allem durften wir uns nicht zu früh freuen. Es sollte keinen Raum für Enttäuschungen geben.

Doch weißt du, wie du Gott zum Lachen bringen kannst? Erzähl ihm deine Pläne.

 

Ich schrie. Meine Mutter hielt mich fest. „NEIN!! Nein. Nein. Nein. Nein.“

Vergrub mein Gesicht in den Kissen, um meine Gedanken zu dämpfen, mich von der Welt da draußen zu isolieren, zog die Knie zu meinem schmerzenden Bauch, in Kleinkindhaltung, und schrie, schrie, schrie. Drehte mich zu meiner Mutter, die versuchte, mich zu umarmen. Warf mich wieder auf den Bauch. Es durfte nicht sein! Es konnte nicht wahr sein.

Ein paar verzweifelte Tränen zwischen meiner Mutter und mir. Tränen, entstanden aus der Gewissheit, der unausweichlichen Situation, Tränen, die ich zurückhielt, nahezu in mich zurücksog, um die Angst unter Kontrolle zu halten. Ich musste dieses Abenteuer, wie es meine Mutter so kindgerecht wie möglich verpackt hatte, bestehen.

Mein Kopf übernahm bald die Kontrolle. Oder war es mein Körper, der die Kontrolle übernahm? War mein Körper ruhig, weil mein Kopf es ihm sagte, oder war es mein Kopf, der meinem Körper folgte?

Ich hatte vor Kurzem eine Dokumentation über Astronauten gesehen, die sich auf der MIR in einem lebensbedrohlichen Feuer befanden. Einer der Astronauten sagte, dass er zugesehen habe, wie sein Körper die richtigen Knöpfe drückte. Sein Kopf übernahm, steuerte den Rest des Körpers. Er konnte sich selbst zusehen. So entkörpert fühlte ich mich, nur dass ich kein erlerntes Programm abspulen konnte. Doch auch meine bekannte Welt war weit weg. Nun mussten wir irgendwie wieder dahin zurückfinden.

 

Es schien mir absurd. Mein Vater entführt? Warum? Zwanzig Millionen. Was war das für eine Zahl?

Meine Mutter hatte mit dem Finger über die Nullen fahren müssen, um die Zahl zu begreifen.

Wie ein Kind, das die Zahlen lernt. 2, 20, 200, 2000, 20 000, 200 000, 2 000 000, 20 000 000.

War das viel Geld? War es für uns viel Geld? Kannte meine Mutter die Antwort?

Nie zuvor hatte ich ernsthaft über Geld nachgedacht. Meine Eltern und ich hatten niemals darüber gesprochen. Es existierte nicht. Zumindest nicht in der Sphäre, die für mich als Kind erreichbar war.

Man sieht das Haus, nicht seinen Wert. Isst das Essen, ohne den Preis zu kennen. Fährt in den Urlaub, ohne zu fragen, was er kostet. Dass meine Eltern Geld hatten, war mir bewusst. Aber das war es auch schon. Ich hielt es, wie es mir meine Eltern vorlebten, ich kümmerte mich nicht darum. Ich verstand noch nicht, dass sie so viel Geld hatten, dass man darüber nicht mehr sprechen musste.

Mir wurde langsam schmerzlich klar, dass wir uns das Stillschweigen über Geld, das Ignorieren der Tatsache, dass wir uns in einer irgendwie exponierten Lage befanden, geleistet hatten. Und mir wurde klar, dass das Leben ohne Zäune, Kameras und Sicherheitspersonal gerade zusammengebrochen war.

Jemand hatte unsere Fahrlässigkeit ausgenutzt und alles zum Einstürzen gebracht.

 

Ich kannte die Geschichten meines Vaters, dessen Mutter ihn aus Angst vor Entführungen während seiner Schulzeit – er ging auf dieselbe Schule, auf die ich jetzt ging – immer chauffieren ließ. Ich wusste auch, wie sehr mein Vater das verabscheut hatte, und dass er sich, sobald er die Möglichkeit dazu hatte, dagegen wehrte und ebenso gegen nahezu alles, was seine Eltern ihm hinterließen. Nun hatte uns dieses Erbe Jahrzehnte später doch noch eingeholt.

 

„Was meinst du, wo Jan Philipp ist?“

Das war die Zwanzig-Millionen-Frage.

„Ganz sicher nicht weit weg!“, antwortete meine Mutter mit beruhigender Stimme und erklärte, dass die Entführer außerdem „nur“ Geld wollten. Die Art, wie der Erpresserbrief geschrieben war, schien darauf hinzudeuten, dass sie nicht aggressiv waren, sondern rational vorgingen.

