„Mahlzeit!“ ein LandIDEE-Krimi von Jürgen Seibold
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„Mahlzeit!“ ein LandIDEE-Krimi von Jürgen Seibold

Für seine begeisterten Krimi-Leser hat der Autor Jürgen Seibold noch ein besonderes Extra: einen Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihm macht!

Mittwoch, 19. November 2014 von


Mahlzeit!
Die gelegentlichen Ausfahrten im geliehenen Oldtimer durch das südöstliche Allgäu mochten Kommissar Hansen und seine Freundin Resi nicht mehr missen. Zwar war es jetzt, Ende Februar, eindeutig zu kalt für ein Picknick im Freien, aber das leckere Essen gab es dann eben daheim – im Bauernhof bei Füssen, in dem Hansen nun seit knapp zwei Jahren wohnte.
Dort wartete diesmal allerdings eine Überraschung auf sie.
Walburga Lederer saß vornübergebeugt am Küchentisch, neben sich ein halb volles Weizenglas. Hansen war es inzwischen gewohnt, dass seine überfürsorgliche Vermieterin unangekündigt bei ihm vorbeischaute, und er hatte sich damit abgefunden, dass sie ihm das hiesige Bier nicht nur vorbeibrachte, sondern auch immer gleich selbst davon trank.
Eine der dunklen Bodendielen knarzte, woraufhin sich die Alte ein wenig aufrichtete und ihnen entgegensah.
„Ah, der Herr Hansen und das Fräulein Resi“, murmelte sie, und in ihren Augen lag ein trauriger Schimmer.
„Ist etwas passiert, Frau Walburga?“, fragte Hansen und trat zu ihr.
Erst jetzt bemerkte er den Kater Ignaz, seinen vierbeinigen Mitbewohner, der auf dem Schoß der alten Frau lag, räudig wie immer, aber friedlich wie selten.
„Nehmen Sie sich ruhig auch ein Bier“, ermunterte ihn Frau Walburga, als sei sie hier zu Hause und nicht er. Dann wartete sie geduldig, bis Hansen und seine Freundin sich mit gefüllten Gläsern zu ihr an den alten Holztisch setzten.
„Der Helmfried!“, flüsterte sie und sah Hansen vielsagend an, als müsse er schon allein ob der Nennung dieses Namens vollständig im Bilde sein. War er aber leider nicht.
„Welcher Helmfried?“
„Na, der Niemann“, sagte sie knapp und zog ein Foto hervor, das zwei Gräber zeigte. Sie tippte mit dem Zeigefinger auf den rechten Grabstein, in den das Bild eines Mannes mit Doppelkinn und schwarzem Haar eingelassen war. „Ein alter Freund und jetzt der Nachbar meines Mannes, Gott hab ihn selig.“
„Und was ist mit diesem Helmfried?“
„Er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass ...“ Frau Walburga verstummte.
„Wenn er was wüsste?“
