»Quittenqual« ein LandIDEE-Krimi von Katharina Gerwens
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Mittwoch, 19. November 2014 von


»Quittenqual« ein LandIDEE-Krimi von Katharina Gerwens

Für ihre begeisterten Krimi-Leser hat die Autorin Katharina Gerwens noch ein besonderes Extra: einen Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihr macht!

Quittenqual
„Nein, Benno. Das kann nicht dein Ernst sein! Ich werde doch nicht gegen meine beste und älteste Freundin ermitteln. Was zu weit geht, geht zu weit! Und falls das ein Scherz sein sollte: Witzig finde ich das nicht.“
Franziska Hausmann tigerte mit dem Telefon in der Hand durch ihr Wohnzimmer. Auf dem dunkelroten Plüschsessel saß die graue Katze Bella, gähnte und verteilte feine Haare auf dem Polster. Sie schien genau zu wissen, auf welchen Farben sie die sichtbarsten Spuren hinterließ.
Die Kommissarin lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung. Was sagte Benno da? Sie blieb abrupt stehen und hakte nach: „Spuren, was für Spuren denn?“ Es folgte eine Erklärung, die es in sich hatte.
„Nun halt mal an, Herr Staatsanwalt“, murmelte sie unwirsch. „Ich fass es nicht. Ihr seid ein Paar, und ihr wollt zusammenziehen. Da müsste es doch möglich sein, dass du deine Marie selber fragst, ob sie was mit der Sache zu tun hat.“
Dr. Benno Holdenrieder antwortete lang und ausführlich. Wie immer. Er spickte seine Sätze gern mit „didaktischen Einheiten“, wie Marie zu sagen pflegte. 
Franziska schritt über einen blauen Teppich, die Katze verteilte weiterhin graue Haare auf rotem Polster. „Soso, du bist befangen!“ Franziska nickte. „Und was ist mit mir? Ich kenne Marie weitaus länger als du. Was sagt sie denn dazu?“
Erneut ergoss sich ein Wortschwall in gepflegtem Bayerisch über sie. Die Katze reckte sich, und Franziska erstarrte: „Wie, du weißt es nicht? Sie hat dich angerufen, und du hast nicht mal nachgefragt? Es ist nicht zu fassen! Männer! Ja klar kümmere ich mich darum! Ja, sofort.“ Sie legte auf.
„Stress mit Marie?“, fragte Christian. Ihr Mann stand in der Tür und hob die Augenbrauen. 
„Wie man‘s nimmt.“ Franziska, die seit gut einem Jahr als Sonderermittlerin für die Staatsanwaltschaft Passau tätig war, zuckte mit den Schultern. „In Maries Dorf ist eine Frau verunglückt, und es sieht ganz nach einem Anschlag aus. Die Kriminaltechnik hat an der Toten Haare von Marie gefunden. Und Benno traut sich nun nicht, sie zur Rede zu stellen.“
„Er zweifelt. Das ist schlecht für die Liebe!“, meinte Christian und klang dabei fast ein wenig theatralisch. 
Franziska sah ihn lange an. „Dass die auch immer so ein Pech mit den Männern haben muss! Und grad bei Benno hab ich gedacht: Da haben sich jetzt zwei gefunden!“ 
Er lächelte schief: „Du meinst, endlich mal einer, der nicht nur auf ihren Busen starrt, sondern gemeinsam mit ihr unter dem Traktor liegt?“ 
Die Kommissarin nickte. Ihr Mann hatte es mal wieder auf den Punkt gebracht. Neben ihrer Begeisterung für das ländliche Leben hatte Marie die nicht gerade häufig anzutreffende Leidenschaft, Landmaschinen der Firma Fendt zu lieben, zu sammeln und zu reparieren. Und auch wenn Benno Holdenrieder weitaus mehr Maschinen besaß als seine Freundin, so war sie doch diejenige, die sich besser in die Seelen der Traktoren einfühlen konnte. Benno behauptete sogar, die Maschinen würden schnurren wie ein Kätzchen, sobald sie ihre Hand auf den Motor legte. So war aus dem anfänglichen gemeinsamen Hobby schnell ein vertrautes Miteinander geworden. 
„Du hättest ihr damals doch nicht den Knecht davonjagen sollen“, murmelte Christian jetzt. „Dann hätte sie jetzt kein g‘schlampertes Verhältnis mit einem Staatsanwalt und könnte ihrem Dorfpolizisten alles als Unfall verkaufen.“
„Ich fass es nicht! Du tust ja grad so, als würdest du ihr einen Mord zutrauen.“ Franziska schüttelte den Kopf. „ Ich kenne Marie. Sie hat nichts damit zu tun.“
„Ich hoffe es.“ Christian hob die Katze aus dem Lehnstuhl und fragte gleichermaßen Bella als auch Franziska: „Wieso setzt die sich immer auf meinen Lieblingsplatz, wenn ich schwarze Cordhosen trage? Ihretwegen lauf ich den ganzen Tag mit einem weißen Hintern rum.“
„Erstens ist das ihr Sessel, zweitens trägst du immer dunkle Cordhosen und drittens macht sie sich so zu deiner Partnerin. Zwei Grauärsche halt.“ Missmutig schlüpfte Franziska in ihre Winterstiefel. „Aber zurück zum Thema: Da ist vor Kurzem eine Neue nach Eckersöd gezogen. Eine, die sich für was Besseres hält“, murmelte sie. „‚Arrogante Tusse’ hat Marie die genannt.“
„Und?“ Christian legte den Kopf schief.
„Grad die ist jetzt tot.“
„Man kann an Arroganz sterben? Endlich mal eine gute Nachricht!“
„Sei nicht albern! Sie ist in eine Fallgrube gestürzt und hat sich das Genick gebrochen.“
„Und du meinst, unsere Marie hat ihr die Grube gegraben?“
„Nein, aber Benno scheint das zu befürchten. Er will, dass ich in diesem Fall besonders sorgfältig ermittle. Wenn er sie wirklich liebt, darf er nicht zweifeln! So sehe ich das!“
„Und die Tote?“
„War früher Büroleiterin, hat dann Charity-Projekte ins Leben gerufen und alle Landfrauen zur moralischen Mitarbeit verdonnert. Marie hat sich da rausgehalten.“
Christian bürstete sich Katzenhaare von der Hose. „Alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Vielleicht hat sie sie ja doch in die Grube geschubst?“
„Natürlich nicht. Also, ich fahr jetzt mal los. Offensichtlich werden alle elf Dorffrauen in Zwiesel auf der Wache festgehalten. Von dort hat Marie bei Benno angerufen.“
Ihr Mann sah besorgt aus dem Fenster. Draußen fiel eine Mischung aus Schnee und Regen. Die Straßen waren mit grauem Matsch überzogen. „Soll ich mitkommen?“
„Nein“. Franziska schüttelte den Kopf. „Das ist Frauensache. Ich werde mit allen elfen sprechen.“ Wie sich das anhörte: Elfen … märchengleich. Sie griff nach dem Autoschlüssel und lächelte über sich selbst. 

