Perfekt war gestern
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Argumente gegen das vollkommene Leben

Mittwoch, 07. Oktober 2015 von Rebecca Niazi-Shahabi


... SCHEISS AUF DIE ANDEREN: Machen Sie doch, was Sie wollen!

Ab heute ist Schluss mit dem Selbstfindungszwang. Denn niemand ist glücklicher, beliebter oder spiritueller als Sie selbst! Der neue, erfrischend andere Nicht-Ratgeber von Rebecca Niazi-Shahabi.

Inzwischen kennt man Individualismus nur noch in seiner negativen Form. Persönliche Eigenheiten scheinen heute etwas zu sein, mit dem man seine Umgebung quält und terrorisiert. Wer eine Party veranstaltet, weiß, was gemeint ist. Längst reicht es nicht aus, neben dem geplanten Menü noch ein vegetarisches Gericht bereitzuhalten, nun müssen außerdem noch milch- und glutenfreie Köstlichkeiten angeboten werden, und bald werden auch Salz und Soja auf der schwarzen Liste stehen. Raucher können nur eingeladen werden, wenn man über einen Balkon oder eine Terrasse verfügt, Musik gibt es, wenn man Nachbarn hat, die nicht dauernd die Polizei rufen. Auf Kindergeburtstagen ist es noch schlimmer, dort kann man sich mit der falschen, weil nicht feinstaubfreien Malkreide oder dem politisch nicht korrekten Kinderfilm schnell Feinde machen. Doch daraus zu schließen, dass sich die Verteidigung der eigenen Andersartigkeit in unserer Gesellschaft vollkommen überlebt und deswegen erledigt hat, ist voreilig. Wir kämpfen nur meistens an den falschen Fronten. Es gibt viele Momente, in denen unser Recht auf individuelle Lebensgestaltung ernsthaft bedroht ist und wir es verteidigen sollten.
Zum Beispiel wird uns das Recht abgesprochen, in der Stadt zu leben, die wir lieben und in der
unsere Freunde wohnen, wenn das Arbeitsamt von uns erwartet, für einen Arbeitsplatz den Wohnort zu wechseln.


… DAS SCHLECHTE GEWISSEN ANDEREN ÜBERLASSEN

Ein kompromisslos gutes Leben zu führen ist unmöglich. Irgendwann wird man immer sündigen. Aber manche stellen sich so dar, als wären sie sündenfrei, und wir sind merkwürdigerweise bereit, ihnen zu glauben. Manche lieben Tiere und sind deswegen Veganer; wir dagegen sind natürlich auch gegen Massentierhaltung, aber wir haben nicht die Disziplin, auf Fleisch zu verzichten. Aufgrund unserer Inkonsequenz glauben wir, uns nicht zu diesem Thema äußern zu dürfen. Das ist schade, denn die
Tierschützer tun dies dafür umso mehr. Da wird für einen Schlachthofbetreiber schon mal die Todesstrafe gefordert, und Fleischessern wird jedes moralische Gewissen abgesprochen.
Dabei kann man sehr wohl Fleisch essen und trotzdem gegen Massentierhaltung sein. Dafür werden Tieren alle guten Eigenschaften zugesprochen, von denen wir Menschen noch » eine ganze Menge
lernen können «. Zum Beweis werden Videos rumgeschickt, auf denen man etwa Schildkröten sieht, wie sie einem Artgenossen helfen, der auf den Rücken gefallen ist. Es handelt sich dabei eindeutig um ein instinktives Verhalten, denn weder helfende noch hilflose Schildkröten reagieren aufeinander, sobald alle wieder auf ihren vier Beinen stehen.
Den Menschen, die von diesem Verhalten noch » eine Menge lernen können «, wird also unterstellt, dass sie eine Person, die vor ihnen auf der Straße stürzt, links liegen lassen würden. Trotz logischer Schwächen wird dieses Menschenbashing aber geliket und weitergepostet. Der Vorwürfe im Netz sind viele, manche posten täglich, woran das Ego der Menschen alles schuld sei, und es ist ganz klar, dass damit unser Ego gemeint ist – und nicht etwa das der Kritiker. Am vorwurfsvollsten sind die Kommentare unter den Katastrophenmeldungen auf der Website der Tagesschau. Da kann man unter dem Bericht über das Erdbeben in Nepal lesen, dass wir gefälligst einmal im Monat weniger essen gehen oder auf den Kauf der fünfzehnten Handtasche verzichten sollten, um das gesparte Geld an die Leidenden in Nepal zu spenden.
Natürlich wird der Verfasser dieses Kommentars kein Geld auf das von der Tagesschau-Redaktion eingerichtete Spendenkonto überweisen, denn er hat sich ja schon durch seinen moralinsauren Vorwurf an ein anonymes Publikum ausreichend von seinen Schuldgefühlen entlastet. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie nicht immer perfekt nach Ihren eigenen Moralvorstellungen handeln –
andere tun es auch nicht, sie stellen sich nur so dar.


