Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. (Videotranskription)
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Montag, 26. Mai 2014 von Piper Verlag


Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. (Videotranskription)

Ein Interview mit Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor des Heckscher Klinikums München, Deutschlands größter und führender Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er beantwortet im Interview die wichtigsten Fragen zu seelischen Erkrankungen, die Eltern haben können: Welches Verhalten von Kindern ist normal, was nicht, wo muss ich eingreifen, wie kann ich meinem Kind helfen, wenn es in einer schwierigen Situation (Spielsucht, sexuelle Reifestörung, Essstörung etc.) ist?

Es hat den Anschein, als hätten psychischen Störungen in den letzten 20 Jahren bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen – warum ist das so?

Es hat tatsächlich in erster Linie den Anschein, als ob psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter zugenommen haben. So dramatisch, wie es oft in den Medien dargestellt wird, sehe ich die Situation eigentlich nicht. Was sich geändert hat, ist, dass wir psychischen Krankheiten sehr viel offener und interessierter entgegen treten, dass wir achtsamer geworden sind. Das hat einen positiven Aspekt, denn wir wissen, wenn wir seelische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen rechtzeitig identifizieren, eröffnet uns das auch gleichzeitig eine Chance, helfend einzugreifen und Fehlentwicklungen zu verhindern. 

Welche Faktoren spielen bei psychischen Erkrankungen von Kindern eine Rolle?

Meistens hat eine Erkrankung nicht nur eine Ursache, sondern es ist oft das Zusammentreffen von verschiedenen Faktoren, die eine Störung anstoßen oder verfestigen. Interessant ist dabei, dass es eigentlich jede Familie treffen kann und wir beim ersten Hinschauen überhaupt nicht sagen können, was der Grund dafür ist, dass ein Kind eine psychiatrische Symptomatik entwickelt. 

Wir müssen im Rahmen des diagnostischen Prozesses den Fall analysieren, dabei stoßen wir nicht selten darauf, dass das Kind eine bestimmte Veranlagung mitbringt: zu einer Depression, zu einer Zwangserkrankung, zu einer Essstörung. Dazu gesellen sich dann ungünstige Umstände: ein Konflikt in der Familie, eine schwierige Situation in der unmittelbaren Umgebung des Kindes, z.B. schulische Überforderung, Erkrankung oder Tod einer Bezugsperson, Trennung. So muss ein Bündel von Faktoren zusammenkommen, damit sich aus einer schwierigen Situation eine krankhafte Störung entwickelt.

Welche sind die häufigsten psychischen Störungen und wie sind die Heilungschancen? 

Die häufigsten psychischen Störungen, die wir in der Klinik sehen, sind sicherlich noch einmal etwas anders geartet als diejenigen, die in der Praxis des Kinder- und Jugendpsychiaters auftreten. Wir sehen die schwierigeren Fälle, bei denen die Symptome ausgeprägter sind, bei denen schon eine längere Vorgeschichte besteht. 

Was wir am häufigsten sehen, sind Kinder und Jugendliche mit depressiv suizidalen Zustandsbildern, die etwa nach einem Selbstmordversuch in die Klinik eingeliefert werden. 

Was uns heute große Sorgen macht, ist, dass es sich meistens nicht um einfache Krankheitsbilder handelt, sondern um die Kombination von unterschiedlichen Krankheitsbildern, die sich zu einem Problembereich ausgebildet haben, z.B. das depressive Kind, das schon längere Zeit eine Teil-Leistungsstörung, d.h. eine Lese-Rechtschreib-Störung oder eine Rechenstörung, hatte, die bis dato unentdeckt geblieben ist, ein depressives Kind, das über eine längere Zeit ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine Hyperaktivitätsstörung hatte, oder ein Kind mit einer dekompensierten Essstörung, das schon länger unter Stimmungsproblemen gelitten hat. Dieses Problem der Komorbidität bedeutet für uns in der Klinik eine große Herausforderung. 

Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass uns in der Klinik immer wieder Kinder und Jugendliche begegnen, die uns von besorgten Eltern wegen einer Problematik, bei der sie Schlimmeres vermuten, vorgestellt werden, bei denen wir den Eltern nach einem genaueren Kennenlernen sagen können: Macht euch nicht so große Sorgen. 

Hier handelt es sich sicherlich um eine Verhaltensauffälligkeit, um ein Problem, das sich herausgebildet hat, das aber Ausdruck einer normalen Krise in schwierigen Entwicklungsjahren in der Pubertät oder in einer anderen problematischen Übergangszeit im Kindes- und Jugendalter ist. In solchen Fällen können wir den Eltern sagen, dass hier pädagogische Veränderungen sinnvoll sind. 

