»Mahlzeit!« ein LandIDEE-Krimi von Jürgen Seibold
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Mittwoch, 19. November 2014 von


»Mahlzeit!« ein LandIDEE-Krimi von Jürgen Seibold

Für seine begeisterten Krimi-Leser hat der Autor Jürgen Seibold noch ein besonderes Extra: einen Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihm macht!

Mahlzeit!
Die gelegentlichen Ausfahrten im geliehenen Oldtimer durch das südöstliche Allgäu mochten Kommissar Hansen und seine Freundin Resi nicht mehr missen. Zwar war es jetzt, Ende Februar, eindeutig zu kalt für ein Picknick im Freien, aber das leckere Essen gab es dann eben daheim – im Bauernhof bei Füssen, in dem Hansen nun seit knapp zwei Jahren wohnte.
Dort wartete diesmal allerdings eine Überraschung auf sie.
Walburga Lederer saß vornübergebeugt am Küchentisch, neben sich ein halb volles Weizenglas. Hansen war es inzwischen gewohnt, dass seine überfürsorgliche Vermieterin unangekündigt bei ihm vorbeischaute, und er hatte sich damit abgefunden, dass sie ihm das hiesige Bier nicht nur vorbeibrachte, sondern auch immer gleich selbst davon trank.
Eine der dunklen Bodendielen knarzte, woraufhin sich die Alte ein wenig aufrichtete und ihnen entgegensah.
„Ah, der Herr Hansen und das Fräulein Resi“, murmelte sie, und in ihren Augen lag ein trauriger Schimmer.
„Ist etwas passiert, Frau Walburga?“, fragte Hansen und trat zu ihr.
Erst jetzt bemerkte er den Kater Ignaz, seinen vierbeinigen Mitbewohner, der auf dem Schoß der alten Frau lag, räudig wie immer, aber friedlich wie selten.
„Nehmen Sie sich ruhig auch ein Bier“, ermunterte ihn Frau Walburga, als sei sie hier zu Hause und nicht er. Dann wartete sie geduldig, bis Hansen und seine Freundin sich mit gefüllten Gläsern zu ihr an den alten Holztisch setzten.
„Der Helmfried!“, flüsterte sie und sah Hansen vielsagend an, als müsse er schon allein ob der Nennung dieses Namens vollständig im Bilde sein. War er aber leider nicht.
„Welcher Helmfried?“
„Na, der Niemann“, sagte sie knapp und zog ein Foto hervor, das zwei Gräber zeigte. Sie tippte mit dem Zeigefinger auf den rechten Grabstein, in den das Bild eines Mannes mit Doppelkinn und schwarzem Haar eingelassen war. „Ein alter Freund und jetzt der Nachbar meines Mannes, Gott hab ihn selig.“
„Und was ist mit diesem Helmfried?“
„Er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass ...“ Frau Walburga verstummte.
„Wenn er was wüsste?“
„Wissen Sie, der war nicht von hier“, begann Frau Walburga, und ihr Tonfall wirkte, als stelle Helmfrieds Herkunft einen schweren Schicksalsschlag für den Verstorbenen dar. „Kam auch aus dem Norden, so wie Sie. Seine Söhne, der Horst und der Sepp, sind hier groß geworden. Die konnten sich nie leiden, sogar während der Beerdigung von ihrem Vater sind sie aufeinander losgegangen.“ Sie seufzte. „Die beiden wohnen im selben Haus, direkt beim Friedhof. Ich komm dort jeden Tag vorbei, wenn ich meinen Mann besuche. Jetzt ist der Horst gestorben, und das ist schon deshalb ein Elend, weil der Sepp, seine Frau und seine Schwägerin seither unentwegt streiten. Sogar noch mehr als sonst.“
„Und worüber?“, fragte Hansen, der noch immer keine Ahnung hatte, worauf seine Vermieterin eigentlich hinauswollte.
Frau Walburga beugte sich vor und setzte eine Verschwörermiene auf. „Der Horst soll ermordet worden sein.“
Das überraschte Hansen nun doch. Er war als Leiter des Kommissariats 1 der Kemptener Kripo auch für Mordermittlungen in Füssen zuständig, aber einen Fall „Horst Niemann“ hatte er nicht auf dem Schreibtisch.
„Ermordet?“
Frau Walburga nickte.
„Und womit?“
„Mit Räucherspeck“, versetzte die alte Frau trocken.
Resi prustete kurz los, fasste sich aber schnell wieder, und auch Hansen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Frau Walburga blieb ernst.
„Hab ich jedenfalls gehört“, schränkte sie ein.
„Und wo haben Sie das gehört?“
„Na, ich wollte der Claudia – das ist die Witwe vom Horst – einen Kräuterlikör vorbeibringen, den noch mein Mann angesetzt hat. Da habe ich das Geschrei und das Gezeter mitbekommen. Ganz zufällig, natürlich.“
„Natürlich“, pflichtete Hansen ihr mit gespieltem Ernst bei. „Und wer hat da geschrien und gezetert?“
„Die Claudia hat geheult, der Sepp hat geschimpft, und seine Frau, die Sabine, hat wiederum ihn angeschrien.“
„Und wer von den dreien glaubt, dass Horst Niemann ermordet wurde?“
„Der Sepp hat das behauptet. Seine Sabine hat ihn für verrückt erklärt, und die Claudia war ganz außer sich vor Wut auf den Sepp und vor Trauer um ihren Horst. Also ich könnt so ja nicht leben: in einem Haus mit Leuten, die man hasst!“
Hansen war froh, dass er hier draußen am Forggensee ein so friedliches Leben führen durfte – wenn man mal von den gelegentlichen Gemeinheiten des Katers absah, der noch immer ruhig auf Frau Walburgas Schoß lag und aufmerksam zuzuhören schien.
„Da dacht ich halt … weil Sie doch bei der Kriminalpolizei sind.“
Frau Walburga sah Hansen flehend an, und der hielt dem Blick nicht lange stand.