… SICH NICHT BLENDEN LASSEN

Wer Glückstipps gibt, wirkt automatisch so, als habe erdas Leben im Griff. Wer postet, dass man etwas riskieren solle, vermittelt den Eindruck, als wäre er besonders verwegen und risikofreudig. Wer Kurse gibt, in denen man angeblich lernt zu lieben, ohne Besitzansprüche zu stellen, behauptet von sich, dass er diese Kunst beherrscht. Wer Empfehlungen parat hat, wie man sich von seinen alten Mustern befreit, wird bereits zu seinem neuen, besseren Selbst gefunden haben.
Leider lässt man sich von Menschen, die allzu sehr von sich überzeugt sind, leicht blenden. Schaut man aber genauer hin, dann kann es sein, dass Menschen, die behaupten, dass sie endlich den Mut gefunden haben, alles anders zu machen und ihren Traum zu leben, ein Leben führen, das sich gar nicht groß von unserem unterscheidet. Auf die Darstellung kommt es also an. Ein Beispiel eines besonders gelungenen Bluffs ist die Aktion » 100 days without fear « der jungen Amerikanerin
Michelle Poler. Eine Aktion, mit der sie auch andere Menschen inspirieren möchte, ihre Ängste zu überwinden und somit das Leben voll auszukosten. Ihr Vorhaben, in hundert Tagen hundert Ängste zu überwinden, hat sie in kleinen Videos dokumentiert. Doch wer die Videos anschaut, wird mit der Banalität von Michelle Polers Ängsten konfrontiert. An einem Tag lässt sie sich die Beine wachsen, davor hat sie nämlich bisher immer Angst gehabt, an einem anderen wechselt sie die Windel des
Babys einer Freundin, auch davor hatte sie sich bisher gefürchtet. Einen anderen Tag verbringt sie ohne ihr Handy.
Das sind alles Dinge, die man selbst auch schon mal ausprobiert hat – aber ohne groß ein Wort darüber zu verlieren. Fast jeder hat einmal damit experimentiert, wie es ist, einen Tag lang auf etwas zu verzichten. Jeder überwindet tagtäglich kleine Ängste, wie etwa sich die tiefe Wunde an seinem Finger genauer anzuschauen oder alleine zu einer Veranstaltung zu gehen, ohne auch nur einer Menschenseele von diesen Heldentaten zu erzählen. Doch Michelle Poler hält inzwischen Vorträge über ihr Projekt, und es kommen viele Zuhörer. Inzwischen reichen schon Stichwörter wie » Ängste überwinden « und » wirklich zu leben «, um die Leute in Scharen anzulocken.
Es lohnt sich aber, genauer hinzusehen, was einem da als strahlendes Vorbild vorgeführt wird.