Elfenhaft war keine der Frauen, die im Aufenthaltsraum der Zwieseler Polizei auf sie warteten. Obendrein wirkten sie übernächtigt und schlecht gelaunt. Kein Wunder! In dem Zimmer roch es nach Kaffee und kaltem Rauch. Vermutlich hatte sich die eine oder andere heimlich eine Zigarette angezündet, auch wenn das verboten war. Franziska hängte ihren Mantel an die Garderobe. Sie wandte sich an den jungen Polizisten im Raum und bat ihn, sie mit den Frauen allein zu lassen.
„Freilich. Ich hole Ihnen derweil einen Kaffee“, antwortete dieser.
„Ich muss heim und die Kühe melken“, ergriff eine Grauhaarige das Wort, kaum hatte der Uniformierte den Raum verlassen. 
„Und ich kann nur hoffen, dass mein Mann die Hühner raus lässt“, jammerte eine andere und kratzte sich den Kopf.
Franziska suchte Maries Blick. „Danke“, schien der zu sagen, „danke, dass du gekommen bist.“
Resolut rückte die Kommissarin sich einen Stuhl zurecht und sah in die Runde: „Meine Damen, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Kühe, Hühner und sonstiges Getier sind augenblicklich Ihr kleinstes Problem. Ihr echtes Problem heißt Ilse Stögbaur.“
„Das kann man wohl sagen, dass die ein Problem ist“, zischte es von hinten. „Eine solch eine hinterhältige Matz!“
„Wieso?“ Franziska merkte auf.
„An der Nas’n rumg‘führt hat s’ uns halt!“ Alle Frauen nickten, nur Marie lächelte schief. 
„Kann ich das bitte etwas genauer haben?“ Franziska sah in die Runde der meist stämmigen und kerngesunden Bäuerinnen zwischen vierzig und sechzig, deren Gesichter ihr von den Besuchen bei der Freundin vertraut waren; schließlich handelte es sich um Maries Nachbarinnen.
„Es geht um die Quitten“, gestand die, deren Mann länger als die Hühner schlief.
„Genauer gesagt geht es um ein Rezept“, pflichtete Marie ihr bei. „Die Stögbaurin hatte zu einem Konfekt-Wettbewerb geladen – als Vorgeschmack auf den Weihnachtsmarkt; dort sollten unsere Pralinen für einen guten Zweck verkauft werden. Ihr Naschkram war aus Quitten. Und köstlich.“ Sie bedachte die Frauen mit einem strengen Blick. „Es war wirklich gut. Da könnt ihr sagen, was ihr wollt.“
„Ihrs schon!“, raunte eine aus der hinteren linken Ecke. Die anderen schwiegen.
„Wir wollten dann das Rezept“, erklärte eine andere.
„Und?“ Franziska wusste nicht, was sie davon halten sollte.
„Wir haben es auch bekommen.“
„Und uns dann zusammengetan. Wissen Sie eigentlich, was für eine Arbeit das ist? Quitten?“ Die jüngste der Frauen wandte sich so vorwurfsvoll an Franziska, als habe die persönlich dieses Obst kreiert. „Erst muss man den Flaum von den Früchten reiben, hart wie Stein sind die, wenn man sie zerteilt. Dann muss das Kerngehäuse rausgepuhlt werden. Es war kein gutes Quittenjahr, wir haben tagelang daran gearbeitet und mehr als dreißig Kilo aufgekocht, das Ganze dann Ewigkeiten durch Leintücher abgeseiht und die Flüssigkeit zu Gelee verarbeitet. Das Mus war dann Basis für die Pralinen.“ Sie klang verbittert.
