Nominiert für den Grimme-Preis
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Nominiert für den Grimme-Preis


News: Am Dienstag, 04. Februar 2014

Drei starke Bücher aus dem Piper Verlag sind die Vorlage für Verfilmungen, die für den Grimme-Preis nominiert wurden. Wir gratulieren zu den gelungen Literaturverfilmungen:


VerbrechenVerbrechenGlück und andere VerbrechenVerbrechen

Stories

Ein angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach 40 Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie förmlich, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe. Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: Er hat seine Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der deutschen Justiz an Leib und Seele gerettet. Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe. Lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr.Doris Dörrie verfilmt als erste eine Geschichte aus Ferdinand von Schirachs Bestseller-Erzählband »Verbrechen«. »Glück« wird im Verleih der Constantin Film in die deutschen Kinos kommen.Zum Lesungsvideo auf: www.zehnseiten.de/

Vorwort

 

Jim Jarmusch hat einmal gesagt, er würde lieber einen Film über einen Mann machen, der mit seinem Hund spazieren geht, als über den Kaiser von China. Mir geht es genauso. Ich schreibe über Strafverfahren, ich habe in mehr als siebenhundert verteidigt. Aber eigentlich schreibe ich über den Menschen, über sein Scheitern, seine Schuld und seine Großartigkeit.

Ich hatte einen Onkel, der Vorsitzender Richter an einem Schwurgericht war. Diese Gerichte sind für Tötungsdelikte, für Mord und Totschlag, zuständig. Er erzählte uns Fälle, die wir als Kinder verstanden haben. Sie begannen immer da- mit, dass er sagte: »Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Schuld ist es so eine Sache.« Er hatte recht. Wir laufen den Dingen hin­terher, sie sind schneller als wir, und am Ende können wir sie nicht erreichen. Ich erzähle von Mördern, Drogendealern, Bankräubern und Pros­tituierten. Sie haben ihre Geschichte, und sie unterscheiden sich nicht sehr von uns. Wir tanzen unser Leben lang auf einer dünnen Schicht aus Eis, darunter ist es kalt, und man stirbt schnell. Manche trägt das Eis nicht, und sie brechen ein. Das ist der Moment, der mich interessiert. Wenn wir Glück haben, passiert es nicht, und wir tanzen weiter. Wenn wir Glück haben.

Mein Onkel, der Richter, war im Krieg bei der Marine, sein linker Arm und seine rechte Hand wurden von einer Granate abgerissen. Er hat trotzdem lange nicht aufgegeben. Man sagt, er sei ein guter Richter gewesen, menschlich, ein aufrechter, gerechter Mann. Er ging gerne auf die Jagd, er hatte ein kleines Revier. Eines Morgens ging er in den Wald, er nahm den Dop­pellauf seiner Schrotflinte in den Mund und drückte mit dem Stumpf seines rechten Armes ab. Er trug einen schwarzen Rollkragenpulli, sein Jackett hatte er über einen Zweig gehängt. Sein Kopf zerplatzte. Viel später habe ich die Bilder gesehen. Er hinterließ einen kurzen Brief an seinen besten Freund, er schrieb, dass er einfach genug habe. Der Brief begann mit den Worten: »Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Schuld ist es so eine Sache.« Er fehlt mir immer noch. Jeden Tag.

Von solchen Menschen und ihren Geschichten handelt das Buch.

 

Fähner

 

Friedhelm Fähner war sein Leben lang prak­tischer Arzt in Rottweil gewesen, 2800 Krankenscheine pro Jahr, Praxis an der Hauptstraße, Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lionsclub, keine Straftaten, nicht einmal Ordnungswidrigkeiten. Neben seinem Haus besaß er zwei Mietshäuser, einen drei Jahre alten Mercedes E-Klasse mit Lederausstattung und Klimaautomatik, etwa 750000 Euro in Aktien und Obligationen und eine Kapitallebensversicherung. Fähner hatte keine Kinder. Seine einzige noch lebende Verwandte war seine sechs Jahre jüngere Schwester, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Stuttgart lebte. Über Fähners Leben hätte es eigentlich nichts zu erzählen gegeben.

Bis auf die Sache mit Ingrid.

Mit 24 Jahren hatte Fähner Ingrid auf dem sechzigsten Geburtstag seines Vaters kennengelernt. Auch sein Vater war Arzt in Rottweil gewesen.

Rottweil ist eine durch und durch bürgerliche Stadt. Jedem Fremden wird ungefragt erklärt, die Stadt sei von den Staufern gegründet und die älteste in Baden-Württemberg. Tatsächlich trifft man hier auf mittelalterliche Erker und hübsche Stechschilder aus dem 16.Jahrhundert. Die Fähners waren schon immer hier. Sie gehörten zu den sogenannten ersten Familien der Stadt, waren anerkannte Ärzte, Richter und Apotheker.

Friedhelm Fähner ähnelte dem jungen John F. Kennedy. Er hatte ein freundliches Gesicht, man hielt ihn für einen sorglosen Menschen,

die Dinge glückten ihm. Nur wenn man genauer hinsah, fiel etwas Trauriges, etwas Altes und Dunkles in seinen Zügen auf, wie man es nicht selten in dieser Gegend zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb sieht.

Ingrids Eltern, Apotheker in Rottweil, brachten ihre Tochter zu der Feier mit. Sie war drei Jahre älter als Fähner, eine handfeste Provinzschönheit mit schweren Brüsten. Wasserblaue Augen, schwarze Haare, blasse Haut – sie war sich ihrer Wirkung bewusst. Die seltsam hohe, metallische Stimme, die keinerlei Modulation zuließ, irritierte Fähner. Nur wenn sie leise sprach, hatten ihre Sätze eine Melodie.

Sie hatte die Realschule nicht abgeschlossen und arbeitete als Kellnerin. »Vorübergehend«, sagte sie zu Fähner. Ihm war das gleichgültig. Sie war ihm auf einem anderen Gebiet, das ihn mehr interessierte, weit voraus. Fähner hatte bis dahin nur zwei kurze sexuelle Kontakte mit Frauen gehabt; sie hatten ihn eher verunsichert. Er verliebte sich sofort in Ingrid.

Zwei Tage nach der Feier verführte sie ihn nach einem Picknick. Sie lagen in einer Wetterhütte, und Ingrid machte ihre Sache gut. Fähner war so durcheinander, dass er sie schon eine Woche später bat, ihn zu heiraten. Ohne zu zögern, nahm sie an: Fähner war eine sogenannte gute Partie, er studierte Medizin in München, er war attraktiv und liebevoll, und er stand kurz vor dem ersten Examen. Vor allem aber zog seine Ernsthaftigkeit sie an. Sie konnte das nicht formulieren, aber sie sagte ihrer Freundin, Fähner werde sie nie sitzen lassen. Vier Monate später wohnte sie bei ihm.

Die Hochzeitsreise ging nach Kairo, es war sein Wunsch. Wenn man ihn später nach Ägypten fragte, sagte er, es sei »schwerelos«, auch wenn er wusste, dass ihn niemand verstand. Er war dort der junge Parsifal, der reine Tor, und er war glücklich. Es war das letzte Mal in seinem Leben.

Am Abend vor der Rückreise lagen sie im Hotelzimmer. Die Fenster waren geöffnet, es war immer noch zu heiß, die Luft staute sich in dem kleinen Zimmer. Es war ein billiges Hotel, es roch nach faulem Obst, und von unten hörten sie den Straßenlärm.

Trotz der Hitze hatten sie miteinander geschlafen. Fähner lag auf dem Rücken und verfolgte die Drehungen des Deckenventilators, Ingrid rauchte eine Zigarette. Sie drehte sich zur Seite, stützte ihren Kopf auf eine Hand und sah ihn an. Er lächelte. Sie schwiegen lange.

Dann begann sie zu erzählen. Sie erzählte von den Männern vor Fähner, von Enttäuschungen und Fehlern, aber vor allem von dem französischen Oberleutnant, der sie geschwängert hatte, und von der Abtreibung, die sie fast getötet hätte. Sie weinte. Er erschrak und nahm sie in die Arme. Auf seiner Brust spürte er ihren Herzschlag, er war hilflos. Sie ist mir anvertraut, dachte er. »Du musst mir schwören, dass du auf mich aufpasst. Du darfst mich nie verlassen.« Ingrids Stimme zitterte. Es rührte ihn, er wollte sie beruhigen, er habe das doch schon in der Kirche bei der Hochzeit geschworen, er sei glücklich mit ihr, er wolle …

Sie unterbrach ihn hart, ihre Stimme wurde lauter, sie hatte jetzt den metallisch-farblosen Klang. »Schwöre es!« Und plötzlich verstand er. Das war kein Gespräch unter Liebenden, der Ventilator, Kairo, die Pyramiden, die Hitze des Hotelzimmers – alle Klischees verschwanden schlagartig. Er schob sie ein Stück von sich, um ihr in die Augen sehen zu können. Dann sagte er es. Er sagte es langsam, und er wusste, was er sagte. »Ich schwöre es.«

Er zog sie wieder zu sich und küsste ihr Gesicht. Sie schliefen noch einmal miteinander. Diesmal war es anders. Sie saß auf ihm, sie nahm sich, was sie wollte. Sie waren ernst, fremd und einsam. Als sie kam, schlug sie ihm ins Gesicht. Später lag er noch lange wach und starrte an die Decke. Der Strom war ausgefallen, der Ventilator bewegte sich nicht mehr.

Natürlich bestand Fähner sein Examen mit Auszeichnungen, legte seine Promotion ab und bekam eine erste Stelle im Kreiskrankenhaus Rottweil. Sie fanden eine Wohnung, drei Zimmer, Bad, Blick auf den Waldrand.

Als der Hausrat in München eingepackt wurde, warf sie seine Plattensammlung weg. Er bemerkte es erst beim Einzug in die neue Wohnung. Sie sagte, sie könne die Platten nicht ausstehen, er habe sie mit anderen Frauen gehört. Fähner war wütend. Sie sprachen zwei Tage fast nicht miteinander.

Fähner mochte die Klarheit des Bauhauses – sie richtete die Wohnung in Eiche und Kiefer ein, hängte Gardinen vor die Fenster und kaufte bunte Bettwäsche. Selbst die gestickten Untersetzer und die Zinnbecher nahm er hin, er wollte sie nicht bevormunden. Einige Wochen später erklärte Ingrid, es störe sie, wie er sein Besteck halte. Anfangs lachte er und meinte, sie sei kindisch. Sie wiederholte den Vorwurf am nächsten Tag und die Tage darauf. Und weil sie es ernst nahm, hielt er das Messer anders. Ingrid beschwerte sich, dass er den Müll nicht runterbringe. Er redete sich ein, dass das nur Anfangsschwierigkeiten seien. Bald darauf warf sie ihm vor, dass er zu spät nach Hause komme, er habe mit anderen Frauen geflirtet. Die Vorwürfe rissen nicht ab, bald hörte er sie täglich. Er sei unordentlich, er verschmutze seine Hemden, er zerknittere die Zeitung, er rieche schlecht, er denke nur an sich, er rede Unsinn, er betrüge sie. Fähner verteidigte sich kaum noch.

Nach einigen Jahren begannen die Beschimpfungen. Zuerst verhalten, dann immer massiver. Er sei ein Schwein, er quäle sie, er sei ein Schwachkopf. Dann kamen die Fäkalsprache und das Anschreien. Er gab auf. Nachts stand er auf und las Science-Fiction-Romane. Wie zu seinen Studentenzeiten joggte er täglich eine Stunde. Sie schliefen schon lange nicht mehr miteinander. Er bekam Angebote von anderen Frauen, aber er hatte keine Affären. Mit 35 übernahm er die Praxis seines Vaters, mit 40 war er ergraut. Fähner war müde.

Als Fähner 48 war, starb sein Vater; als er 50 war, seine Mutter. Von dem Erbe kaufte er ein Fachwerkhaus am Stadtrand. Zu dem Haus gehörten ein kleiner Park, verwahrloste Stauden, 40 Apfelbäume, zwölf Kastanien, ein Teich. Der Garten wurde Fähners Rettung. Er ließ sich Bücher kommen, abonnierte Fachzeitschriften und las alles, was es über Stauden, Teiche und Bäume zu lesen gab. Er kaufte die besten Geräte, beschäftigte sich mit Bewässerungstechnik und lernte alles mit der ihm eigenen systematischen Gründlichkeit. Der Garten erblühte, und die Stauden wurden in der Umgebung so bekannt, dass Fähner Fremde zwischen den Apfelbäumen sah, die dort fotografierten.

Unter der Woche blieb er lange in der Praxis. Als Arzt war Fähner gründlich und mitfühlend. Seine Patienten schätzten ihn, seine Diagnosen waren Maßstab in Rottweil. Er verließ das Haus, bevor Ingrid aufwachte, und kehrte erst nach neun zurück. Die Abendessen voller Vorwürfe nahm er schweigend hin. Die metallische Stimme Ingrids reihte modulationslos Satz um Satz Anfeindungen aneinander. Sie war fett geworden, ihre blasse Haut hatte sich mit den Jahren rosa gefärbt. Ihr wulstiger Hals war nicht mehr fest, vor ihrer Kehle hatte sich ein Hautlappen gebildet, der im Takt ihrer Beschimpfungen hin und her waberte. Sie litt unter Atemnot und Bluthochdruck. Fähner wurde immer dünner. Als er eines Abends mit vielen Worten vorschlug, Ingrid möge Hilfe bei einem befreun­deten Nervenarzt suchen, warf sie eine Pfanne nach ihm und brüllte, er sei eine undankbare Sau.

In der Nacht vor seinem 60. Geburtstag lag ­Fähner wach. Er hatte das ausgeblichene Ägyptenfoto hervorgeholt: Ingrid und er vor der Cheopspyramide, im Hintergrund Kamele, Tou­ris­tenbeduinen und Sand. Als sie die Hochzeitsalben weggeschmissen hatte, hatte er das Bild wieder aus dem Mülleimer gezogen. Seitdem verwahrte er es tief unten in seinem Schrank.

In dieser Nacht begriff Fähner, dass er immer weiter, bis zum Ende seines Lebens, ein Gefangener bleiben würde. Er hatte sein Versprechen in Kairo gegeben. Er musste es gerade jetzt, in den schlechten Tagen, halten; ein Versprechen nur für gute Tage gab es nicht. Das Bild verschwamm vor seinen Augen. Er zog sich aus und stellte sich nackt vor den Spiegel im Badezimmer. Er sah sich lange an. Dann setzte er sich auf den Rand der Badewanne. Zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben weinte er.

Fähner arbeitete in seinem Garten. Er war jetzt 72, vor vier Jahren hatte er die Praxis verkauft. Wie immer war er um sechs Uhr aufgestanden. Er hatte das Gästezimmer – er wohnte schon seit Jahren dort – leise verlassen. Ingrid schlief noch. Es war ein leuchtender Septembervormittag. Der Frühnebel hatte sich zurückgezogen, die Luft war klar und kalt. Fähner jätete mit der Hacke das Unkraut zwischen den Herbststauden. Es war eine anstrengende und eintönige Arbeit. Fähner war zufrieden. Er freute sich auf den Kaffee, den er wie immer in seiner Pause um halb zehn trinken würde. Fähner dachte an den Rittersporn, den er im Frühjahr gepflanzt hatte. Er würde im Spätherbst ein drittes Mal blühen.

Plötzlich riss Ingrid die Terrassentür auf. Sie brüllte, er habe schon wieder vergessen, das Fenster im Gästezimmer zu schließen, er sei einfach nur ein Idiot. Ihre Stimme überschlug sich. Blankes Metall.

Fähner würde später nicht genau beschreiben können, was er in diesem Moment dachte. Es habe in ihm, ganz tief unten, hart und scharf zu leuchten begonnen. Alles sei überdeutlich in diesem Licht gewesen. Gleißend.

