Piper Fantasy Nacht 2016
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Freitag, 19. Februar 2016 von Piper Verlag


Ein Fantasy-Event der Extraklasse mit Christoph Hardebusch, Michael Peinkofer und Markus Heitz

Auch in diesem Jahr dürfen sich Fantasy-Fans zur Leipziger Buchmesse wieder auf die Lange PIPER Fantasy Nacht freuen.
Am Freitag, 18.03., um 19 Uhr stellen im Schille Theaterhaus drei der bekanntesten Bestsellerautoren der Fantasy-Welt ihre Romane vor: Markus Heitz mit »Drachengift«, Michael Peinkofer mit »Die Ehre der Orks« und Christoph Hardebusch mit »Feuerstimmen«.
Der Eintritt ist frei!

Die Welt gehört den ... Drachen!

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DrachengiftDrachengiftDrachengift

Roman

Sie sind die Mächte des Feuers. Sie bringen Tod und Vernichtung über die Welt. Doch Silena und ihre Gefährten schlagen zurück, um das Überleben der Menschheit zu sichern ... Mit »Drachengift« eröffnet Markus Heitz die finale Schlacht zwischen den Menschen und den feuerbewehrten Geschöpfen. Silenas Kampf gegen die Drachen geht weiter, allerdings tritt neben dem Officium Draconis und den freien Drachenjägern plötzlich ein neuer Mitbewerber auf den Plan: eine mysteriöse Flugstaffel, die zu einem Chemie-Unternehmen gehört und mit Sprühmitteln gegen die Drachen vorgeht. Und Grigorij benimmt sich zusehends merkwürdiger. Als sei er unter den Bann eines Drachen gefallen ...
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Prolog

 

