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Verehrt und geliebt, gehasst und bekämpft
Die große Biografie zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß

Donnerstag, 02. Juli 2015 von Piper Verlag


Videotranskription des Interviews mit Horst Möller über »Franz Josef Strauß - Herrscher und Rebell«

Hier finden Sie das ganze Interview als Transkription. Das Video zum Interview finden Sie anbei und hier.


 

»Warum braucht man eine Strauß Biografie?


Die Frage stellt sich für jede geschichtswissenschaftliche Darstellung.
Im Falle von Strauß ist sie einfach zu beantworten. Es gibt bis heute keine wissenschaftliche Biografie, die vielen Veröffentlichungen die es über Strauß gibt legen nicht die vorhandenen Quellen, nicht die archivalischen aber auch nicht die veröffentlichten zugrunde, oder nur sehr begrenzt. In diesem Buch sind erstmals die Quellenbestände ausgewertet, die Strauß selbst hinterlassen hat. Ein großer Nachlass von über 300 Regalmetern.

 

Aus der neuen Quellenbasis ergeben sich zahlreiche neue Fragen und auch zahlreiche neue Beurteilungen, weil wir natürlich alle ein Straußbild haben, die älteren mehr die jüngeren weniger, dass vom Fernsehen und den Bildern die wir über Strauß kennen beeinflusst ist. Dieses Bild von Strauß ist auch Teil seiner Persönlichkeit, aber eben nur ein Teil und nicht der ganze Strauß. Und wenn man den ganzen Strauß haben will, dann muss man in der Tat seine Politik analysieren, muss seine Reden analysieren, seinen Briefwechsel, seinen Beitrag zur Entscheidungsbildung.

 

Und das führt zu dem nächsten Punkt: Strauß war für die ersten dreißig Jahre einer der ganz entscheidenden Spitzenpolitiker der Bundesrepublik Deutschland. Er ist also eine historische Persönlichkeit, die ungeheure Wirkung gehabt hat. Und insofern ist durch die Sache gerechtfertigt, nicht nur durch die neuen Quellen, dass man eine Biografie über ihn schreibt.

 

Ja die Bedeutung von Strauß liegt zunächst ja mal natürlich in seiner historischen Rolle

 

... zwischen 1945 und 1988 hat er als mehrfacher Bundesminister, als Parteivorsitzender, länger als jeder andere war er Parteivorsitzender in der Bundesrepublik und als bayrischer Ministerpräsident auch über den Bundesrat die bundesdeutsche Politik entscheidend mitgeprägt. Hat durch seine außenpolitischen Aktivitäten auch die internationale Rolle, nicht nur der Bundesrepublik insgesamt, sondern auch Bayerns befestigt, was beispielsweise heute für den Handel, den internationalen Handel, und den Export eine große Rolle spielt, nach China etwa. Damit hat Strauß begonnen. Er hat vor allem die Westintegration der BRD, an der Seite von Konrad Adenauer, ganz entschieden betrieben. Er war ein Politiker, der zwar zunächst einmal von Bayern ausging, bayrischer Föderalist war, durch seine Laufbahn entschiedener Bundespolitiker war. Er war dreißig Jahre Bundespolitiker bevor er  dann in die bayrische Politik zurückkehrte. Und er war ein entschiedener Befürworter der europäischen Integration.

 

Wenn man viele seiner Texte liest, das heißt Interna, interne Texte, aber auch öffentliche Reden, dann sieht man sein entschiedenes europapolitisches Programm. Vieles von dem was er damals gesagt hat ist aktuell, aktuell sind auch andere Fragen, die man mit Strauß gar nicht verbindet, beispielsweise sein entschiedenes Engagement für den Umweltschutz. Sein entschiedenes Engagement für den Abbau von Verordnungen, Gesetzen und Verwaltungsordnungen, aber auch Verwaltungen selber, das heißt also Einsparungen aber auch Verwaltungsvereinfachungen.

 

Die Frage, warum ist er heute über die historische Seite hinaus aktuell, die bündelt sich eigentlich in einer anderen Frage: Wäre ein Politiker wie Strauß heute überhaupt möglich?

 

Das ist eine spannende Frage, weil natürlich seit 1945 es einen Generationswechsel in der Politik gibt, weil es einen Stilwechsel gibt, dafür ist beispielsweise maßgebend, dass die Kommunikationsformen sich völlig verändert haben. Die ersten zwanzig Jahre von Strauß waren nicht durch das Fernsehen, sondern durch öffentliche Reden, durch Rundfunk oder Presse geprägt, heute ist es das Fernsehen. Das heißt, die Frage ist: Ist Strauß fernsehgerecht? Auf die Frage wird man antworten müssen: Nein, ist er nicht, oder war er nicht. Er selbst hat dem Medium etwas misstraut, aber trotzdem muss man die Frage stellen: Wäre er heute möglich?

