Medienauftritte von Juan Moreno
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Mittwoch, 11. Juni 2014 von


Medienauftritte von Juan Moreno

Die neue Biografie von Juan Moreno über Deutschlands prominentesten Häftling, Uli Hoeneß, ist derzeit sehr gefragt. Darum hat der Autor einen Medienauftritt nach dem andern.


Uli Hoeneß

Alles auf Rot

Uli Hoeneß polarisiert, fasziniert und interessiert wie kaum jemand anderes in Deutschland. Hoeneß ist alles – und immer auch das Gegenteil. Er ist der gnadenlose Mr. FC Bayern, der alle und alles dominieren will und gleichzeitig der selbstlose Manager, der mit ebendiesem FC Bayern zu Benefizspielen kommt, um zu helfen. So zeichnet Juan Moreno ein Porträt, das Tiefenschärfe gewinnt, weil es nichts auslässt, weil er Hoeneß weder zum Helden machen will noch zum Schurken. Moreno sprach mit Freunden, mit Feinden, mit Weggefährten, mit Geschäftspartnern. Einige von ihnen haben sich noch nie öffentlich zu Hoeneß geäußert. Mit den neuesten Erkenntnissen aus dem Strafprozess zeichnet der Reporter des SPIEGEL präzise, mit sprachlichem Witz und psychologischem Feingefühl einen Mann, der oft »bigger than life« erschien.
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Einleitung

 

»Uli Hoeneß ist kein geborener Fußballer, der später einen Verein managte. Uli Hoeneß ist ein geborener Manager, der früher Fußball spielte.«

 