April 1927, Berlin-Charlottenburg, Königreich Preußen, Deutsches Kaiserreich
Leída Havock folgte dem immensen Strom der Zuschauer, der von der Allee abbog, um durch das große Tor in den Tunnel zu gehen, der unter der Pferderennbahn hindurch ins Deutsche Stadion führte ; die mit Tribünen versehene Rennstrecke umschloss den tiefer liegenden Bau ringgleich und setzte ihm seine Grenzen.
Es roch von irgendwoher nach Bratwurst und Süßigkeiten, leise erschallte Musik aus Lautsprechern, ohne dass Leída das Lied erkannte. Tausende pilgerten an diesem herrlichen Frühlingstag ins Stadion, das in kürzester Bauzeit errichtet worden war, eigent­lich vorgesehen für die Olympischen ­Spiele 1916. Der Weltkrieg hatte dieses Vorhaben zunichtegemacht. Nach seiner Verwendung als Lazarett diente es seit etwas mehr als zehn Jahren als Sportstätte mit Fußballfeld, Radrenn- und Laufbahn sowie einem integrierten kleinen Schwimmstadion im Nordteil. Doch ein Großereignis wie dieses forderte die Stätte heraus.
Kaiserliche Ordner standen an den Durchlässen, kontrollierten die zuvor ausgegebenen nummerierten Tickets, hakten ab und kannten keine Gnade, wenn jemand mit einer Fälschung auftauchte. Der Knüppel saß bei den Uniformierten mit der Pickelhaube locker. Es wurde kein Entgelt für den Besuch erhoben, es ging darum, die Menge aus Sicherheitsgründen zu begrenzen.
An Leídas Seite gingen Oberst Litzow und Ahmat Fayence, die sich ebenso wie die blonde, kräftig gebaute Drachenjäge-
rin das Spektakel nicht entgehen lassen wollten.
Sie zeigten ihre Billetts vor und wurden durchgelassen, nicht ohne anerkennende Blicke der Beamten zu erhalten. Zumindest Leída war seit dem Aufklären der Verschwörung rund um den Industriellen Voss sowie seiner Drachenfreunde eine Berühmtheit.
» Ich habe gehört «, sagte Litzow, ein untersetzter Mittsechziger, den man gerne für fünfzig hielt, » sie haben sogar auf der Rennbahn Bänke aufgestellt. Es sollen siebzigtausend Menschen erwartet werden. « Er trug die schwarz-rote Uniform der Skyguards, die dem Tenue-Schnitt der Royal Scots Greys angelehnt war. Neben seiner vorübergehenden Befehls­haberin wirkte er klein. » Die Werbung, die man gemacht hat, kann ich nur als gigantisch bezeichnen. Plakate an jeder Litfaßsäule, die ich in Berlin gesehen habe. « Er zwirbelte seine Bartenden in die Höhe.
» Ich glaube dieses Spektakel erst, wenn ich es sehe. « Leída hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre Skyguard-Garderobe leicht zu modifizieren, und bevorzugte ihren leichten Mantel aus braunem Leder mit einem Kragen aus Lammfell ; darunter lugten die schwarze Knickerbockerhose sowie Lederschaftstiefel hervor. Auf dem blonden Schopf saß ein Großwildjägerhut, die rechte Krempe war nach oben gestellt, lange Strähnen fielen über ihre linke Gesichtshälfte kinnlang herab. Leída kaschierte damit die Verbrennungen, die Drachenfeuer hinterlassen hatte.
» Mir kommt dieses Wunder auch zu sehr aus dem Nichts «, fügte der junge Fayence der Unterhaltung hinzu. Sein dunkler Teint fiel unter den hellhäutigen Besuchern auf. Er hatte einen dunklen Anzug angelegt und betrachtete den Zwischenhof, den sie just passierten, durch seine Nickelbrille ; ein Homburger saß auf den schwarzen Haaren. » Eben noch ­reden alle über die überraschende Neuinstallierung des Offi­cium Draconis, das erst vor wenigen Wochen abgeschafft worden war, und nun das ! « Der leicht arabische Akzent trat deutlicher zutage, wenn er sich aufregte.
Litzow drehte die mit Wachs verstärkten Enden seines Schnauzbartes auf gleiche Höhe und sah weniger skeptisch aus. » Ich kenne Hohenheim, und ich weiß, dass er schon immer ein nahezu manisches Faible für die Chemie
hatte. «
» Sie kennen ihn ? « Leída hakte die breiten Daumen unter die kerbenverzierte Gürtelschnalle. Jede Rille stand für einen erlegten Großdrachen. Dass das Metall noch hielt, konnte getrost als Mirakel bezeichnet werden.
» Ja. Er war Mitarbeiter von Fritz Haber und forschte bei der BASF an neuen chemischen Kampfstoffen. Er verbrachte Monate mit uns an der Westfront, wo sie an bestimmten Abschnitten experimentelle Mittel gegen den Feind einsetzten. « Aus Litzows Miene schwand das Lausbübische. Die Erinnerung setzte ihm zu. » Bei Gott, wenn ich an diese Schwaden denke, die wir auf Befehl aus den geheimen Stahlflaschen ­abgeblasen haben ! Die verschiedensten Farben, modifiziertes Chlorgas, C-Phosgen, Grünkreuz-99, Gelbkreuz, Senfgas und Dinge, von denen wir nicht mal wussten, was es war. « Er hustete unterdrückt, als spürte er noch einen Hauch der Wirkung. » So eine feige Sache, dieses Gas. Kriecht überallhin, in die kleinsten Ritzen. Es wurden Tausende getötet, Hunderttausende verletzt. Der Allmächtige sei uns gnädig, wir haben uns alle nicht mit Ruhm bekleckert. «
» Und nun soll es gegen Drachen wirken. « Fayence schnaubte ungläubig. » Aber warum jetzt erst ? «
» Drachenlungen sind beständiger gegen Gifte, schon allei­ne wegen ihrer Lebensräume. Schwefelverbindungen ­machen ihnen überhaupt nichts aus. « Leída hatte gehört, dass im Krieg insgesamt 120 000 Tonnen Chemikalien zum Einsatz gekommen waren, nachdem die Deutschen damit 1915 angefangen hatten. » Die Havock’s Hundred hatten es nie in Betracht gezogen. Man stelle sich vor : Plötzlich dreht der Wind, und du bist schneller tot als der Geschuppte. « Sie pochte mit dem rechten Zeigefinger gegen die Schnalle. » Harpunen und List erwiesen sich als probatere