Er bat Ingrid, in den Keller zu kommen, und nahm selbst die Außentreppe. Ingrid betrat schnaufend den Kellerraum, in dem er die Gartengeräte aufbewahrte. Sie hingen geordnet nach Funktion und Größe an den Wänden oder standen gereinigt in Blech- und Plastikeimern. Es waren schöne Geräte, die er in den vergangenen Jahren zusammengetragen hatte. Ingrid kam selten hierher. Als sie die Tür öffnete, nahm Fähner wortlos die Baumaxt von der Wand. Sie stammte aus Schweden, handgeschmiedet, sie war ein­gefettet und ohne Rost. Ingrid verstummte. Er trug noch die groben Gartenhandschuhe. Ingrid starrte auf die Axt. Sie wich nicht aus. Bereits der erste Schlag, der ihre Schädeldecke spaltete, war tödlich. Die Axt drang mit abgesplitterten Knochenstücken weiter bis in das Gehirn, die Schneide teilte ihr Gesicht. Noch bevor sie zu Boden fiel, war sie tot. Fähner hatte Mühe, die Axt aus ihrem Schädel zu hebeln, er stellte seinen Fuß auf ihren Hals. Mit zwei wuchtigen Hieben trennte er den Kopf vom Rumpf. Der Gerichtsmediziner verzeichnete später siebzehn weitere Schläge, die Fähner benötigte, um Arme und Beine abzutrennen.

Fähner atmete schwer. Er setzte sich auf den ­kleinen Holzschemel, den er sonst beim Pflanzen benutzte. Die Beine des Hockers standen im Blut. Fähner bekam Hunger. Irgendwann stand er auf, zog sich neben der Leiche aus und wusch sich am Gartenwaschbecken im Keller das Blut aus den Haaren und vom Gesicht. Er schloss den Keller ab und ging über die Innentreppe in die Wohnung. Oben kleidete er sich wieder an, wählte den Polizeinotruf, nannte seinen Namen und die Anschrift und sagte wörtlich: »Ich habe Ingrid klein gemacht. Kommen Sie sofort.« Der Anruf wurde aufgezeichnet. Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf. Seine Stimme war nicht erregt.

Die Polizisten trafen ohne Sirene und Blaulicht ein paar Minuten nach dem Anruf vor Fähners Haus ein. Einer der Beamten war seit 29 Jahren im Polizeidienst, alle in seiner Familie waren bei Fähner Patienten gewesen. Fähner stand vor dem Gartentor und gab ihm die Schlüssel. Er sagte, sie sei im Keller. Der Polizist wusste, dass es ­besser war, keine Fragen zu stellen: Fähner trug einen Anzug, aber weder Schuhe noch Strümpfe. Er war sehr ruhig.

Der Prozess dauerte vier Tage. Der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer war ein erfahrener Mann. Er kannte Fähner, über den er zu richten hatte. Und er kannte Ingrid. Falls er sie nicht genügend gekannt hatte, gaben die Zeugen Auskunft. Jeder bedauerte Fähner, jeder ergriff für ihn Partei. Der Postbote sagte, er habe Fähner »für einen Heiligen« gehalten, »wie er es mit der ausgehalten« habe, sei »ein Wunder«. Der Psy­chiater bescheinigte Fähner einen »Affektstau«, schuldunfähig sei er nicht gewesen.

Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.

Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Mensch scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem »aber« liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.

Fähners Schwester, die mich um die Verteidigung ihres Bruders gebeten hatte, saß im Zuschauerraum. Sie weinte. Seine alte Praxisschwes­ter hielt ihre Hand. Fähner war im Gefängnis noch dünner geworden. Er saß regungslos auf der Anklagebank aus dunklem Holz.

In der Sache gab es nichts zu verteidigen. Es war ein rechtsphilosophisches Problem: Was ist der Sinn von Strafe? Weshalb strafen wir? Im Plädoyer versuchte ich den Grund zu finden. Es gibt eine Fülle von Theorien. Strafe soll uns abschrecken, Strafe soll uns schützen, Strafe soll den Täter davon abhalten, nochmals eine Tat zu begehen, Strafe soll Unrecht aufwiegen. Unser Gesetz vereinigt diese Theorien, aber keine passte hier richtig. Fähner würde nicht erneut töten. Das Unrecht der Tat war offensichtlich, aber es war schwer zu wiegen. Und wer wollte Vergeltung üben? Es wurde ein langes Plädoyer. Ich erzählte seine Geschichte. Ich wollte, dass man verstand, dass Fähner am Ende angekommen war. Ich sprach, bis ich glaubte, das Gericht erreicht zu haben. Als ein Schöffe nickte, setzte ich mich wieder.

Fähner hatte das letzte Wort. Das Gericht hört am Ende eines Prozesses den Angeklagten, die Richter sollen seine Worte in die Beratung mitnehmen. Er verneigte sich, die Hände hatte er ineinandergelegt. Er hatte die Sätze nicht auswendig lernen müssen, es war die Zusammenfassung seines Lebens:

»Ich habe meine Frau geliebt, und am Ende habe ich sie getötet. Ich liebe sie immer noch, ich habe es ihr versprochen, sie ist immer noch meine Frau. Das wird sich bis zu meinem Tod nicht ändern. Ich habe mein Versprechen gebrochen. Ich muss mit meiner Schuld leben.«

Fähner setzte sich, verstummte und starrte wieder auf den Boden. Es war still im Saal, selbst der Vorsitzende wirkte beklommen. Dann erklärte er, dass sich das Gericht zur Beratung zurückziehe, das Urteil werde am nächsten Tag verkündet.

An diesem Abend besuchte ich Fähner noch einmal im Gefängnis. Es gab nicht mehr viel zu sagen. Er hatte einen zerknitterten Umschlag mitgebracht, aus dem er das Bild der Hoch­zeitsreise zog. Er strich mit dem Daumen über Ingrids Gesicht. Die obere Schutzschicht hatte sich längst von dem Foto gelöst, ihr Gesicht war fast weiß.

Fähner wurde zu drei Jahren verurteilt, der Haftbefehl wurde aufgehoben, und er wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Er konnte die Strafe im offenen Vollzug verbüßen. Offener Vollzug bedeutet, dass der Verurteilte in der Haftanstalt übernachten muss und sich tagsüber in Freiheit aufhalten darf. Voraussetzung ist, dass er einem Beruf nachgeht. Es war nicht einfach, einen neuen Beruf für einen 72-Jährigen zu finden. Schließlich fand seine Schwester die Lösung: Fähner meldete ein Gewerbe zum Obsthandel an – er verkaufte die Äpfel aus seinem Garten.

Vier Monate später traf in meiner Kanzlei eine Kiste mit zehn roten Äpfeln ein. In dem beigelegten Umschlag befand sich ein einzelnes Blatt Papier:

»In diesem Jahr sind die Äpfel gut. Fähner«

 

Tanatas Teeschale

 

Sie waren auf einer dieser öffentlichen Studentenpartys in Berlin. Dort gab es immer ein paar Mädchen, die auf Jungs aus Kreuzberg und Neukölln standen, einfach nur, weil sie anders waren. Vielleicht zog es sie an, in ihnen das Verletzliche zu suchen. Auch diesmal schien Samir Glück zu haben: Sie hatte blaue Augen und lachte viel.

Plötzlich tauchte ihr Freund auf, Samir solle verschwinden, oder man würde das auf der Straße austragen. Samir verstand nicht, was »austragen« hieß, aber er verstand die Aggression. Sie wurden nach draußen gedrängt. Ein älterer Student sagte zu Samir, der andere sei Amateur­boxer und Meister der Uni. Samir sagte: »Mir scheißegal.« Er war erst 17, aber er hatte über 150 Straßenkämpfe hinter sich, und es gab nur wenige Dinge, vor denen er Angst hatte – Schlägereien gehörten nicht dazu. Der Boxer war muskulös, einen Kopf größer und ein ganzes Stück breiter als Samir. Und er grinste blöde. Um die beiden bildete sich ein Kreis, und während der Boxer sich noch die Jacke auszog, trat Samir mit der Schuhspitze in seine Hoden. Die Schuhe hatten auf der Innenseite Stahlkappen, der Boxer gurgelte und wollte sich vor Schmerz zusammenkrümmen. Samir packte seinen Kopf an den Haaren, riss ihn runter und rammte ihm gleichzeitig das rechte Knie ins Gesicht. Obwohl es ziemlich laut auf der Straße war, konnte man hören, wie der Kiefer des Boxers knackte. Er lag blutend auf dem Asphalt, eine Hand vor dem Schoß, die andere vor dem Gesicht. Samir nahm zwei Schritte Anlauf; der Tritt brach dem Boxer zwei Rippen.

Samir fand, er habe sich fair verhalten. Er hatte nicht in das Gesicht getreten, und vor allem: Er hatte das Messer nicht benutzt. Es war einfach gewesen, er war kaum außer Atem. Er ärgerte sich, weil die Blonde nicht mit ihm abhaute, ­sondern heulte und sich um den Mann am Boden kümmerte. »Scheiß Schlampe«, sagte er und ging nach Hause.

Der Jugendrichter verurteilte Samir zu zwei Wochen Dauerarrest und zur Teilnahme an einem Antigewaltseminar. Samir war wütend. Er versuchte den Sozialarbeitern in der Jugendstrafanstalt zu erklären, dass das Urteil falsch sei. Der Boxer habe angefangen, er sei nur schneller gewesen. So etwas sei kein Spiel, man könne Fußball spielen, aber Boxen spiele niemand. Der Richter habe die Regeln nicht kapiert.

Özcan holte Samir nach den zwei Wochen vom Gefängnis ab. Özcan war Samirs bester Freund. Er war 18 Jahre alt, ein großer und langsamer Junge mit teigigem Gesicht. Er hatte schon mit zwölf eine Freundin gehabt und die Aktivitäten mit ihr mit dem Handy gefilmt. Das hatte ihm für alle Zeiten seinen Platz gesichert. Özcan hatte einen absurd großen Penis, und er stellte sich in den Pissoirs immer so hin, dass die anderen ihn sehen konnten. Er wollte unbedingt nach New York. Er war noch nie dort gewesen, er sprach kein Englisch, aber er war besessen von der Stadt. Man sah ihn nie ohne seine dun­kel­blaue Kappe mit der Aufschrift »N.Y.«. Er wollte in Manhattan einen Nachtclub mit Restaurant und Go-go-Tänzerinnen betreiben. Oder so etwas Ähnliches. Er konnte nicht erklären, wieso es ausgerechnet New York sein sollte, aber er dachte auch nicht darüber nach. Sein Vater hatte sein Leben lang in einer Glühbir­nenfabrik gearbeitet, er war aus der Türkei nur mit einem Koffer eingewandert. Sein Sohn war seine Hoffnung. Die New-York-Sache verstand er nicht.

Özcan sagte zu Samir, er habe jemanden kennengelernt, der einen Plan habe. Er heiße Manólis, der Plan sei gut, aber Manólis »nicht ganz dicht«.

Manólis stammte aus einer griechischen Familie, die eine Reihe von Restaurants und Inter­netcafés in Kreuzberg und Neukölln betrieb. Er hatte Abitur gemacht, angefangen, Geschichte zu studieren, und sich nebenbei im Drogen­handel versucht. Vor ein paar Jahren war etwas schiefgelaufen. In dem Koffer waren anstelle von Kokain nur Papier und Sand gewesen. Der Käufer schoss auf Manólis, als er mit Wagen und Geld fliehen wollte. Der Käufer war kein guter Schütze, von den neun Kugeln traf nur eine. Sie drang in Manólis’ Hinterkopf ein und blieb dort stecken. Manólis hatte das Projektil noch im Kopf, als er mit einem Funkstreifen­wagen zusammenstieß. Erst im Krankenhaus entdeckten die Ärzte es, und seitdem hatte Manólis ein Problem. Nach der Operation verkündete er seiner Familie, dass er ab jetzt Finne sei, feierte jedes Jahr den 6.Dezember als finnischen Nationalfeiertag und versuchte erfolglos, die Sprache zu lernen. Außerdem hatte er immer wieder Ausfälle, und vielleicht war deshalb sein Plan auch kein wirklich vollständiger Plan.

Aber Samir fand, dass es immerhin so eine Art Plan war: Manólis’ Schwester hatte eine Freundin, die als Putzfrau in einer Villa in Dahlem arbeitete. Sie brauchte dringend Geld, also hatte sie Manólis gegen eine kleine Beteiligung vorgeschlagen, in das Haus einzubrechen. Sie kannte den Code der Alarmanlage und den des elek­tronischen Schlosses, sie wusste den Ort des Tresors und vor allem, dass der Besitzer bald für vier Tage außerhalb Berlins sein würde. Samir und Özcan waren sofort einverstanden.

In der Nacht vor der Tat schlief Samir schlecht, er träumte von Manólis und von Finnland. Als er erwachte, war es zwei Uhr mittags. Er sagte »Scheiß Richter« und scheuchte seine Freundin aus dem Bett. Um vier Uhr musste er beim Antigewaltseminar sein.

Gegen zwei Uhr nachts holte Özcan die anderen ab. Manólis war eingeschlafen, Samir und Özcan mussten zwanzig Minuten vor der Tür warten. Es war kalt, die Scheiben beschlugen, sie verfuhren sich und schrien sich gegenseitig an. Kurz vor drei Uhr trafen sie in Dahlem ein. Im Auto zogen sie die schwarzen Wollmasken an, sie waren zu groß, verrutschten und kratzten, sie schwitzten darunter. Özcan hatte ein Wollknäuel im Mund, er spuckte es auf das Arma­turenbrett. Sie streiften sich Plastikhandschuhe über und liefen über den Kiesweg zum Eingang der Villa.

Manólis tippte den Code in die Tastatur des Schlosses. Die Tür öffnete sich mit einem Klicken. Im Eingang befand sich die Alarmanlage. Nachdem Manólis auch dort eine Zahlenkombination eingegeben hatte, wechselten die Lämpchen ihre Farbe von Rot auf Grün. Özcan musste lachen. »Özcans Eleven«, sagte er laut, er liebte Kinofilme. Die Anspannung löste sich. So leicht war es noch nie gewesen. Die Eingangstür fiel ins Schloss, sie standen im Dunkeln. Sie fanden den Lichtschalter nicht. Samir fiel über eine Stufe und schlug sich die linke Augenbraue an einem Garderobenständer auf. Özcan stolperte über Samirs Füße und stützte sich im Fallen auf seinen Rücken. Samir ächzte unter seinem Gewicht. Manólis stand noch, er hatte die Taschenlampen vergessen.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Samir wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Endlich fand Manólis den Lichtschalter. Das Haus war japanisch eingerichtet – Samir und Özcan waren davon überzeugt, dass niemand so wohnen könne. Sie brauchten nur ein paar Minuten, um den Tresor zu finden, die Beschreibung war gut. Sie hebelten ihn mit Brech­stangen aus der Wand und schleppten ihn zum Auto. Manólis wollte nochmals zurück ins Haus, er hatte die Küche entdeckt, und er hatte Hunger. Sie diskutierten das lange, bis Samir entschied, es sei zu gefährlich, man könne auch unterwegs an einer Imbissbude halten. Manólis murrte.

In einem Keller in Neukölln versuchten sie, den Tresor zu öffnen. Sie hatten Erfahrung mit Panzerschränken, aber dieser widerstand. Özcan musste den Hochleistungsbohrer seines Schwagers ausleihen. Als der Tresor vier Stunden später offen war, wussten sie, dass es sich gelohnt hatte. Sie fanden 120000 Euro in bar und in einer Schatulle sechs Uhren. Und dann war da noch eine kleine schwarz lackierte Holzkiste. Samir öffnete sie. Sie war mit roter Seide ausgeschlagen, in ihr befand sich eine alte Schale. Özcan fand sie hässlich und wollte sie wegschmeißen, Samir wollte sie seiner Schwester schenken, und Manólis war alles gleichgültig, er hatte immer noch Hunger. Schließlich einigten sie sich darauf, die Schale Mike zu verkaufen. Mike hatte ein kleines Geschäft mit einem großen Schild, er nannte sich Antiquitätenhändler, aber er besaß eigentlich nur einen Mini-LKW und beschäftigte sich mit Wohnungsauflösungen und Gerümpel. Er bezahlte ihnen 30 Euro für die Schale.

Als sie den Keller verließen, klopfte Samir Özcan auf die Schulter, wiederholte: »Özcans Eleven«, und alle lachten. Manólis’ Schwester würde für ihre Freundin 3000 Euro bekommen. Jeder von ihnen hatte fast 40000 Euro in der Tasche, Samir würde die Uhren an einen Hehler verkaufen. Es war ein einfacher und guter Einbruch gewesen, es würde keine Probleme geben.

Sie täuschten sich.