Meine Mutter versuchte, ein Bild der Situation zu zeichnen, das nicht ganz so düster war wie das Bild, das ich in meinem Kopf hatte. Dass der Brief vor der Haustür meines Vaters mit einer Handgranate beschwert worden war, erfuhr ich erst später am Tag. Dass meine Mutter diese hatte hochheben müssen, um an den Brief zu kommen, und dass die Granate in diesem Moment, als meine Mutter bei mir am Bett saß, dort noch lag, ebenfalls. Dennoch versuchte sie, mir die Entführer als berechenbare, nahezu vernünftige Verbrecher zu beschreiben. Verbrecher, die mit Geld zufrieden wären und sich an die Regeln hielten. Zu diesen Regeln gehörte offenbar die gentlemanhafte Großzügigkeit, den einzigen Zeugen nicht zu beseitigen.

Eine Handgranate vor unserer Haustür. Auch ohne dieses Detail war mir schon schwindlig gewesen.

Meine Mutter hatte den Brief in der Nacht gefunden, als sie, sich um meinen Vater sorgend, da er um Mitternacht immer noch nicht zurückgekommen war, nach ihm suchen ging.

Plötzlich erinnerte ich mich daran, dass Benni und Franz, unsere Hunde, mitten in der Nacht gebellt hatten, als ich wach wurde und nach meiner Mutter rief. Kurze Zeit später, etwas außer Atem, hatte sie mein Zimmer betreten. Blinzelnd, vom Licht im Flur geblendet, erkannte ich sie im Nachthemd, eine Jacke übergeworfen, in meiner Zimmertür stehen.

„Was ist denn los?“

Irgendwas war anders als sonst.

Normalerweise kam mein Vater nach der Tagesschau oder etwas später wieder zu uns nach Hause. Meine Mutter war, getrieben von einem komischen Gefühl, im Schlafanzug hinübergegangen, hatte sich aber nicht ins Haus getraut, sondern nur einmal durch die Fenster auf der Gartenseite geschaut. Das Haus war dunkel. Dann hatten die Hunde bei uns gebellt, und meine Mutter war zurück und in mein Zimmer gerannt.

„Was ist denn los?“, hatte ich noch im Halbschlaf gefragt.

„Jan Philipp ist noch nicht da. Er geht nicht ans Telefon. Ich bin nur genervt, dass er das Telefon nicht hört. Ich war kurz drüben.“

„Warum bist du denn nicht reingegangen?“

„Ich habe mich nicht getraut.“

Ich verdrehte die Augen, legte mich wieder hin und schlief weiter.

 

Etwas später ging meine Mutter erneut rüber und fand Tante Nudel, eine lebensgroße Statue, die auf dem Weg zur Haustür meines Vaters stand, umgestoßen. Sie lag, eine tiefe Kerbe im Arm, quer auf dem Weg. Eine Blutlache daneben, Blutspritzer an der Wand. Dahinter, auf einer Brüstung, ein Brief. Darauf eine, wie sich später herausstellte, scharfe Handgranate.

Die Kerbe, auch das stellte sich später heraus, war durch den Schlag mit dem Schaft einer AK-47 entstanden.

 

6:30 Uhr morgens. Wir fingen an zu rechnen.

WENN ALLE FORDERUNGEN ERFÜLLT WERDEN, WIRD HERR REEMTSMA 48 STUNDEN NACH ERHALT DES LÖSEGELDES VON UNS UNVERLETZT FREIGELASSEN.

 

48 Stunden. Endlos lang. Warum überhaupt diese Frist? Ich wurde den Gedanken nicht los, dass diese Menschen Zeit brauchten, um meinen Vater zu ermorden, zu vergraben und dann abzuhauen. 48 Stunden schienen dafür eine angemessene Zeitspanne zu sein. Wir würden also das Geld übergeben, 48 Stunden warten, um dann langsam immer sicherer zu werden, dass es nichts gab, auf das wir warten konnten. Schon jetzt war jede Minute unendlich lang.

Ich war kein geduldiges Kind. Ich wusste oft nichts mit mir anzufangen. „Spiel doch mal was“, pflegte mein Vater mich aufzufordern. „Ich habe als Kind immer gespielt.“

Hatte ein Spiel begonnen? Oder wann würde es beginnen? Wann endlich würde die Geldübergabe stattfinden? Und wie?

BESORGEN SIE DAS LÖSEGELD UND WARTEN SIE WEITERE ANWEISUNGEN AB

 

Heute war Dienstag. Vielleicht am Abend oder morgen früh? Wie würden sie sich melden? Per Post? Dann also morgen Mittag. Frühestens. Weitere 24 Stunden. Dann noch mal etwaige Verzögerungen eingerechnet – meine Mutter und ich kamen auf Samstag. Maximal vier Tage!

Minimal 52 Stunden. Spiel doch mal was.

 

„Das ist zu lange!“, hörte ich mich sagen und sprach damit aus, was wir beide fühlten, während wir jede Sekunde des Morgens innerlich zählten und bewerteten. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein.