Es ist wichtig, mit dem Kind besser ins Gespräch zu kommen, mit den Erziehern im Kindergarten, mit Lehrern, mit guten Freunden und Bekannten abzuklären, was dem Problem vielleicht zu Grunde liegt, was die Eltern im täglichen Umgang mit dem Kind in letzter Zeit vielleicht versäumt oder vernachlässigt haben. Es ist ein wichtiger Grundsatz für mich in der Klinik, den Eltern zu signalisieren: nicht jede Auffälligkeit bei eurem Kind ist eine Störung. Hier kann man häufig mit kleinen Maßnahmen wichtige Veränderungen bewirken.  

Natürlich fragen uns Eltern immer wieder, wie die Störung ausgehen wird: Verliert das Kind den Tick, den Zwang, die psychotische Symptomatik. Dazu muss man sagen: Das Wort »Heilung« bei psychischen Störungen ist ein bisschen problematisch, weil wir seit vielen Jahren wissen, dass es Krankheitsbilder gibt, die im Kinder- und Jugendalter beginnen, und die das betroffene Kind möglicherweise ein ganzes Leben lang begleiten werden. 

Das klingt ein bisschen pessimistisch, aber auf der anderen Seite kann man sagen, dass es eine nicht geringe Zahl von Störungen gibt, die in diesem Alter auftreten, die eine günstige Prognose haben, die manchmal ohne großes Zutun milder werden, vergehen, oder die bei rechtzeitiger Diagnose und rechtzeitig eingeleiteten Therapiemaßnahmen sehr günstig verlaufen. 

Das kann man oft bei psychischen Erkrankungen nicht im Moment der Diagnosestellung sagen, aber eines wissen wir auf jeden Fall: Es gibt keine Störung im Kindes- und Jugendalter – auch nicht bei chronischen Krankheiten – bei der es nicht berechtigte Aussichten gibt, dass wir durch sinnvolle Therapiemaßnahmen eine wichtige Stütze für das Kind und seine Entwicklung anbieten können. Deshalb ist es immer angezeigt, die Familie auf einen Weg zu führen, auf dem sie mit Hoffnung weitergehen kann. 

Wie können Familien sich selbst helfen?

Ein ganz wichtiger Tipp ist in diesem Zusammenhang, dass Eltern aufmerksam bleiben sollten. Sie sollten mit frei schwebender aber nicht übertriebener Aufmerksamkeit ihr Kind im Auge behalten, so dass sie zwar nicht auf jede kleinste Veränderung achten, aber auf solche, bei denen das Kind gewohnte Lebensstile verändert, sich zurückzieht, Kontakte aufgibt. 

Als zweiter Tipp: Mit dem Kind im Gespräch bleiben, sich mit dem Partner – so vorhanden – über Veränderungen des Kindes austauschen. Bei alleinerziehenden Eltern wäre es gut, wenn sie im Freundeskreis Ansprechpartner hätten. Es ist hilfreich, mit Erziehern, Lehrern und Freunden des Kindes im Bezug zu bleiben und sozusagen immer darauf zu achten, den unmittelbaren Kontakt zum Kind nicht zu verlieren. 

Dann ist der Schritt möglich, professionelle Hilfe hinzuzuziehen, wenn die Eltern verunsichert sind. Das kann der Kinderarzt oder der Schulpsychologe sein. In einem zweiten Schritt kann das gegebenenfalls zur Kontaktaufnahme mit dem Kinder- und Jugendpsychiater oder -Therapeuten führen, der sich aus professioneller Sicht ein exaktes Bild von der Problematik des Kindes macht. 

Worum geht es in diesem Buch und für wen haben Sie es geschrieben?

Uns, das heißt meinem Co-Autor Harald Hordych und mir, geht es darum, in erzählerischer Weise zehn Fälle von Kindern und Jugendlichen zu schildern, die ganz spezielle psychische Erkrankungen haben. Es soll kein Lehrbuch oder Sachbuch sein, sondern wir wollen damit zum Beispiel Eltern ansprechen, die mit einem psychisch kranken Kind zusammenleben, oder die sich Gedanken machen, weil gerade etwas nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. 

Wir glauben, dass es auf Interesse stoßen könnte bei allen, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten. Aus dem Wissen durch den langjährigen Umgang mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen haben wir Fälle konstruiert, aus denen man jede Menge darüber erfahren kann, wie solche Störungen verlaufen. Das Schöne dabei ist, dass die Fälle doch signalisieren: Es lohnt sich immer mit solchen Kindern zu arbeiten, weil sich immer eine Menge erreichen lässt.