Hiroshi Tanata stand in seinem Schlafzimmer und betrachtete das Loch in der Wand. Er war 76 Jahre alt, seine Familie hatte Japan seit vielen hundert Jahren mitgeprägt, sie war in Versicherungen, Banken und der Schwerindustrie engagiert. Tanata schrie nicht, er gestikulierte nicht, er starrte nur in das Loch. Aber sein Sekretär, der seit dreißig Jahren in seinen Diensten stand, sagte abends seiner Frau, er habe Tanata noch nie so wütend gesehen.

Der Sekretär hatte an diesem Tag viel zu tun. Die Polizei war im Haus und stellte Fragen. Sie verdächtigte die Hausangestellten – immerhin war die Alarmanlage ausgeschaltet und die Tür ohne Gewalt geöffnet worden –, aber der Verdacht ließ sich nicht konkretisieren. Tanata nahm seine Angestellten in Schutz. Mit der Tatort­arbeit kam man auch nicht weiter, die Techniker des LKA fanden keine Fingerabdrücke, und an DNA-Spuren war nicht zu denken – die Putzfrau hatte gründlich sauber gemacht, bevor die Polizei gerufen wurde. Der Sekretär kannte seinen Chef gut und beantwortete die Fragen der Beamten ausweichend und einsilbig.

Wichtiger war es, die Presse und die großen Sammler zu informieren: Sollte jemandem die Tanata-Teeschale zum Kauf angeboten werden, würde die Familie, in deren Besitz sie seit mehr als 400 Jahren war, sie zu Höchstpreisen zurückkaufen. In diesem Fall bäte Tanata nur um den Namen des Verkäufers. — Das Friseurgeschäft auf der Yorckstraße hieß wie sein Besitzer: »Pocol«. Im Schaufenster standen zwei ausgeblichene Wella-Reklamebilder aus den Achtzigerjahren: eine blonde Schönheit mit Ringelpulli und zu vielen Haaren und ein Mann mit langem Kinn und Oberlippenbart. Pocol hatte das Geschäft von seinem Vater geerbt. In seiner Jugend hatte Pocol noch selbst Haare ge- schnitten, das Handwerk hatte er zu Hause ge- lernt. Jetzt betrieb er einige legale und viele illegale Geldspielsalons. Er behielt den Laden, saß den ganzen Tag auf einem der beiden bequemen Frisierstühle, trank Tee und machte seine Geschäfte. Mit den Jahren war er fett gewor­den, er liebte türkische Süßigkeiten. Sein Schwager betrieb drei Häuser weiter eine Konditorei und machte die besten »balli elmalar« der Stadt, Apfelscheiben mit Honig, die in heißem Fett gebraten werden.

Pocol war cholerisch und brutal, und er wusste, dass das sein Kapital war. Jeder hatte schon einmal die Geschichte des Wirtes gehört, der zu Pocol gesagt hatte, er solle bezahlen, was er esse. Das war fünfzehn Jahre her. Pocol kannte den Wirt nicht, und der Wirt kannte Pocol nicht. Pocol hatte die Bestellung an die Wand gewor­fen, war zu dem Kofferraum seines Wagens ge- gan­gen und mit einem Baseballschläger zurückgekehrt. Der Wirt verlor die Sehkraft auf dem rechten Auge, die Milz und die linke Niere und verbrachte den Rest seines Lebens im Rollstuhl. Pocol wurde wegen versuchten Totschlags zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Am Tag des Urteils stürzte der Wirt mit seinem Rollstuhl eine U-Bahn-Treppe herunter. Er brach sich das Genick, und nachdem Pocol entlassen wurde, musste er nie wieder ein Essen bezahlen. Pocol las in der Zeitung von dem Einbruch. Nach einem Dutzend Anrufen bei Verwandten, Freunden, Hehlern und anderen Geschäftspartnern wusste er, wer bei Tanata eingebrochen war. Er schickte einen Torpedo los, einen aufstrebenden Jungen, der alles für ihn tat. Das Torpedo richtete Samir und Özcan aus, Pocol wolle sie sprechen. Sofort.

Die beiden erschienen kurze Zeit später in dem Friseursalon, Pocol ließ man nicht warten. Es gab Tee und Süßigkeiten, man war guter Stimmung. Plötzlich begann Pocol zu schreien, packte Samir an den Haaren, schleifte ihn durch den Laden und trat ihn in einer Ecke zusammen. Samir wehrte sich nicht und bot zwischen zwei Tritten dreißig Prozent an. Pocol nickte grunzend, wandte sich von Samir ab und schlug Özcan mit einem flachen Holzbrett, das er für solche Fälle im Laden hatte, auf die Stirn. Danach beruhigte er sich, setzte sich zurück auf den Friseurstuhl und rief seine Freundin aus dem Nebenzimmer. Pocols Freundin hatte vor einigen Monaten noch als Modell gearbeitet und es geschafft, das Septembermädchen des Playboy zu werden. Sie träumte von Laufstegen oder einer Karriere bei einem Musiksender, bis Pocol sie entdeckte, ihren Freund zusammenschlug und ihr Manager wurde. Er nannte das »pflücken«. Er ließ ihre Brüste vergrößern und ihren Mund aufspritzen. Anfangs glaubte sie ihm seine Pläne, und Pocol bemühte sich wirklich, sie bei einer Agentur unterzubringen. Als es ihm zu mühsam wurde, folgten Auftritte in Diskotheken, später in Stripshows, und am Ende waren es Pornos, die man in Deutschland nicht legal erwerben konnte. Irgendwann setzte Pocol ihr den ersten Schuss Heroin, jetzt war sie von ihm abhängig und liebte ihn. Pocol hatte keinen Sex mehr mit ihr, seit seine Freunde sie in einem Film als Urinal benutzt hatten. Sie war nur noch da, weil er sie nach Beirut verkaufen wollte – Menschenhandel funktionierte auch in diese Richtung –, und schließlich musste das Geld für den Schönheitschirurgen wieder reinkommen.

Die Freundin verband Özcans Platzwunde, und Pocol machte Witze, dass er jetzt wie ein Indianer aussehe, »Verstehste, wie Rothaut«. Es gab erneut frischen Tee und Süßigkeiten, die Freundin wurde weggeschickt, und die Verhandlungen konnten fortgesetzt werden. Man einigte sich auf fünfzig Prozent, die Uhren und die Schale sollten an Pocol gehen. Samir und Özcan gestanden ihre Fehler ein, Pocol betonte, es sei nicht persönlich gemeint, und zur Verabschiedung umarmte er Samir und küsste ihn herzlich.

Kurz nachdem die beiden den Laden wieder verlassen hatten, rief Pocol Wagner an. Wagner war ein Betrüger und Hochstapler. Er war 1,60 Meter groß, seine Haut war durch die Jahre im Solarium gelb geworden, seine Haare waren braun gefärbt und am Ansatz einige Zentimeter grau herausgewachsen. Wagners Wohnung war ein Klischee der Achtzigerjahre. Sie erstreckte sich über zwei Etagen, das Schlafzimmer mit Spie­gelschränken, Flokatiteppichen und einem enormen Bett lag im oberen Stock. Das Wohnzimmer unten war eine Landschaft weißer Leder­sofas, weißer Marmorböden, weißer Lackwände und Couchtischchen in Diamantenform. Wagner liebte alles, was glitzert, selbst sein Funktelefon war mit Glassteinchen überzogen. Vor einigen Jahren hatte er Privatinsolvenz angemeldet, seinen Besitz auf Verwandte verteilt, und weil die Justiz in diesen Dingen träge ist, gelang es ihm, immer weiter Schulden zu machen. Tatsächlich besaß Wagner nichts mehr; die Wohnung gehörte seiner Exehefrau, seine Krankenversicherung konnte er seit Monaten nicht bezahlen, und die Rechnung des Schönheitssalons für das Permanent-Make-up seiner Freundin war noch immer offen. Das Geld, das er früher leicht verdient hatte, hatte er für Autos und Champagner-Koks-Partys auf Ibiza ausgegeben. Jetzt waren die Investmentbanker, mit denen er damals gefeiert hatte, verschwunden, und er konnte sich die neuen Reifen für den zehn Jahre alten Ferrari nicht mehr leisten. Wagner wartete seit Langem auf die eine große Gele­genheit, die alles zum Guten wenden würde. In Cafés bestellte er bei Kellnerinnen »’ne Latte« und brüllte dann jedes Mal wieder vor Lachen über den Altherrenwitz; Wagner litt schon sein ganzes Leben unter seiner Bedeutungslosigkeit.

Während der durchschnittliche Betrüger nur hochstapelt, war Wagner geschickter. Er gab sich als »harter Berliner Junge von ganz unten«, der »es geschafft« habe. Menschen aus bürger­licheren Schichten fassten Vertrauen zu ihm. Sie glaubten, er sei zwar grob, laut und unangenehm, aber gerade deshalb unverstellt und ehrlich. Wagner war weder hart noch ehrlich. Er hatte es – auch nach seinen Maßstäben – nicht »geschafft«. Er war nur auf eine verschlagene Art intelligent, und weil er selbst schwach war, erkannte er die Schwächen anderer Menschen. Er nutzte sie auch dann aus, wenn er keinen Vorteil davon hatte.

Manchmal bediente sich Pocol Wagners. Er verprügelte Wagner, wenn er frech wurde, es das letzte Mal zu lange her war oder er einfach Lust dazu hatte. Ansonsten hielt er ihn für Abfall. Für diesen Job aber schien Wagner ihm der Richtige zu sein. Pocol hatte die Erfahrung gemacht, dass er außerhalb seiner Kreise wegen seiner Herkunft und Sprache nicht ernst genommen wurde.

Wagner erhielt den Auftrag, sich bei Tanata zu melden und ihm anzubieten, dass er Schale und Uhren zurückkaufen könne, Einzelheiten sollte er noch offenlassen. Wagner sagte zu. Er bekam die Telefonnummer Tanatas heraus und sprach zwanzig Minuten mit dem Sekretär. Wagner wurde versichert, dass die Polizei nicht eingeschaltet würde. Nachdem er aufgelegt hatte, freute er sich, streichelte die beiden Chihuahuas, die er Dolce und Gabbana getauft hatte, und überlegte, wie er Pocol doch noch ein wenig betrügen könnte.

Eine Garotte ist ein dünner Draht, an dessen Enden kleine Holzgriffe angebracht sind. Sie entwickelte sich aus einem mittelalterlichen Folter- und Henkersinstrument – bis 1973 wurden damit in Spanien Todesurteile vollstreckt –, und sie ist noch heute ein beliebtes Mordwerkzeug. Ihre Bestandteile lassen sich in jedem Baumarkt erwerben, sie ist preiswert, leicht zu transportieren und effektiv: Die Schlinge wird dem Opfer von hinten um den Hals gelegt und mit Kraft zugezogen, es kann nicht schreien und stirbt schnell.

Vier Stunden nach dem Anruf bei Tanata läutete es an Wagners Wohnungstür. Wagner öffnete die Tür einen Spalt weit. Die Pistole, die er sich in den Hosenbund gesteckt hatte, rettete ihn nicht. Schon der erste Schlag gegen seinen Kehlkopf nahm ihm die Luft, und als die Garotte eine Dreiviertelstunde später sein Leben beendete, war er dankbar, sterben zu dürfen. Wagners Putzfrau stellte am nächsten Morgen die Einkäufe in die Küche und sah zwei abgeschnittene Finger in der Spüle kleben. Sie rief die Polizei. Wagner lag in seinem Bett, seine Oberschenkel waren mit einer Schraubzwinge zusammengepresst, in der linken Kniescheibe steckten zwei, in der rechten drei Zimmermannsnägel. Eine Garotte lag um seinen Hals, seine Zunge hing aus dem Mund. Wagner hatte sich vor seinem Tod eingenässt, und die ermittelnden Be- amten rätselten, welche Informationen er dem Täter preisgegeben hatte. Im Wohnzimmer, zwischen Marmorboden und Zimmerwand, lagen die beiden Hunde; ihr Kläffen musste den Besucher gestört haben, er hatte sie zertreten. Die Spurensicherung versuchte, in den Kadavern einen Abdruck des Sohlen­profils zu nehmen, erst in der Pathologie konnte ein Stückchen Plastik aus einem der Hunde gesichert werden. Der Täter hatte offensichtlich über seinen Schuhen Plastiktüten ge­tragen.

In der gleichen Nacht, in der Wagner starb, brachte Pocol gegen fünf Uhr morgens das Münzgeld aus seinen Spielhallen in zwei Plastik­eimern in das Friseurgeschäft. Er war müde, und als er sich nach vorne beugte, um die Tür aufzuschließen, hörte er ein hell surrendes Geräusch. Er kannte es. Sein Gehirn konnte es nicht schnell genug einordnen, aber eine hundertstel Sekunde bevor die Kugel am Ende der Teleskopstahlrute auf seinen Hinterkopf klatschte, wusste er, was es war.

Seine Freundin fand ihn im Laden, als sie ihn um Heroin anbetteln wollte. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf einem der beiden Friseurstühle, die Arme hatte er um den Stuhl gelegt, als wollte er ihn umarmen. Seine Hände waren auf der Unterseite mit Kabelbindern gefesselt, der massige Körper klemmte zwischen den Armlehnen. Pocol war nackt, aus seinem After ragte ein ab- gebrochener Besenstiel. Der Gerichtsmediziner stellte bei der Obduktion fest, dass die Wucht, mit der das Holz eingeführt worden war, auch die Blase perforiert hatte. Pocols Körper wies am Rücken und Kopf insgesamt 117 Platz­wunden auf, die Stahlkugel des Totschlägers hatte vierzehn Knochen gebrochen. Welcher der Schläge ihn am Ende getötet hatte, konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Pocols Tresor war nicht aufgebrochen worden, die beiden Eimer mit dem Automatengeld standen fast unberührt im Eingang. Eine Münze hatte Pocol im Mund, als er starb, und eine weitere fand man in seiner Speiseröhre.

Die Ermittlungen liefen ins Leere. Die Finger­abdrücke in Pocols Laden konnten allen mög­lichen Straftätern in Neukölln und Kreuzberg zugeordnet werden. Die Folter mit dem Besenstiel deutete auf arabische Täter hin, sie galt als besondere Form der Demütigung. Es gab ein paar Festnahmen und Vernehmungen im Umfeld, die Polizei glaubte an Revierstreitig­keiten, aber sie hatte nichts in der Hand. Pocol und ­Wagner waren nie zusammen polizeilich in Erschei­nung getreten, die Mordkommission konnte keinen Zusammenhang zwischen den Taten herstellen. Und am Ende gab es nur eine Menge Theorien.

Pocols Laden und der davor liegende Bürgersteig waren mit weiß-rotem Flatterband gesichert, Scheinwerfer leuchteten den Raum aus. Jeder in Neukölln, den es interessierte, wusste noch während der Tatortarbeit der Polizei, wie Pocol ge- storben war. Und nun hatten Samir, Özcan und Manólis wirklich Angst. Sie standen um 11 Uhr mit dem Geld, den Uhren und der Teeschale vor Pocols Laden in der Menschenmenge. Mike, der Antiquitätenhändler, dem sie die Schale verkauft hatten, kühlte sich vier Straßen weiter sein rechtes Auge. Er hatte die Schale zurückgeben und eine Aufwandsentschädigung bezahlen müssen. Das blaue Auge gehörte dazu, so waren die Regeln. Manólis sprach aus, was alle dachten: Pocol war gefoltert worden, und falls es dabei um sie gegangen war, hatte er sie natürlich verraten. Wenn sich jemand traute, Pocol zu töten, gab es für ihr eigenes Leben wenig Hoffnung. Samir sagte, dass die Sache mit der Schale schnell geregelt werden müsse. Die anderen stimmten zu, und schließlich kam Özcan auf die Idee, zu einem Anwalt zu gehen.

Die drei jungen Männer erzählten mir die Geschichte; das heißt, Manólis sprach, er schweifte immer wieder ins Philosophische ab und hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Das Ganze dauerte ziemlich lange. Dann sagten sie, sie seien sich nicht sicher, ob Tanata wüsste, wer eingebrochen sei. Sie legten Geld, Uhren und das Lackkästchen mit der Teeschale auf den Besprechungstisch und baten mich, die Gegenstände dem Eigentümer zurückzugeben. Ich verzeichnete alles so genau wie möglich, das Geld nahm ich nicht an, es wäre Geldwäsche gewesen. Ich telefonierte mit Tanatas Sekretär und vereinbarte für den Nachmittag einen Termin.