Franziska seufzte innerlich, ihr war wahrlich nicht nach einem Gespräch über Rezepte zumute.
„Wir haben uns an ihre Vorgaben gehalten“, fuhr eine andere fort. „Auf das Gramm genau. Wir haben Sojasoße und Koriander hinzugefügt und das glatt gestrich’ne Mus eine Woche lang in Öfen zu festen Platten gedörrt. Gerochen hat es gut. Im ganzen Haus. Aber als wir es probierten …“, sie schüttelte sich. „Furchtbar! Wie billige Seife: schlammig, schleimig, altölmäßig.“
„Ihre waren fruchtig, süß, pfefferminzig und zitronig im Abgang, unsere braunverschmiert mit Altölaroma“, ergänzte eine andere. „Zwei Wochen Arbeit – Tag und Nacht. Und alles für die Katz!“ 
„Ilse fand das lustig, sie hatte uns nämlich absichtlich ein falsches Rezept gegeben“, fügte eine wütende Stimme hinzu. „Sehr komisch, oder?“
„Und was ist dann passiert?“ Franziska wusste immer noch nicht, was sie davon halten sollte.
„Wir mussten unseren Männern gestehen, dass wir sie für nix und wieder nix um den Quittenschnaps gebracht hatten – das schöne Obst und die ganze Arbeit: alles für den Kompost.“
„Aber wegen eines falschen Rezepts bringt man doch niemanden um!“, empörte sich Franziska. „Und auch nicht wegen Schnaps.“
„Sie ist tot?“ Die Frauen wichen zurück. Alle, bis auf Marie. Franziska nahm es verwundert wahr. Und sie erschrak. Streng wollte sie wissen: „Also, was habt ihr gemacht?“
Eine von den elf zündete sich eine Zigarette an und riss das Fenster auf. Schnee stob in den überheizten Raum. „Nix!“
„Und wieso war dann mitten auf dem Stifterweg eine Fallgrube? Abdeckt mit dünnen Sperrholzbrettern? Und darüber altes Laub?“ Franziska klang betont sachlich. „Da ist die Stögbaurin dann hineingefallen und hat sich das Genick gebrochen. Habt ihr die Grube gegraben?“
Kopfschüttelnd sahen die Frauen sich an. Marie stand blass und mit verschränkten Armen am Rande der Runde. 
„Wann ist das passiert?“, fragte die Grauhaarige.
„Der Gerichtsmediziner schätzt siebzehn Uhr. Etwa zu der Zeit, als es gestern zu schneien begann.“ Franziska ging auf Marie zu. „Du weißt doch was!“
Marie nickte. „Ich hab sie schreien hören, nur einen einzigen spitzen Schrei. Also bin ich zu ihr gelaufen und hab versucht, sie zu reanimieren. Aber es war schon zu spät. Und dann hab ich die Polizei gerufen.“
„Und weiter?“
„Die wollten wissen, wer die Tote kannte. Und ich Depp sag auch noch: ‚Alle Frauen aus dem Dorf.’ So sind wir hier im tiefsten November auf der Wache gelandet. War keine schöne Nacht, wenn du mich fragst. Was sagt denn Benno dazu?“
„Dass ich euch rausholen soll. Vor allem dich.“ Franziska legte Marie eine Hand auf den Arm.
„Du weißt, dass wir es nicht waren?!“
„Ja.“
„Aber er hat gezweifelt?“
„Er will nur, dass besonders sorgfältig ermittelt wird.“
„Aha.“ Maries Stimme klang traurig und enttäuscht. „Er würde es mir also zutrauen.“