Wir waren aus unserem Universum hinauskatapultiert worden. Die Zeit, wie wir sie kannten, existierte nicht mehr. Ich schien mich in einer Blase zu befinden, in der die Zeit, wenn sie überhaupt lief, unendlich viel langsamer verging als auf der Welt, die ich kannte.

Wie sollten wir die Zeit bis Samstag überstehen? Vier Tage lang die Luft anhalten in diesem Vakuum? In dieser Atmosphäre, die kein Leben zuließ. Undenkbar! Mein Kopf versucht, meinen Körper zu beruhigen. Mein Verstand versucht, sich an etwas Unverrückbarem festzuhalten. Doch an was? An der Ermordung meines Vaters?

„Ich werde jetzt mal in der Schule anrufen, dass du heute nicht kommst. Ich sage, dass du krank bist. Ich gehe runter. Kommst du nach? Christian müsste auch gleich da sein.“ Es war, als ob meine Mutter mit ihrer ruhigen und festen Stimme dem unhörbaren Gedankenkarussell Einhalt gebieten wollte.

Ich schaute sie an, dann aus dem Fenster. Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Ein kühler Lufthauch wehte in mein Zimmer. Er roch schon nach Frühling.

Ich nickte.

„Okay.“

Meine Mutter verließ den Raum und ging runter ins Wohnzimmer, um die Schule zu informieren, dass ich krank sei, was gemessen daran, wie ich mich fühlte, eine Untertreibung war.

 

 

Ich sollte blutig und nass auf ihrem Bauch liegen dürfen. Meine Mutter hatte die Idee gehabt, mich nicht in Hamburg, sondern in der Paracelsus-Klinik im dreißig Kilometer entfernten Henstedt-Ulzburg zur Welt zu bringen. Dort nahm man die Neugeborenen den Müttern, die soeben ohne medikamentöse Begleitung entbunden hatten, nicht erst einmal weg, um sie zu säubern und zu untersuchen, sondern legte ihnen die noch glitschigen Babys auf den erschlafften Bauch. Heute heißt so etwas Mutter-Kind-Bonding und ist kaum der Rede wert. Am 6. November 1982 musste man dreißig Kilometer dafür fahren und hatte noch nicht mal einen Namen dafür.

Bei meinen Vornamen gaben mir meine Eltern maximale Wahlfreiheit. Auf dem Bauch meiner Mutter lag Johann Wilhelm Karl Jakob Scheerer. Keinen Großvätern, Onkeln oder sonstigen Ahnen wurde hier Respekt gezollt. Ich sollte einfach, so erklärten es mir meine Eltern jedes Mal, wenn ich später die Peinlichkeit meines Namens kritisch hinterfragte, als Erwachsener die Wahl haben. Falls mir einer der Namen nicht oder einfach besser gefiele als mein Rufname Johann. Der Klang der Namenskette – für mich eher ein Rasseln – war ihnen sehr wichtig. Außerdem sollte es von jedem Namen ein Pendant in allen wichtigen Sprachen dieses Planeten geben. John, Carl, Jacob, William, Ioan, Carlos, Jakub und so weiter.

Dieser Auftakt meines Lebens hatte zur Folge, dass ich bis zum heutigen Tage Probleme habe, meinen Namen und meinen Geburtsort in den dafür vorgesehenen Kästchen der Formulare unterzubringen. Die kindliche Sehnsucht nach Normalität, Gleichförmigkeit, nach der schlichten Abwesenheit von Peinlichkeit war beim Ausfüllen von Formularen oft am größten.

 

Meine Eltern waren 1980 aus ihren jeweiligen Wohnungen und Wohngemeinschaften nach Hamburg-Blankenese gezogen. In die sogenannten Elbvororte. Für meine Mutter war dies die schwerwiegendere Entscheidung gewesen, da sie nicht, wie mein Vater, dort aufgewachsen war, und somit ließ sie sich nur unter einer Bedingung darauf ein: Ein gemeinsamer Freund, Wolfgang, sollte – als angedeutete WG – mit umziehen. Mein Vater ließ sein Elternhaus, in dem er aufgewachsen war, abreißen und ein neues an denselben Platz bauen. Da dies einige Zeit in Anspruch nehmen sollte, kaufte mein Vater ein weiteres Haus fünfhundert Meter die Straße rauf und zog dort mit meiner Mutter, Wolfgang und – nach einem kurzen Ausflug nach Henstedt-Ulzburg zwei Jahre später – Johann Wilhelm Karl Jakob ein.

Mein Vater verbrachte viel Zeit in „seinem“ Haus. Diese Einrichtung des parallel in zwei Häusern Wohnens erschien mir nie ungewöhnlich. Ich kannte es nicht anders, als dass mein Vater mehrmals täglich zwischen den Häusern hin und her wanderte. Dieses Von-einem-Haus-zum-anderen-Spazieren meines Vaters hatte für mich als Kind und Jugendlicher immer etwas Zielstrebiges. Meistens mit Büchern unterm Arm ging mein Vater vor oder nach der Tagesschau noch mal „rüber“.