Mittel. «
» Was ist mit dem alten Schrott, der im Hangar steht ? «, warf Litzow ein.
» Ein Gedankenspiel meines Bruders «, erwiderte Leída. » Wir haben es einmal zum Test angewandt. «
» Alter Schrott ? «, erkundigte sich Fayence neugierig, aber sie winkte ab.
Sie gelangten durch den Marchhof ins zweite Tunnelstück und betraten das Deutsche Stadion.
Nun hörten sie die Militärmusik deutlich, die von einer Soldatenkapelle auf einem kleinen Podest gespielt und von Lautsprechern verstärkt wurde, damit auch die letzten Ränge die Töne vernahmen. Das Gemurmel der Tausenden Menschen schuf einen Klangteppich, durch den fliegende Händler mit Würstchen, Süßigkeiten und Getränken brüllten und ihre Angebote priesen.
» Potz Blitz ! «, entfuhr es Oberst Litzow. » So einen Auflauf habe ich schon lange nicht mehr gesehen. «
Leída ging weiter und konnte nicht verhindern, dass der Anblick sie beeindruckte.
Auf dem eigentlichen Fußballfeld standen vier gewaltige, abgedeckte Quader, unter denen sie Stahlkäfige mit Drachen vermutete ; gelegentlich erklang ein metallisches Klirren und ein Grollen, das kaum durch den Lärm im Stadion drang. Aber ihre drachenjagdgeschulten Ohren vernahmen es ganz deutlich.
» Vier Biester «, teilte sie ihren Begleitern mit. » Fahrlässig, sie so nahe an Menschen zu bringen. «
Fayence blickte sich derweil um. » Ich höre es auch. Und ich sehe nicht mal Truppen mit schweren Waffen, um ein­zugreifen, sollte eines davon ausbrechen. «
Litzow betrachtete den Himmel. » Drei große zivile Werbezeppeline. Keine Bewaffnung. Auch von da oben wird niemand auf die Geschuppten feuern können. «
» Mehr als fahrlässig. « Leída kämpfte gegen das Unwohlsein an, während sie sich weiter umschaute. Sie hatte nur ­einen langen Dolch aus Drachenbein dabei, den sie am Gürtel trug. Die Schneide war zu klein, um einer mittelgroßen Bestie gefährlich zu werden. Außer ich schlitze ihre Kehle auf. Aber allen vier ? Unmöglich.
Genau in der Mitte des Fußballfeldes befand sich ein ­Podest mit Sprecherkanzel, vor der sich zahlreiche Mikro­fone wie Fühler ausstreckten.
Ringsherum erhoben sich Holztürmchen, auf denen Dutzende Kamerateams aus der ganzen Welt standen und ihre Ausrüstungen kontrollierten, andere filmten bereits. Zwei davon besaßen die modernsten Geräte, die nicht nur Bilder, sondern den Ton mit aufzeichneten. Sie machten Schwenks über das teils sitzende, teils stehende Publikum, das begeistert mit Reichsfähnchen winkte, sobald die Linse in ihre Richtung zeigte.
» Man könnte meinen, es wäre Olympia «, befand Fayence und sah auf das Billett, auf dem aufgeprägt stand, in welchem Abschnitt sie zu sitzen hatten.
» Oder die Generalprobe für Hindenburgs achtzigsten Geburtstag im Oktober, der alte Haudegen «, merkte Litzow an und gab ihnen militärisch exakte Handzeichen, wohin sie gehen mussten.
Auf Leídas Drängen platzierten sie sich weit hinten, in ­direkter Nähe zu einer Fluchtmöglichkeit aus dem Sta­dionkessel auf die Pferderennbahn Grunewald, die bereits 1909 angelegt worden war.
Litzow zwirbelte in seinem Manierismus die Bartenden erneut aufwärts, sodass sie bis zu den Ohrläppchen hochstanden. » Wenn ich das Ganze so sehe, bin ich froh, dass Frau Zadornova nicht kommen konnte. «
Leída lachte. » Als Zarin hat sie in Sankt Petersburg Wichtigeres zu tun, auch wenn ich sie um ihre neue Aufgabe nicht beneide. « Sie sah, dass Fayence enttäuscht dreinschaute. » Sie und Grigorij lassen Sie schön grüßen, Fayence. Wir haben vorhin noch über die neue Leitung telefoniert, die von Berlin nach Sankt Petersburg geht. «
» Danke. « Er verkniff den Mund leicht und versuchte, erfreut auszusehen, was kaum gelang. » Zarin. So schnell geht das. «
» Zarin und angehende Mutter «, warf Litzow ein. » Es freut mich für die beiden und Mütterchen Russland, dass der Herrscherthron direkt Nachwuchs vermelden darf. «
» Es ist schon besser so, dass sie nicht hier ist. Ich schätze die Lage als ziemlich unsicher ein. « Leída wusste, dass sie ihre Berufung zur Kommandantin der Skyguards allein den neuen Umständen zu verdanken hatte. Freiwillig hätte ihre Freundin Silena niemals die Leitung abgegeben. Doch niemand würde die Einheit in ihrer Abwesenheit besser führen können als die erfahrene, blonde Drachenjägerin.
Leída spielte mit dem Gedanken, die Neugründung der Havock’s Hundred so lange auf Eis zu legen, bis sich abzeichnete, wie es mit Silena und Grigorij weiterging.
Eigentlich weiß ich es. Sie würden Zarin und Zar sein, Russland regieren und das Land reformieren, um den Bolschewiki den Wind der Revolution aus den Segeln zu nehmen. Leída hielt es für wahrscheinlich, dass sie die Skyguards die nächsten zehn Jahre führen würde. Danach wird man weitersehen.
Das Trio saß auf den hinteren Tribünen, die auf der Nordseite am integrierten Schwimmstadion lagen, das mit vielen Statuen und Kunstwerken eigens umfasst worden war. Das hundert Meter lange Wasserbecken bildete eine zweite Bar­riere zum Fußballfeld, sollte ein Drache bei der Vorführung entkommen.
Und falls jemand brennt, kann man ihn leichter löschen.
Die drei begutachteten das Stadion von oben und zogen die mitgebrachten Feldstecher aus den Futteralen.