Resi legte den Hörer weg, während Frau Walburga draußen langsam auf ihr knallrot lackiertes Elektrorad kraxelte, was ihr nach dem zweiten Weizen nun doch etwas Mühe machte.
„Horst Niemann ist wirklich beim Essen gestorben“, berichtete Resi. „Sein Hausarzt meinte allerdings, Niemann sei einfach erstickt. Ein Bröckchen Rauchfleisch hatte er schon heruntergeschluckt, das andere steckte oben in der Luftröhre, und dazwischen spannte sich ein Stück Sehne, das er nicht ganz durchgeschnitten hatte.“
„Tragisch“, brummte Hansen. „Nach einem Mord sieht das allerdings nicht aus. Nur, meine Vermieterin gibt sicher trotzdem keine Ruhe, bis ich mit den Niemanns gesprochen habe.“
„Gut möglich. In der Zwischenzeit fahr ich kurz bei dem Hausarzt vorbei: Er will mir ein Stück vom Rauchfleisch fürs Labor überlassen. Mal sehen, ob sich da doch was ergibt.“

Im ersten Stock des alten Mietshauses stand ein Fenster offen, und man hörte, wie sich ein Mann und eine Frau mit wüsten Beschimpfungen und Flüchen bedachten. Hansen musste zweimal klingeln, bevor der Streit unterbrochen wurde und eine Frau am offenen Fenster erschien.
„Wir kaufen nichts!“, beschied sie ihm pampig. Dann bemerkte sie den Ausweis, den Hansen hochhielt. „Und spenden tun wir auch nichts! Sie können Ihren Diakonieausweis wieder wegstecken.“
„Ich bin nicht von der Diakonie. Hansen, Kripo Kempten. Ich muss mit Sepp Niemann reden.“
„Siehst du?! Die Kripo!“, ertönte nun eine zornige Männerstimme aus dem Hintergrund. „Ich sag‘s dir doch! Der ist wegen dem Horst da.“
Der Türöffner summte wenige Augenblicke später. 
Der Anblick, der sich Hansen bot, als die Wohnungstür im ersten Stock aufschwang, irritierte ihn, weil Fasching schon gut eine Woche zurücklag. Vor ihm stand ein untersetzter Mann um die vierzig mit feuerroten Haaren und einem buschigen Schnauzbart. Im Bund der fettglänzenden Krachledernen steckte ein rot-weiß kariertes Hemd, die groben Wollsocken wölbten sich über stramme Waden. Er trug Pantoffeln, aber neben der Tür standen Haferlschuhe bereit.
„Sepp Niemann. Sie kommen wegen dem Horst, oder?“ Sein Handschlag war kräftig, und er zog den Kommissar an sich vorbei in die Wohnung. 
Im Flur stand die Frau vom Fenster, schaute säuerlich drein und folgte den Männern schweigend ins Wohnzimmer. Der Raum war altmodisch möbliert, und auf einer wuchtigen Anrichte standen mehrere leere Pflanzentöpfe. Daneben steckten Papiertütchen mit diversen Samen. Das Foto auf einer der Tüten zeigte Blätter, die Hansen vage an Hanf erinnerten, aber die Bezeichnung lautete „Ricinus communis / Wunderbaum“.
„Meine Frau will mir nicht glauben, dass mein Bruder ermordet wurde.“ Sepp Niemann beugte sich vor und senkte seine Stimme. „Aber ich bin mir da ganz sicher.“
„Und wie kommen Sie darauf?“
Sabine Niemann warf ihrem Mann einen verächtlichen Blick zu.
„Mein Bruder war nicht besonders beliebt, hatte kaum Freunde. Jetzt hat er‘s wohl bei irgendwem übertrieben, und der hat ihm was ins Geräucherte getan.“
„Sie sind ja bestens im Bilde“, versetzte Hansen.
„Na, ich werd doch mitbekommen, wie mein Bruder gestorben ist, oder? Er hat Räucherspeck gegessen, und jetzt ist er tot. Er wurde eindeutig vergiftet.“ Sepp Niemann lehnte sich in seinem Sessel zurück und wirkte sehr zufrieden mit seiner Kombinationsgabe.
„Der Arzt sagt“, wandte Hansen ein, „er habe sich verschluckt und sei erstickt.“
Niemann winkte ab. „Blödsinn. Das hat Claudia auch gesagt, aber … trotzdem: Jeder hier weiß, dass der Horst immer gern und viel Geräuchertes isst – gegessen hat, meine ich. Wenn ihm also einer was Böses wollte, dann … hat er nur das Geräucherte vergiften müssen. Verstehen Sie?“