Die Kommissarin sollte noch einige Wochen in diesem Fall ermitteln. Letztendlich gestanden vier Neunjährige, die Grube gegraben zu haben. Sie hatten dem Krampus eins auswischen wollen, der traditionsgemäß am Nikolaustag über den sonst nie benutzten Stifterweg ins Dorf kam. Warum ausgerechnet die Stögbaur Ilse an diesem Spätnachmittag, beladen mit Eiern und Puderzucker, auf diesen Umweg geraten war, wusste niemand, auch wenn Marie so ihre Theorien dazu hatte und in den nächsten Jahren immer mal wieder kryptisch anzudeuten pflegte, dass genau das mit Leuten passierte, die vom rechten Weg abgekommen waren.


Blick ins Buch
Die letzte BreznDie letzte Brezn

Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald

Skandal in Grafenau! Auf einer Parkbank an der Seepromenade entdecken nächtliche Spaziergänger eine männliche Leiche. Schnell spricht es sich herum: Bei dem Toten handelt es sich um einen eigenbrötlerischen Glasbläser, der im Ort wenig Freunde hatte. Hauptkommissarin Franziska Hausmann, unterwegs in ganz anderer Mission, wundert sich. Denn mit dem Tod des Glasbläsers geht eine Welle der Erleichterung durch die Kleinstadt im Bayerischen Wald.
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Bis zu diesem Mittwochmorgen hatte Clemens Ortmair geglaubt, ihn werde es nicht treffen. Ihn nicht und auch nicht seine Frau. Solche wie er machten es immer allen recht und hatten weder finstere Geheimnisse noch irgendwelche verbotenen Räume, in die niemand hineinsehen durfte.

In seiner Familie war zu allen Zeiten über alles gesprochen worden. Auch wenn manche Dinge vielleicht besser nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären, beispielsweise das unglaubliche Verhalten seines Großvaters, der auf dem Sterbebett weder mit seiner vierzig Jahre jüngeren zweiten Ehefrau noch dem eiligst herbeigerufenen Pfarrer sprechen wollte, sondern stattdessen seinem Enkel Clemens angeschafft hatte, den prächtigsten Hahn aus dem Hühnerstall zu holen.

»  Und dass du mir fei bloß koa Henna ned bringst  «, hatte er ihm noch hinterhergerufen, doch Clemens kannte den Lieblingshahn seines Opas genau und wusste zudem, wie sich ein Hahn von einem Huhn unterschied. Wenig später hatte der Vierundneunzigjährige das Federkleid seines besten Freundes gestreichelt und gemurmelt: » Mach’s guat, Oida, und lass nix obrenna. «

Bevor sich der Alte in die Ewigkeit verabschiedete, gab er noch einen zufriedenen, ja fast glücklichen Seufzer von sich, drückte die Hand seines Lieblingsenkels und ergötzte sich daran, wie der Gockel mit seinen staubigen Krallen über das weiße Bettzeug stolzierte und selbstbewusst die Schwanzfedern spreizte.

Derweil hatte Clemens’ Stiefoma, die jünger war als sein Vater, vor der Tür auf den letzten Atemzug ihres Mannes ­gelauert und ihr Schicksal als Ganzes, besonders aber ihr vertanes Leben an der Seite dieses Deppen beklagt. Die Onkel und Tanten und auch Clemens’ Eltern im Nebenraum schwiegen und starrten auf ihre gefalteten Hände. Wie im Wartezimmer des Todes, dachte Clemens später, wobei allein der Großvater eine Audienz beim Sensenmann erhalten hatte.