Er verbrachte seine Zeit, wie ich es empfand, eigentlich ausschließlich damit, Bücher zu lesen, zu schreiben und zu tragen. Dies in einer Intensität, die in meinem Leben so schwer wog wie die Koffer, die er mitnahm, wenn wir gemeinsam in den Urlaub fuhren.

Zwei Koffer zu je mindestens dreißig Kilogramm. Gefüllt mit Büchern und Manuskripten, die er, teils fluchend, teils still seinem vermeintlichen Schicksal ergeben, hinter sich herzog oder mit schiefen Knochen schleppte.

Im Urlaub angekommen, sei es am Strand, in der Gondel zum Skifahren oder sogar nebeneinander im Ankerlift, hatte mein Vater dann immer mindestens ein Buch dabei. In der Brusttasche seines Skianzugs ein Reclam, das er, kaum bahnte sich eine potenziell ungenutzte Wartezeit von über dreißig Sekunden an, rasch hervorzog und darin las, bis sich das Leben um ihn herum wieder zu bewegen begann. Viele Male versuchte er, es mir zu erklären: „Johann, lass dir gesagt sein: Nimm immer und überallhin ein Buch mit. Dann kann dir nichts passieren. Dir wird niemals langweilig werden.“

Diese Omnipräsenz von Büchern in meinem Leben bewirkte bei mir nicht unbedingt eine größere Anziehungskraft oder Faszination für das geschriebene Wort. Vielmehr wurden gedruckte Worte zu etwas, das mein Leben als Kind mit einem Vater, der in einem Buch verschwand, sobald sich die Gelegenheit bot, eher langweiliger machte.

Statt es ihm gleichzutun, wie er es sich gewünscht hätte, betrachtete ich ihn. Sah seine Augen über das Papier fliegen, seine Finger die Ecken zu Eselsohren abknicken, las den Titel des gelben Reclams, der mir nie etwas sagte, und versuchte zu verstehen, wie von diesem unscheinbaren Ding eine Anziehungskraft ausgehen konnte, gegen die ein Bergpanorama oder ein gelangweilter Sohn einfach nicht ankamen.

Natürlich las ich. Manchmal aus Freude und manchmal aus Zwang. Doch ich begann auch, Bücher als Konkurrenz zu betrachten. Was musste ich bieten, damit mein Vater mich ihnen vorzog?

 

Oft wanderten wir gemeinsam von Haus zu Haus, ich hatte in beiden Häusern ein Kinderzimmer. Immer mal wieder verbrachte ich drüben die Wochenenden. Mein Vater, ein ausgezeichneter Koch, briet uns – weit unter seinen Möglichkeiten in der Küche – Fleisch und Kartoffeln. Zum Abend, wenn ich in einem seiner großen schwarzen Ledersessel fernsehen durfte, bekam ich eine Schüssel mit Traubenzucker und ein Glas mit frisch gepresstem Zitronensaft, dazu einen Teelöffel. Wenn ich den Zitronensaft mit dem Löffel in den Traubenzucker träufelte, bildete sich sofort eine süßsaure Insel, die ich aus dem Zucker pflücken und mir auf der Zunge zergehen lassen konnte. Nachdem ich mir gewissenhaft in seinem großen Badezimmer, zwischen Haarwasser und Franzbranntwein stehend, die Zähne geputzt hatte, las mein Vater mir vor. Als ich noch klein war, so klein, dass man das heute als die Zeit für frühkindliche Entwicklungsförderung verstehen würde, las mein Vater mir Arno Schmidt vor. Als er merkte, dass der pure Klang seiner Stimme mich ab einem gewissen Punkt nicht mehr zufriedenstellte, ging er, nach kurzen Intermezzi mit Puh der Bär und Petzi, zu den Kinderbuch-Klassikern über. Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Emil und die Detektive, Die Schatzinsel, Moby Dick und vieles mehr. Danach sang er mir Lieder vor wie „Der Tod in Flandern“.

 

Der Tod kann Rappen und Schimmel reiten,

Der Tod kann lächelnd im Tanze schreiten.

Er trommelt laut, er trommelt fein:

Gestorben, gestorben, gestorben muß sein.

Flandern in Not!

|: In Flandern reitet der Tod! :|

 

Anders als man meinen sollte, formten sich diese Worte in meinem Kopf nicht zu dunklen Bildern, sondern zu einer Art gruseliger Außenwelt, von der ich nichts zu befürchten hatte und von der man getrost vorlesen und singen konnte.

Mein Vater bildete ein stabiles Dach, über dem ruhig ein Gewitter tosen konnte. Es machte mir keine Angst, sondern bewirkte, dass ich es daheim noch etwas gemütlicher hatte, mit der ruhigen und wohligen Gewissheit, nicht draußen sein zu müssen.