… GENIESSEN UND SCHWEIGEN

Es ist verführerisch, ein außerordentliches Erlebnis auch anderen zu zeigen, zumal man ja selbst dauernd mit Fotos von Traumurlauben und Superbabys bombardiert wird. Es schadet ja nicht, im Gegenteil, gehört nicht das Posten danach inzwischen schon zum Erlebnis dazu ? Warum sollte der Gentleman oder die Lady genießen und schweigen, sind das nicht irgendwelche Benimmregeln aus dem
letzten Jahrhundert ?
Es geht hier nicht um die vornehme Zurückhaltung um ihrer selbst willen oder gar um den Hinweis darauf, dass man schließlich nicht seine schlechten Seiten und Niederlagen posten würde und man daher auch nicht seine persönlichen Siege herumzeigen dürfe. Es geht darum, dass Genuss ohne Schweigen nicht möglich ist. Wer seine besonderen Momente postet, entwertet sie, er macht sie zu Material, mit dem er sich vor anderen darstellt, und sich selbst zum Objekt, das er vorführt. Genauso missbraucht er das Publikum, das nun Beifall klatschen muss. Dass dieses Beifallklatschen nicht einfach ist, wird offensichtlich ausgeblendet. Dabei weiß doch jeder, dass das Vorführen schöner Erlebnisse selten Mitfreude bei anderen auslöst (außer vielleicht bei der eigenen Mutter), sondern eher Neid. Diesen Neid wandeln die meisten durch einen bewussten Akt in Großzügigkeit um; die Energie, die das kostet, mag man aber wirklich nur für gute Freunde aufbringen, und bitte nicht zu oft.
Wer diesen Aufwand ständig und von jedem einfordert, erntet keine Bewunderung – er nervt.
Der Kommentar eines Freundes unter den Post seines Bruders mit Fotos eines dreimonatigen Segeltörns ist ein gut gemeinter Hinweis darauf, dass wir wahre Freunde nicht beeindrucken müssen, um von ihnen gemocht zu werden. Er schrieb : » Lieber Lars, wir lieben dich, aber nun
möge dein Glück zu Ende gehen, damit wir dich auch weiterhin lieben können. «


Auszug aus Rebecca Niazi-Shahabi´s Buch »Scheiß auf die anderen«

Blick ins Buch
Scheiß auf die anderen Scheiß auf die anderen

Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben

Haben Sie das Gefühl, dass immer dort, wo Sie nicht sind, das Leben aufregender und schöner ist? Dass andere mehr Abenteuer, Glück und Liebe erleben? Auf Facebook sieht Ihr normales Leben oft ziemlich armselig aus? Lehnen Sie sich zurück, denn ab heute ist Schluss mit dem schlechten Gefühl, dauernd das Falsche zu wollen. Pfeifen Sie auf Ratschläge, die schwer mit der Realität vereinbar sind, und übernehmen Sie nicht leichtfertig Ideale, die in Wirklichkeit völlig unerreichbar sind! Denn niemand ist glücklicher, beliebter oder spiritueller als Sie selbst - und schon gar nicht jene, die einem ständig erzählen, was man wollen soll. 

Vorwort

 