» Ich sehe den Nuntius des Heiligen Vaters, begleitet von dem neuen Befehlshaber des auferstehenden Officium Draconis «, meldete Litzow. » Seinen Namen habe ich vergessen. «
» Monsignore Lorenz «, fügte Fayence ein. » In der Kaiserloge sitzt Ihre Majestät, den Uniformen nach umgeben von verschiedenen Militärs. «
» Ehrenloge mit Beobachtern aus verschiedenen euro­päischen Staaten auf zehn Uhr «, kommentierte Leída, was sie durch die Okulare sah.
» Neben dem Kaiser sitzt Winfried Hohenheim : Stresemann-Anzug mit einer Reihe von Weltkriegsorden und Krawattennadel. « Litzow drehte am Rädchen, korrigierte die Schärfeeinstellung. » Hat sich nicht verändert, der alte Abdampfer. «
» Abdampfer ? «
» Sein Spitzname, den ihm seine Laborleute gegeben haben. « Litzow lachte. » Meiner Treu ! Weit gekommen ist er, der nun feine Herr, mit seinem Todesgas. «
Leída sah den schlanken Mann, der ihrer Meinung nach zu wenig Muskeln besaß wie die meisten Männer, die tagein, tagaus in Büros oder in Laboren hockten.
Er saß einen halben Meter weg vom Kaiser, in einer schwarz-grau gestreiften Hose, mit einreihigem schwarzem Jackett und steigendem Revers, einer hellgrauen Weste und weißem Hemd ; die silbergraue Krawatte wurde von einer Nadel mit dem Firmenlogo perforiert.
Hohenheim hielt ein Glas Champagner in der Hand, die Bläschen perlten nach oben, und er nippte mit einem vorfreudigen Lächeln.
» Kein Anzeichen von Anspannung «, teilte Leída mit. » Er ist sich vollkommen sicher, dass es gut laufen wird. «
» Sonst wäre der Kaiser niemals selbst erschienen. Denn … « Fayence stockte. » Unterhalb der Loge, hinter der Reichs­fahne : zwei vierläufige MG-Geschütze, die auf das Fußballfeld gerichtet sind «, machte er die Drachenjägerin und den Oberst auf seine Entdeckung aufmerksam. » Die Lebensver­sicherung Ihrer Majestät. «
» Höchstens gegen kleine Laufdrachen, die nicht aus­gewachsen sind. Alle anderen werden sich an den Geschossen nicht sonderlich stören. « Leída schätzte die Ausmaße der verhüllten Käfige, ihre Neugier stieg.
» Schauen Sie ! Die Mündungen zielen flach auf die Tri­bünenebene. Wenn die Maschinengewehre feuern und die Drachen verfehlen «, prophezeite Litzow entsetzt, » verwandelt sich das Stadion in ein Schlachthaus. «
Der Einlass war beendet worden, die Menschen hatten ihre Plätze eingenommen. Die Kapelle spielte ein letztes Tschingderassabum und verstummte. Keine zwei Herz­schläge darauf stellten die Zuschauer ihre Gespräche ein, und es wurde still im Stadion.
Die großen Fahnen flatterten und wehten im lauen Frühlingswind. Die hektischen Bewegungen der Kamerateams, die Kurbeln betätigten oder hurtig Linsen wechselten, fielen dadurch erst auf.
Und nun ? Leída lehnte sich nach vorne und schob die blonde Strähne zur Seite. Sie schwenkte den Feldstecher auf das Podest, das eben von einem gut gekleideten, hinkenden Mann erklommen wurde.
Er bewegte sich geschickt trotz der linken Beinprothese. Sein linker Arm bestand aus einem metallenen Gestell, das zusammen mit den Orden an seiner Brust keinen Hehl daraus machte, dass er die Gliedmaßen auf dem Schlachtfeld verloren hatte. Leída stellte die Schärfe nach. Eine Gesichts­epithese !
» Armer Teufel «, hörte sie den Oberst neben sich sagen. » Ich wette, es war eine Splittergranate, die ihn zerfetzt hat. Ein Wunder, was die Ärzte damals bei den Umständen in den Gräben geleistet haben. «
Der Veteran richtete mit der Stahlhand routiniert ein Mikro­fon im Technikwald. » Ich grüße Sie, Kaiserliche ­Hoheit, und auch Sie, verehrtes Publikum «, schallte seine Stimme verstärkt und leicht blechern aus den zahlreichen Lautsprechern. » Mein Name ist Arthur Frederik von Auen, und ich diente Seiner Majestät als Hauptmann im Weltkrieg mit allem, was ich geben konnte. « Er ließ die künstlichen Finger zuschnappen. » Dort lernte ich die Schrecken der Gasangriffe kennen, mit denen uns die Franzosen und Briten überzogen. Buntschießen, abblasen, und ich denke, ich habe fast so viele Stunden in Gasmaske verbracht wie ohne. « Er wandte sich nach rechts und links. » Viele Infanterie-Freunde verlor ich durch die Heimtücke von Gas. Aber heute stehe ich hier, vor Ihnen, Kaiserliche Hoheit, und den Menschen aus Berlin und aller Welt, um es zu preisen. Denn es wird uns helfen, jene Bestien zu besiegen und auszurotten, die uns seit Jahrhunderten in Angst und Schrecken ver-
setzen. «
Er gab ein Zeichen, und die Stoffbahnen wurden über ­Seile herabgezogen.
Ein lautes Raunen ging beim Anblick der Inhalte durch das Stadion.
» Jesus, Maria und Josef ! « rief Litzow erschrocken. » Die MGs werden nichts nützen. «
Leídas Mund verzog sich. » Das ist Wahnsinn. «
Die braun und grün geschuppten Drachen schnaub-
ten, die Köpfe ruckten witternd hin und her, die Blicke huschten über die Menge, als suchten sie sich besonders fette Bissen aus. Angst hatten sie nicht, sie wirkten gereizt und wütend.
» Die Hohenheim AG trieb die Forschungen zum Wohle der Menschheit voran, entschärfte die tödliche Wirkung der Chemikalien für jedermann «, erklärte von Auen. » Unter der genialen Anleitung von Professor Hohenheim machten die Fachleute das Gas dafür umso tödlicher für diese geschuppten Bestien. «
Der Chemiker erhob sich in der Loge und prostete mit dem Champagner in alle Richtungen, setzte sich sehr zufrieden grinsend. Das Raunen im Stadion war nicht weniger geworden.