Tanatas Haus lag in einer ruhigen Straße in Dahlem. Es gab keine Türklingel, eine unsichtbare Lichtschranke löste ein Signal aus, einen dunklen Gong, wie in einem Zenkloster. Der Sekretär übergab mir mit beiden Händen und spitzen Fingern seine Visitenkarte, was ein wenig sinnlos schien, da ich bereits da war. Dann fiel mir ein, dass der Visitenkartenaustausch in Japan ein Ritual war, und ich tat das Gleiche. Der Sekretär war freundlich und ernst. Er brachte mich in einen Raum mit erdfarbenen Wänden und einem Boden aus schwarzem Holz. Wir setzten uns an einen Tisch auf harte Stühle, ansonsten war das Zimmer leer, nur ein dun­kelgrünes Ikebana-Arrangement stand in der Wandnische. Das indirekte Licht war warm und gedämpft.

Ich öffnete meine Aktentasche und breitete die Gegenstände aus. Der Sekretär legte die Uhren auf ein bereitstehendes Ledertablett, das geschlossene Kästchen mit der Teeschale berührte er nicht. Ich bat ihn, die vorgefertigte Quittung zu unterschreiben. Er entschuldigte sich und verschwand hinter einer Schiebetür.

Es wurde vollkommen still.

Dann kam er zurück, unterschrieb die Quittung für die Uhren und die Teeschale, nahm das Tablett mit und ließ mich wieder allein. Noch immer war das Kästchen ungeöffnet.

Tanata war klein und sah irgendwie vertrocknet aus. Er begrüßte mich auf westliche Art, war offensichtlich gut gelaunt und erzählte von seiner Familie in Japan.

Nach einiger Zeit ging er zum Tisch, öffnete das Kästchen und hob die Schale heraus. Er fasste sie mit einer Hand am Boden und drehte sie langsam mit der anderen vor seinen Augen. Es war eine Matcha-Schale, in der mit einem kleinen Bambusbesen leuchtend grünes Teepulver geschlagen wird. Die Schale war schwarz, über dunklem Scherben glasiert. Solche Schalen wurden nicht auf Scheiben hergestellt, sondern von Hand geformt, keine glich der anderen. Die älteste Töpferschule signierte die Keramik mit dem Zeichen Raku. Ein Freund hatte mir einmal gesagt, dass in diesen Schalen das alte Japan lebe. Tanata stellte sie behutsam wieder in das Kästchen und sagte: »Die Schale wurde 1581 von Chojiro für unsere Familie geschaffen.« Chojiro war der Gründer der Raku-Tradition. Die Schale starrte aus der roten Seide wie ein schwarzes Auge. »Wissen Sie, es hat schon einmal einen Krieg wegen dieser Schale gegeben. Das ist sehr lange her, der Krieg dauerte fast fünf Jahre. Ich bin froh, dass es diesmal schneller ging.« Er ließ den Deckel des Kastens zuschnappen. Es hallte.

Ich sagte, dass auch das Geld zurückbezahlt würde, er schüttelte den Kopf. »Welches Geld?«, fragte er. »Das aus Ihrem Tresor.« »Da war kein Geld.« Ich verstand ihn nicht sofort. »Meine Mandantschaft sagte …« »Wenn dort Geld gewesen wäre«, unterbrach er mich, »wäre es vielleicht unversteuert gewesen.« »Ja?« »Und da Sie eine Quittung der Polizei werden vorlegen müssen, würden Fragen gestellt. Auch bei der Anzeige habe ich nicht angegeben, dass Geld gestohlen worden sei.« Wir vereinbarten schließlich, dass ich die Polizei über die Rückführung der Schale und der Uhren informieren würde. Natürlich fragte Tanata mich nicht, wer die Täter seien, und ich fragte nicht nach Pocol und Wagner. Nur die Polizei stellte Fragen; ich konnte mich zum Schutz meiner Mandanten auf die anwaltliche Schweigepflicht berufen.

Samir, Özcan und Manólis überlebten. Samir bekam einen Anruf und wurde mit seinen Freunden in ein Café auf dem Kurfürstendamm gebeten. Der Mann, der sie empfing, war höflich. Er zeigte ihnen auf dem Display eines Mobiltelefons die letzten Minuten von Pocol und Wagner, entschuldigte sich für die Qualität der Aufnahme und lud die drei zu einem Kuchen ein. Den Kuchen ließen sie stehen, aber sie gaben am nächsten Tag die 120000 Euro zurück. Sie wussten, was sich gehört, und bezahlten zusätzlich 28000 Euro »für die Auslagen«, mehr hatten sie nicht auftreiben können. Der freundliche Herr sagte, das sei doch nicht nötig gewesen, und steckte das Geld ein.

Manólis zog sich zurück, er übernahm ein Restaurant seiner Familie, heiratete und wurde ruhiger. In seinem Restaurant hängen Bilder von Fjorden und Fischerbooten, es gibt finnischen Wodka, und er plant, mit seiner Familie nach Finnland auszuwandern.

Özcan und Samir wandten sich dem Drogenhandel zu; sie stahlen nie wieder etwas, was sie nicht zuordnen konnten.

Tanatas Putzfrau, die den Tipp zum Einbruch gegeben hatte, machte zwei Jahre später Ferien in Antalya; die Sache hatte sie längst vergessen. Sie ging schwimmen. Obwohl das Meer an diesem Tag ruhig war, schlug sie mit dem Kopf gegen einen Felsen und ertrank.

Tanata sah ich noch einmal in der Philharmonie in Berlin, er saß vier Reihen hinter mir. Als ich mich umdrehte, grüßte er freundlich und stumm. Er starb ein halbes Jahr später. Seine Leiche wurde nach Japan überführt, das Haus in Dahlem verkauft, und auch der Sekretär kehrte in seine Heimat zurück.

Die Schale ist heute der Mittelpunkt eines Museums der Tanata-Stiftung in Tokyo.

 

Nachtrag

 

Als Manólis Samir und Özcan kennenlernte, stand er im Verdacht, mit Drogen zu handeln. Der Verdacht war unbegründet, und die rich­terlich angeordnete Telefonüberwachung wurde kurz darauf abgeschaltet. Aber der erste Kontakt zwischen Manólis und Samir wurde auf­ge­zeichnet. Özcan hörte über den Lautsprecher des Handys mit und beteiligte sich an dem Gespräch.

Samir: »Bist du Grieche?«

Manólis: »Ich bin Finne.«

Samir: »Du hörst dich nicht an wie ein Finne.«

Manólis: »Ich bin Finne.«

Samir: »Du klingst wie ein Grieche.«

Manólis: »Na und. Nur weil meine Mutter und mein Vater und meine Großmütter und Großväter und überhaupt alle in meiner Familie Griechen sind, muss ich doch nicht mein ganzes Leben als Grieche herumlaufen. Ich hasse Ölbäume und Tzaziki und diesen bescheuerten Tanz. Ich bin Finne. Alles in mir ist finnisch. Ich bin Finne von innen.«

Özcan zu Samir: »Er sieht auch aus wie ein Grieche.«

Samir zu Özcan: »Lass ihn doch Finne sein, wenn er Finne sein will.«

Özcan zu Samir: »Er sieht nicht einmal wie ein Schwede aus.« Özcan kannte einen Schweden aus der Schule.

Samir: »Warum bist du Finne?«

Manólis: »Wegen der Sache mit den Griechen.«

Samir: »…« Özcan: »…«

Manólis: »Bei den Griechen läuft das seit Jahrhunderten so: Stellt euch vor, ein Schiff geht unter.«

Özcan: »Warum?«

Manólis: »Weil es ein Leck hat oder weil der Kapitän besoffen ist.«

Özcan: »Aber warum hat das Schiff ein Leck?«

Manólis: »Scheiße, das ist nur ein Beispiel.«

Özcan: »Hmm.«

Manólis: »Das Schiff geht einfach unter. O.k.?«

Özcan: »Hmm.« Manólis: »Alle ertrinken. Alle. Versteht ihr? Nur ein einziger Grieche überlebt. Er schwimmt und schwimmt und schwimmt und erreicht endlich das Ufer. Er kotzt sich das ganze Salzwasser aus der Kehle. Er kotzt aus dem Mund. Aus der Nase. Aus jeder Pore. Er rotzt alles raus, bis er endlich halb tot einschläft. Der Typ hat als Einziger überlebt. Alle anderen sind tot. Er liegt am Strand und pennt. Als er aufwacht, begreift er, dass nur er überlebt hat. Also steht er auf und erschlägt den nächsten Spaziergänger, den er trifft. Einfach so. Erst wenn der Spaziergänger tot ist, ist alles ausgeglichen.«

Samir: »?«

Özcan: »?«

Manólis: »Versteht ihr? Er muss einen anderen erschlagen, damit der eine, der beim Ertrinken fehlt, auch tot ist. Der andere für ihn. Minus eins, plus eins. Kapiert?«

Samir: »Nein.«

Özcan: »Wo war das Leck?«

Samir: »Wann treffen wir uns?«

 

Das Cello

 

Tacklers Smoking war hellblau, sein Hemd rosa. Sein Doppelkinn quoll über Hemdkragen und Fliege, die Jacke spannte am Bauch und warf über der Brust Falten. Er stand zwischen seiner Tochter Theresa und seiner vierten Ehefrau, beide überragten ihn. Die schwarz behaarten Finger seiner linken Hand hielten die Hüfte seiner Tochter umklammert. Sie lagen dort wie ein dunkles Tier. Der Empfang hatte ihn viel Geld gekostet, aber er fand, dass es sich gelohnt hatte, denn sie waren alle gekommen: der Ministerpräsident, die Bankiers, die Einflussreichen und die Schönen, vor allem aber der berühmte Musikkritiker. An mehr wollte er jetzt nicht denken. Es war Theresas Fest.

Theresa war damals zwanzig Jahre alt, eine klassische schmale Schönheit mit einem Gesicht von fast vollständiger Symmetrie. Sie wirkte ruhig und gefasst, und nur eine dünne Ader an ihrem Hals zeigte den aufgeregten Schlag ihres Herzens. Nach einer kurzen Rede ihres Vaters setzte sie sich auf die rot ausgeschlagene Bühne und stimmte das Cello. Ihr Bruder Leonhard saß auf einem Hocker neben ihr, er würde die Noten­seiten umblättern. Der Gegensatz zwischen den beiden Geschwistern hätte nicht größer sein können. Leonhard war einen Kopf kleiner als Theresa, er hatte Statur und Gesicht des Vaters geerbt, nicht aber dessen Härte. Von seinem roten Kopf rann Schweiß in das Hemd, der Rand des Kragens hatte sich dunkel gefärbt. Er lächelte ins Publikum, freundlich und weich.

Die Gäste saßen auf winzigen Stühlen, sie verstummten allmählich, das Licht wurde gedämpft. Und während ich noch unentschlossen war, ob ich überhaupt aus dem Garten zurück in den Saal gehen sollte, begann sie zu spielen. Sie spielte die ersten drei der sechs Cellosuiten von Bach, und schon nach wenigen Takten war mir klar, dass ich Theresa nie wieder würde vergessen können. An jenem warmen Sommerabend in dem großen Saal der Gründerzeitvilla, deren hohe Sprossentüren sich weit in den erleuchteten Park öffneten, erlebte ich einen dieser seltenen Momente absoluten Glücks, die nur Musik uns ermöglicht.

Tackler war Bauunternehmer in der zweiten Generation. Er und sein Vater waren durchsetzungs­kräftige, intelligente Männer, die in Frankfurt ihr Vermögen mit Immobilien gemacht hatten. Der Vater hatte sein Leben lang in der rechten Hosentasche einen Revolver und in der linken ein Bündel Geld getragen. Tackler brauchte keine Waffe mehr.

Drei Jahre nach Leonhards Geburt besichtigte seine Mutter ein neu gebautes Hochhaus ihres Mannes. Im 18. Stock des Rohbaus wurde Richtfest gefeiert. Irgendjemand hatte vergessen, eine Brüstung abzusichern. Das Letzte, was Tackler von seiner Frau sah, waren ihre Hand­tasche und ein Sektglas, die sie neben sich auf einen Stehtisch gestellt hatte.

In den darauffolgenden Jahren zog an den Kindern eine ganze Anzahl von »Müttern« vorbei. Keine blieb länger als drei Jahre. Tackler führte ein wohlhabendes Haus, es gab einen Fahrer, eine Köchin, eine Reihe von Putzfrauen und zwei Gärtner für den Park. Er hatte nicht die Zeit, sich um die Erziehung seiner Kinder zu kümmern, und so wurde die einzige Konstante in ihrem Leben eine ältliche Krankenschwester. Sie hatte schon Tackler erzogen, roch nach Lavendel und wurde von allen nur Etta genannt. Ihr Hauptinteresse galt Enten. In ihrer Zwei-Zimmer-Dachwohnung in Tacklers Haus hatte sie fünf ausgestopfte Exemplare an die Wände gehängt, und selbst im Band des braunen Filz­hutes, ohne den sie nicht ausging, steckten zwei blaue Erpelfedern. Kinder mochte sie nicht besonders.

Etta war immer geblieben, sie gehörte längst zur Familie. Tackler hielt Kindheit für Zeit­verschwendung, er erinnerte sich kaum an die eigene. Er vertraute Etta, weil sie mit ihm in den Grundsätzen der Erziehung übereinstimmte. Diszipliniert und, wie Tackler sagte, »ohne Dünkel« sollten die Kinder aufwachsen. Härte war manchmal notwendig. Theresa und Leonhard mussten sich ihr Taschengeld selbst verdienen. Im Sommer stachen sie im Garten Löwenzahn aus und erhielten pro Pflanze einen halben Pfennig – »aber nur mit Wurzel, sonst gibt es nichts«, sagte Etta. Sie zählte die einzelnen Pflanzen genauso penibel wie die Pfennige. Im Winter mussten sie Schnee schippen, Etta zahlte nach Metern. Als Leonhard neun Jahre alt war, rannte er von zu Hause weg. Er kletterte im Park auf eine Tanne und wartete, dass sie nach ihm suchen würden. Er stellte sich vor, wie erst Etta und dann sein Vater verzweifeln und seine Flucht beklagen würden. Es verzweifelte niemand. Vor dem Abendessen rief Etta, wenn er jetzt nicht käme, gäbe es nichts mehr zu essen und den Hintern voll. Leonhard gab auf, seine Kleidung war voller Harz, und er bekam eine Ohrfeige. Zu Weihnachten schenkte Tackler den Kindern Seife und Pullover. Nur einmal schickte ein Geschäftsfreund, der in dem Jahr viel Geld mit Tackler verdient hatte, Leonhard ein Kin­der­gewehr und Theresa eine Puppenküche. Etta brachte die Spielsachen in den Keller. »So etwas brauchen die nicht«, sagte sie, und Tackler, der nicht zugehört hatte, stimmte zu. Etta betrachtete die Erziehung als abgeschlossen, als die Geschwister sich bei Tisch benehmen konnten, hochdeutsch sprachen und ansonsten still waren. Sie sagte zu Tackler, es werde mit ihnen kein gutes Ende nehmen. Sie seien zu weich, keine echten Tacklers wie er oder sein Vater. Ihm blieb dieser Satz im Gedächtnis.

Etta bekam Alzheimer, entwickelte sich langsam zurück und wurde milder. Sie vererbte ihre Vögel einem Heimatmuseum, das dafür keine Verwendung hatte und die Vernichtung der Präparate verfügte. Nur Tackler und die beiden Kinder waren auf ihrer Beerdigung. Auf der Rückfahrt sagte er: »So, nun ist das auch erledigt.«

Leonhard arbeitete in den Ferien für Tackler. Er wäre lieber mit Freunden unterwegs gewesen, aber er hatte kein Geld. Tackler wollte es so. Er brachte seinen Sohn auf eine der Baustellen, übergab ihn dem Vorarbeiter und sagte, er möge ihn »richtig rannehmen«. Der Vorarbeiter tat, was er konnte, und als Leonhard sich am zweiten Abend vor Erschöpfung übergab, sagte Tackler, er würde sich schon daran gewöhnen. Er selbst habe in Leonhards Alter manchmal mit seinem Vater auf den Baustellen geschlafen und »aus dem Knick geschissen«, wie die anderen Eisenflechter. Leonhard solle sich nicht einbilden, er sei »etwas Besseres«. Auch Theresa hatte Ferienjobs, sie arbeitete in der Buchhaltung der Firma. Wie Leonhard bekam sie nur dreißig Prozent des durchschnitt­lichen Lohnes. »Ihr seid keine Hilfe, sondern macht Arbeit. Euer Lohn ist ein Geschenk und kein Verdienst«, sagte Tackler. Wenn sie ins Kino wollten, gab ihnen Tackler zusammen zehn Euro, und da sie mit dem Bus fahren mussten, reichte es nur für eine Karte. Sie trauten sich nicht, ihm das zu sagen. Manchmal fuhr Tacklers Fahrer sie heimlich in die Stadt und gab ihnen ein bisschen Geld – er hatte selbst Kinder und kannte seinen Chef.