»Pari shōkōgun« ist der Name eines Syndroms, das Japaner befällt, die zum ersten Mal nach Paris reisen. Kaum betreten sie die Stadt ihrer Träume, fallen sie in Depres­sionen, bekommen Herzrasen, manchmal sogar Hallu­zinationen. Anstatt in den Straßen herumzubummeln, ziehen sie sich in ihr Hotelzimmer zurück. Voller Erwartungen waren sie aufgebrochen zu ihrem Sehnsuchtsort, den sie sich mitunter jahrelang in den schönsten Farben ausgemalt hatten. Die Wirklichkeit versetzt sie in eine Art Schockzustand.
Befragt man Japaner, wie sie sich Paris vorstellen, dann schildern sie einen inspirierenden Ort voller Künstlercafés, in dem alle Menschen aussehen wie Fotomodels. Sowohl Männer als auch Frauen tragen schöne, teure Kleidung, schlendern lässig umher und lächeln den ganzen Tag, und ehe man sich versieht, hat man sich in einen dieser charmanten Stadtbewohner verliebt.
Mit dem echten Paris werden die japanischen Besucher nicht fertig: einer Stadt voller Menschen, die nicht nur eine unverständliche Sprache sprechen, sondern zudem alles andere im Sinn haben, als Touristen in sich verliebt zu machen. Wie in fast allen europäischen Großstädten verhalten sich die meisten Einwohner so ruppig, dass ein Japaner dies als ausgesprochen aggressiv empfindet. Was die japanischen Touristen in dieser Stadt erleben müssen, hat mit dem Mythos Paris wenig zu tun.
So ähnlich geht es mir mit dem Mythos von einem gelingenden, erfüllten Leben. Ein Leben, in dem man immer Zeit für eine gute Tasse Kaffee in der Morgensonne findet und trotzdem irgendwie erfolgreich ist. In diesem Leben ist die Liebe stets leidenschaftlich, der Job eine Berufung, der eigene Körper ein Tempel und Kinder ein kostbares Geschenk.
Wo es früher gereicht hat, eine feste Stelle zu haben und Stefan und Sandra auf die Schule nebenan zu schicken, einmal die Woche zum Sport zu gehen und im Sommer nach Italien zu fahren, werden wir heute in sozialen Netzwerken dazu aufgefordert, »endlich richtig zu leben«, »gleich heute damit anzufangen«, »unser Ding zu machen«.
Diese allgegenwärtigen Aufforderungen erzeugen in mir ein diffuses Gefühl der Erwartung. Denn wie die meisten Menschen möchte auch ich etwas Besonderes aus meinem Leben machen, und so sehne ich mich nach dem Moment, in dem ich spüre, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dann werde ich nichts mehr halbherzig und ohne Leidenschaft tun, dann werde ich die Welt entdecken, meine Träume leben und meine Tochter Anna-Madita Xiomara nennen. Während ich noch auf diesen wunderbaren Moment warte, genießen die anderen bereits ihr selbstbestimmtes Leben.
In den sozialen Netzwerken kann ich es mit eigenen Augen sehen: Andere Menschen reisen weiter, lieben inniger, ernähren sich gesünder und sind im Einklang mit sich selbst. Die anderen haben – und das ist der Unterschied zu mir – ihren Platz im Leben schon gefunden. Und solange ich diesen Platz nicht gefunden habe, darf ich mich nicht wundern, wenn sich mein Leben wie ein Provisorium an­­fühlt.
Viel schlimmer als die Tatsache, dass man selbst nicht weiß, wie man leben soll, ist also die Sorge, dass es anderen viel besser gelingt! So wie ein japanischer Reisender sich ohne den Mythos Paris wohl damit abfinden könnte, dass er von seinem Reiseziel enttäuscht ist, so könnte auch ich mich wahrscheinlich daran gewöhnen, dass mein Leben nicht immer aufregend ist und ich immer wieder an mir selbst zweifle. Was mich und die vom »Pari shōkōgun« Betroffenen jedoch quält, ist die Vorstellung, dass andere offensichtlich etwas sehen, fühlen und erleben, wozu wir nicht in der Lage scheinen! Da ist es ziemlich egal, ob sich nur eine Stadt oder gleich das ganze Leben weigert, sich in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen.
Es gibt nur eines, was einen in dieser Lage trösten könnte: nämlich die Erkenntnis, dass es anderen nicht besser er­­geht.

