Preiwuß und Falkner auf Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017
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Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017

Kerstin Preiwuß und Gerhard Falkner nominiert

Mittwoch, 16. August 2017 von Piper Verlag


Die zwanzig Titel der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 stehen fest, und der Berlin Verlag freut sich sehr über die Nominierungen gleich zwei seiner AutorInnen: Kerstin Preiwuß steht mit ihrem im März 2017 veröffentlichten Roman »Nach Onkalo« auf der Liste, Gerhard Falkner mit »Romeo oder Julia«, welcher am 01. September erscheint.

In der Begründung der Jury heißt es: „Eine der wichtigsten Fähigkeiten von Literatur ist das Weiten unserer Welt. Das ist in Zeiten, in denen sich die Blickwinkel mehr und mehr zu verengen scheinen, besonders wichtig. Die Longlist 2017 ist Ausdruck des Versuchs, die Vielfalt der aktuellen deutschsprachigen Literaturlandschaft zu spiegeln. Allen Büchern gemeinsam ist, dass sie die Jury auf die eine oder andere Art gestochen und gebissen haben – angerührt im besten Wortsinne.“

Die Bekanntgabe der Shortlist für den mit 25.000 € dotierten Preis erfolgt am 12. September, die Gewinnerin oder der Gewinner wird am 09. Oktober im Frankfurter Römer geehrt.


Blick ins Buch
Nach OnkaloNach Onkalo

Roman

Matuschek ist vierzig, als seine Mutter stirbt, mit der er das Haus teilte. Ohne ihre Fürsorge weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Eine Frau hat er nicht und von dort, wo er wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschek ist einer, der bleibt, Bewohner des Hinterlands, einer längst von allen aufgegebenen Welt. Zum Glück gibt es Nachbarn. Igor, der Russe, wird zum Freund. Den alten Witt kennt er seit seiner Jugend. Und dann sind da die Tauben, die Matuschek als Junge bekam und seitdem züchtet. Brieftauben haben einen inneren Kompass und kehren stets nach Hause zurück. Das kann schon reichen fürs Leben. Als Matuschek Irina kennenlernt, winkt das Glück. Aber dann geht etwas schief und er beginnt von neuem. »Nach Onkalo« zeigt eine Welt am Rand, in der sich die großen Fragen nicht weniger deutlich stellen: was einen zusammenhält und wie man glücklich wird. Matuschek stellt sich diese Fragen nicht, er will nur seinen Alltag meistern. Doch vielleicht befähigt ihn genau das zur Erkenntnis »ob das Leben die Mühe lohnt«.
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1

 

Mutter ist weg. Stimmt nicht, sie liegt noch im Bett, aber Matuschek kann nichts anderes mehr denken. Er rennt durch das Haus, als gäbe es kein Morgen, eher ein Tier als ein Mensch so früh um sechs. Eine halbe Stunde zu spät ist er schon, weil sie ihn nicht geweckt hat. Der Tisch ist nicht gedeckt und der Ofen kalt. Matuschek fasst an die Heizung, aber auch die ist aus. Bevor er losfährt, muss er aufs Klo. Eine Dreiviertelstunde dauert es bis zum Flughafen, und wenn dann noch was in ihm steckt, wird es eng. Man hat so seine Zeiten, und bei ihm kommt es immer morgens. Essen ist nicht das Problem, dafür hat er Brote und eine Thermoskanne Tee, nur keinen schwarzen, sonst muss er zu oft pinkeln. Hagebutte mit Hibiskus macht sie ihm oft, manchmal auch Pfefferminze. Das hat sich eingespielt, so wohnen sie seit Jahren zusammen, sie unten, er oben. Morgens macht sie ihm Frühstück, und wenn er von der Spätschicht kommt, steht der Teller in der Mikrowelle, da muss er nur den Knopf drücken. Auch seine Wäsche wäscht sie. Du weißt doch gar nicht, wie das geht, schimpft sie dann immer. Wenn du mal keine Frau findest.