„Wissen Sie, der war nicht von hier“, begann Frau Walburga, und ihr Tonfall wirkte, als stelle Helmfrieds Herkunft einen schweren Schicksalsschlag für den Verstorbenen dar. „Kam auch aus dem Norden, so wie Sie. Seine Söhne, der Horst und der Sepp, sind hier groß geworden. Die konnten sich nie leiden, sogar während der Beerdigung von ihrem Vater sind sie aufeinander losgegangen.“ Sie seufzte. „Die beiden wohnen im selben Haus, direkt beim Friedhof. Ich komm dort jeden Tag vorbei, wenn ich meinen Mann besuche. Jetzt ist der Horst gestorben, und das ist schon deshalb ein Elend, weil der Sepp, seine Frau und seine Schwägerin seither unentwegt streiten. Sogar noch mehr als sonst.“
„Und worüber?“, fragte Hansen, der noch immer keine Ahnung hatte, worauf seine Vermieterin eigentlich hinauswollte.
Frau Walburga beugte sich vor und setzte eine Verschwörermiene auf. „Der Horst soll ermordet worden sein.“
Das überraschte Hansen nun doch. Er war als Leiter des Kommissariats 1 der Kemptener Kripo auch für Mordermittlungen in Füssen zuständig, aber einen Fall „Horst Niemann“ hatte er nicht auf dem Schreibtisch.
„Ermordet?“
Frau Walburga nickte.
„Und womit?“
„Mit Räucherspeck“, versetzte die alte Frau trocken.
Resi prustete kurz los, fasste sich aber schnell wieder, und auch Hansen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Frau Walburga blieb ernst.
„Hab ich jedenfalls gehört“, schränkte sie ein.
„Und wo haben Sie das gehört?“
„Na, ich wollte der Claudia – das ist die Witwe vom Horst – einen Kräuterlikör vorbeibringen, den noch mein Mann angesetzt hat. Da habe ich das Geschrei und das Gezeter mitbekommen. Ganz zufällig, natürlich.“
„Natürlich“, pflichtete Hansen ihr mit gespieltem Ernst bei. „Und wer hat da geschrien und gezetert?“
„Die Claudia hat geheult, der Sepp hat geschimpft, und seine Frau, die Sabine, hat wiederum ihn angeschrien.“
„Und wer von den dreien glaubt, dass Horst Niemann ermordet wurde?“
„Der Sepp hat das behauptet. Seine Sabine hat ihn für verrückt erklärt, und die Claudia war ganz außer sich vor Wut auf den Sepp und vor Trauer um ihren Horst. Also ich könnt so ja nicht leben: in einem Haus mit Leuten, die man hasst!“
Hansen war froh, dass er hier draußen am Forggensee ein so friedliches Leben führen durfte – wenn man mal von den gelegentlichen Gemeinheiten des Katers absah, der noch immer ruhig auf Frau Walburgas Schoß lag und aufmerksam zuzuhören schien.
„Da dacht ich halt … weil Sie doch bei der Kriminalpolizei sind.“
Frau Walburga sah Hansen flehend an, und der hielt dem Blick nicht lange stand.