Nachdenklich stieg Hansen die Treppe hinab. Im Erdgeschoss begegnete er einer hübschen Endvierzigerin, die gerade ihre Wohnung verließ – mit einem Tablett, auf dem sich einige gerauchte Würste stapelten. Aus einem in Alufolie eingeschlagenen Päckchen strömte zudem der herzhafte Geruch von Räucherspeck. 
Hansen warf einen kurzen Blick auf das Klingelschild.
„Frau Claudia Niemann?“, fragte er und zeigte seinen Dienstausweis. 
Die Frau nickte kurz, und Hansen sprach ihr sein Beileid aus. Dann deutete er auf das Tablett. „Wo wollen Sie denn damit hin?“
„Das werf ich weg“, murmelte sie. „Ich kann jetzt nichts Gerauchtes mehr im Haus haben.“
„Verständlich. Lassen Sie mich Ihnen doch helfen.“ Hansen nahm ihr das Tablett ab, gab ihr seine Visitenkarte und fuhr mit Wurst und Speck direkt zu dem Labor, in das auch Resi schon ihre Rauchfleischprobe gebracht hatte.

Das Ergebnis der Analyse war eindeutig: Das Rauchfleisch, an dem Horst Niemann erstickt war, und die Würste von Claudia Niemann waren in Ordnung. Der in Alufolie verpackte Räucherspeck wies hingegen Einstiche auf – wie von einer sehr dünnen Nadel. Das Labor konnte im Speck das giftige Protein Rizin nachweisen, und zwar in einer Menge, die mehr als ausreichend war, um einen erwachsenen Mann zu töten.
Wenig später stand Hansen erneut vor Claudia Niemann, diesmal in Begleitung seiner Kollegen Willy Haffmeyer und Hanna Fischer. Die Witwe sah verblüfft auf den Räucherspeck, den ihr Hansen in einem verschlossenen Plastikbeutel hinhielt.
„Woher haben Sie diesen Speck?“
„Den hat der Sepp uns geschenkt“, sagte sie irritiert. „Der Horst wollte ihn nicht anrühren. Gerade so, als würde er befürchten, dass er ver...“ Sie wurde bleich und verstummte. 
Hansen ging mit Haffmeyer die Treppe hinauf, Hanna blieb bei der Witwe. 
Schon nach dem ersten Läuten öffnete Sepp Niemann. Hansen grüßte ihn knapp und drängte sich an ihm vorbei. Im Wohnzimmer streifte er Gummihandschuhe über, holte einen frischen Plastikbeutel hervor und steckte alle Samentütchen hinein, auf denen „Ricinus communis / Wunderbaum“ stand.
„Was machen Sie da?!“, brauste Sabine Niemann auf, die plötzlich in der Tür stand und sich die Hände an einem Geschirrtuch trocknete. „Wozu, um Himmels willen, brauchen Sie denn meine Samen?“
„Als Beweismittel.“
„Beweismittel?! So ein Schmarrn! Die Samen lassen Sie schön da, wo sie sind. Die muss ich diese Woche noch einsetzen, wenn ich ...“
„Ich habe mir sagen lassen“, unterbrach Hansen die Frau, „dass die Samen des Wunderbaums ein tödliches Gift enthalten: Rizin.“
„Ja, das weiß ich, aber ich bin ja nicht so blöd, die zu essen!“
Hansen sah sie an und schwieg. Da wurde ihr klar, worauf er hinauswollte, und sie ließ sich auf einen Sessel sinken.
„Also ist der Horst doch vergiftet worden? Mit meinen Wunderbaumsamen?“
Hansen schwieg weiter.
„Hab ich‘s nicht gesagt?!“, rief Sepp Niemann und trat zu seiner Frau. „Ermordet! Von dir! Aber warum? Ich hab immer gedacht, ihr vertragt euch, du und der Horst. Jedenfalls habt ihr immer zusammengehalten, wenn es gegen mich ging!“ 
Seine Stimme triefte vor Verachtung.
„Meine Frau ist gestern mit dem Speck runter“, wandte er sich nun an Hansen. „Ich hab noch gesehen, wie sie das Stück in Alufolie eingeschlagen hat.“
„Spinnst du jetzt komplett?!“, fuhr Sabine Niemann nun auf. „Das grausige Zeug, das du von deinem Räucherkumpel mitbringst, fasse ich nicht mal mit der Zange an!“
Hansen wartete einen Moment, dann redete er der Frau gut zu, während er ihren Mann im Blick behielt. „Keine Sorge, Sie können es ruhig zugeben, Frau Niemann. Ihr Schwager hat den Räucherspeck gar nicht angerührt. Er ist wirklich erstickt, allerdings an einem Stück Rauchfleisch, das nicht vergiftet war.“
„So ein Depp!“, entfuhr es Sepp Niemann. „Sogar beim Sterben muss er mir einen Strich durch die ...“ Dann verstummte er.
Hansen nickte ihm zu, und Niemann ließ sich mit hängenden Schultern von Haffmeyer hinausführen – auch ein missglückter Mordversuch war kein Pappenstiel.
„Hätte klappen können“, brummte Sepp Niemann vor dem Haus. „Und ich wäre auf einen Schlag beide los gewesen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Den Versuch war‘s wert.“