Ein Missverständnis sollte man gleich zu Beginn ausräumen, denn es ist zum Verständnis dieses Mannes entscheidend. Uli Hoeneß ist kein geborener Fußballer, der später einen Verein managte. Uli Hoeneß ist ein geborener Manager, der früher Fußball spielte. Daran ändert auch nichts, dass er zu den erfolgreichsten deutschen Profis aller Zeiten gehört. 1970, Hoeneß war gerade mal 18, kam er zu Bayern München und wurde sofort Vizemeister und Pokalsieger. Mit 20 holte er die Meisterschaft und wurde Europameister, mit 22 Weltmeister, mit 24 hatte er drei Mal den Europapokal der Landesmeister gewonnen. »Der schnellste lebende Stürmer Europas« wurde er Anfang der 1970er-Jahre genannt, was vermutlich stimmte. Udo Lattek, sein erster Trainer bei den Bayern, der Hoeneß bereits als Jugendnationaltrainer kennengelernt hatte, hielt ihn sogar für »das vielleicht größte Nachkriegstalent«, was nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher eine ziemliche Übertreibung war. Hoeneß war ein durchschnittlicher Fußballer, der überdurchschnittlich engagiert und weit überdurchschnittlich selbstbewusst war. »Märchenhaft selbstbewusst«, schrieben die Zeitungen. 250 Bundesliga-Spiele, 86 Tore.
Uli Hoeneß hat so Fußball gespielt, wie er später den FC Bayern München zu einem der reichsten Vereine des Planeten gemacht hat: zielstrebig, ausdauernd, durchaus kreativ, aber vor allem sagenhaft effizient. Hoeneß war Außenstürmer, ein klassischer Konterspieler. Udo Lattek versuchte sogar, ihn zum Offensivverteidiger umzuschulen. Hoeneß weigerte sich aber, obwohl er einige gute Partien auf der Position machte. Er sah sich immer als Angreifer. Sein Spiel war simpel, es fußte auf Kraft, Schnelligkeit, Willen und kühler Exekution. Seine berühmtesten Tore sind Produkte schierer Entschlossenheit. Was seinem Spiel an Raffinesse, Eleganz und Magie fehlte, kompensierte er durch Tempo und einen Belastungspuls von über 190 Schlägen in der Minute. Hoeneß konnte schneller und länger laufen als alle anderen. Er war durchsetzungsstärker, aggressiver und ehrgeiziger. »Ungeheuer, fast hoffnungslos ehrgeizig«, wie er früh gestand.
Zu den schönsten Eigenschaften des Fußballs gehört seine Großzügigkeit. Toleranter als andere Sportarten, ermöglicht Fußball auf sehr unterschiedliche Weise Erfolg. Nur der Sieg ist entscheidend, nie der Weg. Nicht für die Mannschaft, nicht für den Einzelnen. Es gibt keine Kür, keine Materialfragen, keine Idealmaße. Man kann kleinwüchsig wie Messi, kokainabhängig wie Maradona, faul wie Ronaldinho, rechtsradikal wie Di Canio, verbissen wie Gattuso, dämlich wie Balotelli, Kettenraucher wie Cruyff oder schlichtweg verrückt wie Paul Gascoigne sein, am Ende zählt nur, was die Anzeigetafel sagt. Und darum schaffte es auch der ehemals pummelige Schwabe Ulrich Hoeneß. Nicht mit Hackentricks und Übersteigern, sondern mit den hart antrainierten Leistungswerten eines Zehnkämpfers und der Überzeugung, dass Fußball der Weg vom Ulmer Eselsberg nach oben ist. Selbst wenn Franz Beckenbauer glaubte, dass etwas weniger Waldlauf nicht geschadet hätte. »Na ja, er ist viel in den Wald gegangen, ein bisschen viel im Wald herumgelaufen. Es wäre vielleicht gescheiter gewesen, ein bisschen die Ballfertigkeit zu schulen.«
Fans, früher wie heute, lieben Spieler wie Uli Hoeneß. Kämpfer, die aus einem Fußballspiel eine Schlacht machen. Die fehlendes Talent mit Einsatz wettmachen und einem Stockfehler die Bereitschaft entgegensetzen, auch Bällen nachzusprinten, die sicher ins Seitenaus trudeln. Die meisten Fans lieben Sportler, die sich der sicheren Niederlage mit nichts anderem entgegenstemmen als dem FC-Bayern-Theorem vom »Glück,das sich erzwingen lässt«. Solche Spieler werden geliebt, weil sie auf ihre sehr eigene Art dem Zuschauer Trost spenden. In den Beschränkungen dieser Spieler erkennt sich der Fan. Auch ihm ist immer der Ball versprungen, auch er versteht nicht, wie Rivaldo aus 16 Metern einen Fallrückzieher ins Tor bekommt und Ibrahimovic´ aus 26. Der Lauf eines Hoeneß, die Grätsche eines Schwarzenbeck, die Wut eines Kahn, sie erzeugen Nähe. Spieler wie Hoeneß sind der Beweis, dass der Fußball auch den weniger Begnadeten gehört. Sie stehen für die Hoffnung, dass es jeder schaffen kann, es bedarf nur etwas Willen und Entbehrung. Auch ohne vom Glück geküsst zu sein, auch ohne grenzenloses Talent.