Resi legte den Hörer weg, während Frau Walburga draußen langsam auf ihr knallrot lackiertes Elektrorad kraxelte, was ihr nach dem zweiten Weizen nun doch etwas Mühe machte.
„Horst Niemann ist wirklich beim Essen gestorben“, berichtete Resi. „Sein Hausarzt meinte allerdings, Niemann sei einfach erstickt. Ein Bröckchen Rauchfleisch hatte er schon heruntergeschluckt, das andere steckte oben in der Luftröhre, und dazwischen spannte sich ein Stück Sehne, das er nicht ganz durchgeschnitten hatte.“
„Tragisch“, brummte Hansen. „Nach einem Mord sieht das allerdings nicht aus. Nur, meine Vermieterin gibt sicher trotzdem keine Ruhe, bis ich mit den Niemanns gesprochen habe.“
„Gut möglich. In der Zwischenzeit fahr ich kurz bei dem Hausarzt vorbei: Er will mir ein Stück vom Rauchfleisch fürs Labor überlassen. Mal sehen, ob sich da doch was ergibt.“

Im ersten Stock des alten Mietshauses stand ein Fenster offen, und man hörte, wie sich ein Mann und eine Frau mit wüsten Beschimpfungen und Flüchen bedachten. Hansen musste zweimal klingeln, bevor der Streit unterbrochen wurde und eine Frau am offenen Fenster erschien.
„Wir kaufen nichts!“, beschied sie ihm pampig. Dann bemerkte sie den Ausweis, den Hansen hochhielt. „Und spenden tun wir auch nichts! Sie können Ihren Diakonieausweis wieder wegstecken.“
„Ich bin nicht von der Diakonie. Hansen, Kripo Kempten. Ich muss mit Sepp Niemann reden.“
„Siehst du?! Die Kripo!“, ertönte nun eine zornige Männerstimme aus dem Hintergrund. „Ich sag‘s dir doch! Der ist wegen dem Horst da.“
Der Türöffner summte wenige Augenblicke später. 
Der Anblick, der sich Hansen bot, als die Wohnungstür im ersten Stock aufschwang, irritierte ihn, weil Fasching schon gut eine Woche zurücklag. Vor ihm stand ein untersetzter Mann um die vierzig mit feuerroten Haaren und einem buschigen Schnauzbart. Im Bund der fettglänzenden Krachledernen steckte ein rot-weiß kariertes Hemd, die groben Wollsocken wölbten sich über stramme Waden. Er trug Pantoffeln, aber neben der Tür standen Haferlschuhe bereit.
„Sepp Niemann. Sie kommen wegen dem Horst, oder?“ Sein Handschlag war kräftig, und er zog den Kommissar an sich vorbei in die Wohnung. 
Im Flur stand die Frau vom Fenster, schaute säuerlich drein und folgte den Männern schweigend ins Wohnzimmer. Der Raum war altmodisch möbliert, und auf einer wuchtigen Anrichte standen mehrere leere Pflanzentöpfe. Daneben steckten Papiertütchen mit diversen Samen. Das Foto auf einer der Tüten zeigte Blätter, die Hansen vage an Hanf erinnerten, aber die Bezeichnung lautete „Ricinus communis / Wunderbaum“.
„Meine Frau will mir nicht glauben, dass mein Bruder ermordet wurde.“ Sepp Niemann beugte sich vor und senkte seine Stimme. „Aber ich bin mir da ganz sicher.“
„Und wie kommen Sie darauf?“
Sabine Niemann warf ihrem Mann einen verächtlichen Blick zu.
„Mein Bruder war nicht besonders beliebt, hatte kaum Freunde. Jetzt hat er‘s wohl bei irgendwem übertrieben, und der hat ihm was ins Geräucherte getan.“
„Sie sind ja bestens im Bilde“, versetzte Hansen.
„Na, ich werd doch mitbekommen, wie mein Bruder gestorben ist, oder? Er hat Räucherspeck gegessen, und jetzt ist er tot. Er wurde eindeutig vergiftet.“ Sepp Niemann lehnte sich in seinem Sessel zurück und wirkte sehr zufrieden mit seiner Kombinationsgabe.
„Der Arzt sagt“, wandte Hansen ein, „er habe sich verschluckt und sei erstickt.“
Niemann winkte ab. „Blödsinn. Das hat Claudia auch gesagt, aber … trotzdem: Jeder hier weiß, dass der Horst immer gern und viel Geräuchertes isst – gegessen hat, meine ich. Wenn ihm also einer was Böses wollte, dann … hat er nur das Geräucherte vergiften müssen. Verstehen Sie?“

Nachdenklich stieg Hansen die Treppe hinab. Im Erdgeschoss begegnete er einer hübschen Endvierzigerin, die gerade ihre Wohnung verließ – mit einem Tablett, auf dem sich einige gerauchte Würste stapelten. Aus einem in Alufolie eingeschlagenen Päckchen strömte zudem der herzhafte Geruch von Räucherspeck. 
Hansen warf einen kurzen Blick auf das Klingelschild.
„Frau Claudia Niemann?“, fragte er und zeigte seinen Dienstausweis. 
Die Frau nickte kurz, und Hansen sprach ihr sein Beileid aus. Dann deutete er auf das Tablett. „Wo wollen Sie denn damit hin?“
„Das werf ich weg“, murmelte sie. „Ich kann jetzt nichts Gerauchtes mehr im Haus haben.“
„Verständlich. Lassen Sie mich Ihnen doch helfen.“ Hansen nahm ihr das Tablett ab, gab ihr seine Visitenkarte und fuhr mit Wurst und Speck direkt zu dem Labor, in das auch Resi schon ihre Rauchfleischprobe gebracht hatte.

