Kurzkrimi von Gisa Pauly – Mama Carlotta ermittelt in »Pollo Marengo«
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Mittwoch, 19. November 2014 von


Kurzkrimi von Gisa Pauly – Mamma Carlotta ermittelt in »Pollo Marengo«

Mama Carlotta ist auf der Suche nach einem verschwundenen Rezept. Dieses gibt’s am Ende des Kurzkrimis zum Nachkochen.

Pollo Marengo
Erik Wolf strich lange über seinen Schnauzer, bis er wusste, was er sagen wollte: „Du lädst uns zum Essen ein? In ein Restaurant?“ 
„Sì, Enrico! Warum nicht?“ Mamma Carlotta tat so, als wäre es das Normalste der Welt, die Küche kalt zu lassen und auswärts zu essen. In Wirklichkeit waren ihre Restaurantbesuche an einer Hand abzuzählen, und ihre Witwenrente reichte gerade aus, um gelegentlich ein Flugticket von Umbrien nach Sylt zu kaufen.  
„Da steckt doch was anderes dahinter“, mutmaßte Erik, der als Sylter Kriminalhauptkommissar von Natur aus misstrauisch war. „Weißt du eigentlich, was ein Essen im ‚Pollo Marengo‘ kostet?“
Mamma Carlotta wurde nervös. Und wie immer, wenn sie sich durchschaut fühlte, redete sie so lange von etwas anderem, bis sie hoffen konnte, dass die Frage, die sie nicht beantworten wollte, vergessen worden war. Bei ihrem Dino, Gott hab ihn selig, hatte das immer funktioniert, bei Erik klappte es leider nicht. 
„Hast du im Lotto gewonnen?“, setzte er nach, als sie weitschweifig auf die Verteuerungen im Allgemeinen und die Kostenexplosion in der Friedrichstraße ausgewichen war. Es half also nichts, sie musste mit der Wahrheit heraus. Das hatte ihre Schwägerin am Ende ihres langen Telefonats ohnehin vorgeschlagen. „Enrico ist un Commissario! Der kann uns helfen!“
Doch Carlotta wusste aus leidvoller Erfahrung, wie korrekt Erik mit Recht und Gesetz umging. Für eine Italienerin heiligte der Zweck jedes Mittel, aber für Erik reichte nicht einmal ein Indiz. Nein, für ihn mussten Beweise her. Dabei war Cesare praktisch überführt, da war Carlotta mit der Frau ihres Bruders sofort einer Meinung gewesen. 
„Das Rezept ist weg! Gestohlen!“, hatte Rosamunda berichtet. „Das geheime Rezept der Cicalas, das immer am Tag der Hochzeit auf die Tochter übergeht. Kurz vor der Trauung hat der Brautvater gemerkt, dass es nicht mehr an seinem Platz lag. Die Mutter der Braut hat ‚Pollo Marengo‘ ja noch aus dem Gedächtnis gekocht, aber kurz vor der Hochzeit bekam sie einen Schlaganfall und kann sich nun an nichts mehr erinnern.“
„Madonna!“ Das konnte kein Zufall sein, dass Cesare, ein entfernter Verwandter der Cicalas, nach Sylt ging, um ein Restaurant zu eröffnen, und es ausgerechnet ‚Pollo Marengo‘ nannte. Dass er das gleichnamige Gericht dort anbot, wusste Mamma Carlotta inzwischen, nun musste sie nur noch herausfinden, ob es genauso schmeckte wie bei Signora Cicala. Damit wäre Cesare überführt.  
„Du willst da persönlich hin?“, erkundigte sich Erik. 
„Cesare hat mich nie gesehen“, antwortete Mamma Carlotta. „Und ich kenne ihn auch nur vom Hörensagen.“
Am Abend bestellten Erik und die Kinder Spaghetti Carbonara, Mamma Carlotta ließ sich wie geplant ‚Pollo Marengo‘ vorsetzen. Schon nach dem ersten Bissen war sie sich sicher: „Das Rezept von Signora Cicala! Kein Zweifel! Cesare hat es gestohlen.“
„Das lässt sich nicht beweisen“, wehrte Erik ab. „Du erwartest hoffentlich nicht, dass das Kommissariat von Westerland sich darum kümmert.“
Mamma Carlotta hatte es ihrer Schwägerin ja gleich gesagt. Nur aufgrund einer Anschuldigung verhaftete Erik niemanden.
„Wegen eines Rezeptes?“ Erik tippte sich an die Stirn. Und das tat er noch einmal, als Carlotta ihm erzählt hatte, dass ‚Pollo Marengo‘ etwas ganz Besonderes war. „Für Napoleon erfunden.“ 
Nach der Schlacht in Piemont habe er sich hungrig in einen Gasthof begeben, wo die Wirtin, eine Vorfahrin von Signora Cicala, für den großen Feldherrn ein Huhn briet. Sie hatte alles herbeigeholt, was es noch in ihrem Hause gab: Tomaten, Hühnerbrühe, Brot und Eier. „So ist ‚Pollo Marengo‘ entstanden.“ Mamma Carlotta seufzte tief auf. „Nun ist das Rezept verloren! Dabei kommen viele Touristen extra deswegen in die Trattoria Cicala.“
„Vergiss es!“, sagte Erik. „Ich werde keine Hausdurchsuchung anordnen. Schon deswegen nicht, weil der Diebstahl in Italien geschehen ist. Die deutsche Polizei ist nicht zuständig.“
Carlotta machte gar nicht erst den Versuch, ihn umzustimmen, sie hatte nichts anderes erwartet. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als selbst zur Tat zu schreiten. Wenn Cesare das Rezept nicht in einem Tresor aufbewahrte, würde sie es bekommen! Rosamunda, die Cicalas, das ganze Dorf - alle bauten auf ihre Hilfe. Nein, sie durfte die Erwartungen nicht enttäuschen. 
Die Kinder, auf deren Unterstützung sie gehofft hatte, winkten leider schon ab, ehe sie die beiden ins Gebet genommen hatte. „Ne, Nonna! Versuch’s gar nicht erst!“ Carolin und Felix wollten keinen Ärger mit ihrem Vater riskieren. „Wenn der rausbekommt, dass wir dir bei einem Einbruch geholfen haben …“
Sie war also allein. Ganz allein mit dem Versprechen, das sie Rosamunda gegeben hatte, allein mit dem Mitleid für die Familie Cicala und mit der Frage, wie man sie in ihrem Dorf ansehen würde, wenn sie mit leeren Händen zurückkam. 
Blieben also nur ihre heimlichen Freunde auf Sylt! Tove Griess, der Wirt der schmuddeligen Imbiss-Stube, und sein einziger Stammgast, der Strandwärter Fietje Tiensch, der in Käptens Kajüte seine gesamte Freizeit verbrachte. Beide waren mit dem Gesetz schon so oft in Konflikt geraten, dass es auf ein weiteres Mal nicht ankam. Das behauptete Mamma Carlotta jedenfalls, als sie sich an die Theke setzte, um die beiden zur Komplizenschaft zu überreden. 
Tove und Fietje wehrten sich mit Händen und Füßen, aber nachdem sie so lange auf die beiden eingeredet hatte, dass sie gar nicht mehr wussten, worum es eigentlich ging, nickten sie schließlich, nur damit Carlotta endlich stillschwieg. Einer italienischen Mamma, die doppelt so schnell redete wie sie und dabei so heftig gestikulierte, dass man Angst um das Inventar von Käptens Kajüte bekommen konnte, waren sie nicht gewachsen. 
So standen sie in der nächsten Nacht mit Mamma Carlotta hinter dem Restaurant ‚Pollo Merengo‘ und suchten nach Ausflüchten aus der leichtfertig gegebenen Zusage. 
„Das ist nicht Ihr erster Bruch“, zischte Mamma Carlotta, die merkte, warum die beiden von einem Bein aufs andere traten. „Ich weiß das von meinem Schwiegersohn!“
Tove strich die Segel. „Also gut, drehen Sie sich um“, sagte er, damit die Schwiegermutter des Kriminalhauptkommissars später wenigstens reinen Herzens behaupten konnte, sie hätte nichts gesehen. 
Carlotta tat, was er verlangte. Gemeinsam mit Fietje starrte sie in die finstere Nacht, lauschte auf das Rauschen des Meeres, hielt ihr Gesicht dem Wind hin und zuckte mit keiner Wimper, als in das Heulen einer Sturmbö das Geräusch von splitterndem Glas drang. Sie wandte sich erst um, als Tove sagte: „Alles klar.“
Das Fenster der Restaurantküche stand weit offen, Tove machte eine einladende Geste. „Wir wär’s mit Räuberleiter? Aber das Rezept klauen müssen Sie allein.“
Die Räuberleiter klappte erstaunlich gut, und kurz darauf huschte Mamma Carlotta mit einer Taschenlampe durch die Küche, während Tove und Fietje vor dem Fenster die Stellung hielten. 
„Beeilung!“, hörte sie Tove leise rufen. „So ein Rezept muss doch in der Nähe des Herdes liegen!“
Er hatte recht. Direkt über dem Herd gab es ein Regalbrett mit Rezeptbüchern. Aus einem sah ein Blatt heraus, und als Mamma Carlotta es hervorzog, wusste sie, dass sie fündig geworden war. „Pollo Marengo!“  
Mit dem Blatt in der Hand huschte sie zum Fenster zurück, durch das der Wind hereinjaulte und mit den Gerätschaften klapperte. Hoffentlich holten diese Geräusche niemanden auf den Plan!
Sie kniete sich in die Fensteröffnung und starrte ängstlich auf die vier Hände, die sich ihr von unten entgegenstreckten.  
„Springen!“, forderte Tove Griess. 
„Wir fangen Sie auf“, drängelte Fietje Tiensch. 
Doch noch bevor sie ihren Mut zusammengenommen hatte, rief Tove plötzlich: „Polizei!“ So friesisch-bedächtig die beiden sonst reagierten - wenn sie eine Uniform sahen, verschwanden sie schneller als jeder italienische Mafioso. 
Erschrocken ließ Mamma Carlotta sich zurückfallen und duckte sich unter die Fensterbrüstung. Vor dem Fenster waren Schritte zu hören, dann zwei Stimmen. „Ist jemand bei Cesare eingestiegen? Das Fenster steht offen!“
Mamma Carlotta presste sich in die Dunkelheit unter dem Fenster, als sie das Scharren von Fußspitzen an der Hauswand hörte und ein Schatten auf den Fußboden fiel. Ein Mann spähte über die Fensterbank! 
Doch dann verschwand er wieder, und jemand sagte: „Ich sehe nichts. Wir müssen durch den vorderen Eingang.“
Anscheinend hatten die beiden noch nichts von einer Räuberleiter gehört, was Mamma Carlottas Herz mit Dankbarkeit erfüllte. Kaum hatten die Schritte sich entfernt, kletterte sie erneut auf die Fensterbank, das Rezept in ihren zitternden Händen, und ließ sich, diesmal ohne lange nachzudenken, zur Erde plumpsen. Sie landete auf allen vieren, richtete sich stöhnend auf, wollte das Rezept an ihr Herz drücken und ein Dankgebet an den Schutzheiligen ihres Dorfes richten … da wurde es ihr von einer Bö aus der Hand gerissen. Bis zum Gartenzaun hetzte sie ihm nach, aber der Wind war zu heftig und zu unberechenbar. Fassungslos sah sie dem Rezept nach, wie es an der Hausecke des Nachbarn aufgewirbelt wurde und kurz darauf in einer Baumkrone verschwand. „Madonna!“ Alles war umsonst gewesen! Nun war das Rezept ein für alle Mal verloren! Das Andenken an Napoleon! Die Attraktion der Trattoria Cicala!
Mutlos schlich sie davon. Ihre Mission war gescheitert. Ein dreister Diebstahl würde ungesühnt und ihr selbst der Dank und die Anerkennung ihres Dorfes verwehrt bleiben.  
Zwei Tage quälte sie sich mit der Niederlage herum, dann glaubte sie, dass ein Besuch in Käptens Kajüte sie aufheitern könnte. Schon vor der Tür merkte sie, dass etwas anders war. Der Geruch! Sonst drangen die Schwaden von mehrfach benutztem Frittierfett nach draußen, jetzt duftete es nach … Mamma Carlotta konnte den Gedanken nicht zu Ende denken und riss die Tür auf. Entgeistert starrte sie das Schild an, das über der Theke hing. ‚Heute Napoleons Leibgericht!‘
Tove Griess grinste breit. „Ich hätte nie gedacht, Signora, dass es Ihnen mal die Sprache verschlagen könnte.“ 
Er hatte auch noch nie erlebt, dass Mamma Carlotta stotterte: „Wie … kommen Sie … zu dem Rezept?“
„Es hing im Baum hinter dem Haus“, entgegnete Tove. 
„Aber seine Gäste“, mischte Fietje sich ein, der an seinem Stammplatz hockte, „wollen nur Pommes und Currywurst. Dieses Pollodingsbums ist ein Ladenhüter.“
Mamma Carlotta hatte ihre Sprache noch immer nicht wiedergefunden. Ohne ein Wort streckte sie die Hand aus. Tove verstand, holte das reichlich ramponierte Rezept unter der Theke hervor und reichte es ihr. „Der Besitzer von diesem piekfeinen Restaurant war übrigens gerade hier.“
„Cesare?“, fragte Mamma Carlotta. „Hat er etwa gemerkt, dass Sie hier ‚Pollo Marengo‘ anbieten?“
Tove nickte, während er nach dem Rotwein suchte, den Mamma Carlotta gerne trank. „Der hatte tatsächlich die Stirn, mir mit Anzeige zu drohen!“
Mamma Carlotta starrte den Wirt entsetzt an. „Cesare glaubt, dass Sie ihm das Rezept gestohlen haben?“
„Habe ich aber nicht!“ Tove schien sich in seinem reinen Gewissen sehr wohlzufühlen, ein Genuss, in den er selten kam. „Und dann habe ich ihm von einer Signora erzählt, die aus einem Dorf stammt, in dem ebenfalls Napoleons Leibgericht angeboten wird. Komischerweise hat er von da an nicht mehr von Polizei geredet.“ Er goss ein Glas Rotwein für Mamma Carlotta ein und prostete ihr zu. „Geht aufs Haus!“
 