» Ich habe den Krieg überlebt «, sprach von Auen getragen weiter, » und habe eine wundervolle Frau, für die ich Gott und seinen Heiligen danke. Und für meine Familie. «
Bei diesen Worten traten vier Kinder – drei Jungs und ein Mädchen – neben dem Podest hervor. Sie waren hübsch he­rausgeputzt und hielten dosengroße Granaten in den kleinen Händen, die am oberen Ende eine Düse hatten.
» Das sind mein Hans, Wolfgang, Frieder und meine Re­gina «, stellte er sie vor. » Das Mittel, das Herr Hohenheim gegen diese Bestien in den Käfigen ersann, ist frei von Fehlern. Resacro ist das Beste, was es gegen diese alles verschlingenden Viecher gibt. « Er beugte sich zu den Sprösslingen. » Meine lieben Kleinen «, rief er ausgelassen und zeigte nacheinander zu den Drachen. » Zeigt den Menschen, Ihrer Majestät und der Welt, dass es ein Kinderspiel sein wird, diese grausamen Kreaturen zu töten. «
Den Menschen stockte der Atem.
Der Auen-Nachwuchs ging vollkommen angstfrei auf die vier Käfige zu, schob sich zwischen den Gitterstäben hindurch und zog dabei die Sicherungsringe.
Die Drachen brüllten gierig und setzten an, sich auf die Kinder zu stürzen, um sie zu verschlingen.
Nun ging ein entsetzter Aufschrei durch das Stadion.
Aus den düsenartigen Öffnungen schossen meterlange weiße Qualmstrahlen, die gegen die fauchenden Drachen rollten.
» Mein Gott «, ächzte Litzow und sprang auf wie die Mehrheit der sitzenden Zuschauer.
Leídas Hand legte sich an den Dolchgriff, und sie wollte losrennen, aber Fayence hielt sie am Arm fest. » Warten Sie. «
» Dort unten werden … «
» Es ist nicht unsere Aufgabe «, sprach er schneidend. » Sie können nichts gegen diese Geschuppten ausrichten. Von Auen ist alleine verantwortlich für das, was mit seinen Kindern geschieht. «
Die Drachen brüllten auf, doch es war hörbar, dass die Wut wegen der Gitter und die Vorfreude auf einen saftigen, kleinen Imbiss umschlugen : Schmerz lag in den Tönen, die starken Beine knickten unter den Leibern wie Strohhalme ein. Aus den Mäulern rann roter Speichel, ihr Ringen nach Atem wurde zu einem erstickten Ton.
Die grünen und braunen Hornplatten veränderten ihre Farben hin zu schwarz und grau, zeigten starke Verätzun-
gen.
Einzelne Nebelfinger der chemischen Mittel gelangten durch die Bewegungen der Kreaturen zurück zu den Kindern, welche die Gasöffnungen mit Entschlossenheit gegen die Feinde reckten. Sie atmeten den Kampfstoff deutlich ein, wie Leída durch den Feldstecher sah.
Aber ihnen geschah nichts.
Ein Drache nach dem anderen verendete mit letzten Zuckungen, ohne dass sie sich wälzten oder um sich schlugen oder in Agonie die Jungs trafen.
Nur jenes Exemplar, das sich vor dem Mädchen erhob, bäumte sich gegen die Wirkung auf. Die Düse schien zu verstopfen, es drang plötzlich kein Gas mehr heraus.
Regina sah auf die Granate und schüttelte sie, dann wandte sie den Blick zu ihrem Vater.
Ein neuerlicher Aufschrei gellte durch das Stadion, das den verletzten Drachen anspornte. Er brüllte, die Erde dröhnte unter der Urgewalt.
» Den zweiten Ring, Liebes «, rief von Auen fröhlich. » Zieh ihn. «
Der Drache riss die Kiefer weit auseinander, und der Kopf schoss abwärts, um das Mädchen zu packen.
Das entsetzte Aufkreischen der Masse schmerzte in Leídas Ohren, als sie durch die geschliffenen Linsen verfolgte, was sich auf dem Rasen tat. Es kam ihr nicht rechtens vor, dem Tod voyeuristisch beizuwohnen, doch sie vermochte nichts Helfendes zu tun.
Regina entfernte den Notzünder.
Daraufhin flog der gesamte obere Teil der Granate davon, und eine gewaltige weiße Gaswolke stob auf. Das Mädchen und die Bestie verschwanden in den wirbelnden Gespinsten, die Schwaden verteilten sich im und rings um den Käfig.
» Gutes Kind «, hallte von Auens Lob aus den Lautsprechern. » Kommt wieder her zu mir, ihr Lieben. «
Seine Jungs bewegten sich aus den Käfigen, als hätten sie eben keine Bestien erlegt, sondern lästige Käfer unter ihren kleinen Füßen zertreten.
Im gänzlich vernebelten vierten Käfig hingegen rührte sich nichts.
» Mein Gott ! «, murmelte Litzow fassungslos und vergaß darüber das Zwirbeln. » Das kann doch nicht … «
Ein Schemen trat aus dem weißen Qualm. Regina verließ die Stäbe ohne einen Kratzer, nur mit roten Speichelsprenkeln versehen, die vom Keuchen des Scheusals stammten. Resacro schien sogar die ätzende Wirkung des Drachenbluts zu neutralisieren. Sie gesellte sich zu ihren Brüdern, die ihr anerkennend auf die Schultern klopften.
Dann setzte der frenetische Jubel der siebzigtausend ein, die Kapelle spielte auf und ließ einen fröhlichen Marsch erklingen, von dem man so gut wie nichts hörte. Von Auen sprach zwar in die Mikrofone, aber seine Stimme drang nicht durch die dröhnende Begeisterung. Die Kamerateams schwenkten und filmten, die Euphorie wurde auf Zelluloid gebannt.
Leída sah, wie der Kaiser die Hand ausstreckte und die Finger von Hohenheim gratulierend schüttelte. Der Professor machte einen Diener und lachte, trat nach vorne und schwenkte erneut sein Glas.
Aber die eigentlichen Helden des Tages hießen Hans, Wolfgang, Frieder und Regina von Auen, die von der Masse beklatscht wurden, und Hoch-Rufe erklangen.
In dem Moment jagten Doppeldecker knatternd über das Stadion hinweg und schrieben mit Rauch an den Himmel, was zu neuerlichen Ahs und Ohs führte. Die Botschaft war in der ganzen Stadt zu sehen :