Doch auch drinnen war nicht alles einfach. Mit dem Mitbewohner meiner Eltern, Wolfgang, ging es wie zu erwarten nicht lange gut, und somit lebten wir schnell zu dritt in zwei Häusern. Meine Mutter und ich meistens in dem einen und mein Vater, pendelnd, zwischen Haus Nr. 11 und Nr. 17 derselben Straße.

Aus meinem Zimmer im Erdgeschoss des Hauses meines Vaters hatte ich Zugang zu unserem Garten am Elbhang. Mitten auf der Wiese, von meinem Fenster aus zu sehen, ließ er zu meinem sechsten Geburtstag ein Holzhaus bauen, das ich liebte und zu einer Art Bandenversteck ohne Bande umbaute. Ich dekorierte es mit Postern von Tieren, die sich schnell durch die hohe Luftfeuchtigkeit in der zugigen Hütte wellten. Schlug Nägel und Haken ein, deren Spitzen durch die Holzpaneele der Außenwand hervorstachen, um meine Spielzeugpistolen aufzuhängen. Ich hatte zwei Hocker, einen Tisch und Heu, mit dem ich die Kaninchen im angrenzenden Gehege füttern konnte.

Meine Eltern und ich waren einige Male frühmorgens zum Hamburger Fischmarkt gefahren, um für mich Kaninchen zu kaufen. Die Tiere buddelten sich, kaum waren sie ins Gehege gesetzt, unter dem Zaun hindurch in die Freiheit. Ein Kaninchen wurde, sich gerade in vermeintlicher Sicherheit befindend, vor den Augen meines Vaters – ich war ins Haus gegangen, um dem Tier seine erste Mahlzeit bei uns zu holen – von einem herabstürzenden Sperber gegriffen und flog Sekunden nach seiner Ankunft bei uns in den sicheren Tod. Als ich mit dem Futter in der Hand wieder in den Garten kam, fand ich meinen Vater sichtlich irritiert noch mit dem Kopf im Nacken vor.

 

Vielleicht als Kompensation für seine, wie mein Vater es wohl empfand, paranoide Mutter war das Grundstück meines Vaters, ähnlich wie das Gehege der Kaninchen, kaum eingegrenzt, geschweige denn mit irgendetwas gesichert, was man ernsthaft als Zaun hätte bezeichnen können. Das Gehege versuchten wir nach den ersten Ausbrüchen mit Drähten und Netzen ausbruchssicher zu machen, der Garten blieb einladend. Sogar die Gartenpforte stand immer offen, damit mein Schulfreund Niklas, der am Elbhang etwas weiter unten wohnte, die Abkürzung zu unserer gemeinsamen Grundschule nutzen konnte.

 

Mein Vater wollte sich einfach von dem Umstand, viel Geld zu haben, nichts vorschreiben lassen.

Weder wie er lebte noch wie er sich kleidete, welches Auto er fuhr oder wohin wir auf welche Art und Weise reisten. Sicherheitspersonal, Zäune, Kameras, teure Autos, verschlossene Türen oder Alarmanlagen – nichts davon kannte ich, nichts davon schien nötig.

Rückblickend fühlt es sich manchmal so an, als wäre es eine bewusste Entscheidung meiner Eltern gewesen. So bewusst wie die Entscheidung, erst dann zu heiraten, als es gesetzlich erlaubt war, dass die Frau und das gemeinsame Kind nicht mehr den Namen des Vaters annehmen mussten. Zehn Jahre nach meiner Geburt war es erst so weit. Dreizehn Jahre nach meiner Geburt begann ich darüber sehr froh zu sein.

Unser Leben war nicht öffentlich, aber es war offen. Zwar spielte es sich in zwei Häusern ab, was unbestritten mindestens eines mehr war als bei all meinen Freunden, aber trotzdem wirkte es unangestrengt und entspannt. Wir hatten nichts zu verbergen.

 

Normal war auch, dass wir Ende Dezember in die Wohnung meiner Eltern nach London-Belgravia flogen, wo wir zu dritt Weihnachten feierten. Eine Stadtwohnung über zwei Stockwerke mit einem verschlossenen kleinen Park, der auf der anderen Straßenseite lag und den wir nie betraten, obwohl wir den Schlüssel hatten.

Mein Vater hatte auch hier eine ausgewählte Bibliothek, die anders als in Hamburg nur zwei Zimmer der Wohnung beanspruchte. Die Bücher darin hatte er alle per Koffer hinein- und die schmale, stählerne Wendeltreppe hinaufgeschleppt. Auch im Urlaub verbrachte er, wenn wir nicht das Museum of National History, The Guinness Museum of World Records oder das Imperial War Museum besichtigten, viel Zeit an seinem Schreibtisch.