Anders als die anderen

Was die Seele unserer Kinder krank macht

Jedes Kind kann es treffen. Nicht nur solche aus Risikofamilien, sondern auch Kinder aus intakten Elternhäusern können Opfer seelischer Erkrankungen werden. ADHS und Schizophrenie, Depressionen und Essstörungen sind Ausdruck schwerer psychischer Störungen. Doch ebenso gibt es "normale" kindliche Verhaltensweisen, die Eltern zwar nerven mögen, aber mit Verständnis und Geduld wie von selbst wieder verschwinden. Franz Joseph Freisleder erzählt anschaulich und mit großem Einfühlungsvermögen aus seiner jahrzehntelangen Praxis als Kinder- und Jugendpsychiater. Gemeinsam mit dem Journalisten Harald Hordych hat er Schlüsselfälle entwickelt, die zeigen, worauf es ankommt. Seine Botschaft an die Eltern: Jedes Kind hat eine echte Chance im Leben – sofern man sich der Gefährdung bewusst ist, gemeinsam mit seinem Kind kämpft und ihm hilft, wann immer es Hilfe braucht.
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Jedem Kind seine Chance geben

 

Seit 28 Jahren arbeite ich als Kinder- und Jugendpsych­iater. Fast drei Jahrzehnte also, in denen ich einer großen Zahl von problembeladenen Kindern, Jugendlichen [Als Kinder gelten die noch nicht 14-, als Jugendliche die noch nicht 18-Jährigen.] und ihren Eltern begegnet bin. Die Erfahrungen, die ich da­­bei gemacht habe, möchte ich in diesem Buch gerne weitergeben.

Dabei will ich zunächst betonen, dass jedes Kind – egal wie geliebt, behütet und glücklich es aufwächst – an einer psychischen Störung erkranken kann. So dramatisch es klingt: Tatsächlich kann es jedes Kind treffen. Dies festzustellen bedeutet nicht, die Eltern aus der Verantwortung zu entlassen. Aber es liegt nicht nur an der »Erziehung«, wenn ein Kind seelisch erkrankt. Genetische und hirnorganische Faktoren können als Ursache oder Aus­löser für eine Erkrankung eine ebenso wichtige Rolle spielen wie gesellschaft­liche und soziale Aspekte.

In jedem Fall kann eine psychische Störung eine ernsthafte Gefahr für die weitere Entwicklung des Kindes darstellen. Zumeist verschwindet die Störung auch nicht von selbst wie ein Husten oder Schnupfen. Wir, die Ärzte und Psychotherapeuten, sehen unsere Aufgabe daher darin, das Kind unter Einbeziehung seiner Familie mit den bestmöglichen therapeutischen Mitteln zu behandeln und zu begleiten. Nicht immer kann eine Heilung gelingen, aber sehr oft gibt es gute Gründe dafür, mit einer Besserung oder zumindest einer Stabilisierung des Krankheitsbildes zu rechnen. Egal, wie aussichtsreich sich für mich eine Krankheitsperspektive darstellt, ver­suche ich immer, im Umgang mit meinen Patienten zuversichtlich zu bleiben und mich zum Prinzip Hoffnung zu bekennen.

Zudem habe ich in meinem Beruf festgestellt, dass bei einem Kind oder einem Jugendlichen nicht jede psychische Auffälligkeit, von der mir besorgte Eltern berichten, einen Krankheitswert im engeren Sinn besitzen muss. Vielmehr kann das auffällige Verhalten auch vorübergehender Ausdruck einer schwierigen Entwicklungsphase sein und sich durch geeignete Beratung, emotionale Unterstützung oder sogar spontan wieder zurückbilden. Und vor allem habe ich gelernt, dass selbst Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen trotz ihrer Handicaps und Defizite nahezu immer auch über wertvolle Ressourcen verfügen, aus denen sie – manchmal ganz überraschend – schöpfen und damit ihre Umgebung bereichern, ja beglücken können. Genau diese Potenziale zu erkennen und zu fördern ist eine besondere Chance unseres Berufs.

»Anders als die anderen« will daher allen, die mit Kindern und Jugendlichen leben, einen Einblick in die Welt der erkrankten kindlichen Seele geben: Es will sensibi­lisieren für die Gefährdungen, denen sie ausgesetzt ist. Aber es will vor allem dazu ermutigen, die Chancen zu erkennen, die jedes Kind hat. Denn wer immer nur ängstlich auf die Risiken blickt, übersieht vielleicht die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich trotz allem eröffnen.
Aus diesem Blickwinkel erzählt das Buch Ge­­schichten von Kindern und Jugendlichen, deren Seele krank ist und die unsere Unterstützung brauchen. Es erzählt, wie versucht wurde, ihnen zu helfen, und welche Erfolge dabei erzielt wurden.

All diesen Geschichten ist gemeinsam, dass wir sie erfunden haben. Wir, das sind der Journalist Harald ­Hordych und ich, der Kinder- und Jugendpsychiater. Wir präsentieren sie als Modelle, weil wir die konkreten Fälle, die ich erlebt habe, nicht erzählen dürfen. Zu groß ist die Gefahr, dass der Schutz des Patienten nicht gewährleistet ist. So hilfreich es wäre, wenn andere Betroffene anhand tatsächlicher Ereignisse erkennen könnten, dass es Menschen gelungen ist, diese Erkrankungen zu überwinden – so unmöglich ist es doch, diese Wirklichkeit eins zu eins abzubilden.