Die Fans vergessen, dass große Hingabe ebenfalls ein Talent ist. Dennoch bleibt am Ende, dass Genialität im Fußball Bewunderung erzeugt. Identifikation allerdings entspringt dem Kampf. Mit Hoeneß konnten sich die Fans identifizieren. Seine Art zu spielen war den Menschen nahe. Seine Art, einen Verein zu führen, mittlerweile auch. Die Fans lieben ihn heute aus dem gleichen Grund, weshalb sie ihn früher als Fußballer liebten. Weil er immer zu kämpfen scheint. In den mehr als drei Jahrzehnten, die er Manager und später Präsident des FC Bayern war, sind zwei Hauptentwicklungen erkennbar. Zum einen machte Hoeneß aus dem »Tante-Emma-Laden Bayern München« (Paul Breitner) einen kickenden Unterhaltungskonzern, der zuletzt fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz generierte. Hoeneß’ Triumph als Manager ist unbestreitbar und unübertroffen in der Bundesliga.
Zum anderen wurde in derselben Zeit aus Herrn Hoeneß, dem eiskalten Bayern-Manager, der ein miserables Image in der Liga hatte, der »Uli«, der sich zum »feinsten Kerl der Liga« (Süddeutsche Zeitung), am Ende sogar zum »größten Helden aller Zeiten« (tz) wandelte.
Gerade in den letzten Jahren schien jede Million Mehrumsatz, die er mit Bayern oder seiner Wurstfabrik in Nürnberg erzielte, Hoeneß bodenständiger und sympathischer zu machen. Er wirkte nie wie der harte Manager, der auf Augenhöhe mit Weltkonzernen wie Audi, Allianz und Adidas verhandelt. Nie wie ein Teil der Eliten, denen er im Bayern-Aufsichtsrat vorsitzt, Leute wie VW-Vorstand Winterkorn, Telekom-Chef Höttges, Focus-Herausgeber Markwort, Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber.
Hoeneß war der Bundesliga-Manager, den Stehplatz-Fans liebten, weil er sich wie sie benahm. Bei keinem anderen Fußballmanager konnte man den Spielstand an der Gesichtsfarbe und den Tabellenstand am Hüftumfang ablesen. Niemand im deutschen Fußball stand so für Konfrontation, für Kampf, für die »Abteilung Attacke«, wie Hoeneß es selbst nannte. Beckenbauer holte erst die Weltmeisterschaft für, später nach Deutschland, und beides wirkte mühelos. Hoeneß hingegen rackerte. Er hatte einen Bürojob, aber so, wie er ihn ausführte, war es Knochenarbeit. Identifikation entspringt dem Kampf.
Das Feld für die Schlachten, die Hoeneß für die Bayern schlug, waren die Mikrofone, die ihm nach Spielschluss hingehalten wurden, die weit über 1000 Interviews, die er in seinem Büro in der Geschäftsstelle der Bayern in der Säbener Straße gegeben hat. Es waren die Talkshows, die er in Boxarenen verwandeln konnte. Selbst als er Bayern München zum reichsten Verein Deutschlands gemacht hatte, wirkten Gespräche mit Hoeneß wie das ewige Ringen eines Mannes, der alles zu verlieren hat. Nie ironisch, nie gelassen. Es war kein Spaß. Es war Fußball.
Dabei war die Welt, die Hoeneß den Kameras präsentierte und in die Blöcke der Journalisten diktierte, eine einfache. Ein Klartext-Terrarium, in dem es keine Grautöne und keinen diplomatischen Dienst gab. Es existierten Wahrheiten, Schuldige, Sieger und Verlierer. Es genügte Bauch, um diese Welt zu erfassen. »Ich glaube, dass das Einfachere am Ende doch das Bessere ist«, postulierte Hoeneß einmal, Fußballfans mögen das Einfachere. Journalisten auch.
Nicht seine Leistungen als Manager, die nicht hoch genug einzuschätzen sind, haben Hoeneß populär gemacht. Es ist vielmehr das Gefühl, dass Hoeneß nichts in den Schoß gefallen ist, dass er sich auch als Manager alles hart erkämpfen musste. Dass er immer gekämpft hat.