Manchmal musste ich mein Nintendo Entertainment System, auf dem ich tagelang Kung Fu spielen durfte, während ich mir mit Walkers Salt & Vinegar Chips und Ginger Ale den Gaumen verätzte, zur Seite legen, damit mein Vater Muhammad-Ali-Boxkämpfe, auf VHS aufgenommen, anschauen konnte.

Die fünfzehn Runden zogen sich länger als normal hin. Pause. Rückspulen. Play. Pause. Und so weiter. Joe Frazier, Sonny Liston, George Foreman, Trevor Berbick. Rumble in the Jungle, Thrilla in Manila. Diese Menschen waren mir so nah wie Han Solo oder Indiana Jones.

 

Irgendwann verriet mir mein Vater, dass er gerade an einem Buch über den Stil von Muhammad Ali schrieb.

„Das interessiert doch keinen! Linker Haken, rechter Haken, linker Haken, rechter Haken . . . voll langweilig.“

Das war meine Meinung.

Mein Vater schmunzelte, nahm sich eine Handvoll Chips und verzog sich mit einem Glas, dessen Inhalt ich leidvoll einmal versehentlich für Apfelsaft gehalten hatte, wieder an seinen Schreibtisch.

Manchmal weckte er mich nachts um zwei, und wir setzten uns gemeinsam vor den Fernseher, um einen Boxkampf zu sehen. Und natürlich war ich gebannt und angesteckt von der Begeisterung meines Vaters. Auch mitten in der Nacht schmeckten mir Chips und meinem Vater sein „Apfelsaft“.

Einigermaßen euphorisiert vom Boxkampf schlief ich jedes Mal auf dem Sofa ein, und mein Vater trug mich, ohne dass ich wirklich mitbekommen hatte, ob etwa Mike Tyson oder Evander Holyfield gewonnen hatte, ins Bett.

 

Ich verstand den Erfolg des Buchs Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali im Jahre 1995 mit zwölf Jahren nicht. Unter anderem auch deshalb, weil mein Vater sich nichts davon anmerken ließ. Ich erinnere ein leichtes, vielleicht triumphierendes Schmunzeln, als er mir eine der hochlobenden Rezensionen zeigte, die die Zeitungen in diesem Jahr brachten, und dass er kurz meine Prognose „Das interessiert doch keinen! Linker Haken, rechter Haken, linker Haken, rechter Haken . . . voll langweilig“ wiederholte. Ich hatte also unrecht gehabt, das hatte ich verstanden.

 

Bis auf dieses eine Mal ließ sich mein Vater mir gegenüber niemals in irgendeiner Form Genugtuung anmerken, wenn er als Autor oder Literaturwissenschaftler erfolgreich war. Jeder Erfolg, den er verzeichnete, so schien es, war für ihn nur ein kleiner Schritt hinaus aus dem Vorurteil anderer, alles bloß entweder geerbt oder sich im Nachhinein er- oder gekauft zu haben.

Als ich ihn einmal fragte, ob er stolz auf den Erfolg der „Wehrmachtsausstellung“ war, eine Wanderausstellung seines Hamburger Instituts für Sozialforschung, durch die die Verbrechen der Wehrmacht während des Nationalsozialismus einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden, runzelte er die Stirn und verzog das Gesicht. Allein das Wort Stolz aus meinem Mund schien ihm geradezu körperliches Unbehagen zu bereiten. Er antwortete knapp: „Ich bin noch nie auf etwas stolz gewesen, was ich in meinem Leben gemacht habe.“

Darauf zumindest, schlussfolgerte ich, wohl schon.

Dass andere sich vorstellten, er hätte alles nur seinem Geld zu verdanken, belastete ihn. Stolz war etwas, was man nicht sein durfte. Sein Gefühl, für seinen Lebensstandard im Verhältnis irgendwie zu wenig getan zu haben, ließ Stolz nicht zu. Geld bedeutete Verantwortung. Und dieser Verantwortung konnte man nur mit dem entsprechenden Ernst und der entsprechenden Demut begegnen.

 

Ich erfuhr nach der Entführung, dass mein Vater im Keller den Kopf der Verbrecherbande gefragt hatte, warum er sich gerade ihn als Opfer ausgesucht hatte. Er antwortete, dass es, da mein Vater sein Vermögen nicht selbst erarbeitet hatte, ihm und seiner Familie auch nicht so wehtun würde, etwas davon abgeben zu müssen. Somit wäre die Geldübergabe vermeintlich schneller und einfacher. Die für Niklas offen stehende Gartenpforte hatte zudem, wie er sagte, die Entscheidung besonders einfach gemacht.