Hinter jeder dieser Geschichten aber verbirgt sich eine Reihe von Fällen, die sich im Wesentlichen so abgespielt haben. Die erfundene Geschichte hätte also genauso ver­laufen können, weil viele Fälle so oder sehr ähnlich verlaufen sind.

Dabei muss ich an meine tägliche Arbeit in der Klinik denken: An jedem Morgen unter der Woche treffen sich die Ärzte, Psychologen und anderen Therapeuten des Münchner Heckscher-Klinikums in der großen Bibliothek zur Morgenkonferenz. Dann erfahren wir jedes Mal Geschichten von jungen Patienten: Geschichten von Kindern und Jugend­lichen, die am Vortag oder während der Nacht wegen einer seelischen Notlage in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gekommen sind und hier Rat und Hilfe suchen. Einige von ihnen werden stationär aufgenommen: für ein paar Tage oder für mehrere Wo­­chen. Andere werden nur ambulant versorgt oder an eine Jugendschutzstelle weitervermittelt.

Die diensthabenden Ärztinnen und Ärzte berichten bei dieser Gelegenheit von Fällen, die auch die erfahreneren Teilnehmer der Runde sehr bewegen. Wir hören zum Beispiel Berichte über Jungen und Mädchen, die in scheinbar auswegloser Lage einen Suizidversuch begangen haben – manchmal ist es nicht der erste. Oder über einen aggressiven Jugendlichen, der im Alkoholrausch schon wieder seine Eltern und Geschwister attackiert und deshalb das Eingreifen der Polizei erforderlich gemacht hat. Manchmal sind es zehn bis 15 Notfälle innerhalb von 24 Stunden, die in der Klinik mit ihrem großen Versorgungsgebiet Oberbayern zur raschen psychiatrischen Abklärung und Behandlung vorgestellt werden.

Wir hören in der Morgenrunde auch von Kindern, die von unseren Ambulanzärzten schon seit Längerem behandelt wurden und am Vortag nach einer mehrwöchigen Wartezeit auf einen frei gewordenen Behandlungsplatz stationär aufgenommen werden konnten. Von einer 16-jährigen Gymnasiastin etwa, die trotz inten­siver ambulanter Therapiemaßnahmen ihre Magersucht zu Hause nicht in den Griff bekommt. Von einem ­14-jährigen Mittelschüler, der sich seit über einem Jahr so sehr in seine Zwangssymptomatik verstrickt hat, dass er nun schon seit drei Monaten nicht mehr die Schule besuchen kann – jetzt endlich sind seine Eltern und er selbst zu einer Klinikaufnahme bereit. Oder wir erfahren von der Tagesklinikärztin die Vorgeschichte eines 9-jährigen Buben, der am vergangenen Tag wegen einer schweren Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vermutlich für mehrere Wochen teilsta­tionär, also untertags von Montag bis Freitag, aufgenommen worden ist.

Es sind aber nicht nur kurze Vorstellungsberichte über Kinder und Jugendliche, die gerade wegen ihrer psychischen Störung in unserer Klinik neu aufgenommen werden mussten. Ebenso kommen viele am Anfang ihrer stationären Behandlung noch besonders problematisch erscheinende Patienten zur Sprache, die nach einer erfolgreichen Therapie weitgehend geheilt, in einem erfreulich gebesserten Zustand oder zumindest stabilisiert unser Haus wieder verlassen.

Einmal in der Woche diskutieren wir in unserer morgendlichen Konferenzrunde auch einen besonders komplexen Fall. Alle an der Therapie Beteiligten reflektieren den bisherigen Behandlungsverlauf, machen sich Gedanken über die diagnostische Einschätzung und das weitere therapeutische Vorgehen in der Klinik. Und wenn sich der junge Patient dafür eignet und auch dazu bereit ist, bitten wir ihn persönlich in unsere Runde. Dann erzählt er uns seine Geschichte – so wie er sie selbst erlebt und empfunden hat. Auch diese Situationen, in denen nicht nur über, sondern mit dem Kind gesprochen wird, sind für alle oft sehr berührend und bereichernd.

In diesem Morgenkreis geht es also darum, das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit, mit all seinen Nöten und Problemen zu sehen und wahrzunehmen. Denn anders als körperliche Erkrankungen, die meist eindeutig loka­lisiert werden können, gehen psychische Störungen oft ineinander über. So kann zum Beispiel eine schwere Essstörung eine Depression nach sich ziehen, eine Computerspielsucht kann auf eine ADHS-Problematik hindeuten. Dies zu erkennen und entsprechend zu behandeln, darauf kommt es uns an.