Tatsächlich hatte der Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen, ebenso wenig wie das Donnerwetter, das wenig später über den damals elfjährigen Clemens hereingebrochen war. » Du machst auch an jeden Blödsinn mit, den der Alte dir ­anschafft, du Depp, du damischer. Bring sofort den Gockel in den Stall z’ruck «, wurde er von seiner Stiefoma und den Eltern gerügt, während die restliche Verwandtschaft flüsternd und ­raschelnd in das Sterbezimmer einbrach und nach der Hand des Verstorbenen griff. Als müsse sie sich vergewissern, dass der Alte auch tatsächlich von ihnen gegangen sei.

Hoch und heilig hatte Clemens allen schwören müssen, niemandem diese wirklich peinliche Geschichte mit dem Hahn zu erzählen, aber am nächsten Tag wusste es dennoch fast jeder in Grafenau. Gerade wenn man etwas verbergen wollte, kam das garantiert als Erstes ans Licht.

Als der mittlerweile dreiunddreißigjährige Clemens Ortmair an jenem Vormittag diesen rätselhaften Gegenstand vor seiner Tür fand, ahnte er, dass auch er künftig zu jener Liga ­gehören würde, die etwas zu verbergen hatte. An diesem Novem­bermorgen begann er, alles infrage zu stellen. Selbst die Neuigkeiten des Grafenauer Anzeigers, der hochkant im Briefkasten steckte, hatten ihre fraglose Verbindlichkeit verloren.

Denn was sollte dieser gläserne hellgrüne Minisarg auf seiner Türschwelle bedeuten  ? Und warum gerade bei ihm ? Einen ersten spontanen Impuls, das Ding mit einem Fußtritt wegzukicken, konnte er gerade noch unterdrücken. Das hätte Scherben gegeben und ein Geräusch, bei dem selbst jene Nachbarn, die bisher noch nichts von dieser fatalen Morgengabe wussten, aufhorchen würden.

» Du wirst des Zeichen a no kriagn «, hatte ihm jemand vor noch gar nicht so langer Zeit zugeraunt. Es war so schnell ­gegangen, dass er den weissagenden Flüsterer im Dunkeln nicht erkannt hatte. Auf seinem Heimweg hatte er kopfschüttelnd über diese alberne Drohung gelächelt. Was für ein Zeichen denn ? Er doch nicht  ! Jetzt aber, da Clemens Ortmair das Ding da vor sich sah, ahnte er, was gemeint gewesen sein könnte.

Grauer Nebel hing an diesem kalten Morgen über Grafenau. Seit Tagen war die Sonne nicht mehr richtig herausgekommen, und dennoch ging von diesem etwa sechzig Zentimeter langen Objekt ein derart kaltes Leuchten aus, dass es ihn mitten ins Herz traf. Als wäre es ein für ihn bereitgestellter Sarg.

Mit zitternden Händen faltete er die Zeitung auseinander und wickelte den Glaskasten darin ein.

» Wo bleibst du denn ? «, rief seine Frau aus der Küche.

» Bin schon da! «, rief er und versuchte, besonders fröhlich zu klingen, während er dem Kaffeeduft folgte.

Doch Ute ließ sich nicht täuschen. » Ist was ? «

» Nein, nein. « Clemens schüttelte besonders heftig den Kopf. » Was soll schon sein ? «

» Wo ist die Zeitung ? «

» Richtig, die ist noch draußen. Hab ich vergessen, warte, ich hol sie. « Er verließ die Küche, wickelte die gläserne Bedrohung wieder aus dem Grafenauer Anzeiger und verbarg sie unter der ersten Stufe der dunkelgrauen Granittreppe, die als geschwungenes S vom Erdgeschoss in den ersten Stock führte.

» Du hast doch was ? « Ute Ortmair zog die Stirn kraus. » Schlechte Nachrichten in der Zeitung ? Macht deine Firma etwa pleite ? «

» Nein, natürlich nicht. « Er wärmte sich beide Hände an der Kaffeetasse und beobachtete, wie seine Frau im Stehen die ­Tageszeitung durchblätterte.

» Da ist doch was ! « Sie klang gleichzeitig besorgt und gereizt.