 

Niemals sah ich im Haus meines Vaters etwas, was ich als Kind als besonders wertvoll eingestuft hätte. Einzige Ausnahme war die Intonation-HiFi-Anlage P1 mitsamt einiger Terzian-Lautsprecher, die sich mein Vater im Rahmen des Neubaus seines Hauses Mitte der Achtzigerjahre von jemandem für Unsummen hatte aufschwatzen lassen. Zwar klang die silbern blitzende Anlage mit ihren Messingschaltern und den mit Klavierlack überzogenen Lautsprechern auf den Marmorsäulen, wie er mir einmal erklärte, unvorstellbar gut – er hatte sie sich in der Werkstatt des Herstellers vorführen lassen –, verstaubte aber unbenutzt.

Als Kind bin ich oft daran vorbeigelaufen. Ab und zu blieb ich stehen und betrachtete die ehemals polierte und nun leicht eingestaubte Anlage. Ich war klein, der Verstärker stand erhöht, die zugehörige Endstufe mit den glimmenden Röhren hinter matt schwarzem Stahlgitter war so schwer, dass sie nur auf dem Boden stehen konnte. So stieg ich manchmal auf den Gitterkasten und spiegelte mein Gesicht im Chrom des Verstärkers. Vier unbeschriftete Drehregler und zwei Kippschalter verstärkten die mysteriöse Anmutung, die diese Anlage umgab. Als Podest des Verstärkers, aus dem ein Dutzend Röhren ragte, diente ein ebenso silberner Kasten. Nahezu gänzlich ohne Bedienelemente. Ein kleiner Schalter an der Front war das Einzige, was erahnen ließ, dass hier eine wichtige Funktion eingebettet war.

Betätigt wurde der Schalter in meinem Beisein nie. Wenn ich ihn heimlich berührte, passierte oft nichts. Manchmal leuchtete ein kleines Lämpchen auf, dann bewegte ich den Schalter schnell erschrocken zurück nach unten.

Neben diesem faszinierenden Objekt stand ein lackschwarzer Plattenspieler, ebenfalls ohne jede Beschriftung, der sich durch Drehen eines schwarzen Knopfes langsam in Bewegung setzen ließ.

Niemals hatte ich die Anlage in ihrer Gänze in Benutzung gesehen, geschweige denn gehört.

Mein Vater besaß sogar zwei davon. Eine im Wohnzimmer und eine im Arbeitszimmer.

Gesprochen wurde darüber trotzdem nie. Eine Inbetriebnahme der Anlage war ohnehin praktisch ausgeschlossen. Meist standen Bücher davor, lagen Bücher darauf oder versperrten Bücher den Zugang zu den Reglern.

Das kleine Gewicht am Tonarm des Plattenspielers lag oft abgefallen auf dem Plattenteller, der Tonarm ragte gen Decke, da ein umgefallenes Buch ihn aus der Arretierung gestoßen hatte.

Wenn ein technisches Gerät nicht sofort bedingungslos funktionierte, erklärte mein Vater es für Schrott und benutzte es ab sofort nicht mehr.

So erging es diesen Anlagen auch. Wenn ich im Haus meines Vaters war, erlebte ich jahrelang, wie er CDs über einen Ghettoblaster hörte, den er bei TV-Athmer in Blankenese gekauft hatte.

„Das Ding funktioniert wenigstens.“

Er hatte ihn auf die Röhren des Verstärkers aus der High-End-Manufaktur gestellt, die nach und nach zerbrachen, was meinen Vater nicht nur nicht störte, sondern ihm anscheinend eine gewisse Genugtuung verschaffte.

Ich meinte sogar, eine Erleichterung gespürt zu haben, als ich ihn Jahre später fragte, ob ich mich der Lautsprecher und Verstärker vielleicht einmal annehmen sollte, um sie reparieren zu lassen und zu verkaufen.

 

Ab und zu bekam mein Vater Post. Schwere Kisten oder Kartons, die dann aufgerissen über Wochen im Flur seines Hauses standen. Der Inhalt: Bücher. Alte und neue. Nach und nach verteilt auf Tischen und Stühlen, neben seinem Bett und kniehoch gestapelt links und rechts auf den Treppenstufen, die durch die Bibliothek seines Hauses zu seinem Schreibtisch führten.

Bücher, Bücher, Bücher. Nichts als Bücher. Für nichts anderes, so schien es mir, interessierte sich mein Vater.

Immer wenn man sich mit ihm unterhielt, hatte er eine Referenz aus Büchern parat. Fragte ich ihn bei bevorstehenden Geschichtsarbeiten nach historischen Zusammenhängen, gab er mir einen Abriss von mehreren Jahrhunderten. Lernte ich mit ihm Lateinvokabeln, bekam ich zu jeder zweiten Vokabel einen geschichtlich verankerten Beispielsatz.