Zum Dank brachte Frau Walburga am nächsten Tag neben frischem Bier auch einen reich bestückten Picknickkorb mit. Zu dritt ließen sie sich Heumilch-Camembert, Allgäuer Bergkäse, Wildlandjäger, Bauernschinken und andere Köstlichkeiten aus der Region schmecken.
Hansen schnitt ein Stück Räucherspeck klein und servierte es Ignaz auf einem Teller. Der Kater machte sich sofort schnurrend über den Leckerbissen her. Doch als Hansen erzählte, wie Sepp Niemann seinen Bruder hatte umbringen wollen, hielt er mit dem Fressen abrupt inne und spitzte die Ohren. Dann ließ er den kleinen Brocken, den er eben noch im Maul hatte, zurück auf den Teller fallen und warf Hansen einen kurzen, misstrauischen Blick zu. Er schnupperte noch ein-, zweimal an den Fleischbröckchen, schüttelte sich schließlich und stakste aus der Küche.


Blick ins Buch
LandpartieLandpartie

Ein Allgäu-Krimi

Das idyllische Bad Hindelang bereitet sich auf das alljährliche »Jochpass Memorial« vor – ein spektakuläres Bergrennen für Oldtimer. Der Titelverteidiger Rudi Groß geht als Favorit ins Rennen, doch in einer der letzten Kurven verliert er die Kontrolle über seinen Wagen und stürzt in die Tiefe. Schnell steht fest: Der Oldtimer war manipuliert. Als Kommissar Hansen mit seinen Ermittlungen beginnt, stößt er auf wahre Besessenheit und Oldtimer-Fans, die um jede Schraube ihrer auf Hochglanz polierten Schätze kämpfen.
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Der Wagen schoss wie ein Pfeil dahin. Dichte Wolken hingen über dem Tal, aber die Straße war entgegen der Vorhersagen bisher trocken geblieben. Schon die ersten Wertungsläufe hatten ihm ein gutes Gefühl vermittelt, und diesmal lief es noch besser. Wie auf Schienen zog er seine Bahn hinauf zum Jochpass, und wenn der Motor am Ende der Haarnadelkurven dröhnend beschleunigte, machte sein Herz jedes Mal einen Hüpfer.

Das Publikum unten am Start hatte er ebenso wenig wahrgenommen wie jetzt die klatschende Menge auf der Wiese oberhalb der Straße. Seine ganze Konzentration galt dem nächsten Handgriff, dem nächsten Streckenmeter, der nächsten Ideallinie, die einzuhalten war. Prüfend sah er auf den Tacho und die Drehzahlanzeige. Er kannte den Weg hinauf nach Oberjoch und das Streckenprofil inzwischen so genau, dass er recht gut im Gefühl hatte, wie er in der Zeit lag.

Die nächste Kurve flog auf ihn zu, er verstärkte seinen Griff um das Lenkrad und bereitete sich darauf vor, im letzten möglichen Moment die Bremse zu treten und den Wagen auf die Ideallinie zu steuern. Da lenkte ihn eine kleine Bewegung vorne links ab. Er verpasste den richtigen Bremspunkt, aber das hatte jetzt keine Bedeutung mehr. Verblüfft sah er dem linken Vorderrad nach, das sich vom Wagen gelöst hatte und nun in mehreren kühnen Sätzen erst über die Fahrbahn hüpfte und dann hinter der Leitplanke aus seinem Blickfeld verschwand.

Der Wagen saß inzwischen vorne links auf dem Asphalt auf, Funken stoben, und er konnte am Lenkrad zerren, wie er wollte: Das Fahrzeug ließ sich nicht mehr kontrollieren und raste mit leichter Schlagseite auf die Linkskehre zu. Er schaffte es nur noch, mit dem verbliebenen rechten Vorderrad die Richtung des Wagens ein wenig zu korrigieren.

Dem Waldstück, das im Scheitelpunkt der Kurve endete, wich er so gerade noch aus, und nun standen ihm nur noch einige Laubbäume mit dünnen Stämmchen im Weg, aber darüber konnte er sich nicht lange freuen. Wie ein Geschoss knallte der Wagen im nächsten Moment im spitzen Winkel gegen die Leitplanke, das rechte Vorderrad rumpelte die niedrige Stahlabschrankung hinauf, und der Wagen begann, sich vom Boden zu lösen. Leicht wie ein Vogel wirkte das Fahrzeug jetzt, und er saß hinter dem Lenkrad, das sich nun viel einfacher hin und her bewegen ließ, und beobachtete staunend, wie sich der Wagen elegant nach links um seine Längsachse drehte.

Für einen Moment ging sein Blick weiter den Hang hinauf. Der wuchtige Felsen oberhalb des nächsten Streckenabschnitts füllte sein Sichtfeld aus. Dann drehte sich der Wagen weiter, einige Äste peitschten gegen das Wagendach. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Fuß noch immer die Bremse trat. Er hob das Bein an und wechselte auf das Gaspedal. Ein-, zweimal drückte er kräftig zu, genoss das aggressive Aufheulen und Dröhnen und Röhren des Motors und lächelte ein letztes Mal nach vorn, wo zwei große Felsbrocken direkt in seiner Flugbahn lagen.