Rezept: Pollo Marengo(für 4 P.)

Zutaten:
1 Brathühnchen (etwa 1,2 kg), Olivenöl, Salz, Pfeffer, 2 Knoblauchzehen, 2 geschälte Tomaten oder 1 El Tomatenpüree, 100 ml herber Weißwein, 100 ml konzentrierte Hühnerbrühe, 150 g frische Zwiebeln, 12 Perlzwiebelchen, 3 El Butter, 2 Scheiben Toastbrot, 4 Eier, 1 Messerspitze Fleischextrakt, 1 El geh. Petersilie. Signora Cicala fügte noch 150 g frische Pilze und 4 Süßwasserkrebse bei.

Zubereitung:
Das Brathuhn in 4 Teile schneiden, Olivenöl erhitzen. Die Teile darin ringsum anbraten und mit Salz und Pfeffer bestreuen. Die Flügel und die Bruststücke aus der Kasserolle nehmen. Die Schenkel halb zugedeckt bei kleiner Hitze 5 Min. weiterbraten. Die Schenkel aus der Kasserolle nehmen, etwas Öl abgießen und die kleingeschnittenen Tomaten oder das Tomatenpüree und den zerdrückten Knoblauch hineingeben. Einige Minuten anziehen lassen. Mit Weißwein ablöschen, kurz einkochen, dann die Hühnerbrühe zufügen. (Signora Cicalas besonderer Kniff ist es, mit Madeira abzulöschen, was sie bis jetzt niemandem verraten hat.) Unterdessen die geputzten Pilze vierteln. Mit den geschälten Perlzwiebeln in einem zweiten Topf in 1 El Butter knapp weich dünsten. Das Fleisch wieder zu den Tomaten geben. Zugedeckt 15 Min. schmoren. Die Toastscheiben diagonal halbieren und in der verbliebenen Butter goldgelb rösten. Das restliche Olivenöl erhitzen. 
Die Eier in einer Tasse aufschlagen, mit Salz und Pfeffer würzen und in das heiße Öl gießen. Mit einem Löffel rasch das Eiweiß auf das Eigelb zurückschlagen und mehrmals mit heißem Öl begießen. Sobald das Eiweiß fest wird, die Eier warm stellen. Die Fleischstücke aus der Kasserolle nehmen und ebenfalls warm stellen. 
Die Sauce etwas einkochen lassen und mit Salz, viel Pfeffer aus der Mühle und Fleischextrakt abschmecken. Sauce, Perlzwiebeln und Pilze auf den Fleischstücken anrichten und das Gericht mit den frittierten Eiern, den Buttercroutons und Krebsen garnieren und mit gehackter Petersilie bestreuen.


Blick ins Buch
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Ein Sylt-Krimi

Tumult im Kurgebiet: Während Carlotta genüsslich dem Kurkonzert lauscht, stürzt sich nebenan eine Frau vom Balkon! Einmal mehr fühlt sich Carlotta berufen, sich in die Ermittlungsarbeit ihres Schwiegersohns Erik einzumischen, denn die Schwester der Toten ist nicht nur Bauherrin eines Großprojekts, das Carlotta unbedingt verhindern will, sie hat auch nichts Besseres zu tun, als Erik schöne Augen zu machen. Mamma Carlotta ist empört!
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Es war dunkel. Stockfinster! Kein winziger Lichtschein, kein heller Fleck in der Schwärze, die ihn umgab. Nichts! Wo, um Himmels willen, war er gelandet? Er war eingesperrt. Um ihn herum Totenstille. Kein Licht und kein Geräusch. Nur der Geruch war ihm vertraut. Allmählich begriff er, dass er in seinem Auto saß. Es roch nach Straßenschmutz, nach Leder, nach einem Reinigungsmittel und der alten Decke, die stets auf dem Rücksitz lag. Ungewaschen und verfilzt.

Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten. Sein ganzer Körper schmerzte, er musste schon lange in dieser unbequemen Haltung gesessen haben. Sein Kopf dröhnte, das Pochen hinter seiner Stirn schwoll an, als er versuchte, sich zu bewegen. Es ging nicht! Seinen rechten Arm konnte er ein wenig strecken und nach dem Türgriff tasten, aber der linke gehorchte ihm nicht. Er begann zu zerren, zu reißen, doch er erreichte nichts. Nur ein metallisches Klirren. Seine Hand steckte in einer Fessel. Er war am Schaltknüppel angekettet! Seine Rechte betätigte vergeblich den Türgriff. Das Auto war verschlossen.

Er merkte, dass ihm der Schweiß ausbrach, obwohl es eiskalt im Auto war. Er trug nur einen leichten Pullover, seine Jacke musste irgendwo auf dem Rücksitz liegen. Unerreichbar! Er beugte sich vor, suchte mit der rechten Hand nach dem Zündschloss … es steckte kein Schlüssel drin.

»Hilfe!«

Er erschrak über seine eigene Stimme. Sie prallte von den Seitenscheiben zurück, und er wusste, dass niemand ihn hörte.

»Ich will hier raus!«

Er tastete nach der Hupe, obwohl er schon ahnte, dass sie nicht reagieren würde. Wütend drückte er und drückte …

Was war geschehen? Er fühlte sich völlig benommen, konnte sich nicht erinnern, was ihm widerfahren war. Wo befand er sich? Irgendwo tief unter der Erde? Bei diesem Gedanken schoss die Verzweiflung in ihm hoch. Verschüttet?

»Nein, nein!«

Er hätte seinen linken Arm gegeben, wenn er dadurch freigekommen wäre. Aber … frei? Was würde ihn erwarten, wenn er sein Auto verlassen könnte? Was versteckte sich in dieser Schwärze um ihn herum? In dieser unheimlichen Lautlosigkeit? Wohin würde er treten, wenn er einen Fuß aus dem Auto setzen könnte? Ins Leere? Würde er abstürzen in eine Schlucht? Versinken im Wasser?

»Hilfe!«

Da hörte er etwas. Ein fernes Geräusch, das Summen eines Motors. Dann ein Rumpeln, eine Bewegung, die sich auf seinen Wagen übertrug, nur kurz, aber für einen wundervollen Augenblick der Kontakt zum Leben, zur Außenwelt.

»Hilfe!«

Er glaubte, einen Lichtschein zu sehen, der in sein Gefängnis drang, doch schon im nächsten Augenblick wusste er nicht mehr, ob er es sich nur eingebildet hatte. Doch! Winzige Punkte blinkten auf, rote Stiche auf schwarzem Grund. Und es gab Bewegung in der Finsternis um ihn herum! Er sah sie nicht, aber er spürte und hörte sie. Quietschendes Gestänge, leises Rumoren, nun vibrierte die Karosserie seines Autos. Ein Rasseln, ein Dröhnen, dann war es vorbei. Stille, eisige Stille war wieder dort, wo es eine kurze Hoffnung gegeben hatte. Es war so still wie in einem Grab.

 

Der Wind kam vom Meer. Mit spitzen, eisigen Fingern griff er nach Schals, Mützen und Handschuhen. Wer ihm begegnete, machte sich klein und bot so wenig Angriffsfläche wie möglich. Wer von ihm gejagt wurde, versuchte zu verhindern, dass er etwas an sich riss und mitnahm. Unberechenbar war er, dieser Wind. Manchmal schwieg er oder säuselte nur heuchlerisch, dann wieder griff er so unvermutet an, dass er Fußgänger und Radfahrer übertölpelte und auf einen gefährlichen Zickzackkurs zwang.

Carlotta Capella kannte sich mittlerweile aus. Sie wusste, wie der Wind sich im Frühling gebärdete, dass er manchmal sogar im Sommer Ernst machte und jetzt, im Herbst, unerbittlich wurde. Immer, wenn sie von ihren Besuchen in Wenningstedt nach Italien zurückkehrte, erzählte sie dort von diesem Wind. Aber kaum jemand von denen, die den Wind nur als laues Lüftchen kannten, konnte sich vorstellen, wie eisig und kraftvoll er vom Meer kam und über Sylt hinwegfegte.

Vom Süder Wung, der Straße, in der das Haus ihres Schwiegersohns stand, hatte sie sich bis zum Osterweg treiben lassen, dann bog sie links ab und konnte sich im Schutz der Bebauung vor dem Wind sicher fühlen. Im Nu war sie bei Feinkost Meyer angekommen, wo sie nach frischen Salbeiblättern fragen wollte, die für den Reis mit brauner Butter, den sie zum Abendessen servieren wollte, unerlässlich waren. »Riso al burro versato schmeckt nur mit frischem Salbei!«, das wusste schon ihre Mutter.

Mit diesem Ziel war sie zu Hause aufgebrochen. Was sie wirklich vorhatte, durfte niemand wissen.

Vorsichtig tastete sie nach dem Brief, den sie in die Innentasche der winddichten Jacke gesteckt hatte, die Erik ihr immer zur Verfügung stellte, wenn sie auf Sylt zu Besuch war. Sie hörte das leise Knistern des Papiers und war beruhigt.

Als sie die Salbeiblätter in der Tasche hatte und den Parkplatz des Supermarktes überquerte, sah sie sich vorsichtig um. Beobachtete sie jemand? Wurde ein Kunde von Feinkost Meyer, der sie kannte, auf sie aufmerksam? Sie machte nur ein paar Touristen aus, von denen es auch im Herbst viele auf Sylt gab. Die waren damit beschäftigt, ihre Einkäufe in ihren Autos zu verstauen und die Einkaufswagen in den Laden zurückzubringen, ohne dass der Wind sie ihnen aus der Hand riss.

Mamma Carlotta zog den Reißverschluss bis zum Kinn zu und strich die vom Wind aufgeplusterte Hose glatt, die sie nur auf Sylt trug, weil in ihrem Dorf keine einzige Frau ihres Alters jemals eine Hose getragen hatte. Auf die Kapuze verzichtete sie und hielt ihre kurzen Locken trotzig dem Wind entgegen. Anfang Oktober biss er noch nicht zu, riss die Haare nicht gewaltsam aus ihrer Ordnung, sondern brachte nur durcheinander, was nicht unbedingt bleiben musste, wie es war. Es war schön, sich der Planlosigkeit des Windes hinzugeben. Sie vermittelte ein Gefühl von Freiheit, das Mamma Carlotta gut gebrauchen konnte. Es würde ihr vielleicht dabei helfen, sich zum ersten Mal in ihrem Leben gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Protestieren! Demonstrieren! Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas Derartiges getan. Aber heute würde sie damit beginnen. Egal, was ihr Schwiegersohn dazu sagte.

Nur leider stand ihr auch noch eine andere Aufgabe bevor. Sie hatte ihrem Neffen ein Versprechen gegeben, ohne zu ahnen, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Dabei kannte sie Niccolò und hätte es sich denken können. Er würde flehen und fluchen, wenn sie ihm nicht helfen wollte, abwechselnd von Selbstmord und Auswanderung reden und behaupten, seine Tante sei schuld daran, dass die Familie Capella ausgerechnet den Spross verlor, der den Angehörigen zuliebe auf seinen Traumberuf verzichtet hatte. Auch Mamma Carlotta hatte zu denen gehört, die ihm eine Karriere als Zirkusartist ausgeredet hatten, und sie war genauso froh gewesen wie alle anderen, als Niccolò endlich damit aufhörte, im Handstand die Straße hinunterzulaufen. Wie erleichtert war die Familie gewesen, als Niccolò endlich damit einverstanden war, seine berufliche Zukunft in der Gastronomie zu suchen. Wenn er sich jetzt vor lauter Verzweiflung doch noch einem Zirkus anschloss, würden alle gegen sie sein. Niemand würde Verständnis dafür haben, dass sie für ihn nicht alles getan hatte, was mit Übertreibungen, Notlügen, theatralischen Gesten, mit dem Anflehen des Himmels und notfalls mit Bestechung möglich war.

Sie war an der Ampel angekommen, die über die breite, stark befahrene Umgehungsstraße und dann direkt auf Braderup zuführte. Dass der Wind sie vor sich her jagte, tat ihr gut. Hätte sie sich ihm entgegenstemmen müssen, wäre es ihr sicherlich schwerer gefallen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, womöglich hätte der Mut sie dann verlassen. Wieder sah sie sich um, als die Ampel auf Grün wechselte. Hatte sie jemand entdeckt, der sie später verraten konnte? Erst als sie sicher war, dass niemand ihr einen Blick gönnte, schob sie ihr Fahrrad über die Straße und sprang auf der anderen Seite hastig auf.