Bis auf Tacklers Schwester, die in der Firma angestellt war und schon jedes Kindergeheimnis ihrem Bruder verraten hatte, gab es keine Verwandten. Vor ihrem Vater hatten die Kinder anfangs Angst, dann hassten sie ihn, und schließlich war seine Welt ihnen so fremd geworden, dass sie ihm nichts mehr zu sagen hatten.

Tackler verachtete Leonhard nicht, aber er verabscheute das Weiche in ihm. Er dachte, er müsse ihn härter machen, ihn »schmieden«, wie er sagte. Als Leonhard fünfzehn war, hatte er in seinem Zimmer ein Bild von einer Ballettaufführung aufgehängt, die er mit seiner Klasse besucht hatte. Tackler riss es von der Wand und brüllte ihn an, er solle bloß aufpassen, er werde noch schwul. Er sei zu fett, sagte Takler zu Leonhard, so bekäme er nie eine Freundin. Theresa verbrachte jede Minute mit ihrem Cello bei einem Musiklehrer in Frankfurt. Tackler verstand sie nicht; er ließ sie deshalb in Ruhe. Nur einmal war es anders. Es war Sommer, kurz nach Theresas 16.Geburtstag. Der Tag war wolkenlos. Sie schwamm nackt im Pool. Als sie aus dem Wasser kam, stand Tackler am Rand des Beckens. Er hatte getrunken. Tackler sah seine Tochter wie eine Fremde an. Er nahm das Handtuch und begann sie abzutrocknen. Als er ihre Brüste berührte, roch er nach Whiskey. Sie rannte ins Haus. In den Pool ging sie nie wieder.

Bei den wenigen gemeinsamen Abendessen unterhielt man sich über »seine« Themen, über Uhren, Essen und Autos. Theresa und Leonhard kannten den Preis von jedem Wagen und jeder Markenuhr. Es war ein abstraktes Spiel. Manchmal zeigte der Vater ihnen Kontoauszüge, Aktien und Geschäftsberichte. »Das alles wird einmal euch gehören«, sagte er, und Theresa flüsterte Leonhard zu, dass er das aus einem Film zitiere. »Das Innere«, sagte Tackler, »ist Blödsinn.« Das bringe nichts.

Die Kinder hatten nur sich selbst. Als Theresa am Konservatorium angenommen wurde, beschlossen sie, Tackler gemeinsam zu verlassen. Sie wollten es ihm beim Abendessen sagen und hatten dafür geübt, sie hatten sich überlegt, wie er reagieren würde, und sich die Antworten zurechtgelegt. Als sie anfingen, sagte Tackler, er habe heute keine Zeit, und verschwand. Sie mussten drei Wochen warten, dann führte Theresa das Wort. Die Geschwister glaubten, Tackler würde zumindest sie nicht schlagen. Sie sagte, dass beide Bad Homburg jetzt verlassen würden. »Bad Homburg verlassen« klinge besser, als es direkt zu sagen, fanden sie. Theresa sagte, sie würde Leonhard mitnehmen, sie kämen schon irgendwie durch. Tackler verstand sie nicht, er aß einfach weiter. Als er Theresa bat, ihm das Brot zu geben, schrie Leonhard ihn an: »Du hast uns lange genug gequält«, und Theresa sagte etwas leiser: »Wir wollen nie so werden wie du.« Tackler ließ das Messer auf den Teller fallen. Es klirrte. Dann stand er wortlos auf, ging zum Wagen und fuhr zu seiner Freundin. Erst gegen drei Uhr nachts kehrte er zurück.

Später in dieser Nacht saß Tackler allein in der Bibliothek. Auf dem Bildschirm, der in die Bücherwand eingebaut war, lief ein selbst ge- drehter Film ohne Ton. Er war von einer Super-8-Kamera auf Video überspielt worden. Die Bilder waren überbelichtet: Seine erste Frau hält die beiden Kinder an den Händen, Theresa mag drei und Leonhard zwei Jahre alt sein. Seine Frau sagt etwas, ihr Mund bewegt sich lautlos, sie gibt Theresa frei, zeigt in die Ferne. Die Kamera folgt ihrem Arm, im unscharfen Hintergrund eine Burg­ruine. Schwenk zurück auf Leonhard, er versteckt sich hinter dem Bein seiner Mutter und weint. Steine und Rasen verwackelt in Nahaufnahme, die Kamera wird übergeben, während sie weiterläuft. Sie fährt wieder nach oben, Tackler in Jeans und offenem Hemd, Haare auf der Brust, er lacht breit und ohne Ton, er hält Theresa gegen die Sonne, er küsst sie, er winkt in die Kamera. Das Bild wird heller, der Film reißt ab.

In dieser Nacht beschloss Tackler, für Theresa ein Abschiedskonzert auszurichten, seine Bezie­hungen sollten ausreichen, er würde sie »ganz nach oben« bringen. Tackler wollte kein schlechter Mensch sein. Er schrieb jedem seiner Kinder einen Scheck über 250000 Euro aus und legte sie auf den Frühstückstisch. Er fand, das wäre genug.

Am Tag nach dem Konzert gab es in einer überregionalen Zeitung einen fast euphorischen Artikel. Der große Musikkritiker bescheinigte Theresa eine »strahlende Zukunft« als Cellistin. Sie meldete sich nicht am Konservatorium an. Theresa glaubte, ihre Begabung sei so groß, dass sie noch warten könne. Jetzt ging es um etwas anderes. Die Geschwister fuhren fast drei Jahre lang durch Europa und die USA. Sie spielte auf ein paar privaten Konzerten und ansonsten nur für ihren Bruder. Das Geld Tacklers machte die Geschwister zumindest für einige Zeit unab­hängig. Sie blieben unzertrennlich. Ihre Affären nahmen sie nicht ernst, und es gab in diesen Jahren kaum einen Tag, den sie ohne den anderen verbrachten. Sie schienen frei zu sein.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrem Konzert in Bad Homburg traf ich die beiden auf einem Fest in der Nähe von Florenz wieder. Man feierte im Castello di Tornano, einer Burgruine aus dem 11.Jahrhundert, umgeben von Olivenbäumen und Zypressen inmitten von Weinbergen. »Jeunesse dorée« nannte der Gastgeber die Geschwister, die in einem Cabriolet aus den Sechzigerjahren ankamen. Theresa küsste ihn, und Leon zog übertrieben elegant seinen albernen Borsalino-Strohhut.

Als ich später am Abend zu Theresa sagte, ich hätte nie wieder so intensiv wie im Hause ihres Vaters die Cellosuiten gehört, antwortete sie: »Es ist das Prélude der ersten Suite. Nicht die sechste Suite, die jeder für die bedeutendste hält und die die schwierigste ist. Nein, es ist die Erste.« Sie trank einen Schluck, beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr: »Verstehst du, das Prélude der Ersten. Sie ist das ganze Leben in drei Minuten.« Dann lachte sie.

Am Ende des darauffolgenden Sommers waren die Geschwister in Sizilien. Sie wohnten für ein paar Tage bei einem Rohstoffhändler, der dort ein Haus für den Sommer gemietet hatte. Er hatte sich etwas in Theresa verliebt. Leonhard erwachte mit leichtem Fieber. Er dachte, es läge an dem Alkohol der letzten Nacht. Er wollte nicht krank sein, nicht an diesem strahlenden Tag, nicht in dieser glücklichen Zeit. Die E.-Coli-Bakterien breiteten sich schnell in seinem Körper aus. Sie waren im Wasser gewesen, das er vor zwei Tagen an einer Tankstelle getrunken hatte. In der Garage fanden sie eine alte Vespa und fuhren in Richtung Meer. Der Apfel lag mitten auf dem Asphalt, ein Erntewagen hatte ihn verloren. Er war fast rund und glänzte in der Mittagssonne. Als Theresa etwas sagte, drehte Leonhard den Kopf, um sie zu verstehen. Das Vorderrad glitt über den Apfel und stellte sich quer. Leonhard verlor die Kontrolle. Theresa hatte Glück, sie stauchte sich nur die Schulter und hatte ein paar Schürfwunden. Leonhards Kopf wurde zwischen dem Hinterrad und einem Stein eingequetscht und platzte auf.

In der ersten Nacht im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand. Niemand untersuchte sein Blut, es gab anderes zu tun. Theresa rief ihren Vater an, und Tackler schickte mit dem Learjet der Firma einen Arzt aus Frankfurt; er traf zu spät ein. In Leonhards Körper waren Gifte aus den Nieren in die Blutbahn gelangt. Theresa saß auf dem Flur vor dem Opera­tionssaal. Der Arzt hielt ihre Hand, während er mit ihr sprach. Die Klimaanlage war laut, die Scheibe, die Theresa seit Stunden anstarrte, blind vor Staub. Der Arzt sagte, es sei eine Urosepsis mit Multiorganversagen. Theresa verstand ihn nicht. Urin sei in Leonhards Körper, die Über­lebenschance betrage zwanzig Prozent. Der Arzt sprach immer weiter, seine Worte schufen Distanz. Theresa hatte fast vierzig Stunden nicht geschlafen. Als er wieder in den Saal ging, schloss sie die Augen. Er hatte »Ableben« gesagt, und sie sah das Wort in schwarzen Buchstaben vor sich. Es hatte nichts mit ihrem Bruder zu tun. Sie hatte »Nein« gesagt. Einfach nur »Nein«. Sonst nichts.

Am sechsten Tag nach der Einlieferung stabilisierte sich Leonhards Zustand. Er konnte nach Berlin geflogen werden. Als er in der Charité eintraf, war sein Körper von Nekrosen überzogen, schwarzem, lederartigem Belag, der das Ab- sterben der Zellen anzeigte. Die Ärzte operierten ihn vierzehnmal. Daumen, Zeige- und Ringfinger der linken Hand wurden entfernt. Die linken Zehen wurden im Grundgelenk abgenommen, ebenso der rechte Vorderfuß und Teile des rechten Rückfußes. Es blieb nur ein deformierter Klumpen übrig, kaum belastbar, Knochen und Knorpel drückten sichtbar gegen die Haut. Leonhard lag im künstlichen Koma. Er hatte überlebt, die Auswirkungen seiner Kopfverletzung ließen sich noch nicht einschätzen. Der Hippocampus ist Poseidons Zugtier, ein griechisches Seeungeheuer, halb Pferd, halb Wurm. Nach ihm ist ein sehr alter Teil des Gehirns in den Schläfenlappen benannt. Gedächtnisinhalte werden dort vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt. Leonhards Hippocampi waren verletzt. Als man ihn nach neun Wochen aus dem Koma holte, fragte er Theresa, wer sie sei. Und dann, wer er sei. Er hatte sein Gedächtnis vollständig verloren und konnte sich nichts länger als drei oder vier Minuten merken. Die Ärzte versuchten ihm nach unzähligen Tests zu erklären, dass es eine Amnesie sei, anterograd und retrograd. Leonhard verstand ihre Erklärungen, aber nach drei Minuten und vierzig Sekunden hatte er sie wieder vergessen. Er vergaß auch seine Vergesslichkeit.

Und während Theresa ihn pflegte, sah er nur eine schöne Frau.

Nach zwei Monaten konnten die Geschwister in die Berliner Wohnung ihres Vaters ziehen. Jeden Tag kam für drei Stunden eine Krankenschwester, ansonsten kümmerte sich Theresa um alles. Anfangs lud sie noch Freunde zu Abendessen ein, dann ertrug sie es nicht mehr, wie sie Leonhard ansahen. Tackler besuchte sie einmal im Monat.

Es waren Monate der Einsamkeit. Allmählich verfiel Theresa, ihr Haar wurde strohig, ihre Haut fahl. Eines Abends holte sie das Cello aus dem Koffer, sie hatte es seit Monaten nicht angerührt. Im Halbdunkel des Zimmers spielte sie. Leonhard lag auf dem Bett und döste. Irgendwann schlug er die Bettdecke zurück und begann zu masturbieren. Sie hörte auf zu spielen und drehte sich zum Fenster. Er bat sie, zu ihm zu kommen. Theresa sah ihn an. Er richtete sich auf und verlangte, sie zu küssen, sie schüttelte den Kopf. Er ließ sich zurückfallen und sagte, sie solle wenigstens ihre Bluse öffnen. Der vernarbte Stumpf seines rechten Fußes lag wie ein Stück Fleisch auf dem weißen Laken. Sie ging zu ihm und streichelte seine Wange. Dann zog sie sich aus, setzte sich auf den Stuhl und spielte mit geschlossenen Augen. Sie wartete, bis er einschlief, stand auf, wischte mit einem Handtuch das Sperma von seinem Bauch, deckte ihn zu und küsste ihn auf die Stirn. Sie ging ins Bad und übergab sich.

Obwohl die Ärzte es ausgeschlossen hatten, dass Leonhard sein Gedächtnis zurückerlangen könnte, schien das Cello ihn zu berühren. Während sie spielte, glaubte sie eine blasse, eine kaum wahrnehmbare Verbindung zu ihrem früheren Leben zu spüren, ein schwacher Abglanz der Innigkeit, die sie so sehr vermisste. Leonhard erinnerte sich manchmal noch am nächsten Tag an das Cello. Er sprach davon, und wenn er auch keine Zusammenhänge herstellen konnte, schien irgendetwas in seinem Gedächtnis haften zu bleiben. Theresa spielte jetzt jeden Abend für ihn, fast immer masturbierte er, und fast immer fiel sie danach im Badezimmer in sich zusammen und weinte.

Sechs Monate nach der letzten Operation begannen die Narben Leonhards zu schmerzen. Die Ärzte sagten, dass weitere Amputationen notwendig seien. Nach einer Computertomografie erklärten sie, er würde bald auch die Sprache verlieren. Theresa wusste, dass sie das nicht ertragen könnte.

Der 26.November war ein kalter grauer Herbsttag, es war früh dunkel geworden. Theresa hatte Kerzen auf den Tisch gestellt und schob Leonhard im Rollstuhl an seinen Platz. Die Zutaten für die Fischsuppe hatte sie im KaDeWe gekauft, er hatte sie früher gerne gegessen. In der Suppe, in den Erbsen, im Rehbraten, in der Mousse au Chocolat und selbst im Wein war Luminal, ein Barbiturat, das sie problemlos wegen Leonhards Schmerzen bekommen hatte. Sie gab es ihm in kleinen Mengen, damit er es nicht erbrach. Sie selbst aß nichts und wartete.

Leonhard wurde schläfrig. Sie schob ihn ins Badezimmer und ließ die große Wanne ein. Sie zog ihn aus, er hatte kaum noch die Kraft, sich an den neuen Griffen in die Wanne zu wuchten. Dann zog auch sie sich aus und stieg zu ihm in das warme Wasser. Er saß vor ihr, sein Kopf lehnte an ihren Brüsten, er atmete ruhig und gleichmäßig. Als Kinder hatten sie oft so zusammen in der Badewanne gesessen, weil Etta kein Wasser verschwenden wollte. Theresa hielt ihn fest umschlungen, sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. Als er eingeschlafen war, küsste sie seinen Nacken und ließ ihn unter Wasser gleiten. Leonhard atmete tief ein. Es gab keinen Todeskampf, das Luminal hatte seine Steuerungs­fä­hig­keit ausgeschaltet. Seine Lungen füllten sich mit Wasser, er ertrank. Sein Kopf lag zwischen ihren Beinen, er hatte die Augen geschlossen, und seine langen Haare trieben an die Oberfläche. Nach zwei Stunden stieg sie aus der kalten Wanne, legte ein Handtuch über ihren toten Bruder und rief mich an.