Uli Hoeneß sagte, dass einer seiner größten Erfolge darin bestehe, die Menschen, die seit Jahrzehnten fast täglich eine Schlagzeile über ihn lesen, noch immer nicht wissen zu lassen, wie er wirklich sei. Er meinte damit, dass er sich eine gewisse Privatheit bewahrt habe. Dass es ihn in zwei Varianten gebe. Einen Hoeneß für die Öffentlichkeit und einen privaten. Diese Unterscheidung, wenn sie denn zuträfe, wäre enorm wichtig für eine Biografie wie diese. Es würde bedeuten, dass es ein großes, bisher unentdecktes Feld im Leben des Uli Hoeneß gäbe. Beschäftigt man sich aber eine Weile mit ihm und spricht mit Menschen, die ihm nahe sind, gelangt man irgendwann zu der Einsicht, dass eine solche Unterscheidung schlichtweg nicht existiert.
Der erste Hoeneß, der öffentliche gewissermaßen, den alle kennen, poltert schnappatmend gegen alle. Gegen wirklich alle. Werder Bremen, Borussia Dortmund, Hellmut Krug, Theo Zwanziger, Otto Rehhagel, Willi Lemke, Udo Lattek, Jogi Löw, die eigene Mannschaft, die eigenen Fans und viele, viele mehr. Der vorsichtige Versuch, für dieses Buch alle Personen zu zählen, die wenigstens ein Mal von Uli Hoeneß öffentlich kritisiert wurden, wurde beim Erreichen der Zahl 300 eingestellt. Es sind vermutlich deutlich mehr.
Die private Seite, die laut Hoeneß unbekannte, ist anders, ausgeglichener, freundlicher und nachdenklicher. Dass es diese Seite gibt, bestätigen alle, die ihn kennen. Sie alle bestätigen auch, dass er natürlich kein keifender Permanent-Choleriker ist. Sondern eher ein Patriarch, ein gutmeinender, humorvoller, nachdenklicher, fairer und toleranter. Jemand, der viel Nähe zulassen kann, der gesellig und unglaublich gewinnend sein kann. Doch durch Selbstkritik oder übertriebenes Harmoniebedürfnis fällt er selbst in sehr entspannten Gesprächen nicht auf. »Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr«, hat Heraklit gesagt. Es gibt keinen Grund, warum das bei Hoeneß anders sein sollte.
In die Kategorie »Privatheit« gehörte auch das soziale Engagement des Bayern-Präsidenten, das dem Bild des schimpfenden Hoeneß so entgegensteht. Rund fünf Millionen Euro spendete Hoeneß in den letzten Jahren. Er rief zwei Stiftungen ins Leben, bewahrte Gerd Müller vor dem Alkoholtod, Dortmund und St. Pauli vor der Pleite. Feuerwehrautos schaffte er nach Aleppo und ukrainische Leukämie-Patienten nach München. Kein Verantwortlicher der Bundesliga engagierte sich so sehr wie Hoeneß. Nicht Allofs, nicht Assauer, nicht Netzer, nicht Rummenigge, nicht Beckenbauer, niemand.
Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen und glauben, dass eine scharfe Trennung des privaten vom öffentlichen Hoeneß wirklich existiert.
Hoeneß hat selbst immer wieder betont, dass er »stets absolut authentisch« sei. Allein das spricht dagegen, dass es zwei oder mehr Versionen dieses Mannes gibt. Zudem hat er Privates und Öffentliches stets vermengt. Es gibt nicht viel, was man über Uli Hoeneß nicht weiß.
Der erste Film, den er mit seiner Frau Susi gesehen hat, hieß »Leb’ das Leben«. Sein Abitur machte er mit 2,4, wobei er in Mathematik und in Latein eine vier hatte. Sein Lieblingsgebäck ist Erdbeerkuchen, er trägt eine Swatch für 100 Euro. Der erste Gratulant bei seiner Hochzeit war der damalige Oppositionsführer Franz Josef Strauß. Hoeneß braucht wenig Schlaf, leidet unter seinem Übergewicht, flirtet durchaus mal mit jungen Frauen. Seine beiden Kinder hat er als Vater ziemlich vernachlässigt. Der aktuelle Hund der Familie heißt Kuno, ein Labrador. Einer seiner Vorgänger hieß Arco, ein Schäferhund, ein anderer, ein Dackel, mit dem sie Anfang der 70er-Jahre in einer Truderinger Zwei-Zimmer-Wohnung wohnten, hieß Steffi. Ihre Bilder stehen in Hoeneß’ Büro in der Säbener Straße. Er wählt CSU, mag Merkel, nicht so sehr Schröder, Gysi (Die Linke) hält er für einen »Clown«. Wolfgang Clement, den SPD-Neoliberalen, findet er gut, die Aufregung um Thilo Sarrazin versteht er nicht. Seinen Skiurlaub verbringt Hoeneß meist in einer der beiden Ferienwohnungen der Familie in Lenzerheide, den Sommerurlaub in Cap Antibes an der Côte d’Azur, unweit von wo auch Franz Josef Strauß seinen verbrachte. Hoeneß’ Golf-Handicap liegt bei 23. Ein Testament hat er mit 60 auf Druck seiner Frau gemacht. Nach 23 Ehejahren musste er wegen einer Affäre mit der ehemaligen Lauda-Air-Stewardess Birgit Wieser die Doppelhaushälfte in München-Ottobrunn, in der er mit seiner Frau lebte, vorübergehend verlassen. 2006 zog die Familie nach Bad Wiessee, südlich von München. Über Jahre lebte die Familie trotz großem Einkommen bescheiden. Den roten Porsche Carrera meldete Uli Hoeneß im Winter ab. Wegen der Steuer. 2009 wurde er am Knie operiert, weil ein Knorpelstück herausgefallen war. Seitdem kann Hoeneß nicht mehr joggen.