Dann war nichts mehr zu hören als knirschendes Metall und splitterndes Glas.

 

Donnerstag, 2. Oktober

Es war so kalt, dass Karl Schlitter den Kragen seines Wintermantels hochschlug, um seinen Nacken besser gegen den eisigen Wind zu schützen. Er mochte solches Wetter nicht, vor allem nicht so kurz vor dem Jochpass Memorial. Auch für die Veranstaltung selbst klang die Wettervorhersage wenig verheißungsvoll. Dabei hatten schon im vorigen Jahr Schnee und Graupel die Fahrt hinauf nach Oberjoch ziemlich ungemütlich gemacht.

Er schloss die Faust fester um den Griff des zerschlissenen braunen Lederkoffers und stapfte voran. Noch ein paar Schritte, dann hatte er den verabredeten Platz erreicht. Er blieb stehen und sah auf die Uhr. Es war zehn nach sieben. Im Internet wurde der Sonnenaufgang für Bad Hindelang mit 7.19 Uhr angegeben. Also würde er noch ziemlich genau eine Viertelstunde hier oben warten, dann würde er den alten Lederkoffer abstellen und zu seinem Pick-up zurückgehen, ohne sich noch einmal nach dem Koffer umzudrehen.

»300000 – 2.10. – Sonnenaufgang«, stand auf dem Blatt Papier, das Schlitter in der Nacht auf Montag im Briefkasten gefunden hatte. Es war wie in einem schlechten Krimi: Die Buchstaben und Zahlen waren aus der Lokalzeitung und dem Boulevardblatt ausgeschnitten und auf ein DIN A4-Blatt geklebt worden. Daneben pappte ein kleiner Ausschnitt aus einem farbigen Computerausdruck, der in Vogelperspektive ein Stück vom Kanzel-Ringweg zeigte, ganz in der Nähe der letzten scharfen Linkskurve der Jochstraße. Und genau dort, wo er jetzt stand, war der Ausdruck mit einem roten Kreuz markiert. Das Ganze hätte eher wie ein schlechter Scherz gewirkt – wäre es nur dieser Zettel gewesen.

Am sehr späten Sonntagabend hatte bei ihm daheim das Telefon geklingelt. Er hatte abgehoben und sich gemeldet. Eine raue Stimme hatte ihm ins Ohr geknurrt, was er zu tun hatte: keine Polizei verständigen, dreihunderttausend Euro besorgen, das Geld in einem Koffer auf dem Platz abstellen, der auf einem Zettel beschrieben sei, der im Briefkasten stecke.

Die Stimme klang ein wenig, als würde sich der Sprecher ein Taschentuch vor den Mund halten, aber es schien auf jeden Fall ein Mann zu sein. Der Unbekannte gab noch die Anweisung, Schlitter solle das Geld in einem alten, unauffälligen Koffer verstauen und etwa zehn Minuten vor dem beschriebenen Zeitpunkt am genannten Platz auftauchen. Dort solle er bis etwa zehn Minuten nach dem Zeitpunkt warten.

Schlitter begriff erst nicht gleich, was da vor sich ging. Er war müde, hatte auch schon etwas getrunken, aber der Fremde redete einfach ohne Pause auf ihn ein. Danach wiederholte er alles noch einmal wortwörtlich, als lese er von einem Zettel ab. Ab und zu wechselte das Knurren des Anrufers in ein Raunen, manchmal musste er sich kurz räuspern, aber auch das ließ keine Rückschlüsse darüber zu, wie die Stimme unverstellt klingen mochte. Schließlich, als Schlitter längst verstanden hatte, dass das kein Klingelstreich war, kam die Drohung für den Fall, dass er nicht spuren würde: Genau dort, in der letzten Linkskurve, werde es während des diesjährigen Jochpass Memorial ein Attentat geben.

Dann hatte der Unbekannte aufgelegt, und Schlitter hatte totenbleich und am ganzen Körper zitternd im Flur gestanden, den Hörer noch am Ohr. Erst nach einer kleinen Ewigkeit hatte er sich aus der Starre gelöst und den Hörer aufgelegt, um zum Briefkasten zu gehen, wo er tatsächlich den Zettel mit der aufgeklebten Nachricht fand.

Und nun wartete er hier in der Kälte und sah sich um. Ein Stück entfernt stand sein Wagen. Ansonsten: Bäume ringsum, der Waldweg, die grasbewachsene Parkbucht und direkt neben ihm ein kleiner Haufen Pflastersteine. Sonst nur Stille, Kälte, Einsamkeit. Es war schon leidlich hell, aber mehr als diffuses Licht drang nicht durch die dicke Wolkendecke.

Er war natürlich schon oft hier oben gewesen, auch zu dieser Tageszeit, wenn er von der Jagd nach Hause fuhr. Manchmal stellte er seinen Pick-up dann auf diesem kleinen Weg ab, wenn auch nicht so weit von der B308 entfernt. Aber häufiger war er in den Wäldern nördlich der Bundesstraße unterwegs oder weiter südlich im Gebiet zwischen Oberstdorf, Hinterstein und der österreichischen Grenze.

Wieder und wieder sah Schlitter auf die Uhr, dann war es endlich halb acht. Er stellte den Koffer am Wegesrand ab, steckte die Hände in die Manteltasche und zog die Schultern hoch. Trotzdem drang der Wind eiskalt durch seine Kleider.