Demonstrativ blickte er aus dem Fenster. Sollte er ihr sagen, dass zwar nichts Schlimmes in der Zeitung stand, dafür aber das Vorzeichen ihres gemeinsamen Unterganges darin eingewickelt gewesen war ? Was für ein theatralischer Gedanke. Und lächerlich obendrein. Er würde Ute nicht damit belasten. Und hatte das Ganze überhaupt mit ihnen zu tun ? Es könnte doch auch ein Irrtum sein. Dieser Verrückte, von dem seit einigen Wochen in Grafenau gemunkelt wurde, konnte sich vertan und ein ganz anderes Haus gemeint haben.

» Nun sag schon, da ist doch was ! « Ute schob ihm den Korb mit den Semmeln zu.

» Nein, da ist nichts. « Seine Stimme klang lauter als beabsichtigt. » Ich habe einen schweren Tag vor mir. Da wird man sich ja wohl innerlich drauf vorbereiten dürfen. «

» Ist ja schon gut. « Sie nickte gekränkt. » Man wird sich ja wohl noch Sorgen machen dürfen ! «

Das einzig Schwierige an diesem Tag, dachte Clemens Ortmair auf dem Weg in die Arbeit, würde die » Recherche « sein. Er musste herausfinden, auf wessen Schwelle noch ein solches Ding gelegen hatte, und sich mit demjenigen in Verbindung setzen.

Ortmair versuchte, sich an die vielen Gesprächsschnipsel zu erinnern, die er auf dem Flurfunk seiner Spedition aufgeschnappt hatte. Hätte er nur besser zugehört, anstatt sich mit vornehmer Demut auf Zahlen und Formeln zu konzentrieren. Gerade als das Acht-Uhr-Läuten der Kirchturmuhr erklang, dämmerte ihm ein Name: Florian Simbacher. War nicht vor gar nicht so langer Zeit gemunkelt worden, dass auch der eine unerwünschte Morgengabe bekommen und gleich beiseite geschafft habe ? Vielleicht auch einen gläsernen Sarg ?

Doch wie sollte er am besten vorgehen ? Spräche er den ­Florian direkt darauf an, so würde der garantiert alles ableugnen, so redegewandt, wie der war. Andererseits wäre es auch unklug, sich gleich selbst als Sargempfänger zu outen, überlegte Clemens Ortmair mit gerunzelter Stirn. Warum hatte er das Ding eigentlich seiner Frau verschwiegen, und warum hatte er sie heute Morgen nicht wie sonst umarmt ? Ihm schien es, als hätte das Objekt schon jetzt den ersten Giftpfeil auf ihr gemeinsames Glück gerichtet.

Seufzend öffnete er die Tür zum Verwaltungstrakt der Spedition und schlurfte mit hochgezogenen Schultern durch den langen Flur in sein Büro. Während der Computer hochfuhr, goss er die Usambaraveilchen auf der Fensterbank und ­entfernte, wie fast jeden Morgen, die vertrockneten Blütenblätter.

Die Kaffeemaschine in der fensterlosen Teeküche war schon zu vier Fünfteln durchgelaufen. Er war also nicht der Erste. Clemens angelte sich seinen persönlichen eidottergelben ­Becher aus dem Regal, nahm aus dem Kühlschrank die Milchtüte mit seinen Initialen und beschloss, das Problem gleich anzugehen. Es brachte ja nichts, die Geschichte immer weiter vor sich herzuschieben. Und wie er den Simbacher Flori kannte, so stand der ganz bestimmt schon in seinem Laden und räumte für die Wintersaison um. Bis zum ersten Schnee war es ja nun wirklich nicht mehr lange hin.

Resolut verschloss er seine Bürotür von innen, griff zum ­Telefon und rief bei Florian an.

» Simbacher, Sport und Chic auf einen Klick, was kann ich für Sie tun ? «

Es hatte keinen Sinn, lange drumrum zu reden, und so fiel Clemens mit der Tür ins Haus. » Du, bei mir hat heute Morgen so ein komisches Ding vor der Tür gestanden. Und da hab ich mir gedacht, dass du mir sicher helfen kannst. «

Der modebewusste Sportsmann am anderen Ende der Leitung schluckte, seufzte bedeutungsvoll und schwieg.

» Also, ich … also ich hab mir gedacht, ich melde dir das einfach mal «, stotterte Clemens. Dieses gerade mal sechzig Zenti­meter lange Glasding machte ihm Angst, und er wusste, dass es auch den anderen Angst gemacht haben musste.