Das Ergebnis der Analyse war eindeutig: Das Rauchfleisch, an dem Horst Niemann erstickt war, und die Würste von Claudia Niemann waren in Ordnung. Der in Alufolie verpackte Räucherspeck wies hingegen Einstiche auf – wie von einer sehr dünnen Nadel. Das Labor konnte im Speck das giftige Protein Rizin nachweisen, und zwar in einer Menge, die mehr als ausreichend war, um einen erwachsenen Mann zu töten.
Wenig später stand Hansen erneut vor Claudia Niemann, diesmal in Begleitung seiner Kollegen Willy Haffmeyer und Hanna Fischer. Die Witwe sah verblüfft auf den Räucherspeck, den ihr Hansen in einem verschlossenen Plastikbeutel hinhielt.
„Woher haben Sie diesen Speck?“
„Den hat der Sepp uns geschenkt“, sagte sie irritiert. „Der Horst wollte ihn nicht anrühren. Gerade so, als würde er befürchten, dass er ver...“ Sie wurde bleich und verstummte. 
Hansen ging mit Haffmeyer die Treppe hinauf, Hanna blieb bei der Witwe. 
Schon nach dem ersten Läuten öffnete Sepp Niemann. Hansen grüßte ihn knapp und drängte sich an ihm vorbei. Im Wohnzimmer streifte er Gummihandschuhe über, holte einen frischen Plastikbeutel hervor und steckte alle Samentütchen hinein, auf denen „Ricinus communis / Wunderbaum“ stand.
„Was machen Sie da?!“, brauste Sabine Niemann auf, die plötzlich in der Tür stand und sich die Hände an einem Geschirrtuch trocknete. „Wozu, um Himmels willen, brauchen Sie denn meine Samen?“
„Als Beweismittel.“
„Beweismittel?! So ein Schmarrn! Die Samen lassen Sie schön da, wo sie sind. Die muss ich diese Woche noch einsetzen, wenn ich ...“
„Ich habe mir sagen lassen“, unterbrach Hansen die Frau, „dass die Samen des Wunderbaums ein tödliches Gift enthalten: Rizin.“
„Ja, das weiß ich, aber ich bin ja nicht so blöd, die zu essen!“
Hansen sah sie an und schwieg. Da wurde ihr klar, worauf er hinauswollte, und sie ließ sich auf einen Sessel sinken.
„Also ist der Horst doch vergiftet worden? Mit meinen Wunderbaumsamen?“
Hansen schwieg weiter.
„Hab ich‘s nicht gesagt?!“, rief Sepp Niemann und trat zu seiner Frau. „Ermordet! Von dir! Aber warum? Ich hab immer gedacht, ihr vertragt euch, du und der Horst. Jedenfalls habt ihr immer zusammengehalten, wenn es gegen mich ging!“ 
Seine Stimme triefte vor Verachtung.
„Meine Frau ist gestern mit dem Speck runter“, wandte er sich nun an Hansen. „Ich hab noch gesehen, wie sie das Stück in Alufolie eingeschlagen hat.“
„Spinnst du jetzt komplett?!“, fuhr Sabine Niemann nun auf. „Das grausige Zeug, das du von deinem Räucherkumpel mitbringst, fasse ich nicht mal mit der Zange an!“
Hansen wartete einen Moment, dann redete er der Frau gut zu, während er ihren Mann im Blick behielt. „Keine Sorge, Sie können es ruhig zugeben, Frau Niemann. Ihr Schwager hat den Räucherspeck gar nicht angerührt. Er ist wirklich erstickt, allerdings an einem Stück Rauchfleisch, das nicht vergiftet war.“
„So ein Depp!“, entfuhr es Sepp Niemann. „Sogar beim Sterben muss er mir einen Strich durch die ...“ Dann verstummte er.
Hansen nickte ihm zu, und Niemann ließ sich mit hängenden Schultern von Haffmeyer hinausführen – auch ein missglückter Mordversuch war kein Pappenstiel.
„Hätte klappen können“, brummte Sepp Niemann vor dem Haus. „Und ich wäre auf einen Schlag beide los gewesen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Den Versuch war‘s wert.“

Zum Dank brachte Frau Walburga am nächsten Tag neben frischem Bier auch einen reich bestückten Picknickkorb mit. Zu dritt ließen sie sich Heumilch-Camembert, Allgäuer Bergkäse, Wildlandjäger, Bauernschinken und andere Köstlichkeiten aus der Region schmecken.
Hansen schnitt ein Stück Räucherspeck klein und servierte es Ignaz auf einem Teller. Der Kater machte sich sofort schnurrend über den Leckerbissen her. Doch als Hansen erzählte, wie Sepp Niemann seinen Bruder hatte umbringen wollen, hielt er mit dem Fressen abrupt inne und spitzte die Ohren. Dann ließ er den kleinen Brocken, den er eben noch im Maul hatte, zurück auf den Teller fallen und warf Hansen einen kurzen, misstrauischen Blick zu. Er schnupperte noch ein-, zweimal an den Fleischbröckchen, schüttelte sich schließlich und stakste aus der Küche.


Blick ins Buch
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Ein Allgäu-Krimi

Das idyllische Bad Hindelang bereitet sich auf das alljährliche „Jochpass Memorial“ vor – ein spektakuläres Bergrennen für Oldtimer. Der Titelverteidiger Rudi Groß geht als Favorit ins Rennen, doch in einer der letzten Kurven verliert er die Kontrolle über seinen Wagen und stürzt in die Tiefe. Schnell steht fest: Der Oldtimer war manipuliert. Als Kommissar Hansen mit seinen Ermittlungen beginnt, stößt er auf wahre Besessenheit und Oldtimer-Fans, die um jede Schraube ihrer auf Hochglanz polierten Schätze kämpfen.
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