Alles war still. Auf der Straße zum Jochpass hinauf war kein Fahrzeug unterwegs, und auch hier auf dem Waldweg war nichts zu sehen oder zu hören. Plötzlich knackte im Unterholz hinter Schlitter ein Ast, und er musste sich sehr beherrschen, um sich nicht zu dem Geräusch umzudrehen. Ganz langsam setzte er sich in Bewegung. Die Nackenhaare sträubten sich, er hatte Gänsehaut und wäre am liebsten losgerannt, aber das würde den Erpresser womöglich nervös machen, und mit einer Kugel im Rücken wollte Schlitter nun wirklich nicht enden. Also zwang er sich, einen Schritt nach dem anderen zu machen, sich dabei nicht zu schnell zu bewegen und die ganze Zeit über stur geradeaus zu sehen. Die Sekunden dehnten sich wie in einem schlechten Traum. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, und als er die halbe Strecke zwischen dem Koffer und seinem Pick-up hinter sich gebracht hatte, rann es ihm warm über die Innenseite seiner Schenkel.

Auch schon egal, dachte Schlitter und ging stur weiter.

Schließlich erreichte er seinen Wagen. Als er den Türgriff mit der rechten Hand packte, stellte er fest, dass sie zitterte, und musste einen Moment lang stehen bleiben, bevor er sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, dass er die Tür aufziehen und sich auf den Fahrersitz schieben konnte.

Die ganze Zeit hatte er sorgfältig darauf geachtet, sich nur ja nicht umzudrehen, denn was würde der Erpresser wohl mit ihm machen, wenn er erst dessen womöglich unmaskiertes Gesicht gesehen hätte? Nun riskierte er doch einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Das würde der andere auf diese Entfernung vermutlich gar nicht mitbekommen.

Aber es war niemand zu sehen.

Nur der zerschlissene braune Lederkoffer stand unverändert an seinem Platz.

 

Resi verabschiedete sich von Hansen mit einem langen, innigen Kuss, dann stupste sie mit dem Zeigefinger gegen seine Nasenspitze, und weg war sie. Er sah ihr durchs Fenster nach, wie sie mit ihrem neuen Kleinwagen vom Hof und auf die Ehrwanger Straße fuhr. Als sie auf der B16 in Richtung Norden davonbrauste, war ihr Auto für wenige Momente zwischen den Bäumen zu sehen, aber Hansen winkte ihr trotzdem. Und es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass auch sie ihm winkte, ob er sie nun wirklich sehen konnte oder nicht.

Sie wollte bei ihren Eltern in Roßhaupten vorbeischauen, mit ihnen zu Mittag essen und Kaffee trinken. Am Nachmittag würde sie mit gepacktem Koffer zurückkommen und gemeinsam mit Hansen in einen Kurzurlaub starten. Er würde im Kommissariat in Kempten nur das Nötigste erledigen und gegen drei, halb vier wieder nach Hause fahren. Ein dringender Fall lag jedenfalls nicht auf seinem Schreibtisch.

Nach seinem etwas rumpeligen Start im Allgäu vor eineinhalb Jahren lief es mit den Kollegen inzwischen wirklich gut. Mit Willy Haffmeyer und Hanna Fischer sowieso, aber mittlerweile schienen auch die anderen ihren Frieden mit ihm als »neig’schmecktem« Niedersachsen gemacht zu haben. Ab und zu bekam er sogar einen Tipp, wo es einen Fischladen gab, in dem man frische oder frisch geräucherte Ware erhalten könne. Das eine oder andere Geschäft taugte tatsächlich etwas – auch wenn es natürlich kein Vergleich mit dem Steinhuder Räucheraal aus seiner alten Heimat oder mit den fangfrischen Tieren war, die er in seiner Zeit bei der Kripo Oldenburg in den Küstenorten der Nordsee überall bekommen konnte.

Vor allem sein Stellvertreter Hardy Koller tat sich mit Ratschlägen und hilfreichen Infos hervor. Womöglich plagte ihn das schlechte Gewissen, weil er nach Hansens Einschätzung die treibende Kraft hinter den Aktionen gewesen war, die ihm seinerzeit den Einstieg erschwert hatten. Für Hansen war das längst erledigt, zumal sich Koller und Kollegen ohnehin nur selbst ein Bein gestellt hatten. Auf Abstand hielt Hansen ihn trotzdem – das allzu nette und servile Auftreten war und blieb ihm suspekt. Da hatte er lieber den knurrigen Haffmeyer um sich oder die ehrlich besorgte Hanna. Mit ihnen arbeitete er nach wie vor gern zusammen.

In Kempten war es so ruhig, wie man es sich vor einem Kurzurlaub nur wünschen konnte. Koller und die anderen bereiteten die Unterlagen zu einem bereits abgeschlossenen Fall für die Gerichtsverhandlung auf, Willy Haffmeyer und Hanna Fischer wollten im persönlichen Gespräch zwei Aussagen in einem Totschlagfall überprüfen, danach stand auch für sie bis auf Weiteres nur Büroarbeit an.