Wie im wirklichen Leben, so nehmen auch die Ge­­schichten in diesem Buch nicht immer ein gutes Ende. Es sind Geschichten, in denen das Happy End nicht automatisch vorgesehen ist. Aber wenn wir mit diesem Buch eine Botschaft vermitteln möchten, dann diese: Jedes erkrankte Kind hat eine echte Chance – wenn man gemeinsam mit dem Kind kämpft und ihm hilft, wann immer es Hilfe braucht.


München, im August 2014
Franz Joseph Freisleder

 

 

Haus mit Blick auf den See


Charlotte, 16. Anorektische Essstörung


Das erste Geräusch des Tages, das in dem großen Haus im oberbayerischen Herrsching am Ammersee zu hören ist, ist wie jeden Morgen Charlottes Wecker.

Eigentlich ist es kein Wecker, es ist ein Radio, das Punkt 6 Uhr angeht, der Tag beginnt mit Bayern 3. Charlotte, 16, steht sofort auf und geht ins Bad. Dort stellt sie sich, noch ehe ein Tropfen Wasser ihr Gesicht berühren kann, auf die Waage. Dann wäscht sie sich das Gesicht, kämmt die langen, schwarzen Haare. Der Trainingsanzug liegt auf einem der weißen Stühle in ihrem Zimmer mit dem herrlichen Blick auf den See. Sie hat ihn schon am Vorabend bereitgelegt. Unter dem Stuhl stehen ihre weißen Laufschuhe, die vor Sauberkeit leuchten, obwohl Charlotte sie jeden Tag anzieht. Charlotte verlässt das Haus, zieht leise die Tür zu. Sie läuft die Straße hinunter Richtung Uferpromenade. Charlotte ist eine gute Läuferin, wie jeden Morgen fühlt sie sich mit jedem Schritt besser, die Müdigkeit verfliegt, vor allem aber die Traurigkeit, die Charlotte jeden Morgen beim Aufstehen spürt wie ein zu enges Kleidungsstück, das sie im Bad nicht ablegen kann. Das an ihr haften bleibt, bis sie zu laufen beginnt und sie nicht mehr das quälende Gefühl hat, zu schwer zu sein, mit sich ein Gewicht herumschleppen zu müssen, das ihr keiner abnehmen kann. Nur das Laufen hilft, nur die Bewegung, die Gewissheit, mit jedem Schritt Fett zu verbrennen.

Nach dem halbstündigen Frühsport duscht Charlotte. Zu diesem Zeitpunkt sind auch ihre Mutter und ihre Schwester aufgestanden. Ihr Vater schläft noch, auch wenn ihm der Arzt geraten hat, den alltäglichen Rhythmus seiner Familie zu teilen.

Charlotte geht in ihr Zimmer und zieht die Kleidungsstücke an, die sie am Vorabend auf einen anderen Stuhl bereitgelegt hat. Wenn man jeden Morgen eine Stoppuhr mitlaufen lassen würde, dann könnte man sehen, dass Charlotte auf die Minute genau zur immer gleichen Zeit – um 7.10 Uhr – die Küche betritt. Die Haare legen sich wie eine zweite Haut um das schmale Gesicht, aus dem zwei große dunkle Augen schauen. »Guten Morgen«, sagt sie und blickt auf die Uhr an der Wand, als wäre sie zu spät dran, so wie sie jeden Morgen auf die Uhr sieht, als wäre sie zu spät dran und als hätte sie eigentlich keine Zeit mehr fürs Frühstück.

Charlotte besucht die zehnte Klasse des Herrschinger Gymnasiums. Charlotte ist eine ausgezeichnete Schülerin. In vielen Fächern zählt sie zu den Besten ihrer Jahrgangsstufe: Englisch, Latein, Französisch, Deutsch, aber auch Mathematik und Physik. Selbst in den Fächern, die sie selbst zu ihren schwächeren zählt, gehört sie zum besten­ Drittel ihrer Jahrgangsstufe. Eine Punktzahl im Zeugnis, die einer Zwei entspricht, ärgert Charlotte so sehr, dass sie ihre ganze Energie darauf verlegt, auch in diesem Fach eine Eins zu bekommen. Charlotte bezeichnet sich selbst als Perfektionistin. Sie hasst Unordnung, Schlamperei, Ungenauigkeit und Schwachheit. Etwas nicht gleich zu können ruft Ungeduld und Ärger bei ihr hervor. Charlotte möchte ein perfektes Leben führen. Und deswegen ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie nicht nur eine perfekte Figur macht, sondern auch eine perfekte Figur hat. Denn alles andere, jedes noch so winzige Fettpolster, hieße, sich auf eine unerträgliche Weise gehen zu lassen.

»Hast du gut geschlafen, Lotte?«, fragt ihre Mutter. Ihre Stimme klingt belegt vor Besorgnis, auch wenn sie sehr darum bemüht ist, genau diesen Tonfall um alles in der Welt zu vermeiden.