Aber das fehlt heute wie überhaupt alles. Matuschek redet vor sich hin. Da ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung und er muss gleich los. Schon fangen seine Hände an zu zittern. Die Stille drückt und lässt ihn schwer atmen. Sonst klopft sie immer mit dem Besenstiel von unten an die Decke. Seine Stimme überschlägt sich. Auch dass er sich atmen hört, ist nicht gut.

Er stellt das Radio an und ist gleich beim Wetter. Eine Luftmassengrenze über dem Norden und Osten trennt sehr warme und labil geschichtete Luft von deutlich kühlerer in den übrigen Landesteilen und bewegt sich kaum von der Stelle. Er will nicht, aber er geht nochmal alles ab, es sind ihre Wege, vom Bad in die Küche ins Wohnzimmer und zurück, und vielleicht lässt sich ja dadurch etwas wiederherstellen von der gewohnten Ordnung. Aber in der Küche ist sie nicht, im Wohnzimmer ist sie nicht, im hinteren Zimmer auch nicht, und die Haustür ist abgeschlossen. Bleibt nur das Schlafzimmer und da liegt sie dann, hat die Augen offen, macht aber immer noch keine Anstalten aufzustehen oder irgendwas zu tun.

Seitdem läuft er durchs Haus und spricht mit ihr. Er muss zur Arbeit und nichts ist gepackt. Scheiße, Mutter, brüllt es auf einmal aus ihm heraus, und er haut mit der Hand gegen die Tür. Aber die gibt nach, und er stolpert und fällt fast hin.

Über sich hört er es scharren, die Tauben, wer soll die füttern, das macht sonst sie, und fliegen müssen die auch. Geht heute nicht, geht alles gar nicht. Matuschek lässt sich auf den Stuhl sinken, der sein Frühstücksplatz ist. Was soll er jetzt machen, was macht man denn überhaupt?

Draußen geht Licht an, das ist vom Russen, ist der schon auf ? Mutter mag ihn nicht, kaum sind wir sie los, kommen die wieder an, hat sie immer geschimpft, seit der Russe mit seiner Frau neben ihnen wohnt. Jetzt aber, denkt Matuschek, wenn man das noch Denken nennen kann, eher ist es ein Impuls, dem er folgt, als er ohne Jacke in die Kälte tritt. Es ist noch dunkel draußen.

Nicht der Russe öffnet, sondern seine Frau. Als sie Matuschek sieht, weicht sie zurück und macht gleich wieder zu. Er hört sie etwas nach hinten rufen und dann steht plötzlich der Russe da. Matuschek bringt bloß ein Wort raus und deutet mit der Hand auf sein Haus.

Was ist mit Mutter, fragt der Russe.

Mutter, sagt Matuschek wieder, entlang seiner Hand.

Also gut, sagt der Russe, ruft was ins Haus, zieht eine Jacke über und geht mit.

Das Schlafzimmer riecht nach ihr und etwas anderem. Matuschek macht erstmal Licht. Mutter liegt da und starrt an die Decke. Der Russe tut erstmal gar nichts, presst bloß die Hände zusammen und murmelt irgendwas. Dann geht er zum Fenster und öffnet es.

Bessere Luft, sagt er, auch für sie.

Er geht zum Bett und fährt ihr mit der Hand über die Augen. Die sind jetzt zu.

Komm, sagt er zu Matuschek, ist nicht mehr unsere Welt.

In der Stube drückt er ihn auf einen Stuhl.

Kaffee ?

Dann holt er sein Handy aus der Hosentasche und ruft den Arzt.

 

Als der Arzt kommt, steht Kaffee auf dem Tisch. Der Russe hat drei Tassen hingestellt und der Arzt nimmt gern eine. Der Arzt ist eine Ärztin und jung obendrein. Dass sie nicht von hier sein kann, merkt man am R, das rollt sie weiter hinten, aber anders als der Russe.

Todeszeitpunkt ist etwa gegen drei. Im eigenen Bett eingeschlafen. Das schaffen nicht mehr viele. Sie sind der Sohn, fragt sie den Russen. Der deutet auf Matuschek.

Sie müssen das hier unterschreiben.