Selbst dem Simbacher Florian, der sich nun laut und vernehmlich räusperte, bevor er sagte: » Aha, dann sind es also fünf. Hatte ich’s doch befürchtet. Mehr werden es wohl auch nicht. Wenn ich ganz ehrlich bin: Eigentlich hast gerade du uns noch gefehlt. Weißt du was, ich und du und die drei anderen, wir treffen uns heut auf d’Nacht im Gasthaus Zur Brezn. Siebzehn Uhr. Da gibt’s ein Hinterstüberl. Und dort finden wir dann eine Lösung. «

» Wir ? «, fragte Clemens. » Wen meinst du damit ? «

» Alle fünf Betroffenen. Wir müssen uns wehren. Wer weiß, was der Wahnsinnige vorhat. «

» Wen meinst jetzt damit ? «

Florian Simbacher gab keine Antwort, sondern stellte besserwisserisch klar: » Wenn wir uns beeilen und sachlich bleiben, haben wir in einer Stunde alles besprochen. Dann fällt es nicht einmal auf, dass wir ein bisserl später heimkommen. «

Was für ein Depp, dachte Clemens Ortmair nach dem Tele­fonat. Er hatte den fast zwanzig Jahre älteren Simbacher ­Florian noch nie leiden können. Auf den wartete doch eh keine daheim. Stattdessen schleppte der Flori ein Weibsbild nach dem anderen ab – dieser sexbesessene Lügner.

Schon früher, als sie fast Nachbarn gewesen waren, hatte sich der Flori immer in alles eingemischt und sich um alles gekümmert. Vor allem um Dinge, die ihn nichts angingen, und bevorzugt dann, wenn Weiberleut im Spiel waren. Noch heute war Clemens davon überzeugt, dass der Simbacher damals die Geschichte mit Clemens’ sterbendem Großvater und dem prächtigen Hahn in die Stadt getragen hatte, damit alle über die Ortmairs und über die junge Witwe Rosina lachten. Dabei war der Opa ein wirklich lieber Mensch gewesen. Der hätte bestimmt gewusst, was bei einem solchen Fund vor der Tür zu tun wäre, und hätte es nicht nötig gehabt, ausgerechnet einen Florian Simbacher um Rat zu fragen.

Clemens schloss seine Zimmertür wieder auf und ließ sie halboffen stehen. Verschlossene Türen galten in diesem Büro­trakt als verdächtig. Wer über den künstlich erleuchteten Flur ging, sollte in jedes Zimmer hineinsehen und auf Anhieb erkennen können, wie intensiv und konzentriert die anderen ­arbeiteten. Als würde ausgerechnet das die eigene Leistung steigern.

Anfangs hatte es Clemens verdammt viel Kraft gekostet, nicht jedes Mal aufzublicken, wenn draußen einer vorbeimarschierte. Seine Kolleginnen und Kollegen pflegten die offenbar wichtigsten Dinge zwischen Tür und Angel zu verhandeln. Auf dem Gang bildeten sich Koalitionen zum gemeinsamen Mittagessen oder zum Stadtbummel. Geburtstage wurden dort begossen, Lebenskrisen ausgebreitet und in allen Einzelheiten durchgenommen, jedoch so gut wie nie geklärt. Dieser Flur hatte trotz seines künstlichen Lichtes etwas vom prallen und bunten Leben, während sich in den einzelnen Büroräumen grau und fordernd die Arbeit häufte. Clemens Ortmair erschienen daher die offenen Zimmertüren wie Fenster zum Eigentlichen, und da immer nur Bruchteile des Seins an diesen Fensterchen vorbeischwirrten, vermittelte ihm das Stimmengewirr dort draußen die Illusion eines Hörspiels.

Auf diese Weise musste er vor einigen Tagen mitbekommen haben, dass auf den Granitstufen vom Sportladen Simbacher ein unheimliches Ding gelegen hatte. Was genau es gewesen war, wusste natürlich mal wieder niemand. Voller Schadenfreude hatte Clemens gelauscht und gedacht: Geschieht ihm ganz recht. Der soll ruhig mal ein bisschen Schiss kriegen, dieser selbstgerechte Schönling. Doch schon wenige Tage später war er vom Schicksal für diesen Gedanken bestraft worden, dachte Clemens nun.

Summend tänzelte die Sekretärin des Abteilungsleiters an seiner Tür vorbei und hob grüßend eine Hand. Wo die nur ­immer ihre gute Laune hernahm ! Das Leben war ungerecht. Mit wilder Entschlossenheit griff Clemens nach der Posteingangsmappe, um den heutigen Stapel an Anfragen, Aufträgen und Rechnungen abzuarbeiten.