Charlottes Schwester Regina starrt ostentativ auf ihren Teller, auf dem eine dick mit Butter beschmierte Semmel liegt. Regina ist 17 und wird nächstes Jahr Abitur machen. Sie ist ebenso groß wie Charlotte und hat kurz geschnit­tenes braunes Haar. Sie leckt sich über die Lippen und schmiert genüsslich Honig aufs Brötchen.

»Kohlenhydrate, Fett und Zucker – das wird dir deine Taille nie vergessen«, sagt Charlotte zu ihrer Schwester. »Die Haut vergisst keinen Sonnenstrahl. Und die Taille keine Kalorie.« Und dann lässt sie, ohne dabei ihre Mutter anzuschauen, ihren Blick suchend auf der Küchenzeile entlangwandern.

»Suchst du etwas, Schatz?«, fragt die Mutter, die einen Morgenmantel trägt, der sehr geschmackvoll den Ton ihrer ebenfalls dunklen Haare aufgreift. Sie sieht erschöpft aus, obwohl sie, wie jeden Abend, früh schlafen gegangen ist.

»Ich suche nur das Diätbrot.«

»Aber das steht doch auf dem Tisch«, sagt die Mutter und deutet mit einer fahrigen Bewegung auf ein Brotkörbchen.

»Schon ausgepackt?«

»Aber warum denn nicht?«, fragt die Mutter.

»Du sollst dir doch keine unnötigen Umstände machen. Ich habe morgens so gut wie keine Zeit mehr. Eigentlich muss ich sofort los. Das weißt du doch, Muttchen.«

Die Mutter starrt auf die Küchenuhr.

»Aber es ist doch noch nicht mal Viertel nach.«

»Ich mach mir ein Müsli, das geht schneller«, sagt Charlotte. Dann reißt sie die Kühlschranktür auf und hält inne. »Wisst ihr was, ich hole mir schnell eine belegte Semmel vor der ersten Stunde. Wenn ich noch Zeit habe.«

»Du hast noch ganz viel Zeit«, sagt Regina.

»Pass lieber auf, dass du nicht so pummelig wirst, wie ich es früher war!«

»Wer war denn pummelig?«

»Ich. Das hast du doch immer zu mir gesagt: Pummelchen.«

»Aber Charlotte«, ruft die Mutter, es klingt kläglich. Hilflos, als würde sie den Arm nach jemandem ausstrecken, der zu weit von ihr entfernt steht. Da hat Charlotte schon die Küche verlassen und das Haus. Ihre große Tasche hat sie sich energisch über die Schulter geschwungen. Sie hat sich diese Gesten von ihrer Schwester ab­geschaut. Sie weiß genau, wie sie die Rolle der selbstbewussten jungen Frau spielen muss. Aber kaum ist sie allein, befällt sie eine tiefe, ihr selbst un­­erklärliche Traurigkeit, sie sieht in ihrem Auftreten keinen Sinn, ihr Kopf sinkt nach vorn, sie starrt auf den Bürgersteig, während sie auf den Bus wartet. Die anderen Mädchen, die ihr an der Haltestelle begegnen, vermeiden es, sie anzusprechen. Charlotte weiß das. Aber obwohl sie darunter leidet, versucht sie nicht dagegen anzukämpfen, sondern ist am Ende froh, dass sie sich nicht unterhalten muss. Es strengt sie nur an, sich auf belangloses Gerede konzentrieren zu müssen, statt einfach ihren Gedanken nachhängen zu können. Zum Beispiel der Frage, wie viel Kalorien sie heute schon zu sich genommen hat. Im Bus setzt sie sich ganz nach hinten und starrt nach draußen, während einige Bekannte einsteigen. Sie tut so, als sähe sie sie nicht. Manchmal nimmt sie auch ein Buch und versteckt sich dahinter.

In der Schule hat Charlotte dann doch keine Zeit mehr, sich etwas zu essen zu kaufen. Zum Glück kann sie sich aber noch ein Mineralwasser besorgen. Sie stürmt mit schnellen Schritten in den Klassenraum. Die sechs Stunden vergehen wie im Flug. Charlotte ist sehr konzentriert. Ihre Textanalyse zu einer Erzählung von Kleist wird gelobt. In der großen Pause bleibt sie im Klassenraum, um für Kunsterziehung einen Abschnitt über die Präraffaeliten nachzu­lesen. Als sie einmal ein starkes Hungergefühl verspürt, isst sie ein Stück Diätbrot, das noch in ihrer Tasche steckt. Das Hungergefühl ist sofort weg, stattdessen beschleicht sie ein schlechtes Gewissen. Sie hat sich gehen lassen. Naschen wie ein Vorschulkind.

Gegen halb zwei kommt Charlotte nach Hause. Von der Bushaltestelle zum Haus braucht sie nur fünf Minuten. Am liebsten wäre sie wieder gelaufen, aber ein bleischweres Gefühl von Müdigkeit hat sie davon abgehalten.