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Die Orks schlagen wieder zu!

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Die Ehre der OrksDie Ehre der Orks

Roman

Endlich kehrt Michael Peinkofer zu seiner erfolgreichsten Saga zurück: Sie gewannen Kriege. Sie wurden zu Königen ihres Volkes. Sie beleidigten ihre Gegner. Und manchmal auch ihre Verbündeten ... Die rauflustigen Brüder Balbok und Rammar haben alles erreicht, was man sich als Ork aus echtem Tod und Horn erträumen kann. Doch sie haben noch eine Rechnung offen – mit ihrer Vergangenheit. Und der unmöglichen ersten Mission, mit der all ihre Abenteuer begannen. Mit »Die Ehre der Orks« führt Michael Peinkofer erstmals in die Jugendzeit der mutigsten Krieger, die Erdwelt je gesehen hat. Balbok und Rammar waren nämlich nicht immer die, hüstl, glorreichen Helden, als die man sie auf Erdwelt kennt. Im Gegenteil, gleich bei ihrem ersten Auftrag stellen sich die Orks so ungeschickt an, dass aus einer eigentlichen kinderleichten Mission ein welterschütterndes Abenteuer wird.
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Prolog

 

Sie waren lebende Legenden – und das war weit besser, als wenn sie tote Legenden gewesen wären.
Die Kunde von ihren Taten, von ihren Kämpfen und den Gefahren, die sie im Reich der Menschen überstanden hatten, hatte­ sich unter den Bewohnern der Insel verbreitet. Jener Insel, die einst als die Fernen Gestade die Heimat und Zukunft der Elfen gewesen war und über die nun die Orks herrschten.
Unruhige Zeiten lagen hinter ihnen.
Sie hatten den Fluch von Tirgas Lan bezwungen, hatten gegen Gnomen, Schlangenkreaturen, Dunkelelfen, Zwerge und anderes Gesocks gekämpft, hatten Throne ins Wanken gebracht und einige davon umgestoßen, hatten Kriege beendet und Zauberkristalle von unschätzbarem Wert zerbrochen, hatten Chaos gestiftet, wohin sie auch gekommen waren, so wie man es von einem­ Ork aus echtem Tod und Horn erwarten konnte.
Vor allem aber waren sie allen Gefahren zum Trotz am Leben geblieben. Unzählige Male kurz davor, in Kuruls dunkler Grube zu enden, war es ihnen doch immer wieder gelungen zu entkommen – und unterm Strich noch einen guten Schnitt zu machen. So waren Balbok und Rammar, die ungleichen Ork-Brüder, zu Königen geworden, über deren Taten ihre Untertanen voller Bewunderung staunten. Nicht zuletzt deshalb, weil König Rammar die Berichte über seine Taten stets üppig auszuschmücken pflegte. Und weil König Balbok gelernt hatte, dass es weder Sinn hatte noch seinem Wohlbefinden zuträglich war, wenn er seinem Bruder widersprach und bei der Wahrheit zu bleiben versuchte.
So waren sie also zu lebenden Legenden geworden – und das war, wie Rammar nicht müde wurde zu betonen, sehr viel besser, als eine tote Legende zu sein.
Wie viel Zeit verstrichen war, seit die beiden von ihrer letzten Reise zurückgekehrt waren, die sie zurück auf den Kontinent geführt hatte, mitten hinein in einen verheerenden Krieg zwischen Menschen und Zwergen, wusste niemand genau zu sagen, am allerwenigsten die Könige selbst. Und eigentlich war es auch gar nicht von Belang, denn zum einen führten Orks keinen Kalender, sondern zogen es vor, im Hier und Jetzt zu leben und einem alten Sprichwort gemäß » den Tag zu massakrieren « ; zum anderen gehorchte die Zeit, wie sich herausgestellt hatte, an den Fernen Gestaden anderen Gesetzen als auf dem Festland. Ur­alter Elfenzauber hatte dafür gesorgt, dass Wochen, Monate und Jahre auf der Insel sehr viel langsamer verstrichen als im Rest der Welt, was vor allem König Rammar dazu bewogen hatte, sich noch kräfteschonender zu bewegen, als es in Anbetracht seiner üp­­pigen Leibesfülle ohnehin schon immer der Fall gewesen war. Entsprechend hatte sein Thron bereits mehrmals verbreitert werden müssen, wogegen der von König Balbok, seinem großgewachsenen und hageren Bruder, stets derselbe geblieben war. Und das, obwohl beide dem Blutbier und dem bru-mill in hohem Maße zusprachen.
Die Jahre des Kampfes waren vorbei.
Selbst Balbok, der früher stets von Tatendrang erfüllt gewesen war und seinen Bruder damit manches Mal fast in den Wahnsinn getrieben hatte, hatte gelernt, die Sonnenseiten seines Daseins als König zu genießen. Denn auch wenn die Tage der großen Schlachten und blutigen Kämpfe gezählt sein mochten – wenn es darum ging, Nachschlag beim Rachenputzer zu ergattern oder sich ein extra großes Filetstück aus dem Rattenbraten zu schneiden, wurden im Thronsaal der Orkfestung nach wie vor heftige Gefechte ausgetragen, wilde Schlägereien, bei denen Balbok den einen oder anderen Zahn eingebüßt und Rammar den einen oder anderen Schädel eingeschlagen hatte.
Kurz, es war ein gutes, abwechslungsreiches Leben, das die beiden Brüder führten … bis auf die Pflichten, die es hin und wieder zu erfüllen galt.
» Schon wieder ? «, raunzte Rammar unwirsch, während er sich auf dem Thron von einer Hälfte seines asar auf die andere bet­tete. Seine grüne Miene hatte sich verdrießlich verzerrt. » Was ist es denn diesmal ? «
» Ein Streit «, erwiderte Oisal, ein kräftiger Krieger, der ihnen als Kastellan diente. An den Königshöfen der Menschen hatten Balbok und Rammar gesehen, dass es dort immer jemanden gab, der Besucher an- und abkündigte. Und was den Milchgesichtern recht war, konnte den Königen der Orks nur billig sein.