Es gibt nicht zu wenige private Informationen über Hoeneß, es gibt zu viele. Und es gibt nicht zwei oder mehr Versionen des Uli Hoeneß, es gibt nur eine Reihe von Mustern, Verhaltensweisen und Prägungen, die sich durch sein Leben ziehen und es beeinflusst haben.
Sein Wirken sollte man nicht als Querschnitt analysieren, als chronologische Abfolge von Ereignissen, meist Erfolgen – sondern als Längsschnitt. Von den Anfängen einer katholischen, aber dennoch pietistisch geprägten Kindheit in Schwaben über die Jahre als raffgieriger Jungprofi und eiskalter Manager bis hin zu der Frage, ob dieser Mann nicht vielleicht sogar als Kanzler infrage käme (Bild).
Uli Hoeneß lässt sich am besten im Widerspruch verstehen. Als heiß- und kaltblütig, als Feindbild und Ikone, als Moralist und Steuerbetrüger, als Fußballromantiker und FC-Bayern-Cash-Kuh, als Topmanager und Kleinbürger, als Geizhals und Börsenzocker. Als Großmaul und als Lebensretter, der er für einige Menschen im Wortsinn gewesen ist.
Man kann versuchen, sich Hoeneß anhand einiger weniger Begriffe zu nähern. Begriffen wie Ehrgeiz, Glück, Geld, Wille, Aufstieg, Macht, Fall, die sein Leben ordnen und Strukturen erkennen lassen. Sie sind immer nur einzelne Aspekte einer komplexen Persönlichkeit, die ständig nach Einfachheit gestrebt hat. Aber in ihrer Gesamtheit fügen sie sich hoffentlich zum Bild eines der interessantesten Männer Deutschlands. Dieser Versuch soll hier unternommen werden.

 

 

Ehrgeiz

 

»Wenn Uli Hoeneß morgens aufsteht, geht er nicht einfach arbeiten – er geht zu einem Wettkampf, bei dem es immer um Sieg oder Niederlage geht.«

 

Wäre man vor die undankbare Aufgabe gestellt, sich für eine einzige Eigenschaft zu entscheiden, um Uli Hoeneß zu beschreiben, dann dürfte die Wahl wohl auf Ehrgeiz fallen. Unbändiger, nie enden wollender Ehrgeiz, der wie ein Monolith zwischen all seinen anderen Wesenszügen herausragt. Intelligenz, Leistungswille, Furchtlosigkeit, Härte, Kreativität, Risikobereitschaft, Geradlinigkeit, Sentimentalität, Effizienz, Großzügigkeit, Humor, das alles gehört zu Uli Hoeneß, ist Teil seines Wesens und der Grund, warum ihn viele bewundern. Der hochtourige Motor aber, der den Getriebenen Uli Hoeneß bewegt, ist letztlich Ehrgeiz. Es ist die Gewissheit, dass zweiter Sieger nur die freundliche Floskel für Verlierer ist. »General Vorwärts« hat ihn mal jemand genannt.
Siegeswille ist ein fundamentaler Bestandteil eines Spitzensportlers. Als das Topmodel Irina Shayk ihrem Freund, dem Weltfußballer Cristiano Ronaldo, beim Plansch im Pool ein kleines Wettschwimmen vorschlug, ließ Ronaldo sie nicht gewinnen, weil »ich es einfach nicht ertrage zu verlieren«.
Der beste Basketballer aller Zeiten heißt Michael Jordan, eine seltene Verschmelzung von nie dagewesenem Talent und pathologischem Ehrgeiz. Jordan wettete regelmäßig mit seinen Mannschaftskollegen von den Chicago Bulls, wessen Koffer zuerst auf dem Flughafen-Gepäckband erscheinen würde. Jordan fiel das Verlieren so schwer, dass er Flughafenangestellte bestach, um wirklich immer zu gewinnen. Sebastian Vettel, der Formel-Eins-Weltmeister, hat die nervtötende Gabe, alles in seiner Umgebung in einen Wettkampf zu verwandeln. »Erster am Lift, Erster oben, Erster wieder unten, Erster im Zimmer, Erster frisch geduscht.« Und Paul Breitner, ein gestandener Mann im ironiefreien Universum Profi-Fußball, antwortete auf die Frage, was sein Hobby sei: »Ehrgeiz«.
Uli Hoeneß kann man mit Sicherheit in diese Reihung der Besessenen aufnehmen. Arbeiten ist für ihn nicht das, was viele andere darunter verstehen. Arbeit, sagt Hoeneß, ist das Verfolgen von »Zielen, die man sich gesetzt hat«. Mit anderen Worten: Wenn Uli Hoeneß morgens aufsteht, geht er nicht einfach arbeiten, er versucht Ziele zu erreichen. Wenn er sie nicht erreicht, hat er nicht gut gearbeitet. Morgens geht Hoeneß also zu einem Wettkampf, bei dem es um Sieg oder Niederlage geht.
Sein Ehrgeiz zeigte sich früh. Er konnte sich schon als Kind beim Tipp-Kick so sehr aufregen, dass Figuren durch das Zimmer flogen und das Spiel im Müll landete. Und beim Montagskick, bei dem die Bayern-Angestellten regelmäßig gegeneinander antreten und jeder eine Geldstrafe zahlen muss, falls er fehlt, achtete Hoeneß bei der Mannschaftswahl genau darauf, wer seinem Team zugewiesen wurde. Über die Jahre bestand er darauf, in derselben Mannschaft wie Karl-Heinz Rummenigge zu spielen. Es ist leichter zu gewinnen, wenn man einen dreifachen Torschützenkönig der Bundesliga und zweifachen europäischen Fußballer des Jahres im Team hat.
Hoeneß hat die romantische Verklärung des Underdogs nie verstanden, diese tröstende Schönheit, die im Kampf einer unterlegenen Mannschaft liegt, die sich mit Erfolg dem übermächtigen Gegner entgegenstemmt. Er konnte das schon als Kind nicht begreifen. Fußball war in erster Linie kein Spiel, kein Zeitvertreib. Fußball war die Frage, wer der Bessere ist. Und genau aus diesem Grund gab es – wenn er nachmittags auf dem Bolzplatz schräg gegenüber der Metzgerei der Eltern spielte – immer den größten Ärger, wenn es darum ging, wer in welcher Mannschaft spielte. Fußballmelancholiker vergessen, dass sich Siege und Niederlagen im Fußball schon vor dem Anstoß entscheiden. In der Bundesliga, in der Kreisliga und auf jeder Wiese mit zwei Toren. Uli wusste das bereits mit fünf.Zu gewinnen hat ihn nie gelangweilt, ganz gleich wie oft er es wiederholte. Er hasste Niederlagen. Dabei war er nie ein unfairer Spieler, aber er tat alles, um nicht zu verlieren. Gelang es ihm nicht, war er ein miserabler Verlierer. Er ist es bis heute.