Als sie aufsperren will, öffnet ihr Vater von innen die Tür. Er trägt ein Hemd und eine Cordhose und, was ihr be­­sonders missfällt, Pantoffeln. Nach wie vor ist für sie der Anblick ihres Vaters in Pantoffeln kaum zu ertragen. Seitdem er die Kündigung bekommen hat, ist er die ganze Woche zu Hause – was er früher nie war. Früher ist er nur am Wochenende und in den Ferien bei der Familie in Herrsching gewesen. Nun ist er den ganzen Tag im Haus. Und dort trägt er Pantoffeln. Wenn er wenigstens Lederpantoffeln trüge, Slippers, aber zum Leidwesen seiner Tochter trägt er karierte Wollpantoffeln, die er sich vor drei Monaten selbst gekauft hat. Sie seien wärmer als die Slippers, sagt er. Seitdem er sich viel im Haus aufhalte, wisse er, dass der teure Fliesenboden im Sommer kalt sei. Charlotte erträgt diese Pantoffeln nicht. Was sie freilich noch weniger erträgt, ist das Gesicht über diesen Pantoffeln, dieser traurige, suchende Blick aus einem Gesicht, das sie eigentlich anschauen will, aber auf das sich zu konzentrieren sie nicht schafft. Früher hat er sie auch nicht viel angeschaut. Aber wenn ihr Vater am Wochenende aus Hamburg zurückgekommen war, hat er sie plötzlich – irgendwann – genau ins Visier genommen und mit einer Konzentriertheit und Willenskraft, die er immer ausgestrahlt hat, gefragt: »Wie läuft’s in der Schule, meine Amazone?« Das war der Scherz, in den er sein Fordern und seine Ungeduld wie in Geschenkpapier eingeschlagen hat. Meine Amazone. Charlotte hat sich ihrem Vater nie näher gefühlt als in diesen Augenblicken, wenn sie seinen forschenden, kühlen, auf sie gerichteten Blick – dicht wie ein Energiestrahl – gespürt hat, wenn sie in diesen Blick eintrat und sagte: »Zwei Einser, einen in Latein und einen in Mathematik.«

»Sehr gut!«, hatte ihr Vater dann gesagt und gelacht. Das sei ja wohl auch das Mindeste. Oft ist er dann gleich wieder im Keller in seinem Büro verschwunden. Er hatte sich Arbeit aus Hamburg mitgebracht. Das machte er so lange, bis er vor zwei Jahren entlassen wurde, weil aus zwei Konzernen einer wurde. Nicht jeder Topmanager wird dann noch gebraucht, egal wie top, und Charlottes Vater war ein sehr teurer Topmanager.

Seitdem ist Charlottes Vater zu Hause. Er ist 58 und braucht nicht mehr zu arbeiten. Die Abfindung war sehr hoch. Geld ist genug da. Trotzdem sitzt ihr Vater wieder in seinem Büro und surft den ganzen Tag auf den Stellenmärkten im Internet. Er hat schon früher nicht viel geredet. Jetzt spricht er praktisch gar nicht mehr.

Charlotte streichelt den Arm ihres Vaters und geht ins Haus. Sie hat große Lust, sich um das Mittagessen zu kümmern. Ihre Mutter ist wegen eines Arzttermins nach München gefahren und hat auf dem Markt alles Nötige für einen Auberginenauflauf eingekauft. Charlotte hat ein Faible für Aufläufe in jeder Variation, das Kombinieren von Zutaten, die scheinbar nicht zusammenpassen, erfüllt sie mit großer Freude. Als sie den Auflauf aus dem Ofen holt, sitzt ihr Vater bereits am Tisch. Sie stellt die Terrine in die Mitte und fordert ihren Vater auf, tüchtig zuzugreifen.

»Und du?«, fragt er.

»Ich hab in der Pause gegessen. Noch nicht lange her.«

Der Vater nickt und schaut auf den Teller.

»Aber du musst etwas zu dir nehmen. Die Pause ist doch Stunden her.«

Charlotte starrt auf das Essen. Dann greift sie zum Löffel. Sie füllt ihren Teller mit den dampfenden ­Gemüsescheiben, den Kartoffeln, den Äpfeln. Ihr Vater tut es ihr gleich. Sie essen schweigend. Als ihr Vater fertig gegessen hat, schaut er auf Charlottes Teller. Sie hat mehrere Häufchen gebildet, Auberginen, Kartoffeln, Äpfel. Sie schiebt die Bestandteile der Häufchen von einem zum anderen. Wer nicht genau hinsieht, könnte glauben, sie isst.