 

1
Schluss mit dem schlechten Gewissen!
Wenn Freiheit zum Terror wird

In dem Moment, in dem du das Wort »Freiheit«
oder »Demokratie« hörst, sieh dich vor,
denn in einem wahrhaft freien Land müsste dir keiner sagen, dass du frei bist.
Jacque Fresco

 

 

Manchmal wünschte ich mir, es käme jemand und würde mich unterdrücken. Ein Mensch oder eine Gesellschaft, die mir verbieten würden, zu lernen, zu studieren, die Haare kurz oder lang zu tragen, Liebschaften zu haben oder Auto zu fahren. Ich würde mich gern fühlen wie eine Frau, die ihre Meinung für sich behalten muss, oder wie ein Mann, der Berufsverbot erhält; ich will wissen, wie es ist, wenn es verboten ist, Bücher zu lesen oder den Menschen zu heiraten, den man liebt. Kurzum: Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn die Menschen um mich herum mir verbieten würden, so zu leben, wie es mir entspricht.
Die einzige Freude in dem mir aufgezwungenen Leben wären die Treffen mit Leidensgenossen, die so wie ich an der Selbstentfaltung gehindert werden. Bei ihnen fühle ich mich zu Hause. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, wie sich die Repressionen umgehen lassen. Mit viel Witz und Kreativität trotzen wir unseren Unterdrückern die wenigen köstlichen Freiheiten ab. Die heimliche Autofahrt, das auf dem Dachboden gelesene Buch, der Besuch eines illegalen Konzerts mit gesellschaftskritischen Songs – in solchen Stunden fühlen wir uns verwegen und lebendig.
Nach diesen erhebenden Momenten der Freiheit kehren wir gestärkt in unser normales Leben zurück. In ein Leben, mit dem wir unzufrieden sind, weil es nicht das selbst ge­­wählte ist. Diese Unzufriedenheit, die in uns brodelt und kocht, ist das wertvollste Gefühl, das wir haben, denn es zeigt uns genau, wo die Rolle, die andere für uns vorgesehen haben, einfach nicht passt.
Unsere Helden sind die, die es geschafft haben, die, die sich nichts mehr verbieten lassen. Sie fahren als erste Frau in einem roten Jaguar durch die Stadt, sie studieren als erster Schwarzer an einer Eliteuniversität. Sie lehnen es ab, die Frau oder den Mann zu heiraten, die oder den ihre Familie für sie vorgesehen hat. Sie ziehen weg von den Eltern, sie leben mit ihrem Liebhaber oder ihrer Geliebten zusammen. Sie verlassen das Land und verdienen ihr eigenes Geld, sie rauchen auf der Straße, sagen, was sie denken, ziehen Hosen an und schlafen, mit wem sie wollen, und essen sogar Schweinefleisch.
Diese besonderen Menschen haben sich getraut, gegen den Willen der Familie ihren Traumberuf zu ergreifen. Sie haben sich von überkommenen Traditionen befreit und animieren diejenigen, die noch in ihnen gefangen sind, es ihnen gleichzutun. Dass sie von den Verteidigern der alten Ordnung abgelehnt werden, kann ihnen nichts mehr anhaben, im Gegenteil: Jede Ablehnung macht sie nur noch stärker, denn der Widerstand der anderen zeigt ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg sind.
Alles, was sie tun, erregt Aufmerksamkeit. Ihr Handeln wird durch ihren Widerstand geadelt. Wenn sie Romane lesen, dann faulenzen sie nicht, sondern stillen ihren Hunger nach Bildung. Das selbst verdiente Geld ist ein Symbol für ihre Unabhängigkeit und kein Zeichen ihrer Gier. Ihre rasante Autofahrt durch die Stadt ist Rebellion und keine Umweltverschmutzung. Ihre vielen Liebschaften sind nicht Ausdruck ihrer Beziehungsunfähigkeit, sondern ihrer Lebenslust. Sie sind eben Vorreiter und keine Egoisten, und der Kampf um ihre eigene Freiheit ist ein Kampf für die Freiheit aller Unterdrückten dieser Welt.
Die Freiheit dagegen ist fad und kompliziert noch obendrein. Wie soll ich wissen, was ich wirklich will, wenn mir nichts verboten wird? Womit kann ich noch Aufmerksamkeit erregen, wenn alles erlaubt ist? So fiel der Musiker Rex Joswig, Gründer und Sänger der Underground-Band »Herbst in Peking«, aus der ehemaligen DDR nach dem Mauerfall in ein Loch. In den siebziger und achtziger Jahren war er berühmt, seine Konzerte immer gut besucht. Legendär war der Ausspruch, mit dem er jeden Auftritt seiner Band eröffnete: »Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht. Feiern wir diesen Tag!«
Als die Mauer fiel, war das alles vorbei.
In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Brand eins beschrieb er im Januar 2015, wie es war, als sich seine Rolle als Systemkritiker durch das Ende der DDR erübrigte: »Insofern wurde es mit der Selbstbestimmung im Westen für mich nicht einfacher. Der äußere Feind war weg, aber dafür verschwindest du hier einfach. Für jemanden, der wie ich gehört werden will, ist das schwer. In der DDR war ich eine coole Sau, im Westen nur einer von vielen.«