Matuschek nimmt den Stift und setzt seinen Namen ans Ende des Blattes. Seine Unterschrift wird zittrig, es ist auch ihr Name.

 

Als die Ärztin sich verabschiedet, bleibt Matuschek sitzen. Der Russe telefoniert wieder, aber das ist weit weg. Wieder hält oben ein Auto, schwarz diesmal, mit langem Heck. Die zwei Männer, die da aussteigen, tragen Anzüge. Der Russe empfängt sie, spricht mit ihnen und leitet sie ins Schlafzimmer. Mittlerweile ist es nicht mehr dunkel, aber hell wird es auch nicht, geschlossene Wolkendecke heute und eine Temperatur um den Gefrierpunkt. Nicht mal richtig geschneit hat es, liegt nur Griesel auf dem welken Gras. Sie gehen wieder raus, um eine Trage zu holen. Als sie damit zurück zum Auto gehen, liegt Mutter drauf.

Der Russe ist die ganze Zeit geblieben, aber jetzt steht er auf, geht in den Flur und nochmal in ihr Zimmer. Es klickt, dann ist das Licht aus und der Russe zurück.

Komm mit, sagt er, was du jetzt brauchst, ist Schnaps, in deinem Haus ist es zu kalt dafür.

 

Beim Aufwachen sitzt Matuschek ein Wespenschwarm im Schädel, obwohl doch Winter ist. Er steht auf und geht vor die Tür. Draußen ist es glatt, über Nacht muss es gefroren haben, der wenige Schnee ist verharscht. Matuschek stellt sich an die Hecke und will gerade eine Anklage in den Schnee pissen, da kommt der Russe raus.

Das ist gestern alles sehr unglücklich gelaufen, sagt er, wir sind doch Freunde ? Und fängt auf einmal laut an zu lachen, weil Matuschek ihn nur blöd anschaut und lieber schnell die Hose hochzieht. Towarischtsch, du siehst furchtbar aus, komm nachher zum Mittag rüber, es gibt Hecht.

 

Gestern ist Matuschek einfach mitgegangen. Du musst trinken, hat der Russe gesagt, aber nicht allein, nur wer allein trinkt, ist auch Alkoholiker.

Er holt zwei Gläser und eine Flasche Klaren aus der Vitrine und stellt sie auf den Tisch.

Ist guter Wodka aus der Heimat, nicht das Zeug von hier.

Matuschek zögert, es ist früh und er hat noch nichts gegessen, aber an Essen ist gerade nicht zu denken, also nickt er nur, leert sein Glas und stellt es wieder hin, damit der Russe nachschenkt.

Nun mal langsam, brummt der und ruft was in die Küche.

Sie sitzen im Wohnzimmer auf der Couch. Die Couch gefällt ihm. Sie geht über Eck, dass man sich auch gut hinlegen kann, und am liebsten würde er das jetzt tun, doch da sind überall Kissen, also bleibt er sitzen. Er sieht sich um. Der Couchtisch ist aus Glas und hat ein Unterfach für Illustrierte. Obenauf liegt eine übers Angeln, das interessiert Matuschek. Ein Mann mit einem Hecht im Arm hält dessen Maul in Richtung Linse. Auch die Vitrine an der Wand ist aus Glas, auf ihr stehen Fotos in Schwarzweiß, daneben das Bild einer Frau mit Heiligenschein, davor ein paar gelbe, dünne Kerzen.

Was soll das, fragt Matuschek und deutet drauf.

Erinnerungen, sagt der Russe, was man so mitnehmen kann.

Matuschek steht auf und geht nah ran. Auf einem Foto ist der Russe jung und wird von einer Frau im Arm gehalten. Auf einem anderen hat er bereits den Arm um sie gelegt. Das letzte Bild zeigt sie allein, eine krumme Gestalt im Kittel, die Haare streng zum Knoten gesteckt. Irgendwann sehen sie alle gleich aus.

Wo ist sie jetzt, fragt er.

Ist da geblieben.

Ich mein meine.

Towarischtsch, sagt der Russe und sieht ihn bestürzt an, tut mir leid, ich sitz hier rum und schwatz dich voll.