» Was für ein Streit ? «, verlangte Balbok zu wissen. Wissbe­gierig schob er seinen großen Unterkiefer vor und kratzte sich gleichzeitig am Hinterkopf.
» Es geht um ein Fass Blutbier «, erklärte Oisal, der sich untertänig vor den Königen verbeugte. » Jeder der beiden behauptet, dass es ihm gehört. «
» So «, knurrte Rammar. » Und warum regeln die beiden das nicht einfach unter sich wie zwei echte Orks ? «
» Weil du es ihnen bei Strafe verboten hast, schrecklich rasender Rammar «, erwiderte der Hofdiener achselzuckend.
» Habe ich das ? « Rammar drehte den dicken Hals und sah zu seinem Bruder.
» Korr «, versicherte Balbok. » Weil wir auf einer Insel leben, wollten wir vermeiden, dass unsere Untertanen sich alle gegenseitig umbringen. Deshalb … «
Rammars breite Stirn zerknitterte sich, er erinnerte sich dunkel. Wenn man über eine Insel herrschte, deren Einwohnerzahl begrenzt war, dann sorgte man besser dafür, dass man auch Untertanen hatte, oder es würde eines Tages vorbei sein mit dem Königtum. Auch das hatten sie von den Menschen gelernt.
» Wenn ich das so gesagt habe, hat es natürlich seine Richtigkeit «, polterte Rammar – wenngleich er speziell in diesem Moment nichts dagegen gehabt hätte, ein paar Untertanen weniger zu haben. Balbok und er waren gerade dabei gewesen, die Bestellung für das nächste Gelage aufzugeben … » Schick die beiden umbal’hai herein. Wenn sie sich nicht einig werden, machen wir kurzen Prozess mit ihnen und reißen ihnen die Zungen raus, dann ist wenigstens Ruhe. Und wenn das noch immer nichts hilft, werfen wir einen der beiden ins Meer zu den Haien. «
» Und welchen ? «, fragte Balbok herüber.
Rammar seufzte tief. Schon als er am Morgen aufgewacht war und man ihn zu seinem Thron getragen hatte, hatte er geahnt, dass dies ein anstrengender Tag werden würde …
» Korr «, stimmte Oisal zu und verschwand aus dem Gewölbe – um schon kurz darauf wieder zurückzukehren. Bei ihm waren die beiden Streithähne – zwei Orks, die Rammar noch nie zuvor gesehen hatte, vermutlich stammten sie aus einem der kleinen Käffer auf der anderen Seite der Insel.
Trotzdem kamen sie ihm unerklärlicherweise bekannt vor.
Der eine war klein und so fett, dass seine Körpergröße mit der Breite im Wettstreit zu liegen schien ; dazu war er hässlich wie die Nacht und sah dämlich aus wie Borsh der Stinkfisch. Der andere war ein Lulatsch, groß und hager, und wirkte nicht weniger bescheuert. Rammar hätte beim besten Willen nicht zu sagen vermocht, was es war, aber etwas an den beiden war ihm auf seltsame Weise vertraut …
» Nennt den Königen eure Namen «, verlangte Oisal.
» Pachg aus dem bolboug Bratash «, erwiderte der Dürre.
» Ochg «, fügte der Feiste hinzu.
Rammar grunzte und nickte, so als wüsste er genau, wo sich das Dorf der beiden befand. Dabei war es ihm so egal, wie wenn im Moderwald ein Trolldarm platzte. » Und was wollt ihr ? «, fragte er unwirsch.
» Es geht um ein Fass Blutbier «, erklärte Pochg.
» Altgelagert ? «, wollte Balbok wissen.
» Was hat denn das damit zu tun ? «, plärrte Rammar dazwischen.
» Ich mein’ ja nur … «
» Überlass das Meinen mir, genau wie das Denken «, wies Rammar seinen Bruder zurecht und wandte sich wieder seinen Untertanen zu. » Also, wem von euch beiden umbal’hai gehört das Fass ? «
» Mir «, antworteten beide gleichzeitig.
» Der alte Mathum hat es mir versprochen «, behauptete Ochg ergänzend.
» Nein, mir «, hielt sein hagerer Kontrahent dagegen.
Rammar seufzte abermals. Wie, bei Kuruls Flamme, sollte er diesen Streit schlichten ? Indem er die königliche Vorratskammer öffnete und den beiden ein zweites Blutbierfass schenkte, damit wieder Ruhe einkehrte ? Ganz sicher nicht !
Sein Blick fiel auf die faihok’hai, die entlang der Gewölbe­wände Wache hielten – hünenhafte, bis an die Zähne bewaff­nete Orkkrieger, die bereit waren, für ihre Könige bis zum Äußersten zu gehen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihnen zu befehlen, die beiden Idioten in Stücke zu hacken und ihren Streit damit gütlich beizulegen.
Aber aus irgendeinem Grund wollte König Rammar das nicht – und plötzlich stieg aus den dunkelsten Tiefen seines winzig kleinen Gehirns eine vage Ahnung auf, weshalb ihm die beiden so vertraut erschienen. Erinnerungen kamen hoch, unvermeidlich und süß wie Honigkotze, und ein wölfisches Grinsen spielte um die Züge des Orkkönigs, dessen Augen sich zu Schlitzen verengten …
» Wisst ihr «, begann er und beugte sich in seinem Thron so weit vor, dass sein kobiger Schädel über den beiden Streithähnen schwebte, » normalerweise pflege ich Maden wie euch noch vor dem Frühstück zu zerquetschen. Aber ihr habt Glück. «
» Glück ? « Pachg und Ochg wechselten verstohlene Blicke.
» Genau das «, bestätigte Rammar grinsend. » Wenn jemand, der euch in kleine Stücke hauen lassen und an die Haie verfüttern könnte, euch stattdessen eine Geschichte erzählt, solltet ihr besser gut zuhören. Also sperrt die Lauscher auf, ihr umbal’hai, und passt auf, was König Rammar der schrecklich Rasende euch zu erzählen hat … «