Uli Hoeneß kam am 5. Januar 1952 in Neu-Ulm zur Welt. Er wuchs in Ulm auf, westlich der Donau, also in Baden-Württemberg. Genau genommen ist Hoeneß gebürtiger Bayer. Sein Bruder Dieter wurde fast auf den Tag genau ein Jahr später geboren, am 7. Januar 1953. Mehr Kinder bekamen Erwin und Paula Hoeneß nicht.
Vater Erwin, ein fleißiger Mann, stand Morgen für Morgen um drei in der Wurstküche der Metzgerei Hoeneß in Ulm und trachtete nach seinem bescheidenen Anteil am boomenden Wirtschaftswunder in Deutschland. Er hatte bereits nach dem Krieg seine erste Metzgerei in der Wilhelmsburg eröffnet. In der Festungsanlage aus dem 19. Jahrhundert fanden viele der ausgebombten Ulmer nach dem Krieg Unterschlupf. Erwin Hoeneß war Soldat gewesen und froh, als er Anfang der 1950er-Jahre ein neues Leben beginnen konnte.
Die Stadt Ulm hatte die Erschließung des Eselsbergs im Nordwesten der Stadt begonnen und baute Doppelhaushälften, in die nach und nach die Bewohner der Wilhelmsburg zogen. Das Haus der Familie Hoeneß war eines der ersten, das fertig wurde. Die Mutter stand tagsüber hinter der Theke und kümmerte sich am Wochenende um die Buchhaltung. Sie war ehrgeiziger als ihr Mann, konnte mit Geld umgehen. Uli Hoeneß hat vieles von ihr. Die Elternbiografie beschrieb er mal mit »bescheidene Zufriedenheit«.
Sein Vater habe die »Wurst immer nur hundertgrammweise« verkauft, was Hoeneß nie verstand, weil es in Ulm Unternehmen wie Magirus und Kässbohrer gab, die für ihre Kantinen sicher ganz andere Mengen abgenommen hätten. Er sah überall Chancen, der Vater Risiken; Magirus, das war nicht die Welt des Metzgers.
Jahre später sollte Uli Hoeneß zu Magirus gehen und zum ersten aktiven Spieler der Bundesliga-Geschichte werden, der den Transfer und die Finanzierung eines Mannschaftskollegen einfädelte. Es ging damals um die Rückkehr von Paul Breitner zu den Bayern im Jahre 1978. Uli Hoeneß ermöglichte sie. Er überzeugte den Ulmer Lastwagenhersteller Magirus Deutz, der erste sportfremde Trikotsponsor des Vereins zu werden. 2,25 Millionen Mark brachte der Vertrag, der nach einem Essen im Münchner Franziskaner-Keller auf einem Bierdeckel unterschrieben wurde. Drei Jahre plus Option auf eine Vertragsverlängerung. Damit bezahlte der Verein die damals aberwitzigen 1,75 Millionen Mark, die für die Ablöse Paul Breitners von Eintracht Braunschweig fällig wurden. Uli Hoeneß bekam von den Bayern für seine Sponsorvermittlung zehn Prozent Provision. Er hatte sich als extrem harter Verhandler erwiesen und den Preis enorm nach oben getrieben.
Bis heute ist Hoeneß davon überzeugt, dass der Vater ebenfalls zu Magirus hätte gehen müssen, 20 Jahre vor ihm.
Erwin Hoeneß, der 1998 acht Wochen vor seiner Frau starb, war ein Schwabe, der über seinen Sohn den Verein Bayern München mehr prägen sollte als viele der Ikonen des Rekordmeisters. Das – fälschlicherweise – Benjamin Franklin zugeschriebene Zitat »A penny saved is a penny earned« war alles, was der Metzger an ökonomischer Erkenntnis in seinem Leben benötigte. Nie mehr Geld ausgeben, als man einnimmt. 60 Jahre später, als der Sound des europäischen Südens, also der Baulärm, verstummte, Bankengier und Immobilienwahn das Weltfinanzsystem in Richtung Kollaps getrieben hatten, sprach die deutsche Kanzlerin Angela Merkel von der schwäbischen Hausfrau und ihrem ökonomischen Verstand. Sie hätte auch von Erwin Hoeneß sprechen können.
Uli Hoeneß hat die Grundwerte seiner Familie zu den Pfeilern des FC Bayern gemacht. Er machte die schlichte Überzeugung des sparsamen, vorsichtigen Metzgermeisters zur Maxime der Bayern-Ökonomie. Die heutige Festgeld-Begeisterung vieler München-Fans hat Hoeneß gesät. Auch in weniger erfolgreichen Jahren tröstete der Verweis auf die viel solideren Bayern-Finanzen im Vergleich zu den Bankrotteuren aus England, Spanien und Italien über ein Viertelfinal-Aus in der Champions League hinweg. Es ist kein Zufall, dass Bayern-Fans nach Niederlagen Trost in dem Schlachtruf suchen: »Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf.« Und es ist kein Wunder, dass sie außerhalb Münchens dafür verhasst sind. Jahre später sollte Hoeneß allerdings für das genaue Gegenteil vor Gericht stehen. Für grenzenlose Gier, für Risiko, für finanziellen Wahnsinn. Auch das ist Hoeneß. Man versteht ihn nicht ohne diesen Widerspruch. Im Kapitel »Geld« wird es um diese zwei Seiten gehen. Wie der biedere Kaufmann zum Zocker wird.
Erwin Hoeneß war Fußballfan, der die Spiele seiner Söhne meist vor dem Radio verfolgte. Als junger Mann spielte er auf einem ehemaligen Trümmerfeld vor den Ford Barracks, wie das amerikanische Militär die ehemalige Ulmer Hindenburg-Kaserne nannte. Am 13. November 1949 war Erwin einer von 36 erwachsenen Gründungsmitgliedern des VfB Schwarz-Rot Ulm. Seinen Erstgeborenen meldete er beim VfB gleich mit an.
Zu den wenigen Extravaganzen des Vaters gehörte das Kartenspiel in der Stifterstube, ein Lokal, das ein Metzgerkollege übernommen hatte und das für seine Wildgerichte geschätzt wurde. Pausen gönnte er sich nur selten. Eine Woche im Sommer an den Gardasee und einige Tage über Weihnachten. Wobei es nur besinnlich wurde, wenn der Jahresumsatz von rund 150 000 DM nicht eingebrochen war und wenn von den 20 bestellten Gänsen auch wirklich alle 20 abgeholt wurden. Waren es nur 17, »war das Fest gelaufen«, denn es fehlte Geld in der Kasse.
Paula, die Mutter, von allen Ulla genannt, war emotionaler als der Vater. Falls Ehrgeiz vererbt wird, dann hat Uli Hoeneß ihn von der Mutter mitbekommen. Sie war eine resolute Frau, die von ihren Söhnen Leistung, Disziplin und – wie Hoeneß es formulierte – »niemals nachzugeben« forderte. Viele, die mit Hoeneß Geschäfte gemacht haben, sagen als Erstes, wie unnachgiebig er sein kann.
Erwin und Paula waren katholisch, streng und liebevoll. Spießige, aber gutmütige Schwaben auf der Suche nach dem kleinen Glück. Von seiner Mutter hat Uli Hoeneß auch die Emotionalität. Sie zeigte ihre Gefühle offener als der Vater. Wenn der Sohn Fußball spielte, arbeitete sie in der Küche, weil sie es nicht ertrug, nur dazusitzen und das Spiel im Radio zu verfolgen.
Ulla Hoeneß wurde ihr Leben lang von Existenzängsten geplagt. Dem Fußball hat sie nie getraut. Die Söhne mussten Abitur machen, das war ihr wichtig. Für gute Noten gab es 50 Pfennig. Selbst Jahre später, als die Hoeneß-Brüder bereits in je einem WM-Finale gestanden hatten, sorgte sie sich noch um die Zukunft der beiden. Als die Eltern 1998 starben, hinterließen sie ein großes Erbe. Uli gab seinen Teil Bruder Dieter, sie waren aber beide erschüttert. Nie hätten sie gedacht, dass die Eltern so viel Geld besaßen. Erwin und Paula hatten sich ihr Leben lang kaum etwas gegönnt und alles gespart. »Totgeschuftet«, sagt Hoeneß. Für die Jungs. Für später. Der eine war Bayern- und der andere Hertha-Manager, und beide verdienten Millionen.
Der Alltag in der Familie Hoeneß wurde von Arbeit, dem Umsatz in der Metzgerei und der dauernden und schließlich unnötigen Angst dominiert, der kleine Wohlstand könnte gefährdet sein. Zukunftsangst war in den Nachkriegsjahren ein sehr deutsches Gefühl.
Uli Hoeneß empfand die Stimmung in der Familie als bedrückend. Sein Wille, nach oben zu kommen, war eine Flucht vor dieser permanenten Angst. Einer irrationalen Angst, die sich aus dem Erleben des Zweiten Weltkriegs erklärt. Hoeneß wollte in eine Position, in der er sich nie die Sorgen seiner Eltern machen müsste.