Er schraubt die Flasche auf und gießt noch einmal ein. Dann steht er auf und holt einen Becher mit Würfeln aus der Vitrine.

Handgeschnitzt, sagt er und lässt sie über die Finger rollen. Einen legt er vor Matuschek auf den Tisch. Ich schenk sie dir, aber erstmal würfeln wir.

Warum, fragt Matuschek.

Was du jetzt brauchst, ist Glück.

 

[...]

Über Kerstin Preiwuß

Kerstin Preiwuß, geboren 1980 in Lübz, lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Leipzig. Im Berlin Verlag sind bereits ihr vielbeachtetes Romandebüt »Restwärme« (2014) sowie der Lyrikband »Gespür für Licht« (2016) erschienen.

Blick ins Buch
Romeo oder JuliaRomeo oder JuliaRomeo oder Julia

Roman

Kurt Prinzhorn ist zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck eingeladen, wo ihm Merkwürdiges widerfährt: Jemand muss während seiner Abwesenheit ein ausgiebiges Schaumbad in der Wanne seines Hotelzimmers genommen und dort bewusst Spuren hinterlassen haben. Die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt jedoch kein fremdes Eindringen an. Als nächstes verschwindet der Schlüsselbund des zunehmend ratlosen Autors. Während einer Moskau-Reise wenige Tage später kommt es zu neuen Unerklärlichkeiten, und auch in Madrid, wo Prinzhorn einer früheren Geliebten wiederbegegnet, reißt die Kette seltsamer Geschehnisse nicht ab – bis ihm durch Zufall das Puzzle der Erinnerung zu einem Bild zusammenfällt, das ihn weit in die eigene Biographie zurückführt. Am nächsten Morgen klingelt die Polizei an der Tür seiner Berliner Wohnung, denn unter dem Fenster von Prinzhorns Zimmer in Madrid wurde eine tote Frau gefunden.
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Leseprobe aus Romeo oder Julia:

 

*

Am 16. September 2005 ereignete sich in einem Hotel in Tirol nahe Innsbruck ein ungewöhnlich seltsamer Vorfall. Die Umstände seines Zustandekommens wie auch die Prozeduren seines Fortgangs schienen so an den Haaren herbeigezogen, dass die beiden Polizisten, die schließlich gerufen wurden, um einem möglichen Versicherungsfall vorzuarbeiten, aus ihrem Misstrauen hinsichtlich meiner Aussagen kein Hehl machten.

Einer der beiden, der auf der Couch in meinem Hotelzimmer Platz genommen hatte, legte während meiner Schilderung des Vorfalls die Beine auf den Tisch und lehnte sich, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, so weit zurück, dass es den Anschein hatte, er würde sich mit dem ganzen Körper meiner Aussage entgegenstemmen. Der Hoteldirektor, ein sich sehr habsburgisch gebender Mensch, beinah wie ein Schwarzenberg, nur ohne den dazugehörigen Krieg, insistierte auf seiner Auffassung, dass derlei Dinge in seinem Hotel nicht vorkommen würden. Als ich ihm entgegenhielt, dass bestimmte Dinge trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit sich ständig und oft sogar im allergrößten Maßstab ereigneten, schließlich wäre ja jede Katastrophe genau das, was ein Hoteldirektor in seinem Hotel nie erwarten würde, und gerade die wären auf der ganzen Welt an der Tagesordnung, sagte er: „Jetzt reden Sie sogar schon von einer Katastrophe!“

„Nein“, sagte ich, „es ist natürlich eher eine Bagatelle. Schließlich ist ja nichts weggekommen. Jedenfalls nichts von Wert. Meine alte Nikon F2 steht immer noch auf dem Fensterbrett, mein gerade erst angeschafftes iBook wurde überhaupt nicht angerührt. Sogar meine Brieftasche mit allen Karten und Papieren liegt noch ganz oben im offenen Koffer. Weg sind eben nur alle meine Schlüssel.“

„Haben Sie denn so viele?“, fragte der ausgestreckte Polizist.