Nun ging es immer geradeaus. Zeit zum Nachdenken, Zeit, sich eine Ausrede zu überlegen, falls sie doch noch gesehen wurde, Zeit, ein letztes Mal zu erwägen, ob es nicht doch zu riskant war. Wenn alles gut gegangen war, würde sie beim Abendessen behaupten, ein Verkäufer sei extra für sie ins Kühlhaus gelaufen, um dort den frischesten Salbei herauszusuchen, was bedauerlicherweise sehr lange gedauert habe, weil der gute Mann nicht besonders flott auf den Beinen war. Und dann seien die Schlangen vor den Kassen so lang gewesen, dass das Einkaufen länger gedauert hatte als sonst, obwohl es nur um ein Sträußchen Salbei gegangen war. Natürlich würden ihre Enkel ihr unterstellen, sie hätte mit den Verkäuferinnen geschwatzt, den Kassiererinnen ihre Lebensgeschichte erzählt und dem Käseverkäufer das Bekenntnis entlockt, ein Auge auf die junge, hübsche Verkäuferin an der Fischtheke geworfen zu haben – aber das würde sie einfach ignorieren. Carolin und Felix würden sich in ihrem Verdacht bestätigt sehen, und niemand würde sich dann noch Gedanken darüber machen, warum sie für einen Einkauf bei Feinkost Meyer viermal so viel Zeit brauchte wie Erik oder die Kinder.

Mamma Carlotta kaufte gern ein, vor allem auf Sylt. Daheim in Umbrien musste sie von einem Ende des Dorfes zum anderen laufen, bis sie bei dem Metzger angekommen war, dann in die Weinberge, wo der Gemüsebauer seinen Stand hatte, und schließlich zu dem kleinen Laden von Signora Criscito, die ihre fünf Quadratmeter Verkaufsfläche Supermercato nannte. Dort gab es alle anderen Lebensmittel, jedenfalls dann, wenn sie vorrätig waren. Da die Lagermöglichkeiten hinter dem winzigen Verkaufsraum begrenzt waren und Signora Criscito nur einmal in der Woche, nämlich mittwochs, zum Großmarkt fuhr, konnte man sich darauf allerdings nie verlassen. Wer Coniglio con le noci auf den Speiseplan gesetzt hatte und froh war, beim Metzger ein schlachtfrisches Kaninchen ergattert zu haben, dem konnte es passieren, dass Signora Criscito die letzten Walnüsse gerade an die Köchin der Familie di Lauro verkauft hatte, die ihr Walnussöl gern selbst herstellte.

Bei Feinkost Meyer in Wenningstedt war dagegen alles anders. Noch nie war es vorgekommen, dass der Zucker ausgegangen war, weil eine Wenningstedter Hausfrau sich spontan entschlossen hatte, große Mengen Johannisbeergelee zu kochen. Und Mamma Carlotta hatte nie erlebt, dass der Filialleiter die Schultern zuckte und auf nächsten Mittwoch verwies, wenn am Donnerstag eine Pensionswirtin ein Dutzend Honiggläser auf einmal gekauft hatte. Nein, in diesem Laden war das Angebot stets komplett, es gab sogar Erdbeeren im Herbst und Basilikum im Winter.

Nur eines war im Laden von Signora Criscito angenehmer: Dort hatte immer jemand Zeit, über das Wetter, die Nachbarn, die verschwundene Katze des Pfarrers und die merkwürdige Gewohnheit des Briefträgers zu reden, der jungen, hübschen Musiklehrerin die Post immer zuerst zu bringen. Für solche angenehmen Plaudereien war bei Feinkost Meyer leider nur selten Zeit. Die Kassiererinnen hatten viel zu tun, vor der Käse- und Fleischtheke stand man nie allein, und die Touristen, die bei Feinkost Meyer einkauften, drängten so eilig an die Kassen, als wäre ihr Urlaub ein dringendes Geschäft, das schnellstmöglich erledigt werden musste.

Wo der Terp Wai auf den Buchholz-Stich stieß, stieg Mamma Carlotta vom Rad, um ihren Plan ein letztes Mal zu überdenken. Ihre Enkel würden sie eine Verräterin nennen, aber ihr Neffe verließ sich darauf, dass sie sich seiner Sache annahm. Wessen Interessen waren höher zu veranschlagen? Felix und Carolin hatten ein hohes Ziel, aber bei Niccolò ging es um die berufliche Existenz, die seine Frau ihm nach der Scheidung ruiniert hatte. Nach Mamma Carlottas Ankunft auf Sylt waren die Kinder glücklich gewesen, dass die Nonna sich an ihre Seite stellte und mit ihnen für die gute Sache kämpfen wollte. Sollte ihnen zu Ohren kommen, was sie Niccolò versprochen hatte, würden sie sehr enttäuscht sein von ihrer Großmutter. Eine schreckliche Vorstellung! Aber ihr Gewissen würde nicht weniger belastet sein, wenn sie nach Italien zurückkehrte, ohne das Versprechen eingelöst zu haben, das sie Niccolò gegeben hatte. Als er sie darum bat, konnte sie ja nicht ahnen, in welchen Konflikt sie geraten würde.

 

Sören hob den Arm, und Erik duckte sich erschrocken. Kurz darauf fuhr er unter einem Geräusch zusammen. Es war, als peitschte ein Schuss durch die Halle. Erik sah das Geschoss von der linken Wand auf die Rückwand prallen, dann flog es direkt auf ihn zu. Klein, rund, pechschwarz! Instinktiv hob er das rechte Bein, um seinen Unterkörper zu schützen, und nahm die Arme vors Gesicht. Im selben Moment spürte er den Schmerz auf seiner Brust. Er ärgerte sich über seine eigene Reaktion. Natürlich war es unsinnig gewesen, auf diese Weise den Ball abzuwehren, anstatt beherzt die Rückhand zu nutzen, um den Ball nach rechts abprallen zu lassen, wo er für Sören unerreichbar gewesen wäre.

Sein Assistent sah ihn enttäuscht an. »So geht das nicht. Wenn Sie so eine Bangbüx sind, macht Squash keinen Spaß.«

Erik seufzte niedergeschlagen. »Das geht mir sowieso alles viel zu schnell.«

Sören warf ihm einen Blick zu, den Erik im Kommissariat niemals geduldet hätte. »Das ist wohl kein Sport für Friesen. Besser, Sie gehen zum Boßeln.«

»Na, hören Sie mal!«, begehrte Erik auf. »Sie sind doch auch Friese!«

»Aber außerdem gut trainiert«, ergänzte Sören und sah seinen Chef nun sehr zufrieden an, als gefiele ihm der Gedanke, ihm haushoch überlegen zu sein. »Das hebt sich anscheinend auf.«

»Langsam wie ein Friese und schnell wie ein englisches Vollblut?« Erik hob den Ball auf und ging zur Tür des Courts.

»Das ergibt dann jemanden«, entgegnete Sören grinsend, »der rechtzeitig ausholt, wenn der Ball kommt.«

Erik ging seinem Assistenten voran, an mehreren verwaisten Squash-Courts vorbei, in den düsteren Gang, der zu den Umkleideräumen führte. Still und verlassen lag er da, hinter den Türen regte sich nichts. »Ich glaube, ich mache lieber Krafttraining«, sagte Erik. »Oder ich versuch’s mal mit Nordic Walking.«

Als er die Tür zur Umkleide geöffnet hatte, bemerkte er, dass Sören einige Meter hinter ihm stehen geblieben war. »Ludo Thöneßen muss anscheinend an allen Ecken und Enden sparen.« Sören wies zur Decke des Ganges, wo nur jede zweite Glühbirne brannte.

»Kein Wunder«, meinte Erik und deutete zu den vielen Spinden in der Umkleide, von denen nur zwei abgeschlossen waren. Alle anderen standen ungenutzt offen. »Es ist mir ein Rätsel, wie Thöneßen zurechtkommt. Wir sind heute wohl seine einzigen Kunden.«

Sören lauschte in den Gang hinein, bevor er die Tür der Umkleide schloss. »Im Bistro ist immerhin was los.«

»Von den Einnahmen kann er nicht mal die Kosten decken.« Erik löste das Armband, an dem sein Spindschlüssel befestigt war. Während er gemächlich die Tür öffnete, zog Sören sich bereits das Shirt über den Kopf und bot seinem Chef damit mal wieder Gelegenheit, seinen muskulösen Körper zu bewundern. Auf den ersten Blick wirkte Sören wie ein durchschnittlicher Friese, phlegmatisch, behäbig und mit seinem runden Gesicht und den glänzenden roten Wangen sogar wie einer, dessen Dynamik nur für die notwendigsten Verrichtungen ausreichte. Aber wer das glaubte, täuschte sich. Zwar entsprach Sörens Temperament exakt dem Vorurteil, das sich bereits südlich von Hamburg breitmachte, körperlich und konditionell jedoch konnte er es mit jedem heißblütigen Torero aufnehmen. Das wusste Erik, trotzdem hatte er sich dazu überreden lassen, mit Sören einmal in der Woche Squash zu spielen. Dass er endlich Sport treiben wolle, behauptete er seit Jahren, und so war es schwierig gewesen, Sörens Drängen etwas entgegenzusetzen. Als er schließlich nachgegeben hatte, war er auf vernichtende Niederlagen gefasst gewesen, aber das größte Problem hatte er erst erkannt, nachdem er bereits das erste Mal haushoch verloren hatte: das gemeinsame Duschen. Mittlerweile hatte Erik ein Dutzend Mal mit Sören Squash gespielt, aber nach wie vor war er der Meinung, dass ein Vorgesetzter sich seinen Mitarbeitern nicht nackt zeigen sollte. Die Tatsache, dass er freundschaftliche oder gar väterliche Gefühle für Sören hegte, änderte nichts daran. Jedes Mal, wenn er ihm unter die Dusche folgte, würde er am liebsten das Handtuch vor seinen Unterkörper halten.