Dieter Hoeneß, sein Bruder, war nicht unambitioniert, aber unbekümmerter und verspielter als Uli Hoeneß. Ihm fehlte die Zielstrebigkeit, die Uli kennzeichnete. Er war nicht so hart und hatte nicht seinen Antrieb. Uli Hoeneß war der Leitwolf, der sich mit der Gewissheit des ewigen Siegers seinen Platz an der Spitze nahm. Dieter Hoeneß war verträumt, verspielt und fühlte sich nicht einmal unwohl im Schatten seines Bruders.
Schon früh stand für Lehrer und Eltern fest, dass der Ältere der beiden die größere Karriere machen würde. Dieter setzte seinen Willen nur selten durch. Und sei es, wenn es darum ging, was die Mutter am Abend kochte. Das entschied meist Uli. Dieter hatte lange Haare, Dieter drehte in der Schule eine Ehrenrunde, Dieter protestierte in der Ulmer Innenstadt gegen die »Notstandgesetzgebung«. Dieter malte. Das macht er bis heute.
Dieter Hoeneß sagt heute, dass sein Bruder »Mamas Liebling« gewesen sei. Uli sei der Erfolg zugeflogen. Er konnte die Erwachsenen einwickeln, war fleißig, zuverlässig, aufmerksam, ein guter Schüler, der Klassen- und Schulsprecher am Schubart-Gymnasium. Er spielte in der Schulmannschaft Basketball, war in der Theatergruppe, leitete die zu Beginn marode Schülerzeitung. Dank seines Verkaufstalents und seiner Bekanntheit in der Stadt sammelte er so viele Anzeigenkunden, dass er die Zeitung sanierte und mit dem Gewinn ein riesiges Schulfest finanzierte, das alle früheren in den Schatten stellte.
Hoeneß war immer jemand, der sich mit Obrigkeiten zu arrangieren wusste und gleichzeitig die eigenen Interessen verfolgte. Eine natürliche Autorität, mit der man wunderbar zurechtkam, solange man diese nicht hinterfragte. Die meisten seiner Freunde haben das nie getan. Uli Hoeneß’ Pfad war schon von früh an als Überholspur angelegt. Sein Bruder trottete durchs Leben und hielt es für eine gute Idee, Erwin und Paula Hoeneß irgendwann zu erklären, dass er »Vegetarier« werde.
Es sagt viel aus über die Beziehung der Brüder, dass Dieters Aufstieg als Fußballer erst in dem Moment begann, als Uli Hoeneß das Elternhaus Richtung München verlassen hatte. Erst dann fing er ernsthaft mit dem Sport an. Davor war er ein guter Torwart gewesen, später Hochspringer, noch später Surfer. Mit 18 entschied er sich, es als Stürmer zu versuchen. Es gehört zu den großen Wundern dieses Sports, dass jemand wie Dieter Hoeneß Bayern-Stürmer und Nationalspieler werden konnte. Nicht nur weil er erst sehr spät anfing. Breitner nannte Dieter Hoeneß einmal den »Anti-Fußballer«.
Dieter war langsamer als sein Bruder, untalentierter und steifer. Aber er schoss 102 Tore in 224 Spielen für den FC Bayern und hatte eine deutlich bessere Torquote als sein Bruder, der auf 86 Treffer in 239 Spielen kam.