„Es war ein Schlüsselbund mit knapp dreißig Schlüsseln“, erwiderte ich.

„Sie sind wohl ein Schlossbesitzer?“

„Ich besitze zahlreiche Schlösser“, sagte ich und beendete mit meiner Antwort seine sarkastische Absicht wie per Knopfdruck. „Außerdem habe ich keine langen schwarzen Haare!“

Der Polizist und der Hoteldirektor starrten mich an.

 

*

Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller. Allerdings bin ich weit davon entfernt, mir auf diese Tatsache etwas einzubilden. Der Rausch, sich nach jahrelangen Tagen und Nächten endlich einem Text gegenüber zu sehen, den es vor dem Zurückstellen erquicklicherer und einträglicherer Beschäftigungen nicht gegeben hatte, dauerte bei mir nur kurz. Ein paar selig vernebelte Jahre um die Zwanzig. Dann war er ausgestanden. Danach ernüchterte sich das Schreiben zu einer Art von gehobenem Selbstmord. In der Literatur, was nicht in jedem Falle mit dem Schreiben von Büchern zu verwechseln ist, hat man lediglich die Gewissheit, so lange am Leben zu sein, wie man es bis zum Ende des angefangenen Satzes schafft. Bereits der folgende kann, falls er abbricht, das Ende dieser Gewissheit bedeutet haben. Also den Tod. Steht das Ende des allerletzten Satzes aber noch aus, so zieht das echte Leben ungerührt und fern der eigenen Teilnahme seine Bahnen. Ein Frühling nach dem anderen durchrauscht die Welt mit seinen Parfums und seinen Narkosemitteln, der Flieder und die Aprikosen kommen und gehen, nur man selbst wird von den ewig sich selbst weitererzählenden Worten aufs Papier oder auf den Bildschirm geleimt und befreit sich aus dieser Sprachgefangenschaft nur durch die kurzen Ablenkungen von Schlaf oder Notdurft.

Dass ich Schriftsteller bin, erwähne ich eigentlich nur, damit man diese Geschichte versteht, die in Innsbruck ihren seltsamen Anfang nahm, denn ich hätte sonst keinen Grund gehabt, in diesem Hotel abzusteigen, und auch schlecht einen erfinden können, der so plausibel zu allen noch folgenden Umständen, Verwicklungen und Tragödien gepasst hätte. Ich war eingeladen auf einen Kongress, zu dem eine ganze Reihe literarischer Berühmtheiten erwartet wurden. Innsbruck war, wie sich zeigen sollte, der erste Akt.

 

*

„Sie sagen also, die Haare wären nicht da gewesen, als Sie ankamen. Sie sagen weiterhin, Sie könnten nicht sicher angeben, ab wann sie da gewesen seien. Die Haare. Nach Ihrer Aussage haben Sie das Bad in der Nacht nach Ihrer Ankunft, außer einmal zum Wasserlassen, nicht betreten. Bei diesem einen Mal hätten Sie, wie Sie sagten, kein Licht angeschaltet, weil das Zimmer angeblich genug Helligkeit vom Hof bekam.“

„Wieso angeblich?“, sagte ich, „es lässt sich doch leicht überprüfen, wie hell es in diesem Zimmer nachts aufgrund der beleuchteten Auffahrt da unten ist.“

„Sie sagen“, fuhr der Polizist unbeirrt fort, „Sie wären erst nach dem Frühstück, so gegen 10.30 Uhr ins Bad gegangen. Da haben Sie dann wohl Licht gemacht?“

„Das habe ich.“

„Bei Tag schalten´s das Licht ein und bei Nacht lassen sie‘s aus.“

„Ich brauche eben zum Pinkeln nicht so viel Licht wie zum Rasieren. Ist das bei Ihnen anders?“

Die Kiefermuskulatur des Hoteldirektors straffte sich wie bei Heiner Geißler im Falle einer jesuitisch verzwickten, politischen Gegenfrage.