Sie gestand. Aber es war nicht nur ein Geständnis, sie saß fast sieben Stunden vor den beiden Ermittlungsbeamten und diktierte ihr Leben ins Protokoll. Sie legte Rechenschaft ab. Sie begann mit ihrer Kindheit und endete mit dem Tod ihres Bruders. Sie ließ nichts aus. Sie weinte nicht, sie brach nicht zusammen, sie saß ker­zengerade und sprach gleichmäßig, ruhig und druckreif. Zwischenfragen waren nicht notwendig. Während die Schreibkraft ihre Aussage ausdruckte, rauchten wir in einem Nebenzimmer eine Zigarette. Sie sagte, sie würde nun nicht mehr darüber sprechen, sie habe alles gesagt. »Mehr habe ich nicht«, sagte sie. Natürlich wurde Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Ich besuchte sie fast jeden Tag im Gefängnis. Sie ließ sich Bücher schicken und blieb auch in den Freistunden in ihrer Zelle. Lesen war ihre Betäubung. Wenn wir uns trafen, wollte sie nicht über ihren Bruder sprechen. Auch der bevorstehende Prozess interessierte sie nicht. Sie las mir lieber aus den Büchern vor, Abschnitte, die sie in ihrer Zelle ausgesucht hatte. Es waren Vorlesestunden in einem Gefängnis. Ich mochte ihre warme Stimme, aber damals verstand ich es nicht: Ihr war keine andere Möglichkeit geblieben, sich zu äußern.

Am 24.Dezember war ich bis zum Ende der Besuchszeit bei ihr. Dann schlossen sich die Pan­zerglastüren hinter mir. Draußen hatte es geschneit, alles war friedlich, es war Weihnachten. Theresa wurde wieder in ihre Zelle gebracht, sie setzte sich an den kleinen Tisch und schrieb einen Brief an ihren Vater. Dann zerriss sie das Bettlaken, drehte es zu einem Seil und erhängte sich am Fenstergriff. Am 25.Dezember erhielt Tackler einen Anruf von der diensthabenden Notstaatsanwältin. Nachdem er aufgelegt hatte, öffnete er den Tresor, nahm den Revolver seines Vaters, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.

Die Gefängnisverwaltung verwahrte Theresas Habe in der Hauskammer. In unserer Strafprozessvollmacht steht, dass wir als Anwälte be-

rechtigt sind, Gegenstände für unsere Mandanten in Empfang zu nehmen. Irgendwann schickte die Justiz ein Paket mit ihrer Kleidung und ihren Büchern. Wir leiteten die Sachen an ihre Tante nach Frankfurt weiter.

Eines ihrer Bücher habe ich behalten, sie hatte meinen Namen auf die erste Seite geschrieben. Es war »Der große Gatsby« von Scott Fitz­gerald. Das Buch lag zwei Jahre unberührt in meinem Schreibtisch, bis ich es wieder in die Hand nehmen konnte. Sie hatte die Stellen, die sie vorlesen wollte, blau angestrichen und daneben winzige Noten gezeichnet. Nur eine Stelle war rot markiert, der letzte Satz, und wenn ich ihn lese, kann ich noch immer ihre Stimme hören:

»So regen wir die Ruder und stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.«

Blick ins Buch
Unter FeindenUnter Feinden

Roman

Ein außergewöhnliches Ermittlerteam, das die Gesetze bricht. Ein Unfall, der eine ganze Stadt in Unruhe versetzt. Und eine internationale Sicherheitskonferenz, die ihren Namen nicht verdient. Die Polizisten Markus Diller und sein Partner Erich Kessel ermitteln, sind aber gleichzeitig mit eigenen Problemen befasst, die sie die Karriere kosten können. Ob das gut geht? »Eine kühle Gesellschaftsanalyse im Schafspelz eines Unterhaltungsbuch. Ein Buch, das - wie alle Bücher von Oswald - klüger ist als seine Oberfläche.« Welt am Sonntag »Man könnte ›Unter Feinden‹ als Undercover-Gesellschaftsroman bezeichnen. Getarnt als Krimi. Großartig.« WDR 2 »Ein spannender Thriller.« Stern

Mittwoch, 16. Januar

Es waren vier oder fünf Typen, die im Halbdunkel der einzigen intakten Straßenlaterne unter dem Basketballkorb herumhingen. Diller hatte seinen Sitz so weit wie möglich zurückgeklappt und sah von Zeit zu Zeit zu ihnen hinüber. Neben ihm auf dem Fahrersitz saß Kessel, der es sich auf die gleiche Weise bequem gemacht hatte. Vier oder fünf junge Männer, aber nicht immer dieselben. Ein paar gingen, ein paar kamen. Türken, Albaner, Nordafrikaner, Iraker, Iraner, was auch immer – Arabs jedenfalls. Warum waren sie so geschäftig, ständig in Bewegung, reden, debattieren, streiten, weggehen, wiederkommen? Obwohl nicht zu erkennen war, was genau sie taten, war es mehr als offensichtlich. Diller wusste es, Kessel auch, doch sie vermieden, darüber zu sprechen. Nur aus den Augenwinkeln schauten sie hin, so als wäre es ihnen voreinander peinlich. Was auch der Fall war. Ihr Auftrag bestand darin, auf die andere Straßenseite zu sehen und zwei Fenster in dem heruntergekommenen Mietshaus gegenüber im Auge zu behalten. Sie taten es jetzt über eine Stunde lang, und wenn es nach ihrem Präsidenten ginge, würden sie es noch die ganze Nacht tun. Es handelte sich um zwei Fenster im dritten Stock. Wenn sich dahinter tatsächlich jemand befand, hielt er sich seit sie hier waren im Dunkeln auf und würde es wohl auch die ganze Nacht lang tun, weil er begriffen hatte, dass er observiert wurde. Wahrscheinlicher aber war, dass sich niemand in der Wohnung aufhielt und sie die nächsten acht Stunden völlig nutzlos im Auto sitzen, die schwarzen Fenster anstarren und schließlich, völlig übermüdet und ohne jedes Ergebnis, ins Präsidium zurückfahren würden.
Was wirklich interessant war, spielte sich währenddessen unter dem Basketballkorb ab. Die Jungs dealten, das sah ein Blinder, und Diller hätte ihnen zu gerne einen Besuch abgestattet, was auch immer daraus geworden wäre. Aber das war nicht möglich. Er musste sich um seine beiden schwarzen Fenster kümmern. Und um Kessel.
Es war warm für eine Nacht im Januar. Einige von den Arabs liefen in T-Shirts herum. Kessel fror. Er trug einen Wollpulli und ein Tweedjackett und zog trotzdem die Schultern nach vorn, Diller bemerkte, dass er sich bemühte, sein Zittern zu unterdrücken, das ihn wie ein Vorbeben erfasst hatte.
Diller und Kessel kannten einander länger als zwanzig Jahre und wussten mehr voneinander, als andere je wissen durften. Zum Beispiel über Kessels Verhältnis zu Suchtstoffen aller Art. Als sie jung waren und bei der Drogenfahndung viel Zeit miteinander verbrachten, hatte Diller einen relativ genauen Überblick über Kessels Konsumgewohnheiten. Lange Zeit schien es, als habe Kessel die Sache im Griff. Nie rutschte er ganz ab, immer fand sich ein Ausweg. In der Gegenwart angelangt, hielt Diller ihn für ein polytoxisches Wrack und zugleich für ein biologisches Wunder, das immer noch lebte, obwohl es in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren alles zu sich genommen hatte, was es an verbotenen Substanzen in diesem Land zu kaufen gab. Nie so viel, dass es kein Zurück mehr gegeben hätte, aber eben doch viel zu viel. Diller ahnte das mehr, als dass er es wusste. Immer wieder gab es Ruhephasen, kalte Entzüge, das Gelöbnis der Besserung. Vor etwa sechs Jahren, versicherte ihm Kessel, habe er die Drogen endgültig aufgegeben. Alkohol hatte ihn bis dahin nicht sonderlich interessiert, doch nun fing er an, exzessiv zu trinken. Suchtverschiebung in Reinform.
Im Präsidium war Kessels Alkoholismus lange Zeit, zumindest offiziell, eine unausgesprochene Tatsache geblieben. Diller hatte sich nicht an dieses scheinheilige Tabu gehalten. »Du solltest eine Therapie machen«, hatte er ihm nach besonders schlimmen Nächten geraten. »Du solltest mich am Arsch lecken«, hatte Kessel geantwortet. Doch vor ziemlich genau zwei Jahren war es so weit gewesen. Eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung hatte Kessel beinahe umgebracht. Zuerst kam der Zusammenbruch, dann die Therapie. Kessel war seitdem drogenfrei und trocken, sagte er und sagte der Bluttest, dessen Ergebnis er vor seiner Rückkehr in die aktive Einheit eingereicht hatte.
Sein Zittern sagte etwas anderes. Er war seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder im Dienst auf der Straße unterwegs. Vor dem Einsatz hatte Diller Kessel gefragt, ob er das durchstehen würde. Kessel hatte ihn mit einem verächtlichen Blick bedacht. Doch mittlerweile war für Diller klar, dass Kessel in der Anfangsphase eines Entzugs steckte. Er hatte sich offenbar vorgenommen, in dieser Nacht, oder vielleicht auch nur, während Diller Zeuge war, nichts zu sich zu nehmen. Diller hätte gerne gewusst, wie Kessel den Bluttest gefälscht hatte, aber er fragte ihn nicht, weil er ohnehin keine Antwort bekommen hätte. Es war im Augenblick auch nicht wichtig. Wichtig war, eine Antwort auf die Frage zu finden, was er jetzt tun sollte. Nach den Vorschriften durfte man während einer Observation das Fahrzeug nicht verlassen, aber die Vorschriften waren nicht für siebenundvierzigjährige Suchtkranke gemacht, deren Entzugserscheinungen außer Kontrolle gerieten.
Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich Kessel in Krämpfen wand. Diller konnte nicht einfach dabei zusehen, so viel stand fest. Einen Krankenwagen zu rufen hätte Aufsehen erregt, und um Kessel in ein Krankenhaus zu bringen, hätten sie ihren Posten aufgeben müssen, zumal bei einer Behandlung durch einen Arzt Kessels Betrug aufgeflogen wäre. Es gab eine einfachere und bessere Lösung. Als sie vor ihrer Ankunft um den Block gefahren waren, hatte Diller um die Ecke einen Vierundzwanzig-Stunden-Laden gesehen. Dort konnte er bekommen, was er brauchte, um Kessel zu einem glücklicheren Menschen zu machen. Einfach kurz aussteigen, hingehen, Schnaps kaufen, zurückkehren und Kessel beruhigen, das war der Plan. Die Arabs unter dem Basketballkorb würden es nicht mitbekommen, und wenn doch, würde es sie nicht kümmern. Diller ließ noch einige Minuten vergehen, hörte auf Kessels immer unregelmäßigeres Atmen und beobachtete weiter die Typen. Egal, wie es ausging, er musste es tun, dachte er, und schließlich ließ er die Tür aufschnappen. Zu seiner Erleichterung schienen es die Jungs gar nicht mitzubekommen. Er stieg aus und ging los. Was für eine Scheißgegend. Hier wohnten nur Leute, die alles dafür gegeben hätten, umzuziehen, aber was sie hatten, war dafür eben nicht genug.
Diller ging langsam und sah nicht zu den Typen hinüber, als wäre es dann weniger wahrscheinlich, dass er ihnen auffiel. Mit jedem Schritt aber gewann er mehr Sicherheit, und schließlich war er ein ganz normaler Passant, der den Bürgersteig entlangging.
Als Diller den Laden betrat, griff der Mann an der Kasse unter die Theke, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Diller nickte ihm zu und machte seiner Meinung nach ein freundliches Gesicht. Er signalisierte, dass er sich nur etwas umsehen wollte. Der Mann an der Kasse, auch ein Arab, behielt die Hand unter der Theke und beobachtete ihn. Diller nahm eine Literflasche Cola aus Plastik und eine Flasche Jack Daniels aus dem Regal, bezahlte ohne ein Wort und verschwand wieder.


Kessel hatte gewartet, bis Diller um die Ecke gebogen war, und allein, dass er ihn endlich nicht mehr sah, machte ihn gesünder, plötzlich wieder handlungsfähig. Er hatte nichts gegen seinen alten Freund, aber er musste zusehen, dass er auf die Beine kam, und dabei konnte ihm niemand anderer helfen als er selbst. Er ging auf die Arabs zu, als erwarteten sie ihn. Er nahm den, den er für ihren Chef hielt, ins Visier. Ein großer, schlanker, fast zierlicher Kerl, olivfarbene Haut, etwas hervortretende Augen, schwarzer Trainingsanzug mit goldenen Streifen. Der daneben war offensichtlich sein Pitbull, gleiche Hautfarbe, einen Kopf kleiner, breite Schultern, Oberarme wie Hartgummiklötze. Kessel hätte ihren Anblick ulkig finden können, wenn er Zeit dafür gehabt hätte. Während er auf den Großen zuging, bauten sich die anderen neben dem Pitbull auf. Kessel blieb vor ihnen stehen. Er krümmte sich etwas. Die Nervenbahnen in seinen Armen zogen. Er musste sich ziemlich zusammenreißen, aber er sprach nicht, bis ihn der Große mit einer sparsamen, aber überheblichen Kopfbewegung dazu aufforderte.
Kessel wollte keinen Zweifel daran lassen, dass er wusste, woran er war. »Du bist der Ice Cream Man, richtig?«
Die Typen sahen ihn einen Moment lang überrascht an, dann prusteten sie los: »Yo, yo!, Ice Cream Man!«
Kessel ignorierte den Spott, er musste bei seiner Linie bleiben, doch der große Kerl, an den er seine Worte gerichtet hatte, antwortete nicht.
»Okay, okay, ich kenne euch nicht, ihr kennt mich nicht. Schlechte Bedingung für Geschäfte. Aber ich garantiere euch, ich bin sauber, clean. Ein schneller Deal, und ich bin weg.«
Alle außer dem Großen wieherten vor Lachen über den übergewichtigen, knebelbärtigen Mann in Jeans, Hemd und Jackett mit den angegrauten halblangen Haaren, der so komisch redete.
»Ich verstehe Sie nicht«, sagte der Anführer, und die anderen begriffen das als Signal, ruhig zu sein.
Kessel verstand, dass das hier schlecht lief, aber er wollte nicht so ohne Weiteres lockerlassen. Es konnte nicht so schwer sein, zu kapieren, was er wollte.
»Ich brauche Stoff. Ihr … kennt doch bestimmt jemanden.«
»Wir haben keinen ›Stoff‹. Und selbst wenn wir welchen hätten: Können Sie uns einen vernünftigen Grund nennen, warum wir ihn einem Polizisten verkaufen sollten?«
Das Siezen, die akzentfreie, fast schon gewählte Ausdrucksweise waren außergewöhnlich. Kessel konnte nicht leugnen, dass ihn das ein bisschen verunsicherte, aber es war ihm egal, weil er etwas brauchte, etwas von dem Zeug, das sie ganz sicher hatten. Woher sollten sie wissen, dass er ein Polizist war. Sie wollten ihn nur testen.
»Ich weiß, ich bin nicht ganz euer Alter, nicht euer Style, aber ich bin kein Bulle. Ich will einfach nur ein kleines bisschen von eurem Stoff, und ich bezahle dafür den Preis, den ihr mir nennt.«
Es war nicht schwer zu erkennen, dass Kessel jemand war, der tatsächlich was brauchte. Der Große fixierte ihn, prüfte ihn. War das hier eine Falle oder ein Geschäft?
Kessel half nach: »Überlegt doch mal. Wenn ich ein Bulle wäre: Warum sollten die Bullen jemanden wie mich schicken? Da gibt es viel coolere, die da arbeiten. Welche, die so aussehen wie ihr.«
Die Jungs reagierten mit gespielter Fassungslosigkeit. Wie war denn der Typ drauf?
Abrupt änderte der Große die Tonlage: »Woher willst du das wissen, und was soll das heißen, und warum verpisst du dich nicht einfach zurück in deine Karre zu deinem schwulen Kumpel?«
Er konnte seine Manieren also auch weglassen, und das Gesicht, das er dazu machte, ließ ahnen, dass das nur der Anfang war. Kessel behielt den Großen im Auge und blieb stehen, obwohl er begriff, dass er seine Chance, hier Drogen zu kaufen, vertan hatte. Falls er je eine gehabt hatte. Aber er wollte darüber nicht nachdenken, er brauchte einfach nur ein ganz kleines bisschen von diesem verdammten Stoff, um den komplett geistesgestörten Job durchzustehen, die ganze Nacht frierend in einem Auto zu sitzen und dabei auf zwei dunkle Fenster zu starren, hinter denen sich ganz offensichtlich niemand befand. Sein Unterzucker, sein Turkey, sein Was-auch-immer zwangen ihn zu handeln, und obwohl er wusste, dass es ein Fehler war, ein schlimmer, vielleicht sogar tödlicher Fehler, zog er seine HK aus dem Brusthalfter und hielt sie dem Großen ins Gesicht. Der blieb völlig ruhig. Kessel nahm alles zusammen, was er hatte, um nicht zu zittern. Ganz kurz gelang es ihm, aber schon nach ein paar Sekunden konnte er die Waffe nicht mehr still halten.
»Sie sind nicht der erste Bulle, den ich sehe, der drauf ist«, sagte der Große verächtlich. Ziemlich kaltblütig, dachte Kessel. Wer sagte ihm, dass der Bulle nicht einfach schoss, weil ihm plötzlich alles scheißegal war? Vielleicht wusste er, dass Bullen nie plötzlich alles scheißegal ist, wie schlimm auch immer es um sie stehen mochte.
Der Große griff langsam in die Hosentasche, holte ein kleines Plastiksäckchen heraus. Zwei weiß-rote Kapseln waren darin. Er schüttelte es wie ein Glöckchen zwischen Daumen und Zeigefinger, dann warf er es Kessel vor die Füße. »Heb’s auf.«
Kessel bückte sich und hielt den Kopf dabei oben, genauso wie seine Waffe. Ohne das Säckchen anzusehen, steckte er es in die Tasche.
»Und jetzt bezahl dafür.«