 

Warum man diese Frage stellen muss, liegt einmal am Stil seiner Politik, aber vor allem in dem Charakter seiner Art Politik zu machen. Das war zum einen das, was alle Parteipolitiker taten, zum anderen aber hat er versucht, in jedem Feld eine große Fachkompetenz zu erwerben und er hat mit dieser Fachkompetenz immer wieder versucht, argumentativ zu überzeugen. Seine Parteifreunde, seine politischen Gegner, die Öffentlichkeit.

 

Also sehr viel stärker als wir das von den Fernsehaufnahmen von Strauß kennen, war er ein Mann des argumentativen Dialogs,

 

... stärker als das heute ist, wo immer sehr schnell Gegensätze verwischt werden, wo man sehr schnell einen Kompromiss sucht. Strauß, als demokratischer Politiker wusste, ein Kompromiss ist in der Demokratie wesensnotwendig, in allen entscheidenden Politikfeldern, aber für ihn stand der Kompromiss am Ende und am Anfang stand die offene Debatte.

 

Das, was wir heute Streitkultur nennen, die Bereitschaft in Kontroversen mit festen Positionen hineinzugehen, dann im Austausch der Argumente diese Positionen auch zu einem Kompromiss zu formen. Während wir heute oft den umgekehrten Weg haben, wir haben einen Kompromiss am Anfang oder wir haben eine Verwischung gegensätzlicher politischer Positionen, weil die Öffentlichkeit in der Regel, nach demoskopischen Umfragen ist das so, keine Kontroverse, keinen Streit will.

 

Strauß war aber der Meinung zur Demokratie gehört der Streit, der Streit allerdings zwischen Demokraten, zwischen Gegnern und nicht zwischen Feinden.

 

Das heißt er hat eine andere Auffassung von der politischen Kultur, als die, die heute dominiert. Wenn man dann die Frage stellt, wäre er heute möglich, dann würde man heute sagen, er würde sicher vieles an seinem Politikstil ändern müssen, aber auf der anderen Seite würde er vieles in die heutige Politik einbringen, was der heutigen Politik wirklich fehlt.

 

Es ist anzunehmen, das würde für alle großen Politiker dieser Zeit auch gelten, also der ersten Jahre, wie für Konrad Adenauer, Fritz Erler, Willy Brandt, Helmut Wehner, sie aller würden ihren Stil natürlich auch ändern müssen, wenn sie heute wirken wollten. Man kann heute nicht mit den gleichen Methoden Politik machen wie damals.

 

Der entscheidende Unterschied aber, wo man sagt, das müsste heute auch so sein wie damals, ist die Auseinandersetzung mit der Sachkompetenz und den Argumenten, also den Sachargumenten. Und da muss man sagen ist die ständige Klage über die Politikverdrossenheit in der Bundesrepublik, die Klage darüber, dass sich die großen Parteien immer ähnlicher werden - wenn man einmal von den Linken absieht - diese Klage ist durchaus berechtigt, das wäre nie die Politik von Strauß gewesen.

 

Es war immer die Politik von Strauß, wir müssen sagen was wir wollen, die anderen müssen sagen was sie wollen, und dann tauschen wir in einem intellektuellen und politischen Kampf die Argumente aus und am Ende müssen wir einen Kompromiss finden.

 

Es steht immer die Individualität in einem Spannungsverhältnis zu dem Umfeld der Zeit, zu der Gesellschaft insgesamt, zu den Gruppen zu denen der Betroffene zugehört. Und wenn er wirklich bedeutend ist, gibt es ein Stück Individualität, das nicht aufgeht im Zeitgeist oder bei den anderen Mitspielern, oder Gegnern in der Zeit. Es bleibt also immer etwas Individuelles über, sodass man sagt, vereinfacht gesagt, das ist ein Charakter.

 

Solche Charaktere, wie Strauß stoßen an.

 

Sie sind anstoßen im positiven Sinne, wirken auch immer wieder anstößig, weil die Art wie sie mit Vehemenz, mit Temperament, bei Strauß muss man sagen mit einem vulkanischen, zuweilen außerordentlich ungezügeltem Temperament, ihre Meinung vertreten. Diese Form ist nicht einfach übertragbar, sie hängt an der Person, die ist auch durchaus kritisierbar. Es ist auch jetzt nicht so, dass man ihn in jeder Hinsicht als Vorbild nehmen könnte.

 

Aber die Frage ob man in der Politik ohne eine Auseinandersetzung über die Sache auskommen kann, die muss man von unserer Verfassungsordnung her, von der Demokratie her so beantworten: Die Kontroverse gehört wesensmäßig zur Demokratie.