Sören prustete unter der Dusche, als gäbe es erst für das Abspülen des Schweißes die entscheidenden Punkte, während Erik noch gemächlich Duschgel und Shampoo aus seiner Sporttasche kramte und schließlich, und zwar im allerletzten Moment, die Sporthose abstreifte.

Sören spülte schon das Shampoo aus den Haaren, als Erik eine Dusche aufdrehte, aus der jedoch nur ein schwaches Rinnsal tropfte. »Die nächste hat nur kaltes Wasser«, sagte Sören und wies auf eine gegenüberliegende Dusche. »Ich glaube, die tut’s. Ludo Thöneßen hat anscheinend keine Kohle für Reparaturarbeiten.«

Erik ließ das heiße Wasser auf seinen Körper prasseln und schloss die Augen. Er öffnete sie nicht, als er das Duschgel in die Handflächen laufen ließ und sich den Körper einschäumte. Was er fühlte, missfiel ihm außerordentlich. Die schwach ausgeprägte Muskulatur an den Oberarmen, der gut gepolsterte Rücken, die weiche, nachgiebige Kehrseite und sein Bauch, der sich dort gemütlich vorwölbte, wo Sören das Waschbrett hatte, auf das angeblich alle Frauen flogen. Während Erik sich die Haare wusch, die zum Glück nicht weniger dicht und voll waren als Sörens, tröstete er sich damit, dass sein Assistent erst Mitte zwanzig war, während er die vierzig schon überschritten hatte. Den Gedanken, dass er auch mit Mitte zwanzig keinen Waschbrettbauch gehabt hatte, schob er schleunigst beiseite. Aber dann fuhr er über seine behaarte Brust, und plötzlich war das alles nicht mehr so wichtig. Lucia hatte die weichen Locken auf seiner Brust geliebt, ihre Fingerspitzen hatten damit gespielt, oft hatte sie ihr Gesicht an seine Brust geschmiegt und behauptet, sich nirgendwo geborgener zu fühlen als auf dieser flaumigen Wolle.

Er öffnete die Augen und sah, dass Sören bereits vor seinem Spind stand und sich abtrocknete. »Ist noch Zeit für ein Bier, Chef? Oder wartet Ihre Schwiegermutter schon mit dem Abendessen?«

Erik antwortete erst, als er neben Sören stand. »Ein Bier geht auf jeden Fall. Ich bin nicht mal sicher, ob wir heute überhaupt ein Abendessen bekommen.«

»Wir?«, tat Sören erstaunt. Er ließ sich, wenn Eriks Schwiegermutter auf Sylt erwartet wurde, gern immer wieder erneut versichern, was eigentlich längst Gewohnheit geworden war: dass er die Mahlzeiten im Hause seines Chefs einnahm, wenn Mamma Carlotta dort für Antipasti, Primo piatto, Secondo und Dolce sorgte und sich über jeden Gast freute, der ihre Kochkunst zu schätzen wusste.

Erik stieg in seine Boxershorts und fand mit ihnen zu der Selbstsicherheit zurück, die ein Vorgesetzter haben sollte. »Meine Schwiegermutter wäre zu Tode beleidigt, wenn Sie irgendwo ein Fischbrötchen verdrücken, während sie mit Parmigiana di melanzane oder ihren Käsetortellini aufwartet.«

Sörens Gesicht begann zu leuchten. »Sie meinen, es gibt heute Auberginenauflauf?«

 

Mamma Carlotta schob ihr Fahrrad, obwohl sie dadurch kostbare Zeit verlor. Es war eine leise, aber eindringliche Angst, die sie hinderte, ihr Ziel zügig anzusteuern. Nicht nur die Angst vor den Vorwürfen der Kinder oder Niccolòs Vorhaltungen, sondern vor allem die Angst vor den eigenen Schuldgefühlen. Sie hatte sich so leicht von dem Engagement der Kinder anstecken lassen!

Zunächst waren ihr die Konsequenzen nicht klar gewesen, als Carolin und Felix sie gleich nach ihrer Ankunft auf Sylt mit den Neuigkeiten überfallen hatten. »Wir sind jetzt Mitglieder der Bürgerinitiative!«

Der deutsche Wortschatz ihrer Nonna konnte sich mittlerweile sehen und hören lassen, aber mit der Vokabel ›Bürgerinitiative‹ war sie heillos überfordert gewesen. »Che cos’è?«

Zunächst hatte sie nur mit halbem Ohr zugehört, weil so viel anderes zu tun und zu bedenken gewesen war. Immer, wenn Carlotta Capella in Wenningstedt ankam, um sich der Familie ihrer verstorbenen Tochter anzunehmen, war es am wichtigsten, erst einmal die Lebensmittelvorräte aufzufüllen, Antipasti einzulegen, die Wäsche zu waschen, Hemden zu bügeln, Betten zu beziehen und Knöpfe anzunähen. Erik hatte es nicht leicht als alleinerziehender Vater von zwei heranwachsenden Kindern. Genau genommen fragte Mamma Carlotta sich jedes Mal, wenn sie sich an die Arbeit machte, wie er seine Aufgaben überhaupt bewältigte. Sein Dienst war anstrengend, und wenn es ein Kapitalverbrechen auf Sylt gab, konnte er sich oft tagelang nicht um die Kinder und erst recht nicht um den Haushalt kümmern. Kein Wunder, dass Carolin und Felix ihrer Nonna jedes Mal dankbar um den Hals fielen, wenn sie auf Sylt ankam. Endlich jemand, der sie bemutterte, sie versorgte, für sie da war! So, wie Lucia für die beiden da gewesen war. Bis zu dem Tag, an dem ihr auf dem Weg von Niebüll zum Autozug der Lkw entgegengekommen war, dessen Fahrer nur für den Bruchteil einer Sekunde nicht aufgepasst hatte …

Wie immer hatte Felix schon alles herausgesprudelt, was ihn bewegte, ehe Carolin die ersten Worte auch nur formuliert hatte. Sie setzte sich, ebenfalls wie immer, schweigend an den Tisch, ließ ihren Bruder reden und wartete geduldig darauf, dass er etwas anderes wichtiger fand und sie mit ihrer Nonna allein ließ. »Die Investoren vom Festland kaufen unsere Insel auf!«, schrie Felix, als stünden sie auf einer belebten Kreuzung und müssten Motorenlärm übertönen. »Matteuer-Immobilien hat schon die halbe Insel zugepflastert, und nun wollen sie den nächsten Riesenkasten bauen! In Braderup! Direkt am Naturschutzgebiet! Und wenn das Ding fertig ist, stellt sich vermutlich heraus, dass ein Teil des Naturschutzgebietes dran glauben musste!«

Mamma Carlotta hatte nachdenklich den Basilikumtopf betrachtet, der auf der Fensterbank stand. Die Blätter waren noch zu grün, um sie wegzuwerfen, aber schon zu welk, um noch für einen frischen Salat zu taugen. »Ist das denn erlaubt?«

»Unsere Kommunalpolitiker drücken mal wieder ein Auge zu«, hatte Felix sich ereifert. »Und was meinst du, warum?« Er hatte eine Hand gewölbt, als erwartete er, dass ihm jemand etwas hineintat, und dann diskret hinter seinen Rücken geschoben.

Carolin hatte gemerkt, dass ihre Großmutter nicht verstand. »Felix glaubt, dass sie geschmiert werden.«

»Geschmiert?« Diese Vokabel war Mamma Carlotta genauso wenig vertraut wie ›Kommunalpolitiker‹ und ›Bürgerinitiative‹.

Daraufhin hatte Felix seine dürftigen Italienischkenntnisse bemüht. »La corruzione! Corrompere qualcuno!«

Nun verstand Mamma Carlotta. »Bestechung?«

Wenn ihre Enkelkinder ein wenig aufmerksamer gewesen wären, hätten sie bemerkt, dass die Stimme ihrer Großmutter ohne jede Empörung war. In einer Italienerin erzeugte der Umstand der Korruption weit weniger Entrüstung als in einer Sylter Beamtenfamilie. Der Bürgermeister von Mamma Carlottas Dorf war durch Bestechung an sein Amt gekommen, seine Ehefrau sorgte mit den gleichen Mitteln dafür, dass die Polizei sie nicht wegen Falschparkens zur Rechenschaft zog, und warum die Tochter des reichsten Weinbauern bei jedem Krippenspiel die Maria spielen durfte, konnte sich auch jeder denken. Aber da der Bürgermeister seine Arbeit gut erledigte, seine Frau regelmäßig Spenden für Bedürftige des Dorfes sammelte und die Maria von keinem anderen Mädchen so inbrünstig gespielt worden wäre wie von der Tochter des Weinbauern, beschwerte sich niemand.