Fünf Leute aus Grafenau hatten also so ein Ding gekriegt. Ausgerechnet fünf.

Auf dem Computerbildschirm entfaltete sich eine fette Fünf nach der anderen. Unheilschwanger sahen die aus, und ­Clemens Ortmair ahnte, dass ihm wohl nichts anderes übrigblieb, als um siebzehn Uhr das Hinterzimmer der Wirtsstube Zur Brezn zu betreten und sich den anderen vieren zu stellen. Da wusste er noch nicht, dass er genau diesen Entschluss sein Leben lang bereuen sollte.

Ute Ortmair hatte an diesem Vormittag frei. Ganz gegen ihre Gewohnheit rauchte sie direkt nach dem Frühstück eine Zigarette. Irgendwas war mit Clemens los. Ob das was mit ihr zu tun hatte ? Okay, sie hatte mal wieder geflirtet. Aber war es ihre Schuld, wenn sie eine so tolle Ausstrahlung hatte ? Nicht ohne Stolz betrachtete sie ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe und lächelte sich an. Die Zigarette stand ihr nicht, und sie drückte sie aus. Würde sie sich selbst begegnen, wäre sie auch fasziniert von sich, dachte sie und sonnte sich in dem Bewusstsein, an jedem Finger zehn Verehrer zu haben. Entschieden hatte sie sich allerdings für Clemens, denn der war solide und zuverlässig. Sie fand nur, er sollte nicht immer so eifersüchtig sein. Schlechte Laune machte Falten, und er hatte ihr mit seiner Miesepetrigkeit bereits das heutige Frühstück verdorben.

Dabei war es so wichtig, sich mit den Männern des Ortes gut zu stellen, dachte Ute und gab sich ihrem Lieblingstraum hin, in dem ein kleiner, aber feiner Kosmetiksalon am Grafenauer Stadtplatz die Hauptrolle spielte. Sie selbst trug in dieser Vision einen maßgeschneiderten schneeweißen Kittel, der ihre schmale Taille sowie eine nicht zu übersehende Oberweite ­betonte, und stöckelte so elegant über flauschige Teppichböden, dass sich der eine oder andere Herr am Schaufenster die Nase plattdrückte. Währenddessen dösten im Nebenraum mehrere Damen bei sanfter Musik auf weichen Wasserbetten einem Erwachen in faltenloser Schönheit entgegen.

Alle Frauen, die in Grafenau etwas auf sich hielten, würden zu ihr kommen, und die Ehemänner würden sich bei der Auswahl von Geschenkgutscheinen, Parfüms und edlen Hautcremes von ihr beraten lassen. Da war es doch klar, dass sie schon jetzt zu allen freundlich sein musste. Denn alle Frauen und Männer in dieser Stadt waren potenzielle zukünftige Kunden.

Seit Kurzem machte ihr ausgerechnet der Simbacher ­Florian den Hof. Der war mindestens zwanzig Jahre älter als ihr Mann und kam ständig in den Drogeriemarkt, in dem sie momentan noch arbeitete, um sich von ihr beim Kauf von Shampoo, Haarwasser, Rasiercreme und Zahnpasta beraten zu lassen. Doch mit einem über Fünfzigjährigen würde sie sich nicht einlassen. Mit dem würde sie nicht einmal einen Kaffee trinken gehen. Schon allein, um kein Gerede hervorzurufen.

Dabei war der ziemlich hartnäckig, dieser Florian. Sogar ­einen Skianzug aus seiner neuesten Kollektion hatte er ihr versprochen, wenn sie sich nur einmal mit ihm träfe. Trotzdem ! Sie beschloss, sich den stylishen Skianzug lieber von Clemens zu Weihnachten zu wünschen.

Halbherzig fegte sie mit einem Besen durch Esszimmer, ­Küche und Flur und stieß unter der ersten Treppenstufe gegen etwas, das dort nicht hingehörte. Es klirrte. Ute Ortmair ging in die Knie. Dachte ihr Clemens etwa, dass sie niemals unter der Treppe putzte ? Hoffentlich war nichts kaputtgegangen.

In dem mit Klebeband verschlossenen Pappkarton schepperte es. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wollte Clemens ihr etwa auch in diesem Jahr wieder Sektgläser zu Weihnachten schenken ? Wie phantasielos !

Krimis von Katharina Gerwens

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