Falls mich jemand fragte, was mein Vater von Beruf sei, sollte ich sagen, so riet er mir einmal auf dem Weg zum Kindergarten: „Mein Vater ist Philologe.“

Das Nummernschild seines Volvos, HH DP-902, merkte ich mir, ebenfalls einem Ratschlag meines Vaters auf der gleichen Autofahrt zum Kindergarten folgend, anhand des Satzes „DP, lieber Sohn, merk dir das, steht für Displaced Person.“

So unverständlich es damals für mich war, so treffend finde ich es jetzt.

 

Drei Fragen an Lektor Olaf Petersenn

Das Tonstudio von Autor Johann Scheerer und dessen Zusammenarbeit mit Peter Doherty weckten das Interesse von Lektor Olaf Petersenn.
Lesen Sie im Interview, wie es zur Zusammenarbeit und dem Entstehen von „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ gekommen ist.

Wie kam es dazu, dass Johann Scheerer nach über 20 Jahren die Geschichte über seinen Vater aufarbeitet?
Offenbar hat diese Geschichte Johann seither begleitet, ohne dass sich eine Gelegenheit ergeben hätte, zusammenhängend davon zu erzählen. Als ich ihn darauf ansprach, zeigte sich, dass er durchaus ansprechbar war und viele Szenen, Dialoge, Erinnerungsfragmente noch sehr präsent und auch schon in prägnanten Formulierungen parat hatte. Wie immer, wenn man sich Zeit dafür nimmt, sich zu erinnern, stellen sich auch längst vergessen geglaubte Erinnerungen wieder ein, sodass er sehr schnell mit dem Manuskript vorankam. Motiviert hat ihn dabei der Wunsch, selbst zu bestimmen, wann und wie er der Öffentlichkeit mit seiner eigenen Geschichte gegenübertritt. Die Zeit war reif.

Wie kann man sich an so ein sensibles Thema am besten rantasten?
Als ich mit Johann Scheerer Kontakt aufnahm, interessierte ich mich für seine Tätigkeit als Musikproduzent, konkret für seine Arbeit mit Peter Doherty am Album „Hamburg Demonstrations“. Erst bei der Recherche vor unserem ersten Treffen fand ich heraus, dass er der Sohn von Ann-Kathrin Scheerer und Jan Philipp Reemtsma ist. Damit war mir klar, dass er noch ganz andere Geschichten zu erzählen hat. An das Thema habe ich mich dann gar nicht herangetastet, sondern mit einer Bemerkung zu seinem ersten Tattoo eine Tür geöffnet, durch die wir beide entschlossen hindurchgegangen sind.

Was ist das Besondere an der Aufarbeitung? Welchen neuen Blickwinkel eröffnet Johann Scheerer im Vergleich zu seinem Vater?
Die Geschichte der Reemtsma-Entführung wird überhaupt erst vollständig und begreifbar durch die Geschichte seiner Angehörigen, die ebenfalls zu Opfern der Entführer wurden. Sie mussten 33 Tage lang die Ungewissheit darüber aushalten, ob sie ihren Mann bzw. Vater jemals lebend wiedersehen würden. Gleichzeitig hing es auch von ihrem Verhalten ab, ob die Geldübergabe gelingen und es zu einem Wiedersehen kommen würde. 33 Tage, also knapp 800 Stunden, unter Hochspannung bei weitgehendem Entzug von Handlungsoptionen auszuhalten, dabei rund um die Uhr von der Polizei begleitet und von den Medien observiert zu werden, ist nahezu unvorstellbar. Johann Scheerer gelingt es, das alles aus der Perspektive des dreizehnjährigen Jungen, der er war, ganz anschaulich und nachvollziehbar zu machen.
 

Piper-KollegInnen lesen ihre Lieblingsstellen aus „Wir sind dann wohl die Angehörigen“
Hörprobe von „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Das Hörbuch erscheint bei ROOFMUSIC

Kommentare

1. Wir sind dann wohl die Angehörigen
Karin Hartig am 24.03.2018

Natürlich verarbeitet Johann Scheerer in seinem Roman die schrecklichen 33 Tage der Entführung seines Vaters und die Zeit danach, als nichts mehr so war wie früher. Aber gerade in der LP schildert - und verarbeitet er - auch einfach seine Kindheit, die ihm damals völlig normal erschien. Es wurde nicht über Geld gesprochen, aber ihm war schon klar, dass die Familie Geld hatte. Sie hatten auch 2 Häuser, auch das völlig normal für Johann, der zwischen beiden hin-und herwechselte, in jedem ein Kinderzimmer hatte. Aber er fühlte sich nie eingesperrt, kein hoher Zaun grenzte ab, die Gartentür stand für seine Freunde offen, eigentlich alles ganz normal. Und so, wie der Autor es schildert erscheint es auch, die wir ein solches Leben überhaupt nicht kennen, plötzlich völlig normal. Wir stehen auf einer Stufe mit ihm und können mit ihm leiden, mit ihm die schrecklichste Zeit seines jungen Lebens durchleben.

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