»Matteuer-Immobilien macht so was nicht zum ersten Mal«, hatte sich Carolin leise zu Wort gemeldet. »Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass diese Firma immer ihre Pläne durchsetzt.«

»Ein Riesenhotel nach dem andern setzen sie in die Landschaft«, hatte Felix eingeworfen und seinen italienischen Vorfahren mit Lautstärke und temperamentvollen Gesten dabei alle Ehre gemacht. »Die kleinen, traditionsreichen Hotels, die den Syltern gehören, können da nicht mehr mithalten.«

Diese Worte hatte Mamma Carlotta noch im Ohr, als sie vor dem großen Schild stehen blieb, auf dem der Name ›Matteuer-Immobilien‹ prangte. Auf dem riesigen Gelände, auf dem ein Gesundheitshaus entstehen sollte, stand ein flacher Container mit der Aufschrift ›Baubüro‹. Als sie näher herantrat, entdeckte sie auf einem Schild neben der Tür die Aufforderung, sich dort zu melden, falls es Interesse an der Anmietung von Räumen im neuen Gesundheitshaus gäbe. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke, griff hinein und zog den Brief hervor, den Niccolò ihr mitgegeben hatte. Ein letztes Mal sah sie sich um, dann griff sie entschlossen nach der Türklinke.

 

Das Bistro nannte sich Sportlerklause und gehörte zu den Lokalitäten, die nur gemütlich sind, wenn sie voll besetzt sind. In der Sportlerklause gab es nur einen einzigen Tisch, an dem fünf Männer saßen, entsprechend kühl war die Atmosphäre in dem Bistro, das Ludo Thöneßen in seine Squashhalle integriert hatte. Das Interieur war nicht mehr zeitgemäß, die dunklen Bodenfliesen, die holzvertäfelten Decken und die rustikalen Möbel schlugen manchen potenziellen Gast schon an der Eingangstür in die Flucht.

Erik und Sören nickten einen Gruß zu der fünfköpfigen Runde, die aus Wenningstedter Bürgern bestand, die jeder kannte. Der Inhaber eines Fahrradverleihs, ein Hotelier, der Betreiber einer kleinen Pension, der Besitzer mehrerer Ferienwohnungen und ein Angestellter der Kurverwaltung. Sie alle waren Mitglieder der Bürgerinitiative »Verraten und verkauft«, das wusste Erik, denn jeder von ihnen hatte schon den Versuch gemacht, auch den Kriminalhauptkommissar der Insel für diese Gemeinschaft zu gewinnen. Bisher vergeblich. Erik ließ sich nicht gern in wöchentliche Treffen, Jahreshauptversammlungen, Vorstandswahlen und Vereinsarbeit zwängen. Und mit dem leidenschaftlichen Engagement seiner Kinder war das Soll seiner Familie schließlich erfüllt.

Hinter der Theke arbeitete Jacqueline Hansen, die ebenfalls jeder kannte. Sie war auf Sylt geboren und hatte während ihrer Schulzeit immer davon geredet, dass sie die Insel auf der Stelle verlassen würde, sobald sie ihren Abschluss in der Tasche habe. Soviel Erik wusste, hatte sie es aber lediglich in Husum vier Wochen ausgehalten und einen Job in München gar nicht erst angetreten. Nun war sie Mitte zwanzig, redete immer noch davon, woanders Karriere zu machen, und hatte den Job im Squashcenter nur angenommen, weil sie ihn von heute auf morgen hinwerfen konnte, wenn sich eine interessante Alternative weit weg von Sylt bieten sollte. Erik war sicher, dass Jacqueline noch in zehn Jahren hier arbeiten würde, vorausgesetzt, das Squashcenter hielt sich so lange.

Danach sah es allerdings nicht aus. Nachdem Erik zwei Bier bestellt hatte, fragte er Jacqueline: »Ist der Laden immer so leer?«

Sie begann zu zapfen. »Ich bin nur noch hier, weil ich Ludo nicht im Stich lassen will.«

Einer der fünf Männer rief: »Jacqueline, wo ist dein Chef? Wir sind hier mit ihm verabredet!«

Und ein anderer ergänzte: »Wir sind nicht zum Vergnügen hier. Es geht um die Demo gegen Matteuer-Immobilien!«

Jacqueline zuckte mit den Achseln. »Den Chef habe ich seit Freitag nicht gesehen. Am Wochenende hat er sich nicht blicken lassen.«

Erik sah Sören fragend an, dann erkundigte er sich: »Thöneßen wird vermisst?«

Jacqueline lachte. »So würde ich das nicht nennen. Seit seine Frau ihn verlassen hat, wandelt er gelegentlich auf Freiersfüßen. Macht nichts! Ich habe ja einen Schlüssel. Er weiß, dass der Laden weiterläuft.«

Erik wunderte sich: »Er bleibt einfach ein paar Tage weg?«

Jacqueline stellte die Biergläser vor Erik und Sören hin. »Bisher hat er eigentlich immer Bescheid gesagt.«

»Sie haben also keine Ahnung, wo er ist?«

»Sein Auto steht jedenfalls nicht auf dem Parkplatz.«

Sören prostete seinem Chef zu, Jacqueline kümmerte sich um die fünf Aquavit, nach denen die Herren am Tisch verlangt hatten. »Seit Sila Simoni ihn verlassen hat«, sagte Sören leise, »ist Ludo nicht mehr der, der er mal war. Erst dachte man ja, er fängt sich wieder. Aber es geht immer weiter mit ihm bergab.«

Der Besitzer des Fahrradverleihs begann zu schimpfen. »Ich habe schon x-mal auf seinem Handy angerufen. Wieso geht der nicht ran?«

Die Frage war an Jacqueline gerichtet, aber sie gab keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sie schon mehr als einmal erklärt, dass ihr über den Aufenthaltsort ihres Chefs nichts bekannt war.

Erik drehte den Männern den Rücken zu und legte die Unterarme auf die Theke. »Kennen Sie Thöneßen näher?«, fragte er Sören.

Sein Assistent schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur das, was alle wissen.«

»Und das wäre?« Sören musste sich doch denken können, dass Erik kein einziges Gerücht kannte, das auf Sylt kursierte. Er blieb von jeder Neuigkeit verschont, weil er sich selten in Gespräche verwickeln ließ und an Sensationen nicht interessiert war. Früher hatte Lucia ihn auf dem Laufenden gehalten, sie war ja ähnlich kommunikationsfreudig gewesen wie ihre Mutter. Von ihr hatte er erfahren, wenn in einer Familie ein weiteres Kind erwartet wurde, wenn eine Ehe in die Brüche zu gehen drohte oder jemand arbeitslos geworden war. Seit sie nicht mehr lebte, war es einsam um Erik geworden. Nicht nur, weil ihm Lucia fehlte, sondern auch, weil er den Verbindungsdraht zu den Menschen, in deren Mitte er lebte, verloren hatte. Wieder einmal nahm er sich vor, alte Bekanntschaften aufzufrischen, statt sich jeden Abend hinter der Zeitung zu verbergen und froh zu sein, dass er seine Ruhe hatte.

Sören sah ihn ungeduldig an. »Dass Ludo Thöneßen mit der Pornoqueen verheiratet ist, dürfte sogar Ihnen bekannt sein.«

Erik nickte. Diese Sensation hatte die Insel damals derart erschüttert, dass ihr niemand entgehen konnte. Ludo Thöneßen, der vermögende, allseits geachtete Geschäftsmann, hatte sich in eine Frau verliebt, die sich in Pornofilmen nackt auf dem Sofa räkelte, die eine Oberweite hatte, die der Größe von zwei Melonen entsprach, und mit aufgespritzten Lippen in der Form eines Schlauchboots lächelte. Vieles andere an ihr schien ebenfalls nicht echt zu sein: die runden Pausbäckchen, die faltenlose Haut, die weißblonden Haare und die langen Fingernägel. Manche hatten auch von fettabgesaugten Oberschenkeln geredet, von einem silikonverstärkten Po, einem gelifteten Hals und einer operierten Nase. Aber das Gerede war schnell verstummt, denn auf Sylt war Sila Simoni Privatfrau und verhielt sich so unauffällig, dass man beinah vergessen konnte, womit sie ihr Vermögen gemacht hatte. Und da Ludo Thöneßen einen guten Ruf genoss, als Geschäftsmann und als Mitglied des Gemeinderats, war ihm die Ehe mit Sila Simoni irgendwann nachgesehen worden. Seine Frau war viel unterwegs, hastete von einem Engagement zum nächsten, von Dreharbeiten zu Talkshows, von Fototerminen zu Anproben und Friseurbesuchen. Irgendwann kümmerte sich niemand mehr darum, wenn die Presse sie mal wieder am Autozug erwartete. Sie gehörte dazu.