Als Diller um die Ecke bog, sah er die offene Fahrertür ihres Wagens, was ihn schlagartig in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Kessel hatte das Auto verlassen. Das konnte alles Mögliche bedeuten, aber sicher nichts Gutes. Im nächsten Augenblick hatte er Kessel entdeckt. Er stand allein mit gezogener Waffe vor fünf jungen Arabs. Aber es sah nicht so aus, als hielte Kessel sie wirklich in Schach. Diller zog seine HK, hielt sie in der Rechten, in der Linken weiterhin die Plastiktüte mit dem Jack Daniels und der Colaflasche, und lief zu Kessel hinüber. Er vermied es zu rennen. Er wollte Bestimmtheit signalisieren, aber nicht Panik.
»Was ist denn hier los?«, fragte Diller Kessel, als er beim Basketballkorb ankam.
»Ich habe diese Jungs hier beim Dealen erwischt«, antwortete Kessel.
Diller sah, wie seine HK zitterte, wie unsicher er dastand. Er glaubte Kessel kein Wort, aber wenn das hier keine Katastrophe geben sollte, musste es ihnen gelingen, so schnell wie möglich zu verschwinden.
»Okay, guter Fang, Kessel«, sagte Diller. Es klang so offensichtlich gelogen, dass es wehtat.
»Hört zu, Leute. Für diesmal wollen wir es gut sein lassen. Aber lasst euch kein zweites Mal beim Dealen erwischen, klar? Wir kommen in Zukunft öfter hier vorbei. Aber fürs Erste war’s das, und die Sache bleibt unter uns. Das nächste Mal kommt ihr nicht so einfach davon.«
Die Arabs strahlten vor Hass und sie waren sprungbereit. Ein Zeichen des Großen, und sie würden Diller und Kessel in Stücke reißen. Es waren allein Dillers HK und sein verhältnismäßig klarer Kopf, der sie davon abhielt, es zu tun. Diller würde schießen, das spürten sie, und dann würde auch Kessel schießen.
»Ihr bleibt genau da stehen, wo ihr seid«, sagte Diller.
Mit vorgehaltenen Waffen gingen sie langsam Richtung Auto. Diller fürchtete, Kessel könnte stolpern.
»Gib mir die Schlüssel«, sagte Diller, als sie außer Reichweite waren.
»Ich fahre«, sagte Kessel.
»Was ist mit dir los, Erich? Gib die Schlüssel her, mit dir stimmt irgendwas nicht.«
»Ist mir scheißegal, wie du das siehst. Ich fahre.«
Sie drehten sich um und rannten zum Auto. Offensichtlich hatte Kessel jetzt so viel Adrenalin im Blut, dass er seine Entzugserscheinungen kurzzeitig vergessen konnte. Diller fühlte die Arabs in ihrem Rücken näher kommen. Kessel und er sprangen in den Wagen, und Kessel fuhr mit quietschenden Reifen los, bog um die nächste Ecke, an der Asphaltfläche entlang, als es einen Schlag tat. Im selben Moment hatte Diller ein Spinnennetz in der Windschutzscheibe vor Augen. Sie warfen Steine, und sie trafen gut. Kessel und Diller zogen die Köpfe ein, Kessel, der erstaunlich sicher fuhr, lenkte hin und her, ohne die Werfer zu sehen, und versuchte, ihnen auszuweichen. An der nächsten Straßenecke konnte man nur rechts abbiegen, eine enge Neunzig-Grad-Kurve, weiter an dem Asphaltplatz entlang. Kessel driftete, und als er gegenlenkte, sahen sie ihn an der Ecke stehen, den Pitbull, mit einem Baseballschläger bewaffnet, bereit zum Schlag. Er hätte die Scheinwerfer einschlagen können, ein Seitenfenster oder die Windschutzscheibe. Er hätte versuchen können, ihnen ein bisschen Angst zu machen, mehr eigentlich nicht. Aber das waren alles Gedanken, die Diller erst hinterher kamen. In diesem Moment war es einfach so, dass Kessel sofort auf den Pitbull zuhielt, als er ihn am Straßenrand stehen sah. Diller erkannte noch, wie der Ausdruck der Aggression im Gesicht des jungen Mannes in schneller Folge jenem der Verblüffung und des Entsetzens wich, bevor ihn der Kühler erfasste und durch die Luft schleuderte. Diller sah ihn im Seitenspiegel hinter ihnen auf dem Asphalt aufschlagen. Tot, dachte er.
Kessel schwieg, stierte auf die Straße und fuhr viel zu schnell.
»Fahr langsamer«, sagte Diller nachdrücklich. »Wir sind die Polizei. Erinnerst du dich?«
Kessel trat auf die Bremse und fuhr rechts ran. Diller glaubte zuerst, er würde ihm jetzt eine Szene machen wollen, den nächsten Irrsinn abliefern, aber es schien Etwas anderes zu sein. Kessel blieb auf dem Parkstreifen neben einem Wohnblock stehen. Sie waren nicht besonders weit gefahren, aber weit genug, um für einen Moment keine Verfolger fürchten zu müssen. Kessel drehte den Motor ab, das Licht im Innenraum ging aus, er sank in sich zusammen und verharrte regungslos. Diller wusste nicht, was er sagen sollte. Er war so gebannt von der Katastrophe, die gerade geschehen war, dass es ihm kaum gelang, einen Gedanken zu fassen. Wenn das herauskam, waren sie beide ihre Jobs los. Für Kessel wäre es das sichere Ende, er konnte sich die Kugel geben. Mörder wurden von den schmierigeren unter den privaten Sicherheitsdiensten zwar gerne genommen, aber nicht wenn sie dazu noch alt, drogensüchtig und alkoholkrank waren. Für Diller sah es nicht viel besser aus. Er hätte die Observation abbrechen und Kessel in ein Krankenhaus fahren müssen. Kessels Laufbahn als aktiver Ermittler wäre damit für alle Zeiten beendet gewesen, seine aber nicht. Professionelle Helfer hätten sich um Kessels Alkohol- und Drogenproblem gekümmert. Diller hätte wahrheitsgemäß angeben können, davon nichts gewusst zu haben. Stattdessen war er losgezogen, um Sprit für ihn zu kaufen, und hatte ihn allein im Wagen zurückgelassen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hatte, dass ihm, einem rückfälligen Süchtigen, nicht zu trauen war. Alles, was danach kam, war folglich allein Dillers Schuld. Wenn man wollte, konnte man es so sehen, und der Präsident würde es so sehen, da war er sicher. Diller dachte an seine Familie und an die Schmach, auf diese Weise seinen Job zu verlieren.
Es musste eine bessere Lösung geben.
Zuerst einmal mussten sie alles tun, um ihre Lage nicht weiter zu verschlimmern. Für Diller hieß das, er musste Kessel so schnell wie möglich an einen Ort bringen, wo er die nächsten zwölf Stunden gefahrlos bleiben konnte. Dazu musste es ihm aber erst gelingen, ihn zurück in die Gegenwart zu bekommen. Kessel saß da, als wäre er im Sitzen gestorben. Diller griff nach der Plastiktüte, die an seinen Füßen lag. Er öffnete die Autotür einen Spalt, goss die halbe Cola-Flasche auf den Asphalt und füllte sie mit Jack Daniels wieder auf. Dann hielt er sie Kessel hin. Der saugte an der Flasche wie ein Baby, in gierigen, langen Zügen, dann setzte er ab, rülpste und gab die Flasche zurück. Diller stieß ihm freundschaftlich mit
der Faust gegen den Oberarm und sagte: »Steig aus. Lass mich fahren.« Kessel gehorchte ohne ein Wort.
Diller suchte nach einer Lösung. Er wusste nicht, ob Kessel wirklich auf Drogen war, aber er musste es jetzt annehmen. Was sonst hätte er von den Arabs haben wollen?
»Ich bringe dich jetzt in deine Wohnung. Dort bleibst du so lange, bis ich mich bei dir melde, hörst du? Du gehst nicht ans Telefon, und du redest mit niemandem. Brauchst du irgendetwas, was wir vorher noch besorgen sollten?«
Diller bemühte sich um einen halbwegs gelassenen, kollegialen Ton, der Zuversicht verströmen sollte.
Kessel griff den Ton auf. »Ich bin kein Junkie, Markus. Ich wollte keine Drogen von den Typen. Du hast doch bemerkt, dass sie die ganze Zeit zu uns herübergesehen haben. Wir hatten noch die ganze Nacht vor uns. Ich wollte mir einfach Respekt verschaffen. Es ist eskaliert. Es war ein Unfall. Und weil du’s wissen wolltest: Mit der Flasche hier komme ich aus, bis wir zu Hause sind, und da ist mehr.«
Diller verzog den Mund ein bisschen, weil er ahnte, dass das als Scherz gemeint und zugleich wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit war.
»Wenn wir dichthalten, können die uns nichts«, sagte er.
Sie wussten beide nur zu gut, dass das nicht stimmte. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig, als daran zu glauben.


Kessel wohnte in einem mindestens hundert Jahre alten, völlig verdreckten Haus in der Goethestraße auf Höhe des Hauptbahnhofs, in einem Viertel voller arabischer Obst- und Gemüseläden, türkischer Supermärkte, Sexshops, Automatenkasinos, Animierlokale und schäbiger Kneipen. Der Eingangsbereich stand für jedermann offen, blaue Müllsäcke lagen darin herum, und es stank nach Pisse. Hinter einem Eisengitter, für das nur die Bewohner einen Schlüssel besaßen, lag das Treppenhaus, und es gab sogar einen Lift, der funktionierte.
Obwohl sie sich so lange kannten, war Diller noch nie in Kessels Wohnung gewesen. Sie übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Ein dunkles, unaufgeräumtes Anderthalbzimmerapartment, in dem es nach Essensresten, schmutziger Wäsche, Alkohol, kalter Asche und verzweifelter Männereinsamkeit roch. Seinem Bewohner durfte man alles zutrauen. Diller bemühte sich, so schnell und unauffällig wie möglich Dinge zu entdecken, die auf Drogenkonsum schließen ließen: Aluminiumfolie, gelbbrauner Glaskolben, verrußter Löffel, Röhrchen, Päckchen. Es fiel ihm nichts auf. Kessel rieb sich die Handflächen, trat von einem Bein aufs andere. Es war ihm sichtlich unangenehm, Besuch zu haben.
»Sie werden versuchen, dich zu finden. Kollegen, Arabs, andere Leute«, sagte Diller. »Du gehst nicht vor die Tür, hörst du? Wenn du Stoff brauchst, sag es jetzt. Es besteht eine winzige Chance, dass wir das wieder geradebiegen können. Versau es kein zweites Mal, okay?«
Kessel nickte schuldbewusst mit gesenktem Kopf und halb erhobenen Händen.
»Du hast recht, Markus. Ich bin okay, Markus. Ich werde hierbleiben, bis du mich anrufst. Ich werde nicht ans Telefon gehen, wenn ich nicht weiß, dass du es bist. Ich gehe nicht an die Tür. Ich bin nicht da, solange du mich nicht auf diesem Handy hier anrufst und ich deinen Namen auf dem Display sehe.«
Diller nickte. Kessel war jetzt auf eine Art schicksalsergeben, die ihm nicht gefiel. Es kam ihm in den Sinn, wie Kessel ausgesehen hatte, als er auf den Typen mit dem Baseballschläger zugefahren war. Pure, eiskalte Aggression.
Diller verabschiedete sich mit einer knappen Handbewegung und zog die Tür hinter sich zu. Er lief zum Wagen und fuhr nach Hause. Als er von der Wolfratshauser Straße in die Siemensallee einbog, fuhr er langsamer. Er überprüfte in allen Spiegeln, ob irgendjemand in der Nähe war. Nichts. Er reduzierte die Geschwindigkeit weiter, auf etwa zwanzig Stundenkilometer, zog dann den Wagen nach rechts und prallte mit der rechten Front gegen einen der Alleebäume. Er war langsam genug gewesen, um den Wagen nicht zu stark zu beschädigen. Er setzte zurück und fuhr weiter.


Kessel fischte das Plastiksäckchen aus der Tasche, zog Jackett, Schuhe und Hose aus und ging ins Bad. Er hatte es jetzt eilig. Er löste eine Kachel aus der Wand hinter der Kloschüssel und holte heraus, was er dort versteckt hielt. Steril verpackte Einwegspritzen, einen Löffel. Er zerbrach eine der rot-weißen Kapseln und kochte sich mit dem Feuerzeug einen Schuss auf, den er sich in eine Vene im Unterschenkel spritzte. In wenigen Sekunden löste sich jede Anspannung, und ihm wurde klar, dass er sich außerhalb jeder Gefahr befand. Der Große hatte ihn demütigen wollen, und es war ihm beinahe gelungen. Nur gerecht, dass er dem Typen mit der Keule eine Lektion erteilt hatte. Aber der Stoff war gut, das musste er zugeben. Er hatte die Sache im Griff, absolut und eindeutig im Griff, dachte er und ahnte zugleich, dass das nicht stimmen konnte. Er saß in Unterhosen auf dem Klodeckel, lehnte sich mit dem Kopf seitlich an die Wand, und langsam entgleisten seine Gesichtszüge.