 

 

 

Kapitel 1: TROLOK TUDOK !

 

Der Baumtroll war riesig.
Ein von dicker brauner Haut überzogenes Monstrum, von dessen schmalem Haupt grünes Haar wucherte. Auf seinem mächtigen pfeilerartigen Bein stand er, während seine langen dürren Arme nach den beiden jungen Orks griffen und sie zu packen suchten – doch die beiden entgingen der Attacke.
Der eine, indem er sich dünn machte und unter dem Arm des Trolls hindurchtauchte. Der andere, indem er an Ort und Stelle­ blieb und einfach zuschlug.
Seine Axt, ebenso kurz und dick wie er selbst, schlug zu und durchtrennte den Arm. Es krachte und splitterte und die Klauenhand der Bestie fiel ins hohe Gras. Dass kein Blut aus dem Stumpf schoss, störte den feisten Ork-Jüngling ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Troll keinen Laut von sich gab. Schweigen lag über der Lichtung – von den Kampfschreien abgesehen, die die beiden jungen Orks ausstießen.
Seine Axt über dem Kopf schwingend und dabei ein schrilles Heulen ausstoßend, sprang auch der andere heran, der für sein Alter ungewöhnlich groß war, jedoch dürr wie ein abgenagter Knochen. Die Wucht, mit der er das Axtblatt in das Bein des Trolls senkte, war dennoch beachtlich. Abermals krachte es und Splitter flogen nach allen Seiten.
Für den Dicken war dies das Signal zu einem weiteren Angriff. Mit für seine Postur erstaunlicher Behändigkeit tauchte er unter dem verbliebenen Arm hindurch, wirbelte um seine Achse und drosch mit der Axt nach oben, brachte dem Troll eine weitere klaffende Wunde bei. Die Bestie ertrug es mit derselben Gleichgültigkeit, mit der sie auch die anderen Verstümmelungen hingenommen hatte – die beiden Orks hinderte das nicht daran, sie erneut zu attackieren.
Wilde Kriegsschreie ausstoßend versenkten sie den Stahl ihrer Äxte ein um das andere Mal in dem Ungetüm. Während der Hagere sich weiter auf das Bein des Trolls konzentrierte, hatte der Feiste es nun auf den Oberkörper abgesehen. Wie ein Ball sprang er an der mächtigen Gestalt des Trolls auf und ab und hieb gnadenlos zu, was ihn allerdings ziemlich anstrengte. Schon kurz darauf übertönte sein Keuchen das Kampfgeschrei seines Gefährten und schließlich unterbrach er seine Attacken und ließ heiser schnaufend von seinem Gegner ab – anders als der Hagere­, der noch einmal angriff und dem Troll den Rest gab.
Mit einem letzten furchtbaren Hieb durchtrennte er das Bein der Bestie unmittelbar über ihrem Fuß. Ein helles Bersten und Splittern war die Folge – der Troll wankte !
» Achtung, Troll fällt ! «, schrie der Hagere aus Leibeskräften – und im nächsten Moment neigte sich die zu Tode getroffene Kreatur bereits, bis sie endlich Schlagseite bekam und rauschend zu Boden ging, geradewegs zwischen die beiden Orks, wo sie bebend liegen blieb.
» Shnorsh «, ereiferte sich der Feiste, der sein schwarzes Haar zu einem faltash, einem dünnen Schopf gebunden hatte, » das ist doch lächerlich ! «
» Aber Rammar, auch die faihok’hai machen es so «, vertei­digte sich der Hagere und breitete ein wenig hilflos die langen Arme aus. » Man muss die Kameraden warnen, bevor der Troll umfällt. «
» Es ist aber kein Troll «, beschied der Dicke ihm, auf die zwischen ihnen liegenden Massen deutend, » sondern bloß ein blöder Baum, den du Halbhirn umgehauen hast. «
» Korr «, räumte Balbok zögernd ein und blickte ein wenig betreten drein, so als würde jetzt erst klar, dass alles nur ein Spiel gewesen war und sie sich den Troll nur eingebildet hatten. » Aber sporsh hat es trotzdem gemacht, oder etwa nicht ? «
» Dir vielleicht «, versetzte Rammar gehässig, » ich bin langsam zu alt für so was. Mir wird es zu dumm, auf Felsbrocken und Bäume einzuhauen – als ob die jemals angreifen würden ! Deshalb habe ich mich beworben. «
» Bei wem denn ? «, wollte Balbok wissen.
» Bei wem wohl, Schmalhirn ? Bei den faihok’hai natürlich «, versetzte Rammar mit breitem Grinsen.
Das saß.
Balboks ohnehin schmales Gesicht wurde noch schmaler und nahm die Farbe von grünem Schimmel an. » Du … du willst ein faihok werden ? «, fragte er stammelnd.
» Schau an, er hat es kapiert «, grunzte Rammar. » Du warst schon immer einer von den ganz Schnellen. «
» Aber … die faihok’hai nehmen nur die besten und stärksten Krieger des bolboug in ihre Reihen auf. «
Rammar hob die Axt, als wollte er sie werfen. » Willst du behaupten, ich wäre nicht stark genug ? «
» Douk «, beeilte sich Balbok zu versichern. » Aber wenn du ein faihok wirst, dann musst du unsere Höhle verlassen … «
» Ja, und ? «
Balbok schob den Unterkiefer vor. Seine gelben Augen blickten traurig. » Ich dachte nur … «
» Was ? «, fuhr Rammar ihn an. » Dass es mir etwas ausmachen würde, das enge Loch zu verlassen, in dem wir hausen ? Dass ich zögern würde, dich zurückzulassen ? Oder hast du vielleicht sogar geglaubt, ich würde dich mitnehmen ? «
Balbok blieb eine Antwort schuldig – und das war in gewissem Sinne auch eine Antwort.
» Douk, verdammt noch mal ! «, schrie Rammar aufgebracht und hieb seine Axt mit derartiger Wucht in den Stamm des gefällten Baumes, dass er Mühe hatte, sie wieder freizubekommen. Mit zusammengebissenen Zähnen zerrte er am Schaft, während er wüste Verwünschungen hervorstieß. » Ich habe es satt, immer auf dich aufzupassen, du elender umbal ! Und das nur, weil ich der Ältere von uns beiden bin ! «
» Aber nur um ein paar Augenblicke «, wandte Balbok ein.
» Um so schlimmer ! «, beteuerte Rammar. Noch einmal zerrte­ er an der Axt, aber sie rührte sich nicht – und er beschloss, sie an Ort und Stelle zu lassen. » Dann bleibt das Mistding eben hier ! «, wetterte er weiter. » Wenn ich erst bei den faihok’hai bin, werde ich sowieso meinen eigenen saparak bekommen. Und dann werde ich mir echten Ruhm und Ehre erwerben und brauche diesen ganzen shnorsh hier nicht mehr ! «
» Aber Rammar «, wandte Balbok ein, » wir haben doch immer gerne hier im Wald gespielt ! Weißt du nicht mehr ? Ich bin Balbok der Brutale und du bist Rammar der schrecklich Ra… «
» Hör auf ! «, herrschte Rammar ihn an, dass es über die ganze Lichtung scholl. » Genau davon spreche ich ! Wann wirst du endlich begreifen, dass wir zu alt sind für solche Spiele ! Das ganze bolboug lacht schon über uns ! «
» Ich habe schon fünf Gnomen erschlagen «, verteidigte sich Balbok. » Und du auch … «
» Die waren altersschwach und halb tot «, wandte Rammar ein. » Ich spreche von echten Raubzügen gegen echte Feinde ! Gnomen, Ghule und anderes Gesocks – von Schmalaugen und Milchgesichtern ganz zu schweigen ! «
» Schma … Schmalaugen ? «, fragte Balbok erschrocken.
» Kämpfe auf Leben und Tod «, bestätigte Rammar, wobei seine­ kleinen Schweinsäuglein vor Begeisterung leuchteten, » Feinde, die um Gnade winseln, und Ströme von Blut ! Das ist es, wonach es einen Ork aus echtem Blut und Horn gelüstet ! «
» So ? «, fragte Balbok.
» Du kannst hierbleiben, weiter Bäume umhauen und dir einbilden, es wären Trolle gewesen – aber ich werde diesem stinkenden bolboug den Rücken kehren ! Ich werde mich den faihok’hai anschließen und ausziehen, um große Abenteuer zu erleben und die Klinge des saparak im Blut meiner Feinde zu baden, bis sie … «
» Rammar ! «, erklang in diesem Moment eine schrille Stimme. » Balbok … ! «
» Shnorsh «, knurrte Rammar – und seine eben noch vor Begeisterung und Blutdurst bebenden Züge erschlafften.
» Hier ! «, rief Balbok laut und schon im nächsten Moment teilte sich das dichte Unterholz und eine Orkin trat auf die Lichtung.
Sie war nicht besonders groß und von einer für ein Ork-Weib zierlicher, beinahe zerbrechlich wirkender Postur – doch der Schein trog. Denn unter ihrer grünen, mit dunklen Flecken gesprenkelten Haut arbeiteten Sehnen und Muskeln, die nicht we­­niger zäh waren als das Leder ihres Kleides. An ihrem Gürtel waren­ allerhand Gegenstände und Talismane befestigt, darunter ein gebogenes Messer und ein Gnomenschädel ; das Oberteil ihrer­ Bekleidung bestand im Wesentlichen aus zwei Halbkugeln aus rostigem Eisen, die die trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch üppige Brust bedeckten – und das, obwohl sie zwei Ork­linge damit gesäugt hatte, von denen zumindest einer einen schier unstillbaren Appetit gehabt hatte. Ihre Gesichtszüge waren für eine Orkin vergleichsweise ebenmäßig und hatten die Farbe frischen Farns ; eine einzelne Narbe verlief über ihre linke Wange und einer ihrer Hauer war abgebrochen ; ihr schwarzgraues Haar war zu zahllosen Zöpfen geflochten, an deren Enden Knochen und Schädel von Ratten und anderem Kleingetier hingen ; ihre Stirn war in strenge Falten gelegt und der Blick, der darunter hervorstach, war dazu angetan, jedwede Kreatur zu Stein erstarren zu lassen.
» Hier steckt ihr also ! «, keifte sie, wobei Blitze aus ihren gelben Augen zu schlagen schienen. » Was fällt euch ein, euch hier im Wald zu verkriechen, wenn ich frischen bru-mill auf dem Feuer­ habe ? «
Der Zorn, der Rammar soeben noch erfüllt hatte, verpuffte jäh, Furcht fuhr ihm und Balbok in die Glieder.
» Korr «, erwiderten beide wie aus einem Maule, denn eines wussten beide nur zu genau.
Wenn ihre Mutter etwas sagte, widersprach man besser nicht.

Das neue Epos des deutschen Fantasy-Stars!

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