»Alle dachten, die Ehe wäre gut«, meinte Sören. »Als sich die erste Empörung gelegt hatte, ist Ludo sogar beneidet worden.« Leise, sodass nur Erik es hören konnte, ergänzte er: »Wegen Silas großer Ohren, Sie wissen schon!«

Erik starrte seinen Assistenten an. Sila Simoni hatte große Ohren? Und warum wurde Ludo deswegen beneidet? Erst als sich ein verlegenes Grinsen auf Sörens Gesicht ausbreitete, begriff Erik, was er meinte, und nickte hastig.

»Aber als Thöneßen sein Vermögen in den Sand gesetzt hat«, fuhr Sören fort, »war es dann bald vorbei mit der großen Liebe. Die Simoni hat die Biege gemacht, und nun steht Ludo anscheinend vor dem Aus.«

Erik erinnerte sich schwach. »Hatte er nicht auf Ostimmobilien gesetzt? Diese berüchtigten Steuerabschreibungsmodelle?«

Sören nickte. »Klaus Matteuer hatte ihm den Floh ins Ohr gesetzt. Und nicht nur ihm! Auch andere sind ihm auf den Leim gegangen. Die haben Matteuer ihr Erspartes anvertraut, weil er ihnen eine Wahnsinnsrendite versprochen hatte. In Wirklichkeit haben sie in wertlose Immobilien investiert. Thöneßen hat alles verloren! Sein Einfamilienhaus musste er verkaufen.«

»Diese tolle Villa in Kampen?«

»Da wohnt jetzt irgendein Schlagersternchen.«

»Konnte Klaus Matteuer der Betrug nicht nachgewiesen werden?«

Sören schüttelte den Kopf. »Sein Anwalt hat ihn locker rausgepaukt. Ludo und auch die anderen Kläger hätten das Kleingedruckte in den Verträgen gründlicher lesen müssen. Und dass sie sich die Immobilien nicht angesehen hatten, war eben ihre Schuld. Die Häuser blieben leer, niemand wollte sie mieten oder kaufen, das Geld war futsch.«

Jacqueline mischte sich ein. »Da waren viele Promis dabei … haben alle in Ostimmobilien investiert. Und jetzt stehen sie mit leeren Händen da.«

Erik nickte bitter. »Und Matteuer-Immobilien hat fröhlich weitergemacht, als wäre nichts gewesen.«

Die Männerrunde konnte sich einen Kommentar natürlich ebenfalls nicht verkneifen. »Das Gesundheitshaus in Braderup«, rief der Fahrradverleiher, »mit Arztpraxen, Apotheke und einem Bistro! Alle waren einverstanden. Wenn die ärztliche Versorgung verbessert wird, dann kann das ja nicht verkehrt sein.«

»Aber nun ist durchgesickert«, ergänzte der Mitarbeiter der Kurverwaltung, »dass auch ein Hotel integriert werden soll. Natürlich mit einem großen Parkhaus. Dass dafür auf dem Gelände gar kein Platz ist, hat angeblich vorher keiner gemerkt.«

Der Hotelier verschluckte sich vor Empörung. »Da haben die Mitglieder des Gemeinderates ganz vergessen, drüber zu reden. Komisch, was? Und plötzlich ist das Naturschutzgebiet gar nicht mehr so wichtig. Warum wohl?«

Der Betreiber der kleinen Pension wusste es: »Weil die alle bestochen worden sind!«

»Nur Ludo hat sich nicht kaufen lassen«, ergänzte der Besitzer der Ferienwohnungen. »Dabei hat er die Kohle am nötigsten.«

Als eine interne Diskussion darüber einsetzte, wie es um Ludo Thöneßens finanzielle Verhältnisse bestellt war, wandten sich die fünf wieder von Erik und Sören ab. Wenn Erik richtig gehört hatte, stand dem Besitzer der Squashhalle das Wasser tatsächlich bis zum Halse.

»Trotzdem ist er der einzige Gemeinderat, der die großzügigen Geschenke von Matteuer-Immobilien zurückgewiesen hat«, sagte Sören und trank sein Glas aus. »Er hat nicht mal für sich behalten, dass er geschmiert werden sollte. Wenn er es auch nicht beweisen kann. Aber der Bürgerinitiative reicht seine Aussage.«

Auch Erik trank sein Glas aus, dann strich er sich über seinen Schnauzer, wie er es immer tat, wenn er nachdachte, und starrte die Flaschen an, die auf dem Regal hinter der Theke aufgereiht waren. Schließlich sagte er bedächtig: »Umso merkwürdiger, dass niemand weiß, wo Ludo Thöneßen ist.«

 

Der Baucontainer bestand aus zwei großen Räumen, die durch einen Flur verbunden waren. Links und rechts standen die Türen offen, zeigten unordentliche Schreibtische, Computer, Telefone, Regale, Zeichenbretter und Flipcharts mit Plänen und Entwürfen. Im hinteren Teil des Flurs gab es eine kleine Küche, daneben eine Tür, die vermutlich in einen Waschraum führte.

Mamma Carlotta entschied sich für den linken Büroraum. »Buon giorno!«

Ein dreistimmiges »Moin!« kam ihr entgegen.

An dem Schreibtisch, der der Eingangstür am nächsten war, saß ein junger Mann und blickte Mamma Carlotta freundlich entgegen, im Hintergrund hatten sich zwei Frauen über einen großen Plan gebeugt und nur kurz aufgesehen. Nun setzten sie ihr Gespräch leise fort, wobei die eine mit energischen Bewegungen über das Papier fuhr, während die andere zu allem, was ihr erklärt wurde, schweigend nickte.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der junge Mann, der sich als Dennis Happe vorstellte, höflich. Einem kleinen Schild, das auf seinem Schreibtisch stand, war zu entnehmen, dass er als Architekt für Matteuer-Immobilien tätig war.

Mamma Carlotta zog den Brief hervor, den Niccolò ihr mitgegeben hatte. »Es geht um meinen Neffen«, begann sie.

Dennis Happe nahm den Brief entgegen, überflog ihn und lächelte. »Aha! Aus bella Italia!«

Möglich, dass er diesen Ausruf ein paar Minuten später bereute. Mamma Carlotta vergaß prompt ihre Eile, erzählte dem jungen Architekten, dass sie aus Umbrien stammte, aus einem Bergdorf, das so abseits gelegen war, dass sich nur selten ein Tourist dorthin verirrte, und ließ sogar die Empfehlung folgen, dass Dennis Happe unbedingt Panidomino aufsuchen müsste, sollte es ihn jemals in die Gegend von Città di Castello verschlagen.

Der junge Mann versprach es lächelnd und wollte nun auf den Inhalt des Briefes eingehen, doch da hatte er die Rechnung ohne Carlotta Capella gemacht. Bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, bekam er zu hören, dass Mamma Carlottas Tochter Lucia einem Sylter auf seine kalte Insel gefolgt war, wo sie gegen alle Erwartung sogar glücklich geworden war, was in Panidomino niemand für möglich gehalten hatte. Dennis Happe wurde sichtbar nervös, dennoch musste er sich anhören, dass Mamma Carlotta la famiglia über alles ging, dass sie aber dennoch erst nach dem Tod ihrer Tochter der Insel Sylt einen Besuch abgestattet hatte. »Mein Mann – Gott hab ihn selig – war lange krank. Bettlägerig! Pflegebedürftig! Und er wollte niemanden außer seiner Ehefrau an seinem Bett haben. So musste ich meine Lucia ziehen lassen, ohne zu wissen, was sie hier erwartete.«

Dennis Happe verbarg seine Nervosität, so gut er konnte, und legte eine angemessene Betroffenheit an den Tag. Das ermunterte Mamma Carlotta zu weiteren Erzählungen. Der junge Mann erfuhr, dass sie am Telefon Deutsch gelernt hatte, indem sie mit ihrer Tochter Deutsch gesprochen hatte und schließlich von ihrer Enkelin Carolin – ebenfalls telefonisch – in der deutschen Sprache regelrecht unterrichtet worden war. »Damals wollte Carolina noch Lehrerin werden! An mir hat sie ihr pädagogisches Talent ausprobiert.« Dann hatte ein Nachbar der Capellas eine Deutsche geheiratet, die sich gerne in ihrer Muttersprache unterhielt und … »Ecco! Von da an wurde es immer besser mit parlare in tedesco.«

Das bestätigte Dennis Happe gerne und fand, dass es nun mit seiner Höflichkeit ein Ende haben und er auf den Grund von Mamma Carlottas Besuch zu sprechen kommen durfte. Zwar hatte sie ihm noch erzählen wollen, dass sie die Schwiegermutter eines Commissario war, aber gerade rechtzeitig fiel ihr ein, dass es besser war, darüber zu schweigen. Auch Erik sollte nicht wissen, warum sie hier war.

»Ihr Neffe hat also Interesse daran, in unserem Gesundheitshaus das Bistro zu übernehmen?«

»Sì, sì!« Mamma Carlotta fiel plötzlich auf, dass es vor den Fenstern bereits dämmrig wurde. Der Abend war nicht mehr weit, sie musste sehen, dass sie Niccolòs Auftrag erledigte, damit sie noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Süder Wung ankam.