Nach der morgendlichen Besprechung bat Kripochef Benedikt Huthmacher ihn zu sich ins Büro. Er bot ihm Kaffee und Gebäck an und fragte ihn ein wenig über die Kollegen aus, aber natürlich kam Hansen kein schlechtes Wort über die Lippen. Das Kommissariat 1 funktionierte, alle machten einen guten Job, und wenn jemand mal aus der Reihe tanzte, klärte Hansen das direkt mit der oder dem Betroffenen. Erst nach einer Weile, nachdem sie die anderen Themen durch hatten und der Kaffee ausgetrunken war, kam Huthmacher auf den wahren Grund für die vertrauliche Unterhaltung zu sprechen.

»Ja, mein lieber Hansen, wie Sie ja vielleicht wissen, geht bald unser Polizeipräsident in den verdienten Ruhestand. Ich bin gefragt worden, ob ich nicht ...«

Er räusperte sich.

»Wissen S’, als Allgäuer ist es mir natürlich nachgrad eine Herzensangelegenheit ... und eine Ehre wär’s ja obendrein, und ich hab mir gedacht ...«

Hansen bemühte sich um eine ernste Miene. Huthmachers Angewohnheit, Sätze unvollendet zu lassen, wenn er eine Situation als unangenehm empfand, hätte diesmal wirklich nicht erahnen lassen, worauf er hinauswollte. Aber Hansen hatte längst über den Flurfunk erfahren, dass Huthmacher als einer der Kandidaten für die Nachfolge von Polizeipräsident Franz Stiller galt. Obgleich Stiller ihn wärmstens als seinen Nachfolger empfahl, gab es doch so manchen, der Huthmacher das vermeintliche Desaster um die Pärchenmordserie nachtrug – noch immer.

Anfang des vorigen Jahres war ein junges Paar am Waldrand bei Nesselwang auf sehr brutale Weise getötet worden, und bis die Polizei durch den Selbstmord des Täters endlich auf dessen Identität kam, waren ihm schon zwei weitere Pärchen zum Opfer gefallen. Die Mordserie hatte für viel Aufsehen gesorgt, und unter dem Druck der Öffentlichkeit wurde schließlich Rolf Hamann, der Leiter des Kommissariats 1 in Kempten, in den vorzeitigen Ruhstand versetzt – ein Bauernopfer, denn keiner der Ermittler hatte einen Fehler begangen, und auch Hamann war nichts anzulasten. Sein Nachfolger wurde Hansen.

»Mir gefällt’s, wie Sie nichts auf die Kollegen kommen lassen«, fuhr Huthmacher fort. »Und ich seh ja, wie Sie auch unter ... schwierigen Bedingungen gleich Ihren ersten Fall prächtig gelöst haben. Dann noch die drei Toten im Bauernhofmuseum, und auch sonst ist Ihre Arbeit ...«

Er verstummte, nickte zur Bekräftigung seines halb ausgesprochenen Lobes und strahlte Hansen an. Huthmachers feistes Gesicht glühte nun beinahe, und auf der hohen Stirn bildeten sich einige Schweißtropfen.

»Ich wollt Sie fragen, ob Sie nicht ... womöglich ...?«

Huthmacher hob beide Hände, die Handflächen nach oben, und dazu zuckte er mit den Schultern. Es sah drollig aus, aber so ganz wusste Hansen diesmal wirklich nicht, was sein Vorgesetzter ihn eigentlich fragen wollte.

»Na, wenn mein Posten frei werden sollte, dann brauchen wir ...«, setzte er noch einmal an und verstummte wieder.

Endlich hatte Hansen ihn verstanden. Er sah seinen Chef ungläubig an. Sein zweiter Blick ging zur Verbindungstür, die Huthmachers Büro von dem seiner Sekretärin Rosemarie Schwegelin trennte. Die Tür stand einen Spaltbreit offen, und dahinter war kein Mucks zu hören. Dass Frau Schwegelin horchte stand außer Zweifel, aber wenn es Huthmacher nicht störte, dass sie alles mitbekam, konnte es ihm auch egal sein.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe«, begann Hansen, »aber wenn Sie mich fragen möchten, ob ich Ambitionen habe, Ihr Nachfolger zu werden, kann ich Ihnen versichern: Nein.«

Huthmacher machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Natürlich will ich Karriere machen«, fügte Hansen schnell hinzu, »aber das hat noch etwas Zeit. Ich bin erst seit eineinhalb Jahren Leiter des K1, da scheint mir ein solcher Schritt dann doch noch etwas verfrüht. Außerdem mussten die Kollegen ja erst mal die ungewohnte Situation verkraften, dass ein Niedersachse das Kommissariat leitet.«

Er lachte, und Huthmacher fiel mit ein. Allerdings klang es ein wenig aufgesetzt. Erst begriff Hansen nicht, warum seine Ablehnung dem Chef so viel ausmachte, doch dann kam ihm in den Sinn, dass er vielleicht auf Pluspunkte für seine eigene Beförderung hoffte, wenn er etwa im Innenministerium einen willkommenen Nachfolger für seinen jetzigen Posten präsentieren konnte.

»Sie haben höheren Orts schon einen sehr guten Eindruck ... Ich habe aus München bisher nur Lob über Sie ... Auch die Kollegen des Präsidiums Oberbayern Süd, mit denen Sie bei Ihrem ersten Fall in Lechbruck zusammengearbeitet haben, waren voll des ...«

Huthmacher schwitzte stärker. Fahrig zerrte er die Schublade seines Bürocontainers auf, nahm ein Papiertaschentuch heraus und tupfte sich damit die Stirn trocken.