»Wie war die Schule?«

»Wunderbar«, sagt Charlotte und steckt sich ein winziges Stück Aubergine in den Mund. »Köstlich.«

»Ja, ganz köstlich. Du bist eine großartige Köchin.« Er verstummt und schaut wieder auf ihren Teller. »Darf ich dir noch etwas geben?«

Charlottes Hände schießen panikartig in seine Richtung. Es ist, als ob sie ihren Teller verriegelte. »Nein! Um Gottes willen. Ich bin schon pappsatt.« Dann springt sie auf, sammelt die Teller ein, das Essen, wie auf der Flucht.

Den Nachmittag verbringt Charlotte in ihrem Zimmer. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch. Die Hausaufgaben erfüllt sie mit mechanischem Eifer. Dazwischen starrt sie minutenlang aus dem Fenster. Sie wartet darauf, dass das Telefon klingelt (aber wer sollte eigentlich anrufen?), und fürchtet sich zugleich davor. Um 4 Uhr springt sie auf, greift in den Schrank und zieht eine bereits gepackte Sporttasche hervor. Sie rennt die Treppe hinunter und erblickt im Flur ihr Bild in dem großen Spiegel mit dem goldenen Holzrahmen. Sie bleibt stehen und dreht sich mit gerunzelter Stirn um die eigene Achse.

Ihr Vater wartet an der Tür auf sie. Als hätte er sie abgepasst.

»Du siehst sehr gut aus, Lottchen.«

»Ich muss ein bisschen aufpassen. Frühjahrsspeck.«

»Wie bitte?« Er starrt sie an und weiß nicht, was er sagen soll. Schließlich fasst er sich. »Wohin gehst du?«

»Zum Tennis!«, ruft sie munter.

»Du warst doch gestern beim Sport. Und vorgestern. Und am Montag.«

»Das war kein Sport, das war nur ein bisschen Ballett.«

»Drei Stunden Ballett nennst du ein bisschen?«

Sie reißt sich von ihrem Anblick los, auf ihrem Ge­­sicht ein Anflug von Missbilligung. Ihr Vater stellt sich ihr in den Weg. Ein müder Mann in karierten Pantoffeln.

»Papi, lass mich vorbei. Du siehst doch, ich habe nicht mehr viel Zeit.«

»Lottchen.«

»Nenn mich nicht so. Ich bin kein Kind mehr.« Sie drängt sich an ihm vorbei.

»Charlotte, bitte, du überforderst deinen Körper. Du wirst ja immer dünner. Du bist ja nur noch ein Strich.«

»Unsinn! Ich fühle mich schrecklich. Ich brauche Bewegung.«

»Bitte.« Der Vater hält sie am Arm fest. »Ich möchte nicht, dass du gehst. Du brauchst Ruhe.«

»So viel Ruhe wie du?« Sie schaut ihm ernst ins Gesicht. Sie ist nur ein winziges Stück kleiner als er. Sie macht eine hastige Bewegung zur Tür. Der Vater dreht sich verblüffend schnell mit ihr und stellt sich vor die Tür. »Bitte, Charlotte. Deine Mutter und ich haben lange ­darüber gesprochen.«

»Ihr sprecht also wieder miteinander. Das ist immerhin ein Anfang.«

»Hör mir zu. Ich bitte dich, NICHT zum Sport zu gehen!«

Sie schiebt ihn mit aller Kraft beiseite. Ihr Vater schwankt, presst den Arm gegen die Tür. Sie schlägt mit der Faust erstaunlich fest gegen seine Brust. Ihr Vater packt mit beiden Händen ihre Handgelenke und schüttelt sie. Sie reißt sich wie wild los, schreit ihn an, nennt ihn einen Versager. Die Ohrfeige kommt schnell und hart. Sie starren sich an. Ihr Vater versucht sie an sich zu ziehen, stammelt irgendwas. Charlotte senkt den Kopf, schiebt seine Hände von ihren Armen und geht ins Tennis. Drei Stunden lang.

Am Abend gegen 20 Uhr sitzt sie zitternd auf ihrem Bett und sagt: »Ich will nicht mehr leben.« Charlotte wiegt zu diesem Zeitpunkt bei einer Größe von 171 Zentimetern noch 41 Kilo. Sie hat seit drei Monaten keine Regelblutung mehr. Ihr Gesicht ist aschfahl.

Nach diesem Satz, den sie tränenlos und ohne erkennbare Emotionen sagt, beschließen die Eltern, den Psychiater anzurufen, der den Vater seit einem Jahr wegen Depressionen behandelt. Der Arzt fragt, ob sich ihr Essverhalten nach dem Zusammenbruch gebessert habe. Als die Eltern verneinen, rät er ihnen, ihre Tochter in das Heckscher-Klinikum einweisen zu lassen. Dort soll unter stationärer ärzt­licher Aufsicht festgestellt werden, wie stark die suizidale Gefährdung von Charlotte tatsächlich ist und wie am besten weiter zu verfahren sei.

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