 

Wir können alle froh sein, dass wir in einer Verfassungsordnung leben, wo jeder seine Meinung mit Vehemenz vertreten kann. Dass man sich dabei an Regeln halten muss, versteht sich völlig von selbst. Das fiel Strauß manchmal schwer, weil er sozusagen seine Impulsivität - oder wie ein Journalist mal gesagt hat: Er war kein Vulkan, er war Lava - das fiel ihm zuweilen schwer, was auch erklärt, warum er nicht nur sehr bewundert, sondern auch sehr kritisiert wurde.

 

Es ist kein Buch das für die Straußanhänger oder die Straußgegner geschrieben worden ist.

 

Wenn man das machen würde, dann bräuchte man sich die sehr umfangreiche Quellenarbeit an den Dokumenten, den veröffentlichten und nicht veröffentlichten, nicht zu machen. Das ist leider das Problem vieler Bücher über Strauß, sie wissen vorher was dabei herauskommt. Ohne die Quellen anzugucken.

 

Daher soll es von meiner Intention aus natürliche eine wissenschaftliche Biografie sein, die objektiv in den Bewertungen ist. Ich bewerte durchaus, ich bewerte positiv, ich bewerte kritisch. Ich weiche Bewertungsfragen also nicht aus, aber ich bemühe mich darum sie mit Argumenten oder Quellen zu begründen.

 

Im Übrigen versuche ich immer, bei diesem Buch so zu schreiben, dass jeder Interessierte es im Prinzip verstehen kann. Insofern ist es ein Buch nicht nur für die Fachleute, für die ist es sicher auch, aber ich hoffe, dass es auch ein Buch für diejenigen ist die sich für Politik interessieren. Oder für die neueste Zeitgeschichte interessieren, auch wenn sie keine Historiker oder Politikwissenschaftler sind.

 

Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Politiker sich wenn sie das Buch lesen manchmal fragen, angesichts des kantigen Charakters von Strauß, ob nicht auch heute manchmal ein kantiger Charakter der Politik von heute gut täte.

 

Ein Schwerpunkt ist bei Strauß insofern eine Schwierigkeit, da man aufgrund seiner so vielfältigen Tätigkeit immer wird auswählen müssen. Natürlich könnte man ein Buch schreiben nur über Strauß als Finanzminister, der damals das letzte Mal bis heute einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt hat. Man könnte ein Buch schreiben nur über Strauß den Verteidigungsminister. Oder Strauß und die SPIEGEL-Affäre, was es auch gibt. Ob das immer objektiv ist, ist eine andere Frage.

 

Also man könnte eigentlich zwanzig Bücher über Strauß schreiben, ohne ihn damit zu erschöpfen.

 

Und ich habe versucht die wesentlichen Felder abzudecken, wobei ich dazusagen muss, ich schreibe zunächst eine politische Biografie. Das politische Denken und Handeln von Strauß in seiner Zeit.

Als Angehöriger einer bestimmten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, die vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist, die durch den Nationalsozialismus und die Massenverbrechen des NS-Regimes geprägt ist und die einen neuen Weg suchte. Da geht es um Straus und seine Generationsgenossen und es ist kein Zufall, dass beispielsweise Willy Brandt, Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Walther Scheel, Erich Mende um Politiker unterschiedlicher Parteien zu nehmen. Alle, Fritz Ehrler, alle aus der gleichen Generation waren, die am Ende des Krieges ganz junge Leute waren, die aber durch die Erfahrungen des Krieges, ob sie nun wie Willy Brandt emigriert sind oder wie Strauß und andere in Deutschland geblieben sind, aber jedenfalls durch die grauenhafte Erfahrung dieses Krieges geprägt worden sind und deswegen eine Verantwortung für sich und ihre Generation sahen, einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen.

 

Insofern spielt nicht nur Strauß eine Rolle, sondern wie hat diese Generation die Erschütterungen der Katastrophe Deutschlands und Europas durch den Nationalsozialismus und den Weltkrieg gewirkt.

 

Was bei mir zwar behandelt wird, aber nicht im Mittelpunkt steht, ist das persönliche Familienleben. Ich habe Kapitel drin, kurze Kapitel über persönliche Seiten, natürlich etwas längere über den Bildungsgang von Strauß, seine Jugend, zum Weg in die Politik.

 

Aber es ist jetzt nicht ein Lebensbild im vordergründigen Sinn, das sich auf Strauß reduziert, sondern es ist Strauß in seiner Zeit als denkender und handelnder Politiker.«


 

Horst Möller im Interview über Franz Josef Strauß

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