»Das ist alles schön für mich, vielen Dank, das Lob gebe ich an die Kollegen in Rosenheim gern zurück. Aber trotzdem ...«

Aus dem Nebenraum war ein leises Knarzen zu hören. Entweder war das Rosemarie Schwegelins Bürostuhl, oder sie hatte sich näher herangeschlichen und war dabei versehentlich an die Tür gekommen. Tatsächlich schien sie nun ein winziges Stück weiter geschlossen zu sein als vorhin.

»... trotzdem käme mir ein Wechsel so kurz nach meinem Start hier in Kempten zu früh, tut mir leid.«

»Aber in München ...«

»Sind das nicht dieselben Leute, die meinen Vorgänger über die Klinge haben springen lassen?«

Huthmacher zuckte mit den Schultern.

»Wissen Sie, Herr Huthmacher, ich bin sehr gern Leiter des K1, und ich hätte diese Stelle nicht bekommen, wenn Herr Hamann nicht seinen Posten hätte räumen müssen. Aber deshalb muss ich die Entscheidung des Ministeriums nicht gut finden.«

Huthmacher nickte und machte eine betrübte Miene.

»Sie haben ja recht, aber ...«

Er hob seine Kaffeetasse, bemerkte dann, dass er sie schon leer getrunken hatte, und setzte sie wieder ab.

»Haben Sie den Rolf eigentlich mal persönlich kennengelernt?«, fragte er dann.

»Nein, bisher nicht. Aber dass weder ihn noch sonst jemanden in der damaligen Ermittlungsgruppe irgendeine Schuld daran trifft, dass dem ersten Pärchenmord noch zwei weitere folgten, kann man gut auch aus den Akten herauslesen.«

»Kann man, wenn man will«, brummte Huthmacher. »Rolf Hamann wohnt übrigens nicht weit von Ihnen entfernt. Hopfen am See, ein richtig schönes Häuschen, nicht weit vom Wasser entfernt. Wenn Sie mögen, kann ich Sie beide mal zusammenbringen. Rolf verfolgt Ihre Arbeit sehr aufmerksam, wissen Sie?«

Das überraschte Hansen nicht. Auch er hatte ab und zu noch ein Auge auf das, was sich in Hannover tat, wo er bis vor eineinhalb Jahren für die Kripo ermittelt hatte. Und Hamann lebte sogar inmitten seines alten Zuständigkeitsbereichs.

»Eigentlich steht es mir nicht zu«, fuhr Hansen nach einer kurzen Pause fort. »Aber darf ich Ihnen jemand anderen vorschlagen?«

Huthmacher sah überrascht auf, dann nickte er erneut.

»Im Grunde genommen kommen ja alle Kommissariatsleiter für die Position infrage«, sagte Hansen aus Höflichkeit, obwohl er wusste, dass das nicht stimmte. Zwar beherrschten alle ihren derzeitigen Aufgabenbereich, ob sie jedoch die Rolle eines Kripochefs würden ausfüllen können, stand auf einem anderen Blatt. »Aber soweit ich es bisher mitbekommen habe, hat vor allem Vroni Schliers einen blendenden Stand bei den Kollegen.«

Das Gesicht des Kripochefs wirkte kurz verblüfft, dann hellte sich seine Miene merklich auf. Hatte er die Leiterin der Kriminaltechnik wirklich nicht als seine Nachfolgerin in Betracht gezogen?

»Sie hätte sicher auch das Zeug dazu, die Kripo zu leiten, wenn Sie dafür nicht mehr zur Verfügung stehen. Sie kann mit allen, ist im Allgäu zu Hause, hat eine direkte Art, kann aber auch diplomatisch sein – und ...«

Hansen beugte sich etwas vor und grinste.

»... und unseren Münchner Freunden gegenüber könnte das Polizeipräsidium nicht nur eine Frau präsentieren, was in der Hauptstadt sicher als sehr modern empfunden würde, sondern Vroni könnte den Herrschaften notfalls zeigen, dass sie im Zweifelsfall auch Haare auf den Zähnen hat.«

Jetzt strahlte Huthmacher über das ganze Gesicht, seine runden Wangen glänzten, und er klatschte seine dicken Hände gegeneinander.

»Sehr gut, Hansen, dass ich darauf nicht selbst ... ärgert mich zwar, aber Sie haben recht, so wird’s ...«

Er stand auf und schüttelte Hansen die Hand.

»Rosi?«, rief er in Richtung Verbindungstür.

Rosemarie Schwegelin war wohl selbst ganz verdattert über den Verlauf des Gesprächs. Offenbar hatte sie nicht bedacht, dass sie sich verraten würde, wenn sie dem Ruf des Chefs zu schnell folgte, denn schon im nächsten Augenblick trat sie in Huthmachers Büro und warf Hansen einen ungewohnt respektvollen Blick zu.

»Ja, Herr Huthmacher?«, fragte sie, und ihr Chef trug ihr auf, doch bitte mal die Kollegin Schliers zu einem Gespräch in sein Büro zu bitten.

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