„Und das Fenster haben Sie die ganze Nacht offen stehen lassen, damit der Qualm abzieht.“

„Ich habe, wie bereits erwähnt, an dem Abend ziemlich viel geraucht.“

„Dann sind Sie also hier im Halbdunkel die ganze Zeit am Tisch gesessen und haben geraucht und eine Flasche Wein getrunken?“

„Richtig.“

„Was haben´s denn da so gemacht?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich unter dem, was ich gemacht habe, etwas vorstellen können“, sagte ich, „aber es war so etwas Ähnliches wie Papierschiffchen falten, nur sozusagen auf einer anderen Ebene.“

„Nein, das kann ich nicht“, sagte der Polizist, „Gott sei Dank. Sie haben“, fuhr er fort, „wie Sie sagen, keine Ahnung, von wem diese Haare sein könnten, und es sei mit Ihrem Wissen oder in Ihrem Beisein auch niemand in diesem Zimmer gewesen.“

„Stimmt.“

„Sie haben auch weder einen Verdacht, noch irgendwelche anderen Anhaltspunkte, wer für so einen absurden Einbruch in Frage kommen könnte.“

„Ich hätte brennend gerne einen Verdacht.“

„Am Vormittag nach Ihrer Entdeckung haben Sie verschiedenen Personen, die Sie zu Zeugen dieser mit langen schwarzen Haaren verklebten Badewanne gemacht haben, mitgeteilt, es wäre überhaupt nichts weggekommen, ohne Ihr Wissen müsse aber jemand im Zimmer gewesen sein, denn sonst könnten ja, wie Sie immer wieder wiederholt haben, die Haare nicht dort sein.“

„Das leuchtet Ihnen, nachdem Sie diesen Umstand nun schon so oft, mit Hinweis auf meine Aussage, ebenfalls wiederholt haben, doch bestimmt ein.“

„Sie seien auch sicher, wie Sie ausgesagt haben, die Haare seien nicht da gewesen, als Sie ankamen.“

„Allerdings.“

„Und am nächsten Tag, nachdem Sie das ganze Hotel mit der Geschichte rebellisch gemacht hatten, dass absurderweise, wie Sie sich ausdrückten, überhaupt nichts weggekommen sei, fehlten dann plötzlich Ihre Schlüssel.“

„Die Schlüssel“, sagte ich, „fehlten sicher nicht plötzlich, aber sie standen sozusagen nicht auf meiner Checkliste.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte der Polizist.

„Wenn jemand versucht, Ihnen eins über den Schädel geben, schauen Sie doch auch nicht als erstes nach, ob Sie ihre Schnürsenkel zugebunden haben.“

„Sie holen aber immer ziemlich weit aus mit Ihren Vergleichen.“

„Na, hier sind ja auch ziemliche Distanzen zu überbrücken.“

„Und wer sollte bitte Interesse an Ihren Schnürsenkeln, pardon, ihrem Schlüsselbund haben?“

„Das eben genau ist es, was wir alle nicht wissen.“

„Na gut.“ Er machte das Gesicht eines Innsbrucker Kriminalbeamten. „Und heute soll dann diese ominöse Person ein zweites Mal in Ihr Zimmer eingedrungen sein und Ihre Tasche entwendet haben, in der wiederum keinerlei Dinge von Wert waren, außer ein paar Büchern, und zwei, wie Sie sagen, Notizbüchern.“

„Genau. Zwei, wie ich sage, Notizbücher. Die allerdings von erheblichem Wert für mich sind. Bedeutet Ihnen eigentlich ihre Frau irgendetwas?“, fragte ich den Polizisten.

Als katholischen Österreicher empörte ihn meine Frage.

„Sehen sie“, sagte ich, „wenn Ihre Frau plötzlich wegkommt, können Sie bei der Polizei oder der Versicherung auch keine verbindlichen Angaben machen, wie viel sie wert ist. So ist das in bestimmten Fällen auch mit Notizbüchern. Sie können, theoretisch, ihr ein und alles sein.“

[...]

Über Gerhard Falkner

Gerhard Falkner, Jahrgang 1951, lebt in Berlin und Bayern. Sein 2016 im Berlin Verlag erschienener Roman »Apollokalypse« wurde im letzten Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Weitere Bücher der Nominierten

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