Prägend für Uli Hoeneß’ Ehrgeiz war aber sicher nicht nur die Familie. Er hatte die Gabe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Gewissermaßen ab Geburt.
Das Deutschland der 1950er- und 60er-Jahre war nach zwei verlorenen Weltkriegen von der Flucht der Menschen ins Unpolitische bestimmt. Für einige waren es schlichtweg bleierne Gründerjahre, für andere eine optimistische Wiederaufbauzeit, in der die Deutschen vor allem damit beschäftigt waren, Dinge zu kaufen, die ihnen die aufkommende Werbeindustrie einredete.
Deutschland war spießig und muffelte. Die Filme im Kino sahen in den 50ern aus wie die aus den 30ern, aber es ging aufwärts. Besonders ehrgeizigen Menschen boten diese Jahre Aufstiegsmöglichkeiten wie nie zuvor. 1960 lag die Arbeitslosenquote bei 1,6 Prozent. In den folgenden Jahren wuchs die Wirtschaft im Schnitt um 4,4 Prozent, in den 70ern immerhin noch um fast drei Prozent. Als zum ersten Mal im Leben des Uli Hoeneß von einer ernsthaften Wirtschaftskrise die Rede war – 1973 im Jahr der ersten Ölkrise –, spielte er bei den Bayern, war Europameister, zweifacher Eigenheimbesitzer und Porsche-Fahrer.
Hoeneß blickte auf die Wirtschaft wie ein immerwährendes Glücksversprechen. Mitten in einem Land, das 1968 von Studenten wachgetreten wurde, in dem die Mehrheit nicht verstand, warum man sich um den Napalm-Teppich scheren sollte, den die Amerikaner in Vietnam verlegten. Und warum irgendetwas an der bieder-verlogenen Sexualmoral verkehrt sein sollte oder an der Regelung, dass verheiratete Frauen nur mit Erlaubnis des Gatten ein eigenes Konto haben durften, in diesem Land las Uli Hoeneß den Wirtschaftsteil, bewunderte Franz Josef Strauß und träumte von einer späteren Karriere als Manager. Für diesen Traum war er in die richtige Epoche geboren. Das Wirtschaftswunder wurde für Trümmer-Deutschland zu einem großen nationalen Aufzug nach oben. Hoeneß war getrieben davon, in diesem Aufzug die richtigen Knöpfe zu drücken, die ihn in die angepeilten Etagen bringen sollten. Aber nicht nur die Zeit war ideal für einen Jungen wie Uli Hoeneß. Auch der Ort war es. Am Rand der Schwäbischen Alb, Hoeneß’ Heimat, die er irgendwann gegen Oberbayern eintauschte, leuchtete das Wirtschaftswunder dieser Jahre noch ein wenig heller als im Rest der Republik. Keine andere deutsche Region kann bis heute mit einem Verb umrissen werden: »schaffa«, so der Publizist und Schwaben-Experte Anton Hunger.
Die Mischung aus protestantisch-pietistischem Arbeitseifer und der Sehnsucht nach einem braven Lebensgefühl machte das Schwabenland zu einer Art Ökonomie-Utopia gemacht. Der Sozialökonom Max Weber wies zur Jahrhundertwende als Erster auf die Verbindung zwischen Religion und wirtschaftlichem Erfolg hin. Gerade protestantische Schwaben waren wirtschaftlich erfolgreich. Katholiken wurden Handwerker, Protestanten jedoch versuchten Unternehmen zu gründen und reich zu werden. Als Erklärung zog Weber unter anderem die Prägung durch Johannes Calvin heran, den französischen Reformator. Calvin war davon überzeugt, dass Gott bereits vor der Geburt entschieden hatte, wer ein Erwählter sein würde – und Paradieszugang erwarten konnte – und wer nicht. Diese damals revolutionäre Prädestinationslehre forderte vom Erwählten allerdings harte Arbeit, um Gottes Ruhm zu mehren. Nur viel Arbeit, Rechtschaffenheit und letztlich Erfolg versprachen Erlösung, Gnadengewissheit. Im Umkehrschluss hieß das: Armut war gottgewollt und das Verprassen von Geld eine Sünde. Max Weber verwies auf seinen Zeitgenossen den Ölmagnaten John Davison Rockefeller, der für dieses neue Erfolgsethos stand. Rockefeller verabscheute Genuss und Verschwendung und bezeichnete die 900 Millionen Dollar, die ihm zeitweise gehörten, als »Gottesgeld«. Er verwalte es nur.
Diese asketische Leistungsethik grub sich tief in die Seele der Schwaben ein. Sie verwandelte sich mit der Zeit, auch als sie längst ihre religiöse Motivation verloren hatte, zur schwäbischen Mentalität und löste sich von der Religionszugehörigkeit. Also nicht nur Protestanten glaubten an harte Arbeit und »schaffe«, sondern die Schwaben. Die Prägung war territorial bestimmt.
Die Familie Hoeneß war ein typisches Beispiel. Zwar katholisch und durchaus religiös, aber vom freudvollen, lustbetonten römisch-katholischen Wonnenverständnis unendlich weit entfernt. Ein strenges asketisches Gatter steckte ihr Leben ab. Arbeitseifer, Emsigkeit, Verzicht, Verlustangst. Ulm in den 50er- und 60er-Jahren war voll von solchen Familien. Die Hoeneß-Familie stellte keine Besonderheit dar. Es gab viele schwäbische Katholiken, deren Sehnsucht nicht Reichtum hieß, sondern Sicherheit. Der Erfüllungsweg dorthin war Leistung.
Die Erfolge des protestantischen Unternehmertums waren aber präsent. Jedes Kind kannte die großen Unternehmer Schwabens: Daimler, Bosch, Stihl, Kärcher, Kässbohrer und viele mehr. Die einen waren Großkapitalisten, die anderen Mittelstands-Ikonen, aber sie alle waren Aufsteiger, die mit Ehrgeiz, Fleiß und Gründlichkeit einer Profanexistenz entronnen waren. Das waren die Vorbilder. Noch heute gibt es nichts, was Uli Hoeneß mehr imponiert, vor dem er mehr Respekt hat, als eine klassische Tellerwäscher-Millionär-Geschichte.
Es ist auch kein Zufall, dass Hoeneß als Bayern-Manager so ähnlich auftritt wie die großen schwäbischen Unternehmer-Patriarchen der Nachkriegsjahre. Die meisten waren sparsame, zum Teil sogar geizige Menschen, denen Pomp zuwider war. Dennoch traten sie sehr häufig als Mäzene auf. Meist mit der Begründung, dass sie »Verantwortung« für die Allgemeinheit übernehmen wollten, dass sie etwas »zurückgeben« wollten. Es ist das, was Uli Hoeneß immer wieder sagt, wenn man ihn fragt, warum er hilft. Berühmte Schwaben, die Millionen gespendet haben, waren unter anderem: Robert Bosch (förderte die Universität Stuttgart, Krankenhäuser, Ausbau des Neckarkanals, Stiftung), Berthold Leibinger (Kunst) und Adolf Merckle (Forschung, Archäologie). Paternalistische Würdenträger, die von ihren Mitarbeitern Gehorsam, Identifikation und Leistung forderten. Die gleiche Identifikation und Leistung, die sie selbst vorlebten. Dafür boten sie Schutz vor Verarmung, Schutz vor Arbeitslosigkeit, Schutz bei Krankheit und auf eine eigene Art sogar Familienzugehörigkeit.
Der Moderator Marcel Reif nannte Hoeneß einmal eine »Glucke«, eine die ihr »Nest« und ihre »Jungen« gegen Angriffe beschützen müsse. Die Angriffe stammten von den Medien. Das »Nest«, das es abzuschotten galt, war der FC Bayern. Uli Hoeneß nennt es »einen Teil von mir«, den er mit »Klauen und Zähnen« verteidigen würde, solange er atmen kann. Sein »Kind«.

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