Es ergibt keinen Sinn zu rebellieren, wenn man frei ist; man würde sich lächerlich machen, wenn man es täte. Kaum bin ich frei, muss ich ganz allein entscheiden, was gut und richtig für mich ist. Doch plötzlich sind nicht nur die Mitstreiter verschwunden – auch das Gute und Richtige scheint es nicht mehr zu geben: Der Flug in die Freiheit vergrößert meinen CO2-Fußabdruck, das Schweineschnitzel stammt aus der Massentierhaltung, und mit meiner Karriere unterstütze ich ein Unternehmen, das mit seinen Geschäftsmethoden die Ärmsten der Armen noch ärmer macht. Die Eigentumswohnung, in der ich ein selbstbestimmtes Leben führen will, kann ich nur kaufen, wenn die ursprünglichen Mieter rausgeworfen werden. Es gehört zu einer der unangenehmsten Nebenwirkungen von Freiheit, dass ich plötzlich zum Täter werde, also mich schuldig mache, sobald ich anfange, meine Freiheit zu nutzen.

Kommentare

1. Gratulation!
Brigitte am 07.10.2015

Sehr geehrter Herr Kieling,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung, die Sie mehr als verdient haben! Es ist jedesmal eine Freude für mich, Ihre interessanten Dokumentationen zu sehen und Ihre schönen Bücher mit den tollen Fotos zu lesen! Bitte machen Sie weiter so und bleiben Sie GESUND und bitte achten Sie weiterhin auf Ihre Sicherheit bei Ihren so oft gefährlichen Reportagen!! (Jaja, ich mach mir halt Sorgen...)

Alles Gute!
Brigitte aus Freiburg

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.

Weitere Blogs zum Thema
Themen
Kategorien
Themenspecial
29. Oktober 2018
Ein Insiderbericht über Donald Trump im Weißen Haus.
Ein Insiderbericht über Donald Trump im Weißen Haus. »Entgleisung« ist ihr erschütternder Insiderbericht über den besorgniserregenden Zerfall der US-Demokratie und die moralischen Abgründe im System Trump.
Buchblog
09. Oktober 2018
Gisa Pauly erhält den rtv-Literaturpreis!
Zum ersten Mal vergab in diesem Jahr die Fernsehzeitschrift rtv den »rtv-Literaturpreis«. Über 10 Millionen Leser waren aufgerufen, ihre literarischen Favoriten zu nennen. Die meisten Stimmen konnte Gisa Pauly auf sich vereinen.
Buchblog
02. Oktober 2018
Schwierige und nervige Kollegen
Eine amüsante Typologie der nervigsten Kollegen am Arbeitsplatz - mit zahlreichen Tipps und Tricks, wie man erfolgreich Konflikte im Team lösen kann. Für mehr Spaß bei der Arbeit!
Weitere Bücher zum Thema