»Niccolò ist ein so guter Junge! Aber leider … er hat sich für die falsche Frau entschieden. Seine Pizzeria in Assisi ging gut, aber dann wollte seine Frau sich plötzlich scheiden lassen, weil er angeblich zu wenig Zeit für sie hatte. Madonna! Soll ein selbstständiger Gastronom sein Restaurant im Stich lassen, um seine Frau zu unterhalten? Impossibile! Doch Susanna wollte es nicht einsehen, und so trennte sie sich von ihm. Aber das war noch nicht alles! Sie wollte Geld von Niccolò! Die Hälfte der Pizzeria! Dabei hat sie nie dort gearbeitet. Un’impertinenza! Allora … Niccolò musste den Laden verkaufen, damit er seine Frau auszahlen konnte, und Susanna ist bei einem Mann eingezogen, der vier Restaurants in Assisi besitzt. Ist es da ein Wunder, dass Niccolò nicht mehr in Umbrien bleiben will? Und als er davon hörte, dass es hier ein Bistro zu mieten gibt, hat er mich gebeten, mir die Sache anzusehen.«

Dennis Happe atmete tief durch, als müsse er sich zur Ruhe zwingen. »Ich kann Ihren Neffen gut verstehen«, begann er.

In diesem Moment löste sich eine der beiden Frauen aus dem hinteren Bereich des Raums und ging zur Tür. Als sie im Vorübergehen bemerkte, worüber Mamma Carlotta sprach, sagte sie: »Es gibt viele Bewerber für das Bistro. Und Sylter werden bevorzugt. Sie sollten Ihrem Neffen keine allzu großen Hoffnungen machen.«

»Davvero?« Mamma Carlotta gab sich bestürzt, konnte aber nicht verhehlen, dass sie trotz des Mitgefühls für Niccolò auch Erleichterung empfand. Wenn ihr Neffe keine Chance hatte, das Bistro zu übernehmen, dann würden Erik und die Kinder nie erfahren müssen, dass sie sich für Niccolò eingesetzt hatte. Schließlich ging es um ein Bauprojekt, gegen das sie mit ihren Enkeln zu protestieren gedachte, weil es überdimensioniert war und dem Naturschutz gefährlich wurde.

Die Frau blieb stehen, weil sie anscheinend Mamma Carlottas Bestürzung mildern wollte. »Lassen Sie seine Bewerbung hier. Vielleicht ergibt sich ja mal was anderes«, bot sie an.

Mamma Carlotta sprang auf, um sich wortreich zu bedanken, ließ sich dann wieder auf den Stuhl fallen, weil ihr einfiel, dass auch Dennis Happe Dank verdiente, und sprang erneut auf, als die zweite Frau Anstalten machte, den Raum zu verlassen, um der ersten zu folgen.

Auch sie warf einen Blick auf Niccolòs Brief, der vor Dennis Happe auf dem Schreibtisch lag. »Wir müssen Prioritäten setzen«, sagte sie. »Sylter werden bevorzugt. Ich hoffe, Sie verstehen das.«

Mamma Carlotta versicherte es in deutscher und vorsichtshalber auch noch in italienischer Sprache, obwohl sie keine Ahnung hatte, was mit Prioritäten gemeint war. Dann fand sie, dass sie alles getan hatte, was ein Familienmitglied von ihr erwarten durfte. Wenn es wirklich schon viele andere Bewerber gab, dann musste Niccolò sich damit abfinden. Dass seine Tante unter anderen Umständen dafür gesorgt hätte, dass die Firma Matteuer-Immobilien alle Mitbewerber vergaß, und sich expressiv darüber empört hätte, dass ein Italiener hinter einem Sylter zurückstehen sollte, vergaß sie der Einfachheit halber. Sie hatte getan, was sie Niccolò versprochen hatte, nun musste sie nur noch dafür sorgen, dass Carolin und Felix nichts davon erfuhren. Eine Verräterin würden sie ihre Nonna nennen, wenn sie wüssten, mit welchem Anliegen sie an die skrupellose Firma Matteuer herangetreten war.

Sie schrieb Dennis Happe noch schnell den Namen einer Pension in ihrem Heimatdorf auf, verabschiedete sich und trat zurück auf den Flur, wo die beiden Frauen sich gerade an der Kaffeemaschine bedienten.

Mamma Carlotta hörte, wie die eine zur anderen sagte: »Heute Abend gibt’s wieder eine dieser blöden Demos. Nimmt Ludo Thöneßen etwa auch daran teil?«

Die andere zuckte die Schultern. »Ich versuche seit zwei Tagen, ihn zu erreichen, aber er geht einfach nicht ans Telefon. Man könnte meinen, er hat sich abgesetzt.«

Nun hielten beide eine Kaffeetasse in der Hand und lehnten sich nebeneinander an den Tisch, auf dem die Kaffeemaschine stand.

»Wann kommt die Reporterin der Mattino?«, fragte die eine.

»Übermorgen«, gab die andere missmutig zurück. »Eigentlich habe ich gar keine Lust dazu. Aber ich hoffe, ich kann das Interview nutzen, um dieser lästigen Bürgerinitiative den Wind aus den Segeln zu nehmen.«

Mamma Carlotta war wie angewurzelt stehen geblieben und starrte die beiden Frauen an. »Madonna!«, flüsterte sie.

 

Die Panik, die ihn kurz zuvor noch geschüttelt hatte, legte sich, und auch mit dem Schwindel war es vorbei. Arme und Beine zitterten nicht mehr, das rasende Herzklopfen trat nur noch gelegentlich auf. Kalter Schweiß überzog ihn, seine Haut war feucht, gelegentlich verkrampften sich seine Extremitäten, und der pelzige Mund quälte ihn. Aber er war mittlerweile zu kraftlos, um sich dagegen zu wehren. Schwäche breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Im Kopf war sie entstanden, dann als eine bleierne Müdigkeit auf seine Glieder übergegangen, nun hatte er nur noch den Wunsch, sich auszustrecken und darauf zu warten, dass es zu Ende war.

Er hielt die Augen fest geschlossen, um die Finsternis nicht sehen zu müssen, und presste die Kiefer aufeinander. Er hatte Durst, schrecklichen Durst. Aber seine Verzweiflung darüber war längst einer Lethargie gewichen, von der er wusste, dass sie tödlich war, über kurz oder lang. In seinem Fall würde die Zeitspanne eher kurz sein. Vielleicht sollte er dankbar sein, dass er es ohne seine Medikamente nicht mehr lange aushalten würde. Dann hatte die Qual bald ein Ende.

Die Laserstrahlen, die die Finsternis durchbohrten, drangen sogar durch seine geschlossenen Lider. Aber er öffnete die Augen nicht. Wieder leuchteten die roten Kontrollpunkte auf, und die Geräusche, die schon einige Male eine wahnwitzige Hoffnung in ihm erzeugt hatten, drangen erneut an seine Ohren. Aber mittlerweile nahm er sie kaum noch wahr. Ebenso wenig wie das Vibrieren der Karosserie, die Bewegung um ihn herum, die, wie er wusste, in wenigen Augenblicken zur Ruhe kommen würde. Und dann würde wieder alles so wie vorher sein. Still! Finsternis und tödliche Ruhe folgten jeder kleinen Hoffnung. Beides hatte sich längst auf seinen Körper übertragen. In ihm war es finster, das kleine Flämmchen Hoffnung war längst erloschen, und die Verzweiflung schrie nicht mehr in ihm. Das Handgelenk, das stundenlang an der Fessel gezerrt hatte, schmerzte nicht mehr. Nur den Durst spürte er noch. Aber wie sein Körper würde auch der schwächer werden, das wusste er. Dass er nicht verdursten, sondern am hypoglykämischen Schock sterben würde, erzeugte nun sogar ein wenig Frieden in ihm. Gelegentlich erfasste ihn nun eine Welle hinter seinen Augäpfeln, die ihn davontrug, und jedes Mal hoffte er, dass er nicht zurückkehren würde. Ein ums andere Mal spülte sie ihn aus der Schwärze, aus der qualvollen Lautlosigkeit, weg von dem Gestank, der die vertrauten Gerüche in seinem Wagen längst überdeckte. Zwischendurch hatte er unter der Frage gelitten, wer ihm das angetan hatte und warum, aber nun war auch das nicht mehr wichtig. Er wollte nur noch, dass es ein Ende fand. Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Kussmaulatmung, rasender Puls, brettharter Bauch und dann … Schluss.

Aus dieser Hölle, in die er verschleppt worden war, gab es kein Entrinnen. Und die Frage, wo dieser grauenvolle Ort sich befand, rumorte längst nicht mehr in seinem Kopf. Er war zu schwach für solche Gedanken. Gott sei Dank! Die Schwäche würde ihn Stück für Stück aus seinem Gefängnis herausholen, und bald würde er das Licht sehen, nach dem er sich sehnte. Bald! Es konnte nicht mehr lange dauern.

Ein letztes Mal riss er die Augen auf, als von weither ein Motorengeräusch zu ihm drang, ein letztes Mal sah er die Laserblitze, die das Dunkel durchbohrten, ein letztes Mal die roten Punkte, die eine Ordnung signalisierten, zu der er längst nicht mehr gehörte. Zum letzten Mal schloss er die Augen. Dann öffnete er sie nie wieder …

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