Es war halb ein Uhr nachts, als Diller vor dem Reiheneckhaus in Solln parkte, das er seit ein paar Jahren mit seiner Familie bewohnte. Als er ausstieg, tauchte ein Wachmann des privaten Sicherheitsdienstes auf, der die Makartstraße bewachte, seit es hier in der Gegend eine Serie von Einbruchsdiebstählen gegeben hatte. Ein großer, kantiger Kerl in einer amerikanisch aussehenden Uniform. Er patrouillierte zu Fuß. Diller und er kannten sich vom Sehen. Diller wusste, dass der Mann Schneider hieß und wie so viele Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen ein ehemaliger Polizist war. Er war ungefähr halb so alt wie Diller und hatte wohl sofort nach der Ausbildung gewechselt. Vielleicht hatte er etwas ausgefressen. In ihren kurzen Gesprächen vor dem Haus taten sie so, als wären sie Kollegen, aber Diller spürte Schneiders Missgunst, von der er nicht genau wusste, worauf sie sich bezog. Auf das Haus vielleicht, die Familie, ganz allgemein vielleicht auf ein Leben, von dem er sich zu Unrecht ausgeschlossen fühlte.
»N’Abend, Herr Diller. Da hat’s aber ganz schön gekracht, was?«
Diller hätte nicht entscheiden wollen, ob es Neugier oder Schadenfreude war, die in Schneiders Stimme lag. Schneider blieb vor dem Wagen stehen und besah sich die verbeulte Kühlerhaube und die zersplitterte Verbundglasscheibe.
»Von der Straße abgekommen. Nicht der Rede wert.«
Schneider ignorierte Dillers Wunsch, es kurz zu machen. »Ah, und das da war wohl Steinschlag, wie?« Er deutete auf die Scheibe.
»Könnte es Ihnen nicht sagen. Ging alles so schnell.«
»Das wird Ihre Dienststelle aber nicht freuen?«
»Ich vermute mal, das wird denen egal sein. Die haben Wichtigeres zu tun, als sich den Kopf über Blechschäden zu zerbrechen.«
»Von der Straße abgekommen. Obwohl es gar nicht glatt ist.«
Diller passte es nicht, dass Schneider sich so sehr für den Wagen interessierte. Beinahe provozierend.
»Ich war unaufmerksam. Das ist alles. Ich hoffe, Sie können von sich immer das Gegenteil behaupten.«
»Das hoffe ich auch, Herr Diller. Im Ernst. Bisher war die Nacht ruhig.«
»Ich sehe, Sie haben vorgesorgt. Soll ja noch kalt werden «, sagte Diller in Anspielung auf Schneiders dick gepolsterte Kleidung.
»Ja, soll einen Temperatursturz geben in den nächsten Stunden. Und morgen früh dann warmen Wind aus der Wüste.«
»Ja, irres Wetter.«
Die Männer wünschten einander eine gute Nacht, Schneider warf noch einmal einen Blick auf die eingedrückte Front des Wagens und schüttelte merklich den Kopf. »Kümmere dich doch um deinen eigenen Scheiß, du Trottel«, zischte Diller leise, als er das schwere Sicherheitsschloss der Haustür aufsperrte. Er zog sich im Dunkeln aus, warf seine Klamotten über einen Stuhl und ging dann ins Schlafzimmer, wo Maren längst schlief. Er schlüpfte auf seiner Seite des Bettes unter die Decke. Die Suspendierung, die ihm morgen bevorstand, war das Letzte, woran er dachte, bevor er erschöpft einschlief.

 

Donnerstag, 17. Januar

Beim Frühstück bemühte er sich, so alltäglich wie möglich zu erscheinen, obwohl er befürchtete, Kollegen könnten jeden Augenblick mit einem Haftbefehl gegen ihn vor der Tür stehen. Es störte ihn, dass Luis, sein dreizehnjähriger Sohn, nicht aus dem Bett fand. Luis musste um Viertel nach sieben das Haus verlassen, jetzt war es zehn vor, und er stellte sich immer noch tot. Trotzdem schaffte er es irgendwie, zehn Minuten später am Frühstückstisch zu sitzen. Ein Mensch gewordener Vorwurf in einem gelben FUCKUALL-T-Shirt. Diller fand, Luis war zu dünn angezogen, und das T-Shirt gefiel ihm nicht. Eine kurze Zeit schwiegen sie alle und aßen. Dann hielt es Diller nicht länger aus.
»Glaubst du, das ist die richtige Botschaft an einem katholischen Gymnasium?«
Diller wollte diese Frage eigentlich gar nicht stellen. Es interessierte ihn weder dieses bescheuerte T-Shirt noch, was irgendjemand darüber dachte. Er hatte einzig und allein das Bedürfnis, jemanden anzuschnauzen.
»Es ist ein Modelabel. Es bedeutet nichts«, sagte Maren.
»So. Ein Modelabel. Verstehen das Priester auch?«
»Es gibt nur einen Priester an der Schule, und der hat mit diesem T-Shirt bestimmt kein Problem.«
»Wenn ich das richtig verstehe, bedeutet es, ›fickt euch alle‹! Ich hätte ein Problem, wenn jemand in meiner Abteilung so ein T-Shirt tragen würde.«
Luis rollte die Augen. »Muss ich es ausziehen?« Er richtete die Frage an Maren, ohne sie wirklich zu stellen.
»Natürlich nicht. Es ist ein T-Shirt, Markus. Mona hat es ihm geschenkt«, sagte Maren.
»Na, wenn Mona es ihm geschenkt hat, dann kann es ja nicht verkehrt sein«, sagte Diller.
Er wusste, dass er mit diesem Satz den Ärger vergrößerte, weil er sich nicht nur gegen Luis, sondern auch
Gegen Mona und Maren richtete, und auf eine verzwickte Art wollte er genau das: sich mit all denen anlegen, die er liebte und die er so sehr würde enttäuschen müssen.
Luis stand auf und brachte sein Geschirr in die Küche. Diller hielt das für einen Aufbruch unter Protest, aber Luis kam mit einem Blatt Papier in der Hand zurück.
»Demnächst ist in der Schule ein Theaterabend. Ich will da hingehen. Ich brauche eure Unterschrift, dass ich darf.«
Diller war überrascht. Es war ihm neu, dass sich Luis fürs Theater interessierte. Aber seine schlechte Laune konnte er nicht sofort aufgeben.
»Und die Eltern? Sind die nicht eingeladen?«
»Ich glaube nicht, dass euch das interessiert.«
»Woher willst du das wissen? Was wird denn gespielt?«
»Mockinpott.«
Luis sprach den Titel aus, als wäre er so berühmt wie Faust oder Romeo und Julia. Diller hatte ihn noch nie gehört, was er aber gewiss nicht zugegeben hätte.
»Mockinpott also. Prima, da gehen wir hin, nicht wahr, Maren?«
»Warum nicht?«, sagte sie. Sie schien zufrieden, dass sich ihr Mann beruhigte.
Diller setzte seine Unterschrift auf das Papier und bat Luis, zwei Karten für sie zu besorgen.
»Werd sehen, was ich machen kann«, sagte Luis, betont gönnerhaft, packte seine Sachen zusammen und machte sich auf den Schulweg.
Diller beeilte sich, ebenfalls loszukommen und dabei Maren auszuweichen, die, das spürte er, wissen wollte, was wirklich mit ihm los war.
Über Nacht war es tatsächlich fünfzehn Grad kälter geworden, und es waren bestimmt zwanzig Zentimeter Schnee gefallen. Der milden Nacht im Januar folgte ein klirrend kalter Wintertag. Die Luft fuhr Diller eisig in die Lungen, als er vor die Haustür trat, ohne Hoffnung, einer weiteren Begegnung mit dem Wachmann entkommen zu können. Bei seinen ersten Schritten prüfte er den Untergrund. Der Boden war vereist. Das war gut. Vielleicht waren die Spuren, die sie im Westend bei ihrem Unfall hinterlassen hatten, schon verloren. Diller sah sich um, bevor er anfing, die kaputte Windschutzscheibe des Dienstwagens freizukratzen. Das schwarze SUV der Sicherheitsleute parkte am Anfang der Makartstraße. Schneider saß darin und erwartete frierend und übernächtigt das Ende seiner Schicht. Er hob mit einem aufgesetzten Lächeln die Hand zum Gruß. Diller deutete eine Erwiderung an. Schneider würde jede Gelegenheit nutzen, um bereitwillig auszusagen, wann er Diller wo begegnet und was ihm dabei aufgefallen war, und er würde es genau mit diesem aufgesetzten Lächeln tun. Wahrscheinlich war es nicht einmal etwas Persönliches. Es wäre ihm genug, sich ein bisschen wichtig zu fühlen, zu zeigen, dass er auf dem Posten war. Der Schnee hatte die lädierte Kühlerhaube dick genug bedeckt, um den Blechschaden am Kühlergrill zu verbergen. Diller wischte noch das Dach frei, stieg ein und fuhr los. Als er an Schneiders Wagen vorbeikam, wich er seinem Blick aus.
Dillers Ermittlungsapparat setzte sich in Gang, jener komplizierte Mechanismus aus Erfahrung, Beobachtung und Verdacht, der ihn seine Entscheidungen treffen ließ. Doch anders als sonst, richtete sich dieser Apparat jetzt nicht gegen jemanden, den er verfolgte, sondern gegen ihn selbst.
Diller ging Schritt für Schritt durch, was er jetzt zu tun hatte. Zuerst musste er den Wagen wegbringen, dann so früh wie möglich zu Strauch, dem Leiter des gestrigen Einsatzes, um seinen Bericht abzugeben. Mündlich vorerst. Wie lagen die Fakten? Falls sich in der Wohnung in der Geroltstraße nachts nichts getan hatte, würde sich verheimlichen lassen, dass sie die Observierung abgebrochen hatten. Nicht verheimlichen ließ sich hingegen, dass Kessel mit ein paar jugendlichen Drogendealern in Streit geraten und Diller dazugekommen war, bevor die Situation eskalierte. Und erst recht nicht ließ sich verheimlichen, dass sie wenig später einen dieser jungen Männer überfahren hatten. Auch wenn sie niemanden gesehen hatten, würde es dafür Zeugen geben. Sie würden aussagen, dass der zivile Polizeiwagen auf den jungen Mann zugehalten und nicht gebremst hatte. Dafür, dass die Jugendlichen Drogen verkauften und dass der Pitbull mit seiner Baseballkeule ihre Windschutzscheibe zertrümmern wollte, gab es selbstverständlich keine Zeugen. Dafür gab es nur Kessels und Dillers Aussagen, und die wären, wenn es darauf ankäme, nichts weiter als Schutzbehauptungen. Schneider und Dillers Familie dagegen konnten wahrheitsgemäß angeben, dass er die zweite Hälfte der Nacht zu Hause verbracht hatte, was ausreichte, um ihm ein Dienstvergehen, die eigenmächtig abgebrochene Observation, nachzuweisen. Schneider konnte darüber hinaus sicher wörtlich ihre Unterhaltung wiedergeben und den Schaden an dieser Karre genau beschreiben. Es war aussichtslos. Sollte sich irgendjemand auch nur die geringste Mühe geben, ihn und Kessel fertigmachen zu wollen, würde es ihm mit Leichtigkeit gelingen.

 

Diller drehte das Radio an und suchte einen Nachrichtensender. Dann fischte er sein Handy aus der Jackentasche. Bevor er Kessels Nummer tippte, fragte er sich, ob irgendjemand irgendeinen belastenden Schluss daraus würde ziehen können, dass er Kessel jetzt anrief. Fuck you all, dachte er. Es war sowieso längst alles hinüber. Alles, was er noch tun konnte, war, ein bisschen zu zappeln, sich ein bisschen zu wehren. Also tat er es. Er hatte keine genaue Idee, was er mit Kessel besprechen wollte, aber es gab einige Dinge zu klären. Ob er noch lebte, zum Beispiel. Ob er in der Zwischenzeit Besuch bekommen hatte. Dass er noch immer unter keinen Umständen die Wohnung verlassen, mit niemandem sprechen durfte. Kessel nahm nicht ab, was nur dazu führte, dass Diller sich noch mehr Sorgen machte.
Endlich brachten sie im Radio die Meldung, auf die er gewartet hatte. Aber es klang ganz anders als das, womit er gerechnet hatte:
»Bei einem Polizeieinsatz im Münchner Westend kam es in der vergangenen Nacht zu schweren Krawallen, nachdem ein junger Mann bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden war. Mehrere Dutzend Jugendliche in dem überwiegend von Einwanderern bewohnten Stadtviertel bewarfen Streifenpolizisten mit Flaschen und Steinen. Einige Fahrzeuge, darunter auch ein Polizeiauto, gingen in Flammen auf. Mülltonnen wurden in Brand gesteckt. Nach ersten internen Ermittlungen waren die Beamten nicht in den Unfall verwickelt. Zahlreiche Zeugen berichteten aber, die Polizisten hätten sich nicht sofort um das Unfallopfer gekümmert. Dies sollen die Ermittlungen klären. Kurze Zeit nach dem Unfall versammelten sich Dutzende, später Hunderte Jugendliche in der Nähe des Schauplatzes. Bei weiteren Ausschreitungen wurden nach Angaben der Behörden zwei Polizeiwachen zerstört und etwa zwanzig Geschäfte und eine McDonald’s-Filiale geplündert.
Berichten zufolge sollen Jugendliche mit Schrotgewehren auf Polizisten und Journalisten geschossen haben. Ein Sprecher der Polizeigewerkschaft teilte mit, achtunddreißig Beamte seien bei den Unruhen verletzt worden, drei davon schwer. Auch ein Journalist zählte zu den Verletzten. Das Polizeipräsidium teilte mit, zwei Jugendliche seien in Gewahrsam genommen worden. Am frühen Morgen wurde die Lage von dem seit Anfang des Monats im Amt befindlichen Polizeipräsidenten März in einer Stellungnahme als ›nach wie vor explosiv‹ bezeichnet. Die Familie des Opfers rief die Protestierenden zur Ruhe auf.«
Diller konnte kaum glauben, was er hörte, und doch hoffte er sofort, dass sich diese Entwicklung günstig für ihn und Kessel auswirken könnte. Der Radiosprecher wies auf eine Sondersendung im Anschluss an die Nachrichten hin: »Aufstand im Westend – die Ursachen.« Dann gab der Oberbürgermeister ein Interview. Er mimte den Besonnenen, versuchte die Sache herunterzuspielen, rief ebenfalls zur Ruhe auf.
Diller drehte das Radio ab und versuchte für das, was er gerade gehört hatte, eine Erklärung zu finden. Kessel und er hatten den Pitbull überfahren und waren geflohen. Der Pitbull lag am Boden. Schwer verletzt, aber nicht tot. Jemand rief die Polizei. Eine Funkstreife kam, vielleicht die beiden jungen Beamten, mit denen er tags zuvor gesprochen hatte. Um das Opfer scharten sich Leute aus der Nachbarschaft und sahen, dass es der Pitbull war. Ihn und seine Freunde, die auf dem Asphaltplatz herumhingen, kannten sie. Sie bedrängten die Polizisten, etwas zu unternehmen. Die Beamten riefen einen Krankenwagen, der unverständlich lange auf sich warten ließ. Der Unmut der Leute wuchs, ein junger Mann, ein Freund des Pitbulls, der sich besonders aufregte, schlug mit der flachen Hand auf die Kühlerhaube des Polizeiautos, die Polizisten reagierten falsch, ließen sich auf eine Autoritätsdiskussion ein, mehr Leute versammelten sich auf der Straße, der Krankenwagen kam nicht durch, einige stimmten Sprechchöre gegen die Polizei an, die Beamten forderten Verstärkung an, ein vergitterter Mannschaftstransporter erschien, die Leute fühlten sich herausgefordert, der erste Pflasterstein knallte gegen die Heckscheibe des Streifenwagens. Vielleicht war es so.
Vielleicht aber gab es auch Zeugen, die ihn und Kessel gesehen hatten. »Zwei Zivilbullen in einem blauen BMW. Hier, wir haben die Nummer.« Und vielleicht wollten die Streifenpolizisten davon nichts wissen, wollten es nicht glauben, weil sie das in einer ohnehin für sie schwierigen Situation beinahe selbst schon zu Schuldigen gemacht hätte.
Diller griff noch einmal nach seinem Handy, rief Kessel an, der immer noch nicht abnahm, und sprach ihm auf die Mailbox: »Falls du noch am Leben bist, geh nicht vor die Tür, sprich mit niemandem, schau ins Internet, schalte den Fernseher ein und warte in deiner Wohnung, bis ich dich abhole. Es ist noch nicht vorbei.«


Die Leseprobe hat Ihnen gefallen?
Das Buch »Unter Feinden« von Georg M. Oswald finden Sie überall im Buchhandel.

Mehr Informationen zu Georg M.Oswald und weiteren Büchern aus dem Piper Verlag unter
www.piper-verlag.de.


MobbingMobbing

Roman

Joachim machte seine Arbeit gut, die Kollegen schätzten ihn. Wenigstens das stand doch außer Frage. Denn mit der neuen Chefin blieb für ihn nichts, wie es war. So kam der Briefumschlag mit der fristlosen Kündigung beinah wie eine Erleichterung. Aber für Joachims Familie war das Glück längst flüchtig wie das Vertrauen, das sie in sich und das Leben gehabt hatte. Mit »Mobbing« gelingt Annette Pehnt in der Verbindung aus Anteilnahme und literarischer Distanz ein glänzender Roman um ein drängendes Thema.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.